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Kurzvorschau - Rot. Weiss. Weltklasse.

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THOMAS RENGGLI

DIE ERFOLGSGESCHICHTE DES SCHWEIZER EISHOCKEYS

ROT. WEISS. WELTKLASSE.


ROT. WEISS. WELTKLASSE.


THOMAS RENGGLI

ROT. WEISS. WELTKLASSE. DIE ERFOLGS­G ESCHICHTE DES SCHWEIZER EISHOCKEYS Mit einem Vorwort von Ralph Krueger


Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und vom Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. 1. Auflage 2021 2., überarbeitete Auflage 2024 3., vollständig überarbeitete Auflage 2026 © Weber Verlag AG, 3645 Thun /Gwatt Autor: Thomas Renggli Weber Verlag AG Verlags- und Projektleitung: Annette Weber-Hadorn Covergestaltung, Layout und Satz: Bettina Ogi Bildbearbeitung: Adrian Aellig Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struktur­beitrag für die Jahre 2026 – 2028 unterstützt. ISBN 978-3-03818-945-9 www.weberverlag.ch mail@weberverlag.ch Auslieferung EU Brockhaus Commission GmbH Postfach 1220 D-70803 Kornwestheim info@brocom.de


INHALT Vorwort von Ralph Krueger Einführung des Autors

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WM 2026: Einer für alle, alle für einen Als Zürich zur Rockbühne wurde Jan Cadieux: von der Prärie in den WM-Final Patrick Fischer: Der Fischer und sein Henker Urs Kessler: Der Präsident, der nicht ins System passte Christian Hofstetter: Herr der Eiszeit und das Märchen ohne Happy End Raeto Raffainer: Der Machtkampf Roman Josi: In allem ein bisschen besser Nico Hischier: Der Teufelskapitän Nino Niederreiter: Der Silber-Jäger

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Der Heilige Gral des Schweizer Eishockeys (Hall of Fame)

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Arno del Curto: Zwischen Genie und Wahnsinn – der erfolgreichste T­ rainer der schweiz 90 Ralph Krueger: Schweizer Flaggen und der Glaube ans Unmögliche 102 Reto von Arx / Marcel Jenni: Eishockey nach Mitternacht 114 Paul di Pietro: Dem Lehrmeister eine Lektion erteilt 118 Als Wasser zu Eis wurde – Die wichtigsten Meilensteine der Schweizer Eishockey-Geschichte

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Sean Simpson: Der Mann, der dem Schweizer Eishockey Silber schenkte Andres Ambühl: Der ewige Star Mark Streit: Wie ein Berner zum Schweizer Eisbrecher in Amerika wurde Mathias Seger: Der Rekord-Seger Slawa Bykow: Ein Schweizer namens Bykow Bibi Torriani: Von Rappenspaltern und einer ignorierten Entlassung Die WM, die nie stattfand René Fasel: Der Eishockey-Politiker Die Schweizer Eishockeyspielerinnen: Die coolste Girlgroup der Schweiz Die Schweizer Schiedsrichter: Blitzableiter und R ­ espektspersonen

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Nachwort von Stefan Grogg Über den Autor I Dank I Bildnachweis

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«DIE SCHWEIZ WIRD WELTMEISTER WERDEN»


VORWORT Als ich 1997 zum ersten Mal in eine Schweizer Kabine trat, fehlte vieles, was heute selbstverständlich ist. Keine Schweizer Flaggen. Keine Namensschilder. Kein roter Teppich für den Stolz. Die Nationalmannschaft war da – aber sie hatte ihre eigene Bedeutung noch nicht ganz erkannt. Ich kam aus Deutschland und Österreich, aus Ländern, in denen Eishockey stark regional verankert war. In der Schweiz aber spürte ich sofort etwas anderes: Dieses Spiel lebte überall. In Zürich und Bern. In Davos und Ambri. In Lugano, Fribourg, Genf, RapperswilJona, Kloten und Lausanne. Die Schweiz war bereits eine Eishockeynation – sie musste nur noch selber daran glauben. Mein Blick ging früh nach Norden. Nicht nur nach Schweden, Kanada oder Russland. Vor allem nach Finnland. Ein Land mit ähnlicher Grösse, mit ähnlicher Bescheidenheit, aber mit einer unglaublichen Konsequenz. Finnland wurde für mich zum Zukunftsbild des Schweizer Eishockeys. Nicht als Kopie, sondern als Beweis: Auch ein kleineres Land kann zur Weltklasse werden, wenn es seine Identität findet. 1998, an der Heim-WM in Zürich und Basel, begann diese Reise sichtbar zu werden. Das Tor von Marcel Jenni gegen Frankreich, der Ausbruch der Emotionen im Hallensta­ dion, später der Sieg gegen Russland – das waren keine Zufälle. Es waren Zeichen. Zeichen dafür, dass eine neue Generation bereit war: Mark Streit, Martin Plüss, David Aebischer, Mathias Seger, Sandy Jeannin, Ivo Rüthemann und viele andere. Spieler, die nicht mehr nur dabei sein wollten. Sondern vorangingen. Wir lernten, ohne Scheibe zu spielen. Wir lernten, härter zu sein. Wir lernten, dass Patriotismus nichts Lautes sein muss, sondern eine Haltung: der eigene Name am Platz, die Flagge über der Bank, die Bereitschaft, für etwas Grösseres zu arbeiten als für sich selbst. Heute steht die Schweiz dort, wo wir damals hinwollten. Sie spielt nicht mehr um Anerkennung. Sie spielt um Medaillen. Roman Josi und seine Generation haben vollendet, was viele vor ihnen aufgebaut haben. Mark Streit war der Türöffner. Josi ist der Kapitän einer neuen Selbstverständlichkeit. Und doch bleibt die wichtigste Aufgabe dieselbe: bescheiden bleiben. Weiterarbeiten. Die eigenen Spieler schützen. Die besten jungen Athleten für dieses Spiel gewinnen. Die Schweiz wird Weltmeister werden. Vielleicht dann, wenn es niemand erwartet. Aber sie wird es nicht aus Zufall. Sondern weil über Jahrzehnte etwas gewachsen ist, das stärker ist als ein einzelnes Turnier: eine Kultur. Ralph Krueger

