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Teilgutachten 1: Umwelt prägt Sicherheit

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Sicherheit – nachhaltig und integriert

1 | Umwelt prägt Sicherheit


Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) Geschäftsstelle Luisenstraße 46 10117 Berlin Tel: 030 26  39  48  0 wbgu@wbgu.de www.wbgu.de

Redaktionsschluss: 22.05.2026 Zur sprachlichen Gleichbehandlung: Als Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten wird in diesem Gutachten bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, der Genderdoppelpunkt (z. B. Leser:innen) verwendet. Zitierweise für diese Publikation: WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale ­Umweltveränderungen (2026): Sicherheit – nachhaltig und integriert: 1. Umwelt prägt Sicherheit. Berlin: WBGU. Leitautor:innen: Jörg E. Drewes, Anna-Katharina Hornidge, Aletta Bonn, Kai Maaz, Karen Pittel, Hans-Otto Pörtner, Sabine Schlacke, Claudia Traidl-Hoffmann, Joscha Wullweber Mitautor:innen: Julia Behrens, Mareike Blum, Kerstin Burghaus, Catharina Caspari, Astrid Dähn, Verena Engelhardt, Tallulah Gundelach, Paula Haufe, Magdalena Knabl, Katharina Michael, Alexander Mitranescu, Katharina Molitor, Jürgen Orasche, Marion Schulte zu Berge, Astrid Schulz, Jan Siegmeier, Nikola Tietze Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar. ISBN: 978-3-946830-11-5 WBGU Berlin 2026 Das diesem Bericht zu Grunde liegende F & E-Vorhaben wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit unter dem Förderkennzeichen 13N0708A6 durchgeführt. Die Verantwortung für den Inhalt liegt bei den Autor:innen. Gestaltung: WERNERWERKE GbR, Berlin Titelbild: Platanenrinde, ©Esteves, stock.adobe.com Herstellung: WBGU Satz: WBGU


Sicherheit – nachhaltig und integriert: ein Überblick

Schutz vor Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung bewahrt unsere Lebensfähigkeit Informationsintegrität bildet Grundlage für wehrhafte Demokratie

Sozialer Zusammenhalt fördert wehrhafte und resiliente Gesellschaften

Strategische, regelbasierte, faire Kooperation stärkt internationale Zusammenarbeit

Abgewogene Nutzung von Technologien und Rohstoffen reduziert unsere Abhängigkeit

Militärische Verteidigungsfähigkeit/ Zivilschutz

Der WBGU erarbeitet derzeit ein Hauptgutachten mit dem Titel „Sicherheit – nachhaltig und integriert“. Angesichts der dynamischen sicherheitspolitischen D ­ ebatten veröffentlicht er einzelne Kapitel bereits vorab als Teilgutachten. Im März 2026 erschien bereits eine erste Lagebeurteilung zum Thema (www.wbgu.de/­lagebeurteilung), in der die Notwendigkeit eines integrierten Sicherheitsansatzes verdeutlicht wurde. Neben Zivilschutz und militärischer Verteidigungsfähigkeit erachtet der WBGU die in der Abbildung gezeigten fünf Handlungsfelder als besonders wichtig für eine integrierte Sicherheitspolitik. Sie strukturieren das Hauptgutachten.

Sicherheitspolitik als Zukunftspolitik zu g­ estalten bedarf neben einem nachhaltigen Schutz unserer ­Lebens­grundlagen auch der gezielten Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts als Fundament für innere, äußere und wirtschaftliche Sicherheit sowie für demokratische Handlungsfähigkeit. Entscheidend ist zudem, Informationsintegrität als Basis für eine wehrhafte ­Demokratie zu gewährleisten, Rohstoffe und Technologien abgewogen zu nutzen und einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren sowie internationale Beziehungen zu stärken. Das hier vorliegende erste Teilgutachten adressiert, wie in der Abbildung hervorgehoben, die ökologische D ­ imension integrierter Sicherheit.

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Zusammenfassung

Globale Umweltveränderungen sind Sicherheitsrisiken, sie müssen daher in Sicherheitsstrategien integriert werden. Es gilt, neue fossile Pfadabhängig­keiten zu vermeiden und den Umstieg auf erneuerbare Energien als Sicherheitsgewinn zu nutzen. Die Rolle der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz sollte gesetzlich priorisiert werden. Kooperation bei Ökosystemschutz und nachhaltigem Management natürlicher Ressourcen ist eine Investition in ­Stabilität und Sicherheit. Globale Umweltveränderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung sind Sicherheitsrisiken. Gleichzeitig können Umwelt- und insbesondere Klimapolitik zur nationalen Sicherheitspolitik beitragen. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich anerkannt und wurden auf politischer Ebene bereits bis in den UNSicherheitsrat hinein diskutiert. Auch in der Nationalen Sicherheitsstrategie der Bundesregierung (2023) wurde die Notwendigkeit eines integrierten Sicherheitsansatzes, der Umweltveränderungen einbezieht, bereits bestätigt, bisher allerdings nicht konsequent umgesetzt.

Umwelt stärker in Sicherheitsarchitektur integrieren Umweltschutz ist Daseinsvorsorge und Grundlage der langfristigen Erhaltung von Wohlstand und Wohlbefinden und somit Teil vorausschauender intersektoraler Sicherheitspolitik in allen Politikfeldern. Der Schutz und die Wiederherstellung der natürlichen Lebensgrundlagen können die gesellschaftliche Resilienz und Handlungs­ fähigkeit langfristig und systematisch stärken. Der WBGU empfiehlt (1) Umweltveränderungen und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft in die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats zu integrie­ ren, auch durch die Priorisierung der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz. Umweltrisiken sollten zentraler Bestandteil der Arbeit des Rates sein. (2) Systemische Risikoanalysen sollten neben klassischen Sicherheitsbedrohungen auch schleichende Risiken durch Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung und

andere Umweltrisiken integrieren. Eine kontinuierliche, umfassende nationale Risiko­analyse sollte durch den deutschen Nationalen Sicherheitsrat koordiniert und prioritär vorangetrieben werden. Die Prävention von Sicherheitsrisiken sollte dabei das Leitmotiv sein. Zudem sollten umfassende Foresight-Analysen mit ausgearbeiteten Anpassungsszenarien und Strategien zur Umsetzung erfolgen. (3) Konfliktprävention und Friedenssicherung bzw. Friedensförderung müssen im Bundeshaushalt die gleiche Wertigkeit bekommen wie Verteidigung. Diese Gleichwertigkeit sollte auch für Politikgestaltung, Finanzierung und politische Kommunikation in der EU sowie in der NATO gelten.

Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor Ein Stopp der Klimaerwärmung sowie langfristig die Rückführung der global gemittelten Temperatur durch Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre sind aus Sicht des WBGU zentrale Bausteine einer integrierten Sicherheitsarchitektur. Dies erfordert zum einen, die Verbrennung fossiler Energieträger so vollständig wie möglich einzustellen. Eine Umstellung auf ein Energiesystem, das auf erneuerbaren Energien basiert, kann gleichzeitig die Versorgungssicherheit, Resilienz und damit auch geopolitische Handlungsspielräume steigern. Daneben müssen die weitgehende Elektrifizierung in allen Verbrauchssektoren sowie gegebenenfalls die Wasserstoffnutzung in den Fokus rücken. Im Stromsystem erhöhen eine flexible Verbrauchsseite, Speichertechnologien sowie

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Zusammenfassung

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Dezentralität die Resilienz. Die gezielte Entfernung von Akteure sowie die Integration lokalen und indigenen CO2 aus der Atmosphäre ist notwendig, darf aber nicht Wissens sollten verpflichtend in entsprechende Prozu neuen Risiken, z. B. für gesellschaftliche Gruppen, gramme aufgenommen werden. Ernährung oder Biodiversität, führen. Der WBGU empfiehlt einen kooperativen, inklusiven Ökosystemschutz unter Leitung lokaler Akteure. Dabei Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz sollte sowohl die Erhaltung natürlicher LebensgrundDer WBGU definiert natürliche Infrastruktur als Ökosys- lagen als auch die nachhaltige Nutzung von Ressourcen teme, die Funktionen des Bevölkerungsschutzes erfüllen, und Flächen ermöglicht werden. Mosaiklandschaften, z. B. durch Hitzeschutz, Klimaschutz, Wasser- und Luft- die verschiedene Funktionen vereinen, sollten koopereinigung. Dazu gehören vor allem Flächen von besonde- rativ, inklusiv und gegebenenfalls grenzüberschreitend rer Bedeutung für Naturschutz- und Landschaftspflege, gestaltet werden. die sowohl in Siedlungs- als auch in Freiräumen liegen Um die gesellschaftliche Verantwortung junger Menkönnen. Um dieser Bedeutung für den Bevölkerungs- schen und zwischenstaatliche bzw. lokale Kooperation schutz gerecht zu werden, sollte die natürliche Infra- zu stärken, empfiehlt der WBGU, das ökologische und struktur gesetzlich priorisiert werden. Voraussetzung soziale Jahr als gleichwertig gegenüber dem Wehrdienst hierfür ist aus Sicht des WBGU die gesetzliche Zuweisung anzuerkennen. Zudem sollten die Leitlinien für zivile eines überragenden öffentlichen und sicherheitspoliti- Konfliktprävention in die Umsetzungsrichtlinien der schen Interesses. nationalen Sicherheitsstrategie integriert werden. Zur Identifizierung und Ausweisung jener Flächen, Naturräume und deren Bestandteile, die als natürliche In- Forschungsempfehlungen frastruktur für den Bevölkerungsschutz im überragenden Die Forschung zur Umsetzung von Klima- und Naturöffentlichen Interesse liegen, ist eine Inventarisierung schutzzielen als Sicherheitsmaßnahmen sollte gestärkt erforderlich, z. B. mit Hilfe von Fernerkundung. Für den werden. Ebenfalls empfehlenswert sind interdiszipli­näre Schutz natürlicher Infrastruktur braucht es auch inter­ Forschungsinitiativen an der Schnittstelle zwischen Umnationale Kooperation und Finanzierung. Daher sollte die welt und Sicherheit. Dies betrifft insbesondere die ErforBundesregierung sich weiterhin aktiv und ambitioniert schung von Sicherheitsrisiken mit Blick auf großräumige, an Finanzierungsmodellen wie dem Green Climate Fund schleichende Veränderungen bis hin zu Kipppunkten, oder den verschiedenen REDD+ Fonds beteiligen und die Risiken für die menschliche Sicherheit verstärken diese mit anderen Staaten gemeinsam weiterentwickeln. können. In Deutschland sollte die Finanzierung der natürlichen Darüber hinaus sollte die Evidenzbasis für die VerbinInfrastruktur ähnlich wie bei grauer Infrastruktur eta- dung zwischen Umweltveränderungen und K ­ onflikten bliert werden. verbessert und regional angepasst herausarbeitet werden. Um die natürliche Infrastruktur und ihre Ökosys- Es fehlen Studien zum Zusammenwirken von Umwelttemleistungen vor schleichenden Umweltrisiken zu krisen sowie entsprechenden Risikokaskaden und deren schützen, sollten übergreifende Frühwarnsysteme wei- Bedeutung für nationale und internationale Sicherheit – terentwickelt werden, die vorausschauendes Handeln von Bedrohungen der Ernährungssicherheit und Gesundund bestenfalls Präventivfinanzierungen ermöglichen. heit über gesellschaftliche Destabilisierung bis hin zu Zur Risiko­eindämmung ist es zudem nötig, die Bevöl- Flucht und gewaltsamen Konflikten. kerung, relevante Akteure des Bevölkerungsschutzes Um die Erfolgsfaktoren hinsichtlich des Designs, des sowie die Bundeswehr für die zunehmenden Gefahren Managements und der Leistung natürlicher Infrastruktur zu sensibilisieren. Anreize für Ehrenamt und Teilnahme für den Bevölkerungsschutz zu evaluieren, sollte die an Citizen-­Science-Projekten können hierzu beitragen. transdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit auf diesem Gebiet forciert werden. Friedensfördernde Umweltprojekte unter Darüber hinaus sollte die Forschung zu sicherheitslokaler Führung ausbauen relevanten Mehrgewinnen von kooperativem Öko­ Ökosystemschutz und das gemeinsame Management na- systemschutz und Ressourcenmanagement ausgeweitet türlicher Ressourcen haben das Potenzial, zur Friedens- werden. Der WBGU empfiehlt, die Begleitforschung förderung beizutragen, indem sie Vertrauen zwischen für konfliktsensible Ansätze und Environmental Peace­ gesellschaftlichen Gruppen bzw. zwischen R ­ egierungen building in deutscher Entwicklungszusammenarbeit und stärken. Sie können auch Selbstwirksamkeit und Resi- humanitärer Hilfe zu fördern, insbesondere zur Wirksamlienz fördern – sowohl international als auch in Deutsch- keit von grenzüberschreitenden Naturschutzprojekten land. Sie sollten daher in der Entwicklungspolitik und und Environmental-Peacebuilding-Prozessen. im Peacebuilding systematisch ausgebaut werden. Konflikt- und gendersensible Ansätze, die Beteiligung lokaler


Summary

Global environmental changes pose security risks and must therefore be integrated into security strategies. It is essential to avoid creating new fossil-fuel path dependencies and to harness the transition to renewable energies as a security gain. The role of natural infrastructure in civil protection should be prioritized by law. Cooperation on ecosystem conservation and on the sustainable management of natural resources is an investment in stability and security. Global environmental changes such as climate change, biodiversity loss and pollution are security risks. At the same time, environmental policy – and climate policy in particular – can contribute to national security policy. These interrelationships are scientifically recognized and have already been discussed at the political level, including by the UN Security Council. The German Govern­ment’s National Security Strategy (2023) has also confirmed the need for an integrated security approach that takes environmental changes into account, although this has not yet been consistently implemented.

Integrate the environment more closely into the security architecture Environmental protection is a basic public service and the foundation for the long-term preservation of prosperity and well-being, and is thus part of forward-looking, intersectoral security policy across all policy areas. The conservation and restoration of the natural life-support systems can strengthen society’s resilience and ability to act systematically and long-term. The WBGU recommends (1) permanently integrating environmental changes and the protection of natural life-support systems into the work of the National Security Council, also by prioritizing natural infrastructure for civil protection. Environmental risks should be a key component of the Council’s work. (2) Systemic risk analyses should integrate not only classic security threats but also creeping risks from climate change, biodiversity loss, pollution and other environmental risks. A continuous, comprehensive national risk analysis should

be coordinated and ­prioritized by the German National Security Council. The prevention of security risks should be the guiding principle here. In addition, comprehensive foresight analyses should be carried out, including detailed adaptation scenarios and implementation strategies. (3) Conflict prevention, peacekeeping and peacebuilding should be given equal weight in the federal budget as defence. This parity should also apply to policy-making, financing and poli­tical communication within the EU and NATO.

Climate stabilization as a security factor In the WBGU’s view, halting global warming and, in the long term, reducing the global average temperature by removing CO2 from the atmosphere are key components of an integrated security architecture. On the one hand, this requires phasing out the burning of fossil fuels as comprehensively as possible. A transition to an energy system based on renewables can simultaneously enhance supply security, resilience and, consequently, geopolitical room for manoeuvre. Furthermore, the focus must shift towards extensive electrification across all consumption sectors and, where appropriate, towards the use of hydrogen. In the electricity system, flexible consumption, storage technologies and decentralization can increase resilience. Carbon dioxide removal is necessary, but must not lead to new risks, e.g. for societal groups, food security or biodiversity.

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Summary

Natural infrastructure for civil protection The WBGU defines natural infrastructure as ecosystems that fulfil functions of civil protection, e.g. through heat protection, climate protection, and water and air purification. This includes, above all, areas of particular importance for nature conservation and landscape conservation, which can be located both in built-up and in open spaces. In order to do justice to this importance for civil protection, the natural infrastructure should be prioritized by law. In the WBGU’s view, a prerequisite for this is the legal designation of an overriding public and security-policy interest. An inventory is required in order to identify and designate those areas, natural spaces and their components that, as natural infrastructure, are in the overriding public interest for civil protection; this could be carried out, for example, using remote sensing. The protection of natural infrastructure also requires international cooperation and funding. The German Government should therefore continue to participate actively and ambitiously in financing models such as the Green Climate Fund or the various REDD+ funds, and further develop these in collaboration with other states. In Germany, funding for natural infrastructure should be established in a similar way to that for grey infrastructure. To protect natural infrastructure and its ecosystem services from creeping environmental risks, cross-sectoral early-warning systems should be further developed to enable forward-looking action and, ideally, preventive funding. In order to mitigate risks, it is also necessary to raise awareness among the public, relevant civil-society and civil-protection actors, and the German Armed Forces regarding the growing dangers; incentives for volunteering schemes and participation in citizen-science projects can contribute to this.

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Expand locally run environmental peacebuilding projects Ecosystem conservation and the joint management of natural resources have the potential to contribute to peacebuilding by fostering trust between societal groups and between governments. They can also promote self-efficacy and resilience – both internationally and in Germany. They should therefore be systematically consolidated in development policy and peacebuilding. Conflict- and gender-sensitive approaches, the involvement of local actors, and the integration of local and indigenous knowledge should be made mandatory in relevant programmes. The WBGU recommends cooperative, inclusive eco­ system conservation led by local actors. This should facilitate both the preservation of the natural life-­support systems and the sustainable use of resources and land. Mosaic landscapes that combine different functions

should be designed in a cooperative, inclusive and, where appropriate, transboundary manner. To strengthen young people’s societal responsibility and intergovernmental or local cooperation, the WBGU recommends recognizing the Ecological and Social Year as being of equal value to military service. Furthermore, the policy guidelines for civil conflict prevention should be integrated into the implementation guidelines of the National Security Strategy.

Research recommendations Research into the implementation of climate-miti­gation and nature-conservation targets as security measures should be strengthened. Interdisciplinary research ­initiatives at the interface between environment and security are also recommended. This applies in particular to research into security risks with regard to large-scale, gradual changes leading to tipping points that can exacer­ bate risks to human security. In addition, the evidence base for the link between environmental changes and conflicts should be improved and developed in accordance with the regional context. There is a lack of studies on the interaction of environmental crises, as well as associated risk c­ ascades and their significance for national and international s­ ecur­ity – ranging from threats to food security and health, through societal destabilization, to displacement and violent conflicts. In order to evaluate the success factors regarding the design, management and performance of natural infrastructure for civil protection, transdisciplinary scientific collaboration in this field should be promoted. Furthermore, research into security-relevant m ­ ultiple benefits of cooperative ecosystem conservation and ­resource management should be expanded. The WBGU recommends promoting accompanying research on conflict-sensitive approaches and environmental ­ peacebuilding in German development cooperation and ­humanitarian aid, particularly regarding the effectiveness of transboundary nature-conservation projects and environmental peacebuilding processes.


Inhaltsverzeichnis

Sicherheit – nachhaltig und integriert: ein Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V Summary. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 1

Umwelt prägt Sicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.1

Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.1.1 Auswirkungen der Umweltkrisen auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche. . . . . . . . . 5 1.1.2 Wirtschaftliche Folgen der Umweltkrisen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

1.2

Ohne Umweltpolitik keine nachhaltige Sicherheitspolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

1.3

Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.3.1 Energiewende für integrierte Sicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.3.1.1 Abhängigkeit von Fossilimporten reduzieren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.3.1.2 Stromversorgung resilient gestalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1.3.1.3 Energiepolitik geopolitisch abwägen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 1.3.2 CO2-Entfernung aus der Atmosphäre. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

1.4

Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 1.4.1 Bedeutung und Funktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 1.4.2 Integration in politische Strategien und Raumplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 1.4.3 Natürliche Infrastruktur als überragendes öffentliches Interesse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 1.4.4 Investitionen in natürliche Infrastruktur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.4.4.1 Finanzierung natürlicher Infrastruktur im ­globalen Kontext stärken . . . . . . . . 28 1.4.4.2 Nationale Finanzierungsmöglichkeiten für ­natürliche Infrastruktur ausbauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 1.4.5 Frühwarnsysteme zur Erhaltung natürlicher Infrastruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 1.4.6 Katastrophenvorsorgefunktionen durch natürliche Infrastruktur und Ehrenamt . . . . . . 31

1.5

Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheitsstrategie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 1.5.1 Gemeinsames Management stärkt Kooperation und Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 1.5.2 Lokaler Kontext, lokale Akteure. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 1.5.2.1 Lokale Umweltkooperation weiterhin in ­PeacebuildingAnsätze integrieren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 1.5.2.2 Kooperation in grenzüberschreitenden ­Schutzgebieten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 1.5.2.3 Lokale Bedürfnisse anerkennen und Gestaltungsfähigkeit stärken. . . . . . . . . . 37

1.6

Handlungs- und Forschungsempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 1.6.1 Handlungsempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 1.6.1.1 Umwelt stärker in Sicherheitsarchitektur ­integrieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 1.6.1.2 Durch Klimastabilisierung die Sicherheit erhöhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 1.6.1.3 Bevölkerungsschutz durch natürliche Infrastruktur stärken. . . . . . . . . . . . . . . . 43 1.6.1.4 Friedensfördernde Umweltprojekte unter lokaler Führung ausbauen . . . . . . . 45

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1.6.2

Forschungsempfehlungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 1.6.2.1 Forschung an der Schnittstelle zwischen Umwelt und Sicherheit stärken. . . . 47 1.6.2.2 Forschung zu Biodiversitätsfolgen und Geopolitik von CDR ausweiten. . . . . . 47 1.6.2.3 Inventarisierung und gesetzliche ­Priorisierung natürlicher Infrastruktur wissenschaftlich ­unterstützen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 1.6.2.4 Forschung zu sicherheitsrelevanten Mehr­gewinnen aus kooperativem Ökosystemschutz und Ressourcenmanagement. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

Kästen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Tabellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Abbildungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Akronyme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XII Glossar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIII Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIV

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Umwelt prägt Sicherheit

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Globale Umweltveränderungen sind Sicherheitsrisiken, sie müssen daher in Sicherheitsstrategien integriert werden. Es gilt, neue fossile Pfadabhängig­keiten zu vermeiden und den Umstieg auf erneuerbare Energien als Sicherheitsgewinn zu nutzen. Die Rolle der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz sollte gesetzlich priorisiert werden. Kooperation bei Ökosystemschutz und nachhaltigem Management natürlicher Ressourcen ist eine Investition in ­Stabilität und Sicherheit. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist eine essenzielle Voraussetzung für resiliente Gesellschaften, für gesellschaftliche und politische Handlungsfähigkeit, wirtschaftliche Stabilität und Wohlstand. Globale Umweltveränderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung sind ein Sicherheitsrisiko. Diese Verbindungen zwischen Umwelt und Sicherheit sind wissenschaftlich anerkannt und werden auch auf politischer Ebene diskutiert, bis in den UN-Sicherheitsrat hinein. Auch auf nationaler Ebene wurde ein integrierter Sicherheitsansatz in der Nationalen Sicherheitsstrategie der Bundesregierung (2023) als notwendig anerkannt (Kasten 1.1-1). Gegenüber aktuellen geopolitischen Spannungen, akuten Krisen und militärischen Konflikten erhalten die umweltbezogenen Sicherheitsdimensionen aktuell jedoch nicht die nötige politische Aufmerksamkeit. Das hat potenziell gravierende Folgen für Mensch und Natur. Durch eine unzureichende und zeitlich verzögerte Umsetzung des integrierten Sicherheitsansatzes verengen sich Handlungsspielräume für das Bewältigen der Umweltkrisen. Menschliche Gesellschaften sowie Ökosysteme bewegen sich in eine zunehmend unsichere Zukunft. Zu den sicherheitsrelevanten Folgen gehört die Erosion der natürlichen Lebensgrundlagen, darunter der Verlust von Lebensräumen und Artenvielfalt in der Natur und von Siedlungsraum für den Menschen, Belastungen der Gesundheit sowie die Knappheit von Ressourcen wie

Wasser und Böden, was die Ernährungsunsicherheit besonders bedroht. Menschen können ihre Lebensgrund­ lage verlieren und in Konflikte geraten, die der Gesellschaft letztendlich die Existenzgrundlage entziehen. Kapitel 1.1 verdeutlicht die Sicherheitsimplikationen globaler Umweltveränderungen, Kapitel 1.2 erläutert die Bedeutung der Umweltpolitik für die nationale und internationale Sicherheit. Anschließend schlägt der WBGU drei exemplarische Ansätze vor, wie Umweltpolitik ­direkt und indirekt an Sicherheitspolitik mitwirken kann: Kapitel 1.3 zeigt, wie Klimaschutz und Energiewende zu Sicherheit beitragen und wie dieser Beitrag erhöht werden kann; Kapitel 1.4 verdeutlicht, wie natürliche Infrastruktur den Bevölkerungsschutz unterstützt, und Kapitel 1.5 legt dar, dass Ökosystemschutz und das nachhaltige Management natürlicher Ressourcen lokale und internationale Kooperationschancen bieten und somit langfristig zum Frieden beitragen können. Kapitel 1.6 enthält Handlungs- und Forschungs­empfehlungen.

1.1 Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit Die Auswirkungen des Klimawandels und die mit ihm verbundenen Umweltkrisen – Biodiversitätsverlust und Verschmutzung – werden weltweit von ­Expert:innen als hohes Risiko für Sicherheit angesehen (Pörtner et al., 2021: 65; IPCC, 2018, 2019, 2023; WEF, 2026; Adger

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.1-1

Das Konzept der integrierten Sicherheit umfasst aus Sicht des WBGU vier Aspekte: Risiken integriert adressieren: Risiken für Staaten und Individuen werden umfassend und mit ihren gegenseitigen Wechselwirkungen berücksichtigt. Neben militärischen Bedrohungen werden insbesondere Umweltrisiken (inklusive Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung), Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Informationsintegrität, die Technologie- und Rohstoffsouveränität sowie internationale Kooperation einbezogen. Umsetzung kohärent gestalten: Risiken werden über Ressort- und Governanceebenen hinweg identifiziert und durch gemeinsame Strategien und ressortübergreifend koordinierte Politikinstrumente reduziert.

Kooperative und auf Abwehr setzende sicherheitspolitische Instrumente verbinden: Sicherheitspolitik besteht aus Kooperations- und Verteidigungspolitik. Auf Abwehr setzende Instrumente kommen – sofern erforderlich – in enger Verschränkung mit kooperativen Ansätzen zum Einsatz. Reaktiv wie vorausschauend agieren: Kurz-, mittel- und langfristige Risiken sowie reaktive, präventive und resilienzorientierte Handlungsmöglichkeiten werden einbezogen. Eine Steigerung der allgemeinen Resilienz erfordert dabei einen langfristigen, komplexen Lernprozess und ggf. eine grundlegende Transformation. Bei der Weiterentwicklung der deutschen Nationalen Sicherheitsstrategie, die den Begriff der integrierten Sicherheit bereits verwendet, sollten alle vier Dimensionen ausgewogen berücksichtigt werden. Das gilt auch für Strukturen und Prozesse, die ihrer Umsetzung dienen, beispielsweise den ­Nationalen Sicherheitsrat sowie systematische, regelmäßige Risikoanalysen.

et al., 2014: 758). Sie gefährden die zentralen Grundlagen gesellschaftlicher und politischer Stabilität, von Wohlstand und Frieden. Der WBGU hat bereits 2007 in seinem Hauptgutachten „Welt im Wandel: Sicherheitsrisiko Klimawandel“ erörtert, wie der Klimawandel die nationale und internationale Sicherheit bedroht und globale Destabilisierungsprozesse (auch im politischen Bereich) antreibt. Anhand ausgewählter Konfliktkonstellationen (Süßwasserdegradation, abnehmende Nahrungsmittelproduktion, zunehmende Sturm- und Flutkatastrophen sowie umweltbedingte Migration) analysierte der WBGU, wie sich der Klimawandel in verschiedenen „Brennpunkten“ der Welt sicherheitsgefährdend auswirkt und erarbeitete neun Initiativen zur Vermeidung von Destabilisierungs- und Konfliktrisiken. Diese Empfehlungen haben weiterhin Relevanz. Hierzu zählen eine Reform internationaler Governance mit Stärkung kooperativer und präventiver Elemente sowie die Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels, z. B. durch Umgestaltung von Energiesystemen. Auch die Anpassung an den Klima­wandel einschließlich der Unterstützung besonders betroffener Staaten ist weiterhin notwendig (WBGU, 2007). Diese Analyse wird im Folgenden systematisch aktualisiert und ergänzt. Dazu werden mit dem Klimawandel verschränkte Bedrohungen wie Biodiversitätsverlust und Verschmutzung anhand konkreter Beispiele dargestellt, und zwar für drei relevante Lebensbereiche: Ernährung, Gesundheit und Bewohnbarkeit. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung wirken sich individuell auf Sicherheit aus – besondere Herausforderungen entstehen jedoch durch das Zusammenspiel sich gegenseitig verstärkender Risiken sowie Risikokaskaden (Abb. 1.1-1; IPCC, 2022, 2023).

Die durch den Menschen verursachten Umweltveränderungen schreiten beschleunigt voran. Artenzusammensetzung und Lebensräume verändern sich zunehmend durch menschliche Einflüsse, Ökosysteme verlieren an Komplexität und Funktionalität (IPBES, 2019: 25 f.; Pörtner et al., 2021: 16, 61, 80; Mateos und Bhatnagar, 2024). Es wird angenommen, dass die globale Artensterberate bereits mindestens 10- bis 100-mal höher ist als im Durchschnitt der vergangenen zehn Mio. Jahre (IPBES, 2019: 238; Ceballos et al., 2015). Der Living Planet Index (LPI) des WWF zeigt, dass die durchschnittliche Größe der erfassten Wildtierpopulationen zwischen 1970 und 2020 um 73 % zurückgegangen ist, in Lateinamerika und der Karibik sogar um rund 95 % (WWF, 2024a: 24 ff.). Die Jahre 2015 bis 2025 waren das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Messungen (Guglielmo et al., 2026; WMO, 2026). Extremereignisse nehmen zu, und die Ausdehnung von Meereis und Gletschern verringert sich weiter. Mit dem großflächigen Ausbleichen und Absterben von Warmwasserkorallenriffen ist bereits ein Kipppunkt überschritten, also ein kritischer Schwellenwert, jenseits dessen potenziell irreversible Veränderungen eines Ökosystems eintreten (Lenton et al., 2025: 260 ff.; IPCC, 2022: 447). Weitere Systeme nähern sich Schwellenwerten zu irreversiblen Veränderungen, was u. a. zum Verlust wichtiger Ökosystemleistungen führen kann (Tollefson, 2025; Lenton et al., 2025; IPCC, 2022). In den Sachstandsberichten des IPCC werden solche Schwellenwerte für verschiedene Systeme als Übergänge zu hohen Risiken beschrieben, die mit hohem Vertrauen oft schon bei einer globalen Erwärmung von 1,5 °C erreicht oder überschritten werden (Abb. 1.1-2; IPCC, 2022, 2023). Auch die weltweite Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung nimmt trotz regionaler Verbesserungen weiter zu (UNEP, 2021).

