Dyami Häfliger

Dyami Häfliger
Ein Leben für Verantwortung und Selbstbestimmung
Dyami Häfliger
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Dyami Häfliger

Dyami Häfliger
Ein Leben für Verantwortung und Selbstbestimmung
Dyami Häfliger
10. Der Takt der Welt – Wie die Bundesanwaltschaft international wurde
11. Mubarak – Die Milliarden des gestürzten Präsidenten (2012 ff.)
13. 1MDB – Globale Geldströme und institutionelle Grenzen (ab 2015)
14. Die Bühne der Kooperation – Zürich, Washington und die «Golden Bridge» (2015)
15. Panama – Odebrecht und die lateinamerikanische Taskforce (2015–2017)
16. Weltpolitik wird persönlich – Südafrika, Zentralasien, der Preis von Nähe (2015–2017)
17. Asset Recovery – Der heikle Spagat zwischen Milliardenvermögen und Rechtsstaat (2014–2018)
18. Fifa und Infantino – Das Reizthema (2015–2018)
19. Staatsschutz und Spionage – Die originäre Bundeskompetenz
20. Konflikte und Rücktritt (2018–2020)
und Führung: Zwischen Haltung und Verantwortung
23. Zwischen Kirche, Beratung und innerer Ruhe – Laubers heutige Welt
24. Was bleibt – eine persönliche Rückschau
Über Jahre hinweg habe ich das Wirken von Michael Lauber aus der Distanz wahrgenommen: punktuell, fragmentarisch und vor allem durch Medienberichte, die sich auf einzelne Verfahren oder politische Kontroversen fokussierten. Ich kannte keinen Fall im Detail, hatte keine festgelegte Meinung und betrachtete Lauber weder mit Sympathie noch mit Ablehnung. Er war eine Figur des öffentlichen Lebens –präsent und polarisierend, dies vor allem durch mediale Debatten und politische Schlaglichter, aber für mich persönlich nicht greifbar.
Im Januar 2025 war ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Einer der Gäste war Michael Lauber. Als er von einer Begegnung im Ausland erzählte, veränderte sich spürbar die Atmosphäre im Raum: Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich unmittelbar auf ihn. Die Geschichte wirkte unerwartet, anders und fern von den bekannten Schlagzeilen. Anschliessend sprach er über Verantwortung, über Führung und über die Rolle, als schwuler Mann ein exponiertes Amt zu tragen. Das machte mich neugierig und warf Fragen auf – Fragen, auf die ich Antworten finden wollte. Nach der Veranstaltung kam ich mit ihm ins Gespräch und nahm in der Folge Kontakt auf; daraus gingen jene Gespräche hervor, die zur Grundlage dieses Buches wurden.
Für mich war dieses Projekt auch ein Versuch, zu verstehen, wie ein Mensch in einer exponierten Funktion lebt und entscheidet – eine Funktion, die von aussen meist nur durch Schlagzeilen wahrgenommen wird. Gleichzeitig schreibe ich aus der Perspektive einer Generation, die politische und institutionelle Vorgänge oft anders bewertet als jene, die sie verantwortet haben.
Mein Anliegen ist es, diese staatlichen Institutionen in ihrer eigentlichen Funktion wieder ernst zu nehmen und nicht nur mediale Schlaglichter. Institutionen, Ämter und öffentliche Funktionen verdienen Kontext –
und Personen verdienen Differenzierung: als Handelnde innerhalb einer Struktur und nicht nur als Projektionsflächen von Debatten.
Aus diesem Verständnis heraus enthält der dritte Teil dieses Buches nach den einzelnen Kapiteln jeweils kurze Reflexionen und Einordnungen des Autors in Anbindung an die Gespräche mit Michael Lauber. Sie verstehen sich nicht als Schlussurteile, sondern als Angebot zum Weiterdenken.
In diesem Geist verzichtet das Buch weitgehend auf die Nennung von Namen und stellt Funktionen und Rollen in den Vordergrund – bewusst und mit Blick auf die Auswirkungen öffentlicher Verfahren und Kampagnen auf alle Beteiligten.
Es folgten sodann Stunden des Zuhörens, Nachfragens, Sortierens und Wiederzusammensetzens. Stimmen, Erinnerungen, öffentliche Dokumente und das Ringen darum, zwischen den vielen Schichten eines Lebens den Faden zu finden, aus dem sich eine Erzählung entwickeln kann: Nicht die Geschichte eines makellosen Helden oder eines abgeklärten Machtmenschen, sondern die Aufzeichnung des Weges eines Menschen, der Verantwortung gesucht und getragen hat – mit all den Spannungen, Brüchen, Widersprüchen und Entscheidungen, die damit verbunden sind.