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EINFÜHRUNG DES AUTORS Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ein Blick in die Geschichte des Schweizer Eishockeys liefert die ganze Bandbreite der Emotionen. Für einen ersten ­Höhepunkt sorgte ein Hotelvolontär namens Toni Morosani. Tief im letzten Jahrhundert war das Schweizer Eishockey-Nationalteam populärer als die nationale Fussballauswahl. Die olympischen Triumphe von 1928 und 1948 ­(Bronze) sowie mehrere Europameister-Titel und WM-Medaillen zwischen 1928 und 1953 überstrahlten die Heldentaten der Fussballer bei Weitem. Aber dann folgte der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Fast 30 Jahre lang versank das Schweizer Eishockey, von ­einem kurzen Zwischenhoch 1971 abgesehen, in einer tiefen internationalen Depression. 1973 stürzten die Schweizer gar zum zweiten Mal in die C-Gruppe ab, damals die niedrigste Leistungsstufe. Auf das Niveau von Australien. Der «Blick» schrieb: «Dann spielt doch gegen Hawaii.» Immerhin verdanken wir unserem temporären Eishockey-Keller­dasein einige happige Triumphe: 20:0 gegen Australien, 15:0 gegen Korea, 9:0 gegen Dänemark. Den deutlichsten Sieg in der 118-jährigen Geschichte des Schweizer Eishockeyverbands feierten wir am 4. Februar 1939 gegen Jugoslawien: 23:0! Gegen das etwas grössere China ­begnügten wir uns 1994 mit einem 20:1. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Den tiefsten Absturz ­erlebte unser Nationalteam an den ersten Olympischen Winterspielen in Chamonix 1924. Jede zweite Minute ­kassierten wir ein Tor. Kanada – Schweiz 33:0. Aber Rache ist bekanntlich süss. Vier Jahre später, am 20. Februar 1928, revanchierte sich der 21-jährige Toni Morosani, damals Hotelvolontär, später Generaldirektor des Davoser Fünf-Sterne-Grandhotels Belvédère. Die in St. Moritz Olympiasieger gewordenen Varsity Grads aus Toronto machten auf ihrer Heimreise halt in Davos und sollen sich dort den ­einen oder anderen oder noch anderen Whisky genehmigt haben, w ­ eshalb im anschliessenden Freundschaftsspiel gegen den HCD der kanadische Goalie erstens etwas wacklig auf den Beinen stand und zweitens offenbar Seh­ probleme hatte. Worauf der Puck vom Stock des erwähnten Hotelvolontärs ins Tor rollte. Der Jubel der Davoser echote von allen Bergen, denn nie zuvor in der 68-jährigen Eis­hockey-Weltgeschichte hatte ein Europäer gegen Kanada in das 1,83  ­Meter breite und 1,22 Meter hohe Drahtgehäuse getroffen. Hoteldirektor Morosani musste die Geschichte des Volontärs Morosani immer und immer wieder verkünden, doch die 1:6-Niederlage,

VON EINER REISE NACH HAWAII UND DER RACHE DES VOLONTÄRS

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die wackligen Beine und die Sehprobleme des kanadischen Torhüters schien er vergessen zu haben. In der Neuzeit fordern die Schweizer auch nüchterne Topnationen. Ausgangspunkt des Hochs war die Heim-WM 1998 (und die Verpflichtung von Ralph Krueger als Nationaltrainer). Der Kanadier mit deutschen Wurzeln änderte Tonalität und Denkweise. Die Schweizer Nationalmannschaft begeisterte das ganze Land und erreichte sensationell die Halbfinals. Auch sonst brach der Bann. Denn die neue Generation verschaffte sich genauso in Nordamerika grössten Respekt und die Aussicht auf lukrative Verträge in der National Hockey League. Heute stellt die Schweiz in der besten Liga der Welt Spieler für eine halbe Mannschaft – und viele spielen in ihren Teams eine Schlüsselrolle. Die Silbermedaillengewinne von 2013, 2018, 2024, 2025 und 2026 spiegeln die neue Leistungskultur auch auf WM-Niveau. Heute sagen Spieler wie Nico Hischier, Nino Niederreiter und Roman Josi voller Selbstvertrauen: «Wir wollen Weltmeister werden.» Und der Zuschauer ist sich trotz (oder wegen) der verlorenen Finalspiele der vergangenen Jahre sicher: Die Schweiz wird Weltmeister werden! Doch eigentlich ist Französisch die Muttersprache des Schweizer Eishockeys. Drei Waadtländer Vereine gründeten 1908 den nationalen Verband und stellten auch die Mannschaft für die erste Weltmeisterschaft. Sie fand 1920 in Antwerpen statt und feierte 2020 fast unbemerkt ihren 100. Geburtstag. Gründungspräsident Max ­Sillig, gleichzeitig Delegationsleiter, Kassier, Trainer, Captain und Stürmer, reiste mit acht ­Confrères an die Schelde. Sein Budget, 800 Franken für zehn Tage, entsprach ungefähr dem sportlichen Ergebnis: 0:29-Niederlage gegen Silbermedaillengewinner USA. Weltmeister wurde Kanada. Die Hegemonie des Eishockey-Mutterlandes dauerte bis Anfang der 1960er-Jahre. Ab 1964 übernahm die Sowjetunion das Kommando. Erst drei Jahrzehnte später er­ oberten die Kanadier den Eishockey-Thron zurück. Darauf sitzen sie, zumindest nach dem eigenen Selbstverständnis, noch immer – wie es sich gebührt für den Erfinder des schnellsten Mannschaftsspiels. Dessen Wiege stand 1860 in Kingston Harbour. Für die allererste Profiliga zeichnete zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Mann namens J. L. Gibson verantwortlich. ­Seine Berufskollegen sind ihm noch heute dankbar. Eishockeyaner zählen zu ihren besten Kunden: Mr. Gibson war Zahnarzt. Doch auch zahnlose Spieler, deren es auf Glatteis viele gibt, kämpfen verbissen. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen dieses Buches. Thomas Renggli

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Ausgezeichnet und gezeichnet. Die Schweizer Eishockeyspieler nach der knappen Niederlage gegen Finnland im WM-Final 2026 in Zürich.

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EINER FÜR ALLE, ALLE FÜR EINEN Wie die SCHWEIZER EISHOCKEY-NATIONAL­ MANNSCHAFT an der Heim-WM ein Land berauschte – und selbst in der bittersten Stunde grösser war als eine Medaille.

