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Kurzvorschau - Aletsch – mein Paradies

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Aletsch –

mein Paradies Laudo Albrecht


Aletsch –

mein Paradies Laudo Albrecht


Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugs­weisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2026 Weber Verlag AG, 3645 Thun / Gwatt Weber Verlag AG Texte und Fotos: Laudo Albrecht Verlagsleitung: Annette Weber-Hadorn Projektleitung: Madeleine Hadorn Covergestaltung: Sonja Berger Layout und Satz: Erina Zbinden Bildbearbeitung: Adrian Aellig Lektorat: Konrad Venetz Korrektorat: Sebastian Kilchmann, Corinne Kneubühler Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit ­einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026–2028 unterstützt. ISBN 978-3-03818-926-8 www.weberverlag.ch mail@weberverlag.ch Auslieferung EU Brockhaus Commission GmbH Postfach 1220 D-70803 Kornwestheim info@brocom.de


INHALTSVERZEICHNIS Vorwort

7

Prolog: Meinen Eltern sei Dank

8

Der mit den Gämsen spricht

12

Villa Cassel: vom Gespensterschloss zum Arbeitsort

28

Mein Lieblingsbaum im Aletschwald

40

Der Tannenhäher: fleissig und intelligent

58

Aus Schutt wird Wald: die Sukzession am Gletscherrand

72

Unterwegs auf dem Aletschgletscher

82

Aletschgletscher – ein Eisriese verabschiedet sich

98

Der Hang rutscht

110

Rothirsch: wenn das Röhren zum Problem wird

118

Der Tanz der Birkhähne: Hühnerhaut garantiert

138

Vom «Retter der Tigerente» zum Murmeltierflüsterer

150

Der Traum vom flüssigen Gold

160

Der Begriff Nachhaltigkeit: erklärt in den Walliser Sagen

170

UNESCO-Welterbe: goldene Auszeichnung für mein Paradies

178

Mitten im Paradies des Autors steht diese Arve, die für ihn eine besondere Bedeutung hat. Mehr dazu ab Seite 40.


Epilog: Ein Paradies in Gefahr?

186

Nachwort

188

Quellenverzeichnis

191

Chronologie der Villa Cassel, Pro Natura Zentrum Aletsch

193

Der Autor

197

Sponsoren

198


VORWORT

6

Sie thront auf der Riederfurka, knapp 2100 m ü. M. – im

Empfindlichkeit gegenüber menschlichen Einflüssen. Ein

Übergang zwischen dem stark vom Menschen geprägten

idealer Ort, all das den Menschen nicht nur näher zu brin-

Südhang des Rhonetals und dem primär natürlich ge-

gen, sondern sie auch dafür zu sensibilisieren und zu be-

prägten Nordhang mit Aletschwald und Aletschglet-

geistern – und ihre Verbundenheit mit der Natur zu stär-

scher: die Villa Cassel. Benannt nach ihrem Erbauer,

ken. Ganz im Sinne der Mission von Pro Natura. Das Pro

dem wohlhabenden Engländer Sir Ernest Cassel. Seit 50

Natura Zentrum Aletsch hat sich zu einem Leuchtturm

Jahren ist sie Naturzentrum von Pro Natura. Ein Ort, wo

unserer Organisation entwickelt. Entscheidend tragen

Menschen dieser Naturschutzorganisation seither zehn-

hierzu die vielen Menschen vor Ort bei mit ihrem Engage-

tausenden Gästen die Faszination des Aletschgebietes

ment, die Faszination Aletsch den Besuchenden zu ver-

näherbringen, sie dafür begeistern und für die Fragilität

mitteln. Laudo Albrecht hat diese Fähigkeit als Zentrums-

dieses Lebensraums und seiner tierischen und pflanzli-

leiter zur Perfektion entwickelt, sei es als Gastgeber,

chen Bewohner sensibilisieren.

