weniger Ablenkung
REGIONENÜBERSICHT
DER MENSCH HEISST MENSCH
Zum 30. Mal erscheint heuer das Hotelrating Schweiz; zum 14. Mal als Buch im Weber Verlag, zum zweiten Mal in der NZZ am Sonntag. Verglichen mit meinem Vorgänger, dem Gründer Karl Wild, habe ich nicht viel zum Jubiläum beigetragen. Umso mehr freue ich mich aufs Kommende. Es ist das zweite Jahr meiner Präsenz in der Szene, die massiv im Wandel ist, und einiges hat sich auch bei uns verändert. Schön, wenn man es, wie in einem guten Hotel, erst gar nicht bemerkt. Trotzdem bleibt unsere neunköpfige Redaktion (Seite 46) sichtbar, aktiv und konstruktiv am Markt. Wir sind fassbar in den Hotels unterwegs, mysteriöse Checks und Listing Fees gibt es bei uns nicht, und weil wir mit offenen Karten spielen, stehen wir auch dazu, dass wir diese umfassende journalistische Recherche gar nicht ohne Mithilfe der Branche realisieren könnten. Für alle unsere Besuche gelten die selben Spielregeln, die selbe Charta (Seite 51) und so haben auch alle die selben Chancen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Die Hardware stuft HotellerieSuisse ein. Danke dem Präsidenten Martin
von Moos für die Unterstützung und den motivierenden Ansporn (Seite 447). Unser Hotelrating fusst auf der Sternebewertung und natürlich auf einem Zusammenzug von valablen Gästebewertungen und etlichen anderen Bewertungskriterien (Seite 46). Auch danke ich unserem inspirierenden Beirat (Seite 49), der wesentlich zur Veränderung beiträgt. Einige Ideen haben wir in diesem Jahr bereits umgesetzt. Es mag banal klingen, aber was ist der Unterschied zwischen einem Wellness- und einem Wellbeing-Hotel? Wir zeichnen Wellbeing-Hotels aus, weil Wellnessbereiche heute zum Standard gehören. Nun gut, alles wird besser.
Für das vorliegende Rating haben wir weitaus mehr als 150 Hotels besucht und bewertet. Überall unterhalten wir uns mit den Verantwortlichen und tauschen uns über ihre Strategien, ihre Investitionspläne, ihre Herausforderungen, ihre unfairen Vorteile und ihre guten Gäste und Überzeugungen aus. Diese Gespräche sind für mich der Goldstandard. Ich werde oft gefragt, was wir höher gewichten: Hard- oder Soft-




ware? Die Antwort ist simpel, wir gewichten die Lust am Gastgebersein und das kann man nur, wenn man holistisch nachhaltig denkt. Unser Investor des Jahres, Michel Reybier (Seite 35), tut das und sieht sich gar nicht als Investor, sondern als Hotelier. Seine stoische Haltung, den Gast oder die Kundin in allen Geschäftsbereichen an erste Stelle zu setzen, überzeugt. Natürlich können das alle Unternehmerinnen und Unternehmer behaupten, aber wenn ich den internationalen Track Record in den 14 verschiedenen Branchen anschaue, in denen Michel Reybier in den letzten 60 Jahren erfolgreich tätig war und ist, dann muss seine Aussage Hand und Fuss haben. Jedenfalls hat er die touristische Landschaft der Schweiz in den letzten beiden Jahrzehnten bereichert wie kein anderer. Er bezeichnet die Hotellerie als «Schwerindustrie» und wenn man seine langfristige Milliarden-Investition in dieser Branche analysiert, kann man ihm diese Feststellung kaum absprechen. Die Schweiz braucht keine Gastnehmer, sondern Gastgeber. Genau wie Brigitte und Christian Hoefliger-von Siebenthal, unsere Hoteliers des Jahres (Seite 19). Sie haben in ihrer Maison Hornberg etwas geschafft, das nur die wenigsten hinkriegen. Kein einfacher Weg, weil bei ihnen Nähe vor Grösse kommt. Trotz der Möglichkeiten «schützen» sie ihre Gäste, indem sie das bleiben wollen, was eine Maison, ein Zuhause eben sein sollte. Für mich die wahre Grösse. Die grösste Freude an meiner Arbeit als Hoteltester bleiben die Menschen. Dass ich einige herausragende Persönlichkeiten stellvertretend für alle Profis, die sich täglich für den Gast einsetzen, hier auszeichnen darf, motiviert mich, transparent, authentisch und fair zu bleiben. Okay, ich kann auch lustig sein. Aber eigentlich wollte ich weniger von mir und viel mehr vom Neuen in diesem Andrin Willi Hotelrating 2026/27 erzählen.