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anchmal beginnt eine grosse Sportgeschichte nicht mit einem Tor. Nicht mit einer heroischen Parade, nicht mit einer taktischen Meisterleistung und schon gar nicht mit einer Pokalübergabe. Manchmal beginnt sie in einem Hotel in Zürich Altstetten, an einem glühend heissen Frühsommertag, zwischen Trainingsshorts, Flipflops, nassen Haaren und einer Mannschaft, die so entspannt wirkt, als würde sie gleich zum Grillieren an die Limmat ziehen – und nicht wenige Stunden später den nächsten Schritt auf einer historischen Mission unternehmen. Das Teamhotel Mercure liegt nur einen Steinwurf von der Swiss Life Arena entfernt. Für die Schweizer Nationalmannschaft ist es während dieser Heim-WM mehr als eine Unterkunft. Es ist Rückzugsort, Hauptquartier, Zwischenlager der Gefühle. Hier verdaut sie Siege, bündelt

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Energien, scherzt, regeneriert, wartet auf die nächste Eruption in Rot und Weiss. Draussen hat die Schweiz längst den Zustand normaler Sportbegeisterung verlassen. Die Arena ist Abend für Abend ausverkauft, die Fanzonen überfüllt, das Land in einer seltenen Form von kollektiver Verzückung. Drinnen, im Hotel, erscheinen am Tag vor dem abschliessenden Vorrundenspiel gegen Finnland die Spieler zum Fototermin. Es ist eine dieser vermeintlich unbedeutenden Begegnungen, die später mehr erzählen als manche Siegerpose. Die Spieler kommen direkt vom Training. Alle in Shorts. Alle mit einem Lächeln. Alle mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust. Keine Leibwächter, keine abgedunkelten Limousinen, keine Aura der Unerreichbarkeit. Nico Hischier trägt Flipflops, Roman Josi On-Sneakers. Janis Moser hat als Einziger die Trainingsjacke dabei und bemerkt bei


Temperaturen um 30 Grad, dass er damit vielleicht leicht «overdressed» sei. Sven Andrighetto nimmt sich vor dem ersten Foto noch einen Moment Zeit, um seine Haare mit Wasser in Form zu bringen. Hischier amüsiert sich königlich, als ihm zugerufen wird, er sehe besser aus als Andrighetto. Noch besser. Für einen kurzen Moment könnte man meinen, hier stehe eine fröhliche Boygroup vor dem Auftritt an ihrer alten Primarschule. Dabei versammelt sich in diesem Hotelkorridor ein beträchtlicher Teil des wertvollsten Eishockey-Personals, das die Schweiz je hervorgebracht hat. NHL-Captains, NHL-Stars, Weltklassever-

teidiger, Goalgetter, Stanley-Cup-erprobte Profis, Spieler mit Millionensalären und internationalem Renommee. Doch das Bemerkenswerte an dieser Gruppe ist nicht, wie gross ihre Namen sind. Sondern wie bodenständig und bescheiden die Protagonisten auftreten.

Meisterliches Kollektiv: Die Nati jubelt an der Heim-WM bis (fast) zum Schluss.

DAS BEMERKENSWERTE AN DIESER GRUPPE IST NICHT, WIE GROSS IHRE NAMEN SIND. SONDERN WIE BODENSTÄNDIG UND BESCHEIDEN DIE PROTAGONISTEN AUFTRETEN. 13


Im Banne der Schweizer Nati. In der Swiss-Life-Arena jagten sich die Eishockey-Feste im Mai 2026 praktisch im Tagesrhythmus.

«Es ist eine grosse Ehre, an der Heim-WM zu spielen», sagt Roman Josi, der Captain. «Weil wir uns alle schon lange kennen, ist in den Jahren etwas zusammengewachsen, das alles leichter macht.» Timo Meier ergänzt: «Wir haben das Privileg, die Schweiz zu vertreten – und wir geniessen dieses Gefühl mit der ganzen Mannschaft.» Es sind Sätze ohne grosses Tamtam. Kein Marketingdeutsch, keine vorfabrizierte Losung aus dem Motivationshandbuch für Hochleistungsteams. Sie wirken gerade deshalb so stark, weil sie exakt zu dem passen, was diese Mannschaft in diesen Tagen ausstrahlt: Nähe in einer Zeit, in der Spitzensport oft von Distanz lebt. Ein-

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fachheit in einer Welt, die jedes Schulterzucken in eine digitale Botschaft verwandelt. Und ein Selbstverständnis, in dem der Einzelne durchaus glänzen darf – solange sein Licht die anderen nicht blendet. Vielleicht ist genau dies das Geheimnis dieser Schweizer Mannschaft. Sie wirkt nicht wie ein Ensemble von Stars, die für ein paar Wochen unter derselben Flagge zusammentreffen. Sie wirkt wie eine verschworene Wohngemeinschaft mit gemeinsamer Küche, Wäscheplan und dem selbstverständlichen Versprechen, den Kühlschrank nicht leer zurückzulassen. Eine Gruppe von Spielern, die sich nicht trotz ihrer Qualität versteht, sondern we-


gen ihrer Haltung. Wer hier herausragt, muss sich nicht über die anderen stellen. Er gehört zu einem harmonischen Kollektiv. Josi ist dafür das sichtbarste Beispiel. Der ruhige Dirigent aus Nashville, einer der besten Verteidiger seiner Generation, hat gegen Ungarn den schnellsten Hattrick der WM-Geschichte erzielt. Er könnte der Sonnenkönig dieses Teams sein, der Mittelpunkt einer Heldengeschichte, der Spieler, um den sich alles dreht – der im Fokus der Kameras und Mikrofone steht. Stattdessen ist er vor allem Captain. Derjenige, der seine Mannschaft trägt, ohne den Eindruck zu erwecken, dass sie getragen werden müsse. Calvin Thürkauf fasst diese Rolle nach dem 9:0 gegen Ungarn zusammen: «Roman Josi ist ein Top-Spieler – und ein super Mensch. Nicht umsonst schreitet er als unser Captain voran und gibt alles für die Mannschaft.» Es ist eine Huldigung, gewiss. Aber es ist noch mehr: eine Beschreibung der inneren Architektur dieser Mannschaft. Neben Josi stehen Nico Hischier, Assistenzcaptain mit stiller Autorität und einem Blick, der die Situation schneller zu antizipieren scheint als mancher Gegner denken kann; Nino Niederreiter, der Churer mit über 1000 NHL-Spielen, dessen Erdung ungefähr so solide wirkt wie die Fundamente eines Bündner Steinhauses; Denis Malgin, Sohn einer sowjetischen Eishockeylegende, ein Spieler, der Räume erkennt, bevor sie überhaupt geöffnet sind; Sven Andrighetto, der Zürcher Scharfschütze, der den Puck nicht einfach aufs Tor schiesst, sondern ihn wuchtig und präzise lenkt – bis zum siegbringenden Einschlag; Leonardo

Genoni, von allen nur Leo genannt, der sich über seinen Rekord von 14 WM-Shutouts fast zu wundern scheint. Die Schweizer, sagt er, interessierten sich sonst doch nicht so sehr für Statistiken. Und dann ist da Pius Suter. Er rückt mit dem Velo ins WM-Camp ein, weil er in Zürich gleich um die Ecke wohnt. Stars aus anderen Sparten fahren an Grossanlässen mit einer Wagenkolonne vor, als würden sie einen Staatsvertrag unterzeichnen. Suter tritt in die Pedale. Der Weg ins Nationalteam als kleine Velotour durch die eigene Stadt. Mehr Schweizer Understatement geht kaum.

