Susanna Grogg-Roggli
Lieben und Leiden im Schwarzenburgerland
Die Erzählungen von Susanna Grogg-Roggli laden ein zu einem virtuellen oder realen Spaziergang in die Gegend von Wahlern. Hintergrund jeder Erzählung ist ein historisches Dokument. Daraus entwickelt die Autorin anschauliche Schilderungen vom Leben der «Landlüt» im 18. und frühen 19. Jahrhundert, von der Zeit des aristokratischen Stadtstaates Bern und dessen Untergang 1798 und von der Neuordnung im demokratischen Kanton Bern. Historische Illustrationen und Landschaftsbilder des Berner Fotografen Alexander Jaquemet und geologische Informationen des Geografen Heinz Hösli begleiten den Text. Mit einem Vorwort des Schwarzenburger Nationalrats Matthias Aebischer.
Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt ISBN 978-3-03818-346-4 www.weberverlag.ch
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Susanna Grogg-Roggli
Lieben und Leiden im Schwarzenburgerland Historische Erzählungen rund um den Spycherweg
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
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Einleitung Die historischen Erzählungen berichten über Geschehnisse aus dem Bauernleben im Schwarzenburgerland vor rund 300 Jahren, d. h. aus der Zeit des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Sie führen uns in die landschaftlich reizvolle Gegend, die heute Teil des Naturparks Gantrisch ist und wo seit 2019 zwischen Lanzenhäusern und Schwarzenburg ein Spycherweg interessierte Wanderer auf Zeugnisse alter Bauernkultur aufmerksam macht. Geologische Betrachtungen von Heinz Hösli öffnen Zeitfenster Millionen Jahre zurück und in die letzte Eiszeit vor ca. 115 000 bis 10 000 Jahren, in Zeiträume, die unsere Gegend vor den Menschen gestaltet haben. Der bekannte Fotograf Alexander Jaquemet hat die Gegend mit seiner Kamera durchstreift und landschaftliche Kostbarkeiten festgehalten. Historische Illustrationen1 veranschaulichen den Text. Jahrhunderte lang lebten unsere Vorfahren in kleinräumigen, von Generation zu Generation überlieferten Gesellschaftsformen. Sie waren Bauern, Kleinbauern zumeist, und manchmal gleichzeitig Handwerker. Sie wohnten in bescheidenen, strohgedeckten Behausungen, einige in lang gezogenen, niedrigen Tätschdachhäusern, sog. «Tätschhütten»2, andere in Hochstudhäusern mit weit herunter reichendem Walmdach und Kreuzfirst, sog. «Alemannenhäuser». Eine Unterkellerung kam erst später auf. Oft wohnten mehrere Familien und Generationen im gleichen Haus. Sie ernährten sich von den Erzeugnissen ihrer Felder und Äcker, den Früchten ihrer Bäume, dem Holz aus den Wäldern, dem reichlich vorhandenen Quellwasser. Auch Heilquellen entspringen hier und dort im Schwarzenburgerland: Im Buttnigen, im Längeneywald, im Magerbad, im Otteleue und Schwefelberg, Bäder, die von Einheimischen und Fremden aufgesucht und geschätzt wurden.3 Die verschiedenen Bauformen lassen vermuten, dass die Einwanderung und Besiedlung des Schwarzenburgerlandes einst von Westen, aus dem burgundischen und von Norden, aus dem alemannischen Bereich erfolgte. Berg- und Flussnamen sind noch viel älter, nämlich keltischen Ursprungs.4 Die engere Heimat der früheren Schwarzenburger und ihrer Frauen war die Gemeinde oder Viertelsgemeinde in der «Gemeinen Herrschaft Schwarzenburg/ Grasburg»5. Die stand seit 1423 unter der wechselnden Herrschaft und Verwaltung