In unseren Gesprächen ging es daher nicht um juristische Fallbearbeitungen, sondern um das Verständnis einer Person in einer ex ponierten Funktion: wie sie denkt, wie sie Verantwortung trägt und wie sie Eindrücke verarbeitet.
Diese Biografie erzählt das Leben von Michael Lauber im Sinne einer Annäherung von aussen: zusammengefügt aus Gesprächen, Erinnerungsfragmenten, zugänglichen Akten, Recherchen und mit dem Blick eines Beobachters. Manche Kapitel entsprechen den erinnerbaren Bildern von Laubers Leben, andere folgen den Spuren historischer Ereignisse, die ihn begleiteten und ihrer Wirkung bis in die Gegenwart. Vieles deckt sich mit Michaels eigenen Erinnerungen – und manches weicht davon ab. Gerade darin zeigt sich, wie Wahrnehmung entsteht: fragmentarisch, subjektiv, im Spannungsfeld zwischen Innen- und
Aussenwelt. Und vielleicht war es genau dieses Suchen, das diese Arbeit getragen hat: das Suchen nach dem, was hinter schlaglichtartiger Wahrnehmung steckt – nach Haltungen, Perspektiven und Wahrheiten, die sich nicht auf den ersten Blick zeigen.
Dieses Werk versteht sich als Einladung zur Einordnung, Umordnung und zur Neubetrachtung. Nicht um Urteile zu fällen, sondern um Zusammenhänge zu begreifen. Es möchte zeigen, wie Entscheidungen entstehen. Um nachzuvollziehen wie Verantwortung gelebt wird. Und um nachzuvollziehen, wie ein Leben, das beruflich im grellen Scheinwerferlicht stand, privat von Stille, Beobachtung und leiser Entschlossenheit geprägt ist.
Es ist der Versuch, die grossen Linien dieses Lebens sichtbar zu machen – zwischen Herkunft und Aufbruch, zwischen Selbstbehauptung und Anpassung, zwischen Nähe und Distanz zum politischen Betrieb, zwischen Karriere und persönlicher Freiheit. Es ist auch ein Buch über die Frage, wie man in Rollen hineinwächst, für die es keine Vorbilder, keine Anleitung und kein Drehbuch gibt.
Michael Lauber hat nie für sich selbst gesprochen, um sich zu verteidigen, und nie die Arena gesucht, um eigene Narrative zu setzen. Er hat geschwiegen, als andere laut wurden. Er hat Verantwortung übernommen, wo andere ausgewichen wären. Und er hat Entscheidungen getroffen, obwohl es keine einfachen Antworten gab.
Diese Biografie versucht, sichtbar zu machen, was hinter den Schlagzeilen liegt. Sie rekapituliert Momente, in denen globale Verfahren plötzlich persönlich wurden – und Entscheidungen getroffen werden mussten, deren Folgen sich erst mit Abstand erschlossen.
Wenn dieser Prolog und die folgenden Kapitel dazu beitragen, die Komplexität dieses Lebenswegs erkennbar zu machen – und wenn sie helfen, ein differenzierteres Verständnis einer Person zu gewinnen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf wenige Schlagzeilen reduziert wurde – dann hat dieses Projekt seinen Sinn erfüllt.
Kapitel 1
Das Pfarrhaus war ein Ort voller Stimmen und Schritte. Ein Haus mit hohen Decken und knarrenden Holzböden, mit breiten Türen, die selten ganz schlossen. Unter dem Dach lag sein kleines Zimmer über der Garage – ein Regal voller Bücher, eine Geige an der Wand, ein Schreibtisch darin, auf dem nie viel lag, weil sich das Leben unten im Haus abspielte.
Das Pfarrhaus war kein stiller Ort. Es war Knotenpunkt und Bühne zu gleich, manchmal Zufluchtsort und manchmal Durchgangsstation. Menschen kamen und gingen, klingelten an der Tür, trugen ihre Sorgen vor, baten um Hilfe oder Beistand. In der grossen Küche wurde geredet, gelacht, manchmal gestritten. Im nebenan liegenden Gemeindesaal probte der Kirchenchor, traf sich der Frauenverein oder tagte der Kirchenrat. Es gab fast keinen Tag, an dem das Pfarrhaus wirklich leer war.
Für Michael bedeutete das, Teil von allem zu sein – und gleichzeitig am Rande zu stehen, beobachtend, still. «Ich habe früh gelernt, zuzuhören», sagt er heute. «Du hörst so viel, wenn du nicht sprichst.»
Manchmal spürte er schon beim Gang die Treppe zur Küche hinunter seine Grenzen. Sein Asthma war wie ein unsichtbarer Gegner, der ihn zwang, stehenzubleiben, während andere weiterrannten. Auf dem Pau sen hof, beim Fussball, beim Versteckspiel – oft blieb ihm nur das
Zuschauen. In den frühen Jahren gab es keine rasche Erleichterung; erst später kam die kleine Handpumpe, die zumindest ein wenig Luft verschaffte.
