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Kurzvorschau - Claudia Stich | Schloss Schadau – Die Geschichte

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SCHLOSS SCHADAU

Die Geschichte Scherzligen, Strättligen, Thun-Panorama

SCHLOSS SCHADAU

Die Geschichte

Scherzligen, Strättligen, Thun-Panorama

Kaum ein Ort in Thun vereint Geschichte, Landschaft und kulturelles Erbe so eindrucksvoll wie die Schadau. Schloss Schadau, die Kirche Scherzligen und das Thun-Panorama sind uns vertraut – seit Jahrhunderten prägen sie diesen besonderen Ort am Übergang vom Thunersee zur Aare. Im Alltag erscheinen sie uns beinahe selbstverständlich und doch bergen sie Geschichten, die noch nicht erzählt sind.

Viele Menschen aus nah und fern besuchen die Schadau: angezogen von der wunderbaren Aussicht auf See und Berner Alpen, der besonderen Atmosphäre in der geschichtsträchtigen Kirche, zum Verweilen im Schloss oder wegen des eindrücklichen Rundgangs im weltweit ältesten erhaltenen Panoramabild von Marquard Wocher. Auch der Park lädt dazu ein, die Schönheit dieses Ortes im Wandel der Jahreszeiten immer wieder anders zu erleben.

Mit ihrem Buch lädt Claudia Stich dazu ein, die Schadau über das Sichtbare hinaus neu zu entdecken. Mit sorgfältiger Recherche und feinem

Gespür für die Menschen hinter der Geschichte öffnet sie den Blick für das, was sich hinter bekannten Fassaden verbirgt. Sie erzählt von Persönlichkeiten, die diese Orte geprägt haben, und macht Geschichte auf eindrückliche Weise lebendig und nahbar.

So schenkt uns dieses Werk nicht nur neue Einblicke, sondern auch neue Perspektiven auf ein vertrautes Kulturgut. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern viel Freude beim Eintauchen in die Geschichte von Schloss Schadau, der Kirche Scherzligen und dem Thun-Panorama. Claudia Stich danke ich herzlich dafür, dass sie unsere Neugier auf diese besonderen Orte neu entfacht.

17.5.2026

Katharina Ali-Oesch, Gemeinderätin von Thun

Geschichten sind wertvoll und fragil und können beim Weitererzählen von ihrem Glanz verlieren – oder das Gegenteil. Sie können sich wandeln, heller werden, neue Facetten offenbaren oder im Schatten verschwinden. Jede Generation schreibt ihre eigene Sicht auf die Vergangenheit, und so entsteht ein lebendiges Geflecht aus Erinnerung, Überlieferung und Deutung.

Ich bin keine Historikerin, doch ich habe mein Bestes gegeben, dieses Buch mit sorgfältig recherchierten Fakten zu füllen – und zugleich noch stärker den Menschen Raum zu geben, die hinter diesen Fakten stehen. Denn Geschichte besteht nicht allein aus Daten und Ereignissen, sondern aus Persönlichkeiten, deren Mut, Sehnsucht, Zweifel und Entscheidungen über die Jahrhunderte hinweg nachhallen. Mein Anliegen war es, diese Stimmen spürbar zu machen, damit man den Orten, um die es geht, nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Empathie begegnet.

Der Anstoss zu diesem Buch kam während einer Führung durch die Schadau. Eine unscheinbare

Beobachtung, ein Funken Neugier – und plötzlich war es, als hätte ich einen Stein aufgehoben, unter dem sich Verborgenes zu regen begann.

Aus diesem Moment heraus gerieten Dinge ins Rollen, Fragen tauchten auf, Wege öffneten sich, und der Wunsch entstand, tiefer zu graben und die Geschichten, die sich dort verbergen, ans Licht zu holen.

So lädt dieses Buch dazu ein, auf eine besondere Weise in die Geschichte von Schloss Schadau, Strättligen, der Kirche Scherzligen und dem Thun-Panorama einzutauchen. Es ist eine Annäherung – subjektiv, neugierig, respektvoll. Ein Versuch, die Vergangenheit nicht nur zu betrachten, sondern ihr ein Stück näherzukommen, indem man die Menschen sieht, die sie geprägt haben.

Möge «Schloss Schadau, die Geschichte. Scherzligen, Strättligen, Thun-Panorama» den Leserinnen und Lesern eine Tür öffnen: zu bekannten Fakten, vielleicht, aber auch zu unerwarteten Geschichten, neuen Blickwinkeln und einem tieferen Verständnis für diesen besonderen Ort und seine vielschichtigen historischen Verbindungen.

