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Kurzvorschau - Christian von Weissenfluh – Unbändig

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Nadine Gerber

CHRISTIAN VON WEISSENFLUH

Unbändig


NADINE GERBER

CHRISTIAN VON WEISSENFLUH

Unbändig


INHALT Prolog

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Kapitel 1 – Der Unspunnen-Schlussgang 1993 Der Kurz

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Kapitel 2 – Verletzungen und Rückschläge

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Kapitel 3 – Wie es zum Schwingsport kam Der Lätz

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Kapitel 4 – Wie alles begann

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Kapitel 5 – Diverse Kranzfestsiege Meine Kranzfestsiege und die grössten Erfolge an eidgenössischen Festen

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Kapitel 6 – Schwarzenegger des Sägemehls

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Kapitel 7 – Leben im Schwingkeller Der Wyberhaagge

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Kapitel 8 – Nah dran am Schwingerkönig

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Kapitel 9 – Sieg auf dem Brünig Der Kurz mit Fussstich

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Kapitel 10 – Umgang mit Entscheidungen

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Kapitel 11 – Leben in der Öffentlichkeit

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Kapitel 12 – Disziplin als Motivation Der Buur

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Kapitel 13 – Im und neben dem Sägemehl

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Kapitel 14 – Es geht nicht mehr Der Innere Haagge

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Kapitel 15 – Fokus auf die Kinder

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Kapitel 16 – Schicksalsjahre mit Krebs

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Kapitel 17 – Mein Leben heute

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Kapitel 18 – Das Schwingen damals und heute Der Hochschwung

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Kapitel 19 – Schlusswort

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Nachwort – Kleines Schwinger-Einmaleins Autoren Bildnachweis

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PROLOG Grüessech, Mein Name ist Christian von Weissenfluh. Mit 87 gewonnenen Kränzen, davon zwei eidgenössischen, gehörte ich in den 1990er-Jahren im Schwingsport zu den Besten. Am meisten Aufsehen erregten wohl meine Muskeln: Ich habe bald erkannt, dass mir der Kraftsport im Schwingen weiterhilft. Mit viel Disziplin und Training trainierte ich mir zwanzig Kilo Muskelmasse an. Dies spiegelte sich in meinem Spitznamen wider: «Arnold Schwarzenegger des Sägemehls» haben sie mich genannt. Mein ganzes Denken, meine Leidenschaft, gehörte dem Kampf im Sägemehl. Vieles musste ich zurückstecken – so meine Familie oder meine Freizeit. Zwischen 1992 und 1995 war ich kaum zu bezwingen. Dennoch, mein grösster Traum erfüllte sich nicht. Der Titel des Schwingerkönigs blieb mir verwehrt. Dies blieb nicht der einzige Rückschlag in meinem langen und bewegten Leben, doch es war auch geprägt von vielen Höhepunkten. Von all dem möchte ich in diesem Buch erzählen. Ich tauche ein in eine Zeit, in der der Schwingsport noch ein anderer war – und ziehe Vergleiche zu heute. Natürlich möchte ich, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, etwas mitnehmen können für Ihren nächsten Besuch an einem Schwingfest. Die wichtigsten und für mich besten Schwünge erkläre ich Ihnen ausführlich – auch in einem Videoclip, den Sie via QR-Code ganz einfach abrufen können. Ich wünsche Ihnen viele schöne Lesestunden und viel Freude beim Entdecken dieses Schweizer Traditionssports, der heute so populär ist wie nie. Herzlich, Ihr Christian von Weissenfluh

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Ein Bild aus meiner Zeit in Los Angeles, ich reiste 2008 mit meiner Tochter Tonja durch die USA.

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KAPITEL 1 – DER UNSPUNNENSCHLUSSGANG 1993 «Erst jetzt, wenn ich zuschaue, nehme ich wahr, welche Ehre es ist, am Unspunnen schwingen zu können. Und im Schlussgang zu stehen.»

