Barbara Traber
Barbara Traber
BIOGRAFIE
Barbara Traber
Ohne Rücksicht auf Verluste
Als Markus Traber (1946–2010) in der Saison 1965/66 zum ersten Mal mit den Berner Troubadours auftrat, war er erst 19 und mit Abstand der Jüngste der Gruppe. Zu seinen Hits gehörten «D Knabemusig» und der «Stadtgiele-Blues». Früh erhielt er eine LP von Georges Brassens geschenkt, der sein Vorbild wurde, und versuchte selbst, Chansons «zum Aalänge» auf Berndeutsch zu schreiben. Das Liedermachen und Auftreten war ihm überaus wichtig, doch entstand viel Kreatives auch auf anderen Gebieten. Sein viel seitiges, intensives Leben auf und neben der Bühne wird erstmals offen und authentisch erzählt – von seiner Witwe, der Schriftstellerin Barbara Traber. Die bewegende Biografie ist zugleich ein Zeitdokument.
MARKUS TRAB E R
MARKUS TRAB E R
BIOGRAFIE
Weber Verlag AG CH-3645 Thun-Gwatt www.weberverlag.ch
ISBN 978-3-03818-380-8
MARKUS TRAB E R Ohne Rücksicht auf Verluste
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
Vorwort
Nein, das werde ich niemals tun, dachte ich viele Jahre, ich werde als Witwe keine Biografie über meinen verstorbenen Mann schreiben, keinen Abgesang, keine schriftliche Bewältigung meiner Trauer um seinen Verlust. An Pfingstsamstag 2021, im elften Jahr nach Markus’ plötzlichem Herztod, überfallen mich wie immer Erinnerungen an den Pfingstsonntag, 23. Mai 2010. Ich ging am Nachmittag spazieren, während Markus eine Siesta machte. Als ich zurückkam, fand ich ihn nach einem Herzschlag tot im Bett vor. Diesen Schock werde ich nie ganz überwinden können. Und auf einmal kommt jetzt die Idee hoch: Ich müsste trotz allem über ihn schreiben, sonst wird all das, was er erlebt und geschaffen hat, für immer verloren, vergessen sein, jedenfalls zum grössten Teil. Wer hat ihn denn besser gekannt als ich? Seine Mutter lebt längst nicht mehr, und auch sein einziger Bruder ist bereits gestorben, und irgendwann werde auch ich nicht mehr da sein, um meine Erinnerungen an ihn schriftlich festzuhalten. Selbst die Berner Troubadours – Mani Matter, Bernhard Stirnemann, Fritz Widmer, Jacob Stickelberger, Ruedi Krebs, Markus Traber – gibt es nicht mehr alle, nur Krebs und Stickelberger leben noch. Es ist ohnehin ein Missverständnis zu meinen, sie seien eine Gruppe enger Freunde gewesen; Bernhard Stirnemann nannte sie einmal eine «lose Verbindung totaler Individualisten». Markus war ein öffentlicher Mensch, er stand unglaublich viele Male auf der Bühne von Kleintheatern und trat unzählige Male an privaten Festen auf und machte sein Publikum glücklich. Alle hatten jeweils das Gefühl, er singe gerade nur für sie. Vor einiger Zeit holte ich die grosse Schachtel mit Kondolenzkarten und -briefen vom Estrich herunter, um sie endlich meiner Tochter zu zeigen; sie hatte bisher nie Zeit und Gelegenheit gehabt, diese persönlichen Zeichen von Trauer um den jüngsten der Troubadours, ihren Vater, in Ruhe zu lesen. Sie begann, Karte um Karte, Brief um Brief zu entziffern. Und so verbrachten Nina und ich (erneut) viele Stunden damit, diese berührende Dokumentation von Beileidsbezeugungen durchzusehen, die schiere Menge überforderte uns. Was uns einerseits freute, anderseits nachdenklich stimmte: Fast alle, die uns geschrieben hatten, schienen persönlich sehr betroffen zu sein, erwähnten besondere Anlässe, öffentliche oder private Konzerte und Veranstaltungen, an denen sie Markus singen gehört hatten und die ihnen unvergesslich bleiben würden … Wir spürten: Er war für alle dagewesen. 7