Integrierte Sicherheit

2


Von Menschen verursachte Umweltkrisen Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit 1.1 sind sicherheitsrelevant Von Menschen verursachte Umweltrisiken sind sicherheitsrelevant

Menschliche Handlungen Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung

Physikalische und biologische Auswirkungen (regional bis global)

Risiken für die menschliche Sicherheit

Nationale und internationale Sicherheitsrisiken

Wechselwirkungen Physikalische und biologische Auswirkungen z. B.: > Globaler Temperaturanstieg > Zunehmende Extremereignisse > Ozeanversauerung und -erwärmung > Verlust der Kryposphäre > Meeresspiegelanstieg > Biodiversitätsverlust > Beeinträchtigung von Ökosystemfunktionen > Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung

Risiken für die menschliche Sicherheit z. B.: > Ernährungsunsicherheit > Wasserunsicherheit > Gesundheitsrisiken > Verlust der Bewohnbarkeit > Verlust der Existenzgrundlage/Armut > Gesellschaftliche Destabilisierung > Konflikte

Nationale und internationale Sicherheitsrisiken z. B.: > Politische Polarisierung und Instabilität > Ökonomische Unsicherheit, u. a Unterbrechung von Lieferketten > Zwischenstaatliche Konflikte, Bürgerkriege > Extremismus, Terrorismus > Organisierte Kriminalität

Abbildung 1.1-1 Folgen der Umweltrisiken für die menschliche sowie die nationale und internationale Sicherheit. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung gefährden nicht nur Gesundheit und natürliche Lebensgrundlagen des Menschen, sie steigern auch das Risiko für Konflikte, innerhalb eines Landes und über Staatsgrenzen hinweg. Quelle: WBGU, verändert nach Defra, 2026

Gesellschaftliche und ökologische Stabilität hängen oft zusammen. Vulnerabilität und Anpassungsfähigkeit von Natur und Mensch im Hinblick auf die Umweltveränderungen sind geprägt durch Kontextfaktoren und lokale Rahmenbedingungen (Abb. 1.1-3). Hierzu gehören z. B. Governancestrukturen, finanzielle und technologische Möglichkeiten, räumliche und soziale Strukturen, ökonomische Teilhabe oder Zugang zu Ressourcen. Auch lokale Nutzungen mariner und terrestrischer Räume sowie ihre Strukturveränderungen können Vulnerabilitäten und Anpassungsfähigkeiten beeinflussen. Durch Umweltkrisen verstärkte Ressourcenengpässe gefährden regional die wirtschaftliche Stabilität und Bewohnbarkeit

und verschärfen soziale Spannungen, zwischenstaatliche Konflikte und existenzielle Bedrohungen (WEF, 2025; WBGU, 2024b; IPBES, 2019; Rigaud et al., 2018). Umwelt- und insbesondere Klimaveränderungen können unter instabilen gesellschaftlichen Bedingungen konfliktverstärkend wirken: Wenn Menschen ihren Lebensunterhalt verlieren und Wasser- oder Ernährungsunsicherheit entstehen, können bewaffnete Gruppen diese Notlagen ausnutzen (UNCCD, 2024: 21; Läderach et al., 2021). In stark von Klima- und anderen Umweltveränderungen betroffenen Gesellschaften sind in der Regel auch gesellschaftlicher Zusammenhalt, die Funktionsfähigkeit

3


1 Umwelt prägt Sicherheit Jeder weitere Anstieg der globalen Erwärmung erhöht die Risiken Laut neuer wissenschaftlicher Bewertung werden hohe Risiken bei niedrigeren globalen Erwärmungsniveaus eintreten

a

°C 5 4

sehr hoch

°C 5

hoch

4

mittel

3

••

Farbschattierung stellt die Unsicherheitsbereiche für die niedrigen und hohen Emissionsszenarien dar

•

••

3

Änderung der globalen Oberflächentemperatur gegenüber 1850–1900

Risiko ist das Potenzial für nachteilige Globale Gründe zur Besorgnis (Reasons for Concern, Auswirkungen RFCs) in AR5 (2014) gegenüber AR6 (2022) Risiko/Folge sehr hoch hoch moderat nicht nachweisbar Übergangsbereich Vertrauensniveau bezüglich des Übergangsbereichs ••

••

••

••

•••

•••

2015 2000

•••

b

1950

••••

•

-1

••

0

••• ••••

1

••

2 niedrig sehr niedrig 1,5 1 2011–2020 war etwa 1,1 °C wärmer 0 AR5 AR6 AR5 AR6 AR5 AR6 AR5 AR6 AR5 AR6 als 1850–1900 gering sehr hoch Einzigartige Extrem- Verteilung Aggregierte Abrupte und bedrohte wetter- der Folgen globale Systemände2100 Mittelpunkt des Folgen rungen in Systeme ereignisse Übergangs 2050 großem Maßstab • • • • • • •••••

2

Risiken unterscheiden sich je nach System Ozean-/Küstenökosysteme

Systeme an Land

••

••

••

••

•••

•••

••••

•••

•

••

•••

•••

Schäden Perma- Verlust Wasser- Baum- Kohlendurch frost- biolo- mangel in sterben stoffverlust Wald- und rück- gischer TrockenFlächen- gang Vielfalt gebieten brände

•••• •••••••

••

•••

•••

•••

•••

•••

0

z. B. Rückgang von Korallenriffen um 70–90%

••

•••

••

••

••

••

•••

••

••

••

2 1,5 1

••

3

z. B. Rückgang von Korallenriffen >99 %

•••

•

4 ••

z. B. Verlängerung der Feuersaison

°C 5 ••

z. B. über 100 Millionen Menschen zusätzlich exponiert

Fels- SalzWarm- Tang- SeeEpiwasser- wälder gras- pelagial küsten wiesen wiesen korallen

Abbildung 1.1-2 Klimafolgen (nicht vollständig) und damit verbundene globale und regionale Risiken. Anstieg des Risikoniveaus (von weiß über gelb bis rot/lila) in Abhängigkeit von der globalen Erwärmung. a) Links: Globale Veränderungen der Oberflächentemperatur [°C] im Vergleich zum Referenzzeitraum 1850–1900. Rechts: Vergleich der Einschätzungen aus den Sachstandsberichten des IPCC aus den Jahren 2022 (AR6, breite Säulen) und 2014 (AR5, schmale Säulen) im Hinblick auf die Gründe zur Besorgnis (Reasons for Concern, RFC). Die Risikogrenzen haben sich seit dem AR5 in Richtung niedrigerer Temperaturen verschoben. Die Linien verbinden jeweils die Mittelpunkte des Übergangs von moderatem (gelb) zu hohem Risiko (rot) zwischen AR5 und AR6. b) Ausgewählte globale Risiken für Land- und Meeresökosysteme, die den Anstieg des Risikos mit zunehmender globaler Erwärmung veranschaulichen (bei geringer bis gar keiner Anpassung). An Land gehören Biodiversitätsverlust und das Auftauen der Permafrostböden zu den Hauptrisiken, in marinen Ökosystemen die Zerstörung der Warmwasserkorallen. Extreme Risiken können durch selbstverstärkende Prozesse und dadurch erhöhte Erwärmung ausgelöst werden. Quelle: IPCC, 2023: 17

4

des Staates und wirtschaftliche Produktivität besonders herausgefordert beziehungsweise eingeschränkt (Black et al., 2022). Auch wenn es in Konflikten oft um die Verteilung natürlicher Ressourcen geht, entstehen sie typischer­ weise aus einem bestimmten sozioökonomischen und

politischen Kontext heraus (Mach et al., 2019; Wiederkehr et al., 2022). Gleichzeitig kann Umweltzerstörung durch Kriege oder Konflikte verstärkt oder von gesellschaftlichen, politischen oder ökonomischen Akteuren gezielt als Destabilisierungsstrategie genutzt werden,


Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit 1.1 Wechselspiel zwischen Umwelt, lokalem Kontext und Sicherheit

Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung

1. verschärft oder mindert Auswirkungen der Umweltkrisen

Kontextfaktoren

Politischer, ökonomischer und gesellschaft licher Kontext 3. Gezielte Destabilisierung durch absichtliche Umweltzerstörung

menschliche Sicherheit natürliche Lebensgrundlagen

Abbildung 1.1-3 Lokale Rahmenbedingungen, Umwelt und Sicherheit bedingen einander: 1) Vom politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Kontext, etwa der Finanzlage, der demografischen Entwicklung oder der Versorgungsinfrastruktur, hängt ab, wie stark sich Umweltveränderungen auf Sicherheit auswirken (hellblaue, gepunktete Pfeile). 2) Umgekehrt beeinflussen Umweltveränderungen auch Kontextfaktoren, mit Auswirkungen auf die Sicherheit (dunkelblaue, gepunktete Pfeile). Umweltzerstörung kann sogar gezielt als Destabilisierungsstrategie genutzt werden. Quelle: WBGU

z. B. wenn kriminelle Gruppen systematisch Personen rekrutieren, die durch Umweltzerstörung ihren Lebensunterhalt (etwa in der Landwirtschaft) verloren haben (Black et al., 2022: 30 f.). Menschliches Handeln und die jeweiligen sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen bestimmen daher maßgeblich die ökologischen Dimensionen integrierter Sicherheit.

mit extremeren Temperaturen, veränderten Niederschlagsmustern, häufigeren und intensiveren Dürre­ perioden sowie verschmutzten Böden und verschmutztem Wasser führen zu einem Rückgang von Ernteerträgen und verfügbarem Trinkwasser (WBGU, 2020, 2024b). Der IPCC geht davon aus, dass der Klimawandel die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion bis Ende des Jahrhunderts zunehmend unter Druck setzen wird (Pörtner et al., 2022: 57 f.; Abb. 1.1-4). Für den Zeitraum 2069–2099 projizieren Klima- und Erntemodelle 1.1.1 hohe Ernteverluste verglichen mit dem Referenzzeitraum Auswirkungen der Umweltkrisen auf 1983–2013 (Jagermeyr et al., 2021). Für Mais, dem verschiedene gesellschaftliche Bereiche in vielen Regionen wichtigsten Getreide hinsichtlich Gesamtproduktion und Ernährungssicherheit, könnten Umweltkrisen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust selbst in einem niedrigen Emissionsszenario in Kombiund Verschmutzung gefährden zunehmend die Sicher- nation mit einer nachhaltigen Entwicklung (SSP1-2.6 heit auf unterschiedlichen Ebenen. Diese Auswirkungen „Nachhaltigkeit“) Ernteverluste von 6 % entstehen. Im werden im Folgenden beispielhaft an der Wasser- und Szenario „Fossile Entwicklung“ (SSP5-8.5) könnten es Ernährungssicherheit, der menschlichen Gesundheit sogar bis zu 24 % Ernteverluste sein. Bei diesem Szesowie der Bewohnbarkeit einzelner Regionen gezeigt. nario handelt es sich um ein Extremszenario, dessen Die Wasser- und Ernährungssicherheit ist besonders angenommener Emissionsverlauf angesichts der sinkenbedroht. Landnutzungsveränderungen in Kombination den Kosten erneuerbarer Energien, der vorhandenen

5


1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.1-2

In Teilen Subsahara-Afrikas, besonders in der Sahelregion, tragen Klimawandel, Landdegradation und Ökosystem­ zerstörung neben Armut, sozialen Spannungen und politischer Instabilität wesentlich zu Ernährungskrisen und Fragilität bei (OECD, 2022: 6 ff.; SIPRI, 2021; WFP, 2021: 7 ff.). Durch die hohe Abhängigkeit von Landwirtschaft und Viehzucht besteht eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels. Im Jahr 2024 litten etwa 37 % der Bevölkerung dieser Region unter angespannter (d. h. gerade noch ausreichender Nahrungsmittelversorgung) bzw. kritischer Ernährungsunsicherheit (d. h. es bestehen erhebliche Versorgungslücken; Bunse et al., 2025: 7). Zwischen 2009 und 2019 waren besonders Viehhirten in Subsahara-Afrika wesentlich stärker von Ernährungsunsicherheit infolge von Dürre ­betroffen als

Menschen, die in Gebieten mit Ackerbau leben (Anderson et al., 2021). Einige Gründe hierfür sind eine historisch gewachsene, ungleiche politische Behandlung von Hirtengemeinschaften sowie ein ungleicher Zugang zu Ressourcen (Anderson et al., 2021: 611). Dieselbe Studie zeigt, dass „ein hohes Maß an Ernährungsunsicherheit mit häufigeren Konflikten einherging, am stärksten in Gebieten mit landwirtschaftlichen Existenzgrundlagen, gefolgt von agropastoralen und Fluss- und Küstengebieten“ (Anderson et al., 2021: 604, eigene Übersetzung). Die Jahre zwischen 1990 und 2008 mit extrem geringen Niederschlägen in trockenen Gebieten Subsahara-Afrikas wurden auch mit einem Anstieg kommunaler Konflikte um bis zu 45 % in Verbindung gebracht (Fjelde und von Uexkull, 2012). Allerdings gibt es auch Studien, die keine direkten oder nur schwache Zusammenhänge zwischen klimawandelbedingter Dürre und Konflikten in der Sahelregion sehen (z. B. Benjaminsen, 2016). Der politische, sozioökonomische und historische Kontext ist entscheidend dafür, wie sich Umweltrisiken auf die Entstehung von Konflikten ­auswirken.

Klimaschutzbemühungen und derzeitiger Emissionstrends nicht mehr plausibel ist (van Vuuren et al., 2026). Es verdeutlicht jedoch die immer noch vorhandenen Risiken, die mit einer durch selbstverstärkende Prozesse erhöhten Klimaerwärmung verbunden wären. Die genannten Entwicklungen machen insbesondere Gesellschaften in Trockengebieten anfällig für ökonomische und politische Instabilität. Zunehmende Landnutzungsänderungen, intensive Landwirtschaft und Klimawandelauswirkungen sowie daraus resultierende Bodendegradation verstärken den Verlust von Bestäubern, Insektenfressern und anderen Nützlingen – mit gravierenden, auch wirtschaftlichen Folgen (IPBES, 2019; Feuerbacher et al., 2025; Feuerbacher, 2025). Eine Studie von Feuerbacher et al. (2025) deutet darauf hin, dass ein Zusammenbruch der wilden Bestäuberpopulationen in Europa im Zeitraum von 2017 bis 2030 zu jährlichen Verlusten von 23,8 Mrd. € führen könnte. Für die EU sind es 12,4 Mrd. € Verluste und global aufgrund abhängiger Lieferketten 34,4 Mrd. €. Die Ernährungssicherheit ist aber nicht nur durch Veränderungen terrestrischer Ökosysteme bedroht: Mehr als 37 % der globalen Fischbestände waren 2021 überfischt (FAO, 2024: 51). Bis zum Jahr 2100 wird die globale Biomasse der Meerestiere, u. a. solcher, die zur Fischerei beitragen, im Vergleich zum Referenzzeitraum (1986–2005) sowohl unter Niedrig- als auch unter Hochemissionsszenarien abnehmen (IPCC, 2019: 65; IPCC, 2023). Für einige Regionen werden starke Rückgänge des maximalen Fangpotenzials projiziert (Abb. 1.1-4; IPCC, 2023: 16). Wasserknappheit ist zu einem zentralen Risiko für menschliche Sicherheit und staatliche Stabilität geworden (Madani, 2026: 32; WBGU, 2024b). Fast drei Viertel

der Weltbevölkerung leben in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher eingestuft sind: 2,2 Mrd. Menschen haben keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, fast vier Mrd. Menschen sind jedes Jahr mindestens einen Monat lang von schwerer Wasserknappheit betroffen (Madani, 2026: 33). Der globale Grundwasserbedarf steigt mit vermehrten Dürren und Trockenzeiten (UNESCO, 2022). Der massive Verlust von Seen, Feuchtgebieten und Grundwasser (70 % der zentralen großen Grundwasserleiter sind rückgängig) untergrub in 50 Jahren (1973–2023) zentrale Ökosystemleistungen im Wert von 5.100 Mrd. US-$ und verschärft ökologische wie ökonomische Instabilität (Madani, 2026: 25, 70; Robertson et al., 2025: 43). Dabei ist die Übernutzung der Wasserressourcen in trockenen Regionen für die Wasserknappheit mitverantwortlich, u. a. aufgrund von Governanceherausforderungen bei der Bereitstellung verfügbarer Wasserressourcen (WBGU, 2024b: 106). Neben den Auswirkungen der Umweltkrisen spielen Verfügbarkeit, Zugang und Nutzungsintensität eine zentrale Rolle für Wasser- und Ernährungssicherheit. Je nach Region können auch politische und wirtschaftliche Instabilität, schwache Governance, sozioökonomische Ungleichheiten (Gesundheitsversorgung, Einkommen, ökonomische Abhängigkeit), infrastrukturelle Herausforderungen sowie eine hohe Vulnerabilität gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels Wasser- und Ernährungsunsicherheit begünstigen (Slim et al., 2025: 2 f.). Relevant sind häufig vor allem die Wechselwirkungen dieser Faktoren (Kasten 1.1-2). Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung wirken sich direkt und indirekt auf die menschliche

Wasser- und Ernährungssicherheit am Beispiel von Subsahara-Afrika

6


Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit 1.1 Auswirkungen des Klimawandels auf die Nahrungsmittelproduktion

Folgen für die Nahrungsproduktion

-35%

Maisertrag4

-30

-25

-20

-15

1,6 – 2,4°C

Ertragsänderungen (%)

-10

-3

+3

3,3 – 4,8°C

+10

+15

+20

+25

+30

+35%

3,9 – 6,0°C

4 Die projizierten regionalen Folgen spiegeln die biophysikalischen Reaktionen auf Änderungen bei Temperatur, Niederschlag, Sonneneinstrahlung, Luftfeuchte, Wind sowie durch CO2 gefördertes Wachstum und Wasserrückhaltevermögen in derzeit bewirtschafteten Gebieten wider. Die Modelle gehen davon aus, dass die bewässerten Flächen nicht wasserbegrenzt sind. Die Modelle berücksichtigen weder Schädlinge, Krankheiten, künftige agrotechnische Veränderungen noch einige extreme Klimareaktionen.

Gebiete mit geringer oder ohne Produktion, oder nicht bewertet

Fischereierträge

5

Änderungen (%) des maximalen Fangpotenzials

Gebiete ohne Modellübereinstimmung

0,9 – 2,0°C

3,4 – 5,2°C

Die projizierten regionalen Folgen spiegeln die Reaktionen der Fischerei und mariner Ökosysteme auf die physikalischen und biogeochemischen Bedingungen im Ozean wie Temperatur, Sauerstoffgehalt und Nettoprimärproduktion wider. Die Modelle stellen weder Veränderungen der Fischereiaktivitäten noch einiger extremer klimatischer Bedingungen dar. Die projizierten Veränderungen in den arktischen Regionen sind aufgrund der Unsicherheiten, die mit der Modellierung vielfältiger interagierender Faktoren und der Reaktionen der Ökosysteme verbunden sind, mit geringem Vertrauen behaftet.

5

Abbildung 1.1-4 Mit dem globalen Klima verändern sich auch die Erträge bei Maisanbau und Fischfang: Vor allem für viele Äquatorregionen zeigen Modellprojektionen einen Rückgang des Fischfangpotenzials und der Ernteerträge für Mais. In den nördlichen Breitengraden könnten sich die Erträge dagegen in einigen Regionen erhöhen. Gezeigt sind jeweils gemittelten Ertragsänderungen aus verschiedenen Modellen. In schraffierten Bereichen sind die Abweichungen zwischen den Modellergebnissen – auch hinsichtlich des Vorzeichens der Änderungen – besonders groß. Quelle: IPCC, 2023: 16

Gesundheit aus, erhöhen z. B. weltweit die Mortalität und Morbidität und verstärken bestehende Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung (WBGU, 2023). Zusätzlich zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Wasser- und Ernährungsunsicherheit fordert die Zunahme klimawandelbedingter Extremereignisse immer mehr Menschenleben. Hitzewellen nehmen in Ausmaß und Häufigkeit zu, zwischen 2012 und 2021 gingen durchschnittlich 546.000 Todesfälle pro Jahr auf Hitze zurück (ein Anstieg von ungefähr 63 % gegenüber 1990–1999; Romanello et al., 2025). Allein im Jahr 2022 starben weltweit etwa 2,52 Mio. Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Energieträger (Romanello et al., 2025). In Deutschland gab es in den Sommern 2023 und 2024 jeweils etwa 3.000 hitzebedingte Todesfälle (UBA, 2025). Das World Economic Forum (WEF) geht bis 2030 von insgesamt 1,9 Mio. klimabedingten Todesfällen weltweit durch Extremereignisse (Dürren, Überschwemmungen, Waldbrände, tropische Stürme, Hitzewellen und Anstieg des Meeresspiegels) aus; diese Zahl könnte bis 2050 auf 14,5 Mio. wachsen (WEF, 2024: 16). Höhere Temperaturen und starke Niederschläge steigern in vielen Regionen auch das Risiko für einen Anstieg der durch Wasser und Lebensmittel übertragenen Krankheiten (z. B. Cholera, Schistosomiasis; Pörtner et

al., 2022: 64). Zusätzlich fördert der Klimawandel die Ausbreitung vektorübertragener Krankheiten (Übertragung durch lebende Organismen, z. B. Mücken). So wird bereits ein klimabedingter Anstieg der weltweiten ­Dengue-Fälle beobachtet und prognostiziert (Romanello et al., 2024; Ospina et al., 2026). Der Klimawandel könnte in Afrika bei unveränderten Bedingungen außerdem von 2024 bis 2050 zu rund 530.000 zusätzlichen Todesfällen durch Malaria beitragen (Symons et al., 2026). G ­ estörte Ökosysteme und zerstörte Lebensräume begünstigen den Verlust zentraler Ökosystemleistungen (z. B. die Regulierung der Luft- und Wasserqualität), gefährden durch den Verlust von Arten und der genetischen Vielfalt die Entwicklung noch unerforschter Medikamente und können je nach Kontext das Risiko für Infektionskrankheiten erhöhen (Fanelli et al., 2025; Mahon et al., 2024; Theodoridis et al., 2023). Im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wie zunehmender globaler Mobilität und urbaner Verdichtung steigt weltweit auch das Risiko für den Ausbruch von Epidemien, bis hin zu Pandemien, deren weitreichende Auswirkungen die COVID-19 Pandemie bereits deutlich gemacht hat (GPMB, 2024; McDermott, 2024). Auch die wachsende globale Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung bedroht Arten, Ökosysteme und die menschliche Gesundheit durch Krankheiten und chronische Belastungen. Allein die Luftverschmutzung

7


1 Umwelt prägt Sicherheit

im Freien und in Innenräumen trug im Jahr 2021 zu weltweit 8,1 Mio. Todesfällen bei (Health Effects Institute, 2024). Landdegradation und Klimawandel gefährden Habitate und ihre Bewohnbarkeit für den Menschen. Zum Beispiel haben in den letzten zehn Jahren Extremereignisse zur Binnenvertreibung von 250 Mio. Menschen geführt (UNHCR, 2025: 6). Ökosysteme verlieren zunehmend ihre Schutzfunktionen gegenüber Extremereignissen, was natürliche Lebensräume bedroht und die Bewohnbarkeit einzelner Regionen einschränkt (Kap. 1.4; WBGU, 2024b). Der klimawandelbedingte Meeresspiegelanstieg hat gravierende Folgen für die Sicherheit und Bewohnbarkeit kleiner Inselstaaten sowie niedrig liegender Küsten. Mangrovenwälder etwa bewahren weltweit rund 15 Mio. Menschen vor Küstenüberschwemmungen und -schäden (Menendez et al., 2020). Korallenriffe schützen ca. 5,3 Mio. Menschen in Küstenregionen vor Sturmfluten (Burke und Spalding, 2022). In den Regionen Subsahara-Afrika, Südasien und Lateinamerika werden 143 Mio. Menschen mittelfristig zur Binnenmigration gezwungen sein (Rigaud et al., 2018). Vertrie­ bene Personen sind klimabedingten Gefahren gegenüber wiederum besonders exponiert (UNHCR, 2024: 17). Die überlappenden Effekte schwindender Ressourcen sowie fragiler sozialer, ökonomischer und politischer Lagen vermindern die Resilienz der Bevölkerung gegenüber der Klimakrise, können humanitäre Hilfe beeinträchtigen und Gefahrenlagen so verstärken (UNHCR, 2024: 17).

1.1.2 Wirtschaftliche Folgen der Umweltkrisen

8

Bereits heute verursacht der Klimawandel hohe ökonomische Kosten. Deshalb ist eine Politik, die natürliche Lebensgrundlagen schützt, essenzielle Grundlage stabiler Volkswirtschaften. Wetterbezogene Extremereignisse verursachten im Jahr 2024 weltweit Verluste in Höhe von 304 Mrd. US-$, knapp 60 % mehr als im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2014 (Romanello et al., 2025). Zwischen 2000 und 2019 lagen die geschätzten Gesamtkosten noch bei insgesamt 143 Mrd. US-$ pro Jahr (Newman und Noy, 2023). Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Umweltverschmutzung sind trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren (etwa in Europa) immer noch erheblich. Sie umfassen z. B. steigende Gesundheitskosten, Verluste in der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion sowie in Industrien, die von natürlichen Ressourcen abhängig sind (EEA, 2024). Beispielsweise verursachte die Luftverschmutzung im Jahr 2019 weltweit gesundheitsbezogene Kosten in Höhe von rund 8.100 Mrd. US-$, etwa 6,1 % des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP; UNEP, 2025b: 307). Die Hitzebelastung führt weltweit

bereits jetzt zu einem Rückgang der Arbeitsproduktivität und verursachte im Jahr 2024 damit verbundene potenzielle Verluste in Höhe von 1.090 Mrd. US-$, das entspricht fast 1 % des globalen BIP (Romanello et al., 2024, 2025: 2805). Obwohl über zukünftige durch den Klimawandel verursachte Kosten große Unsicherheit besteht, gehen Analysen übereinstimmend von hohen Schäden aus. Zwischen 2022 und 2050 wird für Deutschland – je nach Anpassung und Prävention – mit langfristig wachsenden Klimawandelfolgekosten von summiert 280 bis 900 Mrd. € kalkuliert (BMWK, 2023: 6). Bis 2030 rechnet das WEF mit insgesamt 2.100 Mrd. US-$ globalen wirtschaftlichen Verlusten durch Klimaereignisse, bis zum Jahr 2040 mit 6.900 Mrd. US-$ und bis einschließlich 2050 mit 12.500 Mrd. US-$ (WEF, 2024: 16). Hitze­wellen allein könnten bis 2050 weltweit insgesamt Verluste von bis zu 7.100 Mrd. US-$ verursachen (WEF, 2024: 4, 26). Bis 2100 könnte laut einer neueren Studie ein Extremszenario globaler Erwärmung bei gleichzeitig sehr langsamer Klimaanpassung (SSP5-8.5) zu einer Minderung des globalen BIP pro Kopf um 24 % führen. Dagegen hätte die Einhaltung des Pariser Übereinkommens (mit einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 0,01 °C pro Jahr) das globale BIP noch um 0,25 % steigern können (relativ zum Vergleichszeitraum 1960– 2014; Mohaddes und Raissi, 2025: 11 ff.). Es wird geschätzt, dass mehr als die Hälfte des globalen BIP moderat bis stark von der Natur abhängig ist (Abb. 1.1-5; IPBES, 2024: 237; WEF, 2020: 8). In gängigen Bewertungsgrößen wie dem BIP ist die Degradation von Ökosystemen jedoch oftmals nicht angemessen berücksichtigt (Dasgupta, 2021: 5, 493). Wenn Ökosystemleistungen verloren gehen, hat das kurz- bis mittelfristig gravierende wirtschaftliche Folgen und gefährdet u. a. die Versorgungssicherheit. Zum Beispiel könnte ein Zusammenbruch von Ökosystemen einen Rückgang der vier wichtigen Ökosystemleistungen Bestäubung, Meeresfischerei, Holzproduktion und Kohlen­ stoffeinlagerung in Wäldern nach sich ziehen und so das globale BIP im Jahr 2030 um 2.700 Mrd. US-$ mindern (Johnson et al., 2021a: x). Laut Johnson et al. (2021a: x) führt ein Business-as-usual-Szenario damit im Jahr 2030 zu einem um 2,3 % geringeren globalen BIP im Vergleich zu einem Szenario mit wirksamem Klimaschutz und die Erhaltung dieser kritischen Ökosystemleistungen. Länder niedrigen und mittleren Einkommens wären dabei überproportional stark vom Einbruch des nationalen BIP betroffen. Eine eindeutige Quantifizierung der zukünftigen Schäden ist jedoch immer von vielen Faktoren abhängig, und Studien können bisher nur punktuelle Prognosen abbilden. Die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Natur wird zwar zunehmend wahrgenommen, spiegelt sich aber


Die Erosion natürlicher Lebensgrundlagen bedroht unsere Sicherheit 1.1 Globale Biodiversitätsfinanzierungslücke Globales BIP 1) 105.600

Mrd. US$

Globales BIP, generiert in Sektoren, die 2) 58.000 M mäßig bis sehr abhängig von der Natur sind rd. Externalitäten von Sektoren, mit der größten 3) Verantwortung für die Zerstörung der Natur

US$

10. 70

Globale direkte Subventionen für Sektoren, mit der 4) größten Verantwortung für die Zerstörung der Natur

rd. US-$ 6M

-$ US d.

-$ US d.

S-$ .U rd

0M 1.400 –3. 30 0M Globale Biodiversitätsfinanzierungslücke 5) 598–82 r 4M (pro Jahr, bis 2030) r Globale Finanzierung für Biodiversität 6) 135– 15

Abbildung 1.1-5 Die Finanzierung für den globalen Umweltschutz ist zu gering: Viele Wirtschaftssektoren sind stark von der Natur abhängig (2), tragen aber weiterhin erheblich zu deren Zerstörung bei (3). Insbesondere umweltschädliche Sektoren erhalten weltweit große Summen direkter Subventionen (4). Mittel zur Finanzierung für den Schutz der Biodiversität sind dagegen vergleichsweise gering (6), sodass sich eine globale Finanzierungslücke ergibt (5). Die Angaben sind jeweils inflationsbereinigt, um sie mit dem weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergleichen zu können (1). Quelle: IPBES, 2024: 237

noch nicht in der politischen Umsetzung wider. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen stellt fest, dass für jeden US-$ der weltweit in Naturschutz fließt, 30 US-$ in Naturzerstörung investiert werden (UNEP, 2026: xiv). Vor diesem Hintergrund ist besonders problematisch, dass nach wie vor viele öffentliche Subventionen umweltschädlichen Aktivitäten zukommen. Dieses Geld fehlt nicht nur an anderer Stelle, sondern trägt auch aktiv zu wirtschaftlichen Schäden in der Zukunft bei. Obwohl Wirtschaftssektoren wie Landwirtschaft, fossile Brennstoffe und Bergbau durch Landnutzungsänderungen, Emissionen und Verschmutzung den Klimawandel und den Biodiversitätsverlust vorantreiben, steigen die öffentlichen Subventionen in diesen Sektoren (ReyesGarcía et al., 2025: 1128 f.). UNEP (2023: 8 f.) zufolge haben öffentliche Subventionen für Sektoren, die Biodiversitätsverlust und Naturzerstörung beschleunigen, global zuletzt zugenommen: Zwischen 2021 und 2022 sind sie weltweit um 55 % gestiegen, was vor allem auf

den Versuch zurückzuführen ist, Verbraucher:innen vor den hohen Preisen für fossile Brennstoffe infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zu schützen. Eine Umstrukturierung dieser Fördermittel zu naturschonenden Aktivitäten sowie eine Einrechnung externer Umweltkosten (z. B. Ökosystemdegradation und Verschmutzung) könnte menschengefährdende globale Umweltveränderungen wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust bremsen (Reyes-García et al., 2025). In Klima- und Umweltschutz zu investieren, hilft nicht nur heutige und zukünftige Kosten zu vermeiden, es bringt auch vielfältige Gewinne und trägt zur Stabilisierung der Wirtschaft bei (Kasten 1.1-3). Die hier beschriebenen Umweltveränderungen und ihre Auswirkungen auf die Sicherheit sind weitreichend. Sie beschränken sich nicht auf die dargestellten Gesellschaftsfelder, sondern gehen weit darüber hinaus und betreffen alle Bereiche menschlichen Lebens (Kasten 1.1-4; WBGU, 2026).

9


1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.1-3

Vielfältige Gewinne durch Bekämpfung der Umweltkrisen Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sichern nicht nur langfristig die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft, sie schaffen auch kurz- und mittelfristig direkte finanzielle Vorteile. Das World Economic Forum (2020: 9) kommt z. B. zu dem Ergebnis, dass 15 naturpositive Transformationsprozesse (z. B. bei Ernährungssystemen, bei der Nutzung von Land und Ozeanen oder der Energie- und Rohstoffgewinnung) bis 2030 einen jährlichen zusätzlichen Geschäftswert von bis zu 10.100 Mrd. US-$ und 395 Mio. Arbeitsplätze generieren könnten. Eine gemeinsame Studie von OECD und UNDP (2025: 23) gibt an, dass in einem Szenario mit erweiterten national festgelegten Beiträgen (NDCs) im Einklang mit dem Pariser Übereinkommen das globale BIP durch vermiedene Klimarisiken bis 2050 um bis zu ca. 3 % und bis 2100 um bis zu ca. 13 % höher läge als in einem Szenario auf Basis aktuell bereits implementierter und weiterer, politisch beabsichtigter Maßnahmen. Produktivitäts- und Effizienzgewinne durch Investitionen in saubere Technologien, verbesserte Energie-

effizienz und die strategische Reinvestition von CO2-Einnahmen führen dabei insgesamt zu einem positiven Nettoeffekt. Eine weitere Studie projiziert für fünf Politikmaßnahmen zu Investitionsanreizen in die Natur eine potenzielle Steigerung des globalen BIP im Jahr 2030 um 100 bis 200 Mrd. US-$ (je nach Option) im Vergleich zu einem Business-as-usual-Szenario (Abb. 1.1-6; Johnson et al., 2023). Da diese Studie nur vier Ökosystemleistungen (Bestäubung, Holzversorgung, Meeresfischerei und Kohlenstoffbindung) berücksichtigt, dürften die finanziellen Vorteile in der Realität noch höher ausfallen. Hinzu kommen nicht finanzielle Vorteile. Die Studie zeigt, dass die größten Chancen für Länder mit den niedrigsten Einkommen entstehen und es stark von der Einkommensgruppe eines Landes abhängt, wie finanziell vorteilhaft die unterschiedlichen Handlungsoptionen sind (Abb. 1.1-6). Die Autor:innen betonen, dass „Investitionen in Naturkapital ein wesentlicher Bestandteil für die Erreichung des gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstands“ sind (Johnson et al., 2023: 5, eigene Übersetzung). Allerdings sind die tatsächlichen finanziellen – und vor allem auch nicht finanziellen – Vorteile vieler dieser Maßnahmen bislang häufig nicht vollumfänglich in Wirtschaftsmodellen abgebildet, nicht zuletzt, weil das oft noch nicht möglich ist (Dasgupta, 2021).