«Ich musste einfach warten», sagt Michael heute. «Das kommt dir ziemlich blöd vor, wenn du jung bist und alle rufen: Spiel mit! – und du kannst einfach nicht.»
Dieses Gefühl, nicht wie die anderen zu sein, begleitete ihn früh. «Ich habe immer gedacht: Offenbar bin ich einfach anders», erzählt er. Vielleicht war es genau dieses Anderssein, das ihn zu einem so aufmerksamen Beobachter machte – zu jemandem, der mehr sieht, weil er öfter stillstehen muss.
Draussen war das kleine Dorf fast immer in Bewegung. Fahrräder holperten über das Kopfsteinpflaster, Kinderstimmen hallten zwischen den Häusern, irgendwo schlug eine Tür zu. Sonntags läuteten die Glocken und manchmal mischten sich ihre Schwingungen mit dem Rattern der Eisenbahn, die unten am Fluss vorbeifuhr. An Sommertagen suchte Michael den Garten vor dem Haus auf. Dort stand die Föhre, die er liebte – der Duft der Nadeln, der warme, trockene Boden, der im Sommer nach Sonne roch. Oft sass er in ihrem Schatten barfuss im Gras, die Geige neben sich, und liess den Blick über die Dächer, den Fluss und die Felder schweifen. Von hier aus wirkte die Welt grösser, offener – und zugleich unerreichbar fern.
Manchmal stellte er sich vor, einfach loszulaufen, den Feldweg entlang, durch den Wald, über die Hügel hinaus. In diesen Momenten malte er sich aus, wie es wäre, frei atmen zu können, ohne die Grenzen des eigenen Körpers. Doch oft ging das nicht. Statt zu rennen, blieb er stehen. Statt zu handeln, beobachtete er.
Vielleicht entstand hier ein Muster, das sich später durch sein Leben ziehen wird: erst sehen, dann handeln; erst verstehen, dann entscheiden. Geduld nicht als Tugend, sondern als Notwendigkeit – und dann als Fähigkeit.
Zwischen Nähe und Distanz
Die Familie lebte im Rhythmus des Hauses. Der Vater, christkatholischer Pfarrer, war eine Respektsperson, immer unterwegs zwischen Gottesdiensten, Sitzungen und seelsorgerischen Gesprächen. Die Mutter hielt das Geflecht zusammen: Sie kochte, organisierte, wusste, wer wann wo gebraucht wurde. Ihre Stimme durchzog das Haus wie ein vertrauter Klang, ein ruhiger Anker inmitten ständiger Bewegung. Michael war nicht allein in diesem Alltag: Sein ein Jahr jüngerer Bruder wuchs mit ihm im Pfarrhaus auf – mitten in demselben Nahraum von Familie und Gemeinde, im selben Verbund aus Geborgenheit und Öffentlichkeit.
Privatheit gab es kaum. Ein Sonntag konnte beginnen mit einem stillen Frühstück und enden mit zehn Gästen am Tisch. Manchmal stand spätabends jemand vor der Tür, suchte Rat, Trost oder schlicht ein offenes Ohr. Für die beiden Brüder bedeutete das, dass Grenzen zwischen Familie und Gemeinde fliessend waren. Michael lernte früh, dass man da ist, wenn man gebraucht wird – auch wenn es gerade nicht passt.
Nicht nach einer Rolle zu suchen, sondern hineinzuwachsen: das prägte ihn mehr, als er damals ahnen konnte. Es gab ihm eine innere Flexibilität, die später zu einer seiner grössten Stärken werden sollte: die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich von Erwartungen erdrücken zu lassen.
«Ich glaube, ich habe früh verstanden, dass es nicht um Perfektion geht», sagt er heute. «Sondern darum, Haltung zu haben.»
Das Wohnzimmer des Pfarrhauses war selten still. Oft war es der Ort grosser Debatten, die über das Wohnzimmer bis ins Treppenhaus drangen. Am langen Holztisch, dessen Oberfläche vom täglichen Gebrauch
sichtbar geprägt war, stritten Vater und Grossmutter über Politik, über den Nato-Doppelbeschluss, über Kernkraftwerke, über Kirchenreformen. Michaels Mutter brachte Fakten aus der Naturwissenschaft ein, der Vater konterte mit Argumenten aus der Theologie, die Grossmutter mütterlicherseits wiederum debattierte mit einer weltoffenen, fast französischen Haltung – einer Haltung der Offenheit, Gleichheit und des Fortschritts.
