08. JULI 2024
08.00 Uhr: Auf dem Hof im Osterloch
Dein Hemd ist weiss, die Seele schwarz. Die Lüg im Gesicht, wie ne Warz’.
Am siebten Tage sollst du ruhn!
Von da an wirst du’s immer tun.
Heut ist der erste Tag.
Die Zeit ist reif für eure Plag!
Diese Zeilen standen in grossen Lettern auf einem A4-Blatt. Der Text war von Hand geschrieben. Das Schreiben steckte in einem nicht adressierten Umschlag im Briefkasten von Franz Jäger. Franz entdeckte das Schreiben unter der Tageszeitung von heute. Diese war, wie jeden Morgen, spätestens um sechs Uhr zugestellt worden. Jemand hatte es vorher, in der Nacht oder am frühen Morgen, hier deponiert. Franz Jäger las den Text immer wieder. Nachdenklich betrachtete er sich im ovalen Wandspiegel mit Eichenholzrahmen. Dieser hatte schon seinen Grosseltern den Dienst erwiesen, ihr eigenes Antlitz betrachten und hinterfragen zu können. Sein Gesicht gefiel ihm im schummrigen Licht des Eingangsbereiches seines Bauernhauses ganz und gar nicht. Die Worte erschütterten ihn. Die Ereignisse von damals tauchten vor seinem inneren Auge auf. Sie hatten immer damit rechnen müssen, dass die Vergangenheit sie einholt. Wann, wusste niemand. Dass es irgendwann passieren würde, war klar. Jetzt, da es geschah, war Franz völlig niedergeschlagen. Ihm wurde übel. Er brauchte frische Luft und verliess das Haus. Seine Liegenschaft lag am Rande der Gemeinde Reiden, im Weiler Reidermoos. Er hatte diese vor mehr als 35 Jahren von seinen Eltern übernommen. Die erhöhte Lage der Liegenschaft links des Chruterlis ermöglichte einen herrschaftlichen Blick über Reiden. Der Hof war hervorragend in Schuss. Es herrschte überall Ordnung. Die Maschinen waren gut unterhalten und die Tiere gesund und sauber. Franz liebte seine Tiere. Geschöpfe Gottes. Neben den Kühen gab es auf
dem Hof einen Hund, ein paar Katzen, Hühner, Kaninchen und Enten. Die Kaninchen hatte Franz für seine Enkel angeschafft. Diese liebten es, mit den pusseligen Tieren zu spielen. Die Enten konnten sich im eigenen Teich austoben.
Vor gut zwei Jahren hatte seine Frau Louise ihre Krebsdiagnose erhalten. Das Ehepaar bereitete sie sich auf die bevorstehenden Behandlungen vor. Zu diesem Zeitpunkt schlichen sich bei Franz erste Gewissensbisse in sein Gehirn. In den darauffolgenden Monaten absorbierten ihn Arzttermine, Bestrahlungen und Chemotherapien von Louise dermassen, dass kaum Platz für Gedanken an die Vergangenheit vorhanden war. Selten, aber immer wieder, tauchte das schlechte Gewissen auf: «Ich bin noch da. Du wirst mich nicht so einfach los», schien es ihm regelmässig zuzuflüstern. Nach dem Tod von Louise, der Beerdigung und dem Dreissigsten fiel er in ein Loch: Keine Krankenhausbesuche mehr, kein Hoffen und Bangen am Bett seiner Frau, nur noch Trauer um Louise. Trauer, trotz allem, was passiert war. Nun war er definitiv seinen Erinnerungen ausgeliefert. Hatte er seinerzeit falsche Einschätzungen, Entscheidungen und Handlungen vorgenommen? War er gerecht gewesen? Die Angelegenheit von damals war allgegenwärtig. Nicht nur seine Seele, auch sein Äusseres litt unter der Situation. Franz war 65 Jahre alt, sah aber viel älter aus. «Es ist eine Ironie, dass sich meine Gesichtszüge der hügeligen Landschaft des Luzerner Wiggertals angepasst haben», murmelte er vor sich hin. Sein Gesicht wirkte eingefallen, die Haut schal. Seine Augen hatten einen traurigen Ausdruck und der Mund hing nach unten. «Grampy-Opi» hatte ihn letzte Woche sein Enkel Finn scherzhaft genannt. Damit hatte dieser den Nagel auf den Kopf getroffen. Früher war er anders gewesen. Fröhlich und unbeschwert war er durch einen grossen Teil seines Lebens gegangen. Aber dann änderte sich alles – er wischte sich einige Schweissperlen von der Stirn und den Wangen. Eine innere Hitze quälte ihn. Panik überkam ihn, wenn er an die Geschichte dachte, die vor 20 Jahren in einem tragischen Ende gegipfelt hatte. Und an das, was in dem anonymen Schreiben angekündigt wurde.
Nach den Ereignissen von damals hatten sie einen Pakt geschlossen, eine Art Vertrag. «Die Sache bleibt unter uns», so lautete ihr ein-
stimmiger Beschluss. Und Franz gehörte einer Generation an, bei der ein Wort noch ein Wort war. Verträge sind zu halten – Pacta sunt servanda . Ja, daran hielt er sich ein Leben lang. Er dachte an seine verstorbene Frau Louise. Aus seinem Portemonnaie zog er ein Foto von ihr. Dieses zeigte sie im Alter von ungefähr 40 Jahren. Das war vor 25 Jahren und ihre Ehe dauerte zu dieser Zeit schon eine Weile. Er erinnerte sich daran, wie sie sich 1976 am Murtensee kennengelernt hatten. Die zweijährige Ausbildung zum Landwirt sah damals, neben der Winterschule, zwei Sommerpraktika vor. Sein Vater arrangierte für Franz die Möglichkeit, das Praktikum im Sommer 1976 bei einem früheren WK-Kollegen in Salavaux am Murtensee zu absolvieren. Franz sollte in dieser Zeit zusätzlich seine Französischkenntnisse aus der Volksschule vertiefen.