Investitionen in den Naturerhalt und ihr wirtschaftlicher Nutzen

BIP-Wachstum und vermiedene Kohlenstoffschäden im Vergleich zu Business-as-usual-Politikszenarien [Mio. US-$]

350.000 BIP Vermiedene Kohlenstoffschäden 300.000

250.000

200.000

150.000

100.000

50.000

0

Subs Land

National PES

Global PES

Subs Ag R&D

Kombinierte Maßnahmen

Abbildung 1.1-6 Wirkung von fünf verschiedenen politischen Fördermaßnahmen auf das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Maßnahmen (x-Achse) umfassen: „Subs Land“, d. h. die Abschaffung von Agrarsubventionen sowie Pauschalzahlungen an Landbesitzer; „National PES“, d. h. die Einführung eines Systems, in dem für Ökosystemleistungen gezahlt wird und jedes Land für dessen Finanzierung selbst zuständig ist; „Global PES“, d. h. ein Zahlungssystem für Ökosystemleistungen, das durch Finanztransfer von Hocheinkommens- an Niedrigeinkommensländer finanziert wird; „Subs Ag R&D“, d. h. die Abschaffung von Agrarsubventionen zur Finanzierung erhöhter Investitionen in die landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung; „Kombinierte Maßnahmen“, d. h. sowohl „Subs Ag R&D“ als auch „Global PES“ zusammen. Die Szenarien „Subs Ag R&D“ und „Kombinierte Maßnahmen“ steigern das globale BIP im Vergleich zum Business-as-usual-Szenario um fast 200 Mrd. US-$ jährlich. Gleichzeitig lassen sich Schäden durch CO2-Emissionen in Höhe von bis zu 150 Mrd. US-$ („Kombinierte Maßnahmen“) vermeiden. Quelle: Johnson et al., 2023

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Ohne Umweltpolitik keine nachhaltige Sicherheitspolitik 1.2

Kasten 1.1-4

Fossile Energieträger als Sicherheitsrisiko In vielen Ländern bestehen Abhängigkeiten bei der ­Beschaffung fossiler Energieträger, etwa aus Krisenregionen oder von autokratischen Regimen, oder sie werden auf unsicheren Handelsrouten transportiert (z. B. über die Straße von Hormus). Dies ist für sich genommen bereits ein Sicherheitsrisiko (Kap. 1.3.1). Für die EU führte die starke Abhängigkeit von Erdgasimporten aus Russland im Jahr 2022 zu massiven Preissteigerungen (Lal et al., 2026). Russland hat im Zuge seines Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 versucht, die vulnerable europäische Energieversorgung als Waffe in einem geopolitischen Konflikt einzusetzen (Larys, 2024). Die EU-Kommission spricht von einer „attempted weaponisation of Europe’s security of energy supply“ (Europäische Kommission, 2025b) und warnt vor einer hohen Abhängigkeit der EU von russischem Erdgas. Die EU hat ihre Abhängigkeit in den Folgejahren verringert, auch unterstützt durch eine deutliche Reduktion des Gasverbrauchs. Im Jahr 2025 bezog sie jedoch immer noch 13 % ihrer Gasimporte aus Russland (Europäische Kommission, 2026). Geopolitische Konflikte bremsen derzeit in vielen Regionen die Transformation hin zu erneuerbaren Energien und verstärken so die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen (Tao et al., 2025). Gleichzeitig tragen ökonomische Interessen an fossilen Ressourcen dazu bei, geopolitische Konflikte zu verschärfen, da die Kontrolle über Fördergebiete, Transportwege und Energiemärkte ein strategischer Machtfaktor ist. Forscher:innen betonen daher die Notwendigkeit politischer Strategien, die Energiesicherheit stärken und gleichzeitig die Dekarbonisierung vorantreiben (Lal et al., 2026; Kap. 1.3.1). Fossile Energieträger sind zudem ein indirektes Sicherheitsrisiko, da ihre Nutzung Hauptursache des anthropogenen

1.2 Ohne Umweltpolitik keine nachhaltige Sicherheitspolitik Gelingt es nicht, Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung einzuhegen, trägt ihr Zusammenspiel global zu Verarmungs- und Destabilisierungsprozessen bei. Sie sind direkte Sicherheitsrisiken. Die in Kap. 1.1 beschriebenen Krisen nehmen deutlich an Fahrt auf, was entschlossenes Handeln umso dringlicher werden lässt (IPCC, 2022; UNDP, 2020; UNEP, 2020). Umwelt- und insbesondere Klimapolitik kann kurz-, mittel- und langfristig maßgeblich zur Sicherheitspolitik beitragen. Deshalb ist es wichtig, einen integrierten Sicherheitsansatz, der auf dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen basiert, effektiv und unmittelbar umzusetzen. Dafür muss der Umweltschutz insgesamt als Daseinsvorsorge und Grundlage der langfristigen

­ limawandels ist. Mit dem Pariser Übereinkommen 2015 hat K die Weltgemeinschaft sich das Ziel gesetzt, die Klima­erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten und Maßnahmen zu ergreifen, die eine Begrenzung auf 1,5 °C zum Ziel haben. Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat im Jahr 2025 das 1,5 °C-Ziel als das „primäre“ und insoweit verbindliche Temperaturziel des Pariser Übereinkommens erachtet und erklärt, dass die Vertragsstaaten des Pariser Übereinkommens verpflichtet sind, ihre nationalen Klimabeiträge danach auszurichten (ICJ, 2025: 73, Rn. 224 und 131, 457; Schroeder und Walther, 2025). Die direkte Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 °C ohne (zumindest temporäre) Überschreitung dieser Temperaturmarke ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr realistisch: ­Forster et al. (2025) beziffern die ab 2025 weltweit insgesamt noch möglichen CO2-Emissionen auf etwa 80 Mrd. t CO2, wenn die Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 % unter 1,5 °C gehalten werden soll – bei jährlichen Emissionen von derzeit rund 38 Mrd. t CO2 allein aus fossilen Quellen zuzüglich etwa 5 Mrd. t CO2 aus Landnutzungsänderungen (Friedlingstein et al., 2026) dürfte dieses Budget bei Erscheinen des vorliegenden Gutachtens fast aufgebraucht sein. Darüber hinaus ist bereits jetzt die Förderung von wesentlich mehr Kohle, Öl und Gas geplant, als mit einer Begrenzung des Klimawandels auf 2 °C kompatibel wäre: Beispielsweise liegen die bis 2030 von den Regierungen geplanten Förderungen 77 % über der Menge fossiler Energieträger, die sich in Modellierungen der Internationalen Energieagentur für einen Pfad ergeben würden, der eine Begrenzung der Klimaerwärmung auf 2 °C erlauben würde (SEI, 2025). Zentral für den Stopp des Temperaturanstiegs ist die möglichst zeitnahe Beendigung des Nettoeintrags von CO2 in die Atmosphäre, die realistischerweise nur durch einen weitgehenden Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger ermöglicht werden kann (Kap. 1.3).

Erhaltung von Wohlstand und Wohlbefinden und somit von wirtschaftlicher Sicherheit verstanden werden (Bals et al., 2026; ESDN, 2026). Die Integration der Umweltkrisen und ihrer Auswirkungen in politische Strategien und deren Umsetzungen ist allerdings weiterhin unzureichend. Auf internationaler Ebene wurden die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Sicherheit bereits bis in den UN-Sicherheitsrat hinein diskutiert. Eine thematische Resolution scheiterte 2021 allerdings am Veto Russlands (Abb. 1.2-1). Auf UN-Ebene wurden verschiedene Initiativen wie der Baku Call on Climate Action for Peace, Relief and Recovery (UNFCCC), der UN Climate Security Mechanism (Teilgutachten 5), die UN Group of Friends of Climate and Security, Peace and Biodiversity Dialogue Initiative (UN CBD) sowie die Peace Forest Initiative (UNCCD) auf den Weg gebracht. NATO-Gipfelerklärungen (2010, 2021) benannten den Einfluss von Klimawandel, Wasserknappheit und

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1 Umwelt prägt Sicherheit Integrierte Ansätze von Umwelt- und Sicherheitspolitik im Überblick 2007

2010

2014 2015

Erste Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu Klima und Sicherheit

Climate Responses for Sustaining Peace Initiative (UNFCCC COP-27)

UN Climate Security Mechanism (DPPA, UNDP, UNEP und DPO)

NATO-Gipfel: Aktionsplan zu Klimawandel und Sicherheit verabschiedet

Peace and Biodiversity Dialogue Initiative im Rahmen der CBD

Gescheiterte Resolution im UN-Sicherheitsrat, den Klimawandel als Sicherheitsrisiko anzuerkennen (Veto: Russland, Indien)

2007

Schlussfolgerungen des Europäischen Rats zu „Green Diplomacy“ und „EU Sicherheit und Verteidigung“ beinhalten Sicherheitsrisiken der Umweltkrisen

Gemeinsame Mitteilung an das Europäische Parlament und den Rat: Eine neue Perspektive auf den Klima-SicherheitsNexus: Bewältigung der Auswirkungen von Klimawandel und Umweltzerstörung auf Frieden, Sicherheit und Verteidigung

Niinistö-Bericht „Safer Together“ zur Stärkung von Europas ziviler und militärischer Vorsorge und Bereitschaft

2007

2017 Leitlinien der Bundesregierung „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ adressieren Klimawandel und Ressourcenknappheit

Deutschland

Initiativen zum UmweltSicherheits-Nexus während COPs der UNCCD und UN CBD

2022 2023 2024 2025 Group of Friends for an Ambitious EU Climate Diplomacy

Europa

Baku Call on Action for Peace, Relief and Recovery (UNFCCC COP-29)

Our Common Agenda der UN

Sendai Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge (2015–2030); umfasst auch Resilienz gegenüber natürlichen Gefahren

2024

Erklärung der G7-Außenminister:innen zu Klima, Umwelt, Frieden und Sicherheit

UN Group of Friends on Climate and Security (> 70 Staaten)

Erste NATO-Gipfelerklärung, die einen Bezug zwischen Sicherheit, Gesundheitsrisiken, Klimawandel und Wasserknappheit herstellt

UN/international

2021 2022

2018

EU-Strategie für eine Union der Krisenvorsoge

2022 2023 2024 2025

Nationale Wasserstrategie; adressiert auch Konflikte um Wasserressourcen

„Deutsche Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen“ verfolgt ganzheitlichen Gefahrenansatz

„Navigating Peace in a Changing Climate“: Trendanalyse zu Klima und Sicherheit im Auftrag der EU

Nationale interdisziplinäre Klima-Risikoeinschätzung (NiKE)

Umsetzungsplan der Deutschen Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen

Nationale Sicherheitsstrategie „Integrierte Sicherheit für Deutschland: Wehrhaft. Resilient. Nachhaltig“

Bewerbung Deutschlands um einen nicht ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat; Sicherheitsrisiken durch Klimawandel als ein zentrales Thema

Abbildung 1.2-1 Integrierte Politikkonzepte auf UN-Ebene, in Europa und in Deutschland. Die Grafik gibt Beispiele für politische Initiativen und Strategien, die Umwelt und insbesondere Klima, Sicherheit und Frieden als miteinander verschränkte Themen betrachten. Quelle: WBGU

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erhöhten Gesundheitsrisiken auf militärische Planungen und führten zum NATO Climate Change and Security Action Plan (NATO, 2021). Die Europäische Kommission publizierte zunächst die Gemeinsame Mitteilung zum Klima-Sicherheits-Nexus (Europäische Kommission, 2023). Diese thematisiert die Bewältigung der Auswirkungen von Klimawandel

und Umweltzerstörung auf Frieden, Sicherheit und Verteidigung. Sie betont, dass Klimawandel und Umweltzerstörung untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig verschärfen, u. a. in ihren sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen. Die Kommission empfiehlt eine engere Verzahnung der verschiedenen Politikbereiche durch eine evidenzbasierte Analyse und


Ohne Umweltpolitik keine nachhaltige Sicherheitspolitik 1.2

Vorausschau. Außerdem soll der Klima-Sicherheits-­ Cyberangriffen, auf Nachhaltigkeit im Sinn der Sicherheit Nexus beim auswärtigen Handeln der EU operationa- der Lebensgrundlagen. Dies umfasst sowohl die Bekämplisiert werden, Maßnahmen zu Klimaanpassung und fung von Umweltkrisen wie Klimawandel und BiodiverKlimaschutz bei der Entwicklung der zivilen und militä- sitätsverlust als auch die Armutsbekämpfung (WBGU, rischen Fähigkeiten der Mitgliedstaaten sollen gestärkt 2026: 2). Die vom Auswärtigen Amt beauftragte und werden. Darüber hinaus zielt die Kommission darauf ab, im Jahr 2025 veröffentlichte Nationale Interdiszipli­näre internationale Partnerschaften und die Arbeit der EU in Klimarisiko-Einschätzung (NiKE) verknüpft erstmals multilateralen Foren zu intensivieren, im Einklang mit Klimafolgen mit der nationalen Sicherheit Deutschlands einer umfassenderen multilateralen Klima- und Umwelt- bis zum Jahr 2040 und geht auch auf mögliche Wechsel­ agenda der EU (Teilgutachten 5). wirkungen mit Verschmutzung und dem Verlust der Im Jahr 2025 veröffentlichte die Kommission eine Biodiversität ein (Metis, 2025). Aufgrund fehlenden weitere Gemeinsame Mitteilung über die Europäische Mandats entwickelten die Autor:innen jedoch keine deStrategie für eine Union der Krisenvorsorge (Europäische taillierten politischen Handlungsoptionen. Soziale AusKommission, 2025a). Diese verfolgt einen integrierten wirkungen und Ursachen von Transformationskonflikten gefahrenübergreifenden, behördenübergreifenden und werden in der Analyse erwähnt und bieten somit einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Es wird u. a. Wert auf Anknüpfungspunkt für die Integration gesellschaft­ eine wirksame Zusammenarbeit zwischen Zivil- und Ver- licher Entwicklungen in Sicherheitsstrategien (Teilgutteidigungsbehörden gelegt. Außerdem werden Wasser, achten 2). Die vom Bundesministerium des Innern im Boden und andere natürliche Ressourcen als „andere Jahr 2022 publizierte deutsche Resilienzstrategie ist kritische Ressource“ mit Bedeutung für die Wirtschaft ein weiteres Element nationaler Sicherheitspolitik. Sie eingeordnet. Dem Ansatz liegt damit kein enger, lediglich entwickelt unter anderem ein inklusives Katastrophenauf mineralische Ressourcen begrenzter Begriff kritischer risikomanagement, das auch umweltbedingte Risiken Ressourcen zugrunde. und Gefahren adressiert und integriert (BMI, 2022). Die Strategie folgte auf einen Bericht über zivile und Der WBGU begrüßt die Aufnahme des Konzepts der militärische Sicherheit (Niinistö Report) und arbeitet integrierten Sicherheit in die Nationalen Sicherheitsmit einem breiteren Sicherheitsverständnis, das auch strategie Deutschlands und betont deren ökologische den Klimawandel einbezieht (Europäische Kommission, Dimension. Die zentrale Herausforderung besteht nun 2025a; Niinistö, 2024). in der koordinierten Umsetzung integrierter Sicherheit Vergleichende Analysen zeigen, dass der Klimawandel mit den drei Säulen Wehrhaftigkeit, Nachhaltigkeit und und andere Umweltveränderungen in vielen nationalen Resilienz. Eine Prioritätensetzung für die Umsetzung der Sicherheitsstrategien weltweit aufgegriffen werden (Vog- in der Nationalen Sicherheitsstrategie Deutschlands geler, 2023; Vogler und Hardt, 2025). Islands Regierung hat nannten Elemente und ihre politisch-strategische weitere z. B. erstmals eine spezifische klimarelevante Bedrohung Ausgestaltung sind allerdings weiterhin offen (Kleineals existenzielle Bedrohung der nationalen Sicherheit Brockhoff et al., 2025). klassifiziert: den möglichen Kollaps der Atlantischen Die weitere Konzeptionierung und vor allem OperaUmwälzzirkulation (AMOC; GCR, 2025; Withers und tionalisierung liegt unter anderem beim im Jahr 2025 Jacobsen, 2025). Auch die britische Regierung warnt in neu gegründeten Nationalen Sicherheitsrat. Er berückihrem National Security Assessment vor dem globalen sichtigt laut Geschäftsordnung bisher vor allem äußere Ökosystemzusammenbruch als nationalem Sicherheits- und innere Sicherheit, digitale und wirtschaftliche Sirisiko, u. a. für Ernährungs- und Wassersicherheit und cherheit (Deutscher Bundestag, 2025a). Die Sicherung im Hinblick auf die geopolitische Ressourcenkonkurrenz der natürlichen Lebensgrundlagen für Mensch und Natur (Defra, 2026). Die niederländische und die dänische ist im Sicherheitsrat weder in der Geschäftsordnung aufSicherheitsstrategie verweisen zudem auf sicherheits- gegriffen noch ist das BMUKN Mitglied im Nationalen relevante Konflikte im Rahmen der Transformation Sicherheitsrat. Dies steht im Widerspruch zum Nachzur Klimaneutralität innerhalb der Gesellschaft (Teil- haltigkeitsaspekt in der Nationalen Sicherheitsstrategie gutachten 2; Vogler und Hardt, 2025: 195). Die Cook und greift angesichts der mehrdimensionalen Risikolage ­Islands und die Niederlande arbeiten in ihren nationalen zu kurz (WBGU, 2026). ­Sicherheitsstrategien mit zeitlichen Prioritätensetzungen Um auch in Zukunft handlungs- und gestaltungsfähig (Vogler und Hardt, 2025). zu bleiben und flexibel reagieren zu können, sollte der Ein umfassendes Verständnis von Sicherheit findet Verschränkung von Umweltkrisen und Sicherheit durch sich im Ansatz der „integrierten Sicherheit“ der Natio- ganzheitliche sicherheitspolitische Ansätze Rechnung nalen Sicherheitsstrategie Deutschlands aus dem Jahr getragen werden. Diese Ansätze sollten beachten, dass 2023 (Auswärtiges Amt, 2023). Sie setzt neben militä- der Klimawandel, aber auch Biodiversitätsverlust und rischer Wehrhaftigkeit und Resilienz, etwa gegenüber Verschmutzung, Folgen für die Mehrheit der Politikfelder

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1 Umwelt prägt Sicherheit

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haben; u. a. für Energie, Umwelt, Gesundheit, Landwirtschaft, Handel, Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit sowie Migrations- und Außenpolitik (Vogler und Hardt, 2025: 189). Viele Sektoren arbeiten bereits mit der Integration verschiedener Querschnittsrisiken: z. B. der Energiesektor hinsichtlich Cybersecurity, der Ernährungs- und Wassersektor hinsichtlich Umwelt- und Klimarisiken oder geopolitischer Sicherheit und der Gesundheitssektor hinsichtlich Umweltschutz und Energierisiken (Lazari, 2025; WBGU, 2023, 2024b). Für die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats bedeutet das, an bestehende Aktivitäten und Strukturen anzuknüpfen. Kohärentes politisches Planen und Handeln sowie eine Stärkung von Querverbindungen und Synergien zwischen Politikfeldern, Institutionen und Akteuren ist notwendig (BfN, 2025b; UNEP, 2025a; Fopa Tchinda und Talbot, 2023; Roelfes und Beuermann, 2025). Eine Inspiration für eine Umsetzung im deutschen Nationalen Sicherheitsrat könnte Finnland sein. Dort koordiniert der bzw. die Premierminister:in seit den 1990er Jahren die Verzahnung von Exekutive, Legislative, Wissenschaft und Gesellschaft mit einer strategischen Vorausschau und einem Zukunftsausschuss im Parlament (Kleine-Brockhoff et al., 2025). Etwas Ähnliches könnte in Deutschland eine kontinuierliche Zusammenarbeit verschiedener Sektoren und Ressorts ermöglichen, insbesondere an der Schnittstelle von Umwelt und Sicherheit. Unabhängig von der Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats beinhaltet eine stärkere Zusammenarbeit allerdings auch, dass Akteure beider Bereiche (Umwelt und Sicherheit) die Perspektive des jeweils anderen – wo sinnvoll – stärker mit einbeziehen und in die eigenen Herangehensweisen, Argumentationen und öffentlichen Positionierungen integrieren. Eine solche Umsetzung von integrierter Sicherheit sollte entlang von Prioritäten und auf Grundlage von Synergien und Mehrgewinnstrategien erfolgen. Für den entwicklungspolitischen Kontext empfiehlt Lorch (2024: 1) auf die Kohärenz in der Umsetzung zu achten, Zielkonflikte im Prozess transparent zu machen und auszuhandeln sowie „menschliche Sicherheit und Resilienz konsequent global zu denken“. Präventiven und friedensfördernden bzw. friedenssichernden Ansätzen sollte eine vergleichbare Wertigkeit in Politikgestaltung, Finanzierung und politischer Kommunikation zugeordnet werden wie auf Abwehr und Verteidigung abzielenden Ansätzen (Kap. 1.5; Lorch, 2024). Dies sollte sowohl auf nationaler als auch auf EUEbene sowie innerhalb der NATO geschehen. Gleiches gilt für staatliche oder multilaterale Förderinstrumente im globalen Klimaschutz- und Biodiversitätskontext (z. B. Grüner Klimafonds, GCF, oder Internationale Klimaschutzinitiative, IKI). Der WBGU regte bereits 2007 an, Mittel stärker zugunsten von Krisenprävention und

Entwicklungszusammenarbeit auszurichten (WBGU, 2007: 13). Jedoch hat Deutschland allein im Jahr 2025 die finanziellen Mittel für Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) um 17,4 % gesenkt und verfehlt das 2005 formulierte UN-Ziel, die ODA-Mittel auf 0,7 % des Bruttonationaleinkommens zu steigern, seit 20 Jahren (aktuell liegt der Betrag bei 0,56 %; BMZ, 2025). Insgesamt sind die öffentlichen Entwicklungszahlungen vieler Länder (allen voran USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland) – organisiert im Development Assistance Committee (DAC) der OECD – im Jahr 2025 um 23 % zurückgegangen (OECD, 2026: 2). Diese Einschnitte sind von historischer Dimension. Zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs kürzen Hocheinkommensländer in wenigen aufeinanderfolgenden Jahren ihre Mittel für internationale Kooperation und Entwicklung in diesem dramatischen Umfang, während Verteidigungsbudgets in vielen Ländern substanziell angehoben werden. Gleichzeitig investieren Länder wie die Vereinten Arabischen Emirate, Katar oder Ungarn verstärkt in Kooperationsprojekte, ihre ODA-Ausgaben stiegen im Jahr 2025 um bis zu 55 % (OECD, 2026). Ein Paradigmenwechsel in der Sicherheitspolitik, von reiner Gefahrenabwehr zu nachhaltiger, präventiver und kooperativer Sicherheitspolitik, würde daher die Handlungsfähigkeit von Staaten sichern, Bevölkerungen weltweit schützen und den sozialen Zusammenhalt in einer Welt zunehmender, miteinander verknüpfter Risiken stärken (Morrissey, 2023; Teilgutachten 2, 5). Deutschland und die Europäische Union haben in einer sich stark verändernden Weltlage derzeit die Chance, sich international als zukunftsfähiger Sicherheitsakteur zu positionieren und sich für eine kooperative Sicherheitsarchitektur einzusetzen (Teilgutachten 5).

1.3 Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor Ein Stopp der Klimaerwärmung sowie langfristig die Rückführung der global gemittelten Temperatur durch Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre sind aus Sicht des WBGU zentrale Bausteine einer integrierten Sicherheitsarchitektur. Im Zentrum des Klimaschutzes steht die Notwendigkeit, die Verbrennung fossiler Energieträger (Kohle, Erdöl, Erdgas) so vollständig wie möglich einzustellen (Kasten 1.1-4). Nur eine schnelle Reduktion fossiler Emissionen kann gewährleisten, dass die Folgen des Klimawandels durch Anpassungsmaßnahmen noch in einem beherrschbaren Rahmen gehalten und die Resilienz von Ökosystemen und die Sicherheit menschlicher Gesellschaften sichergestellt werden können. Ein schneller Umstieg von der Nutzung fossiler Energieträger


Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor 1.3

auf erneuerbare Energien kann zudem in Zeiten geopolitischer Konflikte für viele Staaten Resilienz und Sicherheit steigern sowie Handlungsspielräume erhalten oder schaffen (Kasten 1.1-4); bei der Umsetzung der Energiewende sollten weitere Sicherheitsaspekte mitgedacht werden (Kap. 1.3.1). Darüber hinaus ist eine langfristige Rückführung der Temperatur erforderlich, unter anderem um den auch nach einem Stopp der Erwärmung weiterlaufenden Meeresspiegelanstieg und damit verbundene Risiken einzuhegen, Extremereignisse und ihre Schäden zu mindern und im Klimawandel verlorene Räume wieder nutzbar zu machen (IPCC, 2023; Nauels et al., 2025; Stokes et al., 2025). Die verfügbaren Methoden dafür sind allerdings zum Teil selbst mit Risiken verbunden, die begrenzt werden müssen (Kap. 1.3.2). Auch die Wechselwirkungen zwischen Militär bzw. Kriegen und der Umwelt sind relevant (Kasten 1.3-1).

1.3.1 Energiewende für integrierte Sicherheit Europa ist durch seinen stetigen Bedarf an fossilen Brennstoffen kritisch abhängig von krisenanfälligen, von Autokratien dominierten Märkten und empfindlichen Lieferketten. Ein auf erneuerbaren Energien basierendes System hingegen produziert kontinuierlich Strom in Europa, senkt und stabilisiert Energiepreise und erhöht die Versorgungssicherheit. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung sollten daher gleichermaßen vorangetrieben werden (Kap. 1.3.1.1). Das noch wichtiger werdende Stromsystem sollte selbst ebenfalls resilient gestaltet werden (Kap. 1.3.1.2).

1.3.1.1 Abhängigkeit von Fossilimporten reduzieren Im Jahr 2022 lebten 86 % der Weltbevölkerung in Staaten, die Nettoimporteure fossiler Energieträger sind (IRENA, 2024: 11). Beispielsweise importierte Deutschland im Jahr 2024 fossile Energieträger im Wert von 81 Mrd. € (davon 51 Mrd. € für Erdöl und 19 Mrd. € für Erdgas; KfW, 2025). Ein Umstieg auf erneuerbare Energien kann die Resilienz dieser Staaten gegenüber temporären Schocks erhöhen und die ökonomischen Kosten solcher Schocks senken. Denn diese Importe sind ständig gefährdet durch geopolitisch motivierte Lieferbeschränkungen, Unterbrechungen von teilweise langen Lieferwegen durch Konflikte oder Extremereignisse, und können sich bei Preisschwankungen auf den Weltmärkten stark verteuern. Dies geht mit zum Teil extrem hohen volkswirtschaftlichen Kosten einher (CCC, 2026). Die Produktion von Erdöl und Erdgas wird von wenigen Ländern dominiert. Im Jahr 2023 lieferten die zehn größten Produzentenländer über 70 % des Erdöls und

Erdgases, angeführt von den USA, Saudi-Arabien und Russland mit insgesamt 42 % der Ölproduktion und den USA, Russland und Iran mit 47 % der Erdgasproduktion (IEA, 2026a). Liefereinschränkungen können bei fossilen Energieträgern nicht schnell ausgeglichen werden, unter anderem aufgrund bestehender Pipelines, Seetransportkapazitäten, Hafen- und Verarbeitungsinfrastrukturen. Sie wirken sich daher unmittelbar auf Verbraucherpreise aus und können, je nach Verfügbarkeit von nationalen Reserven und der Flexibilität der Nachfrage, binnen weniger Wochen Versorgungsengpässe auslösen. Zwar gibt es auch bei Komponenten und Rohstoffen für ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem und die Elektrifizierung des Verbrauchs zum Teil eine hohe Marktkonzentration, insbesondere in China – etwa bei Solarmodulen, Magneten für Windkraftanlagen und Motoren, Stromnetzkomponenten und Batterien (IEA, 2025a; Teilgutachten 3). Allerdings wirken sich Liefereinschränkungen bei Systemkomponenten nicht auf die Energieproduktion bereits installierter Anlagen aus, und damit auch nicht auf kurzfristige Energiepreise und Versorgungssicherheit. Die Auswirkungen werden erst langfristig spürbar, unter anderem durch die Geschwindigkeit und ggf. die Kosten der Energiewende und damit höhere langfristige Verbraucherkosten. Hier bleibt deutlich mehr Zeit, selbst und mit internationalen Partnern Alternativen aufzubauen, einschließlich eigener Produktionsanlagen (Evans et al., 2025; Teilgutachten 3). Damit der Ausbau erneuerbarer Energiequellen die Resilienz möglichst stark erhöht, ist eine schnelle Elektrifizierung im Verkehrs- und Gebäudesektor sowie bei Industrieprozessen entscheidend. Besonders in den ersten beiden Sektoren besteht in Deutschland weiterhin großer Beschleunigungsbedarf; dies gilt auch für Effizienzsteigerungen, etwa durch verbrauchsärmere Fahrzeuge, mehr öffentlichen Nahverkehr und dessen Elektrifizierung oder besser isolierte Gebäude, die den Bedarf an Energie insgesamt senken und damit die Resilienz erhöhen (ERK, 2025, 2026; IEA, 2026b). Beispielsweise haben zwei- und dreirädrige elektrische Fahrzeuge bis 2025 weltweit deutlich mehr Erdöl eingespart als Elektroautos (deren Beitrag allerdings stärker wächst; Bloomberg NEF, 2025), u. a. weil E-Bikes auch bei fehlender Radweginfrastruktur und für längere Strecken eher ein Auto ersetzen als normale Fahrräder (Arning und Kaths, 2025). Da der Verkehrs- und Gebäudesektor nicht nur Unternehmen, sondern auch private Lebensbereiche direkt betreffen, sind hier gesellschaftliche Beteiligung und sozialer Ausgleich besonders wichtig für Auswahl, Gestaltung und Umsetzung notwendiger Maßnahmen (Teilgutachten 2). In einem dekarbonisierten Energiesystem sind neben weitgehender Elektrifizierung auch Wasserstoff bzw. synthetische Kraftstoffe als Energieträger für Industrieprozesse bzw. den Flug- und Schiffsverkehr nötig.