DIE HEIM-WM IN ZÜRICH UND FRIBOURG WIRD ZU EINEM FEST, WEIL DIESES TEAM AUF DEM EIS GEWINNT.

Eine Mannschaft als Gegenentwurf Die Heim-WM in Zürich und Fribourg wird zu einem Fest, weil dieses Team auf dem Eis gewinnt. Aber sie wird zu einer Herzensangelegenheit, weil es neben dem Eis glaubwürdig bleibt und die Menschen berührt. Diese Mannschaft trägt ihr Nationaltrikot nicht wie eine Arbeitsuniform, die nach dem Feierabend in einer Tasche verschwindet. Sie trägt es wie ein Bekenntnis. Nicht mit überhöhter Vaterlandsrhetorik, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die gerade in ihrer Unaufgeregtheit berührt.

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Die Bilder in der Swiss Life Arena zeugen davon. Kinder in roten Trikots, die ihnen viel zu gross sind und in denen sie aussehen, als könnten sie frühestens in drei Weltmeisterschaften selber aufs Eis laufen. Erwachsene, die bei der Hymne mit feuchten Augen dastehen, als fielen Weihnachten, Geburtstag und die erfolgreich ausgefüllte Steuererklärung auf denselben Tag. Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen, Nachbarn – und plötzlich Menschen, die seit Jahren keinen Puck mehr aus der Nähe gesehen haben, aber ganz genau wissen, dass das Powerplay heute endlich besser funktionieren muss.

«ICH HABE NICHT GENÜGEND TICKETS FÜR ALL MEINE FREUNDE. UND PLÖTZLICH HABE ICH SEHR VIELE FREUNDE.» Andrighetto formuliert das auf seine Art: «Ich habe nicht genügend Tickets für all meine Freunde. Und plötzlich habe ich sehr viele Freunde.» Die Arena brodelt schon vor dem ersten Bully wie ein Dampfkochtopf. Nach den Spielen brandet «W. Nuss vo Bümpliz» durch die Halle, und für einige Minuten fühlt sich ein Lied, das nicht für Eishockey geschrieben wurde, so an, als hätte es nie einen anderen Zweck gehabt. Diese Hymne der sanften Melancholie und des grossen Gefühls passt zu einer Mannschaft, die nicht durch martialische Posen überzeugt, sondern durch Hingabe.

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Über den Köpfen der Spieler in der Garderobe steht ein Satz, der in der Schweiz gewöhnlich mit Bundeshaus, Wappen und politischer Folklore verbunden wird: «Unus pro omnibus, omnes pro uno.» Einer für alle, alle für einen. Der Leitspruch haftet auch auf der Krageninnenseite der Matchshirts. Im Sport wird oft mit Mottos operiert. Viele davon halten ungefähr bis zum nächsten Gegentreffer. Dieses hier übersteht alles: Druck, Verletzungen, Rückstand, Unterzahl, Finalniederlage. «Bei uns sitzen 25 Leader», sagt Hischier. Es ist ein Satz, der erklären könnte, weshalb dieses Team in heiklen Momenten nicht zerfällt. Die Hierarchie ist vorhanden, aber sie drückt niemanden nach unten. Der Captain hat Gewicht, die Assistenten haben Gewicht, aber auch die Worte jedes anderen Spielers zählen. Wer spricht, gehört dazu. Wer nicht spielt, verschwindet nicht aus der Geschichte. Das zeigt sich besonders an Kevin Fiala, Jonas Siegenthaler und Andrea Glauser. Sie stehen verletzungsbedingt nicht im Lineup, aber sie bleiben Teil der Gruppe. Sie sitzen in der Kabine, reden, analysieren, lachen, motivieren. Sie geben der Mannschaft keine Eiszeit, sondern Energie. Fiala nennt es «gute Vibes». Ein moderner, beiläufiger Ausdruck, hinter dem eine alte Wahrheit steckt: Ein Team ist erst dann ein Team, wenn auch jene mittragen, die im entscheidenden Moment nicht selber aufs Eis dürfen. Hier gibt es keine halben Rollen. Nur ganze. Diese Geschlossenheit ist umso bemerkenswerter, als die Vorbereitung auf das Turnier alles andere als geräuschlos ver-


lief. Der Abgang von Headcoach Patrick Fischer kurz vor der Heim-WM war kein gewöhnlicher Trainerwechsel. Er hatte etwas von einem Beben vor dem grossen Fest, von einem Drama, das der Schweizer Eishockeygemeinde die Frage aufdrängte, ob ausgerechnet vor dem Höhepunkt etwas auseinanderbreche, das über Jahre gewachsen war. Niederreiter spricht später offen darüber: Nicht jeder sei mit der Entwicklung einverstanden gewesen. Aber jeder habe seine Meinung gesagt. Und am Ende sei die Mannschaft enger zusammengerückt. Jan Cadieux, der neue Headcoach, versucht nicht, den grossen Revolutionär zu

spielen. Er tritt nicht an, um alles Vorherige demonstrativ zu entsorgen. Er gibt dem Team Ruhe, Vertrauen und eine neue Stimme, ohne ihm seine Geschichte zu nehmen. Vielleicht liegt darin die entscheidende Qualität dieser Mannschaft: Sie hält an ihrem Kern fest, ohne Veränderungen zu verweigern. Sie verwechselt Kontinuität nicht mit Stillstand. Und dann beginnt sie zu spielen. Der Rausch nimmt Fahrt auf Es gibt Turniere, in denen sich eine Mannschaft durch die Vorrunde schleppt, mit zusammengebissenen Zähnen, trockenen Siegen und dem Hinweis, dass die Wahr-

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Bundesrätlicher Applaus. Guy Parmelin (unten rechts) ist Kenner und Fan des Eishockeysports.