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des Staates und der Republik Bern und Freiburg6. Die Städte Bern und Freiburg waren für die meisten Frauen und Männer örtlich zwar weit weg,7 nicht aber politisch, religiös und wirtschaftlich. Ihre Macht manifestierte sich im Schloss Schwarzenburg, in der Person des «Wohledelgebohrenen Hochgeachten Hochgeehrten» Herrn Landvogts und den einheimischen, der Herrschaft treu ergebenen Beamten, dem Landvenner, Säckelmeister, Weibel, Unterstatthalter oder Ammann. Zudem hatte die Regierung ihre beauftragten Vertreter auch auf den Kanzeln der drei Kirchen Wahlern, Guggisberg und Albligen, denn die Pfarrherren hatten die Pflicht, staatliche Erlasse und Mandate von der Kanzel zu verkünden und für deren Befolgung zu sorgen. Sie waren ausnahmslos Söhne aus städtischen Burger Familien. Die herrschende aristokratische Gesellschafts- und Regierungsform des Stadtstaates Bern hatte sich im Lauf der Zeit mehr und mehr verengt, das bedeutete, immer mehr Macht konzentriert auf immer weniger Familien. Die Landbewohner sahen sich zunehmend zu Untertanen degradiert, die Attribute, die den «Landlüt» zustanden, lauteten, «wohlbescheiden, wohlehrsam». Das einst direkt dem Heiligen Römischen Kaiser deutscher Nation unterstellte, reichsfreie Gebiet um die Grasburg, zwischen Sense und Schwarzwasser gelegen und mit einigen Sonderrechten ausgestattet, war längst Untertanenland der Städte Bern und Freiburg geworden. Ulrich Dürrenmatt (1849–1908),8 heimatberechtigt in Guggisberg, beschrieb die Situation im Schwarzenburger Dialekt so: «Dopplet hii mer müesse diene; z’Friiberg, z’Bärn gehorsam sii. Drum si mier de alba niene noue rächt dahiime gsi. We ma si het g’wanet g’häbe, Annerfahrt im füüfte Jahr, Wächsleti di Herrschaft äbe, cham e nüwwa Vogt darhar.» Im 18. Jahrhundert, als die folgenden Geschichten sich zutrugen, sahen sich die «Landlüt», aber auch ihre «Obrigkeit», die «wohlehrwürdigen, gnädigen Herren», herausgefordert von neuen Formen des Denkens und Forschens in Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, eine Entwicklung, die sich zeitgleich in Städten und an Höfen vielerorts in Europa abspielte. Es war das Zeitalter der «Aufklärung». Jean-Jacques Rousseau schrieb den «Emile», einen Erziehungsroman, Albrecht von Haller besang in Gedichtform «Die Alpen» und zog damit erstmals Bergtouristen in die Schweiz, Heinrich Pestalozzi kümmerte sich um Kriegswaisenkinder in Stans, Friedrich Schiller schrieb das Drama «Wilhelm Tell» und brachte den Schweizer Mythos 1804 auf die Bühne in Weimar9. Die
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Erkenntnis, dass der Schöpfer allen Menschen gleiche Würde zuspricht, begann unter nachdenklich kritischen Menschen in ganz Europa zaghaft Fuss zu fassen. Die wohlhabende bernische Oberschicht, inspiriert von französischen Vorbildern, erneuerte und verzierte ihre repräsentativen Stadthäuser und Landsitze oder erbaute sie neu, so den Erlacherhof 10 an der Junkerngasse oder den Burgerspittel und die Heiliggeistkirche. Die finanziellen Mittel stammten zum Teil aus Geldern, die dank der Soldverträge mit fremden Mächten den regierenden Familien zuflossen. Gebildete, fortschrittliche Burger gründeten 1761 die «Helvetische Gesellschaft», um gemeinsam nachzudenken, wie der Konfessionalismus überwunden und der Toleranz Platz machen könnte, damit die alte Eidgenossenschaft sich weiterentwickeln und aus kleinräumigem Stammesdenken ein eidgenössisches Nationalgefühl sich entfalten würde. Bildung und vermehrtes Wissen würden Tugend und Sittlichkeit der Einzelnen fördern, davon waren die Anhängerinnen und Anhänger der Aufklärung überzeugt. Zur Verbesserung der Wirtschaft und um den Ertrag der Landwirtschaft zu erhöhen, hatten Berner Patrizier 1758 die «Ökonomische Gesellschaft»11 gegründet. Einzelne Pfarrer versuchten fortschrittliche Bauern für neue Anbaumethoden zu gewinnen, möglicherweise auch im Schwarzenburgischen, denn der Pfarrer war selbst Gutsherr und bewirtschaftete das Pfrundgut, das ein wichtiger Teil seines Einkommens war. Gedanken von «Freiheit und Gleichheit» liessen sich auch durch die Schluchten von Sense und Schwarzwasser nicht ganz abhalten. Zu Bibel, Gesangbuch