Die Geschichte, die ich gerne erzählen möchte, soll nicht bei der Geburt beginnen. Das wäre zu einfach. Und vielleicht auch zu langweilig. Der Höhepunkt eines jeden Schwingers ist die Teilnahme an einem Schwingfest mit eidgenössischem Charakter. Dazu zählen die eidgenössischen Schwing- und Älplerfeste, die alle drei Jahre ausgetragen werden, sowie der Kilchberger Schwinget und der Unspunnen-Schwinget, die nur alle sechs Jahre stattfinden. Mit einem solchen Event möchte ich einsteigen, genauer mit dem Unspunnen Schwinget 1993 in Interlaken. Dieser Schwinget war der Höhepunkt meiner Karriere als Schwinger. Und der Tiefpunkt. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen und nicht vor über dreissig Jahren. Ich rieche das Sägemehl. Vor allem am Morgen riecht es nach nassem Holz, weil der Ring bewässert und abgewalzt wird. In der Garderobe hängt der Geruch von Dul-X-Crème, im Verlauf des Tages vermischt er sich mit dicker, schwerer Luft. Ich sehe mich, wie ich den Sägemehlring betrete, sehe ihn vor mir, Sutter Thomas, Turnerschwinger aus Appenzell, ein weiss gekleideter Hüne, gerade zwanzig Jahre alt, athletisch, braune Haare, ein Mann,

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den ich erst wenige Wochen zuvor auf dem Brünig auf den Rücken legen konnte. Ich bin in Topform und weiss, ich kann sie alle packen. Ich weiss, ich kann diesen wichtigen Wettkampf gewinnen. Und ich werde es tun. Ich werde diesen Titel meines Lebens, den Sieg am Unspunnen, holen und mich in den Geschichtsbüchern verewigen. Sutter ist gross, jung, wild – doch hinter mir liegt eine makellose Bilanz, in allen fünf vorangegangenen Gängen stieg ich als Sieger aus dem Ring. Ein Gestellter im Schlussgang reicht mir zum Tagessieg. Immer und immer wieder habe ich die Szene in den letzten Minuten vor dem Gang visualisiert. Wie ich Sutter packe, rechts greife, links greife, wie er auf dem Rücken landet, wie ich ihm die Hand reiche, ihm das Sägemehl vom Rücken putze. Wenn man topfit ist, leitet einen das Unterbewusstsein. Was um einen herum stattfindet, blendet man aus. Ich betrete den Ring wie immer als Zweiter, trage meine schwarze Hose und das violette Hemmli, mein Markenzeichen. Sutter wirkt bleich. Das ist meine Chance. Natürlich ist er ein Top-Gegner, einer der aufstrebenden Nordostschweizer mit den Fähigkeiten zum Spitzenschwinger. Womöglich hat er in diesem September 1993 selbst nicht so richtig damit gerechnet, im Schlussgang des Unspunnenfests zu stehen. Körperlich bin ich kleiner, aber kräftiger. Doch ich weiss – Muskelmasse allein reicht nicht. Gute Bewegungsabläufe sind genauso viel wert. Wir reichen uns die Hand. Ich greife rechts, greife links. Der Kampfrichter gibt das «Gut», also das Startsignal. Ich ziehe. Sutter kontert, überrascht mich mit einem Gammen. Ich falle nicht, spüre aber einen stechenden Schmerz in meinem Knie, einen Schlag, ich weiss sofort, da stimmt etwas nicht. Ich nehme mir eine Auszeit. Man kann den Gang unterbrechen, wenn man sich nicht gut fühlt. Ich habe ein leeres Gefühl in meinem Knie, ich kann das nicht anders beschreiben, als wäre es von meinem fitten, gesunden Körper losgelöst. Nach drei Minuten mache ich weiter. Vielleicht hätte ich das Knie tapen sollen, doch mir ist klar, ich muss einfach diese zwölf Minuten überstehen, dann gehört der Fest-

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Der fünfte Gang am Unspunnenschwinget: Ich lege Yerly Gabriel auf den Rücken und stehe im Schlussgang.