Freude herrscht. Denis Malgin (r.) freut sich mit seinen Teamkollegen über einen WM-Treffer.

heit bekanntlich erst in der K.o.-Phase beginne. Die Schweizer Heim-WM ist anders. Schon in den ersten Spielen wirkt diese Nati nicht wie ein Team, das lediglich Resultate sammelt. Sie löst etwas aus. Gegen die USA kommt dieser erste elektrische Moment. Ein Puckgewinn, Druck aufs Tor, Jubel, ein Lärmpegel, der nicht nur ansteigt, sondern förmlich explodiert. Die Zuschauer entdecken, dass diese Mannschaft nicht nur konkurrenzfähig ist, sondern die Qualität besitzt, das Turnier zu prägen. Von da an wird jeder Spieltag zu einem Rendez-vous mit dem Ausnahmezustand. Gegen Deutschland agiert die Schweiz fast kammermusikalisch präzise. Gegen Österreich besitzt sie jene gefährliche

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Ruhe, die nur Mannschaften entwickeln, die von ihrer Stärke nicht mehr überrascht sind. Gegen Grossbritannien spielt sie konsequent, aber ohne Überheblichkeit. Gegen Ungarn entfesselt sie ein Spektakel, in dem Josi einen historischen Hattrick beisteuert und die Arena endgültig begreift: Hier könnte etwas geschehen, von dem man noch sehr lange erzählen wird. Sechs Siege stehen auf dem Konto, als die Spieler im Hotel Mercure zum Fototermin erscheinen. Noch liegt der schwierigste Teil des Weges vor ihnen. Noch hat kein Viertelfinal begonnen, noch ist der Begriff Goldmedaille etwas, das die meisten vorsichtshalber nur im Konjunktiv verwenden. Doch in den Gesichtern dieser Mannschaft ist keine Nervosität zu er-


kennen. Eher eine angespannte Wachheit. Die Gruppe weiss, dass sie gut ist. Aber sie weiss auch, warum: weil keiner versucht, allein gut zu sein. Am nächsten Abend wartet Finnland. Der Gegner, gegen den am Ende dieses Turniers der Schmerz am grössten sein wird. Zu diesem Zeitpunkt aber geht es zunächst um die perfekte Vorrunde und den Gruppensieg. Siebtes Spiel, siebtes Glück Die Swiss Life Arena ist auch im siebten Gruppenspiel ausverkauft. Das allein wäre bereits eine Erfolgsgeschichte. Doch an diesem Abend genügt es nicht mehr, einen Sitzplatz zu belegen. Die Zuschauer wollen Teil der Erfolgswelle werden. Die Halle ist prickelnd, laut, gespannt, hungrig nach dem nächsten Beweis, dass der Traum kein Zufall ist. Und die Schweiz siegt erneut: 4:2. Den Schlusspunkt setzt Hischier ins leere Tor – und stürzt die Zuschauer in die kollektive Extase. Sieben Spiele, sieben Siege. Gruppensieg. Perfekte Vorrunde. Nach der Schlusssirene erklingt wieder Patent Ochsner. «W. Nuss vo Bümpliz» schwebt durch die Arena, und spätestens jetzt beginnt die Schweiz von Dingen zu träumen, die im Sport grundsätzlich verboten sind, solange sie nicht eingetreten sind. Von Gold. Von einem Sonntagabend, an dem nicht nur gefeiert, sondern Geschichte geschrieben wird. Doch zuerst kommt der Donnerstag. Und mit ihm der Viertelfinal. Schweden. Der vermeintliche Angstgegner. Der Moment, in dem eine perfekte Vorrunde plötzlich nicht mehr als eine schöne Erinnerung wert ist.

Die Befreiung gegen Schweden Im Viertelfinal beginnt alles wieder bei null. Das ist die unerbittliche Logik eines Turniers: Eine Woche lang kann man bezaubern, gewinnen, Rekorde aufstellen, Arenen in Ekstase versetzen – und dann entscheidet ein Abend darüber, ob aus dem Rausch eine Medaille oder ein schmerzlicher Nachruf wird.

IM VIERTELFINAL BEGINNT ALLES WIEDER BEI NULL. DAS IST DIE UNERBITTLICHE LOGIK EINES TURNIERS. Schweden ist für die Schweizer nicht irgendein Gegner. Die Tre Kronor sind eine der grossen Hockeymächte, mit einer Vergangenheit, in der sie den Schweizern in entscheidenden WM-Spielen regelmässig den Weg versperrt haben. Ein Traditionsgegner mit dem unangenehmen Talent, in Schweizer Köpfen besonders viel Platz einzunehmen. Doch diese Mannschaft hat während der vergangenen Tage gelernt, dass Geschichte zwar Respekt verdient, aber keine Schlittschuhe trägt. Vor 10 000 euphorischen Fans beginnt die Schweiz mutig. Sie setzt die Schweden früh unter Druck, erspielt sich Möglichkeiten und wirkt bereit, das Spiel an sich zu reissen. Dann fällt mit der ersten gefährlichen schwedischen Aktion das 0:1 durch Linus Karlsson. Zum ersten Mal im gesamten Turnier liegt die Schweiz zurück.

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DIESE SCHWEIZ KANN ZURÜCK­ LIEGEN. SIE KANN EINEN SPIELER VERLIEREN. SIE KANN UNTER DRUCK GERATEN. UND SIE KANN TROTZDEM SIE SELBST BLEIBEN. Doch nun zeigt sich, dass der Satz in der Garderobe nicht bloss zur Dekoration angebracht wurde. Einer für alle, alle für einen. Die Schweizer werfen sich in Schüsse, blockieren, verschieben, kämpfen, leiden. Ein schwedischer Treffer wird wegen einer Kickbewegung aberkannt. Fünf Minuten Unterzahlspiel vergehen wie eine kleine Ewigkeit, aber sie vergehen ohne weiteren Schaden. Und danach steht Roman Josi da, wo ein Captain in solchen Momenten stehen muss. Er schiesst aus der Distanz. Der Puck schlägt ein. 1:1. Es ist weit mehr als ein Ausgleichstor. Es ist eine Antwort. Nicht nur an Schweden, sondern an alle Zweifel, die in diesen Minuten kurz hätten aufkommen können. Diese Schweiz kann zurückliegen. Sie kann einen Spieler verlieren. Sie kann unter Druck geraten. Und sie kann trotzdem sie selbst bleiben. Unter den Zuschauern sitzt Roger Federer, der vor der Partie die Schweizer in der Garderobe besucht und eingeschworen hat. Der grösste Schweizer Einzelsportler schaut einer Mannschaft zu, die gerade beweist, wie weit man kommen kann, wenn keiner den Einzelsportler spielt.