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.3-1

Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen, höherer Verteidigungsausgaben und gleichzeitig voranschreitender Umweltkrisen müssen auch die Wechselwirkungen zwischen Militär bzw. Kriegen und Umwelt betrachtet werden (Vogler, 2024). Folgende Aspekte sollen hier kurz beleuchtet werden: Einerseits haben Aufrüstung und Kriege hohe Umwelt- und insbesondere Klimaauswirkungen. Andererseits fallen Umweltund insbesondere Klimaschutz und militärische Interessen teilweise zusammen: bei den Auswirkungen des Klimawandels auf das Militär, einer auf Erneuerbaren basierenden dezentralen Energieversorgung sowie bei renaturierten Landschaften, zum Beispiel wiedervernässten Mooren mit ihrer Barrierewirkung. Der Klimawandel beeinflusst die strategische Ausrichtung der Streitkräfte, ihre operativen Fähigkeiten und Ausrüstungsbedarfe (NATO, 2024; Stoetman et al., 2023; Tsetsos, 2023): Zum Beispiel können der Klimawandel und mit ihm einhergehende Knappheiten an Ressourcen inklusive Wasser und Nahrungsmitteln als zusätzliche Treiber von Konflikten wirken. Häufigere, längere oder intensivere Hitzewellen, Dürren, starke Niederschläge oder Stürme können den Unterhalt von Militärbasen erschweren und Einsatzbedingungen verschärfen; Streitkräfte werden häufiger zur Bewältigung der Auswirkungen von Extremereignissen herangezogen; der Rückgang des arktischen Eises verändert die strategische Lage rund um den Nordpol. Andererseits tragen kriegerische Auseinandersetzungen selbst erheblich zum Klimawandel und zur Umweltzerstörung bei. Seit dem Einfall der russischen Truppen in der Ukraine 2022 hat dieser Krieg jährlich ca. 75 Mio. t CO2 zusätzlich verursacht. Das entspricht etwa den CO2-Emissionen Belgiens (Bun et al., 2024; de Klerk et al., 2026). Hinzu kommen enorme Umweltbelastungen durch die Freisetzung von Öl und Schwermetallen bei Kampfhandlungen und die Zerstörung von Infrastruktur (Filho et al., 2024), deren Wiederaufbau mit weiteren CO2-Emissionen verbunden sein wird (Dong et al., 2025). Zu den Gesamtemissionen des Militärs gibt es nur aus wenigen Ländern Daten, mit großen methodischen Unsicherheiten; Rajaeifar et al. (2022) fordern, hier Verpflichtungen und Standards zu etablieren. Entsprechend grob sind Schätzungen für die globale Ebene: Parkinson und Cottrell (2022) kommen auf eine Größenordnung von 1–5 % der globalen Emissionen, vergleichbar mit der weltweiten Luft- und Schifffahrt. Der Einsatz erneuerbarer Energien kann die Klima- und andere Umweltwirkungen des Militärs in Kriegs- und Friedenszeiten senken und hat auch strategische bzw. militärische Vorteile (Parkinson und Cottrell, 2022). Einige nationale Streitkräfte setzen sich bereits – mit unterschiedlichen Ambitionen – für Emissionsreduktionen ihrer Anlagen und Antriebstechnologien ein (Vogler und Teicher, 2025): Militärische Anlagen und temporäre Feldlager ganz oder teilweise aus lokalen erneuerbaren Energiequellen zu v ­ ersorgen

(z. B. mittels Solarzellen gekoppelt mit Batterien) macht sie im Konfliktfall unabhängiger von fossilen Treibstoffen, deren Lieferketten bis in das jeweilige Krisengebiet hinein aufwändig geschützt werden müssen. Beispielsweise wurden 2007 in Afghanistan laut einer Studie eines Instituts der US-Armee bei rund 900 Treibstoffkonvois der US-Armee insgesamt 38 Menschen getötet, also etwa eine Person pro 24 Konvois (Eady et al., 2009); dieselbe Studie nimmt an, dass 75 % des Treibstoffs für Dieselgeneratoren durch Solarzellen hätte eingespart werden können, was eine neuere Studie als unteres Limit bestätigt (Katalenich und Jacobson, 2023). Eine Verkleinerung von Öllagern verringert auch die Umweltgefahren bei Angriffen. In Friedenszeiten können die auf erneuerbarer Erzeugung basierenden Energiesysteme militärischer Anlagen als Teil des Stromnetzes zur Energiewende beitragen (Vogler und Teicher, 2025). Zur Dekarbonisierung des operativen Energieverbrauchs des Militärs für Fahrzeuge, Schiffe und vor allem Fluggeräte können Elektrifizierung, neue Speichertechnologien und Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen zwar einen Beitrag leisten, etwa um den steigenden Energieverbrauch der elektronischen Systeme zu decken und leichte Systeme anzutreiben. So kann auch die Geräusch- und Wärmeentwicklung und damit die Entdeckbarkeit reduziert werden (Jakson et al., 2025). Für den Antrieb von Flugzeugen und schweren Fahrzeugen wie Panzern sind aufgrund der erforderlichen Energiedichten aber vor allem alternative Treibstoffe militärisch relevant (Sharma, 2025). Dabei erfolgt der Ausbau der Produktion auch zivil: In der EU schreibt die „ReFuelEU Aviation“-Verordnung bis 2050 einen schrittweisen Anstieg des Anteils nachhaltiger Flugkraftstoffe auf 70 % vor, davon 35 % synthetische Kraftstoffe, die nicht auf Biomasse beruhen (sondern z. B. aus Wasserstoff und CO2 synthetisiert werden, wobei die Treibhausgaseinsparungen gegenüber fossilen Kraftstoffen bei 70 % liegen müssen; EU, 2023). Zudem können renaturierte Landschaften, die dem Naturund Klimaschutz dienen, zugleich als physische Barrieren für die Landesverteidigung fungieren (Kap. 1.4.1). So lassen sich etwa wiedervernässte Feuchtgebiete und Moore mit Fahrzeugen, insbesondere mit schweren Panzern, nicht oder nur langsam durchqueren: Bei Kampfhandlungen können die Fahrzeuge befestigte Straßen daher schlechter verlassen und sind somit leichter abwehrbar. Dies war historisch relevant und spielt heute wieder eine zunehmende Rolle, in der Ukraine oder in Strategien zur Verteidigung Skandinaviens, Ost- und Südosteuropas gegen Bedrohungen aus Russland (Schneider et al., 2025; Schwägerl, 2025; Listopad, 2026). Gleichzeitig sind Feuchtgebiete und Moore von großer Bedeutung als Lebensräume und für den Biodiversitätsschutz, als Puffer für die Regulierung des Wasserhaushalts in Zeiten des Klimawandels sowie als Kohlenstoffspeicher (Kap. 1.4.1; Kasten 1.3-3; WBGU, 2024b). Grimes et al. (2024) schlagen ein „warfare ecology“-Konzept vor, um ökologische Belange in Feuchtgebieten vor, während und nach Konflikten zu berücksichtigen.

Gegenüber fossilen Energieträgern könnten hier aber potenzielle Vulnerabilitäten gemindert werden: Die internationalen Möglichkeiten zur Diversifizierung sind größer und die Transportwege oft kürzer, da diese

Energieträger vor allem in Ländern mit hohem Potenzial an erneuerbaren Energien hergestellt würden (wie ggf. auch energieintensive Vorprodukte wie Stahl und Basischemikalien oder Dünger; Verpoort et al., 2024).

Militär, Umwelt und Klima: hohe Schäden, einige Synergien

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Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor 1.3

1.3.1.2 Stromversorgung resilient gestalten Der Umstieg auf erneuerbare Energien in der Stromerzeugung kann dazu beitragen, die Stromversorgung resilienter gegenüber lokalen Disruptionen zu gestalten. Hierfür bietet es sich an, die geografisch unterschiedlichen Potenziale zur Energieerzeugung zu nutzen, indem der Ausbau der Übertragungsnetze vorangetrieben und beim Ausbau von erneuerbaren Energien und Speichern auf eine effiziente räumliche Verteilung geachtet wird, auf nationaler wie europäischer Ebene. P ­ hotovoltaikund Windkraftanlagen haben zudem den Vorteil, von lokaler Wasserknappheit, z. B. bei Dürren, in ihrer Funktion nicht beeinträchtigt zu werden, im Gegensatz zu fossil befeuerten Kraftwerken und Kernkraftwerken mit hohem Kühlwasserbedarf (Jin et al., 2019; ­Portugal-Pereira et al., 2024; WBGU, 2024b: 206 f.). Um die Effizienz des Energiesystems zu erhöhen und bei Störungen Schäden zu minimieren, sollte darüber hinaus stark in die Flexibilität auf der Verbrauchsseite investiert werden, was erfordert, stärkere Anreize für solche Investitionen zu schaffen. Dafür ist vor allem die beschleunigte Installation von Smart Metern eine „zentrale Grundlage“ (EWI und BET, 2025: 14). Für eine höhere Flexibilität im Stromsystem und Versorgungssicherheit ist auch eine verbesserte Integration weiterentwickelter Speichertechnologien in Systemplanung, Netzbetrieb, Preis- und Vergütungsmechanismen sinnvoll (Hirth und Lohr, 2025; Frontier Economics, 2025). Zum Beispiel wird der wichtige Beitrag von Batteriespeichern im Versorgungssicherheitsmonitoring der Bundesnetzagentur grundsätzlich anerkannt, allerdings bisher nicht adäquat in die Modellierung einbezogen (BNetzA, 2025). Die Modellierung ergibt dann einen erheblichen Bedarf an zentralen, steuerbaren Gaskraftwerken, die später ggf. mit Wasserstoff betrieben werden sollen (BNetzA, 2025). Bei besserer Berücksichtigung weiterer Flexibilitätsoptionen könnte der Bedarf ggf. niedriger ausfallen (Gatzen et al., 2025). Gleichzeitig kann die Dezentralität erneuerbarer Stromerzeugung genutzt werden, um die Wahrscheinlichkeit großflächiger Ausfälle bei physischen Störungen zu reduzieren. Bei extremen Wetterereignissen, Sabotage, Cyberattacken oder militärischen Angriffen kann es vorteilhaft sein, wenn Erzeugung und Speicherung von Energie, die Struktur der Stromnetze und ihre Steuerung dezentral angelegt sind, das heißt, auf einer Vielzahl verteilter Komponenten beruhen, da bei geeigneter technischer Ausgestaltung Ausfälle dann auf kleinere Teile des Systems beschränkt bleiben (Liu et al., 2020; IEA, 2020). Teilnetze können weiter stabil bleiben und dadurch volkswirtschaftliche Schäden verringert werden. Hierzu braucht es allerdings gezielte Investitionen in entsprechende Netz- und Insellösungen als mögliche

Rückfallebene (Liu et al., 2020; Xu et al., 2024; Blaabjerg et al., 2017). Dafür ist zum Beispiel der Werkzeugkasten für eine resilientere Stromversorgung relevant, der im BMFTR-geförderten RESIST-Projekt entwickelt wurde (Fraunhofer EMI et al., 2024). Die Ukraine setzt unter anderem vermehrt auf Micro­ grid-Strukturen, um die Energiesicherheit zu erhöhen. Insbesondere zur lokalen Energieversorgung kritischer Infrastrukturen werden dort oft lokale Netze mit kleineren verteilten Solaranlagen und Speichern installiert, da große Kraftwerke und Übertragungsnetze häufig Ziel russischer Angriffe sind und immer wieder ausfallen (Kostenko und Zaporozhets, 2023; Kasten 1.3-2). Errichtungs- und Systemkosten größerer Freiflächensolaranlagen sind zwar im ungestörten Betrieb oft günstiger als bei kleineren ­Anlagen (Fischedick und Samadi, 2026a). Bei der Gestaltung der Energiewende und den zugehörigen Vergütungen, Regularien und Förderungen sollte jedoch auch die höhere Resilienz kleiner, verbrauchsnaher Erzeugungssysteme berücksichtigt werden – neben den vermiedenen Flächenkonkurrenzen und der ­akzeptanzsteigernden Möglichkeit für Bürger, selbst zur Energiewende beizutragen (Teilgutachten 2; Fischedick und Samadi, 2026b). Doch nicht nur ein resilientes Systemdesign für den Störungsfall ist wichtig. Bei zunehmender Elektrifizierung der Energieversorgung gewinnen auch Vorkehrungen gegen Extremereignisse, Cyberangriffe und Sabotage weiter an Bedeutung. Denn durch die Dezentralisierung bieten digitale, vernetzte Steuerungs­systeme auch eine größere Angriffsfläche; risikosteigernd wirken ­zudem z. B. die Konvergenz von Daten- und physischen Steuerungssystemen, intransparente Lieferketten für Hard- und Software sowie die Nutzung von Cloud- und Satelliteninfrastruktur (Lazari, 2025; eurelectric, 2025; Kumar et al., 2025; IEA, 2020). EU-weite Ansätze wie die Cybersecurity-Verordnung (EU, 2024) bringen ­wichtige Verbesserungen – allerdings bestehen weiter Herausforderungen z. B. bei der gleichmäßigen Implementierung bzw. Umsetzung dieser Verordnung durch die Mitgliedstaaten, bei der Koordination zwischen Regulierern, S­ icherheitsbehörden, (Infrastruktur-)Unternehmen, Zivilschutz, Energie- und Telekommunikationssektor sowie bei Investitionen, Fachkräften und Informationsaustausch (Lazari, 2025; eurelectric, 2025). Neben Dezentralisierung und Cybersicherheit hat die Internationale Energieagentur acht weitere Empfehlungen für ein resilientes Energiesystem aus den Erfahrungen der Ukraine abgeleitet, darunter die Berücksichtigung von Resilienz in allen Planungsschritten, Schutz- und Abwehrmaßnahmen, Krisenreaktionskapazitäten inklusive rechtlich verankerter schneller Entscheidungsbefugnisse und -protokolle, Standardisierung und Lagerhaltung von kritischer Ausrüstung, Ersatzteilen und Energieträgern (IEA, 2026c).

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.3-2

Wiederaufbau von Schulen und Krankenhäusern, die von der russischen Aggression betroffen sind, durch Installation von Solarkraftwerken und Speichersystemen zu unterstützen (Energy Act for Ukraine Foundation, 2026). Die neu geschaffenen Energieerzeugungsanlagen müssen mindestens 70 km von der Front entfernt sein, arbeiten dezentral und sind aufgrund ihrer Batteriespeicher autark. Sie bieten gegenüber konventionellen Großkraftwerken eine deutlich verringerte Angriffsfläche. Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in den am stärksten kriegsbetroffenen Gemeinden erhalten von der Stiftung kosten­ lose Hybrid-Solarkraftwerke (Abb. 1.3-1). Energy Act for Ukraine bildet gezielt Frauen im Bereich Solarenergie aus, nicht nur, um den momentanen kriegsbedingten Mangel an männlichen Fachkräften auszugleichen. Ziel ist, auch langfristig den Frauenanteil in modernen Technologieberufen zu erhöhen und die Männerdominanz in Leitungspositionen zu verringern. Die Stiftung wird unter anderem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) und der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt. Auch die Initiative „Solar Aid for Ukraine“ startete 2022 mit dem Ziel, kritische Infrastrukturen mit Solarenergie zu versorgen, sodass sie selbst bei längeren Stromausfällen ihre Dienstleistungen aufrechterhalten können (Ecoclub, 2026). Insbesondere Kommunen werden dabei unterstützt, die lebensnotwendige Trinkwasserversorgung mittels Solaranlagen zu sichern, teilweise ergänzt um Speichersysteme. Ecoclub hat 2024 Photovoltaik mit einer Gesamtkapazität von 2.095 kW installiert.

Ecoclub und Energy Act for Ukraine: Dezentrale Ansätze für mehr Energiesicherheit in der Ukraine In der Ukraine zeigt sich aktuell, wie verletzlich zentrale Kraftwerke und Leitungsnetze gegenüber feindlichen Angriffen mit Waffen und Cyberattacken sind. Im ersten Jahr des russischen Großangriffs 2022 verlor die Ukraine die Hälfte ihrer steuerbaren Erzeugungskapazität, im Jahr 2024 erneut ein Viertel, und nur deutlich weniger als 10 % konnten seitdem wieder aufgebaut werden (IEA, 2025c). Im Februar 2026 sagte der ukrainische Präsident Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz, mittlerweile sei jedes Kraftwerk seines Landes beschädigt worden (Zelenskyy, 2026). Laut dem CEO des ukrainischen Energiekonzerns DTEK muss statt von einer Wiederherstellung des bisherigen Energiesystems eher von einem Neuaufbau gesprochen werden, mit dezentraler Erzeugung und Speicherung (Reuters, 2026). Bei einem Wiederaufbau mit dezentralen Lösungen ist ein hoher Anteil erneuerbarer Energien (vor allem Photovoltaik) und Speichern schon im Hinblick auf Investitions- und Betriebskosten am günstigsten (IEA, 2024), hinzu kommt die erhöhte Resilienz bei Knappheit fossiler Brennstoffe (etwa für kleine Gasturbinen) und zerstörter Verteilungsinfrastruktur. Auch private Initiativen treiben den Aufbau dezentraler Lösungen mit erneuerbaren Energien voran. Die Stiftung Energy Act for Ukraine wurde im April 2022 gegründet, um den

Energieprojekte von Energy Act for Ukraine

WAS WURDE GETAN?

3.022

Energy Act for Ukraine

Solarmodule

2.030 kwh insgesamt installierte Speicherkapazität

≈ 21.697 t CO2 Emissionen werden in 25 Jahren eingespart

WAS HAT ES BEWIRKT?

36 Anlagen

11 Regionen

≈ 2,1 Mio. direkt Begünstigte

bis zu

10 h

Blackout-Abdeckung*

1.527 kw

≈ 2.000

installierte Kapazität von Solaranlagen

Kinder mit Schulbildung

Stand Dez. 2025

Abbildung 1.3-1 Solaranlagen steigern die Sicherheit der ukrainischen Energieversorgung. Wie die Grafik zeigt, hat die Stiftung bis Ende 2025 Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 1.527 kW und Batteriespeicher mit einer Gesamtkapazität von 2030 kWh neu installiert, von denen rund 2,1 Mio. Menschen profitierten. * Die Blackout-Abdeckung variiert projektabhängig. Quelle: Energy Act for Ukraine Foundation, 2026

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Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor 1.3

Insgesamt kann also eine Umstellung auf ein Energiesystem, das auf erneuerbaren Energien basiert und Sicherheitsaspekte mitberücksichtigt, die Versorgungssicherheit und Resilienz steigern, Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern reduzieren oder stoppen und dadurch geopolitische Handlungsspielräume neu eröffnen.

1.3.1.3 Energiepolitik geopolitisch abwägen Sofern noch fossile Brennstoffe importiert werden, sollte dies stärker mit geopolitischen (Sicherheits-)Interessen Europas bei der Unterstützung von Niedrigeinkommensländern sowie mit Strategien zum weltweiten Ausstieg aus fossilen Energieträgern verzahnt werden. Die Abhängigkeit von aggressiven autokratischen Staaten wie Russland, die ihre Nachbarn und europäische Interessen bedrohen, wird bereits abgebaut (Eurostat, 2026). Gelingt es dadurch, die Ressourcenrenten autokratischer Staaten zu reduzieren, würde das diese Regime schwächen. Ressourcenrenten machen im Schnitt mehr als 12,5 % des Bruttoinlandsprodukts autokratischer Länder aus, gut zehnmal mehr als in demokratischen Ländern; die elf Länder mit dem höchsten Anteil fossiler Ressourcen sind Autokratien (Edenhofer et al., 2023; Beaufils et al., 2025). Beaufils et al. (2025) weisen zudem auf geopolitische Externalitäten einer Minderung der Einnahmen aus Erdöl hin. So würde beispielsweise ein Rückgang der Einnahmen Russlands aus dem Verkauf von Erdöl nicht nur die Staatseinnahmen des Landes reduzieren, sondern könnte in der Folge auch die Höhe der nötigen EU-Unterstützung für die Ukraine reduzieren. Allerdings ist auch eine Reihe von Niedrigeinkommensländern aktuell noch auf Einnahmen aus Erdöl- und Erdgasförderung angewiesen, um Armut zu bekämpfen und ihre Wirtschaft zu entwickeln. Diese Länder sollten beim Aufbau einer fossilfreien eigenen Energieversorgung basierend auf Erneuerbaren, Elektrifizierung und alternativen Exportgütern unterstützt werden. Dies könnte mit Beiträgen zu einer Roadmap zum Ausstieg aus fossilen Ressourcen verbunden werden, etwa im Rahmen des während der Klimakonferenz 2025 in Belém initiierten Prozesses (TAFF, 2026), und an einen Verzicht auf die weitere Exploration fossiler Energieträger geknüpft werden, da bereits jetzt die Förderung von wesentlich mehr Kohle, Öl und Gas geplant ist, als mit einer Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 °C oder 2 °C kompatibel wäre (SEI, 2025).

1.3.2 CO2-Entfernung aus der Atmosphäre Für den Klimaschutz sind drei konzeptionell verschiedene Herangehensweisen zu unterscheiden: Erstens die Minderung bzw. Vermeidung von Emissionen, zweitens

der Schutz der natürlichen Senken und ihrer Fähigkeit, CO2 aufzunehmen, zu binden und physikochemisch gelöst oder als organischen Kohlenstoff zu speichern (Kasten 1.3-3) sowie drittens die gezielte Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und seine anschließende möglichst langfristige Speicherung. Die gezielte CO2-Entfernung aus der Atmosphäre wird auch als carbon dioxide removal (CDR) oder negative Emissionen bezeichnet (Fuss et al., 2018; Canadell et al., 2021: 755). CDR ist zunehmend Gegenstand politischer Diskussionen: zum einen, weil die Temperaturziele des Pariser Übereinkommens kaum noch ohne CDR erreichbar sind, zum anderen, weil abgesehen von der Stärkung natürlicher Senken alle CDRMethoden erhebliche, wenn auch sehr unterschiedliche Nebeneffekte haben (Canadell et al., 2021: 678 f.). Ein verantwortungsvoller Umgang mit CDR, der ausreichend Anreize für die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre schafft, um gefährliche Klimaauswirkungen zur vermeiden, und dabei gleichzeitig verhindert, dass durch CDR neue intolerable Risiken entstehen, ist aus Sicht des WBGU ein wichtiger Baustein einer sicheren Zukunft. Um den Temperaturanstieg der Atmosphäre aufzuhalten, ist es erforderlich, die CO2-Emissionen netto auf null zu bringen (Palazzo Corner et al., 2023). Das heißt: CO2-Emissionen müssen so weit möglich in Richtung null abgesenkt werden. Noch verbleibende CO2-Emissionen, die nicht vermieden werden können, müssen durch CDR-Maßnahmen kompensiert werden – es muss also in diesem Fall aktiv durch den Menschen CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden, um netto null zu erreichen (IPCC, 2023: 85; Allen et al., 2025; Smith et al., 2024). Brunner et al. (2024) argumentieren, dass eine Speicherdauer von mindestens 1.000 Jahren für das aus der Atmosphäre entfernte CO2 notwendig ist, um verbleibende CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern wirksam zu kompensieren. Auch der fortdauernde Beitrag der biologisch/physiologischen Senken und damit ein umfassender Schutz von Ökosystemen ist sehr relevant für die langfristige Klimaentwicklung – allerdings ist nur ihre aktive Stärkung, d. h. die Erhöhung ihrer CO2-Bindungs- und Speicherkapazität, ein Beitrag zu CDR. Weder natürliche noch technische Möglichkeiten stehen in ausreichender Dimension zur Verfügung, um fortdauernde hohe Emissionen zu kompensieren – eine weitgehende Absenkung der Emissionen in Richtung null ist daher in jedem Fall Voraussetzung, um den Klimawandel aufzuhalten. Sollte es nach einer starken Reduktion der CO2-Emissionen zukünftig gelingen, der Atmosphäre durch CDR mehr CO2 zu entziehen als an CO2-Emissionen eingetragen wird, wäre es zudem denkbar, die global gemittelte Temperatur wieder zu senken (IPCC, 2023: 87). Um durch eine Abkühlung die langfristigen Erdsystemrisiken und ihre Auswirkungen auf Mensch und Natur zu mindern,

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.3-3

Verschiedene natürliche Prozesse tragen aktuell dazu bei, dass nur ein Teil der von Menschen in die Atmosphäre eingetragenen CO2-Emissionen dort verbleibt. Derzeit betragen die jährlichen anthropogenen CO2-Emissionen ca. 42,4 Mrd. t CO2 pro Jahr, von denen etwa die Hälfte in der Atmosphäre bleibt, während der Rest vom Ozean und vom Land aufgenommen wird. Der Landsektor nahm zwischen 2015 und 2024 mit jährlich 8,4 Mrd. t CO2 etwa 21 % der anthropogenen Emissionen auf, der Ozean 29 % (Land- und Ozeansenke; Friedlingstein et al., 2026). Seit Beginn der Industrialisierung ist der CO2-Gehalt in der Atmosphäre durch die anthropogenen Emissionen um 52 % gestiegen und im Jahr 2025 erreichte er 426 ppm. Dieser CO2-Anstieg in der Atmosphäre ist der Haupttreiber für die CO2-Aufnahme durch Land- und Ozeansenken, die bisher auch mit zunehmender CO2-Konzentration gewachsen sind: Der steigende CO2-Gehalt der Atmosphäre führt u. a. zu verstärktem Pflanzenwachstum (CO2-Düngung) und einer vermehrten Lösung von CO2 im Meerwasser. Es handelt sich bei der Landund Ozeansenke also um biogeochemische bzw. physikalische Reaktionen auf den steigenden CO2-Gehalt der Atmosphäre. Diese „natürliche“ Pufferfunktion von Land und Ozean ist jedoch nicht langfristig garantiert und auch nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten – z. B. führt der Eintrag von CO2 in den Ozean zur Ozeanversauerung (Canadell et al., 2021: 677). Gleichzeitig mindert der Klimawandel die Aufnahmekapazität der natürlichen Senken (Duffy et al., 2021). Aufgrund der Wirkungen des Klimawandels sowie durch klimatische Variabilität und Ökosystemzerstörung ist die Senkenfunktion in der letzten Dekade bereits um 25 % (Land) und 7,9 % (Ozean) gesunken (Friedlingstein et al., 2026). Nach 2100 könnten Land und

Ozean durch Mobilisierung der Kohlenstoff- und CO2-Speicher sogar zu CO2-Quellen werden, und zwar sowohl im Fall sehr hoher Emissionen als auch im Fall netto negativer Emissionen (Canadell et al., 2021: 677). Klar ist jedoch: Die Biosphäre nimmt eine wichtige Rolle im Klimasystem und beim Klimaschutz ein, indem sie über die Photosynthese kontinuierlich CO2 aus der Atmosphäre aufnimmt und in organisches Material umwandelt, so die Landsenke und Teile der Ozeansenke ermöglicht und dabei auch einen Teil des Kohlenstoffs in langfristige Reservoire überführt – letzteres geschieht insbesondere, wenn der Kohlenstoff von Sauerstoff abgeschlossen wird, etwa in Mooren und marinen Küstenökosystemen (Philben et al., 2014; EMB – European Marine Board, 2023). Der Schutz noch funktionierender Ökosysteme ist daher auch ein Beitrag, die fragile terrestrische Landsenke nicht noch weiter zu schwächen. Durch Renaturierung könnte im Gegenteil die natürliche CO2-Senke gestärkt und langfristig erhalten oder sogar im Sinne von CDR erhöht werden (Tab. 1.3-1). Allerdings werden die Raten der CO2-Aufnahme durch die Ökosysteme bei abnehmenden CO2-Anstiegen und schließlich konstanten oder sogar fallenden CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre bei Weitem nicht mehr so hoch sein wie aktuell. Der WBGU empfiehlt, den Schutz von Ökosystemen ganzheitlich anzugehen und die Belange des Biodiversitätsschutzes zu integrieren. Das bedeutet, nicht nur solche ­Ökosysteme zu schützen, die besonders hohe CO2-Speicherkapazitäten haben, sondern solche auch nicht zu vernachlässigen, die nicht zum Klimaschutz beitragen. So sind etwa Korallenriffe Netto-­CO2Emittenten, und ihr Absterben könnte die CO2-Aufnahme durch den Ozean erhöhen und so dem Klimawandel entgegen­ wirken (Planchat et al., 2025). Dies kann aber kein Grund sein, sie nicht zu schützen. Das Beispiel macht deutlich, dass es nicht erstrebenswert sein kann, die Biosphäre auf maxi­ malen ­Klimaschutz hin auszurichten, sondern dass der Fokus des Klimaschutzes die Vermeidung anthropogener Emissionen sein muss.

wäre eine kontinuierliche, möglicherweise Jahrhunderte andauernde CO2-Entnahme aus der Atmosphäre erforderlich (Gasser et al., 2026). Ob eine solche Rückführung der Temperatur überhaupt möglich und praktikabel wäre und welche Änderungen des Klimasystems reversibel wären, ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen (Schleussner et al., 2024). Abzusehen ist jedenfalls, dass mit zunehmenden Klimaauswirkungen auch das Inte­ resse an CDR und ggf. anderen Optionen großskaliger Eingriffe in das Klimasystem, z. B. Modifikationen der Sonneneinstrahlung, steigen wird. Die mit ihnen verbundenen Kontroversen und Risiken bekommen damit auch eine zunehmende geopolitische Relevanz. Carbon dioxide removal (CDR) umfasst grundsätzlich zwei Schritte: (1) den Entzug von CO2 aus der Atmosphäre sowie (2) die möglichst langfristige Speicherung des Kohlenstoffs. Der Entzug kann entweder über Photosynthese (Wachstum von Pflanzen und anderen

Primärproduzenten wie Cyanobakterien oder Algen), anorganische Reaktionen (Verwitterung) oder technische Verfahren erfolgen. Die Speicherung des Kohlenstoffs erfolgt entweder in Ökosystemen als terrestrische und marine Biomasse und organische Ablagerung in Böden und marinen Sedimenten oder in mineralischen Verbindungen bzw. gasförmig als CO2 in geologischen Formationen (Friedlingstein et al., 2026; Royal Society, 2018: 20 f.; WBGU, 2020: 54). Eine einheitliche Kategorisierung der verschiedenen Methoden existiert nicht; alle Verfahren sind jedoch unterschiedlichen Limitierungen, teilweise erheblichen Risiken oder Unsicherheiten unterworfen (WBGU, 2020: 55 ff.; Shindell und Rogelj, 2025; Tab. 1 ­ .3-1), so dass sie insgesamt nicht geeignet sind, fortdauernd hohe Emissionen zu kompensieren. Eine schnelle, umfassende Reduktion von CO2-Emissionen ist daher eine Vorbedingung für einen verantwortlichen Einsatz von CDR. Dies reduziert

Ökosystemschutz und -renaturierung als eine Voraussetzung für Klimastabilisierung und globale Abkühlung

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Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor 1.3

sowohl die Risiken des Klimawandels als auch die Notwendigkeit des Einsatzes von CDR-Maßnahmen mit ihren jeweiligen Risiken. Der WBGU empfiehlt daher übergreifend, Emissionsminderungsziele von Zielen für CDR zu trennen und auch bei den CDR-Methoden untereinander zu differenzieren (Pongratz et al., 2026; ESABCC, 2024). Tabelle 1.3-1 gibt einen Überblick über ausgewählte CDR-Methoden und ihre Eigenschaften. CDR sollte in Strategien zur Erreichung von Netto-nullEmissionen zudem nicht vorgesehen werden, um fortdauernde Emissionen aus leicht zu dekarbonisierenden Sektoren (z. B. Elektrizität) zu kompensieren, sondern ausschließlich für die Kompensation von Emissionen aus schwierig zu dekarbonisierenden Sektoren oder für die Erreichung netto-negativer CO2-Emissionen eingesetzt werden (Shindell und Rogelj, 2025). Die Nutzung von CCS (Carbon dioxide Capture and Storage), um zu verhindern, dass CO2-Emissionen aus Punktquellen wie Kraftwerken oder großen Industrie­ betrieben in die Atmosphäre gelangen, ist für sich genommen keinen Beitrag zu CDR. Entsprechend sollte reines CCS prioritär für schwierig zu dekarbonisierende Sektoren genutzt werden, da es mit bestimmten CDRMethoden wie BECCS (Bioenergie mit CCS) oder DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage) um die verfügbaren langfristigen Speicherstätten für CO2 konkurriert (Gidden et al., 2025). Derzeitige Kapazitäten, CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zu entfernen, liegen erst bei etwa 1 Mio. t CO2 jährlich, überwiegend in Form von BECCS (IEA, 2025b: 325). Ausweitungen der Kapazitäten sind geplant, liegen aber weit unter den Projektionen erforderlicher Entnahmeraten zur Erreichung der Klimaziele (IEA, 2025b: 325). Eine unkontrollierte Skalierung von CDR kann zudem je nach Methode erhebliche negative Umweltauswirkungen haben. Für eine sichere Zukunft ist es daher entscheidend, die CO2-Entnahme verantwortlich zu gestalten: Es müssen einerseits Anreize geschaffen werden, ausgewählte CDR-Verfahren zu erproben, weiterzuentwickeln und einzusetzen, anderseits müssen gleichzeitig politische, regulatorische und technologische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Risiken zu minimieren. Essenziell ist die Vermeidung ökologischer Schäden. Der WBGU empfiehlt, insbesondere auf solche Optionen zu verzichten, die mit großskaligen oder irreversiblen Eingriffen in Lebensräume und natürliche Ökosysteme verbunden sind (z. B. Ozeanalkalisierung). Dies betrifft auch großskalige Aufforstung und potenziell BECCS, sofern eigens angebaute Bioenergiepflanzen verwendet werden und dies direkt oder indirekt zu einer Ausweitung von Agrarflächen auf Kosten von Wäldern oder Savannen führt. Insbesondere landbasierte Ansätze wie Aufforstung (z. B. von Savannen) oder BECCS unter Verwendung

eigens angebauter Pflanzen können auch zu Konflikten über Land- und Wassernutzung beitragen (Smith et al., 2016; WBGU, 2020; Pörtner et al., 2021). Der WBGU hat in vergangenen Gutachten ausführlich auf die Risiken einer Expansion der Bioenergienutzung z. B. durch indirekte Landnutzungsänderungen hingewiesen (WBGU, 2009). Dooley et al. (2024) warnen, dass die von den Staaten angekündigten CDR-Maßnahmen eine geschätzte Fläche von 1 Mrd. Hektar benötigen könnten; das entspricht einer Fläche größer als die USA bzw. zwei Dritteln der globalen Ackerfläche im Jahr 2020. 40 % davon wären mit einer Konversion bestehender Landnutzungen in Wälder oder Energiepflanzen verbunden. Ökosystembasierte Ansätze wie Renaturierung oder verbesserte landwirtschaftliche Bewirtschaftungsmethoden gelten dagegen als unkritisch und gut erprobt, mit potenziell hohem Begleitnutzen für den Biodiversitätsschutz. Ein Schwachpunkt in Bezug auf die Klimawirkung ist hier jedoch die Permanenz, d. h. die tatsächliche Speicherungsdauer des Kohlenstoffs, die nicht zuletzt auch durch die Auswirkungen des Klimawandels beeinträchtigt wird (WBGU, 2020, 2021). Neben der Vegetation sind Speicher organischer Substanz in Böden und Sedimenten nicht nur vor menschlichen Eingriffen zu schützen, sondern als Beitrag zu CDR zu stärken, um fortgesetzte Einlagerung zu ermöglichen. Mit der Ausweisung großflächiger borealer Urwälder kann die Kohlenstoffspeicherfähigkeit dieser Waldflächen nach Beendigung der Bewirtschaftung um mehr als 70 % gesteigert werden (Pascual et al., 2026). Theoretisch vielversprechend mit potenziell geringen negativen Auswirkungen auf Ökosysteme wäre dagegen DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage), bei dem CO2 technisch aus der Umgebungsluft gefiltert und anschließend eingelagert wird. Schwachpunkt sind hier hohe Kosten und der sehr hohe Energiebedarf (IEA, 2025b). Aufgrund der geringen CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist die technische Entfernung des Gases von dort grundsätzlich sehr viel schwieriger und energetisch aufwändiger als etwa die Entfernung von CO2 aus dem Abgasstrom eines Kraftwerks – ob zukünftige technische Durchbrüche eine Skalierung von DACCS erlauben, ist daher unklar. Mit zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels ist damit zu rechnen, dass Staaten neben CDR auch ein Interesse an anderen großskaligen Eingriffen in das Klimasystem entwickeln, um die Temperatur zu senken – z. B. der direkten Abschirmung der Sonneneinstrahlung (solar radiation management/modification, SRM). Es handelt sich hierbei größtenteils um theoretische Ansätze, nicht um anwendungsreife Methoden (Bronkalla et al., 2025). Die damit verbundenen Sicherheitsrisiken sollten antizipiert und erforscht werden (Biermann et al., 2022; Sovacool et al., 2023). Diese Sicherheitsrisiken