Erzähler, als Exkursions- oder Kursleiter, und sie jeweils gerne an seine Mitarbeitenden als Botschafterinnen und

Der Standort für die Villa – damals dem kauzigen Fremd-

Botschafter des Pro Natura Zentrums vermittelt.

ling aus dem fernen England angeboten, weil für die Einheimischen ohne grossen Wert – entpuppte sich als wah-

Als Autor lässt er auch uns an seinem Fachwissen, seiner

rer Glücksfall für das heutige Pro Natura Zentrum. Am

Erfahrung und einigen besonders bemerkenswerten Er-

Übergang zwischen Kultur- und Naturlandschaft bestens

lebnissen aus drei Jahrzehnten als Zentrumsleiter teilha-

geeignet, um Besucherinnen und Besuchern die Vielfalt

ben. Wer ihn auf Exkursionen, an Führungen oder an Vor-

der einzigartigen Natur dieser Region näherzubringen:

trägen hat erleben dürfen, wird seine Erzählkunst und

ihre Schönheit, die Herausforderungen, die das Überleben

seinen Schalk in den folgenden Seiten wiedererkennen.

in dieser Höhe für Tiere und Pflanzen mit sich bringt, de-

Ich wünsche viel Vergnügen und bereichernde Erkennt-

ren Überlebensstrategien und die besonders ausgeprägte

nisse beim Eintauchen in die Faszination Aletsch!

Urs Leugger-Eggimann, Pro Natura Geschäftsleiter (und ehemaliger Praktikant im Pro Natura Zentrum Flechten im Aletschwald. Es lohnt sich, den Blick auf die unzähligen Details zu lenken. Faszinierende Einblicke in einen vielfältigen Lebensraum sind garantiert.

Aletsch – Saison 1986)

VORWORT

7


PROLOG: MEINEN ELTERN SEI DANK Eine glückliche Kindheit ist ein wichtiges Fundament, auf

Schmunzeln, soweit ich mich überhaupt noch daran erin-

dem sich das spätere Leben aufbauen lässt. Eine solche

nern kann. Wann immer ich zum Beobachten und Fotogra-

durfte ich zusammen mit meinen vier Geschwistern in Mö-

fieren im Aletschgebiet unterwegs war, fühlte ich mich wie

rel erleben. Unsere Mutter Marie und Vater Karl gehörten

im Paradies. Das hängt vor allem mit meinen Eltern zusam-

nicht zu den wohlhabenden Kreisen, und doch reichte das

men, die meine Liebe zur Natur geweckt und stets gefördert

Einkommen stets, um uns eben diese unbeschwerte Kind-

haben. Dafür bin ich meiner Mutter und meinem Vater von

heit zu ermöglichen. Wir unternahmen keine weiten Reisen

Herzen dankbar.

und Ferien am Meer kannten wir nur vom Hörensagen. Dafür waren wir oft in der näheren Umgebung unterwegs,

Das spätere Studium der Biologie und die langjährige Ar-

sammelten gemeinsam mit den Eltern Tannenspitzen, aus

beit als Leiter des Pro Natura Zentrums Aletsch förderten

denen unsere Mutter den feinen «Waldhonig» machte. Oder

und vertieften meinen Bezug zur Natur. Dass ich die Faszi-

wir durchstreiften die Wälder auf der Suche nach Steinpil-

nation des Aletschwaldes mit seiner Tier- und Pflanzen-

zen und Eierschwämmen, wobei mit der Zeit jeder von uns

welt sowie die Einzigartigkeit des Grossen Aletschglet-

die eigenen, besonders ergiebigen Stellen kannte. Immer

schers zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern,

wieder wurden wir von unserem Vater auf die Einzigartig-

aber auch unzähligen Gästen des Zentrums vermitteln

keit der Natur aufmerksam gemacht; oft vergass er seinen

und so einen Beitrag zur Entwicklung der Umweltbildung

Beruf als Lehrer auch in der Freizeit nicht. Die Liebe zur Na-

bei Pro Natura beitragen durfte, sehe ich als riesiges Ge-

tur wuchs bei uns zwar unterschiedlich, bei mir wurde sie

schenk. Dafür bin ich meinem früheren Arbeitgeber zu

aber von Jahr zu Jahr grösser. Bereits mit 13 Jahren kaufte

grossem Dank verpflichtet.

ich die erste Kamera und versuchte mich in der Fotografie von Wildtieren. Denke ich an diese Zeit zurück, so macht sie