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Als Calvin Thürkauf im Powerplay nach einem starken Zuspiel von Hischier im Mitteldrittel zum 3:1 trifft, brechen in der Swiss Life Arena alle Dämme. Es gibt Abende, an denen ein Stadion jubelt. Und es gibt Abende, an denen ein Stadion sein Dach nur noch aus baurechtlichen Gründen behält. Im Schlussdrittel verteidigt die Schweiz nicht ängstlich, sondern selbstbewusst. Die Erinnerung an frühere verpasste Chancen, an verspielte Führungen, an olympische Enttäuschungen gegen Finnland, bleibt draussen vor der Kabinentür. Die Schweden treffen zwar noch die Latte. Mehr aber bekommen sie nicht. 3:1. Schweden ist besiegt. Der Angstgegner verliert seinen Schrecken. Die Schweiz steht im Halbfinal. Der Gegner heisst Norwegen. Auf dem Papier das angenehmste Los, das in dieser Turnierphase vorstellbar ist. Doch Papier hat in einem Halbfinal noch nie ein Tor geschossen. Und eine Mannschaft, die bis hierhin gekommen ist, darf nicht daran scheitern, dass plötzlich alle Welt den Final bereits erwartet. Der Samstag, an dem Zürich zur Festhütte wird Am Halbfinaltag liegt eine besondere Spannung über Zürich. Es ist jene Mischung aus Vorfreude und Angst, die nur ein Heimturnier erzeugen kann. Die Menschen tragen rote Shirts, rote Hüte, rote Fahnen. Die Temperaturen sind sommerlich, doch die Gespräche kreisen um Eis. In der Swiss Life Arena wartet Norwegen, draussen wartet ein Land darauf, dass der Traum nicht ausgerechnet einen Schritt vor dem Final endet.


Acht Spiele, acht Siege. Die Schweiz ist makellos durch dieses Turnier gezogen. Sie hat überzeugt, bezaubert, Widerstände überwunden. Doch der Halbfinal beginnt nicht mit einem Bonus für gute Leistungen. Er beginnt mit Nervosität. Die Partie ist im Startdrittel turbulent. Beide Mannschaften kassieren früh Strafen. Norwegen verteidigt kompakt und lauert auf Konter. Die Schweizer sind überlegen, aber zunächst nicht erlöst. Und immer wieder steht Leonardo Genoni da, wenn ein norwegischer Gegenstoss die Halle für eine Sekunde verstummen lässt. Leo hält. Ruhig, effizient, beinahe beleidigend unspektakulär. Als wäre ein WMHalbfinal nichts anderes als ein gewöhnli-

cher Arbeitstag mit etwas mehr Publikum. In der 18. Minute fällt das Tor, das den Knoten löst. Christoph Bertschy gewinnt einen Zweikampf. Der Fribourger nimmt die Scheibe, dreht sich und hämmert sie unter die Latte. 1:0. Es ist ein Treffer, der in Zürich gefeiert wird – und in Fribourg vermutlich noch etwas lauter. Die HeimWM besitzt zwei Austragungsorte, aber längst nur noch einen Puls. Nach der ersten Pause wird aus dem Halbfinal eine Schweizer Gala. Im Mitteldrittel spielt sich diese Mannschaft in einen Rausch, der nicht mehr viel mit normalem Turnierhockey zu tun hat. Die Arena bebt. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen.

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Anerkennung vom Maestro. Roger Federer erweist der Nati im Viertelfinal gegen Schweden die Ehre. Zusammen mit Mutter Lynette verfolgt er das Spiel in der Loge von ZSC-Patron Walter Frey (r.)


Dank bei den Fans. Die Nati konnte an der WM auf eine grandiose Unterstützung zählen. Alle Spiele des Heim­teams waren ausverkauft.

Hischier und Rochette erhöhen später auf 6:0. Genoni feiert seinen 14. WM-Shutout. Wieder diese Zahl, über die er sich so ungern wichtiger macht, als es nötig wäre. Wieder dieser Eindruck, dass die Schweizer nicht nur gewinnen, sondern gemeinsam eine Form gefunden haben, in der jeder seine beste Version zeigt. Die Schweiz steht zum dritten Mal nacheinander im WM-Final. Und wenn aller guten Dinge wirklich drei sind, denken nun fast alle, dann kann es am Sonntagabend eigentlich nur noch ein Ende geben: Gold. Eigentlich.

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Der letzte Schritt Ein Final ist eine sonderbare Veranstaltung. Er ist das Ziel jeder Reise – und zugleich jener Ort, an dem die Reise plötzlich keine Bedeutung mehr haben soll. Neun Siege, wunderbare Spiele, eine ganze Nation im Rausch: Im letzten Match zählt all dies offiziell nicht mehr. Gold wird nicht für Erinnerung verliehen, sondern für das nächste Tor. Vor dem ersten Bully sagt Verteidiger Christian Marti, was in diesen Tagen nicht einmal die vorsichtigsten Schweizer mehr verdrängen können: «Noch eine Silberme-


daille will keine Sau.» Vier verlorene WMEndspiele seit 2013 liegen wie Mahnmale hinter dieser Generation. Dieses Team hat längst bewiesen, dass es aussergewöhnlich ist. Nun will es nicht mehr bewundert, sondern belohnt werden. Der Finalgegner ist Finnland. Wieder Finnland. Jene Mannschaft, die die Schweizer im letzten Vorrundenspiel bezwungen hatten, nachdem sie Barkovs Doppelschlag weggesteckt und spät zugeschlagen hatten. Doch der Final ist kein Rückspiel. Er ist eine eigene Welt, mit eigenen Gesetzen, einer eigenen Schwere. Die Atmosphäre in der randvollen Swiss Life Arena ist elektrisierend. Alle sind da, die in den vergangenen Wochen an diese Mannschaft geglaubt haben. Die Kinder in den zu grossen Trikots. Die Erwachsenen mit den glasigen Augen. Die neu entdeckten Freunde von Sven Andrighetto vermutlich ebenfalls. Sie wollen den Moment erleben, an dem aus der schönsten HeimWM der Schweizer Geschichte die goldene wird. Doch Finnland ist nicht nach Zürich gekommen, um als Statist im Nationalmärchen aufzutreten. Die Finnen verteidigen grundsolide, diszipliniert und hartnäckig. In der Offensive ist ihre Paradelinie um Barkov jederzeit gefährlich. Der vermeintliche Führungstreffer durch Lundell wird wegen eines hohen Stocks annulliert, doch die Szene zeigt früh, wie schmal der Grat an diesem Abend sein wird. Die Schweiz findet im ersten Drittel offensiv kaum ihren Rhythmus. Die Leichtigkeit, die sie gegen Norwegen durch die Halle getragen hat, lässt sich in einem Final nicht einfach aus der Garderobe mit-

nehmen. Die Pucks springen anders. Die Beine fühlen sich schwerer an. Die Räume sind enger, die Sekunden kürzer. Dafür verteidigt die Nati mit jener Hingabe, die sie während des gesamten Turniers ausgezeichnet hat. Genoni hält. Seine Vorderleute blocken Schüsse. Zwei Unterzahlsituationen übersteht die Schweiz schadlos.