INHALT

8 Thun – Stadt der Gärten, Berge und Geschichten

10 Erste menschliche Spuren

11 Vom Anfang zur Kleinstadt

11 Die Rolle Thuns in der Schweiz und der Berner Herrschaft

12 Wer regierte Thun in früheren Zeiten?

14 Wo Offiziere flanierten und Kanonen hallten

20 Adel und seine Landsitze

22 Von der Durchgangsstation zum Sehnsuchtsort

26 Thun und seine illustren Gäste

36 Von Jahrhunderten getragen –Ankunft im 21. Jahrhundert

40 Strättligen

41 Strättligen – Geschichte eines besonderen Landstrichs

43 An den Ufern der Zeit –Die Anfänge von Strättligen

45 Zwischen Königreichen und Kirchwegen – Strättligen im frühen Mittelalter

46 Kirchliches Leben in Strättligen –Zwischen Grenzen, Glocken und Grabstätten

48 Die Freiherren von Strättligen –Aufstieg, Glanz und Echo eines vergessenen Adelsgeschlechts

53 Anna von Velschen – eine Frau in einer Männerwelt

54 Strättliger Burg – Ort der goldenen Lust

55 Von Türmen, Parks und Blickachsen –wie sich die Reichen in Strättligen niederliessen und das Volk sich unter wallmenden Dächern ein Zuhause schuf

60 Leben und Bauen in Strättligen –einst zwischen Hofstatt und Tätschdach

62 Die Geburt einer neuen Gemeinde: Strättligen im Wandel der Zeit

66 Scherzligen und seine Kirche

67 Scherzligen – Vom vorchristlichen Ursprung zum kulturellen Quartier

74 Kirche Scherzligen – Begleiterin auf wechselnden Pilgerwegen

76 Zwischen Mythos und Geschichte –Die Strättliger Chronik und Scherzligen

78 Von der frühchristlichen Kultstätte zum spirituellen Wahrzeichen

82 Vom Fundament zum Himmel –die Baugeschichte der Kirche Scherzligen

84 Gemalte Geschichten an den Wänden

90 Das Erbe unter der Empore –Anna von Velschen

93 Wenn Baumeister von Sonne und Mond geleitet werden

93 Ein Ort der Besinnung – damals wie heute

94 «Lichtkirche Scherzligen»