Michael sass daneben, die Ellbogen aufgestützt, die Hände ineinander verschränkt. Manchmal hörte er gebannt zu, manchmal liess er die Stimmen an sich vorbeiziehen wie den Wind draussen vor dem Fenster. «Ich habe früh gemerkt, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt», erinnert er sich. «Die einen sagen so, die anderen so – und irgendwo dazwischen musst du dir selbst überlegen, was stimmt.»
Diese Tischgespräche waren mehr als politische Diskurse. Sie waren sein erster Zugang zu einer Welt, die weiträumiger war als das Pfarrhaus und die Gemeinde. Zwischen dampfendem Tee, dem Klirren von Besteck und der stillen Ordnung des Raums lag der Anfang eines Bewusstseins: Die Welt ist vielschichtig, und es gab mehr als eine Wahrheit.
Draussen begann sich die Gesellschaft zu verändern. Es waren die 1970er-Jahre In Zürich demonstrierten Student:innen, Frauen kämpften um Selbstbestimmung, die Kirche rang um ihre Rolle in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Die Schweiz war in Bewegung, das kleine Dorf, in dem Michael aufwuchs, schien davon aber nur leise berührt.
Und doch kamen diese Bewegungen an, wie ferne Wellen, die irgendwann das Ufer erreichen. Am Küchentisch fielen Begriffe wie «Reformen», «Mitbestimmung» und «gesellschaftlicher Wandel». Michael verstand nicht immer alles, aber er spürte, dass sich etwas verschob. Hier die vertraute Welt der Kirche, mit ihren Ritualen, Gewissheiten und Regeln. Dort draussen die junge Generation, die Fragen stellte, Strukturen aufbrach, neue Antworten forderte.
Tradition und Aufbruch prallten aufeinander – manchmal leise, manchmal hörbar. Für Michael wurde diese Spannung zur Grundmelodie seiner Kindheit: das Gefühl, dass nichts selbstverständlich war, dass Rollen ausgefüllt werden mussten – manchmal neu, manchmal gegen Erwartungen.
Oben, in seinem kleinen Zimmer unter dem Dach, öffnete sich ein zweites Fenster zur Welt – ein inneres. Von dort blickte Michael oft hinunter auf die Strasse, sah die Busse kommen und gehen, kannte die Nummern der Linien und die Gesichter der Chauffeure. Er beobachtete die Menschen, die ein- und ausstiegen, und stellte sich vor, wohin sie fuhren.
Ein Globus stand auf seinem Schreibtisch, daneben Atlanten und Bildbände. Michael drehte die Kugel, liess den Finger auf einem Punkt landen, las den Namen des Ortes oder der Gegend und malte sich aus, wie es dort sein könnte. Wie die Menschen redeten, was sie assen, wie ihre Häuser gebaut waren. «Ich konnte stundenlang in diesen Orten versinken», sagt er heute. Das war mein anderes Fenster zur Welt.»
Während unten im Wohnzimmer über Kernenergie, Kirchenreformen und europäische Politik gestritten wurde, träumte er oben von Ländern, die er nie gesehen hatte. Es war ein stilles Gegenstück zum Lärm der Debatten: Während die Erwachsenen nach Wahrheiten suchten, suchte Michael nach Zusammenhängen. Und vielleicht begann hier jener Drang, der ihn sein Leben lang begleiten sollte – ein tieferes Verstehen als Voraussetzung von Entscheidungen.



Bild oben links: Michael Lauber als Kind – in den frühen Jahren im Pfarrhaus.
Bild links: Kindheit im Pfarrgarten: Michael Lauber als Junge, aufgewachsen zwischen Natur, Familie und Gemeinde.
Bild oben rechts: Michael Lauber als Jugendlicher – eine Zeit zwischen Tradition des Elternhauses und eigener Suche nach Orientierung.
Ein eigener Rhythmus
In der Schule fand Michael eine andere Welt vor. Klassenzimmer, in denen alles kleiner, klarer wirkte als im Pfarrhaus. Lehrer, die zuhören konnten. Freundschaften, die unkomplizierter waren als die Beziehungen im Gemeindesaal. Hier entdeckte er, dass es auch ein Leben jenseits der ständigen Öffentlichkeit des Pfarrhauses gab.
Er probierte sich aus, las viel, diskutierte, zog sich manchmal auch zurück. «Ich habe gemerkt, dass mir das Beobachten näher liegt als das Mitreden», sagt er. Es war kein Rückzug, sondern eine stille Form der Teilnahme.
Diese Präsenz ohne Worte, dieses Dasein ohne lautes Auftreten, wurde für ihn fast wie eine eigene Sprache. Schweigen konnte Aufmerksamkeit sein. Genauigkeit. Eine andere Art, die Welt wahrzu nehmen.
«Man versteht mehr, wenn man zuhört», sagt Michael heute. «Das ist eine der Konstanten geblieben.»