und Katechismus gesellte sich in manchen Häusern ein neues Druckerzeugnis, der Kalender12. Die «Brattig» berichtete von Unbekanntem, von Entdeckungen und Geschehnissen in fremden Ländern, von Erfindungen neuer Geräte, von neuen, unbekannten Pflanzen, dem «Erdapfel», der Sonnenblume und Tomate13. Die Lektüre der Kalender lenkte die Gedanken der paar «Landlüt», die lesen gelernt hatten, in neue Richtungen. Einige träumten vom Auswandern aus Armut und Enge. Junge Frauen und Männer suchten Arbeit und ein besseres Leben in der Stadt, denn «Stadtluft macht frei», hiess es. Junge Burschen nahmen Handgeld und wurden Söldner in fremden Diensten, im Königreich Frankreich, den Niederlanden, Italien, Spanien …14 In anderen erwachte das Bedürfnis nach einer persönlicheren und innerlicheren Religiosität als die hierarchische Staatskirche sie pflegte und vorschrieb. Offen
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«… haben gelobt und versprochen, sich als getreue Lehensleute zu verhalten …»33 Ein trockener Sommerwind streicht durch die zurechtgeschnittenen Kronen der Zierbäume auf der Westseite des alten Pfarrhauses auf dem Wahlernhügel. Der Weg zur Kirche ist menschenleer. Nur Uli, der Pfarrhausknecht, ist an der Arbeit. An der strohbedeckten, niedrigen Pfrundscheuer versucht er, einen neuen Stützhaken für das Pferdegeschirr an einem vorstehenden Balken anzubringen. Dabei schreckt er die Mehlschwalben auf, so dass sie laut piepend das Weite suchen, Uli kann gerade noch verhindern, dass das kaputte Fenster ganz aus der altersschwachen Stallwand herausfällt.34 Verärgert unterdrückt Uli einen Fluch und sucht nach einem geeigneteren Balkenvorsprung an der altersschwachen Holzwand der Scheuer. Die letzten Schneeflecken in den Schrunden und Klüften der Kalkberge am südlichen Horizont sind längst geschwunden, denn es liegt ein Jahr ohne Winter zurück! Scharf und dunkel heben sich die Gratlinien der Gantrisch Kette vor dem Blau des Himmels ab. Der erst vor Kurzem in Wahlern eingezogene Pfarrer Abraham Wyttenbach und seine Gemahlin stehen auf der Gartenterrasse südlich des Hauses. Ihre Blicke schweifen von den grauen Kalkgebirgen weiter zu der ganzen weissen Pracht der Hochalpen in Richtung Sonnenaufgang. Eiger, Mönch und Jungfrau, das Wetterhorn bis hin zu Schreck- und Finsteraarhorn gleissen im Sonnenlicht. «Herr Gott, ist diese Welt schön», freut sich die Frau Prädikantin35. Beide sind sie am Ankommen im Pfarrhaus und sich vertraut machen mit der neuen Gemeinde. Der Umzug vom oft neblig feuchten Oberwyl bei Büren und die feierliche Einsetzung ins Pfarramt im armen, aber landschaftlich reizvollen Schwarzenburgerland liegt keine drei Wochen zurück. Frau Salome von Graffenried ist noch voll mit Auspacken und Einräumen im Haus beschäftigt. Ihr Mann studiert Einträge und Notizen, die sein gelehrter, zum Professor nach Bern berufener Vorgänger, Herr Prädikant Johann Georg Altmann36, auf Handzetteln, in Manualen und Rodeln37 im Studierzimmer zurückgelassen hat. Diese verschaffen ihm einen ersten Einblick ins neue Pfarramt. Ausserdem findet sich das eine oder andere für gewöhnliche Leute nicht erlaubte Buch hinter den grünen Vorhängen im Bücherschrank, die «Persischen Briefe»
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des Adeligen Baron Charles-Louis de Montesquieu, eine Schrift von Descartes und einige geografische und astronomische Schriften über neue wissenschaftliche Erkenntnisse und er hat sich gefragt, warum Altmann die nicht mit nach Bern gezügelt hat, sind sie als Anregung zu eigener Weiterbildung der Nachfolger gedacht? Auf einem der Handzettel gelesen hat Abraham Wyttenbach, «Kontakt aufnehmen mit Notar Herrn Joh. Georg Ernst in Sachen Urbar38 der Pfrund Wahlern»39 dazu die Skizze der zinspflichtigen Pfrundgüter. Auf einem