100 Die Bauherrenfamilien von Schloss Schadau stellen sich vor

101 Von Kronen, Kurien und Charakteren

104 Die Familie von Erlach: Mächtige Dynastie und ihre einflussreiche Geschichte

108 Die Familie von May: Einflussreiche Spuren einer Dynastie

110 Die Familie de Rougemont: Von Winzern zu Weltbürgern

112 Familienstammbaum «de Rougemont»

114 Familienstammbaum «Loewenberg und Schadau»

115 Von Generation zu Generation –Geschichten der de-Rougemont-Männer auf Schadau

135 Testament von Alfred Denis Lous von Rougemont vom 7. Juli 1908

137 Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Adelsfamilien

140 Verbundene Adelslinien am Thunersee

148 Interview mit Michel de Rougemont, Président de la Caisse de famille Rougemont

156 Schloss Schadau –ein Schloss für die Geschichte

157 Wenn ein Schloss zu früh geboren wird …

158 Die Besitzer von Schloss Schadau und ihre architektonischen Spuren

160 Schloss der «de Rougemonts» –Wie der Historismus Schloss Schadau neu erschuf

163 Zwischen Bewahren und Erneuern –der lange Weg zum Schlossneubau

178 Schloss Schadau –Stil, Haltung und feines Leben

190 Zwischen Schloss und Erde: Die Schadaugärtnerei und das Schadaugut

194 Schloss Schadau im Spiegel der Zeit – 20. und 21. Jahrhundert

195 Der Verkauf des Schlosses Schadau: Ein Vermögensstreben im Schatten des Erbens

198 Vom Baukonsortium zum Stadtbesitz

200 Kriegsjahre des Schlosses Schadau –Gemüse statt Rosenzucht

201 Sanierungen – Die behutsame Erneuerung von Schloss Schadau

212 Schadaupark – ein Juwel historischer Gartenkunst

213 Der Landschaftspark von Schloss Schadau in seiner 300-jährigen Geschichte

218 Aus dem Garten wird ein englischer Landschaftspark

224 Ein Ort der Begegnung: Die Schadau als öffentlicher Rückzugsort

226 Ein Park, der seine Geschichte atmet

228 Achtsamkeit im Schlosspark –Neue Wege zwischen Geschichte, Natur und innerer Ruhe

230 Panorama-Bild

231 Ein Fenster zur Welt – Das Thuner Panorama von Marquard Wocher

232 Marquard Wocher –Ein Leben für das Bild

240 Ein Bild wird Welt –

Die Entstehung des Thuner Panoramas

244 Das Rundhaus von Basel –Wo die Welt im Kreis stand

249 Nachklang und Wiederentdeckung –Das Panorama nach 1830

253 Ein neues Zuhause für ein altes Meisterwerk – Die Rotunde im Schadaupark

259 Danksagung

261 Literaturnachweise

263 Bildnachweis

267 Die Autorin

268 Impressum

THUN – STADT DER GÄRTEN, BERGE UND GESCHICHTEN

Einst nannten die Bewohner Thuns ihre Heimat liebevoll die «Stadt der Gärten und Kongresse». Sie erlebten, wie aus einer kleinen, von einer Ringmauer umschlossenen Siedlung eine Stadt heranwuchs, die Schritt für Schritt über ihre Mauern hinauswuchs. Doch Thun ging dabei stets eigene Wege – Wege, die uns heute wertvolle Einblicke gewähren: in frühmittelalterliche Machtverhältnisse, in die Entstehung geistlicher und weltlicher Zentren, in bürgerliches Selbstverständnis, militärische Strukturen und nicht zuletzt in die Anziehungskraft einer Landschaft, die von Natur aus privilegiert scheint. Wer sich heute Thun nähert – sei es über die Ebene des Aaretals oder entlang der glitzernden Wasserfläche des Thunersees –, begegnet mehr als nur einer Stadt. Man begegnet einem Ort, der wie eine Schnittstelle zwischen Natur und Geschichte wirkt, zwischen ländlicher Tradition und städtischem Aufbruch. Thun ist kein urbanes Zentrum im klassischen Sinne, und doch ist es ein kultureller Angelpunkt: ein Ort, an dem sich Landschaft und Baukunst, Herrschaft und Alltag, Erinnerung und Gegenwart begegnen und miteinander verschmelzen.

Die Geschichte der Stadt ist wechselvoll: von der zähringischen Gründung über die Jahrhunderte unter bernischer Herrschaft bis hin zur Rolle als militärisches und industrielles Zentrum. Jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen, und doch ist Thun stets eigenständig geblieben – ein Spiegel grösserer Zusammenhänge und zugleich ein einzigartiges Kapitel der Schweizer Geschichte. Heute sehen viele Besucher Thun als das, was es längst auch für seine Bewohner ist: ein Paradies. Jährlich kommen Gäste aus aller Welt, um die Stadt an der Aare – und nicht direkt am See – zu

← Ansicht der Stadt Thun, gewidmet Sophie Wilhelmine (1711–1751), Prinzessin von Oranien und Nassau.

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bewundern. Eingebettet zwischen Fluss und Alpenkette, erzählt Thun nicht nur Geschichten der Vergangenheit, sondern schenkt den Menschen auch Gegenwartsmomente voller Schön-

Erste menschliche Spuren

Die Ufer des Thunersees und die sanft ansteigenden Hügel des heutigen Thuner Beckens zogen bereits früh Menschen an. Archäologische Funde belegen, dass das Gebiet um Thun schon in der Jungsteinzeit besiedelt war. Die Lage war ideal: geschützt und dennoch offen, mit Zugang zu Wasser, fruchtbaren Böden und strategisch

heit. Die Berge, die einst Schutz und vielleicht auch Ehrfurcht bedeuteten, sind heute Quelle von Freude und Verzauberung – und machen die Stadt zu einem Ort, den man nie vergisst.

gelegenen Passübergängen Richtung Alpen. Spätere Kulturen – Kelten, Römer, Alemannen – hinterliessen Spuren, Siedlungsreste und Kulturartefakte. Thun war kein Zentrum wie Aventicum oder Augusta Raurica, aber stets Teil eines Netzwerks von Handels- und Wanderwegen.

↓ Die Stadt Thun 1654.

