Martin Born
HEINZ FREI
Martin Born
35 Medaillen und 40 Jahre Weltspitze
«Das Gras war noch nass und an einer der steilsten Stellen r utschte ich aus. Dann ging alles rasend schnell … Nach nur sechs oder sieben Metern war der Flug vorbei. Ich war zutiefst erschreckt, aber ich war bei Bewusstsein, lag auf dem Rücken und reagierte so, wie jeder in einer solchen Situation reagieren würde: Ich wollte sofort wieder aufstehen. Nur: Das ging nicht. Die Beine liessen sich nicht bewegen.» Das war vor 43 Jahren. Für den 20-jährigen passionierten Sportler Heinz Frei begann ein neues Leben. Er musste lernen, sich ohne Hilfe a nzuziehen, mit viel Geduld und Disziplin selbstständig zu werden. Der Sport, der für ihn vorbei schien, öffnete ihm die Tür in eine neue Freiheit. Und die lebte er aus. Er wurde zum erfolgreichsten paralympischen Sportler der Geschichte. Auch mit 63 gehört
HEINZ FREI
Biografie von Martin Born
er zu den Besten der Welt.
ISBN 978-3-03922-120-2 Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun | Gwatt www.weberverlag.ch
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
HEINZ FREI
Martin Born
HEINZ FREI 35 Medaillen und 40 Jahre Weltspitze
Mit einem Vorwort von alt Bundesrat Samuel Schmid Biografie von Martin Born
Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2021 Werd & Weber Verlag AG, Gwattstrasse 144, 3645 Thun/Gwatt Autor Martin Born Bilder Die Bilder stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus dem Privatarchiv von Heinz Frei. Werd & Weber Verlag AG Gestaltung Cover Bettina Ogi Gestaltung Inhalt und Satz Cornelia Wyssen Bildbearbeitung Adrian Aellig Lektorat Madeleine Hadorn Korrektorat Heinz Zürcher, Steffisburg
ISBN 978-3-03922-120-2 www.weberverlag.ch
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
Der Verlag Werd & Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Inhalt Vorwort alt Bundesrat Samuel Schmid
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Ausgerutscht
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Oberbipp
14
Botschafter der Querschnittgelähmten
21
Wie weiter?
29
Freiheit
42
Goldschürfer
62
Manuela Schär
77
Handbike
84
«Lex Frei»
100
Schnee
111
Corona
118
Silberne Krönung zum Abschluss
127
Betrug
138
Reisen
147
Beruf
157
Barbara
174
Rita
187
Will ich das?
198
Botschaft
211
Nachwort Mark Milde
218
Heinz Frei – Zahlen und Fakten
220
Stets ein Lachen auf dem Gesicht Vorwort alt Bundesrat Samuel Schmid
Ich bin zwar Berner, ging aber in Solothurn zur Schule und habe eine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Deshalb war ich auch dabei, als Heinz Frei, der im solothurnischen Etziken wohnte, nach einem seiner vielen Erfolge hier geehrt wurde. Wir kamen ins Gespräch und blieben danach regelmässig in Kontakt. In Heinz Frei lernte ich eine aussergewöhnliche Persönlichkeit kennen. Der Schicksalsschlag, von dem er getroffen wurde, erscheint uns Gesunden als ein Verdikt, das wenig Hoffnung lässt. Heinz beweist das Gegenteil. Sein eiserner Wille führte ihn nicht nur zurück in ein normales Leben, sondern auch noch auf einen Weg von Erfolg zu Erfolg. Heinz ist stets aufgestellt, hat stets ein Lachen auf dem Gesicht, sodass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass er nach seiner Querschnittlähmung ganz andere Zeiten erlebt haben muss. Als Bundesrat und Sportminister war ich oft an Paralympics, um diesen Wettkämpfen mehr Bedeutung zu geben. Heinz wusste das zu schätzen und bedankte sich, indem er bei den Spielen von Peking 2008 mir seine Goldmedaille widmete. So entwickelte sich eine Freundschaft mit regelmässigem Kontakt. Ich war auch dabei, als er seinen 60. Geburtstag feierte. Ich ziehe meinen Hut vor seiner Persönlichkeit und dem, was er geleistet hat. 40 Jahre Spitzensport sind eine phänomenale Leistung. Roger Federer ist vierzig und erstaunt mit seinen Erfolgen,
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Stets ein Lachen auf dem Gesicht
Heinz ist mehr als zwanzig Jahre älter und hält noch immer mit den Besten mit. Doch nicht nur das: Er hat in all den Jahren seine Tatkraft auch dem Paraplegikerzentrum in Nottwil zur Verfügung gestellt und dort die Integration durch den Sport entscheidend gefördert. Ich ziehe meinen Hut auch vor Rita, seiner Frau, die ihn in allem unterstützt, die ihn auf seinen Trainingsfahrten begleitet und so auch Sicherheit bietet. Neulich kamen sie bei einer Ausfahrt bei mir vorbei. Auf dem Heimweg, so erzählten sie mir, würden sie noch schnell über den Weissenstein fahren. Da war mir klar: Auch sie ist in Topform.
