JÜRG ALDER
THOMAS MÜLLER
HANS M. OTT
JON KELLER

THUN-THUNERSEE
JÜRG ALDER THOMAS MÜLLER
HANS M. OTT
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JÜRG ALDER
THOMAS MÜLLER
HANS M. OTT
JON KELLER

THUN-THUNERSEE
HANS M. OTT
Ein Jahrhundert Gastfreundschaft

«Hundert Jahre Gastfreundschaft» – dieses Jubiläum ist weit mehr als ein Rückblick auf vergangene Zeiten. Es ist eine Einladung, innezuhalten und die Entwicklung unserer Region zu würdigen, welche seit einem Jahrhundert Gäste aus nah und fern willkommen heisst.
Die Stadt Thun und der Thunersee stehen seit jeher für landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und eine Gastfreundschaft, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Was vor über hundert Jahren mit ersten Hotels, Pensionen und Ausflugsschiffen begann, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem vielseitigen, lebendigen und modernen Tourismus entwickelt. Die Region hat sich weiterentwickelt, ist mit den Bedürfnissen ihrer Gäste gewachsen und hat dabei stets ihre Identität bewahrt. Die beeindruckende Kulisse aus See und Alpen, die historische Stadt, die Seegemeinden entlang beider Ufer und die Menschen, die hier leben und arbeiten, bilden gemeinsam das Fundament dieser Erfolgsgeschichte.
Diese Jubiläumsschrift erzählt Ihnen von Pioniergeist und Innovationsfreude, von Herausforderungen und Aufbrüchen, von Kontinuität, Kooperation und Wandel. Sie beleuchtet Meilensteine der touristischen Entwicklung, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigt, wie eng die Geschichte des Tourismus mit der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Region verbunden ist. Dabei wird deutlich: Gastfreundschaft am Thunersee ist nicht nur ein Angebot, sondern eine gewachsene Haltung – geprägt von Offenheit, Qualität und echter Verbundenheit mit dem Ort.
Die folgenden Berichte laden dazu ein, einzutauchen in hundert Jahre gelebte Gastfreundschaft. Sie bieten Einblicke in vergangene Epochen, erzählen persönliche Geschichten und werfen zugleich einen Blick in die Zukunft des Tourismus in Thun und am Thunersee. Mögen sie zum Lesen, Entdecken und Nachdenken anregen – und dazu beitragen, das Bewusstsein für den Wert dieser einzigartigen Region und ihrer Menschen weiter zu stärken.
Dieses Jubiläum gibt aber auch Anlass zu grosser Dankbarkeit gegenüber all jenen, die den Tourismus in den letzten hundert Jahren geprägt haben, und zugleich Ansporn, die Erfolgsgeschichte mit Engagement, Verantwortungsbewusstsein und Herzblut fortzuschreiben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre und viel Freude beim Erkunden.
Michel Weber, Präsident Thun-Thunersee Tourismus

Ursula Haller und Lotti Bugmann «überlegten immer neu, wie eine gute Führung ablaufen konnte»


«Hauptzweck von TTST ist, unsere Leistungsträger


Idylle am unteren Thunersee –Morgenstimmung auf dem Kanderdelta bei Einigen.