Die Arbeit im Pro Natura Zentrum Aletsch war vor allem wäh-

mich glücklich. Gleichzeitig bringen mich die Resultate

rend der Saison enorm intensiv und wenn ich einmal frei hat-

meiner damaligen fotografischen Bemühungen auch zum

te, lockte mich die Kamera zu Gämsen und Hirschen. Das En-


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gagement als Gemeinderat, Burgerpräsident und in vielen

drückliche Geschichten in und aus der Natur in Wort und

anderen Funktionen führte zusätzlich dazu, dass meine Fa-

Bild festhalten wollte. Früher machte ich das in Vorträgen,

milie oft auf mich verzichten musste. Und doch hatte sie stets

auf Exkursionen oder in Kursen. Heute sollte die Vermittlung

grosses Verständnis, wenn ich zu spät von der Arbeit kam

von Naturerlebnissen in schriftlicher Form in Kombination

oder an einem freien Tag mit der Kamera unterwegs war.

mit eigenen Bildern erfolgen – Umweltbildung auf eine ande-

Dass meine Frau Isabella Botanikerin ist und ein ebenso gros-

re Art. Das Buch stellt damit einen Beitrag zum Jubiläum «50

ses Interesse an der Natur hat, war ein grosser Glücksfall. So

Jahre Pro Natura Zentrum Aletsch» und zu 50 Jahren Umwelt-

konnten und können wir noch heute oft gemeinsame Touren

bildung bei Pro Natura dar.

unternehmen und Isabella bestimmt dabei die Pflanzenarten, während ich sie fotografiere. Neben der Liebe zu meiner

In den folgenden Texten geht es nicht ausschliesslich um po-

Frau und meinen Kindern konnte ich so auch jene zur Natur

sitive Erlebnisse; es soll auch Platz für die eine oder andere

stets ausleben. Dafür bin ich Isabella, Sarah und Remo ganz

kritische Bemerkung geben. Die einzelnen Kapitel sind in

herzlich dankbar.

sich geschlossene Geschichten und setzen keinerlei Kenntnisse der vorangehenden Beiträge voraus und können so un-

Nun bin ich bereits seit vier Jahren in Pension und plötzlich

abhängig voneinander gelesen werden. Zusätzliche und zum

habe ich viel mehr Zeit: Zeit für meine Familie, zum Fotogra-

Teil vertiefende Informationen sind in den Infoboxen und in

fieren oder ganz einfach zum Leben. Von verschiedenen Sei-

den Legenden zu den Bildern enthalten.

ten wurde ich darauf angesprochen, ob ich denn meine Erlebnisse und Erfahrungen als Zentrumsleiter nicht in einem

Bei der Realisation des vorliegenden Buchs wurde ich von ver-

Buch festhalten möchte. Eine Biografie kam für mich aber

schiedenen Seiten unterstützt. Mein grosser Dank geht dabei

nicht in Frage, weil es viel zu wenig zu berichten gäbe, das von

vor allem an die Sponsoren. Ohne ihre finanziellen Beiträge

allgemeinem Interesse wäre. Und trotzdem habe ich mich an

hätte das Buch nicht realisiert werden können. Ich bedanke

ein Projekt gewagt, in dem ich einige für mich besonders ein-

mich bei Andreas Bauder, Hanspeter Holzhauser und Peter

Prolog: Meinen Eltern sei Dank

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Schwitter für die kritische Durchsicht einzelner Abschnitte und ihre wertvollen Anregungen. Ebenso bin ich Pro Natura, insbesondere Maurus Bamert und Thomas Flory, zu grossem Dank verpflichtet. Sie haben die Idee für dieses Buch als Beitrag zum Jubiläum «50 Jahre Pro Natura Zentrum Aletsch» mit Interesse aufgenommen und mich bei der Umsetzung tatkräftig unterstützt. Und schliesslich danke ich auch dem Weber Verlag in Thun/Gwatt für die angenehme und spannende Zusammenarbeit. Wenn Sie – geschätzte Leserinnen und Leser – durch die nachfolgenden Texte und Bilder dazu angeregt werden, wieder einmal eine Wanderung im Aletschgebiet zu machen, dann würde mich das freuen. Ich verspreche Ihnen: Sie werden sich dabei wie im Paradies fühlen!

Laudo Albrecht, Autor

«Lass dir Zeit, dann wirst du alt.» Die Arve wächst nur langsam, wird dafür aber sehr alt. Zahlreiche Individuen stehen schon seit mehreren hundert Jahren im Aletschwald; einige sind wohl gegen tausend Jahre alt.