Der Sommer damals, als Franz in Salavaux arbeitete, blieb vielen als überdurchschnittlich heiss und trocken in Erinnerung. Die ganze Schweiz war in einer langanhaltenden Hochdruckwetterlage gefangen. Die Arbeit auf den Feldern wurde durch das Einatmen von trockener und heisser Luft erschwert. Ständig hatte man ein Hitzeflimmern vor den Augen. Der aufwirbelnde Staub der kahlen Böden und der Saharastaub in der Luft verschlimmerten die Situation. Die über längere Zeit herrschenden Tropennächte brachten keine Abkühlung. Der erholsame Schlaf wurde durch oberflächliches Dösen verdrängt. An einem Samstag im Juli lud der Bauer, bei dem Franz arbeitete, seine Familie zu einem Ausflug auf den Murtensee ein. Franz sollte auch dabei sein. Mit dem Auto ging es an den Alleen der Region Salavaux entlang rund um den halben Murtensee in Richtung Hafen in Murten. Der Ausflug war eigentlich für den Sonntag geplant. Die Wettervorhersage prophezeite für diesen Tag allerdings eher bewölktes Wetter und drohende Gewitter. Deshalb entschied man sich, bereits am Samstag die Arbeit ruhen zu lassen. Franz erwartete zwar keine Abkühlung auf dem See, aber immerhin sah er eine willkommene Abwechslung vom Alltag auf sich zukommen. Dass er dabei seine grosse Liebe finden würde, hätte sich Franz nicht träumen lassen. Louise war wunderschön und mit ihren 17 Jahren wirkte sie zerbrechlich und verloren, als Franz sie am Hafen von Murten zum ers-
ten Mal sah. Sie trug ein rotes Polka-Kleid mit grossen weissen Punkten. Es war in der Taille eng geschnitten und unterstrich damit die perfekte Figur der jungen Frau. Ihre weissen Schuhe passten zum Kleid. Ihre langen Haare waren nach hinten frisiert und wurden mit einer feinen Haarspange zusammengehalten, was ihr eine gewisse Strenge verlieh. Franz kaufte am Kiosk eine Glace, als er auf sie aufmerksam wurde. Er nahm seinen gesamten Mut zusammen und sprach die junge Frau an. «Hallo, machst du heute auch einen Ausflug mit dem Schiff?», war seine erste Kontaktaufnahme. Mehr als ein «Quoi?» kam nicht als Antwort. Franz kramte in seinem Gedächtnis nach möglichem französischem Vokabular, das ihm in dieser Situation hilfreich sein konnte. Das magere Oberstufenrepertoire, das noch abrufbar war, brachte «Salut, moi Franz» hervor. Gleichzeitig zeigte er auf sich. Aus diesem harzigen Anfang ergab sich ein Gespräch, das teils auf Deutsch und teils auf Französisch, untermalt mit Handzeichen, geführt wurde. Louise stammte aus Paris und wohnte nun, so wie Franz es verstand, umständehalber bei einer Tante in Murten. «Morat», dieses Wort wirkte für Franz aus dem Munde von Louise wie ein wunderschönes Gedicht. Aufgrund der Sprachbarriere verstand Franz nicht, was diese Umstände, die die junge Frau in die Schweiz führten, waren. Er fand es auch später nie heraus. Es war ihm egal. Er hatte sich auf der Stelle in diese junge Frau verliebt und war überzeugt, dass er mit ihr sein Leben verbringen wollte.
Seine Gedanken wurden durch ein Hupen von der Strasse, die zu seinem Hof führte, unterbrochen. Silvan Hediger, der den Nachbarhof bewirtschaftete, hielt mit seinem Auto auf dem Platz, der aus Kopfsteinpflaster gefertigt war. Der Besucher stieg aus seinem Auto. «Sali, Franz. Die Geranien an deinem Haus sehen dieses Jahr wieder prächtig aus.» Silvan hatte recht. Der viele Regen hatte den Pflanzen gutgetan. Die aufwendige Pflege der roten Geranien hatte Louise bis zu ihrem Tod besorgt. Danach wollte Franz zuerst auf diese Zierpflanzen verzichten. Seine Kinder machten ihm jedoch klar, dass ihre Mutter durch die Geranien stetig auf dem Hof präsent war. Er kümmerte sich diesen Frühling deshalb selbst um die Blumen. Er wollte auch in Zukunft jedes Jahr im Mai das Hauptgebäude seines Hofes
mit diesen für Bauernhäuser üblichen Pflanzen schmücken. «Bist du heute am Fest für Alois dabei?», fragte Silvan. Alois Wagner war der Präsident des hiesigen Männerchors und wurde heute 70 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag war eine grosse Feier geplant. Standesgemäss wollte der Männerchor mit einer Darbietung den Jubilaren ehren. Erwartet wurde für die Feierlichkeiten eine grosse Gästeschar. Alois war Gemeindepräsident gewesen, hatte im Kirchenrat das Amt des Kirchenmeiers inne und führte bis zur Übergabe an seine Tochter das grösste Hotel der Umgebung mit dem sagenumwobenen Namen «Zum Goldenen Zeh», kurz «Zeche» genannt. Auch war er im Vorstand der Reiderbank, natürlich verantwortlich für die Vergabe von Krediten, der wichtigsten Funktion in diesem Gremium. Die Gäste erwartete ein gigantisches Fest mit Essen und Getränken à discrétion. Da durfte keiner fehlen. «Ja, sowieso», antwortete Franz. «Das würde mir der Alois nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Aufwartung machen würde. Das wäre Majestätsbeleidigung», fügte er mit einem Augenzwinkern an. Die beiden wechselten noch ein paar Worte. Dann verabschiedete sich Silvan.
Franz war wieder allein, gefangen in seinen Gedanken. Er dachte an Alois. Immer stand dieser im Mittelpunkt des Geschehens in Reiden. Keine wichtige Sache konnte beschlossen werden, ohne dass er seine Zustimmung gab. Alois’ Wort hatte Gewicht. Bei der Gemeindeversammlung sass Alois, wenn nicht gerade im Amt, stets in der letzten Reihe. So konnte er sehen, wer wie abstimmte. Ein Mann mit Macht und Einfluss. Alois’ stattliche Statur unterstrich seine persönliche Autorität.
Franz und Alois waren zwei der sieben Reider, die für die Katastrophe von damals verantwortlich waren. «Dein Hemd ist weiss, die Seele schwarz.» Die erste Zeile der Botschaft traf auf den OsterlochBauern und seine sechs Freunde zu. Gegen aussen waren sie angesehene Bürger. Vor 20 Jahren jedoch hatten sie verlogen, hinterhältig und brutal agiert.
09.00 Uhr: Ein Anruf
Willi Habermacher, Bäckermeister aus Reiden, hatte soeben einen interessanten Anruf auf seinem Handy erhalten. Und zwar von einer jungen Frau, das hatte die Stimme verraten. Einen Namen hatte die Anruferin nicht genannt. «Hallo, Herr Habermacher. Merken Sie eigentlich nicht, dass Ihre Frau Sie betrügt?» «Hallo! Wie sprechen Sie über meine Frau? Laura geht sicher nicht fremd! Wer sind Sie überhaupt?», echauffierte sich Willi. «Nein, nicht Sex. Sie sackt krass viel Kohle im Geschäft ein und Sie merken nichts! Wollen Sie wissen, wie sie das macht? In einer halben Stunde werde ich im Restaurant Krone in Dagmersellen sein. Kommen Sie vorbei. Ich erkläre Ihnen gerne persönlich, wie Ihre Frau Sie bescheisst.» Die Anruferin hatte aufgelegt. Willi wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. An der Sache konnte tatsächlich etwas dran sein. Bemerkt hatte er zwar noch nichts. Für die administrativen Angelegenheiten ihres Betriebes zeigte sich seine Frau Laura zuständig. Er kümmerte sich um die Produktion der Backwaren. Der Durchblick in der Buchhaltung fehlte ihm völlig. Er hatte immer seiner Frau vertraut. Aber jetzt, da ihre Scheidung aufgegleist war, machte ihn dieser Anruf unsicher. Wieso sich also nicht informieren? Hinfahren kostete nichts. Willi machte sich gespannt auf den Weg.