Ein Jahrhundert Gastfreundschaft // Faszination Thunersee – die Anfänge
Jahrtausendelang betraten kaum Freizeit-Reisende die Thunersee-Region oder die Hochalpen – Tourismus im heutigen Sinne gab es nicht. Erst Jahrzehnte nachdem die erste befahrbare Landstrasse zwischen Bern und Thun gegen Ende des 18. Jahrhunderts fertig geworden war, öffneten in unserer Region die ersten Unterkünfte für Reisende ihre Türen. Ab 1835 revolutionierte die Dampfschifffahrt auf dem Thunersee die Anreise Richtung Alpen. Vorerst entdeckten nur Privilegierte wie der Komponist Johannes Brahms, der Maler William Turner oder der Dichter Johann Wolfgang von Goethe den Thunersee und die Faszination der Hochalpen.
Bild: Die Sonne schickt letzte Strahlen aus dem Simmental auf die Alpweiden oberhalb Sigriswil.
Voraussetzung für jede touristische Entwicklung ist die Magie einer Gegend: Das gewaltige Panorama mit Stadt, See und Hochgebirge lockt seit über 200 Jahren Gäste aus nah und fern nach Thun und ins Berner Oberland.
Das Berner Oberland war schon früh eine begehrte Reisedestination. Thun erlebte seine touristische Blütezeit bereits lange vor der um 1870 beginnenden Belle Époque und entwickelte sich zum wichtigsten Fremdenverkehrszentrum der Region. Dies lag an der geografisch günstigen Verkehrslage und vor allem an der beeindruckenden Szenerie: Die mittelalterliche Stadt am Thunersee bot eine einzigartige Aussicht auf die heroische Gebirgs- und Gletscherwelt sowie das liebliche See- und Hügelland, eingerahmt von der schroffen Stockhornkette und der markanten Niesenpyramide.
Die einstige Furcht vor den mächtigen Eisriesen wandelte sich im 18. Jahrhundert durch Erforschung, sportliche Erschliessung und künstlerische Auseinandersetzung in Faszination. Berichte und Gemälde von Dichtern und Malern über die Alpenwelt sowie die Begeisterung für Naturschönheiten lockten immer mehr Reisende – darunter etwa Johann Wolfgang von Goethe, Marquard Wocher, Heinrich von Kleist, Henri Dufour, Napoleon der Dritte, Ferdinand Hodler, Johannes Brahms, Rainer Maria Rilke, Robert Walser, König Feisal I. oder Ralph Benatzky, um nur die prominentesten unter ihnen in der Reihenfolge ihrer Biografien zu erwähnen.
Der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt soll 1836 das Panorama von Thun, nach Konstantinopel und Neapel, als das schönste der Welt bezeichnet haben. Es ist daher kaum ein Zufall, dass Denis Abraham Alfred de Rougemont, einer der reichsten Schweizer jener Zeit, 1837 ein Grundstück direkt am See erwarb – mitsamt dem Dorf Scherzligen. Dort errichtete er das heutige Schloss Schadau, mit bestem Blick auf das Panorama.
Von Reisetagebüchern bis zum «Baedeker»
Die Schweiz zählte zu den ersten Tourismusdestinationen, für die Reiseführer verwendet wurden. Schon im 17. Jahrhundert dienten Reisetagebücher der europäischen Oberschicht auf ihrer «Grand Tour» als Handbücher.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verfasste der Berner Theologe und Naturwissenschaftler Jacob Samuel Wyttenbach den ersten klassischen Reiseführer. Aufgrund seiner Bergexpeditionen wusste er viel über alpine Topografie und Reisetechnik. Sein Werk «Kurze Anleitung für diejenigen welche eine Reise durch einen Theil der merkwürdigsten Alpengegenden, Grindelwald und über Meiringen auf Bern zurück machen wollen» von 1777 war für Johann Wolfgang von Goethe ein wichtiger Begleiter auf dessen Tour durch das Oberland im Jahr 1779.
Als Standardwerk für die Schweiz etablierte sich Johann Gottfried Ebels «Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen» (1793). Der Klassiker der Oberländer Reiseliteratur war Johann Rudolf Wyss d. J. «Reise in das Berner Oberland» (1816). Ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts prägte der deutsche Verleger Karl Baedeker mit seinen bekannten roten Handbüchern die Reiserouten nachhaltig.
Mildes Klima und «herzhaft Volk»
Das Klima am Thunersee wurde im Gegensatz zum unberechenbaren Bergwetter als äusserst vorteilhaft beworben. Geschützt durch umliegende Hügel und durch den mässigenden Einfluss des Sees wurde das Klima als sehr mild charakterisiert – nicht umsonst war die Gegend im Mittelalter ein bedeutendes Weinbauzentrum. Die Region eignete sich daher hervorragend für Erholungsuchende, die auch Bade- und Molkenkuren schätzten.
Die Charakterisierung der Oberländer in der Reiseliteratur war vielfältig: Chronist Johannes Stumpf beschrieb sie vor rund 450 Jahren als «ein schon gerad, männlich und herz -