Sprachlosigkeit und Zuhören
Doch das Schweigen erfolgte nicht immer freiwillig. Manchmal war es Notwendigkeit. «Ich hatte lange das Gefühl, es gibt niemanden, mit dem ich wirklich über das reden kann, was mich beschäftigt», erzählt er.
In der Familie dominierten andere Stimmen: der Vater, fest in der Rolle des Pfarrers; die Mutter, pragmatisch und stets bemüht, alles zusammenzuhalten. Die Grossmutter mütterlicherseits brachte eine ganz eigene Welt in das Haus. Sie war politisch wach, gedanklich weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus und stark geprägt von französischen Grundwerten und westlich-liberalen Wertvorstellungen. Ihre Haltung war offen, weltzugewandt, aber sie blieb dennoch eine Person mit Distanz – interessiert, aber nicht immer erreichbar. Für Michael war sie eine Stimme, die zugleich vertraut und fremd klang.
Dann war da der Grossvater, dessen Präsenz fast eine andere Epoche in das Pfarrhaus hineinwob. Ein Mann, der Spanien und Istanbul kannte, der Spanisch sprach, Klavier spielte – nicht steif und klassisch, sondern mit der Eleganz eines Barpianisten, leicht, schwebend. Er war weltgewandt, gepflegt, grosszügig; einer, der Geschichten mitbrachte, die nicht aus der Gemeinde, sondern aus einer Welt stammten, die weiträumiger war. In seiner Art lag etwas Spielerisches und Freies, das einen Kontrast bildete zum Rhythmus des kirchlichen Alltags.
Für Michael waren diese beiden Figuren – die Grossmutter mit ihrem klaren Denken und ihrer westlichen Prägung, der Grossvater mit seiner kosmopolitischen Offenheit – wie zwei Fenster, die einen Blick auf andere Wirklichkeiten erlaubten. Und doch blieb es ein Blick nach aussen. Eigene Gedanken fanden selten Raum; die Stimmen der Er wachsenen waren laut, sicher, etabliert. Er lernte früh, zwischen ihnen Platz zu finden – nicht um mitzuhalten, sondern, um zuzuhören.
Vielleicht begann hier etwas, das Michael später prägen sollte: dieses Rollenverständnis des Zuhörers. Das Beobachten. Das innere Ordnen, bevor er Dinge benennt. «Ich glaube, das Zuhören ist für mich eine Art Überlebensstrategie geworden», sagt er. «Es war mein Weg, in einer lauten Welt nicht unterzugehen.»
In dieser Zeit gab es jedoch auch eine Stimme, die anders war als die übrigen – eine, die ihm nicht das Gefühl gab, sich behaupten oder rechtfertigen zu müssen: die seiner Tante, der Schwester seines Vaters. Sie war diejenige, der er am nächsten stand, eine ungewöhnliche, fast schillernde Figur im Gefüge der Familie. Theater- und opernbegeistert, weltgewandt, mit einer emanzipatorischen Haltung, die weit über die Grenzen der kirchlichen Tradition hinausreichte. Sie hatte in Wirtschaftswissenschaften promoviert, diskutierte selbstverständlich über Politik und gesellschaftliche Zusammenhänge und lud Michael immer wieder in eine Welt ein, die ihm eine andere Sichtweise eröffnete: Opernhäuser in Zürich, Salzburg oder Mailand, lange Gespräche über Kunst, Musik und Geschichte.
Für Michael war sie eine Art Gegenwelt – nicht laut, sondern inspirierend; nicht fordernd, sondern öffnend. Während zu Hause die Stimmen der Erwachsenen dominierten, bot ihm die Tante einen Raum, in dem er denken durfte, bevor er sprach. Ihre Begeisterung für Musik, für Claudio Abbado, für Thomas Hampson und für die Opernwelt wurde für ihn zu einem Fenster in ein anderes Leben, das nicht von Pfarrhausritualen bestimmt war, sondern von Kultur, Freiheit und Horizonten, die sich nicht von selbst erschlossen.
Diese Begegnungen – still, intensiv, prägend – gaben dem Zuhören eine neue Dimension: Es wurde nicht nur Überlebensstrategie, sondern auch ein Weg, die Welt zu verstehen.
Der erste Aufbruch
Als er an die Kantonsschule wechselte, war es, als würde jemand dieses Fenster weiter öffnen. Plötzlich war das Pfarrhaus weit weg, die Stimmen aus dem Gemeindesaal nur noch Erinnerung. Der Alltag wurde freier und weiter.
Michael lernte neue Menschen kennen, deren Familien andere Geschichten lebten, deren Gespräche andere Themen berührten. Die Routinen des Pfarrhauses verloren an Gewicht. Bücher, Musik und lange Gespräche mit Gleichgesinnten wurden seine neuen Koordinaten.