Er war einige Minuten vor der vereinbarten Zeit angekommen und suchte sich vor dem Restaurant einen freien Parkplatz. Er parkte sein Auto und stieg aus. Vor dem Eingang der «Krone» sprach ihn ein junger Mann an: «Guten Tag. Mein Name ist Leo Studer. Ich bin Student an der Hochschule Luzern und untersuche im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit den Einfluss des Zuckergehaltes von Orangensaft auf die Beliebtheit bei Konsumenten. Haben Sie kurz Zeit für eine Degustation? Es dauert nur zwei Minuten.» «Ja, wieso nicht. Aber kaufen tu ich nichts.» Der junge Mann lachte. «Nein, nur probieren.» «Sie haben Glück! Ich bin Bäckermeister. Auf meine Nase kann ich mich verlassen. Einen guten Geschmackssinn habe ich auch.» Der junge Mann hatte einen Koffer dabei, den er auf den Kofferraum eines Fahrzeuges legte und öffnete. Im Koffer lagen zwei unterschiedlich beschriftete Flaschen, ein Stapel kleiner Plastikbecher und ein
Klemmbrett mit einer Liste, die halb ausgefüllt war. Leo Studer nahm zwei Becher, überreichte sie Willi Habermacher und füllte vorsichtig in einen Becher Orangensaft aus der Flasche mit der Beschriftung «Saft Test V1». Dann nahm er die andere Flasche, die mit «Saft Test V2» beschriftet war, und füllte mit dem Inhalt den zweiten Becher. «So, Herr Bäckermeister, jetzt wollen wir testen, ob Sie erkennen, welcher Saft mehr und welcher weniger Zuckergehalt hat.» Willi Habermacher nahm einen Schluck des ersten Bechers. «Orangensaft, wie ich ihn kenne», konstatierte er und nahm den zweiten Becher. «Ehrlich gesagt, ich kann keinen Unterschied feststellen. Welcher ist der Saft mit mehr Zucker?» «Das weiss nur der Studienleiter.» «Echt jetzt? Es hätte mich schon wundergenommen, welcher Saft das ist. Ich hätte dann gerne noch einmal probiert. Aber okay.» «Danke für Ihr Verständnis. Das ist es schon gewesen. Besten Dank für Ihre Teilnahme an der Studie. Ich wünsche Ihnen noch einen tollen Tag.» «Das wünsche ich Ihnen auch und vor allem viel Erfolg bei Ihrer Untersuchung.» Willi Habermacher betrat die «Krone». Im heimeligen Gasthof in Dagmersellen war einiges los. Die Handwerker der Region verbrachten hier um diese Zeit ihre verdiente Pause mit Kaffee und Sandwiches. Als Willi das Lokal betrat, sah er den Wirt in weisser Kochbluse gemeinsam mit Franz Jäger und Serge Diaz, Coiffeur aus Reiden, am Stammtisch sitzen. Der Wirt schaute von der Zeitung, die er in der Hand hielt, auf und grüsste ihn: «Log do, de Willi! Bringst du heute das Brot persönlich vorbei? Das ehrt mich aber.» «Sali, Philipp. Wenn meine Leute deine Bestellung ausliefern, bist du noch am Schlafen, mein Lieber», witzelte Willi. «Wie läuft’s bei dir?», wollte Philipp wissen. «Gut und bei dir?» «Wie immer. Viel zu tun! Aber bald sind ja Sommerferien.» Willi wendete sich an Franz Jäger: «Sali, Franz. Dass du um diese Zeit schon im Restaurant bist, überrascht mich. Was sagt dein Gott dazu?» «Du und deine blöden Sprüche», meinte Franz genervt. «Statt mich anzumachen, solltest du lieber wieder mal den Gottesdienst besuchen. Du landest sonst in der Hölle.» «Nimm doch nicht alles so wörtlich. Aber im Ernst: Wieso bist du hier in Dagmersellen?» «Ich habe beim Tierarzt Medikamente abgeholt. Ich wollte nachher nicht direkt zurück auf den Hof. Seit dem Tod von Louise ist es im Osterloch ruhig gewor-
den.» «Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Das tut mir leid für dich.» Willi Habermacher wendete sich dem Coiffeur zu: «Und du, Serge? Frei heute? Wie ich sehe, bist du mit dem Töff unterwegs.» «Ja, endlich scheint mal wieder die Sonne. Ich will auf den Glaubenberg fahren. Ich mache mich auch gleich auf den Weg.» Serge, der seinen Kaffee bereits ausgetrunken und bezahlt hatte, verabschiedete sich und verliess in seiner Töff-Montur die «Krone».
Eine Frau mittleren Alters kam an den Tisch, um Willis Bestellung aufzunehmen. «Hoi, Willi. Schön, dass du mal wieder bei uns vorbeischaust.» «Freut mich auch, dich zu sehen. Servierst du heute? Die Chefin persönlich?» «Ja», antwortete Agathe Schwegler, die Frau des Wirtes. «Du weisst ja, wie es ist: Heutzutage findet man fast keine guten Leute mehr, schon gar nicht für den Service.» Willi bestellte sich einen Kaffee. «Stell doch den Studenten an, der vor deinem Restaurant Tests mit Orangensaft durchführt. Der schien mir flink zu sein», schlug Willi vor. «Was für Tests?», fragte Philipp interessiert. «Der wird mir doch hoffentlich nicht die Gäste vergraulen?» «Nein, keine Sorge. Der ist von der Hochschule Luzern und macht irgendwelche Geschmackstests. Orangensaft mit mehr oder weniger Zucker unterscheiden.» «Und, hast du bestanden?» «Was glaubst du denn? Meinem Gaumen entgeht nichts.»