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1 Umwelt prägt Sicherheit CO2-Entfernung aus der Atmosphäre – ausgewählte Methoden CDR-Methode

Eigenschaften

Risiken

Empfehlung

Renaturierung kohlenstoffspeichernder Ökosysteme und Steigerung ihrer Speicherfähigkeit (z. B. Wiederaufforstung, Moorwiedervernässung, Ausweisung von Urwäldern)

Sofort einsetzbar; Synergien mit Biodiversitätsschutz möglich und sinnvoll; viele Ökosysteme erreichen eine Sättigung der Speicherfähigkeit

Permanenz der Speicherung durch menschliche Eingriffe sowie natürliche Ereignisse wie Dürren und Feuer bedroht; Klimawandel wirkt sich negativ auf die Speicherung aus

Empfehlenswert; auf Synergien mit Biodiversitätsschutz und soziale Schutzmaßnahmen (Safeguards) sowie konflikt­sensible Umsetzung achten; eingeschränkte Permanenz beachten

BECCS (Bioenergie mit CCS): Energetische Nutzung von Biomasse mit Abscheidung und anschließender Einlagerung des CO2 aus dem Abgasstrom

Teilmethoden erprobt; konkurriert mit Biofuels um Biomasse; permanente Speicherung möglich, Konkurrenz mit CCS aus Verbrennung fossiler Energieträger um sichere CO2-Speicher möglich

Bei Nutzung von Energiepflanzen Risiken durch Landnutzungskonkurrenzen sowie Emissionen aus indirekten Landnutzungsänderungen

Nicht auf Basis von Energiepflanzen ausweiten; bei Nutzung von Reststoffen Konkurrenz mit Biofuels (und Ökosystemerfordernissen) beachten; begrenzte geologische Speicherkapazität beachten; verbindliche Safeguards zum Schutz der Rechte der lokalen Bevölkerung sowie konfliktsensible Umsetzung

Aufforstung

Konkurrenz mit ursprünglichen Ökosystemen; Verlust ihrer Eigenschaften (z. B. Savannen); Neigung zu Monokulturen

Permanenz der Speicherung durch menschliche Eingriffe und Klimawandel bedroht; extrem flächenintensiv; Landnutzungs­ konkurrenzen; hoher Wasserbedarf; Emissionen aus indirekten Landnutzungs­ änderungen; Albedo­ veränderungen

Eher nicht empfehlenswert

DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage): technische Filterung von CO2 aus der Umgebungsluft mit anschließender Einlagerung

Wenig flächenintensiv, Energieintensiv permanente Speicherung möglich, Skalierungs­ möglichkeit allerdings noch unklar; Konkurrenz mit CCS aus Verbrennung fossiler Energieträger um sichere CO2-Speicher möglich

Ozean CDR (mCDR): Eisendüngung, künstlicher Auftrieb

Technische Nutzung ­erzeugter Algenblüten und biologischer Pumpe

Eher nicht empfehlenswert Permanenz der Speicherung durch Ozeanströmung und Auftrieb reduziert; Sauerstoffzehrung und -mangel bedroht tiefe Ökosysteme

Ozean CDR (mCDR): Alkalisierung durch großskalige Ausbringung von Karbonaten, Silikaten

Hohe Speicherkapazitäten; permanente Speicherung möglich; irreversible Veränderung der Meereschemie

Großskalige und langfristige Auswirkung auf Ökosysteme und Biodiversitätsveränderungen unklar; großskalige Bergbauakti­ vitäten an Land vernichten Landschaften und terrestrische Ökosysteme

Technisch weiterent­ wickeln (Energie, Materialien); ­begrenzte geologische Speicherkapazität ­beachten

Eher nicht empfehlenswert

Tabelle 1.3-1

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Ausgewählte Carbon-Dioxide-Removal-Methoden (CDR), ihre Eigenschaften und Herausforderungen (stark vereinfacht). mCDR (marine Carbon Dioxide Removal) bezeichnet Methoden, um die Menge an CO2 zu erhöhen, die der Ozean aus der Atmosphäre aufnimmt. Quelle: WBGU auf Basis von WBGU, 2020, 2021; Pörtner et al., 2021; Brun et al., 2026


Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz 1.4

umfassen Haftungsfragen bei regional unterschiedlichen Auswirkungen, strategische Instrumentalisierung von SRM sowie Governance- und Kontrollprobleme bis hin zum „Abbruchs-Schock“, falls es nach jahrelanger Anwendung zu einer schnellen Erwärmung kommt (Sovacool et al., 2023; Bronkalla et al., 2025). Auch werfen SRM und andere technologische Eingriffe zahlreiche soziale und Gerechtigkeitsfragen auf: Welche Länder und Weltregionen entscheiden über den Einsatz? Gibt es die Möglichkeit für einzelne Staaten, ein Veto gegen Projekte einzulegen, die global wirken, aber potenziell auf unterschiedliche Art und Weise? Welche sozialen Gruppen sind am ehesten von Risiken betroffen? Vielfach wird daher vorgeschlagen, ein internationales NichtNutzungsabkommen für Solar Radiation Management anzustreben (Bronkalla et al., 2025; Biermann et al., 2022). Auch der WBGU empfiehlt, aus Vorsorgegründen auf einen Einsatz von SRM zu verzichten.

1.4 Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz

Wasser- und Luftreinigung, und indirekt, z. B. über CO₂-Speicherung, Bodenfunktionen für Ernährungssicherheit und weitere Ökosystemleistungen. Global relevante Beispiele hierfür sind die Wälder im Amazonas und Kongo. Einer Metastudie zufolge können Wälder die Wahrscheinlichkeit und Intensität verschiedener Gefahrenereignisse wie Überschwemmungen, Erdrutsche, Lawinen, Stürme oder Dürre je nach Region in Einzelfällen um bis zu 92 % reduzieren (Ashrafizadeh und Yousefpour, 2025). Daher bedarf der Begriff des Bevölkerungsschutzes einer Erweiterung: Er sollte dringend auch Maßnahmen zur Milderung (schleichender) Umweltveränderungen mit katastrophalen Folgen und daraus folgenden sozioökonomischen Konsequenzen der betroffenen Bevölkerung umfassen. Hierzu schlägt der WBGU vor, die Funktion der natürlichen Infrastruktur für den nationalen Bevölkerungsschutz nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu stärken. Dafür werden zunächst der Begriff der natürlichen Infrastruktur und ihre Funktion für den Bevölkerungsschutz erläutert (Kap. 1.4.1) sowie mögliche Verankerungspunkte in globalen und nationalen Ansätzen aufgezeigt (Kap. 1.4.2). Vor diesem Hintergrund empfiehlt der WBGU, besonders schützenswerte Flächen als im überragenden öffentlichen Interesse liegend gesetzlich auszuweisen und dadurch gegenüber anderen Belangen in Schutzgüterabwägungen entsprechend zu priorisieren (Kap. 1.4.3). Zur weiteren Stärkung natürlicher Infrastruktur macht der WBGU Finanzierungsvorschläge (Kap. 1.4.4). Notwendig sind außerdem Frühwarnsysteme, die vor der Erosion natürlicher Infrastruktur warnen und vorausschauendes Handeln ermöglichen (Kap. 1.4.5). Eine höhere Sensibilisierung relevanter Akteure für Katastrophenvorsorgefunktionen der natürlichen Infrastruktur sowie ein gestärktes Ehrenamt sieht der WBGU als eine weitere Grundvoraussetzung für erfolgreichen Bevölkerungsschutz und damit für Sicherheit im Kontext globaler Umweltveränderungen (Kap. 1.4.6).

Bevölkerungsschutz ist ein essenzielles Element der Sicherheitspolitik. Er umfasst in Deutschland alle Aufgaben und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Katastrophen und anderen schweren Notlagen (BBK, o. J.). Bevölkerungsschutz bedarf eines staatlich organisierten Systems, das Maßnahmen zur Vorsorge, Bewältigung und Nachbereitung von Gefahrenlagen beinhaltet. Er gliedert sich in Zivilschutz und Katastrophenschutz. Der Zivilschutz (§ 1 Abs. 1 ZSKG: Deutscher Bundestag, 1997) zielt auf den Schutz der Bevölkerung im Verteidigungsfall, insbesondere darauf, ihre Wohnungen, Arbeitsstätten und Kulturgüter vor bevorstehenden kriegsbedingten Auswirkungen zu schützen. Er liegt in der Kompetenz des Bundes und umfasst alle nicht militärischen Maßnahmen des Bundes. Aktuell stärkt Deutschland aufgrund des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine insbesondere den Zivilschutz. Katastrophenschutz zielt auf die Gefahrenabwehr in Friedenszeiten, z. B. bei Hochwasser, Sturm oder Erdbeben, und obliegt den Ländern und Kommunen 1.4.1 (BBK, o. J.). Durch Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Bedeutung und Funktion Landdegradation und Verschmutzung nehmen sowohl kurzfristige Gefahren auch als auch die schleichende Im Rahmen einer nachhaltigen und integrierten SicherBedrohung der Bevölkerung zu. Dazu zählen etwa das heitspolitik kommt der Zulassung, Errichtung und Erhalimmer häufigere Auftreten extremer Hitzewellen oder tung kritischer Infrastruktur (KRITIS) eine Schlüsselrolle langanhaltende Trockenheit, die die Gesundheit und Er- für die Daseinsvorsorge und den Bevölkerungsschutz nährungssicherheit negativ beeinträchtigen und in einer zu. Vorhaben wie der Aus- und Neubau grauer Infrawachsenden Zahl von Hitzetoten resultieren (Kap. 1.1). struktur dienen u. a. der Vorsorge vor kriegsbedingten Sowohl gegen kurzfristige Gefahren als auch gegen Notsituationen. So stuft beispielsweise der Entwurf eines schleichende Bedrohungen können Ökosysteme als „Infrastruktur-Zukunftsgesetzes“ Verkehrsinfrastruktur multifunktionale Schutzinfrastruktur wirken – direkt, als „zentral für [...] unser sicherheitspolitisches Fundaz. B. durch die physische Barrierewirkung, Hitzeschutz, ment und damit für die Verteidigungsfähigkeit und den

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Schutz von Leib und Leben“ ein (Deutscher Bundestag, 2026: 1). Doch nicht nur die graue Infrastruktur ist wichtig. Auch der Schutz und die Wiederherstellung der natürlichen Ökosysteme in ihrer Funktion als natürliche Lebensgrundlage und als Puffer z. B. gegen Hitzewellen, Pandemien oder Extremereignisse dienen dem Bevölkerungsschutz. Eine in dieser Weise wirksame natürliche Infrastruktur sollte als Bestandteil der kritischen Infrastruktur gesetzlich verankert werden. Im Unterschied zur grauen Infrastruktur, die technische, bauliche Anlagen wie Straßen, Schienen, Brücken, Energie- und Wasserversorgungsnetze sowie Abfallentsorgungseinrichtungen umfasst, wird natürliche Infrastruktur international in erster Linie als grüne und blaue Infrastruktur verstanden, dazu gehören z. B. Flüsse, Wälder und andere Ökosysteme (Silva und Wheeler, 2017; McKay et al., 2023; IPBES, 2019). Die natürliche Infrastruktur erbringt Ökosystemleistungen und bildet somit die Grundlage für naturbasierte Lösungen (Naturebased Solutions, NbS). Darüber hinaus kann sie Beiträge zu ökosystembasierter Katastrophenvorsorge leisten (Ecosystem-based Disaster Risk Reduction, Eco-DRR; Kasten 1.4-1). In Deutschland prägt der Begriff der natürlichen Infra­ struktur den Titel eines im März 2026 von Bundes­ umweltminister Carsten Schneider angekündigten „Gesetzes zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur“ (BMUKN, 2026). Danach bezeichnet natürliche Infra­ struktur insbesondere Schutzgebiete, Biotop- und Lebensraumverbünde sowie intakte Ökosysteme, z. B. gesunde Böden, klimafeste Wälder, nasse Moore oder renaturierte Oberflächengewässer und Auen. Der WBGU folgt der internationalen Diskussion und bezieht den Begriff nicht nur auf besonders schützenswerte Flächen im Freiraum, sondern auch auf

Kasten 1.4-1

Naturbasierte Lösungen und ökosystembasierte Katastrophenvorsorge Naturbasierte Lösungen (NbS) Naturbasierte Lösungen werden von der Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) definiert als „Maßnahmen zum Schutz, zur Erhaltung, zur Wiederherstellung und zur nachhaltigen Bewirtschaftung natürlicher oder veränderter terrestrischer, Süßwasser-, Küsten- und Meeresökosysteme, die soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen wirksam und anpassungsfähig angehen und gleichzeitig zum menschlichen Wohlbefinden, zu Ökosystemleistungen, zur Widerstandsfähigkeit und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beitragen“ (UNEA, 2022: 2, eigene Übersetzung).

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Grünflächen und Gewässer in Siedlungs- und Landschaftsräumen sowie auf Meeresgewässer und deren Bestandteile (u. a. Warmwasserkorallenriffe). Der WBGU definiert daher natürliche Infrastruktur als Ökosysteme, die Funktionen des Bevölkerungsschutzes erfüllen. Dazu gehören vor allem Flächen von besonderer Bedeutung für Naturschutz- und Landschaftspflege, die sowohl in Siedlungs- als auch in Freiräumen liegen können. Die natürliche Infrastruktur dient dem Bevölkerungsschutz (Abb. 1.4-1), indem sie > vor Extremereignissen schützt, z. B. durch Wasserrückhalt, Erosions- und Küstenschutz in Form von Auen und Wäldern, einschließlich Mangroven, > vor militärischen Angriffen durch Errichtung physikalisch-natürlicher Barrieren schützt, z. B. durch wiedervernässte Feuchtgebiete, die einen schnellen Vormarsch schwerer Militärfahrzeuge und Kampfpanzer erschweren oder verhindern, > Ernährungsunsicherheit und Wasserunsicherheit etwa durch Erosionsschutz, Wasserrückhalt und Bestäubungsleistungen verringert, > vor akuten Gesundheitsgefahren infolge klimawandelbedingter Hitzeereignisse durch Kühlung und Wasserrückhalt (auch zur Trinkwasserbereitstellung) schützt, > präventiven Gesundheitsschutz leistet und z. B. durch Biodiversitätserhalt vor Pandemien und weiteren vektorübertragenen Krankheiten schützt, > vor dem Verlust langlebiger und hoch konzentrierter organischer Kohlenstoffspeicher schützt (Moore, Seegraswiesen, Mangroven, Watten und Meeressedimente, Urwälder mehr als bewirtschaftete Wälder; Kap. 1.3.2). Viele Beispiele und Studien belegen, wie natürliche Infrastruktur multifunktional vor Katastrophen schützt: In Küstenregionen kann z. B. die Erhaltung und

Ökosystembasierte Katastrophenvorsorge (Eco-DRR) Der Begriff Ecosystem-based Disaster Risk Reduction (EcoDRR), oder auch ökosystembasierte Katastrophenvorsorge, wird insbesondere vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und dem Büro der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Katastrophenrisiken (UNDRR) verwendet und geht auf Ansätze der ökosystembasierten Klimaanpassung (Ecosystem-based adaptation, EbA) und Katastrophenvorsorge zurück. Eco-DRR kann als Anwendung von NbS mit speziellem Fokus auf die Katastrophenvorsorge (Disaster Risk Reduction; DRR) und die Erhöhung der Resilienz gesehen werden: Durch natürliche Pufferfunktionen von Ökosystemen, z. B. bei Überschwemmungen, Stürmen oder Hitze, werden die Anfälligkeit für Gefahren reduziert und Lebensgrundlagen erhalten und gestärkt (Sudmeier-Rieux et al., 2025; UNDRR, 2020; Joseph et al., 2024).


Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz 1.4

die Wiederherstellung von Mangrovenwäldern Erosion und Überflutungen abschwächen (Duvat et al., 2025; Paxton et al., 2024; Morris et al., 2022; Menendez et al., 2020). Dies sichert auch die Wasserversorgung, wenn Überschwemmungen oder der Anstieg des Meeresspiegels bestehende Trinkwasserreservoire oder Bewässerungssysteme für Felder zu versalzen drohen (Reef und Lovelock, 2015; Siriwardane-de Zoysa et al., 2021). Eine Mangrovenstrecke von 100 m kann die Höhe von Windund Seegangswellen um bis zu 66 % reduzieren und so

bewohnte Gebiete schützen und Land sichern (McIvor et al., 2012). Gleichzeitig tragen Mangrovenwälder zur Kohlenstoffspeicherung bei und schaffen Lebensgrundlagen für lokale Bevölkerungsgruppen, z. B. in den Sundarbans im Ganges-Brahmaputra-Delta an der Grenze zwischen Indien und Bangladesch (Hilmi et al., 2025) oder im Golf von Guayaquil in Ecuador (Chávez-Páez et al., 2025). Zunehmend ahmen naturinspirierte Ansätze natürliche Infrastruktur nach (Mader et al., 2026). Künstliche Riffe werden beispielsweise zur Abwehr von

Zentrale Bedeutung der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz

Bevölkerungsschutz

Ernährungs- und Wassersicherheit

Schutz vor Extremereignissen

Natürliche Lebensgrundlagen

Natürliche Infrastruktur Biodiversität

Gesundheitsschutz, z.B. Pandemieprävention

Stä r

kun

Naturbasierte Verteidigung

g

Klima

naturbasierte Lösungen (NbS)

Technische Lösungen

Abbildung 1.4-1 Die Stärkung der natürlichen Infrastruktur trägt zum Bevölkerungsschutz bei. Beispiele hierfür sind die Beiträge zum Gesundheitsschutz, der Ernährungs- und Wassersicherheit, dem Schutz vor Extremereignissen oder als naturbasierte Verteidigungsstrukturen, d. h. naturbasierte Schutzzonen gegenüber militärischen Bedrohungen. Wichtig dabei ist das Wechselspiel mit naturbasierten Lösungen. Sie helfen, die natürliche Infrastruktur zu erhalten und wiederherzustellen. Quelle: WBGU

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1 Umwelt prägt Sicherheit

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Sturmfluten eingesetzt und dienen damit nicht nur dem Bevölkerungsschutz, sondern auch dem Schutz wichtiger Verteidigungsinfrastruktur wie Militärhäfen (Lowe et al., 2025). Zudem können sie, strategisch und lokal angepasst eingesetzt, u. a. zur Biodiversität beitragen (Bracho-Villavicencio et al., 2023; Siriwardane-de Zoysa et al., 2021; Al Kindi et al., 2025; Paxton et al., 2020). Naturbasierte Maßnahmen für den Bevölkerungsschutz, den Ökosystemschutz oder auch die Verteidigung können jedoch nur dann nachhaltig wirken, wenn sie bestehende Ungleichheiten nicht verschärfen und die ökologische Schutzfunktion langfristig erhalten. Hierzu müssen Machtfragen, lokale Gerechtigkeit und partizipative Governance ernst genommen und z. B. traditionelles Wissen in Planungsprozesse einbezogen werden (Chávez-Páez et al., 2025; Chávez-Páez und Beitl, 2025; Siriwardane-de Zoysa et al., 2025; Kap. 1.5). Seit die ukrainischen Streitkräfte durch eine gezielte Dammsprengung und die resultierende Wiedervernässung eines Moorgebiets den Vormarsch russischer Panzer aufhalten konnten, rückt auch die Renaturierung von Wildnisgebieten – insbesondere von Mooren und Feuchtgebieten – als natürliche Verteidigungs- und Grenzschutzinfrastruktur verstärkt in den Fokus von Debatten, z. B. als „naturbasierte Verteidigung“ oder „defensive Rewilding“ (Jelliman et al., 2026; Bayer et al., 2026; Kasten 1.3-1). In Polen und Finnland gibt es bereits strategische Überlegungen, durch Wiedervernässung Grenzschutz zu betreiben und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz und bestenfalls, etwa über Paludikulturen, zu lokaler Wertschöpfung zu leisten (Schwägerl, 2025; Joosten et al., 2016). Aufgrund der geographischen Lage der Moore ist dieser Ansatz in Deutschland allerdings nicht als Grenzschutz geeignet. Wenn Synergien zwischen Umweltschutz, Bevölkerungsschutz und Verteidigung diskutiert werden, sollten ethische Überlegungen nicht außer Acht gelassen werden, u. a. damit eine solche Militarisierung der Natur nicht als „Greenwashing“ des Militärs genutzt oder durch solche Maßnahmen der öffentliche Zugang eingeschränkt wird (Schwägerl, 2025). Hier besteht Forschungsbedarf. Die Integration von Bevölkerungsschutz, Verteidigungsstrategien und Umwelt- und Klimapolitiken leistet außerdem wichtige ökosystembasierte Katastrophenvorsorge für den Gesundheitsschutz, u. a. auch in urbanen Systemen (Kabisch et al., 2017; Marselle et al., 2021). Die Bedeutung von Biodiversität und intakten Ökosystemen für die Gesundheit hat der WBGU bereits ausführlich im Hauptgutachten „Gesund leben auf einer gesunden Erde“ aufgezeigt (WBGU, 2023). Der Verlust der biologischen Vielfalt, Entwaldung, Fragmentierung, Agrarintensivierung und Wildtierhandel sind dagegen Faktoren, die Mensch, Nutztiere und Wildtiere enger zusammenbringen und so die Wahrscheinlichkeit von

Spillover-Ereignissen und damit das Pandemierisiko erhöhen (IPBES, 2020; Reaser et al., 2022; WBGU, 2023; Pörtner et al., 2021). Das Konzept der Landschaftsimmunität verknüpft Umwelt-, Gesundheits- und Katastrophenschutz und macht deutlich: Primäre Prävention und menschliche Sicherheit sind nur mit intakten Ökosystemen möglich. Es beschreibt die Fähigkeit eines gesunden, intakten Ökosystems bzw. einer Landschaft, die Verbreitung und Übertragung von Krankheitserregern auf natürliche Weise zu regulieren (Agache et al., 2024; Perfecto et al., 2023; Myers et al., 2025). Die Landschaftsimmunität übersetzt den One-Health- bzw. Planetary-Health-Ansatz in konkretes präventives Handeln (WWF, 2024b) und gleichzeitig stellt sie die Verfügbarkeit von Ressourcen (z. B. medizinische Wirkstoffe) und das Wohlergehen aller Lebewesen sicher (Reaser et al., 2022; Plowright et al., 2024; WHO, 2025; Myers et al., 2025). Der Schutz und die Wiederherstellung gesunder Ökosysteme, einschließlich deren Integrität und Stabilität, werden somit zu einer zentralen Aufgabe von transdisziplinärem Handeln im Sinne eines Health-in-all-policies-Ansatzes (WBGU, 2023; WWF, 2024b; Roque et al., 2023).

1.4.2 Integration in politische Strategien und Raumplanung Die Integration der natürlichen Infrastruktur, wie hier beschrieben, ist zum Teil bereits in politischen Strategien angelegt. Naturbasierte Ansätze zur Katastrophenvorsorge werden zunehmend in internationale Rahmenwerke wie das UN-Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge (Sendai Framework 2015–2030) oder die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) integriert. Organisatorisch stärkt beispielsweise das Partnership for Environment and Disaster Risk Reduction (PEDRR) lokale Kapazitäten und Synergien zur Vulnerabilitätsreduktion. In der Europäischen Union wird der Wert intakter Ökosysteme für die Bevölkerung bereits u. a. im 2025 Strategic Foresight Report ‚Resilience 2.0‘, dem Green Deal oder dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe betont. Auch der im Auftrag der EU erstellte Niinistö-Report plädiert für eine umfassende europäische Katastrophenvorsorge, die u. a. die Gefahren von Klimawandel und Umweltzerstörung dringlicher angeht (Niinistö, 2024). Dazu beitragen können z. B. die aus dem Niinistö-Report im Jahr 2025 entstandene gemeinsame EU-Strategie für eine Union der Krisenvorsorge (Preparedness Union Strategy) sowie gemeinsame Investitionen und strategische Reserven europäischer Katastropheneinsatzkapazitäten und -vorräte wie die EU-weite rescEU, z. B. für Vorräte zur (medizinischen)


Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz 1.4

Notfallversorgung oder Löschflugzeuge (Niinistö, 2024; Kap. 1.2). Diese Rahmenwerke sollten stärker mit nationalen Strategien wie der Deutschen Resilienzstrategie verbunden und konsequenter umgesetzt werden (BMI, 2022). Bei der angekündigten europäischen Sicherheitsstrategie (EEAS, 2026; Cohen und Michalopoulos, 2026) und Fortentwicklungen sollte sich die Bundesregierung für die Integration der natürlichen Infrastruktur, wie hier beschrieben, langfristig und systematisch einsetzen. Außerdem ist die natürliche Infrastruktur bereits als Element der Raumplanung in verschiedenen internationalen Leitlinien und Strategien angelegt. Beispielsweise beziehen die Handlungsempfehlungen für resiliente Infrastrukturen des Büros der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Katastrophenrisiken (UNDRR) und der Coalition for Disaster Resilient Infrastructure (CDRI) naturbasierte Ansätze ein (UNDRR, 2024: 22). Die internationale Norm ISO 14091 bietet Leitlinien für die systematische Bewertung von Klimarisiken, Vulnerabilität und Auswirkungen, um Risikoanalysen, Anpassungsmaßnahmen und politische Entscheidungen besser planen, umsetzen und kommunizieren zu können (DIN e. V., o. J.). Nationale Klimaanpassungsstrategien und beispielsweise Hochwasser- und Hitzeschutzpläne definieren bestehende und potenzielle Risikoflächen, um bewohnte Gebiete besser vor Extremereignissen zu schützen. Bhutan z. B. verankert Resilienzstrategien einschließlich naturbasierter Lösungen dauerhaft in seiner nationalen Infrastrukturpolitik, und Costa Rica nutzt eine neue Datenplattform, den Atlas Verde, zur Erfassung naturbasierter Lösungen und risikobasierter Planung solcher Infrastrukturinvestitionen (UNDRR, 2024: 22). In Deutschland werden Maßnahmen in der Stadtplanung, Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge bislang primär projektbasiert umgesetzt. Positivbeispiele sind Stadtbegrünungen zur Verhinderung von Hitzeinseln wie das Berliner Gesetz zu Klimaanpassung, auch BäumePlus Gesetz genannt; danach soll bis Ende 2027 der Straßenbaumbestand im Umfang von 440.000 Straßenbäumen wiederhergestellt werden (§ 6 Abs. 1 S. 1 KAnGBln; Abgeordnetenhaus Berlin, 2025), auch unter Berücksichtigung sozialer Aspekte (§ 5 Abs. 2 KAnGBln; Teilgutachten 2). Auch eine Deichrückverlegung um 7,4 km und 420 ha Auenrückgewinnung an der Elbe haben nachweislich positive Effekte, indem sie Hochwasserspitzen in Hamburg abfedern (BfN, 2025a). Anlassbezogene Zusammenarbeit zwischen Umwelt-, Raum­ planungs- und Katastrophenschutzbehörden gibt es etwa bei der Nationalen Klimaanpassungsstrategie, dem ­Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, der Natio­ nalen Wasserstrategie, dem Nationalen Hitze­aktionsplan, in der Behördenallianz „Anpassung an den Klimawandel“ oder dem Gemeinsamen Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz (GKB). Eine solche Zusammenarbeit sollte

jedoch verstetigt und deren Empfehlungen für Bund, Länder und Kommunen auch in der Gesetzgebung verankert werden. Eine rechtliche Priorisierung der natürlichen Infrastruktur als im überragenden öffentlichen Interesse kann hierbei helfen (Kap. 1.4.3).