↑ Am 18. Februar 1218 endete mit dem Tod von Herzog Berthold V. von Zähringen nicht nur eine Dynastie, sondern auch das Wirken jener Herrscherfamilie, die mit klug gewählten Standorten an Gewässern und auf unbebautem Land eine Welle von Stadtgründungen in ganz Europa auslöste. Er soll das Schloss Thun erbaut haben. Denkmal von Berthold V. im Nydegghöfli in Bern, 2026.

Vom Anfang zur Kleinstadt

Im Hochmittelalter nahm Thun Gestalt an, mit einem Stadtkern, der sich um das heutige Schloss erhob. Die Grafen von Kyburg prägten die frühe Stadtstruktur, gerieten dann aber in finanzielle Schwierigkeiten und mussten die Stadt verkaufen. So gelangte Thun 1384 unter die Kontrolle der Stadt Bern. Der See, die Aare und die fruchtbaren Böden im Umland machten Thun zu einem Knotenpunkt für Waren und Menschen. Markttage, Handwerkszünfte und erste Schulen zeugten von der Entwicklung einer lebendigen Kleinstadt. Die frühneuzeit lichen Jahrhunderte verliefen zwar vergleichsweise ruhig, aber Thun blieb – durch seine Lage – ein Ort, an dem sich lokale Ereignisse stets mit überregionalen Entwicklungen verbanden.

Die Rolle Thuns in der Schweiz und der Berner Herrschaft

Als ehemalige bernische Untertanenstadt erlebte Thun mit der Helvetischen Republik einen tiefgreifenden Wandel. 1798 zur Hauptstadt des kurzlebigen Kantons Oberland erklärt, bekam die Stadt erstmals eine überregionale Bedeutung. Auch wenn diese Aufwertung mit der Mediationsverfassung von 1803 wieder rückgängig gemacht wurde, wirkte sie nach: Politische Mitbestimmung, liberales Denken und ein neues Selbstverständnis erfassten auch Thun.

Der entscheidende Impuls kam 1818: Die Tagsatzung bestimmte Thun zum Standort der eid-

genössischen Militärschule. Was als militärisches Projekt begann, beeinflusste in den kommenden zwei Jahrhunderten nahezu jeden Aspekt des städtischen Lebens – von der Wirtschaft bis zur Demografie. Die Armeeschule, später ergänzt durch Rüstungsbetriebe und Kasernen, liess Thun wachsen. Nicht ohne Widerspruch – denn der zunehmende Einfluss des Bundesmilitärs entzog der Stadt manche Gestaltungsmöglichkeit. Dennoch: Der Waffenplatz wurde zu einem der stärksten wirtschaftlichen Motoren der Region.

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WER REGIERTE THUN IN FRÜHEREN ZEITEN?

Eine kleine Zeitreise durch die Herrschaftsgeschichte

ZÄHRINGERZEIT (BIS 1218)

Die mächtigen Herzöge von Zähringen prägten Thun und gründeten um 1190 das Schloss – als Zeichen ihrer Herrschaft über die Region.

KYBURGER UND HABSBURGER (1218–1384)

Nach dem Aussterben der Zähringer fiel Thun an die Kyburger. Später übernahm das Haus Neu-Kyburg (Habsburger) Teile ihres Besitzes. In dieser Zeit entwickelte sich Thun zur befestigten Stadt.

BERN ÜBERNIMMT (AB 1384)

Der Graf von Kyburg, hochverschuldet, verkaufte Thun samt Schloss an die Stadt Bern. Von da an war Thun bernisch – regiert durch bernische Landvögte, die im Schloss residierten.

THUN ALS BERNISCHER VERWALTUNGSSITZ

Bis 1798 blieb Thun Teil des Berner Stadtstaats – und wurde so zum strategischen Zentrum zwischen Oberland und Mittelland. ↑ Es war schon damals nicht leicht, die Stadt Thun zu regieren – der Präsident und zwei Stimmenzähler anlässlich der 1798 in Thun abgehaltenen Urversammlung.

↑ Thun, Schloss Thun, Gesamtaussenansicht; Ansicht des Schlosses Thun von Osten, 1782.

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↑ Eine Grusskarte mit dem Sujet der Hauptkaserne, 1902.