«Also, was führt dich zu mir in die «Krone»? Du bist doch nicht ohne Grund hier», fragte Philipp interessiert. «Ich treffe mich mit einer jungen Frau.» Philipp zog die Augenbrauen hoch. «Nicht, was du denkst. So ein Rendezvous würde ich sicher nicht bei dir abhalten. Die Frau hat irgendeine Idee für ein neues Produkt. Für unseren Laden. Vielleicht passt’s ja. Man weiss nie.» Willi verschwieg, was ihm die Frau am Telefon offenbart hatte. Inzwischen war es bereits nach 09.30 Uhr und Willi hatte niemanden reinkommen sehen. «Die hat dich wohl versetzt?», lachte Philipp. «Das scheint mir auch so.» Willi fand die Sache weniger lustig. «Wir könnten wieder mal jassen. Reiden gegen Dagmersellen.» Willi wechselte das Thema und die beiden unterhielten sich über ihr gemeinsames Hobby. Philipp meinte: «Du willst gegen mich jassen? Vergiss es. Ich suche Gegner, nicht Opfer.» «Such dir einen Partner deiner Wahl. Ich trete mit Franz an. Gell Franz, du hast schon lange
keinen Jass mehr gemacht?» Franz wurde ärgerlich: «Jassen ist nichts für mich. Du weisst, Willi, dass ich am Wirtstisch nicht spiele.» Willi lachte: «Dann jasse ich halt mit einem Esel. Glaub mir, Philipp, das Tier und ich schlagen euch beim Sidi Barrani, bevor ihr aus dem Schneider seid. Das schwöre ich dir. Wenn ich verliere, zahle ich die teuerste Flasche Wein, die du im Keller hast.» Die euphorische Stimmung von Willi irritierte Philipp. Willi war normalerweise eher zurückhaltend. «Du kannst jederzeit zu mir in die «Krone» kommen und wir machen das mit dem Wein auf dem Jassteppich aus. Für drei Personen und den Esel musst du aber mindestens zwei Flaschen zahlen», meinte Philipp und lachte laut. Willi plagte plötzlich eine Übelkeit. «Hoffentlich habe ich nichts Schlechtes gegessen», dachte er und schaute auf seine Uhr. «So», sagte er zu Philipp, «schon bald zehn Uhr. Jetzt muss ich aber schleunigst zurück in die Bäckerei. Da wartet noch viel Arbeit auf mich.» Er verlangte die Rechnung, bezahlte, stand auf, verabschiedete sich von Philipp und Franz und verliess die «Krone». Beim Hinausgehen begegnete Willi einem Schreinermeister aus Dagmersellen, den er flüchtig kannte. Dieser betrat die «Krone». Sie grüssten sich mit einem Kopfnicken.
Auf dem Parkplatz stieg er in seinen alten Volvo, den er schon über 30 Jahre für das Ausfahren seiner Backwaren einsetzte. Willi fühlte sich unwohl. Er überlegte, ob er besser wieder in die «Krone» zurückkehren sollte. «Nein, die kurze Strecke nach Reiden schaffe ich locker», dachte er und fuhr in Richtung Reiden los. Es war kurz vor 10.00 Uhr.
10.00 Uhr: Im Dorfkern von Reiden
Die Glocken der katholischen Kirche schlugen 10.00 Uhr. Gertrude, genannt Trudy, Hübsch hatte in der Migros Proviant für den heutigen Tag erworben. Sie überquerte gemeinsam mit Hund Paul den Fussgängerstreifen an der Oberdorfstrasse. Sie wollte in der Bäckerei Habermacher ein Dessert kaufen. Sie hatte heute einiges vor. Man konnte die 48-jährige Trudy mit ihrem pinkfarbenen Deux-Pièces, den hohen Absatzschuhen und ihrer Hochsteckfrisur kaum übersehen. Für Reiden wirkte Trudy immer etwas overdressed. Sie wusste das, es war ihr egal. Hund Paul war heute entsprechend dem bevorstehenden Termin gestylt. In der Zeitschrift Tierwelt von letzter Woche hatte eine national bekannte Hundefutter-Firma Hundemodels gesucht, die für ein neu entwickeltes Futter für Kleinhunde werben sollten. Und Paul passte, bestens sogar. Davon war Trudy überzeugt. Trudy betrat mit Hund Paul die Bäckerei und kaufte sich einen «Reider-Riesen». Dabei handelte es sich um ein Mandelgebäck, das den «Riesen von Reiden» symbolisierte. Einer Legende nach hatte dieser in früherer Zeit in Reiden gehaust. In bester Stimmung verliessen Trudy und Paul die Bäckerei.
Weiter ging es in Richtung Bahnhof, um den Zug nach Sursee zu nehmen. Bei einem Fotografen wollte sie professionelle Fotos für die Tierwelt von Paul machen lassen. Ihre Gedanken nach dem Einkauf des «Reider-Riesen» drehten sich um eine Zukunft mit einem berühmten Hund, der später vielleicht sogar im Fernsehen auftrat. Deshalb bemerkte sie nicht, dass sich ihnen ein Automobil von vorne näherte. Kurz bevor dieses die beiden kreuzte, heulte plötzlich der Motor des Autos laut auf. Es legte an Tempo zu, kam von der Fahrbahn Richtung Trudy ab und schoss mit grosser Geschwindigkeit in ein Wohnhaus. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall. Um ein Haar wären Trudy und Hund Paul Opfer dieses Unfalls geworden. Wie gelähmt stand Trudy ein paar Sekunden auf dem Gehsteig. Selbst von Hund Paul war kein kläffender Ton zu hören.
Das Bild, das sich Trudy zeigte, war grauenvoll: Das Auto war vorne zusammengequetscht. Regungslos sass der Fahrer da. Sein Kopf lag auf dem Airbag, der sich ausgelöst hatte. Es stieg Rauch aus der arg
zerbeulten Motorhaube auf. Bereits stürmten besorgte Bewohner aus dem Haus. Rund um das Unfallfahrzeug bildete sich ein Tumult. Trudy reagierte als Erste und rief die Polizei, die ihrerseits die Feuerwehr und die Ambulanz aufbot. Einer der Bewohner lief geistesgegenwärtig zur Arztpraxis, die nur zwei Häuser weiter vorne angesiedelt war, um die dort praktizierende Ärztin zu holen. Diese rannte mit einer Tasche zum Unfallort und warf einen Blick ins Fahrzeuginnere. Sie fühlte sofort den Puls des Fahrers und untersuchte mit einer Taschenlampe, wie lichtreagibel seine Augen waren. «Da ist nichts mehr zu machen, der ist tot», murmelte sie vor sich hin.
Ein paar Minuten später trafen ein erstes Fahrzeug der Feuerwehr und eine Streife der Luzerner Polizei ein. Die Ambulanz, die wegen Überlastung in Zofingen aus Sursee angefordert wurde, folgte zwei Minuten später. Inzwischen war auch das Unfallpikett der Polizei vor Ort. Die Polizisten sperrten die Unfallstelle ab und stellten Sichtschutzelemente auf, die die verunfallte Person im Auto vor Gaffern, die mit Handys fotografierten und filmten, abschirmten. Der Verkehrsdienst der Feuerwehr Wiggertal leitete den Verkehr zwischen Wikon und Dagmersellen grossräumig um.
Über die Person im Auto wurde vom Fahrer der Ambulanz ein weisses Tuch gelegt.