Samuel Schmid (*1947) war als Vertreter der SVP und später der BDP von 2001 bis 2009 als Vorsteher des Eidgenössischen Departementes für B evölkerungsschutz und Sport im Bundesrat. 2005 war er Bundespräsident. Er lebt seit seiner Geburt in Rüti bei Büren, wo ihm 2009 das Ehrenbürgerrecht verliehen wurde.
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Ausgerutscht Der brutal gebremste Flug in den Vierwaldstättersee
Ich zögerte nicht lange, als die Anfrage vom Unteroffiziersverein Wiedlisbach kam. Denn der Verein aus unserem Nachbardorf war schweizweit bekannt und bei den Waffenläufern gefürchtet. Albrecht «Brächtu» Moser, der zu dieser Zeit, im Jahr 1978, seine Erfolgsserie mit acht Schweizer Meistertiteln begann, und Fritz Häni, der mit zwei Titeln dessen Nachfolger wurde, gehörten dazu. Und dazu hatten sie mit Iwan Schmid einen Radfahrer verpflichtet, der zu den besten Elite-Amateuren der Schweiz und später mit seinen Huskies zu den besten Hundeschlitten-Spezialisten der Welt gehörte. Jetzt suchten sie für die Seeli-Stafette in Seelisberg noch einen Bergläufer. Und weil ich mir mit Siegen bei lokalen Läufen einen Namen gemacht hatte, kamen sie auf mich, den 20-Jährigen, der soeben seine Lehre als Vermessungszeichner abgeschlossen hatte und in einer Woche in die Rekrutenschule einrücken sollte. Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich als Artillerievermesser ausgehoben wurde. Ich hatte Respekt vor der Aufgabe, die auf mich in Mels wartete: Ich würde den Grossteil der Zeit im Stollen verbringen. Doch weil ich auf eine reichhaltige Lebensschule zurückblicken konnte, wusste ich, dass ich auch die unangenehmste Zeit überstehen würde. Zur Vorbereitung für die Zeit, die ich hoffte, im Freien zu verbringen, gehörte auch, dass ich schon mal die Militärschuhe im Zeughaus abholte. Meinen Füssen zuliebe, die sich jetzt schon an das harte Leder anpassen und nicht während der RS unter Blasen leiden sollten.