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Von Fritz Züger bekam ich noch lange nach unserer Begegnung immer mal wieder Post, über die ich mich sehr freute.

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sieg mir. Der Adrenalinspiegel ist hoch, ich habe nur noch einen Gedanken: Ich darf in diesem Schlussgang nicht fallen. Der Gedanke hält sich leider keine zwölf Minuten. In der sechsten oder siebten Minute lande ich auf dem Rücken. Sutter zieht kurz und hoch, ich tauche über die Seite ab und komme nicht mehr weg. Ich spüre seine Hand, die mich nach oben zieht, die mir das Sägemehl vom Rücken putzt, ich sehe, wie die Meute angerannt kommt, Sutter packt und in die Lüfte wirft. Ich bin allein. Mit meiner Enttäuschung. Meinem Schmerz. Was ist da passiert, frage ich mich. Meine Freunde, meine Familie, alle trösten mich. Gratulieren mir zu meinem Erfolg. Ein Schlussgang im Unspunnen Schwinget – das ist mehr als ein Achtungserfolg. Für mich fühlt es sich in diesem Augenblick ganz anders an. Ich trainierte in der Woche vor dem Unspunnenfest mit meinem Bruder, sagte ihm: «Nächsten Sonntag hole ich mir fünf Siege. Das behältst du aber für dich.» Ich war schon zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass ich das Fest gewinnen würde. Am Samstag vor dem Wettkampf spulte ich mein übliches Programm ab: Besuch in Bern bei meinem Chinesen, Zmittag essen, ein Mittagsschlaf, Tasche packen, alle Reize ausblenden, Klingel und Telefon ausschalten, Znacht essen, Schlaftablette nehmen, ins Bett gehen. Ich schaute darauf, dass ich möglichst viel ass und trank, denn ich wusste, am Wettkampftag selbst würde ich viel zu nervös dafür sein. Man muss nicht am Wettkampftag selbst essen, diese Mahlzeit liefert keine Energie für den Kampf, man muss sich in den Tagen und Wochen vorher richtig ernähren. Am Sonntag stand ich sehr früh auf, so gegen halb fünf Uhr morgens. Ich ass Haferflocken mit Bananen und etwas Zopf. Ich lebte damals in Meiringen, das ist nicht weit von Interlaken, und hatte somit eine kurze Anreise. So begleiteten mich meine Eltern, mein Bruder, der zu diesem Zeitpunkt bereits vom aktiven Schwingsport zurückgetreten war, meine Frau mit den Töchtern, eigentlich die ganze Familie. Fritz Zü-

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ger, eine Koryphäe im Skisport und Trainer von Top-Athleten wie Michael von Grünigen oder Paul Accola, war auch dabei. Er war ein Schwingfan und auch ein Fan von mir, ein Typ, der einen hervorragend motivieren konnte. Normalerweise turnt man an diesen Anlässen zusammen mit dem Team ein. Ich wollte das nie, den Rest vom Jahr musste ich es ja auch allein machen. Ich bevorzugte es, mich mit Seilspringen aufzuwärmen. Ich trug auch nie den Mannschafts-Trainingsanzug, den wir eigentlich zu eidgenössischen Schwingfesten anziehen mussten, um die Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Vielleicht war das egoistisch – doch ich funktionierte so und ich denke, man hat es mir durchgehen lassen, weil meine Resultate überzeugten. Schwingen war für mich immer eine Einzelsportart, in der ich für mich selbst verantwortlich war. Ich erinnere mich noch genau an meine Gegner aus den fünf ersten Gängen: Huber Matthäus, Gozzio Hugo, Matter Urs, Sutter Peter und Yerly Gabriel zogen allesamt den Kürzeren. Letzterer stand am Kilchberg Schwinget mit Hasler Eugen im Schlussgang und ich legte ihn in den letzten zehn Sekunden auf den Rücken. Die ersten Gänge dauern je

Der Blick schreibt über meine Knieverletzung beim Unspunnen-Schlussgang 1993.