Der Feuerwehrkommandant, der inzwischen mit dem zweiten Einsatzfahrzeug eingetroffen war, mutmasste zu Hans Geiser, einem der uniformierten Beamten der Luzerner Polizei: «Wahrscheinlich Genickbruch. Der ist sicher zu schnell gefahren. Und wer weiss, vielleicht hatte er schon was getrunken.» «Kennen Sie den Fahrer?», fragte der Polizeibeamte den Feuerwehrkommandanten. «Ja, das ist Willi Habermacher. Ihm gehört die Dorfbäckerei weiter vorne. Also, gehörte, meine ich.» Der Kommandant zeigte in Richtung Zofingen. «Er war verheiratet. Einen Sohn hatte er auch.» «Hat er getrunken?», hakte der Beamte nach. «Nein, Alkoholiker war er sicher nicht. Aber im Männerchor. Und heute ist doch das grosse Geburtstagsfest von Alois Wagner, dem ehemaligen «Zeche»-Wirt. Die Männerchörler haben sicher noch geprobt. Nachher gab’s wahrscheinlich noch Bier und Weissen. Man weiss ja, wie so etwas läuft.» «Mutmassungen helfen im Moment wenig», antwortete der Beamte steif, «die weiteren
medizinischen Abklärungen werden aufzeigen, in welcher Verfassung der Verunfallte war. Wir dürfen jetzt nichts verändern. Die Spurensicherung wird in Kürze eintreffen und die notwendigen Untersuchungen vornehmen.» Der Feuerwehrkommandant wurde nervös: «Da ist noch was.» «Ja?», fragte Geiser. «Dieses Kuvert hier hat einer meiner Leute gefunden. Es lag im Handschuhfach. Ich hab’s aufgemacht», gab er kleinlaut zu. «Es ist nur ein Blatt Papier drin. Wahrscheinlich völlig unwichtig.» «Geben Sie her!», herrschte ihn Hans Geiser an. Er zog sich Handschuhe über und las laut vor:
Deine Schuld ist minder schlimm, drum raff ich dich als Ersten hin.
Der Text war von Hand geschrieben. «Keine Ahnung, was das bedeuten soll. Die Spurensicherung muss das Schreiben näher untersuchen. Ihre Fingerabdrücke benötigen wir. Sie Hornochse haben den Brief angefasst. Und, das ist Ihnen hoffentlich klar, kein Wort über den Inhalt dieses Schreibens darf an die Öffentlichkeit gelangen. Haben wir uns verstanden?», schnauzte der Polizeibeamte den Feuerwehrkommandanten an. Dieser nickte schuldbewusst. Geiser schaute sich um. «Der Unfall wird im Dorf schnell die Runde machen. Wir müssen die Familie des Opfers benachrichtigen. Aber vorher will ich noch kurz mit der Kripo telefonieren.» Mit diesen Gedanken entfernte er sich vom Unfallort.
10.30 Uhr: Gaby Comte, Kripo Luzern
Das Festnetztelefon von Gaby Comte, Kommissarin und Mitglied der Fachgruppe Leib und Leben der Kriminalpolizei Luzern, klingelte und sie nahm den Hörer ab. «Gaby Comte», ihre Stimme klang energisch. «Grüezi, Gaby. Hier ist Hans Geiser von der Verkehrspolizei.» «Hallo, Hans. Schön, mal wieder deine Stimme zu hören.» Gaby freute sich tatsächlich. Sie und Hans kannten sich von verschiedenen Kursen und Anlässen der Luzerner Polizei. «Was hast du auf dem Herzen, Hans?» «In Reiden gab’s einen Verkehrsunfall, bei dem ein Mann ums Leben gekommen ist.» «Dir ist schon klar, dass wir dafür nicht zuständig sind. Oder gibt es Hinweise auf ein Verbrechen?»
«Auf den ersten Blick nicht. Ein ortskundiger Lenker ist ohne offensichtlichen Grund in ein Haus geknallt. Eine Ärztin, die gleich neben der Unfallstelle eine Praxis betreibt, wurde gerufen. Aber die konnte nichts mehr machen, ausser den Tod des Opfers feststellen. Der Amtsarzt muss noch die offizielle Leichenschau durchführen.
Ich denke allerdings, dass er nichts Verdächtiges entdecken wird. Ich zumindest habe nichts gesehen. Ich werde dem Staatsanwalt trotzdem vorschlagen, den Leichnam in Zürich obduzieren zu lassen.»
«Wieso?» «Im Handschuhfach des Unfallautos wurde eine komische Botschaft gefunden, notiert auf einem Blatt Papier und verpackt in einem Kuvert.» Gabys Neugierde war geweckt. «Was steht da drauf?»
Hans las vor:
Deine Schuld ist minder schlimm, drum raff ich dich als ersten hin.
«Tönt komisch. Was soll das bedeuten?», fragte Gaby nachdenklich, mehr an sich selbst als an ihren Gesprächspartner gerichtet. «Das hat sicher nicht das Opfer selbst geschrieben. Das würde keinen Sinn machen. Das war jemand anderes.» Hans Geiser meinte: «Ich bin deiner Meinung, Gaby. Übrigens hat ein Feuerwehrmann das Kuvert gefunden und herausgeholt. Dann hat der Depp es geöffnet und gelesen. Ohne Handschuhe natürlich. Hoffentlich erzählt er nichts weiter.» «Okay. Das Schreiben muss in jedem Fall auf Spuren und
Fingerabdrücke untersucht werden.» «Ja, das sehe ich auch so. Der Staatsanwalt wird sicher das Ergebnis der Obduktion abwarten wollen, bevor er euch von der Kripo einschaltet. Ich finde allerdings, ihr solltet von Anfang an mit im Boot sein. Komm doch nach Reiden und schau dir selbst das Ganze hier an. Du brauchst nur öppe 25 Minuten, um hierher zu fahren. Die Unfallstelle befindet sich auf der Hauptstrasse von Luzern in Richtung Basel. Beim «Zeche»-Kreisel fährst du einfach rechts. Was meinst du?» «Ja, ich komme vorbei. Aber es werden 40 Minuten. Ich muss mich noch frisch machen, wenn ich dich mal wieder persönlich treffe.» Beide lachten und verabschiedeten sich.
Gaby dachte über die kryptische Botschaft nach. Zwei Zeilen, die sich reimen. Komische Sache! Die Unfallstelle zu inspizieren konnte nicht schaden. Bei allfälligen späteren Ermittlungen konnte dies hilfreich sein. Gaby informierte ihren Assistenten Barry und die beiden machten sich in Richtung Reiden auf.
10.40 Uhr: In der Dorfbäckerei Habermacher
Die Dorfbäckerei in Reiden befand sich am «Zeche»-Kreisel, schräg gegenüber dem «Zeche». Willi Habermacher hätte nur noch ein paar Meter bis nach Hause gehabt. Zwei uniformierte Beamte begaben sich zu Fuss dorthin.