Die Geige, die er aus dem alten Zimmer unter dem Dach mitgenommen hatte, blieb eine treue Begleiterin. Er spielte, wann immer ihn etwas beschäftigte, und die Musik wurde zu einem Raum, in dem Gedanken sich ordnen konnten – ein unaufgeregter Gegenpol zur Welt draussen.
Michael wuchs mit Musik auf, viel stärker als mit Fernsehen oder Kino. Die Stimmen und Klänge, die ihn prägten, kamen somit auch von Platten und Kassetten: die Lieder von Michael Sardou, französische Chansons, die dunkle Wärme von Ludwig Hirsch, dessen «Schwarzer Vogel» für ihn zu einem Stück Trostmusik wurde.
Die Musik war weniger Bühne als Vertraute – etwas, das immer da war, wenn er Halt suchte oder Ruhe brauchte.
Ein Fundament aus Stille
Rückblickend wirken diese Jahre wie das Fundament seines späteren Lebens. Hier legte sich Schicht um Schicht das ab, was ihn später als Mensch charakterisieren sollte: die Fähigkeit, zuzuhören, Geduld zu üben, Rollen bewusst anzunehmen – ohne sie je zu inszenieren.
Das Aufwachsen im Pfarrhaus hatte ihn Nähe und Distanz gelehrt, Gemeinschaft und Selbstständigkeit, Verantwortung und Freiheit. Es war kein Dogma, sondern eine Art Werkzeugkasten, aus dem er später immer wieder schöpfen würde. «Man muss manchmal lernen, mit einem Fuss im Raum zu stehen und mit dem anderen draussen», sagt Michael heute. «Das habe ich früh geübt.»
Damals wusste er noch nicht, wie oft ihm diese Balance helfen würde. Doch das Muster war längst da. Es wuchs still, fast unmerklich: erst sehen, dann handeln; erst verstehen, dann entscheiden.
Der Wechsel an die Kantonsschule war für Michael wie ein leiser und doch tiefer Schnitt. Das Pfarrhaus, dessen Rhythmus sein Leben so lange bestimmt hatte, blieb zurück. Plötzlich öffnete sich eine neue Welt: andere Lehrer, andere Gespräche, andere Erwartungen.
«Ich wusste nicht genau, was ich wollte», sagt er. «Ich habe einfach gemacht, was vor mir lag.»
Das unerreichbare Normale
Vieles ergab sich von selbst, anderes war ein Ringen. Ein Beispiel war das Fahrrad. Michael wollte «ein ganz normales Velo» – nichts Auffälliges, kein Minivelo, keinen Halbrenner, kein Statussymbol. Einfach nur ein Rad, das ihn trägt. Stattdessen bekam er genau das, was er nicht wollte: einen Halbrenner, dessen Schaltung ständig klemmte und der immer wieder in der Werkstatt landete.
«Das Velo war so ein Symbol für vieles damals», sagt er und lächelt, fast ein wenig resigniert. «Man will dazugehören, aber nicht übertreiben. Man will schlicht sein. Und dann bekommt man etwas, das nicht passt. Und man sagt trotzdem nichts.»
Dieses Fahrrad, störanfällig und widerspenstig, wurde für ihn zu einem Sinnbild seiner Zeit an der Kantonsschule: das Gefühl, dass andere oft Entscheidungen trafen, während er lernte, sich in Ruhe anzupassen – und zugleich innerlich Widerstand zu leisten. Es war eine Zeit des Ausprobierens, vorsichtig und doch konsequent. Er ging mit, solange es für ihn Sinn ergab, aber er wusste auch, wann er innerlich stehenbleiben musste.
Die Lehrer an der Kantonsschule hatten nachhaltige Wirkung auf Michael. Manche gehörten zur Generation der 68er: engagiert, intellektuell, voller Ideale und überzeugt davon, dass Schule mehr sein müsse als reines Pauken. Andere wiederum standen fest in der Tradition, beinahe autoritär, geprägt von Hierarchien und dem Glauben an klare Grenzen.
«Wir hatten Lehrer, die wollten, dass wir über Politik diskutieren, über Gesellschaft, über Wandel», erinnert sich Michael. «Und andere, die fanden, unsere Aufgabe sei es, einfach zu gehorchen.»
Einer aus der ersten Gruppe war Geschichtslehrer. Politisch klar positioniert, meinungsstark und voller Lust an der Auseinandersetzung prägte er die Atmosphäre an der Kantonsschule Olten. Michael beschreibt ihn heute mit einem Lächeln als «super links, mit riesigem Bart». Der Geschichtslehrer provozierte, stellte infrage, brachte neue Ideen ins Klassenzimmer und wollte, dass die Schüle:innen Haltung entwickelten. Michael mochte diese Energie – und widersprach ihr gleichzeitig oft. Nicht aus Trotz, sondern weil er spürte, dass ihn jede Form von Dogmatismus einengte, egal von welcher Seite sie kam. «Ich habe nie gerne in Schubladen gedacht», sagt er. «Ich habe mir immer die Freiheit genommen, Dinge selbst zu bewerten.»