Mit dem Bau des neuen Thuner Bahnhofs im Jahr 1923 zog das Verkehrsbüro von der Hofstettenstrasse und der Ländte Scherzligen in dessen Westflügel. Das Foto wurde 1962 aufgenommen. Ein Jahrhundert Gastfreundschaft // Faszination

Gezielte Anwerbung von Gästen kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf – so etwa auf diesem Plakat, das das Berner Oberland und die BahnErschliessung anpreist.

Wandgemälde im Bahnhof Thun von Werner Engel. Druck und Verlag der Buchdruckerei W. Stämpfli, Thun.

Auch Gäste aus Frankreich und der Westschweiz sollten angesprochen werden. Plakat und Postkarte von Hugo d'Alési um 1898.
Ein Jahrhundert Gastfreundschaft // Faszination Thunersee – die Anfänge
haft Volk». Johann Rudolf Wyss nannte den Oberländer «zufrieden, witzig, rein, heiter, angenehm gleichmütig, gastfreundlich, höflich und ruhig, aber auch in sich gekehrt und ein wenig abergläubisch». Er verfüge über einen gesunden Verstand und eine feinere Sprache als der Emmentaler, sei aber weniger gebildet. Der Schweizer Theologe Edouard de Muralt ergänzte 1865, dass Oberländer «schlank und gewandt» seien, während Emmentaler eher «sehnig und gedrungen» aufträten. Typisch sei die Gemächlichkeit und eine gewisse Bequemlichkeit; der Oberländer sei zufrieden mit dem, was ihm die Natur gibt, und belächle jene, die ihr Leben für bessere Kleidung und Kost mit Arbeit verbringen.
«Vornehmste Berner Stadt», und doch «sehr schlecht gebaut»?
Die Anreise nach Thun erfolgte meistens von Bern her. Während man heute in etwa 20 Minuten mit dem Zug fährt, musste man sich um 1790 mit einer Kutsche begnügen, die für die holprige und staubige Fahrt drei bis fünf Stunden brauchte. Die Landstrasse zwischen Thun und Bern, seit 1772 bestehend, war für die damalige Zeit relativ gut ausgebaut. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts fuhr mehrmals wöchentlich eine vierplätzige Diligence von Bern nach Thun. Hier stiegen Reisende auf das Postschiff um, das zweimal wöchentlich die gefährliche Aare abwärts nach Bern fuhr, aber von schnaubenden Pferden wieder zurück nach Thun gezogen werden musste.
Die Urteile über die Stadt Thun fielen kontrovers aus: Positive Stimmen, wie die des Chronisten Stumpf im 16. Jahrhundert, sprachen von einer herrlichen, gar von der vornehmsten Berner Stadt. Auch spätere Reisebeschreibungen nannten sie «schön», «fein» oder «niedlich».
Kritische Stimmen der deutschen Besucher der 1780er und 1790er Jahre, wie die des Pfarrers Johann Philipp Storr oder des Adligen J. W. Freiherr von Reinach, fanden das Städtchen zwar wohlgelegen, aber sehr schlecht gebaut. Der Gelehrte Karl Spazier meinte, man brauche sich in der Stadt selbst
nicht lange aufzuhalten; abgesehen von der hübschen Lage an der Aare und der Aussicht von Schloss und Kirche biete die Stadt inwendig nichts, das einen Fremden unterhalten könnte – abgesehen vom grossen, gut eingerichteten Gasthof Freienhof, in dem sogar der spätere König Karl X. logierte.
Früherer Etappenort erhielt immer mehr Anerkennung
Es scheint, dass Thun eher Etappenort als eigentliches Reiseziel war. In Reiseführern wurde die Stadt als «klein und ziemlich unbedeutend» beschrieben, die ausser ihrer schönen Lage «nichts bietet, was den Reisenden zu einem Aufenthalt veranlassen könnte». Hier begann das grosse Erlebnis einer Oberlandreise.
Der Maler Franz Niklaus König fasste es 1815 treffend zusammen: Die Stadt sei nicht eigentlich schön, aber «ihre Umgebung voller Anmut, Stil und Mannigfaltigkeit». Thun war der Vereinigungspunkt aller Strassen in die Oberländer Täler und somit ein wohlgelegener Handelsplatz in einer der angenehmsten Gegenden der Schweiz.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erhielt die laut Niklaus König «kleine Stadt im Canton Bern» aufgrund ihrer Lage immer mehr Lob. Touristisch entwickelte sie sich mit der Eröffnung von Fremdenverkehrs-Etablissements im Hofstettenquartier der Gebrüder Knechtenhofer ab 1831 sowie der Einführung der Dampfschifffahrt 1835. Bereits 1840 wurde Thun zugestanden, dass man sich hier monatelang aufhalten könne. Im ersten Reiseführer von Baedeker 1844 wurde das Knechtenhofersche «Bellevue» sogar als eines der besten Hotels der Schweiz erwähnt.
Thomas Müller
Quellen:
– Gastort Thun, Isabelle Schletti und Jon Keller, Verlag Zytglogge 2012
– Die Entwicklung des Fremdenverkehrs in Thun von Paul Fischer, 1953
– Sommer 1976: 177f; Zellweger 2002: 2
– Wanderungen durch die Schweiz, Karl Spazier 1790
– Franz Niklaus König «Reise in die Alpen» 1815
– Bähler 2007: 186; Wyss 1838: Baedeker 1844: 144ff, Volma 1946: 53f