Vorwort
Und uns wurde wieder bewusst, wie viel er gegeben hat, bei jedem Auftritt, in jedem Gespräch, bei jedem Liebesdienst. Nein zu sagen fiel ihm immer schwer. Er war ein Gebender, ungemein grosszügig Schenkender, immer sehr präsent, wenn er andere mit seinen Chansons, Sprüchen und Geschichten unterhielt oder Fotos eigens für sie machte (und nachts spät rasch die Negative entwickelte) oder ihnen in einer Beiz am Stammtisch zuhörte. Sie waren alle überzeugt, gerade er oder sie sei ihm besonders wichtig. Da er ein besonderes Einfühlungsvermögen in Menschen besass, gab er jedem Einzelnen das Gefühl, verstanden zu werden. Nach aussen gab er sich meist fröhlich, humorvoll, unterhaltend, gut gelaunt, weil er ein hervorragender Schauspieler war: der Clown in der Manege, wie es in einem seiner Chansons steht. Doch wer hört sich solche Texte genau an und spürt dahinter die leise Melancholie oder gar Traurigkeit? «Mängisch grännisch anstatt z lache» heisst ein anderes Lied, das so sehr zu ihm passte. Und da lagen sie nun vor uns, all die Zeichen echter Anteilnahme, Dankbarkeit und Zuneigung, viel zu viele, und auf einmal fanden wir es beinahe unerträglich. Warum kamen all diese Briefe und Karten erst nach seinem Tod? Zu spät. Er hätte sie gerade in den letzten Jahren, als er krank war und litt und sich oft zurückzog, so sehr gebraucht. Heute sind es genau elf Jahre her seit seinem trotz langer Krankheit unerwarteten, zu frühen Tod, bald werden es zwölf, dreizehn … sein, und doch kommt es mir vor, als wäre es gerade gestern gewesen, und ob ich will oder nicht, der Schmerz über seinen Verlust kommt hoch. Natürlich nicht nur dann, aber an jedem Todestag besonders stark. Trauern sei der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben, heisst ein Ausspruch von Rabbi Sanford Ragins. Ein tröstlicher Satz. Markus hat es verdient, ernst, ja, ernster genommen zu werden als bisher. Wenn ich nun versuche, über ihn zu erzählen, tue ich es auch um der Gerechtigkeit willen, Markus zuliebe jedenfalls, der öfters zu kurz kam. Vielleicht würde er jetzt wie der Chansonnier Georges Brassens, sein grosses Vorbild, einwenden: «J’ai tout dit dans mes chansons.» Das ist zwar richtig, aber wer kennt denn seine Lieder noch? Wer hat sie wirklich verstanden? Es sind so viele, dass allein die Titel, aneinandergehängt, genug aussagen und eine Art Autobiografie darstellen, es sind ganz genau 146 eigene Liedtexte, dazu 17 Vertonungen von Gedichten von C. A. Loosli, drei kurze Texte von Heinz Stalder und je einer von Guido Bachmann, Franz Haller und Olivier Moser. Ich weiss das so genau, weil Ruedi Krebs, der Berner Troubadour, nach Markus’ Tod diese insgesamt 160 Texte mit dem Titel «Alle Lieder» zusammengestellt, sorgfältig abgetippt, sie zu einem «Buch» gebunden und es mir und unserer Tochter geschenkt hat. Im Vorwort steht die berührende Widmung: «Markus, grossen Dank für Deine lebenslange Freundschaft!» Er, Ruedi Krebs, hat seinen Mittroubadour sehr gut gekannt und ihn geschätzt. 45 Jahre lang standen sie zusammen – genauer gesagt, einer nach dem anderen mit seinen eigenen Chansons – auf der Bühne, sie kannten sich länger, als ich mit Markus verheiratet war.