Prolog: Meinen Eltern sei Dank


12

Prolog: Meinen Eltern sei Dank

13

DER MIT DEN GÄMSEN SPRICHT

Bei Gämse und Steinbock tragen Männchen und Weibchen einen Kopf­ schmuck, der zeitlebens weiterwächst und im Gegensatz zum Geweih von Reh und Rothirsch nicht ausgewechselt wird.


DER MIT DEN GÄMSEN SPRICHT Ich sitze am Hang des Riederhorns. Meine Kleidung ist auf-

fällig: weisses Hemd und schwarze Hose, kontrastreicher

wäre kaum möglich. Ruhig, aber doch gut hörbar spreche ich mit den Gämsen, die einen Steinwurf entfernt vor mir friedlich äsen. Die Wanderer auf dem Casselweg blicken erstaunt zu mir hoch und denken wohl, dass ich «nicht mehr alle Tassen im Schrank» habe. Dabei handelt es sich bei dieser Szene um einen wichtigen Bestandteil einer wissenschaftlichen Arbeit! Die Gämse gehört heute zu den häufigsten Wildarten der Aletsch­region. Das war früher ganz anders: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie aus weiten Teilen der Alpen verschwunden; im Aletschwald gab es nur noch wenige Tiere. Andere Wildtiere wie der Rothirsch und der Steinbock wurden in der Schweiz vollständig ausgerottet und waren nur noch in kleinen Restpopulationen im nahen Ausland anzutreffen. Die Anpassung der eidgenössischen Jagdgesetzgebung, die Schaffung von grossen Banngebieten und gezielte Aussetzungsaktionen führten schliesslich dazu, dass die Wildtiere ihren früheren Lebensraum wieder zurückerobern konnten. In der Aletschregion führten der Schutz des Aletsch­ waldes und die Schaffung des eidgenössischen Jagdbannge-

Weisses Hemd und schwarze Hose. Mit auffälliger Kleidung, meiner Stimme und dem «persönlichen» Geruch versuchte ich, die Gämsen an mich zu gewöhnen.


bietes Aletsch-Bietschhorn im Jahre 1933 zur Erholung der Wildtierbestände. Auch die Gämspopulation entwickelte sich prächtig und erreichte bereits Ende der 1960er-Jahre einen Höchststand. Der Bestand war damals so hoch, dass starke Verbissschäden sogar die natürliche Verjüngung der Wälder gefährdeten. Mit einer Verkleinerung des Jagdbanngebietes konnte schliesslich eine Reduktion des Bestandes erreicht und das Problem der Wildschäden durch die Gämsen deutlich reduziert werden. Dafür übernahm der Rothirsch diese Rolle; doch davon später mehr. Auf jeden Fall hatte es auch nach der Verkleinerung des Banngebietes noch genügend Gämsen, sodass ich sie auf meinen zahlreichen Touren beobachten und fotografieren konnte. Schon damals sass ich oft stundenlang am Riederhorn oder im Aletschwald in der Nähe der Tiere und drückte den Auslöser, wenn ich nahe genug war. Jede freie Minute verbrachte ich in der Natur und fühlte mich wie im Paradies, wenn ich das faszinierende Ver-

nie zuvor war ich während längerer Zeit so weit weg von zu-

halten der Gämsen beobachten und fotografieren durfte.

hause. Das Biologiestudium an der Universität Zürich war aber derart spannend, dass für Heimweh keine Zeit blieb. Als

Nach Erlangen der Matura musste ich dieses Paradies für ei-

es nach sieben Semestern um die Diplomarbeit ging, war für

nige Jahre verlassen und zog ins «Ausland», genauer gesagt

mich die Richtung klar: Ich wollte unbedingt eine wildtier-

nach Zürich. Tatsächlich fühlte ich mich damals in der gros-

biologische Arbeit machen, wann immer möglich bei PD Dr.

sen Stadt an der Limmat wie in einem fremden Land; noch

Bernhard Nievergelt, der damals als grosse Kapazität im Be-

In meiner Diplomarbeit konnte ich nachweisen, dass Gämsen einzelne Personen erkennen und sich an diese gewöhnen können. Unterschiedliche Fluchtdistanzen sind die Folge.