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nach Fest fünf bis acht, die Schlussgänge zwölf bis sechzehn Minuten. Wenn man immer über die Maximalzeit gehen muss, braucht einen das enorm. Doch so lange ging es in der Regel ja nicht. Da sass ich also, mit meiner Trauer und den Schmerzen im Knie. Es war das linke Knie, jenes, auf dem ich stehe, wenn ich zu meinen Spezialschwüngen ansetzen will. Ich wog etwa 105 Kilo, der Gegner etwa 110 – dieser Masse hielt das Knie nicht mehr stand. Die Stabilität war nicht mehr da. Im Adrenalinschub geht das unter. In einem normalen Gang hätte ich vielleicht aufgehört. Doch das war der Schlussgang des Unspunnenfests – die Chance meines Lebens. Wenn ich aufgegeben hätte, wäre ich nicht mal mehr Zweiter geworden. Dann wäre ein anderer für den Schlussgang gesucht worden, mein Name wäre unter «Unfall» auf der Rangliste aufgetaucht. Ich wollte wenigstens noch Zweiter werden. Gleich am Montag nach dem Wettkampf fuhr ich in die Rennbahnklinik nach Muttenz, am Mittwoch wurde ich operiert. Es stand rasch fest, dass das Kreuzband gerissen war. Es kam am Abend sogar in der Tagesschau: «Christian von Weissenfluh hat es schlimmer erwischt als angenommen.» Hätte, wäre… Man kann viel darüber spekulieren. Dennoch bin ich überzeugt, dass ich ohne diese Verletzung das Fest hätte gewinnen können. Es ist, wie es ist. Ich kann es nicht mehr ändern. Gleich nach der Operation wusste ich – der einzige Weg führt nach vorne, zurück ins Sägemehl. Es gab keine andere Option. Ein grosser Traum ist an diesem Sonntag in Interlaken geplatzt – doch noch waren nicht alle Träume ausgeträumt.

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Auch der Unspunnen-Schlussgang selbst war dem Blick eine Meldung wert.

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Der Kurz Der Kurz kann auch ohne den Fussstich ausgeführt werden. Es war ein Schwung, den ich selbst nicht im Repertoire hatte – allerdings zog ich immer wieder den Kürzeren, wenn ein Gegner diesen beherrschte. Beispielsweise im Schlussgang des Unspunnen-Fests, in dem ich mir das Kreuzband riss. Das Greifen ist hier sehr wichtig. Der Schwinger reckt die linke Hand nach vorne, macht eine rasche Vierteldrehung nach rechts und kommt mit seiner Brust sehr nah an die des Gegners. Das linke Bein platziert er zwischen den Beinen des Gegners, dann zieht er diesen mit aller Kraft an sich und wirft ihn hoch, macht eine Drehung nach rechts und der Gegner landet auf dem Rücken. Der Kurz ist ein schneller, explosiver Schwung und wahrscheinlich jener, der am meisten angewandt wird, fast die Hälfte aller Gänge wird durch den Kurz entschieden. Er wird auch häufig den Kindern als erster Schwung beigebracht. Zum Video

Passwort: Schwung

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KAPITEL 2 – VERLETZUNGEN UND RÜCKSCHLÄGE «Um erfolgreich zu sein, reicht es nicht, deine volle Leistung zu bringen – du musst über dich hinauswachsen und 120 Prozent geben, um ganz vorne mit dabei zu sein.»