Dieses Denken «zwischen den Fronten» wurde zu einer inneren Haltung. Es war weniger ein Aufbegehren als eine stille Selbstbehauptung. Während andere sich auf eine Seite stellten, lernte Michael, sich zwischen den Lagern zu bewegen – manchmal schweigend, manchmal fragend, immer beobachtend. Neben diesen politischen und gesellschaftlichen Einwirkungen gab es auch eine völlig andere Linie der Bildung: eine klassische und sprachliche.
Ein Vertreter dieser Linie war der Latein- und Klassenlehrer. Über das Latein und die griechische Mythologie, über die römischen Dichter
Catull, Ovid und Horaz eröffnete er eine Welt, die fern von Tagespolitik lag: eine Welt der Freiheit, der Klarheit und des Denkens. Der Lehrer ver mittelte keine Parolen, sondern Horizonte: Texte als Räume, in denen man sich bewegen, Fragen stellen und Bedeutungen suchen konnte.
Für Michael beschrieb diese verschwundene und doch lebendige Welt ein Fundament, das ihn grundlegend und nachhaltig formte. Zwischen Catulls Ironie, Ovids Verwandlungen und Horaz’ «Carpe Diem» lernte er die Verbindung zwischen Sprache und Welt kennen – und einen Zugang zur Freiheit des Denkens, der ihn bis heute begleitet.

Michaels Tante – eine prägende Bezugsperson, die ihm früh die Welt von Kunst, Musik und Theater eröffnete.
Sport, Körper, Selbstbehauptung
Parallel zum geistigen Aufbruch entdeckte Michael in diesen Jahren seinen Körper neu. Die Schule war dabei unerwartet aufschlussreich. Es gab Intervalltraining, Parcours, Liegestütze, Klimmzüge. Jede Woche standen Leistungstests an, als ginge es um mehr als bloss Sportnoten.
«Wir haben jede Woche Leistungstests gemacht», erzählt er. «Davon profitiere ich bis heute.»
Er erinnert sich an Details, die sich eingebrannt haben: der süsslichstrenge Geruch der Turnmatten, diese Mischung aus Staub, Gummi und kaltem Schweiss; die feucht-kühlen Kunststoffbänke; die eisigen Garderoben, in denen die Atemluft wie Nebel hing; das klamme Gefühl auf der Haut, wenn sie nach draussen geschickt wurden, um im Regen zu sprinten.
«Es war hart», sagt Michael, «aber es hat mir gezeigt, dass ich meinen Körper beanspruchen kann, auch wenn ich Asthma hatte.» Manchmal, wenn er in der Nacht aufwachte und ihm das Atmen schwerfiel, dachte er an diese Läufe. 3,6 Kilometer in zwölf Minuten. Für andere vielleicht nur eine Zahl – für ihn war es ein Beweis. «Das war mein Ding», sagt er. «Ich war stolz, wenn ich es geschafft habe.»
Sport war für Michael nie Bühne, nie Wettkampf. Es ging nicht um Medaillen oder Anerkennung. Es war eine natürliche Form der Selbstvergewisserung. Ein inneres «Ich kann das» – und vielleicht auch ein Aufbegehren gegen Grenzen, die andere in ihm sahen.
Erste Freiheit, Weltbilder
Mit der Kantonsschule kam ein neues Mass an Freiheit. Manchmal nahm Michael nach der Schule den Bus in irgendeine Richtung, ohne Ziel, einfach, um unterwegs zu sein. Er kaufte einen Bazooka-Kaugummi, stand auf der Brücke und sah den Zügen nach, die Richtung Basel, Zürich oder weiter wegfuhren. «Olten war für mich eine andere Welt», sagt er. «Die Strassen, die Läden, die Leute – das fühlte sich plötzlich gross an.»
Diese kleinen Ausflüge öffneten Fenster. Nicht nur zu neuen Orten, sondern auch zu neuen Gedanken. Denn während Michael im Bus sass oder durch die Strassen schlenderte, begann er, über die Dinge nachzudenken, die am Mittagstisch im Pfarrhaus diskutiert wurden. «Kennedy war bei uns ein grosser Name», erinnert er sich. «Dieses Zitat von ihm – ‹Fragt nicht, was dein Land für dich tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt› – war so ein Satz, der hängen blieb.»