anderen steht «MnhGH40 Landvogt Emanuel de Lenzbourg approbation Herrn Werkmeister Schiltknecht wegen Neuwe Pfrundscheuer». Über diese Notiz freuen sich Wyttenbach und seine Gemahlin besonders wegen des bedenklichen Zustandes der Pfrundscheuer41, aber wenn der staatliche Werkmeister Schiltknecht bereits mit einem Neubau beauftragt worden ist, dürfen sie mit rascher und sachkundiger Verwirklichung rechnen. Der Pfarrer beschliesst, erst mal die ihm weniger behagliche Sache mit den Pfrundgütern anzugehen. Sein Vorgänger hat ihn gedrängt, die UrbarSache nicht aufzuschieben. Und überdies ist Wyttenbach in Pfarrhäusern aufgewachsen und weiss um die wirtschaftliche Bedeutung der Pfrundgüter. Er weiss auch, im Schwarzenburgerland muss er nicht einmal die andernorts übliche Pfrundtaxe an den Staat bezahlen; in Oberwyl war die Taxe mit 250 Kronen schmerzhaft hoch, auch wenn je ein Drittel während drei Jahren bezahlt werden konnte. Von dieser Abgabe haben die Gnädigen Herren von Bern «alle Pfründen in den Mediatslanden (Gemeinen Herrschaften) unterm 25. Maÿ 1693 aus obsorgenden Difficultaten mit benachbarten Ständen» (Schwierigkeiten mit Nachbarkantonen, Freiburg) befreit.42 Dem Staat Bern ist es wichtig, seinen erst kürzlich erworbenen Grundbesitz rechtlich klar festzuhalten. Grundbesitzer in der Gemeinen Herrschaft Grasburg war Jahrhunderte lang auch das Johanniter Stift in Köniz und ihm waren die meisten Bauern zinspflichtig. Erst 1729 hatte die Stadt Bern dem Stift den Grundbesitz und alle Rechte abgekauft, Teil davon waren die Pfrundgüter der Kirche. 1732 beschlossen Rat und Deutschsäckelmeister, das Urbar neu schreiben zu lassen. Dazu beauftragte der Rat Kommissar Niclaus Nöthinger. Zusammen mit Herrn Pfarrer Johann Georg Altmann sollte er die Arbeit ausführen. Aber es kam anders, Nöthiger starb schon wenige Monate später. Als Wyttenbach in Wahlern einzieht, soll er dem Notar Joh. Georg Ernst helfen, die Arbeit endlich zu Ende zu bringen. «Salome, ich mache heute einen ersten Ausritt ins Niederteil, um eine Ahnung von den fünf Gehöften und Lehensgütern der Pfrund43 zu bekommen, kommst
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du ohne mich zurecht?» «Gewiss, Lisette und Anni haben starke Arme und sind mir gute Stützen.» Sie blickt Abraham in die Augen und merkt, wie er leicht zögert. «Was ist?» «Tja, so ganz einfach fällt mir der Anfang nicht, du weisst, eigentlich bin ich schüchtern und diese ganze Geschichte mit den Abgaben …» «Abraham, denk an den Zuspruch, den dir unser Dekan von Graffenried aus Köniz auf den Weg gegeben hat bei deiner Einsetzung ins Amt: ‹Und Jesus sprach: Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen›.» «Danke, Salome, es ist gut, dass du mich daran erinnerst, was wäre ich ohne dich!» Er drückt seiner Salome einen Kuss auf die Stirne und sagt: «Ich reite jetzt durchs Gänsemoos zu den Obereichi Lehensleuten, dem Hans Binggeli und seiner Mutter, Barbara Jungi.» «Du hast doch bereits einem Uli Jungi vom Gänsemoos ein Kind getauft», erinnert sich Salome. «Ja, ich nehme an, der ist verwandt mit den Leuten von der Obereichi Schuppose!»44 «Und auch den Obereichi Schulmeister kennen wir von der Kinderlehre», fährt Salome aufmunternd fort. Abraham blickt ihr freundlich in die Augen: «Danke, Salome, und sorge dich nicht, es kommt schon gut, ich werde auch nicht, wie gestern geplant, bis nach Äkenmatt hinab reiten, sondern heute von Obereichi über Lanzenhäusern und das Moos nach Wahlern zurückkehren, ein Ausritt rund um den Hohliebe Hoger, das reicht!» Mit einer freundlichen Geste und einem «Behüt dich Gott» verabschiedet sich der junge Pfarrer von seiner Gemahlin und macht sich auf den kurzen Weg zur Pfrundscheune nebenan. Schwalben schwirren laut zirpend in schnellem Flug über Pfarrhaus und