Hörmen … verzeichnet
Hörmen … verzeichnet
ISBN 978-3-7225-0120-8
Projektleitung: Erich Marti
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage 2010
Alle Rechte vorbehalten © 2010 hep verlag ag, Bern
hep verlag ag Brunngasse 36 CH-3011 Bern www.ott-verlag.ch
Inhalt
Vorwort – Simone Thalmann Wenger
Seele der Holzpferde – Marco Ratschiller
Bau(m)stelle – Röhrchenfeder, 30 42 cm, Privatbesitz
Vorwort
Hörmen capriccioso
Es ist mir eine Ehre, Herman Schmutz als Hörmen capriccioso vorstellen zu dürfen. 1
SIMONE THALMANN WENGER

Mit dem Begriff «Capriccio» 2 versucht die Kunsttheorie seit mehr als 400 Jahren Kunstwerke in den Sprach-Griff zu bekommen, die es sich zur Regel gemacht haben, sich Regeln zu entziehen, ohne diese Regeln ausser Kraft zu setzen. Kurzum, das Capriccio ist der freie Geist der Kunst. Welcher Begriff also vermag treffender als das Capriccio die Kunst von Herman Schmutz (Hörmen) zu beschreiben?! «Kapriziös» nennen wir auch heute noch die Züge der menschlichen Verhaltensweisen und geistigen Disposition, für die wir keine Erklärungen finden: den Impuls, einen dreisten Einfall, eigenwillige und spontane Hingabe an jegliche Launen. Oder anders gesagt: Alles, was über Normen und Grenzen des Erwartbaren hinausreicht, oder unorthodox, widersinnig und paradox erscheint. Es ist folglich nicht erstaunlich, dass nicht nur das Capriccio sondern auch Hörmen mit seinen Werken den Betrachter ganz empfindlich stört, stören will, verstören kann. Künstlerische Konventionen wie Perspektive, Komposition, Proportionen und viele mehr werden bewusst vieldeutig oder fragwürdig. Man spielt innovativ mit Irritationsmustern, die von Werk zu Werk selbst entwickelt werden. Kritisch, reizbar und streitbar werden das Fantastische und das Bedrohliche thematisiert. Das Capriccio und Hörmen lächeln beide über die heiteren oder lächerlichen Seiten und die Gefälligkeiten der menschlichen Seele und wagen es spielerisch verhüllt, Wahrheiten in bildlicher Form auszusprechen, die manch einer lieber nicht erwähnt haben möchte. Insofern steht besonders die gesellschaftskritische Wirklichkeitsbewältigung immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit, – ein Anliegen, das Hörmen mit seinen Vorbildern Käthe Kollwitz, Horst Janssen und Tomi Ungerer teilt. > verkehrstod-1 Hörmen hat sich vor allem mit grossem Können der agilen und autonomen Technik der Zeichnung – in der Drucktechnik der Radierung mit der Kaltnadel – zugewandt. Diese eignen sich – ob als Reiseskizze, freie Improvisation, Randeinfall, Cartoon, Karikatur, Gerichtszeichnung oder als kritische Notiz – besonders für einen direkten Zugang zum Gegenstand der Darstellung. > bernbundeshaus Es ist diese gekonnte, spontane und schnelle Vermittlung zwischen der objektiv erfahrbaren Welt und deren subjektiven Umsetzung und kritischen Deutung, welche sein gesamtes Oeuvre auszeichnet.


Dank seiner exzellenten Beobachtungsgabe kann Hörmen Landschaften, Architektur, Situationen, Personen und Themen in einem Blick erfassen. Mittels starker Reduktion vermag er so auch das Komplexeste wiederzugeben. Details werden wie kostbare Gewürze darüber gestreut. Immer wieder geht es Hörmen um das Ausloten von Grenzen des Darstellbaren. Dass dabei die Ambivalenz als Grundstimmung und Realitätserfahrung in all seinen Werken – ja selbst in den Cartoons und Karikaturen – erhalten bleibt, ist sein grosses Geheimnis. > kafipause-3 und smaragdechse So ist es nicht verwunderlich, dass sich besonders Hörmens Reiseskizzen, private Zeichnungen und Radierungen, ja selbst seine gemalten Werke mehr oder weniger einer direkten Übersetzbarkeit entziehen.