GENONI HÄLT. SEINE VORDERLEUTE BLOCKEN SCHÜSSE. ZWEI UNTERZAHLSITUATIONEN ÜBERSTEHT DIE SCHWEIZ SCHADLOS. Kurz vor der ersten Pause kippt das Geschehen scheinbar in ihre Richtung. Finnland kassiert in derselben Szene zwei Strafen. Die Schweiz darf mit doppelter Überzahl ins Mitteldrittel starten. Fünf gegen drei. Zwei Minuten! Ein Geschenk, das in einem WM-Final nicht zweimal überreicht wird. Doch gerade jetzt spürt man, dass der ganz grosse Traum auch lähmen kann. Die Schweizer wirken ungewöhnlich unpräzise. Pässe, die in den Tagen zuvor wie selbstverständlich ankamen, finden nicht ihr Ziel. Abschlüsse, die sonst gefährlich werden, verpuffen. Die Chance verstreicht ungenutzt. Es ist einer jener Momente, die später in der Erinnerung wachsen. Nicht weil man jemandem einen Vorwurf machen könnte. Sondern weil der Sport in seiner unerbittlichen Art solche Türen nur ganz kurz öffnet.

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Im Schlussdrittel steigt die Intensität nochmals. Kein Meter Eis wird verschenkt. Auf Schweizer Seite treibt Josi seine Mannschaft an, immer wieder, in jeder Zone, mit jedem Wechsel. Auf finnischer Seite übernimmt Barkov dieselbe Rolle. Zwei Captains, zwei Leitfiguren, zwei Teams, die längst nicht mehr für Schönheit spielen, sondern für einen einzigen Moment. Die Defensivreihen sind überragend. Genoni lässt nichts zu, sein Gegenüber ebenfalls nicht. Nach 60 Minuten steht es 0:0. Wie bereits ein Jahr zuvor im Final gegen die USA muss die Verlängerung entscheiden. Die Schweiz ist wieder einen Schuss von Gold entfernt. Vielleicht ist das das Brutalste an diesem Spiel: dass der grösste Traum nicht unerreichbar scheint, sondern zum Greifen nah.

SILBER HÄNGT BALD UM IHRE HÄLSE. IN DIESEM MOMENT FÜHLT ES SICH NICHT WIE EINE AUSZEICHNUNG AN, SONDERN WIE DIE HÖCHSTSTRAFE. In der 64. Minute trifft Damien Riat die Latte. Für einen Sekundenbruchteil hält ein ganzes Land den Atem an. Der Puck springt nicht ins Tor. Er springt zurück ins Spiel. Sechs Minuten später trifft auf der anderen Seite Helenius. 71. Minute. 0:1. Finnland ist Weltmeister. Die Schweiz fällt in ein Loch, das nach zehn wunderbaren Spielen noch tiefer wirkt, weil das Team so hochgeflogen ist.

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Die Spieler stehen auf dem Eis, manche regungslos, manche in Tränen, manche mit jenem leeren Blick, der im Sport nur dort entsteht, wo man alles gegeben hat und trotzdem nicht das bekommt, wofür man es gegeben hat. Silber hängt bald um ihre Hälse. In diesem Moment fühlt es sich nicht wie eine Auszeichnung an, sondern wie die Höchststrafe. Die Arena, die während zweieinhalb Wochen ihr Motor gewesen ist, kann die Spieler nun nicht mehr in einen weiteren Sieg tragen. Sie kann ihnen nur noch applaudieren. Lange, laut, dankbar. Das hilft nicht sofort. Vielleicht kann es das auch nicht. Denn diese Mannschaft wollte nicht getröstet werden. Sie wollte Weltmeister werden. Die falsche Medaille Am Tag danach liegt Zürich unter frühsommerlichen 25 Grad. Die Stadt wirkt entschleunigt, beinahe erschöpft von ihrem eigenen Gefühlsüberschuss. Ein Montag, an dem die Menschen wieder zur Arbeit gehen sollten, als hätte am Vorabend nicht ein Puck an einer Latte und ein anderer im falschen Tor eine nationale Gemütslage verändert. Im Volkshaus aber ist die WM noch nicht vorbei. Rund 1000 Fans sind gekommen, um die Nationalmannschaft zu empfangen. Es ist eine Feier, die auf den ersten Blick ein Paradox sein müsste: Wie feiert man Menschen, die selbst noch kaum Freude über das Erreichte empfinden können? Wie jubelt man über Silber, wenn der Schmerz über Gold noch keine Nacht richtig überstanden hat?


Die Antwort gibt das Publikum schon, bevor die Spieler erscheinen. «Schwiizer Nati!»-Rufe hallen durch den Saal. Auf der Leinwand läuft ein Rückblick über das Turnier. Und jedes einzelne Schweizer Tor wird bejubelt, als wäre es gerade eben gefallen. Arme schnellen in die Höhe. Menschen springen auf. Umarmungen. Lachen. Noch einmal das 1:0, noch einmal ein JosiSchuss, noch einmal ein Malgin-Lauf, noch einmal ein Genoni-Save. Hier wird keine Niederlage verdrängt. Hier wird etwas zurückgeholt, was der Final für ein paar Stunden verdeckt hat: die Erinnerung daran, wie viel Freude diese Mannschaft in dieses Land getragen hat. Dann kommen die Spieler auf die Bühne, angeführt von Simon Knak. Der Applaus ist ohrenbetäubend. «Wer nöd gumped, isch kei Schwiizer», schallt es durchs Volkshaus. Es ist eng, heiss, laut. Nicht die gediegene Ehrung eines Zweitplatzierten, sondern die dankbare Umarmung einer Mannschaft, die ihre Fans in den vergangenen Wochen aus dem Alltag entführt hat. Sven Andrighetto erzählt von «vielen Gänsehautmomenten». Er weiss, wovon er spricht. Als Zürcher hat er erlebt, wie sich seine Stadt an dieser WM in eine Bühne verwandelt hat, wie jedes Spiel neue Begehrlichkeiten nach Tickets schuf, wie aus Heimvorteil Heimatgefühl wurde. Nino Niederreiter schaut bereits nach vorne. Irgendwann, sagt er sinngemäss, soll dieser Pokal in die Schweiz kommen. Das ist keine Flucht aus der Gegenwart, sondern das Versprechen einer Generation, die trotz aller Silbermedaillen nicht bereit ist, sich mit der Rolle der Unvollendeten abzufinden.