Der Kreuzbandriss im Unspunnen-Schlussgang war die härteste Verletzung meines Lebens. Emotional. Körperlich war sie nicht die schlimmste. Sie traf mich, als ich den grössten Coup meiner Karriere hätte landen können und der mir dadurch verwehrt blieb. Nach der Operation in der Rennbahnklinik in Muttenz blieb ich eine Woche dort. Es war eine Sportklinik, ausgelegt auf Verletzungen wie meine, mit nur zehn Betten. Jeder Patient hatte einen eigenen Therapeuten. Nach drei Wochen begann die intensive Physiotherapie mit dem Ziel, das Knie zu mobilisieren. Zudem betrieb ich bereits zu dieser Zeit intensives Krafttraining. In Muttenz besuchte ich zusätzlich zum Fitnessraum der Klinik noch das Gym meines Freundes Gnägi Marcel. Ein Rücktritt war kein Thema für mich. Ich war erst achtundzwanzig Jahre alt. Ein Schwinger erlebt seine Blütezeit normalerweise im Alter von etwa fünfundzwanzig bis dreiunddreissig Jahren. Drei Monate durfte ich nicht arbeiten, auch nicht in der Gärtnerei, in der ich damals tätig war. Ich hatte mir im Keller meines Wohnhauses einen eigenen Kraftraum eingerichtet, dort trainierte ich wie ein Besessener. Den Oberkörper stählen durch schwere Hanteln oder Klimmzüge konnte ich selbst mit Krücken. Ich spürte bei jeder Bewegung: Ich werde zurückkommen. Und ich bereite mich darauf vor. Mein Kreuzband riss im September 1993 – meinen ersten Einsatz im Sägemehl danach hatte ich im Mai 1994. Beim Schwyzer Kantonalen.

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Ich glaube, es war gegen Knüsel Harry. Das Vertrauen war noch nicht voll wieder da, dafür braucht es ein, zwei Schwingfeste. Doch ich war von Anfang an schmerzfrei und blieb es bis heute. Dieser Kreuzbandriss mit achtundzwanzig war weder die erste noch einzige schwere Verletzung meiner Karriere. Mit fünfzehn brach ich mir am Jungschwingertag den Ellbogen und 1988, mit dreiundzwanzig, riss ich mir am Mittelländischen Schwingfest auf dem BEA-Gelände in Bern im rechten Bein das hintere Kreuzband, den Meniskus, das Aussenband und die Patellasehne. Mein Knie war ein ziemliches Trümmerfeld. Ich begab mich in die Hände eines Arztes in Bern, der auch Skirennfahrer Bruno Kernen operiert hatte. Damals musste ich ganze drei Wochen im Spital bleiben, ich wurde sieben Stunden operiert und eine Woche darauf noch einmal sieben Stunden. Der Arzt wollte keine Prognose abgeben, ob ich je wieder im Sägemehl stehen würde. Wenn ihm die Operation gut geraten sei, könne es klappen, meinte er. Ich war erst Anfang zwanzig, hatte meine ganze Karriere noch vor mir. Ich will mir gar nicht ausmalen, was ein Ende zu diesem Zeitpunkt mit mir gemacht hätte. Der «Sündenbock» war Stoll Walter, eins neunzig gross und 130 Kilo schwer. Eine Maschine. Elf Monate war ich ausser Gefecht gesetzt – Stoll besuchte mich später im Spital. Es war ihm gar nicht recht, dass es mich gegen ihn so übel erwischt hatte. Um noch einmal auf das Unspunnen-Debakel fünf Jahre später zurückzukommen: Sutter Thomas kam nicht im Spital vorbei. Er schickte mir aber eine Flasche Appenzeller. Das war aber noch nicht alles. 1989 riss ich mir beim Brünig Schwinget drei Bänder im linken Fussgelenk. Das tat unfassbar weh, ich konnte nicht mehr weiterschwingen. Die Verletzung passierte nur einen Monat vor dem Eidgenössischen in Stans. Eigentlich wäre ich in absoluter Topform gewesen. Ich liess mich im Spital in Meiringen untersuchen, wo mich der Arzt röntgte und vermeldete, es sei nur eine Zerrung. In einem Monat könne ich ganz sicher schwingen. Nur einmal wagte ich

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Die Berner Oberländer Zeitung widmet 1993 meinem kaputten Knie einen Beitrag.