Die Panoramen dieser beiden Postkarten aus dem Jahr 1902 (oben und rechts) vermittelten sowohl geografische Orientierung wie auch eine idyllisierte Vorstellung der Thunersee-Region.




Was fasziniert Touristinnen und Touristen, die heute an den Thunersee reisen? Auch wenn manche Erlebnisse naturgemäss durch Herkunft und Kultur der Reisenden geprägt sind, lassen das klare Wasser des Sees, die atemberaubende Kulisse der Hochalpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau oder die malerischen Schlösser kaum jemanden unbeeindruckt. Aber nicht nur die zauberhaften Anblicke motivieren, sondern auch die breite Palette an möglichen Aktivitäten – sei es Wassersport, Wandern, Klettern oder Biken, sei es eine Schifffahrt auf dem See oder ein kulturelles Erlebnis.
Bild: Dank einem Hauch Nostalgie, Ruhe und Gelassenheit kann der Schneesport in Schwanden entspannt genossen werden.

Gerold Kunz, 62, ist ehemaliger Denkmalpfleger des Kantons Nidwalden. Als Fachmann geniesst er einen Aufenthalt im historischen Hotel Schloss Schadau besonders.
Gerold Kunz, woher kommen Sie?
Meine Frau und ich kommen aus Luzern und reisten gestern mit der Bahn via Bern hierher nach Thun. Wir bleiben nur eine Nacht.
Wie sind Sie auf das Schloss Schadau gekommen?
Das Schloss Schadau ist mir seit der Renovation und dem Einbau von Hotelzimmern bekannt. Ich war ja ursprünglich Denkmalpfleger im Kanton Nidwalden, in unseren Kreisen hat man davon erzählt. Das war für mich als Architekt ein Grund, zu kommen. Ich darf auch erwähnen, dass ich diese Übernachtung von meiner Schwägerin und meinem Schwager geschenkt bekommen habe.
Sie sind also ein Gast, der die Nutzung eines historischen Gebäudes beurteilen kann! Ja, ich bin sehr interessiert. Wenn ein historisches Gebäude in einen Beherbergungsbetrieb verwandelt wird, sind ja sehr viele Auflagen zu erfüllen, sei es beim Brandschutz, bei Sicherheitsmassnahmen, Fluchtwegen usw. Hier im Schloss Schadau spürt man nichts von all dem, diese Massnahmen wurden sehr behutsam integriert. Wenn man sich im Haus bewegt, ist nichts davon sichtbar. In Stans war ich an der Umgestaltung
des ehemaligen Kapuzinerklosters zu einem Hotel beteiligt, dem «Culinarium Alpinum». Da stellten sich ähnliche Fragen.
Was gefällt Ihnen in Thun und am Thunersee am besten?
Speziell ist, dass man sich in einer Übergangssituation zwischen Mittelland und Alpen befindet. Man kann den Alpenkranz aus einer bestimmten Distanz betrachten – im Abendlicht, im Morgenlicht, mit Schnee oder mit Wolken. Das macht es sehr spannend.
Sie kennen diese Gegend auch von früheren Aufenthalten her?
Ja, wir kennen Thun ein bisschen. Wir sind oft in der Region Meiringen-Hasliberg, wo wir im Sommer gerne wandern. Auch dort besteht eine gewisse Distanz zu den Hochalpen.
Welche Aktivitäten pflegen Sie hier am liebsten?
Bei mir stehen immer Museumsbesuche und auch die Städte im Vordergrund. Wir besuchten gestern das Kunstmuseum Thun und das Schloss Thun.
Und was unternehmen Sie als Nächstes?
Heute Nachmittag wollen wir auf dem Weg zurück nach Luzern noch das Textilmuseum der Abegg-Stiftung in Riggisberg anschauen.
Interview: Jürg Alder
mich steht die Natur an erster Stelle!»
Herr Q., ein 40-jähriger Tourist aus Riad, Saudi-Arabien, hält sich acht Tage in der Schweiz auf – auch einige Tage im Hotel Aare in Thun.