WO OFFIZIERE FLANIERTEN UND KANONEN HALLTEN

GENERAL GUILLAUME-HENRI DUFOUR (1787–1875)

Schweizer Offizier, Ingenieur und Kartograf. Als Oberbefehlshaber im Sonderbundskrieg von 1847 führte er die eidgenössischen Truppen mit Umsicht und vergleichsweise geringen Verlusten. Neben seiner militärischen Laufbahn prägte er als Mitbegründer des Roten Kreuzes und als Namensgeber der Dufourspitze die Schweizer Geschichte nachhaltig.

NAPOLEON BONAPARTE (1769–1821)

prägte mit der Helvetischen Republik (1798) und der Mediationsakte (1803) die Neuordnung der Schweiz nachhaltig – politische Umbrüche, die auch die Entwicklung von Thun im 19. Jahrhundert beeinflussten.

↑ Das Militär in Thun war ein vertrauter und meist gern gesehener Anblick. Mit dem Entscheid des Bundes, Thun als Waffenplatz auszubauen, wurde es endgültig zu einem prägenden Faktor des städtischen Lebens – zur Freude vieler, zugleich aber deutlich spürbar im Alltag der Bevölkerung. Gruppenporträt von Offizieren, 29.8.1902.

→ Als man die Post noch selbst brachte und holte. Ein Soldat vor dem Postgebäude in Thun, undatiert.

↑ Der Viehmarkt in der Marktgasse, undatiert.

→ Markttag in Thun: Mit Vieh, Waren und regem Treiben wurde der Markt seit jeher zum Grossereignis, zu dem man selbst vom Land her in die Stadt fuhr – kein Weg war zu weit, um dabei zu sein.

E•s gab die Jahr- und Samstagsmärkte, die kalten Märkte und sogar einen «Knechtenmärit». Der Bezirk Thun und das Oberland brachten auf den Markt: Leder und Schuhe, Sattlerwaren, Küferwaren, Frutigtücher, Seidenzeug, Spitzen, Körbe, Glocken, Regenschirme, Seifen und Tabak und noch vieles mehr.

— Freiburg und Neuenegg brachten: Zundel, Ketteli

— Neuenburg und Cortaillod: Gold- und Silberwaren

— Savoyen: Kupfer und Metallwaren

— Wallis: «Skorpionen»

— Piemont: Barometer

— Graubünden: Sensen

— Unterwalden: Schaftheu (Schachtelhalme, auch Katzenstiele genannt, die zum Putzen des Messings und Kupfers dienten)

— Luzern: Uhren

— Solothurn: Bürsten und Schwämme

— Thurgau: Beuteltuch

— Von Bern kamen Import-Zitronen

(Quelle: Hugo Haas, «Die Entwicklung der Stadt Thun»)

↑ Wirtshaus zu Schmieden, undatiert.

↑ Wo man tratschte, lachte und spielte: Die Hauptgasse von Thun zwischen 1890 und 1905.

← Der Rathausplatz von Thun, Gerberngasse und untere Hauptgasse um 1900 – damals gab es noch Bogenlampen.

Adel und seine Landsitze

Da Thun im politisch vergleichsweise ruhigen Berner Oberland lag, entwickelte sich die Kleinstadt im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend zu einem bevorzugten Wohn- und Rückzugsort. Hochrangige Politiker, einflussreiche Adelige sowie wohlhabende Kunstliebhaber entdeckten das idyllisch gelegene Thun als idealen Ort für Sommerfrische, geistige Erholung und gesellschaftliche Begegnung. In den grosszügigen Landsitzen rund um die Stadt empfingen sie Gäste aus dem In- und Ausland und präsentierten ihnen die landschaftliche Schönheit der Thunerseeregion – den funkelnden See, die majestätische Alpenkulisse und die gepflegten Gar tenanlagen. Nicht nur in den eleganten Hotels der Stadt logierte die internationale Noblesse – bevorzugt wurde der Aufenthalt in repräsentativen Landgütern, oftmals im Besitz von Standesgenossen. Was Coppet am Genfersee mit dem Schloss der Madame de Staël war, bedeutete für Thun die Chartreuse in Hünibach: ein Landsitz von ausser-

gewöhnlicher Anmut. Dieses Anwesen am Seeufer gehörte dem Berner Schultheissen Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), einem bedeutenden Staatsmann und Mitbegründer des Unspunnenfestes. Um 1820 liess er die Chartreuse aufwendig ausbauen. Ihren Namen erhielt sie von den einstigen Besitzern, den Kartäusermönchen von Thorberg, deren Niederlassung sich einst an dieser Stelle befunden hatte. Wie sich einst die Mönche zur inneren Einkehr zurückzogen, so suchte auch von Mülinen diesen Ort immer wieder auf, um sich von den Mühen der Politik zu erholen. Als Gründer der Schweizerischen Geschichtsforschenden Gesellschaft beherbergte er im Turm seines Landsitzes eine der wertvollsten Bibliotheken der damaligen Zeit –die Chartreuse wurde dadurch nicht nur zum Ort der Ruhe, sondern auch zum gesellschaftlichen und intellektuellen Anziehungspunkt weit über die Region hinaus.