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Vorwort
Während ich heute in diesem Textbuch blättere und die Melodie bereits nach der ersten Zeile im Ohr habe, weiss ich endlich, warum ich auch nach über zehn Jahren immer noch Mühe habe, mir berndeutsche Lieder von Markus anzuhören, was ausser unserer Tochter, der es ähnlich geht, kaum jemand verstehen kann. Die Chansons sind so sehr «Markus», jedes einzelne Wort, dazu kommt seine Stimme, dass uns, Nina und mir, jedes Mal, wenn wir eines hören, manchmal zufälligerweise am Radio, Tränen kommen. Text und Melodie und Stimme ergeben ein Ganzes, das ihn darstellt und ihn für uns «lebendig» macht. Jede Verszeile ist erlebt, ist typisch Markus. Und vor allem die Stimme, diese be sondere, ausdrucksstarke Stimme, dieses Timbre! Wahrscheinlich war es seine Stimme, in die ich mich im Sommer 1977 zuerst verliebt habe. Aber es gibt noch etwas, was ich zeigen möchte: Markus konnte viel mehr als «nur» Chansons machen und sie vor Publikum vortragen. Das war ein sehr wichtiger Teil von ihm, sicher der wichtigste, und weit mehr als ein Hobby. Doch gibt es Bücher, Fotos, Kleinplastiken, Objekte, Bilder, die er hinterlassen hat und die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Er war durch und durch ein «Macher». Und er lebte ein intensives, nie langweiliges, heftiges, reiches Leben «ohni Rücksicht uf Verluschte», wie eine seiner CDs heisst. Mein Text kann manchmal nur ein Aufzählen sein, weil ich bei weitem nicht alles miterlebt habe, und die Reihenfolge stimmt nicht immer. Sicher habe ich Wichtiges vergessen oder verpasst oder weggelassen, weil es unmöglich ist, alles festzuhalten, und weil einiges zu privat ist und nur mir und meiner Tochter gehört. Ich befürchte zudem, dass ich zu oft und zu viel von mir erzähle, was ich hätte vermeiden wollen; wir waren eben nicht nur ein Ehepaar, sondern auch ein gut eingespieltes Arbeitsteam, oft eine «kleine verschworene Gesellschaft» zu dritt. Ich bitte deshalb alle, die in diesem subjektiven, unvollständigen Lebensgeschichte-Puzzle nicht vorkommen oder nur am Rand erwähnt werden, im Voraus um Nachsicht und Verzeihung. Wichtig ist mir, deutlich zu machen, was Markus für ein vielseitig kreativer, bescheidener, humorvoller, hilfsbereiter, einfühlsamer, überaus liebenswerter Mensch war und es für uns bleiben wird. Wir vermissen ihn jeden Tag. Barbara Traber Worb, im Mai 2021
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Kommentar von Edouard Rieben auf der Rückseite: «Härzleche Gruess, eh, eh bisch e chli e Ärnschte!» Foto: Edouard Rieben
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Von Anfang an
Eine Biografie, die chronologisch ist, sozusagen von der Wiege bis zum Grab, würde nicht zu Markus passen, überlege ich, während ich die einzeln verfassten Kapitel ordne. Das wäre viel zu konventionell, zu abgedroschen. Er hätte sicher eine seiner typischen, originellen Ideen, die jeweils aus dem Nichts heraus entstanden und mich oft verblüfften. Was würde zu ihm passen? Sicher eher ein kreatives Chrousimousi als eine brave Folge an Ereignissen von der Geburt an. Ich könnte auch mittendrin mit Erzählen beginnen, zum Beispiel mit den Jahren, die wir zusammen in Avenches verbrachten. Typisch für ihn wäre vielleicht ein biografisches Potpourri wie «Äne däne disse» oder eine, zwei Zeilen seines Chansons «Achtedryssgtuusigachthundertfüfzäh Mau», das mir noch heute jeden Morgen im Badezimmer in den Sinn kommt: Villicht vierzgtuusigsächshundertfüfedryssg Mau isch es gescheh Dass i Zähn putzt ha, i mym Läbe, obsi, nidsi, nümm im Kreis mit dem überraschenden Schluss Eines Tages chan i säge: Es bitzli gläbt han i haut scho Bitzli heftig, bitzli gwaltig – aber glohnt, das hett’s sech scho Beginnen könnte ich auch mit «Di erschte Schritte» Die erschte Schritte won i gmacht ha sy dernäbe gsi Si hei mi nid viu koschtet, sy fasch für vergäbe gsi Itz ersch merk i, wie’s wichtig wär z marschiere Und ändlech, ändlech mau z kapiere Wie das wär, wenn i mi säuber chönnti sy Passend wären ebenfalls die letzten zwei Strophen aus «Lieber am Rand»: Lieber geng gwundrig blyben u sueche Mynetwäge bätten, aber ou flueche Nid uf Kommando fautsch reagiere 11