Herr Q. will seinen Namen und sein Bild nicht veröffentlichen. Er arbeitet für einen saudischen Handelsbetrieb und hat eine Frau und drei Kinder, die in Riad geblieben sind.
Herr Q., was haben Sie in der Schweiz bereits gesehen?
Vieles! Ich war schon etwa zehnmal in der Schweiz. Meist in Genf, aber ich war auch in Interlaken, Zürich und Lugano. Wenn Sie die Schweiz besuchen wollen, genügt eine Woche nicht. Normalerweise bleibe ich zehn, zwölf Tage.
Was gefällt Ihnen am besten an der Schweiz?
Die Natur. Die Leute. Ein Teil des Essens – Fondue nämlich (schmunzelt). Wenn ich in der Schweiz bin, ziehe ich internationales Essen vor. Ich esse auch gerne Früchte hier. Sie sind immer frisch, man kann sie überall kaufen. Aber das Schweizer Essen … schwierig!
Was mögen Sie speziell an der Natur hier?
Seen, Wasserfälle, Berge – sie sind unglaublich. Und ausser Sonne auch Regen. Ich weiss, die Leute hier mögen ihn nicht. Aber für uns ist ein Regentag etwas Wunderbares. Bei uns haben wir selten Regen. Schnee mag ich weniger! Wenn man Schnee erstmals sieht, ist es wunderbar. Aber wir sind Schnee nicht gewohnt.
Was tun Sie am liebsten hier in der Schweiz?
Sightseeing und Spazieren. Und ich mag Schneesport. Ich lernte ein bisschen Skifahren. Ich fürchte zwar, mal das Genick zu brechen, aber im Grossen und Ganzen schaffe ich es (lacht)! Langsam, aber sicher. Ich fuhr Ski in Grindelwald, in Davos, auch in Courchevel, südlich von Genf.
Sie mögen Schnee nicht, aber Skifahren?
Ich möchte nicht in Gegenden mit Schnee wohnen, aber Schneesport mag ich. Ich lebte einige Zeit in den USA, deshalb weiss ich, was es heisst, im Schnee zu leben.
Und wie erleben Sie die Leute hier?
Sie sind sehr freundlich. Wenn du sie um etwas bittest, helfen sie dir. Die Leute hier gehören zu den freundlichsten der Welt. Sie wollen aber nicht unbedingt Freundschaften schliessen und fragen mich nicht, woher ich komme, wie das die Leute in Riad tun.
Wohin fahren Sie als Nächstes?
Übermorgen fahre ich noch für zwei Tage nach Genf, danach fliege ich zurück in mein Land.
Interview: Jürg Alder
Wang Yuting, 26, ist Buchhalterin in einer Halbleiterfabrik in Shanghai, China. Sie ist bereits zum zweiten Mal in der Schweiz und Gast im Hotel Krone in Thun.
Wang Yuting, woher kommen Sie?
Ich komme aus Shanghai, einer Stadt mit rund 25 Millionen Einwohnern. Ich lebe bei meinen Eltern.
Wie lange bleiben Sie in der Schweiz?
Zehn Tage. In China haben wir vom 1. bis 8. Oktober Nationalfeiertage. Ich nehme mir noch ein paar zusätzliche Urlaubstage. Ich bin zum zweiten Mal hier. Das erste Mal war 2019, damals besuchte ich als Austausch-Studentin Interlaken. Jetzt reise ich mit meiner Mutter, per Zug. Sie ist erstmals in der Schweiz. Wir waren bereits in Interlaken, in Kandersteg, am Oeschinensee und in Zermatt. Normalerweise bevorzuge ich jedoch Orte mit weniger Touristen.
Haben Sie das Matterhorn gesehen?
Ja! Als ich 2019 dort war, war das Wetter schlecht, ich sah es nicht. Aber dieses Mal war das Wetter sehr gut, ich sah es klar und deutlich. Und ich stand auf dem Schnee auf dem Gornergrat. In Shanghai gibt es sehr selten Schnee.
Kennen Sie auch andere Länder in Europa?
Ja, ich war 2019 Austauschstudentin in Arnhem in den Niederlanden. Damals besuchte ich auch Hamburg und Köln. Als Kind war ich schon etwa fünf Mal in Europa.