Den Mutmacher-Preis (Seite 37) haben wir neu ins Leben gerufen. Er würdigt Gastgeberinnen und Gastgeber und soll sie zum Weitermachen, zum Dranbleiben motivieren. Verständlich, wenn «die Lötschentaler» den Kopf ins Geröll gesteckt hätten, das Blatten und ihre Existenzen am 28. Mai 2025 zerstört hat. Haben sie aber nicht. Darum zeichnen wir sie aus und auch, um weiterhin auf die Destination aufmerksam zu machen, denn die (über-)lebt nicht von Unterstützungshilfen, sondern von
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aktiven Besucherinnen und Besuchern. Zugegeben, es stimmt mich nachdenklich, wenn ich von «schöner Natur» lese oder sie beschreibe. Da ist nichts Schönes an der Grausamkeit der Gewalten und ich selbst trage genug dazu bei, dass diese Gewalten auch in Zukunft auftreten werden. Trotzdem: Der Mensch heisst Mensch und er ist selbst des Menschen beste Medizin. Kurze Denkpause. Dann auf, zum Momentum!
Im vergangenen Jahr haben wir die Kategorie der 4-Sterne-Ferienhotels von den Nice-Price-Ferienhotels abgekoppelt, in diesem Jahr haben wir diese Kategorie bereinigt und die Kategorie der 3-Sterne-Ferienhotels eingeführt. Eine stringente Entscheidung, die noch deutlicher macht, dass das Andrin Willi Hotelrating Schweiz nicht einfach ein Klassentreffen der Fünfsternehoteliers ist. Im Gegenteil. In diesem Jahr haben wir knapp 70 Hotels im 4-SterneBereich besucht. Das ist die doppelte Anzahl von jenen, die es in die Liste geschafft haben. 25 Hotels zeichnen wir in der neuen Kategorie der 3-Sterne-Ferienhotels aus und ich freue mich, hier künftig noch genauer hinsehen zu können. Aber
nicht nur hier, sondern ganz generell. Die Konsequenz davon ist unvermeidbar. Sie heisst Dynamik und führt dazu, dass es viele Bewegungen auf den Listen gibt und geben wird. Ich bedaure, dass es einige Hotels in diesem Jahr nicht mehr ins Rating geschafft haben. Dafür andere. Die Verantwortung übernehme ich, aber der Weg dorthin erfolgt nicht im stillen Kämmerlein, sondern an unserer Redaktionskonferenz. Recherchieren, bewerten, beschreiben und diskutieren. Das tun wir. Engagiert und differenziert entsteht daraus unsere Einordnung. Sind wir uns immer einig? Nein! Können wir anhand unserer Vorgehensweise Qualität begründen? Ja. Und weil dem so ist, hat jedes Hotel, das es in diesem Jahr nicht geschafft hat, im nächsten Jahr wieder eine faire Chance, weil unser Rating eben nicht statisch, sondern auch nur eine Art «Momentum» ist. What else?
Damit es uns in der «schönen Schweiz» nicht zu gemütlich wird, haben wir eine weitere Kategorie ins Leben gerufen. Wir begeben uns auf Studienreise, wagen den Blick über die Grenzen und zeichnen fünf schweiznahe Trouvaillen aus. Das sind Sympathie-Hotels, die uns ins-
REIN IN DIE RUHE.
pirieren. Die anderen 15 Trouvaillen befinden sich nach wie vor in der Schweiz und es bestehen keinerlei Bestrebungen, auch nicht mittels künstlicher Intelligenz, noch ein internationales Hotelrating zu erzwängen, obschon KI im Journalismus und auch in der Hotellerie nicht mehr aus dem Arbeitsalltag wegzudenken ist. Apropos: kennen Sie Carl Benedikt Frey? Er ist Professor für die Zukunft der Arbeit in Oxford und im Interview in «Die Zeit N° 6» gibt er sich hinsichtlich aller Automatisierbarkeit der Arbeit erstaunlich optimistisch.