Besonders eindrücklich spricht Leonardo Genoni. Gold sei nur hauchdünn verpasst worden, sagt er. Gleichzeitig hält er fest, so etwas Schönes habe er mit einer Nationalmannschaft noch nie erlebt. Ausgerechnet er, der Torhüter, der an diesem Finalabend nahezu unüberwindbar war, der über das ganze Turnier hinweg wie die personifizierte Ruhe wirkte, findet die Worte für den grösseren Zusammenhang. Es gibt Niederlagen, die alles entwerten. Und es gibt Niederlagen, die schmerzen, ohne das Vorherige kleiner zu machen.

ES GIBT NIEDERLAGEN, DIE ALLES ENTWERTEN. UND ES GIBT NIEDERLAGEN, DIE SCHMERZEN, OHNE DAS VORHERIGE KLEINER ZU MACHEN. Dann kommt der Moment des Captains. Roman Josi feiert an diesem Tag seinen 36. Geburtstag. Der Mann, der diese Mannschaft durch das Turnier geführt hat, der gegen Ungarn Geschichte schrieb, gegen Schweden den Ausgleich erzwang, im Halbfinal zauberte und im Final bis zur letzten Sekunde antrieb, steht auf der Bühne im Volkshaus. Plötzlich singt der ganze Saal «Happy Birthday». Es ist eine einfache Geste. Vielleicht gerade deshalb geht sie unter die Haut. Josi wirkt bewegt. «Wir können nicht oft genug Danke sagen. Das werden wir nie vergessen», sagt er. Man habe gespürt, dass die ganze Schweiz hinter diesem Team gestanden sei.

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Es ist kein Satz für den Applaus. Es ist der Schlusspunkt unter eine Verbindung, die in diesen Wochen gewachsen ist. Eine Mannschaft spielte nicht einfach ein Turnier im eigenen Land. Sie erlaubte diesem Land, Teil ihrer Reise zu werden. Die Fans waren nicht Staffage, nicht Kulisse, nicht Dekoration für Fernsehbilder. Sie waren Treibstoff. Und die Spieler behandelten sie auch so.

DIE FALSCHE MEDAILLE HÄNGE ZWAR UM DEN HALS – «ABER IN SACHEN EMOTIONEN HABEN WIR GOLD GEHOLT». Schliesslich tritt Jan Cadieux ans Mikrofon. Der Trainer, der vor dieser WM in eine Mannschaft hineingekommen ist, die einen Bruch verarbeiten musste. Der nicht die grosse Revolution ausrief, sondern Vertrauen schuf. Der mit diesem Team ungeschlagen durch neun Spiele marschierte und erst in der Verlängerung des Finals bezwungen wurde. Cadieux findet den Satz, der diesen Nachmittag und vielleicht die gesamte WM zusammenfasst: Die falsche Medaille hänge zwar um den Hals – «aber in Sachen Emotionen haben wir Gold geholt». Man könnte diesen Satz für einen Trostpreis halten. Für das übliche Bemühen, eine Niederlage sprachlich in einen Sieg zu verwandeln. Doch das wäre ungerecht. Denn niemand in diesem Volkshaus behauptet, Silber sei Gold. Niemand tut so, als sei Helenius' Tor nie gefallen. Niemand

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muss den Schmerz hübscher reden, als er ist. Die falsche Medaille bleibt die falsche Medaille. Aber sie erzählt nicht die ganze Geschichte. «W. Nuss» noch einmal Zum Abschluss erklingt noch einmal «W. Nuss vo Bümpliz». Noch einmal gehen die Arme hoch. Noch einmal schwappt die Welle durch den Saal. Noch einmal sind diese Spieler nicht NHL-Stars, Millionäre, Rekordhalter oder gefeierte Namen, sondern die Buben und Männer in roten Trikots, die ein Land zwei Wochen lang zum Träumen gebracht haben. Dann verschwinden sie hinter der Bühne. Der Alltag kehrt zurück. Die Arena wird irgendwann leergeräumt, die Fantrikots landen in der Wäsche, die Diskussionen über den Final werden leiser. Einige werden noch lange über die doppelte Überzahl sprechen. Andere über Riats Lattenschuss. Wieder andere über die Frage, ob es eines Tages wirklich geschehen wird, dass ein Schweizer Captain den WM-Pokal in die Höhe stemmt. Doch die wichtigste Erinnerung an diese Heim-WM beginnt nicht bei Helenius. Und sie endet nicht bei Silber. Sie beginnt vielleicht tatsächlich in jenem Hotel in Zürich Altstetten. Mit Andrighetto, der seine Haare richtet. Mit Hischier, der über einen Zuruf lacht. Mit Moser in der zu warmen Trainingsjacke. Mit Josi in seinen Sneakers. Mit Pius Suter, der mit dem Velo ins Camp kommt. Mit den verletzten Spielern, die nicht auf dem Eis stehen und trotzdem unverzicht-


bar sind. Mit einem Captain, der nicht über sich, sondern über das Gewachsene spricht. Mit 25 Leadern, die nicht um Rang und Geltung kämpfen, sondern um einen gemeinsamen Traum. Diese Schweizer Nationalmannschaft hat an ihrer Heim-WM nicht gewonnen, weil sie plötzlich vergessen hätte, wie schwierig Eishockey auf höchstem Niveau ist. Sie hat gewonnen, weil sie nie vergass, wer sie war. Eine Gruppe aussergewöhnlicher Spieler, die ihre Aussergewöhnlichkeit ausgerechnet dadurch spürbar machte, dass keiner sich für aussergewöhnlicher hielt als die anderen. Sie hat gegen Finnland die perfekte Vorrunde vollendet. Sie hat gegen Schweden einen bösen Geist vertrieben. Sie hat gegen Norwegen eine Arena und ein Land in einen Rausch gespielt. Sie hat im Final bis zur 71. Minute alles gegeben, was Körper

und Herz hergaben. Und sie hat am Tag danach den Mut gefunden, sich mit der falschen Medaille vor ihre Fans zu stellen. Vielleicht ist es das, was man Teamgeist nennt, wenn das Wort einmal nicht auf einer Powerpoint-Folie steht. Nicht laute Kameradschaft. Nicht inszenierte Einigkeit. Sondern die Fähigkeit, im Glück gemeinsam leicht zu bleiben und im Schmerz gemeinsam stehen zu bleiben. Titel kann man gewinnen oder verlieren. Pokale werden überreicht, Medaillen an der Wand aufgehängt, Resultate archiviert. Doch manchmal hinterlässt eine Mannschaft etwas, das sich nicht in einer Vitrine aufbewahren lässt. Diese Schweiz hat zwar kein Gold gewonnen – aber noch viel mehr erreicht. Sie hat ein Land daran erinnert, wie schön es ist, gemeinsam an etwas zu glauben.

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Der Beginn des «Frühlingsmärchens». Die Schweizer nach dem Sieg im Startspiel gegen die USA.


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