Warum haben Sie sich für ein Hotel in Thun entschieden?
Hier in Thun gibt es nicht viele Hotels, aber sie sind erschwinglicher. Thun ist eine gute Wahl! Die Schweiz ist sehr teuer, sogar viel teurer als Shanghai.
Welche Aktivitäten mögen Sie am liebsten hier?
Sightseeing und Spazieren. Immer auf leichten Wegen, ich steige nicht auf Berge. Das wäre mir zu anstrengend. Ich bin nicht sehr sportlich.
Wo sehen Sie Unterschiede in der Lebensweise hier und in Shanghai?
Im Lebens-Rhythmus. In Shanghai ist alles schnell. In Restaurants beispielsweise können wir sofort essen, aber hier in der Schweiz wartet man lange … Manchmal ist es mir zu langsam, besonders wenn ich hungrig bin (lacht)!
Wohin gehen Sie als Nächstes?
Heute besuchen meine Mutter und ich Luzern. Morgen Donnerstag fahren wir nach Locarno in der Südschweiz und am Samstag fliegen wir zurück nach Shanghai, mit der Swiss. Eines Tages werde ich in die Schweiz zurück kommen und weitere Regionen anschauen.
Interview: Jürg Alder
Als Goethe Thun besuchte, gab es in der Stadt noch keine Zeitung. Aber einem Chronisten hätte er nebenstehendes Interview geben können.