Pfrundscheuer und verschwinden kurz mit den erbeuteten Insekten in ihren Nestern unter den Dächern oder im Innern des Stalles. Dort füttern sie die hungrige Brut. Die jungen Vögel sind nach dem zeitigen Frühjahr, das auf einen milden Winter gefolgt war, fast flügge und werden bald ausfliegen. Aus der offenen Stalltüre hörbar ist das Schnaufen und Wiederkäuen der Kühe, während Uli das Pferd von der Scheune zum Brunnen führt. Bevor er es tränken kann, muss er den Kessel aus dem tiefen Sodbrunnen heraufziehen. Wasser ist karg auf dem Wahlern Hubel, doppelt knapp nach dem ausserordentlich schnee- und regenarmen Winter 1733.45 «Ist jemand gestorben?», fragt der Krämer, der wie oft neugierig zwischen den Gehöften und Häusern hier oben herum schlendert. «Nicht, dass ich wüsste, der Herr Pfarrer kann ja auch sonst ausreiten», gibt der Knecht trocken zurück. Lust auf ein Gespräch mit dem neugierigen Krämer hat Uli nicht. Er weiss, der neue Wahlern Pfarrer will möglichst rasch die ausgedehnte Gemeinde erkunden. Da ist das schöne Wetter eben recht und Uli macht es Freude, das Pferd für den Ausritt ordentlich vorzubereiten und für den Herrn Pfarrer zu satteln. Es ist ein
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Pferd für den Alltag, ein Arbeits- und ein Reittier, das im Stall der Pfrundscheune steht, und für Uli ist es Ehrensache, das Tier für die Ausritte herauszuputzen. «Reitet ja nicht durchs Turbemoos»,46 rät der Knecht dem Pfarrer, als der zum Pferd tritt, ihm den Hals tätschelt und dem Tier über Kopf und Mähne streicht. «Gibt es hier Torf?», fragt der Angesprochene erstaunt. «Ja, gewiss, hier ganz in der Nähe, auf eurem Weg nach Obereichi, ein sumpfiger Wald zwischen Bannholz und Gänsemoos», erklärt Uli und deutet mit einer Bewegung seines Arms in die Richtung. «Jetzt sind dort die Blaubeeren reif, aber ungefährlich sind sie nicht, die Sumpflöcher, haltet euch an den Hohliebe Hang, wenn ihr nach Obereichi reitet!» Der Pfarrer setzt den Fuss in den Steigbügel, schwingt sich aufs Pferd und setzt es in leichten Trab Richtung Sonnenuntergang, rechts liegt das Bannholz, links die hintere Pfrundmatte. Den Pfarrer begeistert immer neu der weite Ausblick über den Sensegraben hinüber ins Freiburgische und über den Jura, dorthin, wo Frankreich liegt, das stolze Königreich mit Paris, der Stadt des Glanzes und der Gelehrsamkeit. Er kennt es von klein an, wenn auch nur aus Berichten der Offiziere im Freundes- und Familienkreis, wenn die jeweils im Herbst aus dem Dienst in den Urlaub nach Bern zurückkamen. Kaum erreicht der Reiter kurz nach Mischlers Weidli den Waldrand, scheut das Pferd. Ein paar Gänse watscheln mit aufgeregt lautem Geschnatter vom Gänsemoos her zum Weidli. «Grüessech Gott, Herr Pfarrer!» Es ist Stini Jungi, die Gotte der kleinen Anni, die da mit ihren Gänsen und einem ganzen Korb voll reifer Blaubeeren, Moosbeeren, Weidenrinde und allerlei Kräutern vom Turbemoos heraufkommt. Stini kennt sich aus mit Heilpflanzen, sie würde gerne Hebamme werden, aber für so eine Ausbildung fehlt der Familie das Geld. «Gott bhüeti öich, Jungfer Jungi», grüsst der Pfarrer, «geht’s dem Taufkind gut»? «Danke für die Nachfrage, Hochwürdiger Herr, ja, Anneli ist gesund, nur dass es langsam eng wird bei uns, zu eng für die grosse Familie». Stini zeigt auf das strohgedeckte niedrige Häuschen in der Senke und fährt dann fort: «Uli hofft, er könne bald mal bauen dort drüben auf der Wiese!»47 Sie weist auf eine Stelle unten am südlichen Hohliebe Hang, wo Bretter, Holzträmel und Steine sich im Schatten einer alten Eiche stapeln.
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Emanuel Friedli, Bärndütsch, Guggisberg, Verlag A. Francke A. G. Bern, 1911, S. 548. Bauernpferd vor einem Speicher.
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