Folgendes Zitat ist mir aufgefallen: «Man kann ChatGPT nach einem Wein fragen – aber viele Menschen schätzen die menschliche Interaktion». Kein Job sei absolut sicher vor KI und Automatisierbarkeit, denn nicht der einzelne Beruf und das damit einhergehende Handwerk werde neu gestaltet, sondern der gesamte Prozess. Unsere Art der Arbeit verändert sich, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man Hotels weder künstlich betreiben noch beschreiben sollte. Natürlich kann man ChatGPT nach einem Hotel fragen, aber Menschen schätzen die menschliche Interaktion. Das Andrin Willi
Hotelrating Schweiz ist voll davon. Darum gratuliere ich im Namen des renommiertesten, relevantesten und traditionsreichsten Hotelratings der Schweiz allen, die darin vorkommen, aus voller Überzeugung und tiefem Herzen. Well deserved! Hier sind sie, die ausgezeichneten Persönlichkeiten, das Hotel des Jahres und die besten Hotels der Schweiz 2026/27.
Viel Spass beim Reisen und Entdecken!
Andrin Willi Autor
HÔTEL DES HORLOGERS, VALLÉE DE JOUX, LE BRASSUS
André Cheminade, General Manager
Unser avantgardistisches Hotel des Jahres fliegt ein bisschen unter dem Radar. Nun ja, Diskretion ist in der Vallée de Joux, die zahlreiche berühmte Uhrenmanufakturen und dadurch viele internationale VIP beherbergt, gang und gäbe. Architektonisch, baulich und operationell zieht auch das Hôtel des Horlogers als strahlendes Vorbild Designliebhaberinnen, Architekturfreunde und -studierende aus der ganzen Welt an. Energieoptimierung, das Bewusstsein für die Umwelt, der ökologische Fussabdruck und die Erschaffung eines Gebäudes mit geringer Umweltbelastung standen im Zentrum. Der international und lokal verwurzelte GM André Cheminade sorgt
mit seinem Team auch dafür, dass das Gästeerlebnis als überdurchschnittlich empfunden wird. «Dafür trainieren, trainieren und trainieren wir», sagt er. Ausgezeichnet wurde er auch mit dem «EHMA Best Practices Award» für zukunftsweisende Praktiken und Ideen der Hotellerie. Das organisch vibrierende Gebäude, das der Topografie des Tales folgt, wurde im Auftrag von Audemars Piguet als Designstück von der Bjarke Ingels Group entworfen. Für das Interior-Design ist Pierre Miniassian verantwortlich. Eine Meisterleistung, die ans nur wenige Schritte entfernte Museum Atelier Audemars Piguet anknüpft und für alle offen steht. Weltklasse!
HOTEL DES JAHRES
lestroisrois.com
BRIGITTE UND CHRISTIAN HOEFLIGER-VON SIEBENTHAL
Gastgeber und Besitzer, Maison Hornberg, Saanenmöser
HOTELIERS DES JAHRES
Was 1936 als Bauernhof-Pension mit Werner und Helene von SiebenthalHauswirth und 24 Betten begann, wurde von der zweiten Generation, Elisabeth und Peter von SiebenthalWild, bis zur heutigen Grösse ausgebaut. 2002 standen Brigitte und Christian Hoefliger-von Siebenthal am Start. Vor ihnen lag kein einfacher Weg, aber die beiden Vollbluthoteliers beschlossen, ihn konsequent, mutig, mit viel Unternehmergeist, Engagement und Herzblut zu gehen. Sie investierten in den Erhalt, ohne den familiären «Spirit» des Hauses zu vernachlässigen oder ihn mit Wachstumsplänen zu gefährden. Nähe kommt für sie vor Grösse und sowohl das Gästefeedback
als auch die Mitarbeiterloyalität bezeugen diese Haltung. «Klar, dass die Investitionsliste immer länger ist als der prognostizierte Cashflow», sagt Christian Hoefliger-von Siebenthal, aber darum sei es wichtig, die Prioritäten so zu setzen, dass die Gäste nach jedem Um- und Ausbau das Hornberg als ihre «Maison» wiedererkennen würden. Natur und Ruhe spielen dabei eine entscheidende Rolle. Das merkt man, wenn man im Badesee schwimmt, im «Chalet toi-même» ruht oder die Photovoltaik-Anlage betrachtet. Der Ausbau des Wellbeing-Bereiches steht ebenfalls auf der Liste, aber das zentrale Element bleiben die Gastgeber – unsere Hoteliers des Jahres.
«Ich bin Koch aus Leidenschaft und will Applaus für die Qualität meiner Speisen.»