reich der Wildtierforschung galt. Der Wunsch nach einer Ar-

obachten, in denen die Wildtiere nicht bejagt werden und wo

beit mit Wildtieren draussen in der Natur war aber auch bei

sie häufig mit Menschen in Kontakt kommen. Dies ist zum

anderen Studierenden gross und die Chance auf einen der

Beispiel in touristischen Gebieten oft der Fall. Bekannt sind

wenigen Plätze deshalb ziemlich gering. Umso grösser war

gewöhnte Steinböcke, Gämsen oder Murmeltiere, die sich oft

die Freude, als ich einen der drei zur Verfügung stehenden

erst auf recht kurze Distanzen zurückziehen. Mit einer Ab-

Plätze erhielt. Auch die Tatsache, dass eine der Arbeiten von

stumpfung der Sinne oder einer Degeneration der Tiere hat

Professor Dr. Hans Kummer betreut werden sollte, vermoch-

dieses Verhalten nichts zu tun. Wildtiere sind nämlich

te meine Freude nicht zu trüben. Herr Kummer gehörte da-

nicht von Natur aus scheu. Vielmehr sind die zum Teil be-

mals zu den international führenden Verhaltensforschern,

trächtlichen Fluchtdistanzen eine Folge der menschlichen

sein strenger Umgang mit Studierenden war aber ebenso be-

Bejagung. Mit dem Aufkommen moderner Jagdwaffen

kannt. Trotzdem war ich bereit, seinen Themenvorschlag für

wurde die Fluchtdistanz mit der Zeit immer grösser. Wer

die Diplomarbeit zumindest einmal anzuhören. Dass dieser

heute in bejagten Gebieten Gämsen oder andere Wildtiere

Entscheid richtig war, wurde mir bereits nach unserem ers-

beobachtet, stellt Fluchtdistanzen zwischen 300 und 400

ten Gespräch klar.

Metern fest. Genauso weit reichen moderne Jagdwaffen. Wo die Wildtiere nicht (oder nicht mehr) bejagt und zudem

Das Thema der von meinem «Diplomvater» vorgeschlagenen

häufig mit dem Menschen konfrontiert werden, bauen sie

Arbeit lautete nämlich: «Zur Habituation von Gämsen (Rupi-

die grossen Fluchtdistanzen mit der Zeit wieder ab, das

capra rupicapra L.) an den Menschen». Dazu muss man wis-

heisst, sie gewöhnen sich an den Menschen. Die Gämsen

sen, dass sich Gämsen und andere Wildtiere an häufig auf-

des Aletschgebietes sind ein typisches Beispiel dafür.

tretende Störungen gewöhnen können. Voraussetzung dafür ist, dass die Tiere Art und Ort einer solchen Beunruhigung

Bei dem hier beschriebenen Verhalten handelt es sich um

kennen. Diese Verhaltensweise, die auch als Habituation (Ge-

eine allgemeine Gewöhnung; die Tiere reagieren auf alle

wöhnung) bezeichnet wird, ist vor allem in Gebieten zu be-

Personen gleich. Und jetzt wird es spannend: In meiner Di-

Eidgenössisches Jagdbanngebiet. In grossen Teilen der Aletschregion werden die Gämsen seit 1933 nicht mehr bejagt und haben sich deshalb an den Menschen gewöhnt.


plomarbeit sollte ich die Frage untersuchen, ob eine perso-

gesamten Dauer der Feldaufnahmen nicht der Waschma-

nenspezifische Gewöhnung von einheimischen Wildtieren

schine anvertraute, versuchte ich zusätzlich, den Geruch­

möglich ist. Dabei sollte ich herausfinden, ob Wildtiere ein-

sinn miteinzubeziehen, was mit der Zeit wohl nicht nur die

zelne Personen erkennen und sich an diese gewöhnen kön-

Gämsen, sondern auch mein persönliches Umfeld zu rie-

nen. Eine enorm spannende Frage, umso mehr, als Profes-

chen bekam. Während der Feldarbeit verbrachte ich dann

sor Kummer die Gämse als Tierart vorschlug und die

so viel Zeit wie möglich bei «meinen» Gämsen. Um festzu-

Feldarbeit im Aletschgebiet erfolgen sollte, weil die Gäm-

stellen, ob sich die Tiere mir gegenüber unterschiedlich

sen dort bereits eine (allgemeine) Gewöhnung an den Men-

verhalten, musste ich sie individuell kennenlernen. Und so

schen zeigten. Für mich ging es also bei der Diplomarbeit

sprach ich dann mit der Zeit nicht nur mit Gämsen, son-

zurück in mein Paradies. Doch wie um alles in der Welt soll-

dern mit «Vroni», «Susi», «Petra» oder wie sie alle hiessen.