Von Anfang an
Sich nid la bländen u nid la regiere I muess scho fei echly afa pressiere Für das aus no z realisiere ’s blybt mr ke Zyt für lang z überlegge itz chum i drhär, eine mit Kanten und Egge
Auftritt: Markus Traber Und so könnte ich lange weiter aus Markus’ Chansons zitieren, sie analysieren, gewisse Themen erwähnen, die immer wieder vorkommen. Er ist nie stehengeblieben, hat oft gezweifelt und sich selbst in Frage gestellt und seine Texte mehrmals überarbeitet. Doch immer hatte er sein Vorbild vor Augen: Georges Brassens. Deshalb auch war Markus der Meinung, grosse Erklärungen zu seinen Liedern zu machen sei überflüssig. Er dachte dabei an die Aussagen «Il faut jamais s’expliquer» und «Il faut pas penser trop haut» des grossen, bescheiden gebliebenen Brassens, die er sich zu Herzen nahm. Bei den Vor stellungen in den Kleintheatern gab es deshalb bei ihm, Markus, keine langen Ansagen zwischen den einzelnen Liedern, keine humoristischen Einlagen oder Anekdoten und Witzchen, um das Publikum zum Lachen zu bringen, im Gegenteil, am liebsten hätte er die Chansons ohne dazwischen etwas zu sagen aneinandergereiht; die privaten Auftritte gestaltete er selbstverständlich anders. Ein Programm zusammenzustellen bedeutete jedes Mal eine besondere Herausforderung, er nahm sich sehr viel Zeit dafür, der Ablauf musste ein Ganzes ergeben. Vom ersten Moment an wirkte er bei seinen Auftritten authentisch und sang offen und ehrlich von dem, was ihn beschäftigte, oft von Alltäglichem. Auf Berndeutsch, seiner Muttersprache, in der er sich am besten ausdrücken konnte. Chansons zum Aalänge.
«Ig I» und «Ig II» Den einfachen, klassischen Stil Rive Gauche, wie er in den Kleintheatern am linken Ufer der Seine in Paris gepflegt wird ((wurde)), mochte er sehr: Es wird dunkel im Publikum. Der Vorhang öffnet sich. Ein Stuhl steht auf der Bühne, Markus Traber stellt das linke Bein darauf, nimmt die Gitarre und beginnt zu singen: Ig I (entstanden bereits 1974) I singen ech itze es Lied über mi Für dass dir mau wüsset, wär i überhoupt bi
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Von Anfang an
I bi gwüss kei Schöne, i bi gwüss nid gschyd U ha uf die Schöne u Gschyde kei Nyd I gibe mr meischens zimlech viu Müeh Und schaffe für zwee, we die andre nüüt tüe I bi – was me seit – durchschnittlech nätt Zwar undezidiert, weiss nie, was i gärn hätt I bi – wi gseit – Durchschnitt, nid so u nid so Aber chiem’s mau druf ab, lieber so aus e so I finde mi aues in auem nid schlächt Zwar nid grad genial, aber auefaus rächt Itz dänket dr sicher, i syg wider so Eine, wo meint, richtig gross usezcho Doch da muess mi wehre, ’s isch eifach nid wahr Näht ds Mäss bi nech säuber, villicht wird nech öppis klar «Ig I» eignete sich besonders gut als Einstieg bei fast jedem Auftritt. Doch nach sechzehn Jahren, 1990, fand Markus es an der Zeit, Bilanz zu ziehen: Ig II Paar graui Haar sy gwachse, euter worde bin i ou Öb gschyder, das bezwyfli, öb si besser wird, di Schou Das syg sen auso gsi, di erschti Häufti vo däm Schpiu Öb di zwöiti besser wird – i erwarte da nid viu Und itz mit fasch gar vierzgi, ziehn i – wie’s üeblech isch – Bilanz Wett i wüsse, was es bracht het, was er bringt, dä ewig Tanz Dä Tanz um ds guldig Chäubli, dä Tanz um ds guldig Chaub Wenn i so zämezeue, de isch er höchschtens haub So viu wärt wi viu anders, wo mir viu besser gfaut Wo d gratis überchunsch, wo d nüüt derfür hesch zaut Das sy de die Momänte, wo d schliesslech drfür läbsch U geng u geng no wyter a däm cheibe Läbe chläbsch 13
Von Anfang an