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Ausgerutscht
Ich hoffte, mich auch während der langen vier Monate weiterhin sportlich betätigen zu können. Ich war gut in Form, wie sich am Eidgenössischen Turnfest in Genf zeigte, so gut wie nie zuvor. Unser Turnverein aus Oberbipp war im Hoch und so gut wie seither nie mehr. Wir erzielten Spitzenresultate und ich half tüchtig mit, war bei fast allen freiwilligen Wettkämpfen dabei, bestritt einen Orientierungs- und auch einen Geländelauf. Dort war ich so schnell, dass der Zeitnehmer der Zeitmessung nicht mehr traute. Unter zehn Minuten, so fand er, war wie unmöglich. «Ich habe keine Abkürzung genommen», antwortete ich ihm. Und jetzt also dies. Der sportliche Höhepunkt. Als Jüngster in einem Team mit all den grossen Namen. Natürlich wollte ich es besonders gut machen, und dazu gehörte auch, dass ich meine Berglaufstrecke am frühen Morgen vor dem Rennen rekognoszierte. Ein Kollege von der Sportgruppe UOV Wiedlisbach brachte mich an den Start des Berglaufs in Niederbauen, damit ich auf die Alp rennen und mir die Schlüsselstellen merken konnte. Der Rückweg war der gleiche wie der Aufstieg – eine mit Fähnchen markierte Strecke über eine Alpweide. Das Gras war noch nass und an einer der steilsten Stellen rutschte ich aus. Dann ging alles rasend schnell. Die Rutschpartie wurde immer länger und schneller, ich sah zu meiner Erleichterung einen Busch, an dem ich mich würde halten können, doch erwies er sich als Grasbüschel, der meine Fahrt nicht aufhalten konnte. Dann realisierte ich: Jetzt fliegst du durch die Luft, jetzt fliegst du in den Vierwaldstättersee, den ich an einer Stelle während der Besichtigung gerade unter mir gesehen hatte. Der Aufprall verscheuchte das Bild sehr schnell, nach nur sechs oder sieben Metern war der Flug vorbei. Ich war zutiefst erschreckt, aber ich war bei Bewusstsein, lag auf dem Rücken und reagierte so, wie jeder in einer solchen Situation reagieren würde: Ich wollte
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sofort wieder aufstehen. Nur: Das ging nicht. Die Beine liessen sich nicht bewegen. Was den Schrecken verstärkte. Und erstmals stellte ich mir die bange Frage: Ist jetzt etwas Schlimmeres passiert? Was mich aber mehr beschäftigte: Ich hatte Mühe mit dem Atmen. Weshalb das so war, realisierte ich erst später. Nicht nur die Beine versagten den Dienst, sondern auch die Bauchmuskulatur liess sich nicht mehr aktivieren. Ich merkte, dass ich nur noch sehr oberflächlich atmen konnte, und konzentrierte mich darauf: Atmen, Heinz, atmen, atmen – und ja nicht bewusstlos werden. Sonst würde ich hier vielleicht lange nicht gefunden werden. Als ich das Atmen einigermassen im Griff hatte, versuchte ich, mich zu bewegen. Die Arme und Hände waren okay, sie funktionierten. Doch weiter unten war es komisch. Es war kein Schmerz, was wohl auch am Schock lag. Doch die Beine reagierten nicht. Ich betrachtete sie, wie sie übereinander geschlagen dalagen, merkte, dass ich sie nicht spürte. Und dass unterhalb des Brustkorbs jede Sensibilität fehlte. Beim Aufprall, wohl auf einem Ast oder auf einer Wurzel, die zufälligerweise genau dort lagen, bei dem ich neben beiden Schulterblättern und ein paar Rippen den vierten und fünften Brustwirbel brach und das Rückenmark dermassen beschä digte, dass es keine Befehle mehr weiterleitete. Es war eine Querschnittlähmung mit einem Schlag. Ein Schnitt durch den Körper. Oberhalb ist alles in Ordnung, unterhalb fehlt jedes Gefühl. Da gibt es keinen Schmerz, kein kalt und warm, kein nass und trocken, keinen Befehl an die Muskeln, der diese Grenze überquert. Da lag ich also. Irgendwo zehn Meter am Fuss einer Felswand. A bgeschnitten von der Welt. Lange vor dem Handy-Zeitalter. Ich versuchte zu schreien, um auf mich aufmerksam zu machen. Mehr als ein Stöhnen liess sich nicht herauspressen. Auch zum Schreien braucht es die Bauchmuskulatur, erst später lernte ich, wie sich diese durch das Zwerchfell ersetzen und damit Druck auf die