ten die Tiere ausgerechnet mich von anderen Personen un-

Das führte dann häufig zur eingangs beschriebenen Szene,

terscheiden können und mir gegenüber deutlich kürzere

bei der mich die Wanderer für nicht ganz normal hielten.

Fluchtdistanzen zeigen als gegenüber anderen Personen?

Dabei sollten sich die Gämsen genau auf diese Art an mich gewöhnen.

Irgendwie musste ich mich den Gämsen zu erkennen geben und mich dabei von anderen Personen deutlich unter-

Um festzustellen, ob sich die Gämsen spezifisch an mich

scheiden. Da nicht bekannt war, worauf diese Tiere am

gewöhnt hatten, begann nach wochenlanger Feldarbeit die

meisten achten, sollten möglichst all ihre Sinne angespro-

Testphase. Dabei näherte ich mich zunächst den Gämsen

chen werden. Mit einem auffälligen Tenue – dem bereits erwähnten weissen Hemd und der schwarzen Hose – versuchte ich, den Gesichtssinn zu berücksichtigen. Akustisch war meine Stimme wohl das beste und individuellste Merkmal. Da ich meine «Arbeitskleidung» ausserdem während der

Bock oder Geiss? Die Hörner der Männchen sind in der Regel massiger und stärker gekrümmt …


in der «Feldkleidung» immer wieder so weit, bis sie wegzogen oder sich eine Flucht abzeichnete. Die entsprechende Distanz wurde jeweils protokolliert. Die gleichen Experimente wiederholte ich mit «normaler» Kleidung. Und schliesslich machte ich eine dritte Testreihe mit Freunden und Bekannten. Die Resultate waren eindeutig: Wenn ich mit weissem Hemd und schwarzer Hose auf die Gämsen zuging, zeigten sie deutlich (oder wissenschaftlich gesprochen: signifikant) kleinere Fluchtdistanzen als gegenüber den Testpersonen. Dieses unterschiedliche Verhalten konnte ich als personenspezifische Gewöhnung interpretieren. Dass die Gämsen mit einer etwas höheren Fluchtdistanz reagierten, sobald ich in «normaler» Kleidung auf sie zuging, liess den Schluss zu, dass mein Gewand bei der Erkennung eine wesentliche Rolle spielte. Inwiefern andere Merkmale wie die Stimme, der Geruch oder das unterschiedliche Verhalten der Testpersonen oder weitere Faktoren während der Experimente eine Rolle spielten, konnte im Rahmen der Diplomarbeit nicht nachgewiesen werden. Die von Professor Dr. Hans Kummer vorgeschlagene Dissertation zur Vertiefung der Arbeit musste ich allerdings ausschlagen, weil eine neue Herausforderung in meinem Paradies wartete!

… als diejenigen der Weibchen. Dies gilt meist – aber nicht immer – als Unterscheidungsmerkmal zwischen Bock und Geiss.