Bilanze sy haut gfährlech, gä fasch e klare Blick Tüe d Ougen uf u zeige dr, öb de viu, viu z dick Heigsch uftreit oder bschisse heigsch i däm ganze Schpiu I weiss, ou Bschysse wird mängisch zum ne Ziu U bschisse han i mängisch, i weiss, i bsinn mi no Wie mängisch dass i zu Rächt uf d Schnure ha übercho U gringglet, gwuschet het’s mi, i weiss, es gscheht mr rächt Dass sy se de so gsi, die Gründ für schlaflosi Nächt Söu i itz eifach säge: Eggsgüse,’s tuet mr leid U chume de drhär im ne früsche, nöie Chleid Ne nei, i gloub, das lö mer, es isch nid a dr Zyt Zersch dänke, nachedänke, das brächt mi villicht wyt
Ein richtiger Berner Ein heisser Sommertag, 26. Juni 1946. Am Hochbühlweg in Bern macht sich Ruth Traber, hochschwanger, daran, einen Aprikosenkuchen zu backen, was sie ihr Leben lang immer wieder erzählen wird. Eugen, ihr Mann, Instruktionsoffizier bei der Schweizer Armee, befindet sich im Dienst auf dem Gotthard, die Eltern, die im gleichen Haus wohnen, in ihrem Ferienhäuschen am Thunersee. Um 10 Uhr spürt sie die ersten Wehen und packt ihr Köfferchen, um für den Eintritt in die Klinik Beau-Site bereit zu sein. Gegen Abend, als ihre Schwester Vreni von der Arbeit heimkommt und sich um den vierjährigen Eugenli, wie die Mutter ihn nennt, kümmern kann, fährt sie unter heftigen Schmerzen mit dem Taxi ins Spital, und um 22.20 Uhr verkündet der Arzt: «No e Prachtsbueb meh!» Das familiäre Glück scheint nun, mit einem zweiten Jungen zum vierblättrigen Kleeblatt geworden, perfekt. Eine vornehme Geburtsanzeige auf beigem Papier in Visitenkartenformat wird verschickt: «Ruth und Eugen Traber und Eugenli freuen sich, Ihnen die Geburt ihres Sohnes und Brüderchens Markus Antonius anzuzeigen.» Markus, in Bern geboren: ein richtiger Berner, von Anfang an. Doch schon bald zieht die Familie nach Hünibach am Thunersee, zuerst in ein schönes Mehrfamilienhaus, und erwirbt 1947 einen eigenen geräumigen Bungalow im Eichbühl, mit grossem Garten, auf einer Stützmauer oberhalb des Sees mit prachtvoller Aussicht; Ruth Trabers Eltern übernehmen eine Bank-Bürgschaft, damit dieser Kauf möglich ist. Die beiden Buben bekommen je ein eigenes Zimmer und lernen später im Thunersee schwimmen, sie sollen standesgemäss aufwachsen.
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Ruth Traber mit ihren Söhnen Eugen (links) und Markus
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Von Anfang an
Alles in allem ist es ein Leben mit vielen Annehmlichkeiten: mit Säuglingsschwestern nach den beiden Geburten, welche die junge Mutter während der ersten Zeit unterstützen («weil sich das so gehört»), mit häufigen Reisen, vor allem ins Tessin, wo sie an den Wochen enden ihren Wehrmann besuchen darf und als Frau des Vorgesetzten gastfreundlich aufgenommen wird, mit meist deutschen Hauslehrtöchtern, die mithelfen, im Eichbühl einen gepflegten Haushalt zu führen, mit Einladungen in die besseren Militär- und Diplomatenkreise, und sogar mit einem eigenen Pferd aus der ungarischen Hunyady-Zucht; stolz zeigt meine Schwiegermutter uns Jahrzehnte später Fotos von sich hoch zu Ross und schwärmt von ihren Ausritten. Hptm. Eugen Traber, Instr.-Offizier, meldet offiziell seinen Abgang im Felde durch seine Vermählung am 29. Dezember 1939 in Bern während der Grenzbesetzung. Zwei Tage später, an Silvester 1939, ist das Ehepaar samt der Of. Stab. Geb. Füs. Bat. 109 auf Schloss Bellikon unter «der gastfreundlichen Protektion von Schlossherr Schwarz» zu einem in Kriegszeiten üppigen Essen eingeladen (Minestra, Spargeln in brauner Butter, Hasenpfeffer mit Nudeln und grünem Salat, Vacherin, Kaffee, Getränke aus dem Schlosskeller), und auf Pergamentpapier steht in der Einladung in gotischer Schrift: «Ich GEIST vom Belliker Schloss / Ritter aus altem Spross / Grüsse Dich wackeren Hauptmann / Der sich in Kriegeszeiten / Eine schöne Frau nahm / Zu seiner rechten Seiten / So stehet auf ihr Offiziere / Der Gebirgs musketiere / Zu