Zwischen den Gesprächen über internationale Politik und den stillen Stunden an seinem Fenster unter dem Dach begann das grosse Draussen langsam in Michaels Denken einzudringen. Die weite Welt jenseits des Städtchens wurde realer, nahbarer. Es war, als ob sich etwas öffnen würde, ohne dass er selbst einen Schritt gehen musste.
Sprachlosigkeit und das leise Fragen
Und doch blieb vieles ungesagt. Zu Hause herrschte eine Art Sprachlosigkeit, die schwer zu greifen war. Es wurde geredet, ja – oft sogar viel –, aber selten über das Eigentliche. Über Gefühle sprach man nicht. Zweifel fanden keinen Raum. Sehnsüchte blieben unausgesprochen.
Michael lernte früh, dass manche Fragen einfach nicht gestellt wurden. Also stellte er sie sich selbst. Er fragte sich, warum Dinge so waren,
wie sie waren. Warum Rollen so festgelegt wurden. Warum Loyalitäten oft mehr galten als das eigene Empfinden.
«Ich war neugierig. Ich wollte verstehen», sagt er. «Mein Vater hat immer gesagt: ‹Du bist ein Frager.› Und er hatte recht.»
Dieses ständige Fragen wurde zu einem inneren Antrieb. Es machte ihn zum Beobachter, aber auch zum Rebellen – leise, fast unsichtbar, aber unbeirrbar. Wo andere die Erklärungen der Erwachsenen hinnahmen, begann Michael, unter die Oberfläche zu schauen. Er wollte Zusammenhänge sehen, nicht nur Fakten.
Oft sass er in seinem kleinen Zimmer, blickte aus dem Fenster auf die Strasse und stellte sich weiter vor, was in den Häusern geschah, die er sah. Dort drüben, dachte er, leben andere Familien. Vielleicht reden sie anders. Vielleicht stellen sie Fragen, die bei uns nie ausgesprochen werden. Dieses Gefühl, dass es immer noch etwas jenseits des Sichtbaren gibt, liess ihn nicht los.
Zwischen all dem gab es persönliche Entdeckungen, die sein Selbstverständnis prägten. Michael spricht von dieser Zeit als ein «langsames Aufwachen», auch in Bezug auf seine Sexualität. Vieles geschah beiläufig, tastend, unausgesprochen – und genau dadurch intensiv. «Es war eine andere Zeit», sagt er. «Kein Internet, kein Grindr, keine Worte für vieles. Man probierte aus, tastete sich vor. Vieles war unausgesprochen, aber intensiv und echt.»
Da waren Momente, die fast unscheinbar wirkten und doch in Erinnerung blieben: ein Blick, der länger hielt, als er sollte; ein Gespräch, das plötzlich eine neue Tiefe bekam; die Ahnung, dass es da noch ein anderes Ich gab, das langsam Form annahm. Diese Entdeckungen zeigten sich nicht als lauter Bruch, sondern wie ein Flüstern, das langsam immer deutlicher wurde.
Gleichzeitig setzte das Umfeld Grenzen. Worte für das, was man fühlte, blieben ungehört, Michael selbst fühlte sich unverstanden. Erlebte zwischen Welten: auf der einen Seite die klaren Erwartungen von Familie und Gesellschaft, auf der anderen Seite eine innere Realität, die noch keinen Namen hatte. Es war ein Spannungsfeld, das er kaum greifen konnte – also schwieg er, beobachtete, suchte weiter.
Selbstbestimmung lernen
Rückblickend beschreibt Michael diese Jahre als eine ständige Balance zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Er nahm Rollen an, aber nie blind. Er machte mit, wenn es sinnvoll schien, aber er wusste auch, wann eine Grenze zu ziehen war.
«Ich wollte Strukturen verstehen», sagt er. «Aber ich wollte nicht in ihnen gefangen sein.»
Dieses Bedürfnis zeigte sich in vielen kleinen Entscheidungen. Altgriechisch verweigern, als der Vater es forderte – ohne dass Michael dies verbal breittreten musste; er tat es einfach, was Ausdruck eines echten, inneren Widerstandes war. Das ungeliebte Fahrrad hinnehmen, aber nie lieben. Und später: Wege einschlagen, ohne genau zu wissen, wohin sie führen würden – einfach, weil er spürte, dass er sie gehen musste.
Und es bewahrheitete sich weiter in seinem Leben: Die Juristerei schenkte ihm eine Sprache, die er lange vermisst und gesucht hatte. Plötzlich konnte er Begriffe für Dinge finden, die vorher diffus waren. Die Sprachlosigkeit, die seinen bisherigen Weg mitbestimmte, begann sich aufzulösen.
«Das Studium hat mir die Worte zurückgegeben» sagt Michael. «Plötzlich konnte ich benennen, was ich spürte. Und das war wie ein Befreiungsschlag.»