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mich in diesem Monat in den Schwingkeller – eine Woche vor dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest ESAF. Trotzdem trat ich dort an. Der erste Gang gegen Auf der Maur Alex endete gestellt. Ich merkte, ich konnte nicht richtig ziehen. Im zweiten Gang wartete ein vermeintlich leichter Gegner, der Amerikaner Gullman Henry. Ich dachte: «Da muss ich einfach ziehen.» Das habe ich gemacht und er landete sauber auf dem Rücken. Ich hatte extreme Schmerzen im Fuss, hinkte. An eidgenössischen Schwingfesten dauern die Pausen länger, da die Gänge über zwei Tage verteilt sind. Ich habe versucht, mich etwas zu erholen. Im dritten Gang musste ich dann einsehen, dass es nichts brachte. Ich gab auf. Ich hockte wie ein Häufchen Elend auf dem Boden, die Tränen liefen über meine Wangen. Es war Enttäuschung pur. Stefan Schmidlin, der Künstler und ehemalige Schmirinskis-Komiker, sah mich und setzte sich neben mich. Er nahm mich in die Arme, ohne etwas zu sagen. Ich habe ihn danach nicht mehr gesehen – erst Jahre später, an einem Event, zu dem ich als Motivationsredner eingeladen war. Er konnte sich tatsächlich noch an diesen Tag und seine Geste erinnern. Es waren einige schwere Rückschläge. Und trotzdem dachte ich nie daran, aufzugeben. Ich weiss nicht, woher dieser unbändige Wille kam. Ich denke, er wurde mir vorgelebt. Mein Vater hatte in so vielen Bereichen Erfolg: im Beruf, als Schwinger, als Musiker. Auch ich wollte zeigen, dass ich mit Willen und Training etwas erreichen kann. Es war nicht nur der Wille – rückblickend würde ich sagen, ich war verbissen. Ich wollte den Erfolg um jeden Preis und habe alles dafür gemacht. Und ich habe es gerne gemacht, vor allem auch das Krafttraining. Ich sagte mir immer: «Wenn du bis fünfundzwanzig kein Spitzenschwinger bist, wirst du Bodybuilder.» Das war dann glücklicherweise nicht nötig.

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Ich bin ehrlich: Es tut der Seele gut, wenn du dich beweisen kannst und positives Feedback zurückkommt. Der Ruhm. Wenn du das erreichst, willst du immer mehr. Und noch etwas mehr. Auf der anderen Seite wird es schwierig, wenn der Erfolg und damit der Ruhm plötzlich ausbleiben. Für mich ein wichtiger Mensch während meiner Karriere war Bernhard Segesser. Er war der Leiter der Rennbahnklinik im baslerischen Muttenz und Olympiaarzt – ein Pionier in der Schweizer Sportmedizin. Zum ersten Mal traf ich ihn, als ich vierundzwanzig war, an oben erwähntem ESAF 1989, als ich mit schmerzendem Fuss in den Ring stieg. Er schaute sich meinen Fuss an und wusste sofort, die Bänder sind nicht, wie vom Arzt in Meiringen fälschlicherweise diagnostiziert, gezerrt, sondern gerissen. Ab diesem Zeitpunkt war er mein Arzt und Vertrauter. Zuerst war er mein persönlicher Betreuer, später wurde er Teamarzt des Berner Schwingverbands und noch etwas später auch des Nordwestschweizer Verbands. Er war ein grosser Schwingfan – und ich glaube, er war auch ein Fan von mir. Jeden Sonntag kam er zu den Festen und einmal im Monat fuhr ich zu ihm nach Basel, wo er mich untersuchte. Auch vor dem verhängnisvollen Unspunnenfest 1993 war ich bei ihm – meine Werte waren nie so gut wie an diesem Tag. Das beflügelte mich zusätzlich. Ich wusste jederzeit, ich kann auf meinen Körper hören, ihm vertrauen. Ich war von Natur aus kein Muskelprotz, es war eine Kombination aus hartem Training und perfekter Ernährung. Es war ein Kampf, die Muskelmasse zu erhalten, doch durch die professionelle Betreuung war es möglich. Es gab zu meiner Zeit nicht so viele Schwinger, die trainierten wie ich.

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KAPITEL 3 – WIE ES ZUM SCHWINGSPORT KAM «Ich hatte Sägemehl in den Augen, es war mir zuwider. Die anderen hielten nicht zurück, schlugen mich zu Boden, ich hatte keine Chance.»