→ Ein belesener Mann mit beeindruckender Bibliothek in seiner Chartreuse: Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), 19. Jhd.

→ → Rodolphe Émile Adolphe de Rougemont (à la Chartreuse) (1805–1844). Er kaufte den einstigen Besitz der von Mülinens für erholsame Tage. Als Bruder des Erbauers des neuen Schlosses Schadau, Abram Denis Alfred de Rougemont (1802–1868), entdeckte er die landschaftliche Schönheit der Region am Thunersee bereits vor seinem Bruder. 1829.

↑ Bezaubernd und liebreizend präsentiert sich die Chartreuse, die im Laufe der Jahrhunderte durch viele Besitzerhände ging. Zur Zeit von Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833) war sie ein Ort des Denkens und Sinnierens; seine Bibliothek, reich an in Leder gebundenen Bänden, galt als wahrer Schatz des Wissens.

Ein weiterer prächtiger Landsitz war – und ist bis heute – das Schloss Schadau im beschaulichen Scherzligen. Seit jeher diente es als Sitz mächtiger Patrizierfamilien. Mitte des 19. Jahrhunderts ging es in den Besitz der wohlhabenden Bankiersfamilie de Rougemont aus Neuenburg über. Mit ihrem Reichtum und Sinn für Repräsentation liessen sie den barocken Vorgängerbau abtragen und an seiner Stelle ein romantisch-verspieltes Schloss errichten. In seiner Lage am Seeufer, umgeben von einem weitläufigen englischen Landschaftspark, wurde die Schadau zu einem Ort von europäischem Rang – ein Bauwerk, das nicht nur Wohnsitz, sondern auch Bühne gesellschaftlicher Geltung war. Schon bald folgten weitere Adelige und wohl-

habende Familien diesem Beispiel. Wer Rang und Namen hatte, verbrachte die Sommermonate in einem der herrschaftlichen Landsitze, sei es in historischen Gemäuern oder in neu erbauten Villen. Es war Ausdruck des Zeitgeistes – und gehörte schlicht zum guten Ton.

Auch Künstler, Literaten und Philosophen verliebten sich in die Region. Heinrich von Kleist verbrachte 1802 glückliche Monate auf der Aareinsel und Lord Byron verarbeitete seine Eindrücke aus Thun und Umgebung literarisch. Die Stadt wurde damit Teil eines romantischen Narrativs, das im 18. und 19. Jahrhundert die Alpen als Ort der geistigen Erhebung stilisierte – ein Narrativ, das wiederum den frühen Tourismus befeuerte.

Von der Durchgangsstation zum Sehnsuchtsort

Tourismus in Thun und am Thunersee – ein kulturhistorischer Blick

Wer in früheren Zeiten in die Berner Berge wollte, kam an Thun kaum vorbei. Die Stadt am See war lange weniger Reiseziel als vielmehr Ausgangspunkt – ein Etappenort, von dem aus das «eigentliche Erlebnis» Oberland begann. Doch gerade diese Rolle machte Thun zur lebendigen Drehscheibe und zum Magneten für Menschen mit Fernweh, Forscherdrang – oder schlicht Freude an der Landschaft. Die Anreise war mühsam. Um 1790 reiste man in klapprigen Lehnwagen von Bern her, gezogen von zwei Pferden – eine Fahrt von mehreren Stunden. Ab 1772 führte immerhin eine ausge-

↓ Das rege Treiben am Bahnhof Thun, undatiert.

baute Landstrasse durch das Aaretal, später verkehrten Diligencen (Postkutschen), Postschiffe und erste Fuhrwerke. Die Rückfahrt nach Thun verlangte oft kräftige Pferde, die die Kähne gegen die Strömung zurückzogen. Wer sich lieber auf Schusters Rappen bewegte, wanderte sechs Stunden durch das Gürbe- oder Aaretal – mit gelegentlichen Pausen in einer der zwölf Schenken entlang der Route. Nicht nur die Landschaft begeisterte. Auch das Stadtbild beeindruckte, trotz Kritik: das monumentale Schloss, die weite Aussicht vom Gottesacker, die klangvolle Stadtkirche oder die berühmte Bibliothek des Schultheissen von Mülinen machten Thun zu einem Ort, der nach und nach mehr war als nur Zwischenhalt.