Selbst wenn ihnen handschriftliche, kritische Kommentare beigefügt sind, helfen diese nur wenig zur vollständigen Entschlüsselung. Zu gross ist hierbei meist die Konkurrenz zwischen Bild und Text. > kanderfirn Hörmens satirische Begabung und sein Wortwitz, seine Ruhe und Gelassenheit und sein unbestechlich kritisches Auge verleihen all seinen Werken ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Und wie er sich selbst zum Ziel setzt: «Ich suche beim Zeichnen die Symbiose der grossen Form mit den Details, ohne mir dabei einen Arm auszureissen.» > leseratte
Simone Thalmann Wenger ist Kunsthistorikerin lic. phil., Kulturmanagerin MAS UniBS und war Direktorin des Karikatur & Cartoon Museum Basel von 2004 bis 2008.
1 (ca|p|ric|cio|so: (in der Musik) eigenwillig, launenhaft, kapriziös, scherzhaft. In: Duden, Fremdwörterbuch, 2001) «Capriccioso» ist eine Vortragsanweisung! Und beschreibt somit die Art und Weise der Ausführung, Handhabung und Emotionalität einer künstlerischen Tätigkeit.
2 Die grossen, von Herman Schmutz verehrten Capriccio-Zeichner/-Graphiker: Jacques Callot (1592–1635): Capricci di varie figure. Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770): Capricci. Giovanni Battista Piranesi (1720–1778): Invenzioni Capricciose di Carceri. Franciso de Goya (1746–1828): Caprichos.
Der Urtrax oder die Rückeroberung – Röhrchenfeder, 50 70 cm, Privatbesitz
Fulvio Pelli
Die Seele der Holzpferde
MARCO RATSCHILLER
«Und kommen Sie mir jetzt bloss nicht mit diesem unseligen Tucholsky-Zitat», beschied vor einiger Zeit ein zutiefst verärgerter Leserbriefschreiber, dem es nicht genügte, sein Missfallen über einen satirischen Beitrag in unserer Zeitschrift zu Papier zu bringen, sondern vorweg auch schon festgelegt haben wollte, welche Gegenargumente er nicht ins Feld geführt sehen möchte.
Ob es im konkreten Fall ein Beitrag von Hermann Schmutz war, der zur Forderung geführt hatte, gefälligst nicht auf das allseits bekannte «Satire darf alles» zu verweisen, ist meiner Erinnerung entschwunden. Tatsache ist, dass «Hörmen» zuverlässig eine gewisse Grundauslastung unseres Leserbriefkastens zu garantieren vermochte. Und das ist gut so.
Der verärgerte Briefeschreiber hatte allerdings grundsätzlich nicht Unrecht: Im Werk des vor 75 Jahren verstorbenen deutschen Schriftstellers Kurt Tucholsky finden sich weit bessere Weisheiten, als dass man sich mit einem trotzigen «Satire darf alles» jeder Kritik am eigenen Schaffen zu entziehen versuchen müsste – und das Zitat, das für unsere Zeit und für dieses Buch kaum geeigneter sein könnte, heisst: «Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist.» Ist er das? Muss er das sein?
Offen gestanden: Der Glaube an starre Definitionen, Normen und Regeln ist mir in der Kunst- und Humorkritik seit Jahren zuwider. Früher hegte ich Bewunderung für Leute, die mit scheinbar fundierter Fachkompetenz ihr absolutes Urteil über gut oder schlecht, richtig oder falsch, über gelungene oder misslungene Pointen fällten und nur schon immer trennscharf wussten, was Humor oder Satire, was Karikatur oder Cartoon sei – obwohl es die letztgenannte Unterscheidung in den meisten Sprachen so gar nicht gibt. Heute bewundere ich bestenfalls die Fähigkeit dieser Leute, am neusten Stand des Forschungsdiskurses vorbei die eigene Subjektivität unbeirrt zur Norm erklären zu können.
Gerade um den Begriff der Karikatur ist, seit Annibale Carracci im 16. Jahrhundert seine ersten «überladenen» (= caricatura) Porträts von Handwerkern, Bettlern und Gauk-
lern anfertigte, eine unüberblickbare Zahl von Definitionsversuchen zusammengekommen, und dennoch ist mir bis jetzt noch keine restlos taugliche begegnet. Eigentlich würde ein Blick auf die heutige Breite bildsatirischer Techniken und Stile dafür genügen: Wer diese Gattung in Bausteine und Kompositionsregeln zerlegen will, muss zwangsläufig an ihrem steten Wandel scheitern. Und zwar, weil er die falsche Frage gestellt hat. Das eigentliche Wesen der Satire liegt weniger im «Womit?» als vielmehr im «Wozu?». Und hier kommt der gekränkte Idealist wieder ins Spiel.