Für mich war immer klar, dass ich Schwinger werde. Bei uns oben am Hasliberg hatten wir nicht viele Alternativen. Mein Vater war Schwinger, an den Sonntagen im Sommer waren wir immer an den Festen. Für mich gab es nichts anderes. Wir waren noch im Skiclub, eine Karriere als Skirennläufer stand für mich aber nicht zur Debatte. An mein erstes Mal im Schwingkeller erinnere ich mich noch genau. Wir rannten im Kreis herum, stiegen dann in die Zwilchhose und legten los. Ich hatte die Augen voller Sägemehl, es war schrecklich. Da waren einige dabei, die waren gleich alt, gegen die hatte ich keine Chance. Offenbar hat mich das nicht abgehalten – und irgendwann haben sich die Machtverhältnisse dann gedreht. Mein Bruder Peter war in der Kindheit der perfekte Sparringpartner. Ich erinnere mich an eine Szene, als wäre es erst gestern gewesen: Peter und ich liefen jeweils den Berg hinauf zu Grossvater auf die Alp. Der Fussmarsch dauerte ungefähr eineinhalb Stunden. Wir gingen nebeneinander, Peter mit seinem roten Rucksack, ich mit meinem blauen. Nach einem Drittel des Wegs zogen wir die Rucksäcke aus, wir standen direkt vor einem Wohnhaus. Es war uns egal, der Wunsch, einen Gang zu schwingen, war stärker. Das taten wir dann an Ort und Stelle. Ich weiss gar nicht mehr, wer gewonnen hat, klar ist aber, dass ich als Kind ein furchtbar schlechter Verlierer war. Es hat mich richtig hässig gemacht, wenn ich nicht gewinnen konnte.

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Beim Brünig Schwinget im Jahr 1995. Ich erinnere mich, dass es den ganzen Tag stark geregnet hat.

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Peter ist ein Jahr älter als ich. Ich war zwar bald grösser und schwerer als er, doch er hatte definitiv die bessere Technik. Ich musste mir diese erst aneignen. Unser Vater war nicht unser Haupttrainer, der Schwingclub hatte eigene Trainer. Vater kam dennoch hin und wieder mit in den Schwingkeller und zeigte uns, wie man es machen sollte. Es reicht, wenn ein Schwinger drei, vier Schwünge kann – diese dafür richtig. Bei mir zeichnete es sich bald ab, dass ich Potenzial hatte. Und der Wille war da. Kurz nach Schulabschluss holte ich meinen ersten Kranz. Da wurde langsam klar – der Junge schlägt dem Vater nach, der ist wirklich gut. Ich wollte meinen Gegnern den Meister zeigen, wollte besser sein als mein Gegenüber. Wenn ich in Topform war, kam mir schon mal der Gedanke: «So, die Herren, trabt nur an.» Ich wollte zeigen, wer am Abend als Sieger ausgerufen wird. Gut möglich, dass ich es war. Ich wusste, ich konnte es. Manchmal ging es in die Hose. In einigen entscheidenden Situationen war doch mal der andere besser. Oft hatten sie im richtigen Moment etwas mehr Glück, waren weniger nervös, kompromissloser. Ich war zudem nicht der Grösste und Schwerste: Wenn ein Hüne dazu noch Talent hatte, wurde es schwierig für mich. Mein Vater und mein Bruder sind sehr zufrieden mit dem Verlauf ihrer Karrieren. Auch sie haben den Titel des Schwingerkönigs verpasst, wobei mein Vater wohl näher dran war als mein Bruder. Er hatte mit seiner Grösse von nur eins siebzig ohnehin grosse Nachteile. Seine doch zwanzig Kränze zeugen von seinem Willen und dem technischen Talent. Sein Körper hat insgesamt mehr gelitten als meiner, vielleicht hat er auch deshalb früher aufgehört. Mein Vater war für mich mein grösstes Vorbild. Er und Schwingerkönig Roschi David. Dieser holte den Titel 1972 in La Chaux-de-Fonds und ist der älteste heute noch lebende König. Später, während meiner aktiven Zeit, hatte ich keine Vorbilder mehr. Für mich war das Schwingen Leidenschaft. Eine Bestätigung, wozu der