Das Ehepaar Laura und Willi Habermacher hatte vor zwei Jahren einen grossen Schritt gewagt und das alte Gebäude mit seiner veralteten Infrastruktur gegen einen Neubau eingetauscht. Die Skeptiker von damals, die dem Unterfangen ein schnelles Aus vorhergesagt hatten, verstummten schnell, als die neue Bäckerei mit integriertem Café die Türen öffnete und von Anfang an florierte. Zudem generierten sieben Mietwohnungen Einnahmen, die als willkommene Finanzierungshilfe des Neubaus dienten. Im obersten Geschoss bewohnten Laura und Willi ihre eigene Wohnung. Zusätzlich befanden sich hier die Büroräumlichkeiten des Betriebes. Die beiden Polizeibeamten betraten den Laden durch den Haupteingang. Noch bevor die automatischen Glastüren sich öffneten, duftete es verführerisch nach einer Mischung aus frischem Brot und süssem Gebäck. Hinter dem Verkaufstresen begrüsste sie eine junge Angestellte höflich mit den Worten: «Guten Tag, die Herren. Was kann ich Ihnen Feines anbieten?» «Guten Tag. Wir möchten mit Frau Habermacher sprechen», sagte Hans Geiser förmlich. «Kann nicht ich Ihnen weiterhelfen? Frau Habermacher ist im Büro», kam die Antwort der freundlichen Verkäuferin. Ihre Hände waren mit überlangen, rot lackierten Nägeln geziert. Ihr Gesicht war stark geschminkt. Die offensichtlich blondierten Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie strich sich keck eine Strähne, die sich gelöst hatte, hinters rechte Ohr. Eine Bedienung mit ihrem Äusseren hätte man wohl eher in einem Kosmetik- oder Coiffeursalon erwartet als in einer Dorfbäckerei. «Wir müssen uns mit Frau Habermacher persönlich unterhalten. Es geht um eine Familienangelegenheit.» Die Verkäuferin tauschte einen fragenden Blick mit einer etwa 40-jährigen Kollegin aus, die mit einem Achselzucken ihr Nichtwissen deklarierte und das Telefon an die Chefin übernahm: «Sybille hier. Zwei Herren von der Polizei möchten dich sprechen.» Es folgte eine kurze Pause. «Danke», sagte
Sybille ins Telefon und wandte sich an die beiden Beamten: «Unsere Chefin kommt sofort.» Hans Geiser bedankte sich.
Wenig später erschien die 55-jährige Laura Habermacher, die sehr jugendlich wirkte, im Geschäftslokal. Die gepflegte Dame bestach mit einem modernen Äusseren. «Mein Name ist Hans Geiser und das ist mein Kollege Lorenz Züger. Wir sind von der Kantonspolizei Luzern», stellte Geiser sich und seinen Kollegen vor und fuhr fort: «Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?» Laura Habermacher führte die beiden Beamten in einen an den Verkaufstresen angrenzenden Raum, in dem sich die Angestellten vor Arbeitsbeginn und nach Feierabend ungestört umkleiden konnten. Im Moment war er unbenutzt.
Hans Geiser übernahm die Leitung des Gespräches. «Leider müssen wir Ihnen eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Mann ist hier in Reiden bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Unfall ist weiter vorne passiert», er zeigte Richtung Dagmersellen, «an der Hauptstrasse. Es tut mir sehr leid.» Zur Überraschung der beiden Beamten nahm Laura Habermacher die Information sehr gefasst auf. «Ich bin schon seit Stunden oben und mache Büro. Vor etwa einer halben Stunde gab’s einen lauten Knall. Kurz danach hörte ich die Sirenen», berichtete sie, als ob sie zu einer Zeugenaussage aufgefordert worden wäre oder ihr Alibi angeben müsste. «War das der Unfall meines Mannes?» «Ja», antwortete Geiser, der von der Reaktion der frischen Witwe verblüfft war. «Sie sind sicher überrascht, dass ich nicht in Tränen ausbreche. Ich sag’s offen heraus: Willi hat seit dem Frühling eine Neue. Eine jüngere. Er hat nicht mal versucht, es vor mir geheim zu halten. Sie arbeitet bei uns. Jetzt wollte er sie auch noch heiraten. Ich habe mir einen Anwalt genommen. Die Scheidung wäre reine Formsache gewesen. Das hat sich nun erledigt.» «Jetzt verstehe ich Ihre Reaktion, Frau Habermacher», sagte Geiser und fuhr fort: «Ihr Mann wird wahrscheinlich zur Untersuchung ins Gerichtsmedizinische Institut nach Zürich überführt. Das muss allerdings der Staatsanwalt noch anordnen. Sobald der Leichnam zur Beisetzung freigegeben wird, informieren wir Sie», führte Geiser aus.
Zurück im Laden verabschiedeten sich die beiden Beamten. Als sie den Laden verliessen, blickte Geiser zurück und sah, wie Laura im Geschäft den Verkaufstresen überprüfte und einer Mitarbeiterin
Anweisungen erteilte. Die Frau ging ihrer Tätigkeit nach, als ob nichts geschehen wäre. «Die Frau zeigt null Emotionen. Tut so, als wäre nichts passiert», stellte Lorenz Züger fest. Hans Geiser nickte: «Der Mann hat ihr viel angetan. Wenn ich über ihre Situation nachdenke, kann ich sie irgendwie verstehen.» Zügers Gesichtszüge wurden ernst. «Der plötzliche Tod des Mannes kommt ihr gelegen. Ich hoffe, dass die in Zürich den Toten genau unter die Lupe nehmen. Es würde mich nicht überraschen, wenn das gar kein Unfall war.» Dieser Meinung war auch Hans Geiser.
Trudy Hübsch und Hund Paul passierten die beiden Beamten und betraten den Laden. Trudy nahm an einem Tisch im Caféabteil Platz und bestellte für sich einen Latte Macchiato und für Paul eine Schale Wasser. Zu Sybille Heini, die sie bediente, flüsterte sie: «Haben Sie’s schon mitbekommen? Das mit dem Unfall, der vorhin an der Hauptstrasse passiert ist? Paul und ich wären fast Opfer dieser Tragödie geworden.» Trudy liebte theatralische Worte. «Wer ist Paul?», wollte Sybille unsicher wissen. «Mein Hund natürlich. Sehen Sie nicht, wie aufgeregt er noch immer ist?» Trudy Hübsch zeigte erbost auf ihren kleinen Hund. «Ich habe die Sirenen gehört, aber noch nichts erfahren», antwortete die Bedienung. Trudys Gesicht wurde ernst. «Ihr Chef, Willi Habermacher, ist tödlich verunfallt. Stellen Sie sich das mal vor!» Jetzt realisierte Sybille den Grund für den Besuch der Polizei bei ihrer Chefin. Sie starrte Laura Habermacher ungläubig an. Diese bediente ganz entspannt am Verkaufstresen Kunden, als ob nichts passiert wäre. Sybille schüttelte den Kopf und verliess schluchzend das Café. «Was ist das für eine Bedienung hier?», ärgerte sich Trudy laut. «Wir haben noch nichts erhalten.»