Es war am 9. Oktober 1779, frühmorgens, als Johann Wolfgang von Goethe einem zeitgenössischen Chronisten ein Interview gab – kurz vor seiner Weiterreise Richtung Oberland.
Der bekannte deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe war 1779 bereits zum zweiten Mal in der Schweiz. In Begleitung von Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, dem Kammerherrn von Wedel und seinem Diener Philipp Seidel verliess er Weimar im September 1779 und reiste über Frankfurt in die Schweiz. Am 8. Oktober gelangte die Gruppe per Pferdekutsche auf staubigen und holprigen Strassen nach Thun, das damals nur etwa 1500 Seelen zählte. Hier liessen sie sich in der «Wirtschaft zum Bären» nieder. Am andern Morgen um sechs Uhr fand der 30-Jährige kurz Zeit, einem Chronisten von damals einige Fragen zu beantworten, bevor er mit seinen Begleitern mit einem einfachen Holzboot mit Segel und Paddeln zu einer fünftägigen Reise ins Berner Oberland aufbrach.
Guten Morgen, Herr von Goethe. Vielen Dank, dass Sie sich noch kurz Zeit für ein Gespräch nehmen.
Johann Wolfgang von Goethe: Guten Morgen. Nun, die Majestät der Berge ruft. Nutzen wir die Zeit, solange der Weidling, der uns über den Thunersee bringen wird, noch nicht bereit ist.
Sie reisen mit mehreren Begleitern.
Weshalb eigentlich?
Jede dieser Persönlichkeiten trägt zum Reichtum dieser Reise bei. Der Herzog ist mein intellektueller Weggefährte, Wedel ein verlässlicher Kamerad, und Seidel kümmert sich um praktische Belange, damit wir uns ganz den Erlebnissen hingeben können. Er führt sogar mein Tagebuch.
Thun ist ein herrliches Städtchen, nicht wahr?
Um ehrlich zu sein: Meine Eindrücke sind wenig poetisch. Die Gassen eng und schmutzig, die Luft stickig, aus der Gerberei neben dem Gasthof stinkt’s fürchterlich. Es wim-
melt von Ratten. Sicher, ein pittoresker Ort mit all den Türmen und Toren und der Aussicht auf die Alpen. Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.
Und um schöne Aussichten zu geniessen ...
Ja, gestern Nachmittag stiegen wir über die steile Schlosstreppe auf den Schlossberg, wo wir vom alten Kirchhof einen Ausblick auf unseren weiteren Weg genossen. Danach machten wir noch einen Abstecher der Aare entlang bis zum See. Wir waren überwältigt vom Alpenpanorama.
Sie verbrachten die Nacht im «Bären».
Warum nicht in einem nobleren Haus?
Wir wären tatsächlich lieber im Hotel Freienhof abgestiegen, aber da steht nur noch eine Brandruine.
Ja, das Haus brannte vor 30 Jahren ab.
Quellen: thunensis.com/goethe-in-thun, Thun und seine Umgebungen 1840, Seite 99, Jenaer Tischgeschichten: Eine kulinarische Reise durch fünf Jahrhunderte, TT, 20.03.1982, Jürg Spori, Tourismusmuseum Unterseen, André Dähler, Auf Wanderschaft mit Goethe, Plattform J, 30.05.2021 Ein
Sie haben etwas Pech. Wie fühlen Sie sich gerade?
Ich bin trotz allem glücklich wie kaum zuvor! Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. In unberührter Natur kann man sich von den Beschränkungen des Alltags befreien und sich ganz der Betrachtung der Welt widmen.
Wie geht es nun weiter?
Zunächst nach Unterseen bei Interlaken, wo es feine Forellen geben soll. Auf der Weiterfahrt werden wir die Landschaft vom Wasser aus betrachten können – eine sehr romantische Perspektive. Später werden wir Lauterbrunnen besuchen und eine Bergtour machen, sofern das Wetter mitspielt.
Sie sind sehr bekannt. Andernorts wurden Strassen und Häuser nach Ihnen benannt, sogar Denkmäler errichtet. Vielleicht auch hier?
Ach, das wird die Zeit zeigen – aber wohl kaum in Thun. Doch wer weiss, in ferner Zukunft …
Vielleicht im Jahr 2029, zum 250. Jahrestag Ihres Besuches! Gute Weiterreise, Herr von Goethe!
Fiktives Interview: Thomas Müller