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Körper fähig ist. Ich liebte es, mich zu plagen und zu quälen. Ich wollte das so. Das gilt noch heute. Ich will mich nicht aufgeben, will möglichst gut aussehen, einen Körper haben, den man anschauen kann. Fit und agil bleiben bis ins hohe Alter. Zudem gehört der Sport zum Schweizer Brauchtum. Für mich verkörpert kein Sport so sehr die Schweiz wie das Schwingen. Es steht für Zusammenhalt, Werte und Traditionen. Für mich stand auch der Erfolg im Zentrum, der mich immer weitertrieb.

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Eidgenössisches Schwingfest 1995: von Weissenfluh Christian (rechts) gegen Vogel Christian.

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Der Lätz Der Lätz ist ein Schwung, mit dem ich oft und gerne gewonnen habe, den man aber nicht so oft sieht. Für mich bot sich darin ein Vorteil, weil ich in der Lage war, Schwünge nach links und nach rechts auszuführen und der Gegner nicht wusste, womit er zu rechnen hatte. Bei jedem Schwung ist es wichtig, dass der Griff gut sitzt. Ich konnte jeweils spüren, auf welchem Bein mein Gegner stand und entsprechend nach links oder rechts schwingen. Es braucht Zug, es fühlt sich an, als wolle man den Gegner in sich ziehen. Dann drückt man seinen Körper mit einem Ruck zur Seite und dreht ihn nach links ab. Es hilft, wenn man den Arm des Gegners dabei einklemmt. So fällt er diagonal nach hinten auf den Rücken. Wenn der Lätz mir glückte, brachte er mir immer wieder die volle Punktzahl ein. Zum Video

Passwort: Schwung 26


KAPITEL 4 – WIE ALLES BEGANN «Tradition und die Schwinger-Gemeinschaft liegen mir sehr am Herzen.»

Der Schwingsport war ein wichtiger Teil meiner Kindheit – aber natürlich nicht der einzige. So viele Möglichkeiten wie die Kinder der heutigen Generation hatten wir aber nicht. Unser Leben war durchgetaktet – vom frühen Morgen bis zum Abend. Schauen wir an dieser Stelle also kurz zurück auf meine Kindheit und meine Familiengeschichte ausserhalb des Schwingsports. Ich wurde am 23. Oktober 1965 in Meiringen geboren. Mein älterer Bruder Peter kam im Juli 1964 zur Welt. Wir lebten mit unseren Eltern Elisabeth und Peter in Goldern, Teil der Gemeinde Hasliberg. Die Frage, woher mein Name «von Weissenfluh» stammt, wird mir oft gestellt. Tatsächlich gibt es ganz hinten im Hasliberg die Weissenfluh, eine weisse Fluh, also eine weisse Felswand, sehr abgelegen. Es wird gemunkelt, dass es einst eine Pest-Epidemie gab und nur einige Leute auf der Weissenfluh diese überlebt hätten. So erzählte man sich die Geschichte über die Überlebenden «von Weissenfluh». Mein Grossvater führte auf der Weissenfluh einen Landwirtschaftsbetrieb. Mein Cousin hat diesen umgebaut und modernisiert, früher lag der Hof sehr abgelegen, heute ist er, dank einer Zufahrtsstrasse, recht gut angebunden an die Zivilisation. Meine Grosseltern durfte ich eine sehr lange Zeit begleiten, da sie alle alt wurden und meine Eltern sehr jung ihre Familie gründeten. Mein Grossvater mütterlicherseits war der Berner Grossrat Alexander Huber. Verheiratet war er mit Anna. Sie hatten zwei Kinder, meine Mutter und deren Bruder Hansruedi. Die Kinder waren leibliche Geschwister, allerdings nicht

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