Als Laura Habermacher bemerkte, dass sich ihre Angestellte in den Mitarbeiterraum zurückgezogen hatte, folgte sie ihr. Sie traf die aufgelöste Sybille in dem Moment an, als diese sich umziehen und nach Hause gehen wollte. «Das wird wohl nichts mit der Hochzeit. Du hast dich sicher schon als Chefin gesehen. Vergiss es und mach weiter. Die Leute wollen bedient werden», herrschte Laura die Angestellte an.»
Sybille Heini, die seit fast zwei Jahren die Geliebte von Willi Habermacher gewesen war, stürzte an Laura vorbei aus dem Haus. Laura Habermacher blieb mit einem Lächeln im Gesicht zurück.
11.30 Uhr: Tatort Hauptstrasse Reiden
Gaby Comte und Barry Schmid trafen in Reiden ein. Die Feuerwehr hatte sie zur Unfallstelle durchgewunken, nachdem sie ihre Ausweise gezeigt hatten. Gaby parkte ihr Dienstfahrzeug kurz vor der Unfallstelle. Hans Geiser erblickte die beiden. «Hallo, Gaby. Du hast Verstärkung mitgebracht?» «Hallo, Hans. Ja, das ist mein Assistent Barry Schmid. Er ist noch nicht lange bei uns.» «Hallo», Barry nickte Hans freundlich zu. Die drei begaben sich zum Unfallfahrzeug und Hans Geiser erklärte die bisherigen Erkenntnisse zum Unfallhergang. «Der Fahrer kam von Dagmersellen her Richtung Norden. Ungefähr 150 Meter vor der Unfallstelle hat das Fahrzeug plötzlich die Geschwindigkeit massiv erhöht, ist dann von der Fahrbahn abgekommen und schliesslich ungebremst rechts ins Haus geknallt. Dies haben verschiedene Zeugen mehr oder weniger übereinstimmend ausgesagt. Das Fehlen von Bremsspuren bestätigt die Beobachtungen.» «Und was meint der Arzt?», fragte Barry. Geiser schaute nachdenklich zum Unfallfahrzeug und meinte: «Wie du dir denken kannst, sind erst Vermutungen möglich. Vielleicht ist der Tod schon vor der Kollision eingetreten. Wer weiss? Es könnte gut sein, dass er einen Herzinfarkt erlitten hat. Aber ich habe euch wegen des merkwürdigen Schreibens gerufen. Das habe ich dir, Gaby, am Telefon ja gesagt.» «Ein Schreiben?», Barry sah Hans fragend an. «Ach, das habe ich dir noch gar nicht erzählt.» Gaby schlug einen entschuldigenden Ton an. «Im Handschuhfach des Unfallwagens wurde eine von Hand geschriebene Nachricht gefunden.» Gaby zeigte Barry das Schreiben auf ihrem Handy.
Hans Geiser berichtete weiter: «Da ist noch eine andere Sache. Ein Kollege und ich haben die Ehefrau des Verstorbenen über den Unfall informiert. Die Frau hat völlig emotionslos reagiert. Ihr ist der Tod des Ehemannes offensichtlich egal. Ich habe den Eindruck, das Ganze kommt ihr gerade gelegen. Die beiden wollten sich nämlich scheiden lassen. Der Verunfallte hatte eine Neue, eine jüngere.» «Es Näbegrüüsch esch äbe besser aus die auti Zimmerlinde, wie wir Berner sagen. Eine Geliebte zu haben ist heutzutage doch normal. Das ist noch lange kein Grund, den Mann gleich umzubringen», gab Barry
von sich. Mit dieser Bemerkung setzte er sich in die Nesseln. Gaby wurde etwas lauter und bestimmter. «Lass deine Machosprüche stecken, Barry. Deine Einstellung aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert änderst du oder behältst sie für dich. Klar? Du musst noch viel lernen, wenn du weiter mit mir zusammenarbeiten willst. Und zwar schnell.» Barry wollte eigentlich nur witzig sein. Aber das ging richtig in die Hose. Er entschuldigte sich kleinlaut. Hans Geiser ignorierte die peinliche Situation und fuhr fort: «Also, wir haben ein Unfallopfer, das möglicherweise bereits vor dem Unfall tot war, ein Schreiben, das wie eine Drohung tönt, und eine betrogene Ehefrau.» Gaby sagte: «Ich habe Hans am Telefon gesagt, dass ich der Meinung bin, dass das Opfer das Schreiben nicht selbst verfasst hat. Also war es an das Opfer gerichtet.» Barry sah noch eine andere Möglichkeit: «Oder es ist eine Botschaft an die Hinterbliebenen oder gar an uns. Dann war das Schreiben keine Warnung, sondern sollte nach dem Unfall gefunden werden. Es muss kurz vorher deponiert worden sein. Immerhin bestand die Gefahr, dass es das Opfer zufällig gefunden hätte.»
«Deine Idee gefällt mir, Barry. Der Fall wird langsam interessant.» Hans Geiser dachte laut nach: «Die eine Zeile lautet: «raff ich dich als ersten hin». Ich will nicht schwarzmalen. Aber es könnten noch weitere Taten folgen.» «Da muss ich dir leider recht geben, Hans. Ich hoffe zwar, dass du falsch liegst. Aber ich sehe das genau gleich. Der Leichnam muss in jedem Fall obduziert werden», meinte Gaby, die eine böse Vorahnung hatte. Die nächsten Tage würden zeigen, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hatte. Gaby und Barry sahen sich noch weiter um und sprachen mit den Mitarbeitenden vom Kriminaltechnischen Dienst. Bevor sie die Unfallstelle verliessen, wandte sich Gaby nochmals an Hans: «Von mir aus kann die Leiche jetzt abtransportiert werden.» Gaby und Barry fuhren zurück nach Luzern.