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Ausgerutscht
Stimmbänder erzeugen lässt. Also blieb nur die Hoffnung, dass mich jemand sah, als ich den Hang hinunterrutschte. War ich nicht allein bei dieser Streckenbesichtigung oder habe ich auf dem Weg nicht den einen oder andern angetroffen? Und wenn ja: Ist ihnen etwas aufgefallen? Dann endlich – wie lange es dauerte, kann ich nicht abschätzen – hörte ich oberhalb von mir ein Rascheln, nahm wahr, dass da jemand war. Ich wollte ihn warnen, doch ich brachte keinen Ton heraus. Doch er realisierte, was passiert war und wenig später war er bei mir. Er legte mir seine Jacke unter den Kopf, forderte wohl über einen Kollegen Hilfe an und blieb bei mir. Gemeinsam warteten wir auf den Helikopter. Der erschien dann auch. Ich sah einen Menschen, der an seinem Seil hing und bei mir landete. Es war der Arzt, der, wie ich erst viel später erfuhr, zu seinem ersten Rettungseinsatz geflogen wurde. Ich habe ihn erst 35 Jahre später, als ich im Urnerland ein Referat hielt, kennengelernt. Nicht direkt, weil er nicht unter den Zuhörern sass, sondern weil er aus der Zeitung davon las und mir später einen Brief schrieb. Es war der Moment, an dem ich ihn besuchen konnte. Es wurde ein emotionaler Besuch, und ich war sehr berührt, als ich dem 90-jährigen Rolf Diethelm danken konnte für seinen Einsatz und sicher auch für seinen Mut, den er bei seiner ersten Luftrettung aufbringen musste. Als er diesen Zeitungsartikel las, ging ihm ein Licht auf: Das muss der Junge gewesen sein, den ich damals in Seelisberg herausgeholt habe. Er war Arzt in Altdorf, verbrachte das Wochenende in seinem Ferienhäuschen in Bauen, wurde dort aufgeschreckt und vom Heli abgeholt. Es war seine allererste Rettung mit einem Helikopter. Später veröffentlichte er eine Autobiografie, in der nur eine Frage nicht beantwortet war: Wer war dieser Läufer, der dort am Boden lag? Leider habe ich es in meiner Unfallsituation versäumt, mich bei ihm vorzustellen …!
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Mein Rettungs-Heli, 9. Juli 1978. Notfall-Transport nach dem Unfall.
Meine Einlieferung ins Paraplegikerzentrum in Basel.
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Ausgerutscht
Von diesem Doktor Rolf Diethelm – seinen Namen habe ich mir gemerkt – verpackt und am Tau des Helikopters befestigt, wurde ich zu jener Stelle geflogen, an der ich nach dem Berglauf an den Talläufer Fritz Häni hätte übergeben müssen. Dort wurde ich in den Helikopter verlegt. Ziel: Kantonsspital Altdorf. Doch noch während des Fluges entschieden die Ärzte, dass Altdorf mit diesem Fall überfordert wäre, und so flogen wir nach Basel, direkt ins Paraplegikerzentrum. Das Paraplegikerzentrum in Nottwil, erst 1990 erbaut, gab es damals noch nicht. Das von Guido A. Zäch und seiner Paraplegiker-Stiftung geleitete alte Bürgerspital in Basel – spezialisiert auf die Betreuung von Querschnittgelähmten – war relativ neu und damit ein Thema in der Presse. Dies auch darum, weil nur kurz davor auch unser Ski-Ass zu dieser Zeit, Roland Collombin, dort lag. Zwei Jahre nach mir wurde dort Regazzoni in Basel behandelt nach seinem Horrorunfall beim Formel-1-Rennen von Long Beach. Es regnete, und ich machte mir Sorgen. Ob der Pilot den Weg durch die Wolken finden würde? Als wir uns Basel näherten, schien die Sonne. Und dem Zielort Paraplegikerzentrum zum Trotz: Seit die Rettung eingeleitet worden war und man sich um mich sorgte, regte sich bei mir schon wieder Hoffnung, was vielleicht auch an den Medikamenten lag, die man mir verabreicht hatte und die mich belämmerten. Mir war klar: Es war etwas Schwerwiegendes geschehen, ich komme ins Spital, wo ich zuvor noch nie war, ich muss wohl operiert werden, ich brauche Medikamente. Aber bitte: Danach möchte ich in mein normales Leben zurückkehren, meinen Beruf ausüben, Sport treiben.
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