KÄTHI FÄSSLER
Küchenchefin, Resort Hof Weissbad, Weissbad
KÖCHIN DES JAHRES
Die Ausnahmekönnerin gehört zum Hof Weissbad wie das Salz in die Suppe. Seit November 1996 prägt sie die kulinarische Geschichte des Hotels und wird gemäss Elias Leu, der das Resort seit Mitte 2024 mit seiner Frau Susanne leitet, «nach dem 30-Jahr-Jubiläum, im November 2026, schrittweise ihren Ruhestand planen». Dass Käthi Fässler eine motivierende, bodenständige und stille Schafferin ist, die im Hof Weissbad über 50 Köchinnen und Köche ausgebildet und diesem zum Ruf einer Talentschmiede verholfen hat, ist weitherum bekannt. Das fachlich Faszinierende an ihr ist, dass unter ihrer Führung und durch
ihr 35-köpfiges Team täglich rund 450 Gerichte die Küche verlassen und sie seit 2008 gleichzeitig und ununterbrochen Gourmetgerichte auf 16-GaultMillau-Punkte-Niveau zubereitet. Eine souveräne und seltene Leistung, vor allem wenn man beachtet, dass ihre Kochphilosophie auf möglichst regionale, saisonale und frische Produkte setzt. Die beste Hotelköchin des Landes ist witzig, aber wenn es um Qualität geht, versteht sie keinen Spass. «Nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ist sie bei uns eine tragende Säule», sagt Elias Leu. Die grosse Show war nie ihr Ding. Sie überzeugt mit Taten und Gerichten.
KATHARINA BAUMANN
Head Concierge, Widder Hotel, Zürich
CONCIERGE DES JAHRES
Katharina Baumann erachtet ihren
Beruf als Privileg, das sie mit viel Leidenschaft, Herzlichkeit und Humor ausfüllt. «Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen», sagt die Quereinsteigerin. «In einer Zeit, in der persönliche Betreuung zum wahren Luxus geworden ist, verkörpert sie das, was die Concierge-Rolle so einzigartig macht: Verlässlichkeit, Diskrektion, Kreativität und Menschlichkeit», sagt Marco Zanolari, CEO bei The Living Group. Und Benjamin Dietsche, GM des Widder Hotels, fügt an: «Für Gäste, Kolleginnen und Kollegen und für das Hotel als Marke ist sie Mentorin, Vertrauensperson und Identifikationsfigur.» Das Gewöhnliche ausser-
gewöhnlich gut zu machen ist einer ihrer Grundsätze und so entsenden einige der besten Hotels der Schweiz ihre Concierges zum Crosstraining zu Katharina Baumann. Die Zürcherin gilt als Referenz für beispiellosen Service, als inspirierendes Vorbild und würdige Botschafterin ihres Berufsstandes. Im Widder ist sie seit fünf Jahren zuhause, und dass sie ihre Heimatstadt liebt, spüren «ihre» Gäste. Einer von ihnen schwärmt: «Sie hat eine aussergewöhnliche Hingabe für massgeschneiderte, bleibende Erlebnisse. Jede Begegnung mit ihr zeugt nicht nur von höchster Kompetenz, sondern von Herzlichkeit.» So klingt echte Gastfreundschaft.
CONSTANTIN ZIEGENHAIN
Hoteldirektor, Chesa Grischuna, Klosters
NEWCOMER DES JAHRES
«Neben Flugzeugen und Autos haben mich als Kind schöne Hotels fasziniert», sagt Constantin Ziegenhain. Obschon der Tausendsassa nicht aus einer Hoteliersfamilie stammt, ist er gemacht für die Hotellerie. Die EHL hat er mit Ehrendiplom abgeschlossen und seit November 2024 leitet das 29-jährige Ausnahmetalent mit viel Empathie und Engagement die erblühende Chesa Grischuna. Die Lehre als Hotelfachmann hat er im Bayerischen Hof in München absolviert, «weil ich die Klassik erlernen wollte». Klar, dass man in seinen Lehrjahren auch mal ins kalte Wasser geworfen werde, «aber das hat mir ganz gut getan», sagt der Hands-on-Hotelier, der in Klosters
heute 31 Mitarbeitende führt. «Wir ziehen alle am selben Strang», sagt er, und dass der junge Hotelier spür- und fassbar im familiären Künstlerhotel unterwegs ist, kommt vor allem den Gästen zugute. Auch die Projekte gehen ihm und den Besitzern der Liegenschaft, Astrid von Stockar und Clemens Gregor, nicht aus. Ein Neubau steht in Planung, unterirdisch verbunden, als zeitgemässe Ergänzung des historischen Gesamtkunstwerks. «Die Identität zu bewahren und eine neue Gästegeneration abzuholen macht Spass. Ich erlebe gerade eine sehr spannende und prägende Zeit», sagt Constantin Ziegenhain und man merkt: er ist in seinem Element.