19.00 Uhr:
Das Fest zu Ehren von Alois Wagner im «Zeche»
Sämtliche Lokalitäten im «Zeche» waren voll. Im grossen Saal, der den Namen «Wisu-Saal» trug und 500 Personen Platz bot, versammelten sich die geladenen Gäste. Hier sollte der Jubilar später die Festrede halten. In den beiden kleineren Sälen, dem Kreisel-Saal für 100 Personen respektive dem «Zeche»-Saal für 50 Personen, und in der Gaststube, wurden die übrigen Gäste bewirtet. «Das Fussvolk»! So hatte Alois diese Personen bei der Planung betitelt. Am Stammtisch in der Gaststube war der Unfall unter den anwesenden Festteilnehmern das Hauptthema und man mutmasste über die Ursache: «Wahrscheinlich Sekundenschlaf.» «Dem ist die Zigarette runtergefallen.» «Handy am Steuer.» «Eindeutig zu schnell», bis hin zu «Ein klarer Fall von Selbstmord» oder «Seine Frau wollte weg». Das waren die Meinungen. Alois Wagner, der in Begriff war, die Leute an den Tischen persönlich zu begrüssen, bekam das Gespräch mit. Er trat auf die Lästerer zu und fauchte sie an: «Hört auf mit eurem blöden Geschwätz. Lasst den Willi in Frieden ruhen. Wer noch was sagt, wird von mir eigenhändig rausgeschmissen.» Damit war die Diskussion, zumindest für den Moment, beendet. Die Stimmung zu Beginn des Abends war gedämpft. Je länger die Veranstaltung dauerte und je mehr Alkohol floss, desto gelöster gaben sich die Gäste. Auf die Tanzmusik wurde aus Pietätsgründen verzichtet. Gesungen und dazu passend geschaukelt wurde trotzdem ausgiebig. Die eine oder andere Person schwankte beim Toilettengang bereits, als im grossen Saal Alois Wagner zum mit Blumen geschmückten Rednerpult schritt. Langsam wurde es still im Saal. Die Rede wurde in die anderen Lokalitäten übertragen. Auch hier kehrte Ruhe ein. Bedächtig liess Alois seinen Blick durch die Reihen im Saal schweifen, um dann den Blick direkt in die Kamera zu richten. Er kostete diesen Moment vollständig aus. «Ein Freund ist heute von uns gegangen. Dies wollen wir nicht vergessen. Die Würdigung des Lebens und Wirkens von Willi Habermacher wird zu gegebener Zeit stattfinden. Dafür sorge ich persönlich. Heute Abend wollen wir trotzdem feiern. Das hätte auch der Willi so gewollt. Ein Fest zu euren Ehren. Ihr habt mich in meinem Leben
begleitet. Dafür möchte ich heute Danke sagen. Ich begrüsse euch herzlich bei mir im «Zeche». Ein besonderer Gruss geht an meinen engen Freund, Regierungsrat Dominik Fluder. Lieber Domeni, danke, dass du dir die Zeit genommen hast und hier mit uns einfachen Bürgern vom Land feierst. Ich begrüsse weiter die anwesenden aktiven Mitglieder des Kantonsparlaments aus unserer Region und es freut mich rüüdig, dass der gesamte Gemeinderat von Reiden meiner Einladung gefolgt ist. Herzlich willkommen. Euch allen rufe ich Guete Obe metenand zu.» Alois fuhr fort: «Es ist mir ein persönliches Anliegen, heute der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Im Leben habe ich viel erreicht. Politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich stand und stehe ich auf der Sonnenseite des Lebens. Dies habt ihr mir ermöglicht, liebe Reiderinnen und Reider! Ihr habt den weisen Entschluss gefasst, mich in den Gemeinderat zu wählen. Ihr seid meinen Empfehlungen bei den Abstimmungen an den Gemeindeversammlungen gefolgt. Eure politische Solidarität hat Reiden gestärkt und weitergebracht. Ohne eure Unterstützung, liebe Freunde, hätte ich nie die Kraft aufgebracht, die notwendig ist, um die Entwicklung von Reiden entscheidend zu prägen. Es brauchte viel Mut, neben meinem erfolgreichen Hotel noch in die Politik einzusteigen. Durch euren Zuspruch und eure Treue zu meinem Betrieb stehe ich heute als glücklicher Mitbürger von Reiden vor euch und darf euch bewirten. Keiner muss heute sein Portemonnaie hervornehmen – heute geht alles auf mich. Als Dank für eure Unterstützung. Aber: Mut und Tatendrang allein reichen für eine erfolgreiche Karriere nicht aus. Es braucht auch Hilfe von dem da oben.» Mit dem rechten Zeigefinger zeigte er nach oben. «Der Herrgott war stets mein treuer Begleiter.» Alois legte eine kleine Pause ein.
«Nun wird es Zeit, kürzer zu treten. Mein Betrieb wird bereits von meiner Tochter Vreni geführt. Mir bleibt viel Zeit zum Jagen, Singen und Wandern. Hör, Vreni, es ist an der Zeit für ein Grosskind. Am liebsten wäre mir ein Stammhalter. Ein Mädchen ist mir auch recht. Du hast es ja auch geschafft, obwohl du eine Frau bist.» Dies sagte Alois mit einem Augenzwinkern. Er erntete dafür Gelächter von den Männern und ein Raunen von den anwesenden Frauen.
Alois kam zum Schluss: «Ich danke besonders den Fahnendelegationen, die mir die Ehre erwiesen haben, dem Männerchor, der Musik-
gesellschaft sowie den Jagdhornbläsern für die musikalische Umrahmung meiner Feier. Und nicht zuletzt danke ich den Schülerinnen und Schülern von Reiden für den originellen Tanz, den sie vorgeführt haben. Da haben die Lehrer mit den Schülern einmal richtig arbeiten müssen.» Wieder ein Augenzwinkern, wieder Gelächter, wieder eine Gruppe, die nicht mitlachte. «Meiner Tochter Vreni und ihrem Mann danke ich für die vorbildliche Weiterführung des väterlichen Betriebes.» Er spickte auf seinen Zettel mit den Stichworten. Zuunterst stand in grossen Lettern: Die Frau nicht vergessen! «Und natürlich danke ich meiner lieben Frau Elsi, die mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Sie hat die Erziehung der Kinder übernommen und mir so den Rücken für die wichtigen Dinge im Leben freigehalten.» Alois verbeugte sich kurz und erntete sofort tosenden Applaus. Am Stammtisch bemerkte ein Gast: «Er hätte noch seinem Sohn, der mit seinem Partner in Bern zusammenwohnt, danken sollen. Immerhin ist er nicht am Fest erschienen.» «Der war sicher nicht eingeladen. Du weisst ja, wie der Alois denkt», meinte ein anderer. Alois richtete sich am Mikrofon noch einmal an seine Gäste. «Gerne nutze ich die Gelegenheit, euch unsere neue Psychiaterin, Frau Dr. Inge Lohse, vorzustellen. Sie hat im Ostflügel unseres Hotels ihre Praxis eingerichtet und freut sich auf viele neue Patientinnen und Patienten. Meine Erfahrungen mit gewissen Leuten in Reiden haben gezeigt, dass ihre Hilfe bei einigen dringend notwendig ist. Diese Personen sind heute allerdings nicht eingeladen.» Wieder Gelächter, Frau Doktor lachte nicht. Ein Zwischenruf eines Anwesenden hallte durch den Saal: «Die stellst du uns doch nur vor, weil sie bei dir Mieterin ist, du altes Schlitzohr.» Alois fasste diese Bemerkung als Kompliment auf. «Ich fühle mich immer noch für die Bewohner von Reiden verantwortlich. Auch die geistige und psychische Gesundheit ist wichtig. Frau Doktor, möchten Sie ein paar Worte an die Anwesenden richten?» Frau Dr. Lohse war von dieser Aufforderung ein wenig überrascht, schritt aber sicher zum Mikrofon. «Liebe Reiderinnen und Reider. Wie Sie von Herrn Wagner bereits erfahren haben, führe ich hier in Reiden eine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie. Den grössten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Lörrach. Mein Studium der Humanmedizin absolvierte ich an der Julius-Maximili-