1.4.3 Natürliche Infrastruktur als überragendes öffentliches Interesse In Deutschland werden aktuell fast sämtliche graue Infrastrukturvorhaben (Straßen, Schienen, Wasserwege, Energieleitungen, Telekommunikation) teils unionsrechtlich und noch weiter in deutschen Bundesfachgesetzen (Fernstraßengesetz usw.) als im überragenden öffent­ lichen Interesse liegend ausgewiesen (Schlacke und Sauthoff, 2025: 73 ff.). Zusätzlich wird oftmals klargestellt, dass sie der öffentlichen Sicherheit und den Belangen der Landes- und Bündnisverteidigung dienen und einen Schutzgütervorrang genießen (Schlacke und Sauthoff, 2025; Deutscher Bundestag, 2026). Diese fast schon inflationäre Ausweitung des „überragenden öffentlichen Interesses“ (Schlacke und Sauthoff, 2025: 75) führt zum einen dazu, dass graue Infrastrukturvorhaben regelmäßig zugelassen werden, selbst wenn andere Belange, z. B. Umweltbelange, dem entgegenstehen (in Bezug auf die entsprechende Wertungsentscheidung des § 2 S. 1 EEG: Schlacke und Plate, 2026: Rn. 11). Durch die gesetzliche Feststellung des Gewichtungsvorrangs für das Vorhaben müsste eine Behörde, wollte sie die Zulassung versagen, im Einzelfall begründen, dass entgegenstehende Belange, etwa des Naturschutzes, gleich überragend gewichtig sind (Schlacke und Plate, 2026: Rn. 13). Dies ist oftmals kaum möglich. Die grauen Infrastrukturvorhaben erhalten so Vorfahrt gegenüber entgegenstehenden Belangen, insbesondere der Umwelt. Zum anderen entfaltet diese gesetzliche Vorfahrtregel für graue Infrastruktur auch Relevanz für die Raumplanung. Solche Vorhaben werden in der raumplanerischen Abwägung im Vergleich zu anderen, kollidierenden Belangen mit einem besonderen Gewicht versehen. So werden sie sich in der Regel gegenüber nicht im überragenden öffentlichen Interesse liegenden Belangen wie etwa Naturschutzbelangen durchsetzen. Die bestehende einseitige Priorisierung grauer Infrastruktur führt dazu, dass natürliche Infrastruktur sich im Konfliktfall mit grauer Infrastruktur in der Regel nicht durchsetzt: Konkurrieren Vorhaben der grauen Infrastruktur – etwa dem Bundesfernstraßenausbau – mit Vorhaben des natürlichen Klimaschutzes, etwa der Auenrenaturierung, der Moorwiedervernässung oder dem Walderhalt, so führt die Priorisierung grauer Infra­ struktur dazu, dass sich das Infrastrukturvorhaben in

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1 Umwelt prägt Sicherheit

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der Regel durchsetzt. Dasselbe gilt für Ausweisungen und wiederherzustellender Naturräume sollte mit den in Raumplänen. Diese Bevorzugung grauer gegenüber Anforderungen der Mosaikraumplanung konform sein natürlicher Infrastruktur ist angesichts der zumindest (Kap. 1.5.2.3; WBGU, 2020, 2024a). gleichrangigen Bedeutung natürlicher Infrastruktur für Gesundheits- und Umweltschutz sowie Bevölkerungsschutz aus mehreren Gründen nicht gerechtfertigt: 1.4.4 > Sowohl graue als auch natürliche Infrastruktur dienen Investitionen in natürliche Infrastruktur gleichrangig der Grundversorgung der Bevölkerung Vorhaben natürlicher Infrastruktur zum zukunftssicheim Sinne der Daseinsvorsorge. > Graue und natürliche Infrastruktur dienen gleich- ren Schutz der Bevölkerung bedürfen der Finanzierung. rangig dem Bevölkerungsschutz in Not- und Der WBGU hat bereits 2007 dargelegt, dass Investitionen Katastrophen­situationen sowie im Verteidigungsfall in Klimaanpassung und Konfliktprävention kosteneffiziente Sicherheitsinvestitionen sind und in Zusammenund damit sicherheitspolitischen Zwecken. > Natürliche Infrastruktur gleicht Negativeffekte grauer hang mit Entwicklungszusammenarbeit und MilitärausInfrastruktur aus, die regelmäßig intensive Flächen- gaben gesehen werden sollten (WBGU, 2007: 225, 229). versiegelung und Wärmeinseleffekte verursacht. Ökosystembasierter Bevölkerungsschutz, d. h. Bevölke> Auch der unions- (Art. 2 Abs. 1, Art. 3 Abs. 1 und rungsschutz, der die Potenziale natürlicher InfrastrukArt. 37 EU-Grundrechtecharta) und verfassungsrecht- tur einbezieht (Kap. 1.4.1), sollte daher systematisch liche (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Art. 20a GG) Schutz in staatliche Investitionsprogramme integriert und bei der Umwelt und des Klimas sprechen zumindest für Mittelverteilungen berücksichtigt werden (BMI, 2022; eine Gleichrangigkeit der natürlichen Infrastruktur Nationale Plattform Resilienz, 2025). im Verhältnis zur grauen Infrastruktur. Um die momentane Schieflage bei der Priorisierung 1.4.4.1 sicherheitspolitischer Vorhaben zwischen grauer und Finanzierung natürlicher Infrastruktur im natürlicher Infrastruktur auszugleichen, bedarf es der ­globalen Kontext stärken gesetzlichen Zuweisung eines überragenden öffentli- Damit Investitionen öffentlicher Mittel in Bevölkerungschen und sicherheitspolitischen Interesses zugunsten schutz und Verteidigung in der gesellschaftlichen Breite besonders bedeutender natürlicher Infrastruktur, die anerkannt werden, sollten sie mit konkreten Mehrgeneben dem Gesundheits- und Umweltschutz auch dem winnen für Umweltschutz und Gesellschaft verbunden und diese Mehrgewinne auch kommuniziert werden. Bevölkerungsschutz dient. Weiterhin sollte ein Vorhabenbezug für die natürliche Investitionen in natürliche Infrastruktur können hierfür Infrastruktur sowohl auf nationaler als auch auf europäi- besonders gut geeignet sein. Die in der Literatur gescher Ebene hergestellt werden. Moorwiedervernässung schätzten monetären Werte der Natur für die Katastrooder generell Retentions- und Renaturierungsflächen- phenvorsorge variieren allerdings stark; sie können mehr ausweisungen sind als Projekte zu verstehen, die auf als 40.000 US-$ pro Hektar betragen, im Durchschnitt einen großräumigen Flächenbedarf zielen. Sie sind mit liegen sie bei knapp 2.000 US-$ pro Hektar (Ashrafizadem erforderlichen Gewichtungsvorrang gesetzlich zu deh und Yousefpour, 2025). Bei der Finanzierung solcher verankern. Da es sich nicht um reine Bauvorhaben, son- auf natürlicher Infrastruktur basierenden Lösungen solldern um die Umwandlung und Gestaltung von Flächen te die Langfristigkeit im Blick behalten werden, da diese bzw. Räumen handelt, ist die Definition des Vorhaben- Schutzmaßnahmen meist nicht sofort wirksam werden begriffs ungleich schwerer, aber nicht unmöglich, wie (Lehmann et al., 2025). Auch deshalb braucht es eine die Moorwiedervernässung zeigt (Schlacke und Sauthoff, langfristige rechtliche Legitimierung und Priorisierung 2025: 73). der natürlichen Infrastruktur (Kap. 1.4.3). Besonders Um die zu schützenden und wiederherzustellenden effektiv ist die Finanzierung naturbasierter Lösungen, Naturräume für den Bevölkerungsschutz zu identifizie- wenn sie mit strukturellen Flächennutzungsreformen ren und als natürliche Infrastruktur im überragenden verknüpft wird, lokale Akteure einbezieht und die Ausöffentlichen Interesse liegend auszuweisen, ist eine wirkungen historischer Machtprozesse auf die VulneraInventarisierung der vorhandenen Naturräume und bilität bestimmter Regionen beachtet (Kap. 1.5). Flächen sowie ihrer Bestandteile erforderlich. Hierzu Für Investitionen in die natürliche Infrastruktur zum kann moderne Fernerkundung eingesetzt werden. Ins- aktiven Bevölkerungsschutz – jetzt und in der Zukunft besondere in Deutschland könnte hier auf die Kartie- – sollte die Bundesregierung mit ambitionierten multirungen und Dokumentationen der Landschaftsplanung lateralen Programmen wie dem Green Climate Fund, dem auf Landes-, regionaler und kommunaler Ebene zu- Climate Adaptation Fund, dem UN Loss & Damage Fund, rückgegriffen werden. Eine Ausweisung zu schützender dem Blue Action Fund und Legacy Landscape Fund sowie


Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz 1.4

über die verschiedenen REDD+ Fonds kosteneffizient zur Sicherung vulnerabler Regionen beitragen (Teilgutachten 5). Gleichzeitig sollten auch bilaterale Formate, beispielsweise die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI), unbedingt erhalten und gestärkt werden. Für die soziale Sicherheit sind die Folgekosten des Nichthandelns um ein Vielfaches höher (Kap. 1.1.2).

Allerdings werden private Investitionen für die Erhaltung und Stärkung natürlicher Infrastruktur voraussichtlich nicht ausreichen, da sie in vielen Fällen öffentliche Güter bereitstellt. Die Finanzierungslücke sollte mit staatlichen Mitteln geschlossen werden. Für die Bereitstellung der notwendigen öffentlichen Gelder kommen verschiedene Optionen in Frage, von einer Umverteilung vorhandener Steuermittel oder neu1.4.4.2 en Finanzierungsinstrumenten (Kasten 1.4-2) bis hin zu Nationale Finanzierungsmöglichkeiten für zusätzlicher Schuldenaufnahme (Kasten 1.4-3). ­natürliche Infrastruktur ausbauen Ausgabenseitig könnten Investitionen in die natürUm die natürliche Infrastruktur so zu stärken, dass die liche Infrastruktur als Teil einer MindestinvestitionsMaßnahmen dem Bevölkerungsschutz und dem Umwelt- quote für grüne „Zukunftsinvestitionen“ festgeschrieben schutz dienen, sind auch in Deutschland sowohl öffent- werden (relativ zum Bruttoinlandsprodukt oder zu den liche als auch private Mittel nötig. Private Mittel können öffentlichen Gesamtausgaben), um einer politischen z. B. mobilisiert werden, indem die Sicherheitsrisiken Vernachlässigung gegenüber kurzfristigen Zielen entfür Unternehmen und Haushalte transparenter gemacht gegenzuwirken („present bias“; WPKS, 2026; Döring werden, die Nutznießer natürlicher Infrastruktur zu und Wohltmann, 2025; Hesse et al., 2024). deren Finanzierung herangezogen oder bessere Möglichkeiten geschaffen werden, um aus entsprechenden Flächen anderweitig Wertschöpfung zu erzielen (WBGU, 1.4.5 2024b: 242). Mehr öffentliche Mittel stünden bereit, Frühwarnsysteme zur Erhaltung natürlicher wenn Investitionen in natürliche Infrastruktur mit ande- Infrastruktur ren langfristigen Infrastrukturinvestitionen gleichgestellt würden und das überragende öffentliche Interesse daran Bevölkerungsschutz braucht Frühwarnsysteme und Präanerkannt würde. Auch das Sondervermögen Infrastruk- ventionsmaßnahmen, um Exposition und Vulnerabilität tur bzw. eine Reform der Schuldenbremse könnten neue gegenüber Gefahren zu verringern. Sie sind außerdem Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. essenziell, um Entscheidungsträger:innen frühzeitig Die Bereitschaft privater Akteure, in natürliche In- zu alarmieren, wenn Ökosystemleistungen natürlicher frastruktur zu investieren, hängt auch davon ab, ob Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz auszufallen sie ihre privaten Risiken z. B. durch Extremereignisse drohen. Mit der UN Early Warning 4 all Initiative (seit kennen und abschätzen können, inwiefern sich diese 2022), die ein breites Gefahrenspektrum und proaktive Risiken durch natürliche Infrastruktur mindern lassen. Maßnahmen umfasst, soll bereits heute sichergestellt Um weiteres privates Kapital zu mobilisieren, können werden, dass die Weltbevölkerung durch Frühwarnsysalso z. B. umweltbezogene Risiken und damit der Nutzen teme vor Naturgefahren und anderen Risiken geschützt natürlicher Infrastruktur durch verpflichtende Unterneh- wird. Darunter fallen effektive Frühwarnsysteme im Bemensreportings stärker sichtbar gemacht werden. Eine reich des Water-Energy-Food-Ecosystem-Nexus (Hagenzweite Möglichkeit wäre, von natürlicher Infrastruktur locher et al., 2023), etwa für drohende Dürregefahren profitierende Unternehmen mit in die Finanzierungs- und somit Ernteausfälle, um Strategien für systemische pflicht zu nehmen (etwa analog zu Deichbauvorhaben). Risikoperspektiven zu entwickeln und zu unterstützen Wichtig ist, mögliche externe Investoren gezielt mit (z. B. UN Global Risk Assessment Framework, GRAF). Akteuren und Projekten der natürlichen Infrastruktur Solche Frühwarnsysteme können beispielsweise ein zusammenzubringen, Finanzierungen zu vermitteln und präventives Katastrophenmanagement (disaster prepazu strukturieren (WBGU, 2024b; Trémolet et al., 2019). redness planning) ermöglichen oder akute RegierungsEinen weiteren Beitrag zur Finanzierung natürlicher interventionen zur Reduzierung der Vulnerabilität und Infrastrukturvorhaben kann lokale Wertschöpfung Stärkung der Resilienz der betroffenen Bevölkerung (wie leisten, die auf den entsprechenden Flächen zusätzlich etwa in Kenia z. B. durch eine frühzeitige Herdentierre­möglich ist: In nassen und wiedervernässten Feucht- duzierung; Schrieks et al., 2025; Busker et al., 2023). In gebieten mit Paludikulturanbau lassen sich etwa Torf- einigen Ländern werden bereits nationale Dürreüberwamoose oder Reet anbauen, bei gleichzeitigem Erhalt der chungssysteme genutzt, um vorausschauend handeln zu Torfkörper (Temmink et al., 2026; Tanneberger et al., können, etwa in Kenia und Somalia (Busker et al., 2023; 2020). Auch Photovoltaikmodule können auf wieder­ Derbyshire et al., 2024). Frühwarn­systeme für Äthiovernässten Flächen installiert werden (Fakharizadeh­ piens, Ugandas und Nicaraguas Landwirtschaft haben shirazi und Rösch, 2024). dank datenbasierter Vorhersagen (z. B. zu Niederschlag,

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.4-2

Um dem langfristigen Finanzierungsbedarf durch eine Umverteilung vorhandener Steuermittel oder durch neue Finanzierungsinstrumente gerecht zu werden, gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Auch wenn natürliche Infrastruktur und Klimaanpassung aufgrund ihrer meist lokalen Wirkungen eine Finanzierung auf kommunaler Ebene nahelegen, besteht dennoch ein klarer Bedarf für eine ergänzende Finanzierung durch den Bund (WPKS, 2026). Dieser ergibt sich aus der angespannten ­Finanzlage vieler Kommunen, der ungleich verteilten Vulnerabilität gegenüber Klimaveränderungen im Bundesgebiet und dem überregionalen Nutzen vieler Maßnahmen – etwa beim Hochwasserschutz oder durch Synergien mit Klima- und Naturschutz. Eine Verbesserung der kommunalen Finanzausstattung könnte beispielsweise durch eine Anpassung der Verteilung des Umsatzsteueraufkommens zwischen den föderalen Ebenen erfolgen (Döring und Wohltmann, 2025; Hesse et al., 2024). Dieser Ansatz stärkt die allgemeine Finanzausstattung der Kommunen oder auch der Länder und wäre rechtlich vergleichsweise einfach umsetzbar. Die so bereitgestellten Mittel würden eine flexible und eigenverantwortliche Mittelverwendung ermöglichen, die gerade bei der Umsetzung standortspezifischer Maßnahmen natürlicher Infrastruktur von Vorteil ist. Bundesergänzungszuweisungen könnten eine ergänzende Rolle spielen, indem sie spezifische Mehrbedarfe einzelner Regionen adressieren. Ihre Stärke läge in der Möglichkeit eines gezielten, solidarischen Ausgleichs innerhalb des föderalen Systems (WPKS, 2026). Klassische Förderprogramme des Bundes ermöglichen zwar eine gezielte Mittelvergabe, sind jedoch aus Sicht der Kommunen häufig mit erheblichen administrativen Kosten und fehlender Langfristperspektive verbunden sowie in ihrer schieren Vielzahl oft schwer überschaubar (Hesse et al., 2024;

Döring et al., 2024; Geißler und Freier, 2025). Insbesondere für langfristige, systemische Aufgaben wie den Aufbau und die Pflege natürlicher Infrastruktur erscheinen sie daher nur bedingt geeignet. Eine Umverteilung von Mitteln zwischen verschiedenen Zwecken und staatlichen Ebenen, ob zu Förderzwecken oder zur Stärkung der Finanzausstattung, kann allerdings zu Konflikten in der Verteilung knapper Haushaltsmittel führen. Entsprechend ist die Erhebung zusätzlicher Finanzmittel, ob zur kurz- und mittelfristigen Finanzierung oder zur langfristigen Rückzahlung von Sondervermögen und weiteren Schulden der öffentlichen Hand, eine Frage, der sich die Politik auf allen föderalen Ebenen stellen muss. Mögliche Optionen wie eine Erhöhung der CO2-Preise, der Umsatzsteuer, oder auch der Einkommen- und Erbschaftssteuer müssen allerdings ebenfalls hinsichtlich ihrer Rückwirkungen auf Verteilung und Investitionsanreize geprüft werden. Auf kommunaler Ebene kämen zu diesem Zweck verschiedene eigengestaltbare Finanzierungsinstrumente infrage. Lokale Abgaben in Form von Steuern und Vorteilsabgaben ermöglichen es Kommunen beispielsweise, eigenständig zusätzliche Mittel zu mobilisieren und damit ihre finanzielle Handlungsfähigkeit zu stärken (RNE, 2024; Döring und Wohltmann, 2025; Raffer, 2025). Eine solche lokale Generierung von Mitteln würde zudem eine stärkere Berücksichtigung spezifischer Risikolagen und Präferenzen vor Ort im Sinne des Subsidiaritätsprinzips ermöglichen (WPKS, 2026). Kommunen können auf bestehende Steuern wie die Gewerbesteuer zurückgreifen oder neue örtliche Verbrauch- und Aufwandsteuern einführen (Wieland, 2026). Vorteilsabgaben würden es darüber hinaus ermöglichen, Akteure zur Finanzierung heranzuziehen, die durch konkrete Maßnahmen einen besonderen Nutzen erfahren. Obwohl höhere lokale Investitionen in natürliche Infrastruktur dabei als positiver Standortfaktor wirken können, führen höhere lokale Abgaben möglicherweise auch zu Nachteilen im Standortwettbewerb. Auch aus diesem Grund erscheint eine Mobilisierung privaten Kapitals wünschenswert, beispielsweise über lokale Klimaanpassungs- bzw. Infrastrukturfonds (WPKS, 2026).

Ernteertrag und Wasserbedarf) nicht nur die Anzahl hilfsbedürftiger Landwirt:innen präzise abgeschätzt, sondern auch gemeindegeführte Hilfsmaßnahmen ausgelöst und so etwa in Karamoja, Uganda, die Ernährungsunsicherheit um fast 24 % reduziert (Derbyshire et al., 2024: 10). Solche lokalen Frühwarnsysteme sollten in ein übergreifendes globales Frühwarnsystem zum vorausschauenden Schutz natürlicher Infrastruktur und der Bevölkerung zusammengeführt werden. Global und regional gibt es bereits einige Strategien, Indikatoren und Warnsysteme, die zur Warnung vor Extrem­ereignissen genutzt werden, etwa vor Hochwasser (das Copernicus-Satelliten-unterstützte Frühwarnsystem EFAS – European Flood Awareness System) oder vor Pandemien (das Global Outbreak Alert and Response Network, GOARN, der WHO unter Beteiligung des

Robert-Koch-Instituts). Ein weiterer Ansatz ist die Überwachung bzw. Messung der Vernetzung und Resilienz von Naturflächen (Bioclimatic Ecosystem Resilience Index, BERI; Ferrier et al., 2020). Andere Systeme melden die Degradation von Ökosystemen (z. B. Biodiversitätsmonitoring, Coral Reef Index oder Global Forest Watch) oder Verschmutzung (European Partnership for the Assessment of Risks from Chemicals, PARC). Diese Indikatoren sollten auch in Frühwarnsysteme zur Erhaltung der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz einfließen. Es gilt, bestehende und neu entwickelte Frühwarnsysteme und Indikatoren miteinander zu verschneiden, ihre Anwendung im Schadensfall mithilfe klarer Notfallpläne, Kompetenzzuordnungen und Kommunikationskanäle sicherzustellen und vorausschauende Handlungen zu ermöglichen. So kann die natürliche Infrastruktur erhalten

Instrumente zur öffentlichen Finanzierung natürlicher Infrastruktur

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Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz 1.4

Kasten 1.4-3

Finanzierung natürlicher Infrastruktur über eine Schuldenbremsenausnahme Bei der Finanzierung natürlicher Infrastruktur mit öffentlichen Mitteln ist auch denkbar zusätzliche Maßnahmen und Vorhaben im Rahmen der vorgesehenen Ausnahmen von der Schuldenbremse durch Mittel des Bundeshaushalts oder der Landeshaushalte zu finanzieren. Versteht man – wie vorgeschlagen – den Begriff des Be­völke­rungsschutzes weit, so wäre natürliche Infrastruktur vom Begriff des Bevölkerungsschutzes im Sinne des Art. 109 Abs. 3 Satz 5 GG erfasst. Eine Finanzierung aus Haushaltsmitteln, bei der von der Schuldenbremse abgewichen wird, muss die Voraussetzungen des Art. 109 Abs. 3 S. 5 GG erfüllen. Einnahmen und Ausgaben sind demnach grundsätzlich ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen. Diesem Grundsatz ist entsprochen, wenn die Höhe der Kredite in Summe 0,35 % des nominalen Bruttoinlandsprodukts nicht überschreitet. Im März 2025 wurde das Grundgesetz geändert und eine „Bereichsausnahme Verteidigung“ eingeführt: Demnach ist von den zu berücksichtigenden Einnahmen aus Krediten der Betrag abzuziehen, um den bestimmte Sonderausgaben 1 % im Verhältnis zum nominalen Bruttoinlandsprodukt übersteigen. Zu diesen Sonderausgaben gehören die Verteidigungsausgaben, die Ausgaben des Bundes für den Zivil- und Bevölkerungsschutz sowie für die Nachrichtendienste, für den Schutz der informationstechnischen Systeme und für die Hilfe für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten (Art. 109 Abs. 3 S. 5, Art. 115 Abs. 2 S. 4 GG). Maßnahmen und Vorhaben der natürlichen Infrastruktur über die eingefügte Ausnahme von den Regelungen der Schuldenbremse zu finanzieren kommt in Betracht, wenn diese Maßnahmen funktional einem der ausdrücklich genannten Aufgabenbereiche zuzuordnen sind und haushaltssystematisch in den in der Gesetzesbegründung angeführten Kapiteln des Bundeshaushalts verortet werden (z. B. Bevölkerungsschutz; Verheyen et al., 2026). Als weitere Finanzierungsquelle für Vorhaben der natürlichen Infrastruktur kommt die ebenfalls im Jahr 2025 neu in das Grundgesetz eingefügte Abweichung von der Schuldenbremse im Sinne eines Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität in Betracht. Nach Art. 143h Abs. 1 GG kann der Bund ein Sondervermögen mit eigener Kreditermächti-

und gestärkt werden, das Leben und die Gesundheit von Menschen gesichert und möglichen Krisenfolgen wie Flucht oder sozialen Unruhen präventiv entgegengewirkt werden (UNDRR, 2024).

1.4.6 Katastrophenvorsorgefunktionen durch natürliche Infrastruktur und Ehrenamt Frühwarnsysteme sind nur effektiv, wenn sie verstanden werden und entsprechende Handlungen auslösen (Da Costa et al., 2026; Coughlan de Perez et al., 2022; van

gung für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur und für zusätzliche Investitionen zur Erreichung der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 mit einem Volumen von bis zu 500 Mrd. Euro errichten. Zusätzlichkeit liegt vor, wenn im jeweiligen Haushaltsjahr eine angemessene Investitionsquote im Bundeshaushalt erreicht wird. Der Infrastrukturbegriff des Art. 143h GG wird bislang eng, d. h. im Sinne grauer Infrastruktur verstanden (Reimer, 2026: Rn. 12). Hier könnte angesichts von Art. 2 Abs. 2 und Art. 20a GG auch ein erweitertes Begriffsverständnis zugrunde gelegt werden. Rechtsprechung existiert dazu noch nicht. Jedenfalls wird der Begriff der natürlichen Infrastruktur auch vom Begriff der Klimaneutralität erfasst, da ihr Schutz, ihr Ausbau und ihre Wiederherstellung ganz überwiegend nicht nur der Biodiversität, sondern auch dem Klimaschutz dient (doppelfunktionale Zweckrichtung). Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass der Aufbau natürlicher Infrastruktur in Klimaneutralitätsstrategien zur Sicherung der natürlichen Kohlenstoffspeicher, aber nicht zur Kompensation fortdauernder CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern eingeplant wird (Kap. 1.3.2). Insofern ist es nach dem verfassungsrechtlichen Begriffsverständnis möglich, aus dem Sondervermögen auch Investitionen für natürliche Infrastruktur zu tätigen. Erfasst wird sie von den Bereichen des diesen Artikel konkretisierenden Gesetzes zur Errichtung eines Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIKG) vom 30. September 2025 (Deutscher Bundestag, 2025b) bislang nicht explizit, wohl aber der Bevölkerungsschutz (§ 4 Abs. 1 Nr. 1 SVIKG). Aktuell wird eine grundlegende Reform der Schuldenbremse diskutiert (BMF, 2025; Guldimann et al., 2025), die eine staatliche Nettokreditaufnahme für bestimmte öffentliche „Zukunftsinvestitionen“, z. B. in Dekarbonisierung, Infrastruktur und Bildung, in ausreichendem Umfang und langfristig ermöglicht. Ebenso sollten vorsorgende Investitionen in natürliche Infrastruktur ermöglicht werden, sofern sie wissenschaftlich belastbar zukünftige Schäden und finanzielle Lasten für Staat und Gesellschaft vermeiden helfen (WPKS, 2026). Eine solche grundsätzliche Reform der Schuldenbremse mit Blick auf die Zeit nach der temporär höheren Neuverschuldung durch das SVIKG sollte noch in der laufenden Legislaturperiode vollzogen werden. Die Ausnutzung des Spielraums, den die europäischen Fiskalregeln eröffnen, erscheint angesichts des massiven öffentlichen Investitionsbedarfs der nächsten Jahre dringend geboten.

Onselen et al., 2025; UNDRR, 2025: 13; Sørensen et al., 2026: 341 f.). Um Maßnahmen zur Stärkung natürlicher Infrastruktur im Sinne des Bevölkerungsschutzes fair und bedarfsgerecht zu gestalten und soziale Akzeptanz und Legitimation zu fördern, ist die Einbeziehung und Zusammenarbeit verschiedener Akteure und eine Repräsentation verschiedener Wissenssysteme bei der Konzeption und Umsetzung sicherzustellen (Kap. 1.5.2; Teilgutachten 2; Qi et al., 2025). Eine aktive Mitgestaltung sensibilisiert die Gesellschaft für Notfallvorsorge, Klimaanpassung, den Schutz vor Extremereignissen und gemeinwohlorientiertes Verhalten im Falle ihres Eintritts. Die gezielte Förderung ehrenamtlicher und kleinerer

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1 Umwelt prägt Sicherheit

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lokaler Initiativen kann dabei wichtige Beiträge leisten. Beispiele lokaler Initiativen zur Stärkung natürlicher Infrastruktur sind das seit über 50 Jahren bestehende Green Belt Movement, das inzwischen vier Mio. Hektar renaturiert hat (GBM, 2025), das Pflanzen von Bäumen in urbanen Gebieten als Hitzeschutz, Bach- und Wiesenpatenschaften oder Mitmachangebote etwa in Umweltverbänden oder sozialen Vereinen wie den freiwilligen Feuerwehren oder dem Deutschen Roten Kreuz. Lokales Wissen, technologische Warnsysteme und politische Entscheidungen müssen zusammenwirken, um die Sensibilisierung und Handlungsfähigkeit der Bevölkerung zu stärken und zu schützen (Rafliana, 2025). Ein solches Vorgehen erhöht nicht nur die Erfolgsaussichten der Maßnahmen: Die aktive Einbindung lokaler Gemeinschaften in die Katastrophenvorsorge – durch partizipative Ansätze wie Citizen Science, die Integration indigenen bzw. lokalen Wissens oder gemeinsame lokale, praktische Renaturierungsaktionen – trägt zu gesellschaftlicher Resilienz bei (van Onselen et al., 2025; Kap. 1.5.2.3; Teilgutachten 2). Zudem sollten für eine evidenzbasierte und resilienzorientierte Entscheidungsfindung wissenschaftliche Erkenntnisse in Katastrophenbewältigungsprozesse einfließen, z. B. in den Wiederaufbau nach Überschwemmungen (Birkmann et al., 2025). Insbesondere in Deutschland lebt Katastrophenschutz von Beteiligung: Knapp 1,7 Mio. Einsatzkräfte im deutschen Bevölkerungsschutz (z. B. Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Hilfsorganisationen) sind ehrenamtlich und unterstützen zusätzlich auch den Sanitätsdienst der Bundeswehr (BMI, 2022: 55). Ein starkes Engagement der lokalen Bevölkerung könnte zudem die Erhaltung und Wiederherstellung natürlicher Infrastruktur voranbringen, auch auf internationaler Ebene. Während Zeitaufwand, Häufigkeit und Beständigkeit bei ehrenamtlicher Tätigkeit in Deutschland in den letzten Jahren tendenziell gestiegen ist, hat die Anzahl freiwillig engagierter Personen ab 14 Jahren insgesamt abgenommen: Im Jahr 2024 waren es 36,7 % (26,97 Mio. Menschen), etwas weniger als 2019 (39,7 %; Fritzsche et al., 2025). Für die Erhaltung und den Ausbau des Ehrenamts braucht es eine solide Finanzierung und Ausstattung der Organisationen, um eine professionelle hauptamtliche Koordination zu gewährleisten, und eine sensible Einbindung verschiedenster Bevölkerungsschichten (Hahn et al., 2020; Teilgutachten 2). Informelles, selbstorganisiertes Engagement von Freiwilligen gewinnt im Katastrophenmanagement in Europa zunehmend an Bedeutung. Es handelt sich dabei um Personen, die nicht dauerhaft in einer Organisation gebunden sind und im Ereignisfall spontan Hilfe leisten. In mehreren europäischen Ländern existieren mittlerweile Verfahren und Instrumente zur Einbindung informeller Freiwilliger, darunter praktische Schulungen (vor allem in Erster Hilfe) sowie der Einsatz von Social-Media-Kanälen

zur Information, Anleitung oder Registrierung dieser Freiwilligen im Ereignisfall (Nahkur et al., 2022). Die untersuchten Fallbeispiele zeigen, dass Katastrophenbewältigung effizienter ist, wenn Verfahren zur Einbindung informeller Freiwilliger bestehen (Nahkur et al., 2022). Kommunikation, Wertschätzung in verschiedenen Formen, und vor allem Möglichkeiten zur Erfahrung echter (kollektiver) Selbstwirksamkeit sind weitere wichtige Faktoren der gesellschaftlichen Teilhabe für mehr Resilienz (Teilgutachten 2).

1.5 Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheitsstrategie Intakte Ökosysteme und natürliche Ressourcen sind eng mit sozioökonomischer Entwicklung und Wohlstand verknüpft und daher von hoher sicherheitspolitischer und gesellschaftlicher Relevanz (Kap. 1.1). Rivalitäten um natürliche Ressourcen sind häufig Mitursachen gesellschaftlicher Unruhen, von Staatszerfall, Konflikten und Gewalt, sowohl innerhalb als auch zwischen Staaten (UNEP, 2021: 25, 96; UN-DPA, 2014; Doumergue et al., 2022). Konflikttreiber sind dabei oft auch Interessen an fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle sowie die Konkurrenz um knappe Land- und ­Wasserressourcen, deren Verfügbarkeit durch die Auswirkungen des Klimawandels noch unsicherer und dadurch noch umkämpfter zu werden droht (Vesco et al., 2020; WBGU, 2024b; Vanden Eynde und Vargas, 2025). Gerade aufgrund dieser Zusammenhänge können der Schutz von Ökosystemen und das nachhaltige und gemeinsame Management natürlicher Ressourcen friedensfördernd und konflikt­ präventiv wirken, wenn dadurch Vertrauen und Kooperation gestärkt werden, auch über staatliche Grenzen hinweg. Das folgende Kapitel zeigt, warum kooperativer Ökosystemschutz sicherheitspolitisch eine Chance darstellt und was bei der Umsetzung solcher kooperativen Ansätze beachtet werden sollte.

1.5.1 Gemeinsames Management stärkt Kooperation und Vertrauen In einer sich verändernden multipolaren Welt bietet der Umwelt- und Naturschutz eine Chance, ein friedliches Miteinander durch Kooperationen und transregionale Allianzen zu fördern (Teilgutachten 5). Gemeinsamer Ökosystemschutz durch unterschiedliche staatliche und nicht staatliche Akteure – im Folgenden kooperativer Ökosystemschutz genannt – und ein gemeinsames, nachhaltiges Management natürlicher Ressourcen (z. B. von


Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheitsstrategie 1.5 Wichtige Aspekte des Environmental Peacebuilding Komponenten von ­Environmental Peacebuilding (umweltbasierte Friedensförderung)

Beschreibung

Nimmt eine Ökosystemperspektive ein

> Kennt keine politischen Grenzen, ebenso wie Herausforderungen im Umweltbereich > Nutzt ökologische Abhängigkeiten, um Kooperationen zu ermutigen und zu ermöglichen; baut Brücken über Grenzen und zwischen Menschen, Organisationen und Regierungen

Bietet einen kollaborativen Rahmen für gemein­ sames Management und ­Entscheidungsfindung

> Arbeitet neben Regierungen, lokalen Gemeinschaften, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und dem Privatsektor > Ermöglicht und ermutigt kollaborative Aktionen in allen Aspekten des Managements natürlicher Ressourcen; von Informationsaustausch und kollaborativer Planung zu gemeinsamen Anstrengungen im Monitoring

Berücksichtigt ­Geschlechts-differenzierte ­Bedarfe, Präferenzen, ­Wissen und Rollen innerhalb einer Gemeinschaft

> Erkennt an, dass Männer und Frauen natürliche Ressourcen auf unterschiedliche Weise nutzen und von Konflikten unterschiedlich betroffen sind > Ermutig die volle Teilhabe in sowie Führung durch Frauen in Friedensverhandlungen, Entscheidungsfindung bezüglich Ressourcen und in der Umweltgovernance

Unterstützt nachhaltige Möglichkeiten für den Lebensunterhalt und ­verbessert die Resilienz der Gemeinschaft

> Hilft, Ressourcenrechte zu klären und bietet eine Möglichkeit, ungerechte Verteilung von Ressourcen zu ändern, besonders, weil der direkte Zugang zu natürlichen Ressourcen wichtig für den Lebensunterhalt von Männern und Frauen in ländlichen Gebieten ist > Adressiert Vulnerabilitäten in Lebensunterhalten aufgrund von Klimawandel und Naturkatastrophen, politischen Ereignissen, Gesundheitsproblemen und anderen sozialen und umweltbezogenen Phänomenen

Fördert ein höheres ­Einkommen und Nutzen für Gemeinschaften

> Verbessert Zugang zu und Management von natürlichen Ressourcen

Tabelle 1.5-1 Komponenten des Environmental Peacebuilding. Auch die Maßnahmen sind vielfältig: Dazu zählen etwa die Gründung von Peace Parks, das gemeinschaftliche Management von Schutzgebieten, gemeinsame Bewirtschaftungspläne für Flusseinzugsgebiete, regionale Meeresabkommen und Kooperationen bei Umweltmonitoringprogrammen. Quelle: Ajroud et al., 2017 (eigene Übersetzung)

Wasser und Boden) können friedensfördernd wirken, indem sie das Vertrauen zwischen gesellschaftlichen Gruppen innerhalb eines Landes sowie grenzüberschreitend zwischen Regierungen bzw. Bevölkerungen unterschiedlicher Länder stärken (Kasten 1.5-1 zu Kooperation im marinen Raum; Ide et al., 2021a; Krampe et al., 2021; Sändig et al., 2024; Soliku und Schraml, 2020; Vinke et al., 2024). Die entstehenden Beziehungen können langfristig friedensfördernd und konfliktpräventiv wirken. Studien zeigen, wie es in verschiedenen Fällen gelungen ist, Konfliktparteien in Zeiten politischer Instabilität in einem gemeinsamen umweltbezogen Projekt zusammenzubringen und langfristig Dialogforen offenzuhalten, z. B. zwischen Forscher:innen in Israel, den palästinensischen Gebieten und Jordanien (Roulin et al., 2017; Glausiusz, 2018). Am Arava-Institut in Israel wird u. a. im Kontext der Ernährungssicherheit oder des grenzüberschreitenden Wassermanagements gemeinsam gelernt und geforscht, was die bedeutende Rolle der Wissenschaft

in der Umweltdiplomatie unterstreicht (Lipchin und Albrecht, 2017; Holzer et al., 2014; Kedem et al., 2025; Schoenfeld et al., 2014). Weltweit gibt es gerade im Bereich Süßwasser viele Beispiele dafür, wie kooperative Ansätze zur Sicherung von Frieden beitragen (UN Water, 2026; UNESCO und UNECE, 2023; Keskinen et al., 2021). In der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Umweltbereich spielen die lokale Bevölkerung und zivilgesellschaftliche Akteure sowie Umweltfachleute oft zentrale Rollen (Kedem et al., 2024). ­Environmental-Peacebuilding-Ansätze – als Teil von Peacebuilding, in Abgrenzung zu Peacekeeping und Peacemaking – haben sich in der Umsetzung bisheriger Projekte zur Friedensförderung und Konfliktprävention bewährt (Kap. 1.5.2.1). Diese Ansätze ermöglichen die Integration ökologischer, sozialer und politischer Aspekte von Sicherheit, indem vielfältige Konfliktursachen in den Blick genommen und lokale Akteure früh einbezogen werden (Tab. 1.5-1; Ide et al., 2021a; Vinke et al., 2024).