Das Jagdbanngebiet Aletsch-Bietschhorn Nicht immer war die Tierwelt im Aletschgebiet so artenreich wie heute. Bei den zahlreichen Begehungen im Zusammenhang mit der Schaffung des Schutzgebietes Aletsch­wald mussten die Verantwortlichen von Pro Natura die «trostlose Wildarmut» im Aletschwald und den umliegenden Regionen feststellen. Die intensive Bejagung durch den Menschen hatte – wie im übrigen Alpengebiet – zu einem dramatischen Rückgang oder sogar zur Ausrottung der Wildbestände geführt. Deshalb wurde kurz nach der Gründung des Schutzgebietes alles unternommen, um dieses Gebiet wieder mit Wild zu bereichern. Die Grundlage dafür bildete die Schaffung des eidgenössischen Jagdbanngebietes Aletsch-Bietschhorn 1933. In den folgenden Jahren wurde der Bannbezirk zweimal vergrössert, sodass er schliesslich ein 440 Quadratkilometer grosses Gebiet zwischen dem Lötschental und der Riederalp bzw. zwischen der BLS-Südrampe und dem Grüneckhorn umfasste. Mit strengen Kontrollen durch Wildhüter und Förster wurde die früher weit verbreitete Wilderei eingedämmt und Aussetzungen von verschiedenen Wildtieren, darunter Steinböcke, Rothirsche und Murmeltiere, sollten für eine rasche Wiederbevölkerung sorgen. Aufgrund des absoluten Schutzes entwickelten sich die Wildbestände prächtig und schon bald sorgten Wildschäden für neue Probleme. Das Banngebiet wurde in der Folge mehrmals verkleinert; die «Kernzone» mit dem Aletschwald besteht aber nach wie vor. Genau an der Grenze dieser «Kernzone» liegt das Pro Natura Zentrum Aletsch. Die reichhaltige Tierwelt und die zum Teil recht kurzen Fluchtdistanzen bieten hervorragende Beobachtungsmöglichkeiten. Geführte Wildbeobachtungen und thematische Weekends wie die Birkhahn- oder Hirschbrunft-Wochenenden gehören deshalb zu den besonders beliebten Angeboten des Zentrums.

Links: Hervorragende Sinne. Gämsen verlassen sich auf gute Augen, aufmerksame Ohren und die feine Nase. Worauf sie bei der personenspezifischen Gewöhnung geachtet haben, konnte nicht abschliessend beantwortet werden.

Rechts: Der dunkle Streifen entlang des Rückens verleiht der Gämse die typische Zeichnung im Sommerfell. Die speziellen Haare werden nur im Frühjahr gewechselt und erreichen im Winter eine beachtliche Länge. Der sogenannte «Gamsbart» spielt in der innerartlichen Kommunikation eine wichtige Rolle.


Porträt einer Gämse. Anhand der Gesichtszeichnung können Gämsen individuell unterschieden werden. Die dunklen Striche, die der Jäger auch «Zügel» nennt, sind dabei besonders wichtig.


Die Brunftzeit der Gämsen findet in der zweiten Novemberhälfte statt; die Beobachtung einer Kopulation ist allerdings sehr selten. Der Zeitpunkt der Paarung im Hochwinter ist darauf ausgerichtet …

… dass die Jungtiere im Mai geboren werden. Für die säugenden Geissen ist dann das Nahrungsangebot optimal und den Kitzen bleibt genügend Zeit, um sich auf ihren ersten Winter vorzubereiten.


Energieengpass Winter. Trotz Kälte, Schnee und minderwertiger Nahrung gelingt es den Gämsen, den Winter zu überstehen. Energie sparen ist dabei das oberste Gebot; Störungen wirken sich äusserst negativ aus.

Auffälliger Fellwechsel. Im Winter tragen die Gämsen ein dunkles Kleid. Die schwarze Farbe absorbiert die Sonnenstrahlen und wärmt besser als ein helles Fell. Die schlechtere Tarnung müssen sie in Kauf nehmen.


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Der mit den Gämsen spricht

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Wer ist denn das? Dieser Gämsbock blickt erstaunt auf seinen eigenen Schatten im Schnee.


Im letzten Licht. Manchmal braucht der Naturfotograf Glück, dass er im richtigen Moment zur Stelle ist. Während der Gämsbock bereits im Schatten ist, erstrahlt der Hintergrund im goldenen Licht der Abendsonne.


Familienleben. Geissen mit ihren Kitzen bilden ein Rudel, zu dem auch Weibchen ohne Jungtiere gehören. Junge Böcke bilden eigene kleine Gruppen; ältere Männchen leben als Einzelgänger.


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Der mit den Gämsen spricht

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VILLA CASSEL: VOM GESPENSTER­ SCHLOSS ZUM ARBEITSORT

Gespensterschloss. Die Villa Cassel im November 1973, kurz nachdem sie von Pro Natura erworben wurde. Es handelt sich um eine der ers­ ten Aufnahmen, die ich – damals noch mit einer einfachen Kompakt­ kamera – gemacht habe.


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