Satiriker sind kleine Agitatoren. Sie wollen etwas bewegen. Ob es ihnen gelingt, ist zugegeben oft schwer zu ermitteln. Leichter ermitteln lässt sich, wie sie das tun – mit dem Bau von Trojanischen Pferden. Als Hülle des Pferdes dient der Humor, beziehungsweise all das, was an frechen Überzeichnungen, geistreichen Vereinfachungen oder überraschenden Vergleichen die Leute zum Schmunzeln und Nachdenken bringt. Die Fracht des Pferdes ist die Absicht, sein Gegenüber im Sinne der eigenen Analyse und Position zu beeinflussen.
Wie dies gelingt, hat zuerst einmal nichts mit richtig oder falsch, gut oder schlecht, links oder rechts zu tun. Sondern mit der Frage, wie der Karikaturist, Kolumnist oder Kabarettist beim jeweils angepeilten Zielpublikum reüssiert. So gesehen darf Satire alles – alles, was es braucht, um das Trojanische Pferd hinter die Stadtmauern zu bringen. Stösst Satire aber statt auf Zuspruch und konstruktiven Widerspruch nur noch auf einhellige Ablehnung, oder erntet Satire einzig den Beifall jener, die sie schon zuvor auf ihrer Seite hatte, hat sie ihr Ziel kaum erreicht. Dann ist das «Alles dürfen» nur die trotzige Ausflucht zum eigenen Scheitern.
Müssen Satiriker also gekränkte Idealisten sein? Idealisten, weil sie es im Gegensatz zu den meisten anderen nicht aufgegeben haben, in der Unübersichtlichkeit unserer pluralistischen Gesellschaft klare Positionen und Antworten zu suchen? Gekränkt, weil letztlich nur eigenes Leiden auch die Leidenschaft weckt, sich für etwas zu engagieren?
Mit Blick auf das, was uns heute im Bereich der satirischen Kunst oft geboten wird, kommt man nicht umhin zu vermuten, dass grösstenteils nur noch Trojanische Pferde
ohne Fracht unterwegs sind: gebaut nach den überlieferten Bauplänen, doch ohne ursprüngliche Bestimmung, auf eine lustige Pointe abzielend, doch ohne innere Mission.
Einen Hermann Schmutz wird man hier, wo Unterhaltung reiner Selbstzweck ist und die gesellschaftspolitische Botschaft eine austauschbare Geste, wo neben dem Zuckerbrot auch die Peitsche aus Marzipan gebacken wird, vergeblich suchen. Denn Hörmen ist in meinen Augen einer der wenigen echten «gekränkten Idealisten» der Schweizer Karikaturszene – und nach den vorangegangenen Zeilen dürfte klar sein, weshalb das ausschliesslich als Kompliment zu verstehen ist. In seinen Arbeiten ist der 1943 geborene Thuner, der seit Mitte der siebziger Jahre regelmässig zur spitzen Feder greift und seit 1983 zum festen Nebelspalter-Inventar gehört, seiner Mission immer treu geblieben. In seinen Werken zeigt sich nicht nur der beharrliche Kämpfer – allem voran in seiner Sorge um unsere Umwelt – sondern auch ein sensibler Beobachter und ein begnadeter Zeichner. Dies und vielleicht auch die richtige Entscheidung, beruflich bei allem Erfolg nicht alles allein auf die Karte Pressezeichner zu setzen, sind die Gründe, weshalb sich in Hörmens Arbeiten nie die erstarrte Routine vieler Baukasten-Karikaturisten eingestellt hat, weshalb in seinen Zeichnungen fast immer das Ganze mehr ist als die Summe des Einzelnen. Man begegnet nicht formelhaften Konstrukten, sondern aus dem Papier heraus gearbeiteten Kompositionen, in denen die Energie ihres Entstehungsprozesses noch spürbar ist. Oder anders formuliert: Hörmens Trojanische Pferde haben – wie dieses Buch eindrücklich vermittelt – nicht allein «Aussenhülle» und «Frachtraum», sondern immer wieder auch eine Seele.
Marco Ratschiller ist seit 2005 Chefredaktor des «Nebelspalter» und hat Zeitgeschichte und Germanistik studiert.
… hommage à moi
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