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Besonders vulnerable Gruppen, vor allem Frauen und Mädchen, aber auch Indigene, nehmen wichtige, oft zu wenig wertgeschätzte Rollen im kooperativen Ökosystemschutz und dem Management natürlicher Ressourcen ein. Forschung zeigt, dass sich die Einbindung von Frauen in Friedensprozesse aufgrund ihrer häufig breit gesellschaftlich verankerten Rollen positiv auf die nachhaltige Ausgestaltung des Friedens, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des Engagements in Wiederaufbauprozessen auswirkt (Aanstoos, 2025; Adjei, 2019; Opiyo, 2023). Trotz ihrer entscheidenden Rolle werden Frauen immer noch weitgehend von Friedensprozessen ausgeschlossen (Anderson et al., 2026). Sie machen weltweit im Durchschnitt nur 7 % der Verhandler:innen und 14 % der Vermittler:innen in formellen Friedensprozessen weltweit aus. Bei fast 90 % der Friedensgespräche im Jahr 2024 waren überhaupt keine Frauen involviert (UN Security Council, 2025: 8). Folglich ist umweltbezogene Zusammenarbeit, z. B. im Rahmen internationaler Peacebuilding-Prozesse (Kap. 1.5.2.1) oder in Projekten für die Umsetzung der internationalen Biodiversitäts- und Klimaziele, im Sinne integrierter und nachhaltiger Sicherheit eine Investition

Kasten 1.5-1

Ozeane als verbindendes Element: Regionale umweltbasierte Kooperation im marinen Raum

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Der Ozean ist essenzielle Lebensgrundlage, geteiltes Habitat und Klimaregulator. Im marinen Raum wird besonders deutlich, wie Ernährungs- und wirtschaftliche Sicherheit sowie zwischenstaatliche Kooperationen rund um das Management gemeinsamer Ökosysteme und Ressourcen zusammenhängen und welche Synergien es im Bereich der Sicherheitspolitik gibt. Auf dieser Basis kann der Ozean auch als potenzieller „Peacebuilder“ wahrgenommen werden (Ryabinin et al., 2025; Blasiak et al., 2023). Insbesondere in Küstenregionen und den kleinen Inselentwicklungsländern (Small Island Developing States, SIDS) geht es darum, natürliche Lebensräume und die Existenzgrundlagen der lokalen Bevölkerung zu sichern und Klimaanpassung zu ermöglichen. Dafür sind neben globalen Anstrengungen auch zwischenstaatlich vereinbarte und integrierte Ansätze nötig. Projektbeispiele zeigen, wie Schutzgebiete mit sozialem Nutzen für die lokalen Gemeinschaften kombiniert werden können, z. B. durch community-basierte Ökotourismusinitiativen (Batra und Norheim, 2022). Existierende Projekte beziehen in vielen Fällen nicht nur Staaten, sondern auch unterschiedliche Stakeholder in den Prozess ein, was zu einer breiteren Legitimation führen kann. Zum Beispiel bringt der Bay of Bengal Maritime Dialogue, der als Peace-Pillar-Projekt der Weathering Risk Initiative auch vom Auswärtigen Amt unterstützt wird, nicht nur Regierungsbehörden der Küstenstaaten Bangladesch, Indien, Indonesien, Malaysia, Myanmar, Sri Lanka und Thailand im Interesse eines gemeinsamen Ressourcenmanagements

in inner- und zwischenstaatliche Kooperation, Stabilität und Sicherheit. Internationaler Ökosystemschutz liegt im Sicherheitsinteresse Deutschlands und Europas, nicht zuletzt für die Wasser- und Ernährungssicherheit, und sollte als gemeinsames verbindendes Projekt vorangetrieben werden (Kap. 1.1, 1.2). Bei der Umsetzung sollten kooperationsfördernde, vertrauensbildende Prozesse gestärkt werden. Die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren ist hierbei Voraussetzung für eine breite gesellschaftliche Verankerung und Unterstützung der Maßnahmen (Vinke et al., 2024; Ide, 2020).

1.5.2 Lokaler Kontext, lokale Akteure Eine Zusammenarbeit innerhalb von Naturräumen, die auch die Bedeutung der Umwelt für die menschliche Sicherheit anerkennt, kann zur Friedensförderung beitragen, indem sie zugleich soziale Strukturen und Ökosysteme stärkt, sowohl im internationalen Raum als auch in Deutschland. Die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses über die nachhaltige Nutzung

zusammen. Auch Thinktanks und Vertreter:innen der lokalen Gemeinschaft und der Wissenschaft arbeiten hier gemeinsam im Katastrophenmanagement an der Reduzierung von Umweltzerstörung und gegen illegale Fischerei. Laut Projektevaluation hat der Dialog zu vermehrter technischer und wirtschaftlicher Kooperation, gestiegenem Vertrauen und institutioneller Zusammenarbeit geführt und dabei mehr als 150 regionale Stakeholder zusammengebracht (Chu et al., 2025).

Ökosystemschutz und Ernährungssicherheit regional gestalten: die Coral Triangle Initiative Die Coral Triangle Initiative on Coral Reefs, Fisheries, and Food Security ist ein Beispiel für zwischenstaatliche, plurilaterale, regionale Kooperation über ein gemeinsames Interesse an mariner Ernährungssicherheit und Klimaanpassung in vulnerablen Kontexten (CTI-CFF, 2026b; Anugrah et al., 2020). Malaysia, Indonesien, die Philippinen, Timor-Leste, Papua-Neuguinea und die Salomon-Inseln haben sich im Jahr 2009 zum Schutz der Biodiversität, der Ernährungssicherheit und dem nachhaltigen Ressourcenmanagement der Coral-Triangle-Region in dieser Initiative zusammengetan, unterstützt von staatlichen, nicht staatlichen und privaten Partnern. Die Region ist ein global relevanter mariner Biodiversitätshotspot (Abb. 1.5-1), in dem die Fischerei einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit leistet (Foale et al., 2013). Für große Teile von Warmwasserkorallenriffen wird bereits angenommen, dass sie einen Kipppunkt überschritten haben (Lenton et al., 2025: 260 ff.; IPCC, 2022, 2023). Diese essenziellen Ökosysteme zu erhalten und wiederherzustellen ist immer schwerer umsetzbar. Um dem entgegenzuwirken, sind gemeinsame Ambitionen wie die Coral Reef Triangle Initiative umso relevanter.


Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheitsstrategie 1.5 Fischvielfalt im Coral Reef Triangle

© 2013 Coral Triangle Atlas

Anzahl von Fischen in Korallenriffen und zugehörigen Arten ≤ 1.500

1.501–1.600

Korallenriffe

1.601–2.000

> 2.000

Wissenschaftliche Grenze des Coral Triangle (Veron et al. 2009) Umsetzungsgebiet der Coral Triangle Initiative zu Korallenriffen, Fischerei und Nahrungssicherheit Die gepunktete Linie repräsentiert strittige EEZ-Grenzen

DATENQUELLE EEZ-Grenzen: Flanders Marine Institute (VLIZ). Korallenriffe: UNEP-WCMC (2010) Global Distribution of Coral Reefs Anzahl von Fischen in Korallenriffen : und zugehörige Spezies Allen GR (2008) Conservation hotspots of biodiversity and endemism for Indo-Pacific coral reef fishes. Aquatic Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems 18, pp. 541–556.

ANMERKUNGEN: 1. Singapur und Brunei sind keine Mitglieder der CTI-CFF 2. Diese Grenze basiert auf der exklusiven Wirtschaftszone der CTI-Länder. EEZ interne Grenzen sind nicht abgebildet 3. Strittige Grenzziehung existiert in diesem Gebiet 4. Grenzen dienen nur zur Illustrierung und sind nicht rechtsverbindlich

Abbildung 1.5-1 Das Coral Reef Triangle ist ein Hotspot mariner Biodiversität: Im Rahmen der Coral Triangle Initiative setzen sich M ­ alaysia, Indonesien, Papua-Neuguinea, Timor-Leste, die Philippinen und die Salomon-Inseln gemeinsam für den Schutz des ­Ökosystems ein. Dabei werden sie von staatlichen, nicht staatlichen und privaten Partnern unterstützt. Quelle: CTI-CFF, 2026a

geteilter Naturräume und natürlicher Ressourcen sowie damit verbundener Managementziele kann soziale Beziehungen verdichten, Vertrauen stärken und dadurch friedenssichernd wirken. Die deutsche Bundesregierung sollte sich deshalb auch weiterhin dafür einsetzen, Umweltschutz und nachhaltiges Ressourcenmanagement in ­internationale Peacebuilding-Prozesse, d. h. Initiativen zur langfristigen Konsolidierung von Frieden, zu integrieren. Dies kann z. B. durch Ansätze des Environ­ mental Peace­building gelingen (Vinke et al., 2024). Entsprechende lokale Kooperationsformate können als Instrument der Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit wichtige Beiträge zur Förderung gesellschaftlichen Zusammenhalts, zu Resilienz und im Endeffekt zu Stabilität und Sicherheit leisten.

1.5.2.1 Lokale Umweltkooperation weiterhin in ­Peacebuilding-Ansätze integrieren Ökosystemschutz und das Management natürlicher Ressourcen können über die Sicherstellung kooperativer, konfliktpräventiver und -bewältigender Ansätze in Peacebuilding-Prozessen einen wichtigen Beitrag leisten. Auf UN-Ebene wurden die Bedeutung von Ökosystemschutz und natürlichem Ressourcenmanagement in der Konfliktprävention bereits im Jahr 2008 durch die Gründung des UNEP-Programms „Environmental Cooperation for Peacebuilding“ explizit anerkannt und in Projekten umgesetzt (UNEP, 2009, 2015, 2016). Eine Auswertung zehn lokaler Peacebuilding-Initiativen durch UNDP im Jahr 2025 zeigt, dass integrierte Ansätze genutzt werden und deutliche Mehrgewinne erzielen (UNDP, 2025). Vor dem Hintergrund, dass das UN-Peacekeeping seit Jahren

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1 Umwelt prägt Sicherheit

strukturell zurückgebaut wird, gilt es um so mehr darauf zu achten, dass Peacebuilding und somit die mittel- und langfristige Friedensförderung politische und finanzielle Unterstützung erfährt (Cruz und van der Lijn, 2025; Wane et al., 2024; Tull, 2023). Für die Integration von Umweltaspekten in die l­ okale Umsetzung von UN-Peacebuilding-Einsätzen spielen die lokalen Vertretungen der UN-Organisationen, Fonds und Programme (UN Country Teams, UNCTs, z. B. von FAO, UNEP, UNDP) eine zentrale Rolle. Allerdings ­drohen Finanzierungsprobleme auf UN-Ebene die oft schon unterfinanzierten Peacebuilding-Programme und UNCTs weiter unter Druck zu setzen. Der Peacebuilding Fund des UN-Generalsekretärs bietet wichtige finan­ zielle Unterstützung. Deutschland sollte sich als größtes Geberland (knapp 232 Mio. US-$ seit 2020; UN, 2026) dafür einsetzen, Ökosystemschutz und nachhaltiges Ressourcenmanagement in den geförderten Projekten zu stärken. Das Environmental Peacebuilding bietet hier erprobte und unterstützenswerte Ansätze, über die Prävention und Bewältigung von Konflikten gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften sichergestellt werden können. Gleichzeitig sensibilisieren diese Ansätze Gemeinschaften für die Bedeutung eines nachhaltigen gemeinsamen Ressourcenmanagements für Wassersicherheit, Ernährungssicherheit und andere Aspekte menschlicher Sicherheit (Kasten 1.5-3; Vinke et al., 2024: 3 f.; Ide et al., 2021a). Da von Konflikten geprägte Regionen und Umgebungen zunehmend auch auf Klimaanpassungsmaßnahmen angewiesen sind, sollten bestehende Synergien mit Peacebuilding-Maßnahmen stärker genutzt werden (Taborda et al., 2026). Nötig sind Ansätze, die technische Wirksamkeit und gesellschaftspolitische Sensibilität miteinander in Einklang bringen (Medina et al., 2026). Bei der Entwicklung und Umsetzung von Umweltschutzprogrammen, Klimaanpassungsmaßnahmen und Peacebuilding-Projekten sollten insbesondere lokale Bottom-up-Ansätze gestärkt werden. Ebenso sollte auf Zusammenhänge zwischen Gender und Konflikt, die Rolle von Frauen als Change Agents (z. B. in der Konfliktdeeskalation) und eine konfliktsensible Herangehensweise geachtet werden (Ide et al., 2021a; Ensor, 2022; Opiyo, 2023). Die Informationsinfrastruktur und Wissensgenerierung rund um friedensfördernde umweltpolitische Projekte sollte möglichst plural, inklusiv und transparent gestaltet werden.

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Beispiel umweltbasierter Kooperation innerhalb von Naturräumen (Kasten 1.5-2; Ali, 2019; Barquet, 2015; Fall und Egerer, 2004). Bereits 2007 gab es mehr als 200 grenzüberschreitende Schutzflächen (Lysenko et al., 2007). Sie können stabilisierend und konfliktpräventiv wirken und zur Kommunikation und als Verhandlungsplattform während sowie zur Versöhnung nach Konflikten genutzt werden (Mittermeier et al., 2005). Durch gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Wissensbasis kann Vertrauen gestärkt und gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung gefördert werden, z. B. durch Ökotourismus oder nachhaltige Landwirtschaft (Löhr et al., 2021; Ali, 2007). Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Naturschutz ist auch im aktuellen Kontext der Biodiversitätskonvention (CBD) relevant: Die Peace and Biodiversity Initiative (PBDI) fördert hier die Zusammenarbeit in grenzüberschreitenden Schutzgebieten. Eine Weiterentwicklung der PBDI soll die Umsetzung von Handlungsziel 3 (30x30-Ziel) des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal (GBF) unterstützen (CBD, 2025). Sicherheitspolitisch können gemeinsame Schutzgebiete eine Friedensdividende ergeben, also zu Effekten führen, die sich langfristig positiv auf die diplomatischen Beziehungen der Staaten auswirken (Kasten 1.5-2). Grenzüberschreitende Schutzgebiete sind allerdings auch mit einer Reihe von Herausforderungen und Kritikpunkten konfrontiert. Ein zentrales Problem ist, dass ihre Errichtung – wie andere Umwelt- und Entwicklungsinterventionen auch – bestehende Hierarchien reproduzieren und verstärken kann. Während einige Akteure von der Intervention profitieren, werden andere belastet. Das heißt, positive Friedensdividenden aus Sicht der Regierungen können gleichzeitig nachteilige Effekte für die lokale Bevölkerung und die Natur bedeuten (Ali, 2019; Ide, 2020). Forscher:innen fordern deshalb, lokale Gemeinschaften stärker als bisher an grenzüberschreitenden Schutzgebieten zu beteiligen (Chiutsi und Saarinen, 2019; Ide et al., 2021a). Eine Herausforderung besteht auch darin, dass über umweltbezogene Friedensprojekte nicht nachhaltige Formen der Ressourcennutzung ermöglicht und gefördert werden können (Ide, 2020). Dies liegt daran, dass durch die Einführung eines Schutzgebietes die Stabilität der Region und die staatliche Kontrolle über ein Gebiet steigen. Das kann wiederum dazu führen, dass die Regierung die Gebiete zugänglicher macht, zusammen mit externen Investoren eine fossilbasierte Entwicklung 1.5.2.2 vorantreibt und beginnt, dort natürliche Ressourcen Kooperation in grenzüberschreitenden abzubauen (z. B. Bergbau oder Öl- und Gasförderung). ­Schutzgebieten Das kann oftmals zu neuen sozialen Spannungen und Grenzüberschreitende Schutzgebiete, in bestimmten Konflikten führen (Barquet, 2015; Löhr et al., 2021). Fällen auch Peace Parks genannt, sind ein häufig ver- Darüber hinaus gibt es zahlreiche Beispiele, in denen wendetes, wenn auch durchaus kritisch diskutiertes Schutzgebiete zwar auf dem Papier ausgerufen wurden,


Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheitsstrategie 1.5

Kasten 1.5-2

Beispiele gemeinsamer Schutzgebiete Die friedensfördernde Zusammenarbeit in Naturräumen kann abhängig von regionalen und lokalen Gegebenheiten unterschiedliche Formen annehmen. In solchen Ansätzen kooperieren meist staatliche und nicht staatliche Akteure miteinander. Zum Beispiel wurden im Jahr 1998 in einem Friedensabkommen zur Beilegung langjähriger territorialer Konflikte zwischen Peru und Ecuador Naturschutzgebiete auf beiden Seiten der Grenze eingerichtet, um durch gemeinsames Monitoring und Management dieser als Biodiversitätshotspot bekannten Region bilaterale Kooperation zu fördern (Cordillera del Condor Transboundary Conservation Corridor; UNCCD, 2024: 38; Ali, 2019). Ein weiteres Beispiel ist der Prespa Transboundary Park, ein Nationalpark der seit dem Jahr 2000 um den grenzüber-

schreitenden Prespasee in Albanien, Nordmazedonien und Griechenland existiert – einer von vielen Konflikten gezeichneten Region. Der Prespasee ist als international bedeutendes Ramsar-Feuchtgebiet anerkannt und die Region gilt als Biodiversitätshotspot, der wichtige, nur dort vorkommende Arten beheimatet. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht staatlichen Organisationen wird u. a. über den Prespa Ohrid Nature Trust der KfW gefördert und ist auf vielfältige Weise positiv für die Erhaltung und Förderung des Friedens sowie die ökonomische Entwicklung (Ejupi et al., 2024). Ein aktuelleres Beispiel ist der Great Ulster Peace Forest, der im Rahmen der 2019 von der UNCCD ins Leben gerufenen Peace Forest Initiative gegründet wurde. Wiederaufforstungsprojekte in Nordirland sollen zur Verständigung zwischen Gemeinden mit unterschiedlichen Hintergründen und Glaubensrichtungen beitragen (UNCCD, 2024: 44).

vor Ort aber weder Schutzzonen noch zugehörige zonenspezifische Nutzungsregeln eingeführt wurden. Solche „Paper Parks“ oder „Geisterprojekte“ sollten vermieden werden (Relano und Pauly, 2023; Müller-Mahn et al., 2026). Es besteht zudem das Risiko, dass Naturschutz und der „Umweltdiskurs“ von Regierungen dazu genutzt werden, um andere politische Interessen zu verschleiern oder Maßnahmen durchzusetzen, die die lokale Bevölkerung belasten (Barquet, 2015). Außerdem besteht die Gefahr, dass Geberländer koloniale Logiken reproduzieren, um ihre Interessen durchzusetzen. Es kann wie eine koloniale Machtgeste wirken, wenn argumentiert wird, Konfliktregionen – oft Niedrigeinkommensländer – sollen die Verantwortung für den Schutz von Biodiversitätshotspots tragen, während Hocheinkommensländer ihre eigenen Biodiversitätsziele verfehlen und die hohen Pro-Kopf-Emissionen die Umweltkrisen noch verschlimmern (Corbera et al., 2024; Davis et al., 2023). Angesichts der kolonialen Vergangenheit, die die Entstehung von Nationalparks geprägt hat, bedarf es einer besonderen Sensibilität im Umgang mit grenzüberschreitenden Naturschutzprojekten (Corbera et al., 2024). Die Umsetzung der eigenen Biodiversitätsziele innerhalb der EU und Deutschlands ist wichtig, um die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen von Partnerländern zu erhalten oder zurückzugewinnen.

Werden jedoch kooperative, friedensfördernde Projekte nicht kontext- und konfliktsensibel umgesetzt, besteht das Risiko, dass sie zu neuen Konflikten führen. Lokalen Bewohner:innen droht durch Top-down-Interventionen eines ausgrenzenden Naturschutzes oftmals der Verlust ihrer Existenzgrundlagen, z. B. aus informeller kleinbäuerlicher Landwirtschaft, und in manchen Fällen auch Vertreibung und Zwangsumsiedlung (Ide, 2020; Corbera et al., 2024; Kokunda et al., 2023). Diese Probleme anerkennend, schlägt der WBGU einen inklusiven, kooperativen und grenzüberschreitenden Mosaikansatz vor, zu dem sowohl kleine Nutzflächen als auch miteinander verbundene, größere Schutz- und Renaturierungsgebiete gehören und der lokale Akteure und Anwohner:innen an der Konzeption, Planung und Umsetzung von Schutzgebieten von Anfang an beteiligt (WBGU, 2024a). Der Mosaikansatz hat das Ziel, verschiedene Ansprüche in Bezug auf den Umgang mit Landschaften einzubeziehen und diese bestmöglich miteinander zu vereinbaren (WBGU, 2020, 2024a; Upla et al., 2024; Pörtner et al., 2021; IPBES, 2018). Um die Umsetzung solcher grenzüberschreitenden Mosaiklandschaften effektiv zu gestalten, bieten sich verschiedene Instrumente an. So könnten z. B. Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen und externe Überwachung durch internationale Medien oder Geberorganisationen hilfreich sein. Der rechtliche Schutz auf Ebene der Staaten, die Projekte umsetzen, sollte 1.5.2.3 gewährleistet sein, z. B. durch „nationale Gesetze gegen Lokale Bedürfnisse anerkennen und GestaltungsDiskriminierung […] oder gegen Umsiedlungen“ oder fähigkeit stärken durch ein Gesetz, das die Entschädigungen regelt (Ide, Die lokale Bevölkerung in fragilen Kontexten ist von den 2020, eigene Übersetzung). Die lokalen Bedürfnisse Auswirkungen der Klima- und Biodiversitätskrise beson- sollten von Beginn an in die Projektplanung einbezogen ders betroffen. Diese Menschen zu unterstützen ist aus werden, etwa indem lokale Akteure leitende Funktionen Sicht des WBGU ein wichtiger Teil integrierter Sicherheit. bei der Projektentwicklung einnehmen. Außerdem kann

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1 Umwelt prägt Sicherheit

Kasten 1.5-3

Positivbeispiele für lokale Bottom-up-Environmental-Peace­ building-Initiativen sind die soziokulturelle Praxis und die Bräuche des tara bandu in Timor-Leste, die u. a. die Nutzung natürlicher Ressourcen oder Konfliktresolutionen regeln (Ide et al., 2021b). Tara bandu funktioniert insbesondere über ein lokal geeintes Narrativ und steht exemplarisch für Verfahren, um Lösungen für lokale Probleme zu finden, unter Anerkennung unterschiedlicher Kontexte (Alonso-Población et al., 2018). Über traditionelle und spirituelle Rituale werden Flächenansprü-

che und Landnutzungsregelungen wie z. B. ­zeitlich begrenzte Einschlagsverbote und Fischereibeschränkungen, aber auch soziokulturelle Abkommen geschlossen (Ide et al., 2021b; Alonso-Población et al., 2018). Das gemeinsame Interesse an der Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen vereint benachbarte Ortschaften und schützt Natur und Mensch, Ökosystem und Sozialsystem gleichermaßen. Die sozialen Strukturen basieren unter anderem auf den lokalen Traditionen, Hegemonien und indigenen lokalen (auch nicht staatlichen) Rechtssystemen, die allerdings je nach Region unterschiedlich erfolgreich sind (Scambary und Wasse, 2018). In den Gemeinschaften vor Ort existiert eine hohe Akzeptanz für die durch tara bandu auferlegten Regelungen und Sanktionen zum Umweltschutz, was für eine nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen sorgt.

die lokale Bevölkerung durch Citizen Science und CoManagementansätze an Management und Monitoring beteiligt werden (Teilgutachten 2; Soliku und Schraml, 2020; Ide et al., 2021a; Weir et al., 2019). Um zu verhindern, dass grenzüberschreitende Schutzflächen neue Konflikte und Gewalt verursachen, ist es essenziell, gender- und konfliktsensible Ansätze bei der Konzeption und Planung von Projekten zu verwenden und dies in den Governanceprozessen zu institutionalisieren. Konfliktsensibel bedeutet, anzuerkennen, dass Eingriffe in konflikthaften Kontexten zu mehr Spannungen führen können (Bruch et al., 2022: 68). Daher sollte jede Intervention, z. B. im Rahmen von Environmental Peacebuilding, auf einer Konfliktanalyse basieren. Die notwendige Zusammenarbeit mit lokalen Stakeholdern sollte zudem Entscheidungen zu Projektinvestitionen oder Mechanismen zur Gewinnverteilung umfassen und die Entwicklung lokaler Schlichtungsmechanismen einschließen (Bruch et al., 2022: 68; UBA, 2022). Die Governance der Schutzgebiete sollte sicherstellen, dass diese partizipativ, inklusiv, geschlechtergerecht, rechtsbasiert, flexibel, transparent, rechenschaftspflichtig sowie nachhaltig konzipiert und umgesetzt werden (Bruch et al., 2022; Ajroud et al., 2017; Hammill et al., 2009; Ide et al., 2021a; Bruch et al., 2024). Die Regulierung von Ressourcen zwischen unterschiedlichen Akteursgruppen oder das Ende gewaltvoller Konflikte führt nicht automatisch zu einem schonenderen Umgang mit Ökosystemen (Hachmann et al., 2023). Im Gegenteil, diese Veränderungen können auch Auslöser für eine stärkere Ausbeutung von Ressourcen sein und sich negativ auf Ökosysteme und gesellschaftliche Existenzgrundlagen auswirken (Hachmann et al., 2023; Ide, 2020; Johnson et al., 2021b). Es ist daher wichtig, sowohl die sozialen als auch die ökologischen Dynamiken innerhalb lokaler Systeme zu verstehen und in kooperative

Ansätze wie grenzüberschreitende Mosaiklandschaften einzubeziehen. Um kontextspezifische Lösungsansätze entwickeln zu können, gilt es, die lokale Gestaltungsfähigkeit zu erhalten und auszubauen. Das bedeutet, lokales und indigenes Wissen anzuerkennen und systematisch in Handlungsstrategien zu integrieren. Dies kann insbesondere sichergestellt werden, wenn lokale Akteure entsprechend des Ansatzes des ‚locally-led developments‘ die Interventionen in leitender Funktion entwickeln und umsetzen (OECD, 2024; Dombrowski, 2022; Bond, 2021; Singh, 2024). Externe Akteure sollten lediglich unterstützende Rollen einnehmen. Formen der breiten gesellschaftlichen Beteiligung können die nachhaltige Umsetzung, Erhaltung und Weiterentwicklung kontextspezifischer Maßnahmen sicherstellen (Kasten 1.5-3; Johnson et al., 2021b; Löhr et al., 2021). Es geht darum, dass von außen inspirierte und häufig auch finanzierte Interventionen in das Eigentum, die Identität und die Pflege der lokalen Gemeinschaften überführt werden (Ullah, 2024; Teilgutachten 2). Zentral in diesen Prozessen ist, eng mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenzuarbeiten und diesen die Leitung zu übergeben. Es ist somit positiv zu bewerten, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in seiner Strategie zur Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft nichtstaatliche Kooperationen betont und die Mittel dafür in den vergangenen fünf Haushaltsjahren prozentual zum Gesamtetat des Ministeriums angehoben hat (BMZ, 2024; Hughes et al., 2025). Im Jahr 2025 gingen knapp 13 % des BMZ-Haushalts direkt an zivilgesellschaftliche Akteure (Hughes et al., 2025). Hinzu kommen Vergaben an lokale Nichtregierungsorganisationen über die Umsetzungsapparate der technischen und finanziellen Zusammenarbeit Deutschlands. Auch internationale Vereinbarungen wie die Paris Declaration

Lokales Environmental Peacebuilding in Timor-Leste

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Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

on Aid Effectiveness (OECD, 2005), die Accra Agenda for Action (OECD, 2008) und das Busan Partnership for Effective Development Cooperation (OECD, 2011) haben die Einbindung lokaler Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit bereits aufgegriffen.

1.6 Handlungs- und Forschungsempfehlungen Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung bedrohen die Lebensgrundlagen für Mensch und Natur und wirken sich bereits heute negativ auf Gesellschaft und Wirtschaft aus. Diese kritischen Veränderungen unseres Erdsystems gehören damit zu den langfristig größten Sicherheitsrisiken weltweit (Kap. 1.1). Alle Regierungsressorts sollten daher der Verpflichtung Deutschlands zur Umsetzung des Pariser Übereinkommens und des globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal, einschließlich Finanzierung, Governance und Monitoring, vereint und mit Nachdruck gerecht werden. Das liegt auch im Interesse nationaler und internationaler Sicherheit. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf dem Schutz, der Wiederherstellung und der Erhaltung globaler Gemeingüter liegen (dazu zählen z. B. gesunde und produktive Böden und Ozeane, Wälder, Wasserressourcen, ein stabiles Klima; WBGU, 2020, 2024a, 2024b). Um neue Sicherheitsrisiken wirksam zu reduzieren, sollte präventives Handeln politische Entscheidungen leiten und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Umweltveränderungen globale Risiko­ dynamiken nicht weiter verschärfen. Der WBGU hat im vorliegenden Papier vier grundlegende Ansätze zur Umsetzung von integrierter Sicherheit unter Einbezug der Bedeutung der natürlichen Lebensgrundlagen identifiziert. Die folgenden Handlungs- und Forschungsempfehlungen sind diesen vier Ansätzen zugeordnet. 1. Umwelt stärker in die Sicherheitsarchitektur Deutschlands und Europas integrieren: Umwelt- und insbesondere Klimapolitik kann kurz-, mittel- und langfristig maßgeblich zur nationalen und europäischen Sicherheitspolitik beitragen. Daher sollten Umweltveränderungen und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen stärker in nationale und europäische Sicherheitspolitiken und konkret in die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats Deutschlands und in die angekündigte europäische Sicherheitsstrategie (EEAS, 2026; Cohen und Michalopoulos, 2026) und Fortentwicklungen integriert werden. Umfassende und kontinuierlich erstellte nationale Lagebilder unter Einbezug der Umweltveränderungen tragen dazu bei, neben den klassischen Sicherheitsrisiken auch Umweltrisiken regelmäßig in Risiko-

analysen sowie bei der (vorausschauenden) Entwicklung von Handlungsoptionen zu bewerten. Gleichzeitig sollte sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass der zivilen Prävention von Konflikten und friedensfördernden bzw. -sichernden Ansätzen eine vergleichbare Wertigkeit in Politikgestaltung, Finanzierung und der politischen Kommunikation zugeordnet wird wie auf Abwehr und Verteidigung setzenden Politiken und Instrumenten. 2. Klimastabilisierung als Sicherheitsfaktor: Klimaschutz wird in der aktuellen Sicherheitslage teilweise nachrangig eingeordnet – Maßnahmen des Klimaschutzes sind im Gegenteil jedoch ein Schlüssel, um mehr Sicherheit zu schaffen. Langfristig ist die Energiewende in allen Sektoren der einzige Weg, die Risiken durch hohe Energiepreise und Versorgungsengpässe sowie die Abhängigkeiten von den marktbeherrschenden, oftmals autokratischen oder unzuverlässigen Ländern zu reduzieren. Ökosystembasierter Klimaschutz und der Ausstieg aus fossilen Energieträgern müssen Hand in Hand gehen. Andernfalls können gefährliche Klimaauswirkungen nicht verhindert werden. Wir werden darüber hinaus neue Maßnahmen brauchen, um langfristig die globale Temperatur wieder abzusenken und so gefährliche Klimaauswirkungen zu vermeiden. Die Risiken, die durch diese neuen Maßnahmen entstehen, müssen aber ebenso beherrschbar bleiben. 3. Natürliche Infrastruktur für Bevölkerungsschutz: Natürliche Infrastruktur dient als Daseinsvorsorge und natürlicher Puffer auch dem Bevölkerungsschutz. Sie sollte daher gesetzlich priorisiert werden und die damit einhergehende Umsetzung von Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen durch die Bereitstellung entsprechender Ressourcen unterstützt werden. Um die natürliche Infrastruktur und ihre Ökosystemleistungen für die Bevölkerung vor schleichenden Umweltrisiken zu schützen, sollten übergreifende Frühwarnsysteme entwickelt werden, die vorausschauendes Handeln ermöglichen. 4. Kooperativer Ökosystemschutz als Sicherheits­ strategie: Umweltbasierte Kooperation, z. B. bei Ökosystemschutz und dem nachhaltigen Management natürlicher Ressourcen, kann zu Friedensförderung und ziviler Konfliktprävention beitragen. Umweltbezogene Zusammenarbeit ist im Sinne integrierter und nachhaltiger Sicherheit eine Investition in inner- und zwischenstaatliche Kooperation, Stabilität und Sicherheit.