wünschen Glück u. Segen / Dem Paar allerwegen!» Die frisch Vermählten dürfen eine kurze Hochzeitsreise, das heisst drei Tage im Schloss Bellikon, verbringen und werden reich beschenkt. Als sie ihren Mann später auf seine Auslandsmissionen begleiten muss, erhält Ruth Traber grosszügige Geschenke für ihre treuen Einsätze im Dienste der Eidgenossenschaft, unter anderem eine kleine goldene Uhr, die sie ihr Leben lang tragen wird, und Schmuck. In der Chronik ihres Lebens mit dem Titel «Ego» ist ein Blatt eingeheftet mit der Unterschrift von Eugen Traber; darunter steht ein Ausspruch von Oberst Edgar Schumacher (Militärpädagoge und Schriftsteller), vermutlich gehörte das zu einem Konzertprogramm mit dem Text des Marschliedes des Geb. Füs. Bat. 109, das 50 Rappen kostete: «Reinertrag zu Gunsten der Bat.-Unterstützungskasse»: «Man kann gehorchen lernen, weil dies eine einfache Sache der Abmachung ist. Die Disziplin erlernt einer nicht; er wird zu ihr erzogen, oder er kann, bei einem ungemeinen Mass seelischer und geistiger Kräfte, sich selbst zu ihr erziehen.» Oberstdivisionär Schumacher veröffentlichte auch einen Beitrag in der Wehrzeitung «Der Schweizer Soldat» Nr. 21 vom 22.1.1943 – einen Auszug aus seinem Vortrag an der Kundgebung des Berner Schriftstellervereins über die geistigen Aufgaben der Schweiz vom 12.5.42 –, betitelt mit «Geist der Kameradschaft». Er stellte zwölf Punkte zu diesem Thema auf, die heute unerträglich schwülstig wirken. War Schumacher für Markus’ Vater etwa gar ein Vorbild?
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Von Anfang an
Erwähnenswert ist, dass Major Eugen Traber für das von ihm kommandierte Geb. Füs. Bat. 109 ein eigenes Marschlied (Text und Melodie) komponierte. Arrangiert wurde es von Wm. Honegger, Trompeter, der später als «Johnny» Dirigent der Metallharmonie Bern wurde, der sich aber vor allem als Leiter des Repräsentationsorchesters Schweizer Armeespiel einen Namen machte. Dieses Marschlied in vier Strophen mit einem Refrain reimt sich: Refrain: Es gibt ein Bataillon in der Schweiz, / Das hat für uns ganz besonderen Reiz, / Denn wir sind noch Soldaten, wir bilden kein’ Verein, / Das ist das Bataillon hundertneun. / Wir stehen im Tessin, ja wir stehen auch am Rhein, / Das ist das Bataillon hundertneun. 4. Strophe: Und kehren wir dereinst nach Haus, Herrgott wär das ein Glück, / Da denken wir noch manchesmal ans Bataillon zurück, / Die Kinderschar, die rückt dann an von Nummer eins bis neun / Und alle lassen wir sie dann mit hellen Stimmen schrei’n: In der Kindheit muss für Markus sein Vater in der attraktiven Uniform eine imponierende Erscheinung, ein Held, gewesen sein. Eugen Traber hat aber das Militär satt, es zieht ihn wieder zum Theater. Er kündigt seine Stelle als Instruktor bei der Armee, übernimmt jedoch für das Eidgenössische Militärdepartement von da an Spezialaufgaben der Nachrichtensektion (Auslandsreisen), und seine Frau begleitet ihn häufig auf diese besonderen, als recht gefährlich geschilderten Missionen über die Schweizer Grenze in das zerbombte München, bald mit dem eigenen Auto. Zweck und Ziel dieser geheimen Reisen nach Deutschland hinterfragt Ruth Traber nicht oder darf eher wahrscheinlich nichts Genaues darüber wissen. In dieser Zeit bewirbt sich Eugen Traber um die Übernahme des Kinos Victoria in Bern – und es gelingt ihm. Seine Frau hilft tatkräftig mit, das Lichtspieltheater (und heutige Kino ABC) an der Moserstrasse im Breitenrain zu führen, übernimmt nach und nach die ganze Leitung samt Programmierung und Administration, während ihr Mann seine Auslands reisen ohne sie unternimmt, mit einer jungen Sekretärin. Es scheint, die Existenz der Familie sei gesichert, das «Victoria» läuft gut. Die beiden Buben sehen schon früh zahlreiche Filme und erzählen später oft von diesen für sie spannenden Kinojahren.
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