Viele Zeitgenossen schwärmten von den liebevoll gehegten Bauernhöfen, den gepflegten Hecken und der wohltuenden Ordnung. Dennoch wurde Thun in frühen Reiseführern oft als «kleine, unbedeutende Stadt» beschrieben – hübsch gelegen, aber ohne bleibenden Reiz. Dass sich das änderte, verdankt Thun vor allem einer besonderen Gruppe von Besuchern: Literaten, Naturforschern, Malern und Philosophen. Sie waren es, die Thun nicht nur durchreisten, sondern in Bildern, Berichten und Tagebüchern beschrieben – und damit berühmt machten. Die wachsende Begeisterung für die Alpen in Aufklärung und Romantik verlieh auch Thun neue Bedeutung. Hier starteten viele ihre emo-

tionale Entdeckungsreise in die Gletscherwelt und suchten den «Naturgenuss», der damals zum neuen Reiseideal wurde. Einer von ihnen war Heinrich von Kleist, der 1802 auf der Aareinsel wohnte und Thun als Inspirationsquelle schätzte.

Es waren also nicht Hoteliers oder Reiseveranstalter, sondern Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler, die als erste Promotoren Thuns wirkten – und der Stadt am See ein bleibendes kulturelles Fundament gaben.

↑ Die Schiffstation, der Bahnhof und das Dampfschiff Blümlisalp, ohne Datum.

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→ Promenieren am Wasser mit Blick auf das Hotel Beau­ Rivage, Postkarte ca. 1920.

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THUN UND SEINE ILLUSTREN GÄSTE

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749–1832)

Johann Wolfgang von Goethe reiste viel und entdeckte dabei auch Thun. Die Stadt und die Landschaft des Berner Oberlandes beeindruckten ihn tief und wurden ebenfalls Teil jener Naturerfahrungen, die sein Denken und Schreiben prägten.

MARQUARD WOCHER (1769–1830)

Der Maler, der das berühmte Thun-Panorama zwischen 1809 und 1814 schuf, das seit 1961 im Thuner Schadaupark zu besichtigen ist.

NAPOLEON DER DRITTE (1808–1873)

Er war bernischer Hauptmann auf dem Thuner Waffenplatz, war in den 1830er-Jahren einige Male in Thun, sogar 1865 als nunmehr französischer Kaiser.

JOHANNES BRAHMS (1833–1897)

Drei Sommer lang war er in Thun, 1886, 87 und 88. – Vielleicht hat er Thun nur deshalb genossen, weil er sich im legeren Jägerhemd draussen bewegen und auch im kleinen Spezereiladen im Duft von Petrol und Malzbonbons einige seiner Werke schreiben konnte.

RAINER MARIA RILKE (1875–1926)

Die Thuner Familie Ziegler war Mäzenin und überliess ihm unentgeltlich ihre Sommerresidenz, wo er in Ruhe arbeiten konnte.

FERDINAND HODLER (1853–1918)

Als Lehrling der Kunstmalerei ging er von 1867 bis 1870 zum Unterricht bei Ferdinand Sommer, einem Maler und Kunstlehrer in Thun.

HEINRICH VON KLEIST (1777–1811)

Er hatte eine intensive Schaffensperiode 1802 und 1803 auf der Thuner Aareinsel und arbeitete hier an Werken wie «Der zerbrochne Krug» und an der Fertigstellung von «Familie Schroffenstein».

RALPH BENATZKY (1884–1957)

Der Operettenkönig. «Wir haben ein Haus gesehen, den Traum aller Träume; gleich war’s um uns geschehen.» So steht es in seinem Tagebuch von 1932 zur Villa vom Orchesterverein Bern in Hünibach, die er im selben Jahr kaufte und mit Frau und Dienerschaft 1932 bis 1940 und 1946 bis 1949 bewohnte.

→ Schon früh warb man in Thun mit berühmten Namen: Diese Postkarte zeigt das Haus, in dem Johannes Brahms während seiner Aufenthalte in Thun logierte.

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