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1 Umwelt prägt Sicherheit

1.6.1 Handlungsempfehlungen 1.6.1.1 Umwelt stärker in Sicherheitsarchitektur ­integrieren Umwelt- und insbesondere Klimapolitik können kurz-, mittel- und langfristig maßgeblich zur nationalen Sicherheitspolitik beitragen. Daher sollte ein integrierter Sicherheitsansatz, der auf dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, einschließlich der natürlichen Infrastruktur und des Klimas, basiert, effektiv und unmittelbar umgesetzt werden. Dafür muss Umweltschutz als Daseinsvorsorge und Grundlage einer langfristigen Erhaltung von Wohlstand und Wohlbefinden verstanden und als Teil vorausschauender intersektoraler Sicher­ heitspolitik in allen Politikfeldern integriert und – in Deutschland koordiniert durch den Nationalen Sicherheitsrat – dementsprechend umgesetzt werden. Die ­gesellschaftliche Resilienz und Handlungsfähigkeit können durch den Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Infrastruktur langfristig und systematisch gestärkt werden. Der WBGU empfiehlt:

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Umweltveränderungen und Schutz der natürlichen Lebens­grundlagen, u. a. durch die natürliche Infrastruktur, stärker in die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats integrieren Umweltrisiken, begriffen als Sicherheitsrisiken, sollten zentraler Bestandteil und Fokus der Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats sein, weil sie nicht nur langfristig sicherheitsrelevant sind, sondern z. B. auch kurzfristige Extremereignisse die Versorgungssicherheit gefährden können. Dafür sollten auch das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hinzugezogen und z. B. in der Geschäftsordnung des Sicherheitsrates und bei einer Fortschreibung der Nationalen Sicherheitsstrategie berücksichtigt werden. Um die institutionelle Zusammenarbeit von Umwelt- und Sicherheitspolitik sowie weiteren relevanten Politikbereichen zu stärken, bedarf es der Etablierung fester Schnittstellen und regelmäßiger Dialogformate, beispielsweise über Staatssekretärsausschüsse. Gleichzeitig sollte der Austausch des Nationalen Sicherheitsrats zu Umweltrisiken mit bestehenden interdisziplinären bzw. ressortübergreifenden Austauschformaten und -plattformen (z. B. One Health oder Planetary Health) verstetigt werden und nicht nur anlassbezogen erfolgen. Dies ist insbesondere im Hinblick auf Biodiversitätsverlust und Verschmutzung und daraus entstehenden Gesundheits- und Sicherheitsrisiken notwendig.

Regelmäßige, systemische Risikoanalysen ­unter ­Einbezug der Umweltveränderungen in der ­Lagebild­erstellung etablieren Die Erstellung einer kontinuierlichen, umfassenden nationalen Risikoanalyse sollte unter Einbezug von Umweltveränderungen prioritär vorangetrieben werden, koordiniert und analysiert durch den deutschen Nationalen Sicherheitsrat und unter enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Sie sollte auf systemischen Risikoanalysen beruhen, die neben klassischen Sicherheitsrisiken auch schleichende Risiken durch Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung und andere Umweltrisiken integrieren. Dazu sollten insbesondere die Kausalzusammenhänge und Wechselwirkungen wie gegenseitige Risikoverstärkung und -kaskaden berücksichtigt werden, wie auch bereits in der Nationalen Interdisziplinären Klimarisiko-Einschätzung (NiKE-Studie) herausgearbeitet (Metis, 2025). Die Prävention von Sicherheitsrisiken sollte dabei das Leitmotiv sein. Durch strategisches Foresight lassen sich verschiedene Szenarien antizipieren und proaktiv Handlungsoptionen entwickeln. Für bereits unumkehrbare Effekte sollten umfassende Risikoanalysen mit ausgearbeiteten Anpassungsszenarien für klimawandelbedingte und andere Umweltereignisse („Preparedness“) erfolgen. Diese wissenschaftlich anspruchsvolle Aufgabe sollte an wissenschaftliche Institute und Thinktanks übergeben oder in enger Zusammenarbeit und kontinuierlichem Dialog mit ihnen erfolgen. Konfliktprävention und Friedenssicherung bzw. -­ förderung die gleiche Wertigkeit im Bundes­ haushalt zuordnen wie Verteidigung Die Bundesregierung sollte sich dafür einsetzen, dass sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene sowie innerhalb der NATO der zivilen Prävention von Konflikten und friedensfördernden bzw. -sichernden Ansätzen eine vergleichbare Wertigkeit in Politikgestaltung, Finanzierung und politischer Kommunikation zugeordnet wird wie auf Abwehr und Verteidigung setzenden Ansätzen. Die Stärkung nachhaltiger Entwicklung und humanitärer Ansätze ist für die Konfliktprävention und Friedensförderung essenziell (wie es auch vom Beirat Zivile Krisenprävention und Friedensförderung an die Bundesregierung herangetragen wird). Allerdings kürzen Hocheinkommensländer zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs in wenigen aufeinanderfolgenden Jahren ihre Mittel für internationale Kooperation und Entwicklung in drastischem Umfang, während Verteidigungsbudgets in vielen Ländern substanziell angehoben werden. > Deutschland als größtes bilaterales Geberland sollte sich dafür einsetzen, international wieder die 0,7 % ODA-Quote als politische Zielgröße für Entwicklungsfinanzierung zu etablieren, um somit auch vorsorgende Sicherheitspolitik zu betreiben.


Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

> Weiter sollte Deutschland sich dringend dafür ein- 2. Die Zugewinne bezüglich strategischer Souveränität setzen, zivile Konfliktprävention und Friedens­ und eigener Handlungsfähigkeit können umso höher sein, je stärker die Energienutzung (Industrie, Mobisicherung analog zum Ausbau der Verteidigungs­ kapazitäten auf- und auszubauen. Es gilt, den akuten lität, Gebäude) elektrifiziert bzw. für ausgewählte Tendenzen der Konflikteskalation weltweit mit Instru­ Anwendungen auf Wasserstoff umgestellt wird. menten der zivilen Konfliktprävention und Friedens- 3. Stromversorgung resilient gestalten: Eine flexible sicherung vehement entgegenzutreten. Der Beirat der und effiziente Nutzungsseite, Speichertechnologien Bundesregierung Zivile Krisenprävention und Friesowie Dezentralität können bei Extremereignissen densförderung betont die langfristige Wirkung und und in Konfliktsituationen helfen. Dabei sollte auch Effektivität ziviler und präventiver Ansätze, und hebt Cybersicherheit beachtet werden. hervor, dass sie als komplementär gegenüber militä- 4. International sollte Europa Energiefragen eng mit seirischen Ansätzen bewertet werden sollten. nen geopolitischen Interessen verknüpfen, Niedrigeinkommensländer zu unterstützen und mit ande1.6.1.2 ren ‚Middle Powers‘ zu kooperieren. Durch Klimastabilisierung die Sicherheit erhöhen Dies setzt eine konsequente Klima- und EnergieKlimaschutz ist eine zentrale Voraussetzung für eine wendepolitik voraus. Es gilt, bestehende Preissignale zur sichere Zukunft. Hierzu hat der WBGU in seinen Gut- Beschleunigung des Umstiegs auf erneuerbare Energien achten umfangreiche Empfehlungen gegeben (WBGU, und der Dekarbonisierung aller Sektoren zu verstärken. 2011, 2018, 2021). Im Zuge der Klimastabilisierung sind Die regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbeder Fossilausstieg und die Ausgestaltung der Energie- dingungen für die Transformation müssen langfristig wende auch im Sinne einer zuverlässigen Energiever- und verlässlich gestaltet sein, um Unternehmen und sorgung von besonderer Sicherheitsrelevanz. Darüber Haushalten Planungssicherheit für Investitionen in die hinaus müssen potenzielle neue Risiken beachtet werden, Dekarbonisierung zu bieten: die Maßnahmen betreffen, um die global gemittelte > Als Leitinstrument für den sicherheitsrelevanten AusTemperatur langfristig wieder abzusenken. stieg aus der Nutzung fossiler Energieträger in der Stromerzeugung und in anderen Sektoren sollten Sicherheit und Klimaschutz erfordern eine schnelle Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern, verbunden CO2-Emissionen weiterhin wirksam bepreist werden, mit einer schnellen Reduktion der Emissionen auf nettoz. B. im Rahmen von EU-ETS I und II, die nicht abgenull und anschließenden Netto-Negativemissionen, um schwächt werden sollten. Klimaschädliche Subvendie globale Erwärmung möglichst unter 1,5 °C zurücktionen wie Steuerprivilegien sollten zeitnah abgebaut zuführen – unterhalb dieser Temperaturgrenze sind erwerden, statt sie in Reaktion auf geopolitische Spanheblich geringere Schäden zu erwarten als bei höheren nungen und Krisen bzw. Preisschocks reflexartig zu Temperaturen (IPCC, 2018). Das Ziel der Treibhausgaserhöhen. Einnahmen aus der Bepreisung sollten für neutralität sollte daher auch aus sicherheitspolitischen den Ausgleich von zusätzlichen Belastungen für PriGründen mit Nachdruck verfolgt werden. Eine zwischen vathaushalte (z. B. in Form eines Klimageldes) und Sektoren abgestimmte Emissionsminderung sollte verfür Investitionen in Klimaschutz genutzt werden. lässlich auf netto-null (Treibhausgasneutralität) bis 2045 Dabei sollten Mitnahmeeffekte minimiert und ins(Deutschland) bzw. 2050 (EU) ausgerichtet bleiben. besondere auch einkommensschwache Gruppen bei Investitionen in klimafreundliche Technologien unterUnabhängigkeit von fossilen Rohstoffen als stützt werden. Gesellschaftliche Legitimität von KliSicherheitsfaktor verstehen maschutz sollte auch durch verbindende KommuniMaßnahmen des Klimaschutzes sind ein Schlüssel, um kation – etwa zu den Gründen für die CO2-Bepreisung und zur Verwendung der Einnahmen – und Teilhabe mehr Sicherheit zu schaffen. Langfristig ist die Energiewende in allen Sektoren der einzige Weg, die Risiken an Umsetzung, Entscheidungsprozessen und an den durch hohe Energiepreise und Versorgungsengpässe zu Einnahmen gefördert werden (Teilgutachten 2). reduzieren. > Ein Fokus sollte auf konkrete, von der Politik gemeinsam mit der Wirtschaft zu entwickelnde Strategien Sicherheitsstrategisch sind folgende Grundsätze für für schwer zu dekarbonisierende Sektoren und für die Energiepolitik wichtig: die Wärme-, Verkehr- und Industriewende gelegt 1. Den Umstieg auf erneuerbare Energien gleichzeitig werden. Diese Strategien sollten auch gezielte Maßdazu nutzen, um die Energieversorgung resilienter gegenüber Disruptionen wie geopolitisch motivierten nahmen zur Überwindung technologischer, wirtLieferbeschränkungen, durch den Klimawandel verschaftlicher und sozialer Hindernisse enthalten, um stärkt auftretenden Extremereignissen oder Cybereine spätere Überforderung und Verzögerungen auf angriffen zu machen. dem Weg zu netto-null zu vermeiden. Der CO2-Grenz­

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ausgleichmechanismus macht den Wettbewerb für die europäische Industrie fairer, die Einnahmen daraus sollten aber auch zur Unterstützung klimaresilienter Entwicklung und grüner Technologien in Niedrigeinkommensländern verwendet werden. > In der Stromerzeugung sollte der Umstieg auf erneuerbare Energien genutzt werden, um die Resilienz des Stromsystems zu erhöhen: kleinere, verbrauchsnahe Erzeugung, flexiblere Verbraucher, bessere Integration von Speichertechnologien und dezentrale Netz- und Steuerungsstrukturen reduzieren die Kosten von Schäden und Ausfällen. Gleichzeitig müssen Vorkehrungen gegen Cyberattacken und Sabotage verstärkt werden (Kap. 1.3.1.2). Der WBGU rät weiterhin dringend davon ab, auf Kernenergie zu setzen, insbesondere wegen des nach wie vor nicht vernachlässigbaren Risikos schwerster Schadensfälle, der ungeklärten und kostenintensiven Endlagerungsproblematik und des Risikos unkontrollierter Proliferation. > In allen Sektoren sollten neue Pfadabhängigkeiten durch Investitionen in fossile Technologien vermieden werden (z. B. erdgasbasierte Wärmeversorgung, Verbrennungsmotoren). Kurzfristig notwendige Investitionen in fossile Kapazitäten in der Stromerzeugung (Gaskraftwerke) sollten auf das notwendige Minimum beschränkt und dekarbonisierbar gestaltet werden. Im Gegenzug sollten Flexibilitätsoptionen im Stromsektor sowie Elektrifizierung und Effizienzsteige­ rungen in Verbrauchssektoren stärker vorangetrieben und durch Anreize gefördert werden. Bioenergie kann und sollte fossile Brennstoffe nur sehr begrenzt substi­tuieren. Sie sollte auf Anwendungen fokussiert werden, für die es keine Alternativen gibt (Straßenverkehr und Gebäudeheizungen gehören z. B. nicht dazu), damit direkte und indirekte Landnutzungsänderungen vermieden werden (kein großskaliger Energiepflanzenanbau; WBGU, 2020). > Vor allem Niedrigeinkommensländer sollten bei der Entwicklung einer fossilfreien Energieversorgung und alternativen Exportwirtschaft unterstützt werden. Dies könnte beispielsweise durch die Unterstützung einer Roadmap zum Ausstieg aus fossilen Ressourcen geschehen, etwa im Rahmen des „Transitioning away from fossil fuels“-Prozesses. Dabei sollte ein wichtiges Kriterium sein, wie sich das Land zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern positioniert, und solche Länder bevorzugt werden, die auf eine weitere Exploration fossiler Energieträger verzichten. Denn aktuell ist die Förderung von wesentlich mehr Kohle, Öl und Gas geplant, als mit einer Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 °C oder 2 °C kompatibel wäre (SEI, 2025). 42

Zerstörung natürlicher Kohlenstoffspeicher stoppen, natürliche biologische Senken schützen und ­­wieder­ aufbauen Ökosystembasierter Klimaschutz und der Ausstieg aus fossilen Energieträgern müssen Hand in Hand gehen – beide sind sicherheitsstrategisch relevant, andernfalls können gefährliche Klimaauswirkungen nicht verhindert werden. Der Schutz von Ökosystemen und ihre Renaturierung sind nicht nur wichtige Beiträge zum Biodiversitätsschutz, sondern auch zur langfristigen Stabilisierung des Klimasystems und sollten mit Hochdruck vorangetrieben werden. Einige Ökosysteme beinhalten große Mengen organischen Kohlenstoffs (hochorganische Böden, Permafrostböden) oder haben das Potenzial, Kohlenstoff anzureichern und langlebig zu speichern (z. B. Moore, Küstenökosysteme oder marine Sedimente). Die Freisetzung von gespeichertem Kohlenstoff und die Zerstörung natürlicher Kohlenstoffsenken gilt es mit Nachdruck zu verhindern. Ökosystemschutz und Renaturierung können jedoch die aktuell hohen Emissionen nicht im Ansatz kompensieren und auch fehlende technische Emissionsminderungen nicht ersetzen. Es sollte daher ausgeschlossen werden, dass aus Maßnahmen zu Schutz und Renaturierung Fehlanreize resultieren, die zu einer Verzögerung des Ausstiegs aus der Nutzung fossiler Energieträger führen. Der WBGU empfiehlt: > Ökosystemschutz und -wiederherstellung sollte vorangetrieben und ganzheitlich mit den Belangen des Biodiversitätsschutzes und des Bevölkerungsschutzes (Kap. 1.4) integriert werden, ohne diese Maßnahmen allein auf maximalen Klimaschutz auszurichten (Kap. 1.3.2). > Es sollte sichergestellt werden, dass in Netto-nullEmissionsstrategien oder Netto-negativ-Emissionsstrategien das bloße Vorhandensein natürlicher Senken nicht als Maßnahme für CDR (carbon dioxide removal) gezählt wird. Bilanzierungen zur Erreichung von Nettonull-Emissionen sollten nur die aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre durch den Menschen mit nachfolgender langfristiger Speicherung als Kompensation ggf. noch vorhandener Emissionen zulassen. > Die Fragilität und Reversibilität ökosystembasierter Senken sollte beachtet werden: Die Stärkung natürlicher Senken – d. h. naturbasierte Beiträge zum Klimaschutz wie Moorwiedervernässung, Wiederaufforstung, Renaturierung weiterer, auch mariner Ökosysteme – sollte in die kurz- bis mittelfristige Erreichung von Netto-null-Emissionen nicht als verlässlicher Beitrag einberechnet werden. Es sollten stattdessen separate Anreizmechanismen für Renaturierungsmaßnahmen entwickelt werden, um ihren langfristigen Beitrag zur Klimastabilisierung und -regulation (Schutz und Anreicherung organischer


Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

Kohlenstoffspeicher) und zum Biodiversitätsschutz teten externen Effekten. Methoden, die großskalige zu stärken (ESABCC, 2024). und irreversible Effekte auf natürliche Ökosysteme > Im Rahmen der Berichterstattung nationaler Beiträge haben, sollten nicht verfolgt werden. sollte sich die Anrechnung temporärer negativer Emis- > Solares Strahlungsmanagement (solar radiation sionen aus der Wiederherstellung von degradierten management/manipulation) beschreibt spekulative Ökosystemen auf solche beschränken, die vor dem Methoden zur globalen Temperaturabsenkung durch Pariser Übereinkommen 2015 zerstört wurden. Abschirmung solarer Einstrahlung, z. B. die Injektion von Aerosolen in die Stratosphäre. Ihr Einsatz wäre Langfristige Temperaturabsenkung vorbereiten mit großen Unsicherheiten und Risiken verbunden Sicherheitsstrategisch bedarf es auch neuer Maßnahmen, und stellt damit ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar um langfristig die globale Temperatur wieder abzusenken (Bronkalla et al., 2025). Der WBGU empfiehlt daher, und so gefährliche Klimaauswirkungen zu vermeiden. solche Methoden nicht zu verfolgen. Neben den Die Risiken, die durch diese neuen Maßnahmen enterheblichen wissenschaftlichen Unsicherheiten und stehen, müssen aber ebenso beherrschbar bleiben. geophysikalischen Risiken eines Einsatzes erlaubt Dauerhaft wirksame negative Emissionen, d. h. aktive zudem die gegenwärtige geopolitischen Lage keine menschliche Maßnahmen, um der Atmosphäre CO2 zu internationale vertrauensvolle Zusammenarbeit, die in einer den Risiken und Unwägbarkeiten solcher entziehen und langfristig sicher zu speichern, sind unvermeidlich, um langfristig eine Klimastabilisierung im Technologien angemessenen Governancestruktur Einklang mit den Zielen des Pariser Übereinkommens münden könnte. Um einen unilateralen Einsatz zu zu erreichen. Die Methoden sind aber mit unterschiedvermeiden, sollte ein internationales Nicht-Nutzungslichen, teilweise erheblichen Risiken verbunden, die abkommen angestrebt werden. begrenzt werden müssen. Eine unkontrollierte Skalierung negativer Emissionen könnte je nach Methode zu 1.6.1.3 verschiedenen Sicherheitsrisiken führen – z. B. haben Bevölkerungsschutz durch natürliche einige Methoden (wie BECCS) potenziell große Auswir- Infrastruktur stärken kungen auf die Landnutzung und könnten so etwa die Bevölkerungsschutz muss weiter als bisher verstanden werden und auch den Schutz vor schleichenden UmweltErnährungssicherheit gefährden. Von hoher Bedeutung ist, dass von einem Ausbau der veränderungen und die daraus folgenden sozioökonoCDR-Kapazitäten kein Anreiz ausgeht, den Ausstieg aus mischen Konsequenzen für die betroffene Bevölkerung der Nutzung fossiler Energieträger zu verzögern. CDR umfassen. sollte in Strategien zur Erreichung von Netto-null-Emissionen daher nicht vorgesehen werden, um dauerhaft Natürliche Infrastruktur gesetzlich priorisieren und Emissionen aus leicht zu dekarbonisierenden Sektoren Flächen identifizieren zu kompensieren, sondern ausschließlich für die Kom- Natürliche Infrastruktur dient als Daseinsvorsorge und pensation von Emissionen aus schwierig zu dekarbonisie- natürlicher Puffer vor (schleichenden) Extremereignisrenden Sektoren oder für die Erreichung netto-negativer sen auch dem Bevölkerungsschutz. Um die Priorisierung Emissionen eingeplant werden. Darüber hinaus sollte sicherheitspolitischer grauer Infrastrukturvorhaben vor reines CCS, das der Verringerung von CO2-Emissionen natürlichen Infrastrukturvorhaben auszugleichen, beaus Punktquellen dient, prioritär für schwierig zu de- darf es der gesetzlichen Zuweisung eines überragenden karbonisierende Sektoren genutzt werden, da es mit öffentlichen und eines sicherheitspolitischen Interesses bestimmten CDR-Methoden wie BECCS oder DACCS zugunsten besonders bedeutender natürlicher Infra(direct air carbon capture and storage) um die verfüg- struktur. Hierfür sollte auf nationaler und europäischer baren langfristigen Speicherstätten für CO2 konkurriert. Ebene ein Vorhabenbezug für die natürliche Infrastruk> Es sollten rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen tur hergestellt werden. werden, um eine sichere Skalierung von CDR zu Zur Identifizierung und Ausweisung der im überraermöglichen, ohne andere Nachhaltigkeitsziele (z. B. genden öffentlichen Interesse liegenden, zu schützenden den Schutz von Biodiversität, Ernährungssicherung, und wiederherzustellenden Naturräume als natürliche Energiewende) oder auch die Erreichung der Klima- Infrastruktur bedarf es einer Inventarisierung der vorziele selbst zu gefährden. Ziele für den Ausbau von handenen Naturräume, Bestandteile und Flächen. Hierzu CDR-Maßnahmen sollten daher zum einen unabhän- kann moderne Fernerkundung eingesetzt werden. In gig von Emissionsminderungszielen gesetzt werden. Deutschland sollten die Bundesländer für die OperatioZum anderen sollte bei den Zielsetzungen auch zwi- nalisierung auf der regionalen Ebene mögliche Flächen schen CDR-Methoden unterschieden werden, etwa vorschlagen. Dafür können sie auf existierende Kartieje nach erwarteter Dauer der Speicherung oder erwar- rungen und Dokumentationen der Landschaftsplanung

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auf Landes-, regionaler und kommunaler Ebenen zurückProjekte, bei denen zivilgesellschaftliche Akteure greifen, welche auch die Anforderungen der Mosaik- Verantwortung für die Natur übernehmen und zum Beraumplanung beachten (WBGU, 2020, 2024a). völkerungsschutz beitragen, sollten langfristig finanziell unterstützt und breitenwirksam gefördert werden. Übergreifende globale Frühwarnsysteme um Dazu zählen etwa Projekte zur großflächigen Wiederherstellung degradierter Lebensräume (z. B. Green Belt Indikatoren zur Wahrung der Schutzfunktionen natürlicher Infrastruktur ergänzen Movement) oder lokale Aktionen wie Patenschaften Für den Schutz der Bevölkerung sind Frühwarnsysteme für Ökosysteme (z. B. Bach- oder Wiesenpatenschaften, essenziell. Auf EU- und UN-Ebene empfiehlt der WBGU, „Gewässer-Verbesserer“) sowie der Einsatz als Pioniere integrierte Frühwarnsysteme aufzubauen und zu vernet- des Wandels (z. B. Wirtschaftspartner in der „Allianz zen, die den Zustand natürlicher Ökosysteme und ihre der Pioniere“ zur Moorvernässung). Das BMUKN sollte Funktionen für den Bevölkerungsschutz miteinbeziehen. gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz Solche Frühwarnsysteme, die beispielsweise orientiert und Katastrophenhilfe (BBK) und dem Bundesinstitut am One-Health-Ansatz die Verschlechterung des Öko- für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Projekte systemzustands durch Verschmutzung, Landdegrada- mit Multiplikationswirkung kommunikativ und finanziell tion oder die zunehmende Durchdringung der Wildnis fördern, um sowohl großflächig als auch lokal Empowerdurch menschliche Siedlungen und Aktivitäten erfassen, ment und Selbstwirksamkeit zu stärken und finanzielle könnten auch der Pandemieprävention dienlich sein. Anreize zu schaffen (WBGU, 2020, 2024b). Auf Basis solcher Frühwarnsysteme soll zudem durch Zielkonflikte bei der Umsetzung von Schutz- und die Kombination von u. a. Umwelt-, Gesundheits- und Wiederherstellungsmaßnahmen können z. B. durch die Sozialdaten eine frühzeitige finanzielle Unterstützung Beteiligung der Bevölkerung sowie relevanter Akteure über geeignete Finanzierungsmechanismen und Resi- in gemeinsamen Planungs- und Umsetzungsprozessen lienzfonds ermöglicht werden, z. B. beim Überschreiten frühzeitig adressiert und minimiert werden (Kap. 1.5). von Dürreschwellen. Dies könnte beispielsweise auf Basis Dies erhöht auch die Planungssicherheit bei der Einder bewährten Zusammenarbeit von UNEP und UNDRR richtung und Nutzung natürlicher Infrastruktur in der geschehen. Auf nationaler Ebene sollte die Entwicklung Mosaikraumplanung. Zudem sollten Bewertungsrahmen einer gemeinsamen Methodik für die Durchführung für den Projekterfolg in Bezug auf Beteiligung und Revon Climate-Nature-Security Assessments beim Aus- silienzerhöhung gemeinsam weiterentwickelt werden wärtigen Amt (AA), dem Bundesministerium für wirt- (Kap. 1.5.2.3; van Onselen et al., 2025). Die Einbinschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dung von Fachexpert:innen und Wissenschaft kann dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), dem evidenzbasierte Daten zur Effektivität, zum KostenBundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), Nutzen-Verhältnis sowie zu möglichen Trade-offs und dem Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Na- Mehrgewinnen liefern. turschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) und dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Internationale Programme zum Aus- und Wiederaufbau natürlicher Infrastruktur finanzieren Heimat (BMLEH) liegen. Natürliche Infrastruktur braucht auch internationale Lokale Behörden, Zivilgesellschaft und Kooperation und Finanzierung. Um kooperative und Flächenverantwortliche bei Schutz- und zivile Sicherheitsansätze in ihrer Wertigkeit gegenüber Wiederherstellungsmaßnahmen unterstützen verteidigungsbasierten Ansätzen zu stärken und gleichDie natürliche Infrastruktur muss insbesondere wegen zeitig die Funktionen der natürlichen Infrastruktur für ihrer Bedeutung für den Bevölkerungsschutz weltweit den Bevölkerungsschutz zu erhalten, sollte eine weitere besser geschützt und wiederhergestellt werden. Damit Kürzung von ODA-Mitteln unbedingt verhindert werden. dies gelingt, müssen lokale Behörden, Zivilgesellschaft Die Bundesregierung sollte sich weiterhin aktiv und und Flächenverantwortliche wie z. B. Landwirt:innen ambitioniert an Finanzierungen wie dem Green Climate oder Gewässerverantwortliche bei der Umsetzung von Fund, dem Climate Adaptation Fund oder auch dem Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen sowie beim Blue Action Fund und Legacy Landscape Fund sowie an Bodenschutz, Wald- und Küstenschutz rechtlich und fi- den verschiedenen REDD+ Fonds beteiligen und diese nanziell unterstützt werden (WBGU, 2020, 2024b). Dies mit anderen Staaten zusammen weiterentwickeln. Die sollte auch finanzielle Anreize wie z. B. weitere Agrar- Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) sollte auch förderungsinstrumente umfassen. Dafür sollte sich die aus globalen Sicherheitsüberlegungen heraus erhalten Bundesregierung international auch weiterhin für eine und gestärkt werden und noch stärker Auswirkungen ambitionierte Umsetzung des 30x30-Ziels des Globalen historischer Machtprozesse auf die Vulnerabilität beBiodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal einsetzen. rücksichtigen (Kap. 1.1, 1.2 und 1.6.1.2). Es sollten


Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

außerdem mehr Möglichkeiten für langfristige lokal verankerte (10- bis 20-jährige) Finanzierungsmodelle geschaffen werden, z. B. durch Kombinationen öffentlicher und privater Gelder. Nicht nur aufgrund historischer Verantwortung, sondern vor allem mit Blick in eine sichere Zukunft sollte Deutschland die im Jahr 2022 dem Loss & Damage Funds der UN zugesagten 100 Mio. US-$ unbedingt vollständig bereitstellen sowie sich weiterhin am Global Shield against Climate Risks beteiligen. Wichtig bleibt jedoch, bei der Finanzierung solcher Lösungen die Langfristigkeit im Blick zu behalten: Sie sind keine sofort greifende Schutzmaßnahme und wirken immer besonders effektiv verknüpft mit strukturellen Reformen, etwa mit Land- und Wasserreformen und einer rechtlich gestärkten natürlichen Infrastruktur, sowie unter Einbeziehung lokaler Akteure (Kap. 1.5.2.3). Diese Aussagen gelten auch auf nationaler Ebene.

Natürliche Infrastruktur in Deutschland langfristig und systematisch finanziell stärken In Deutschland sollte die Finanzierung der natürlichen Infrastruktur ähnlich wie bei grauer Infrastruktur gehandhabt werden. Ein solches Verständnis ermöglicht beispielsweise, Gelder aus dem derzeitigen Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz für die Stärkung und den Wiederaufbau natürlicher Infrastruktur zu nutzen. Investitionen in die natürliche Infrastruktur sollten auch bei der nötigen Reform der Schuldenregel im Grundgesetz („Schuldenbremse“) berücksichtigt werden oder können als Teil einer Mindestinvestitionsquote für grüne „Zukunftsinvestitionen“ verankert werden (relativ zum Bruttoinlandsprodukt oder zu den öffentlichen Gesamtausgaben), um einer politischen Vernachlässigung von Zukunftsinvestitionen gegenüber kurzfristigen Zielen entgegenzuwirken (present bias; Kumhof und Yakadina, 2017; Yared, 2019; SVR Wirtschaft, 2024). Umweltrisiken stärker in Bildungsformate für­ Akteure des Bevölkerungsschutzes und der Bundeswehr ­integrieren Resilienz gegenüber Umweltkrisen wird insbesondere im Bevölkerungsschutz immer relevanter. Die Bundesregierung sollte die zunehmenden Gefahren durch Umweltveränderungen für die Bundeswehr sowie Bevölkerungsschutzakteure stärker in deren Bildungsformate integrieren. Konkret könnten umweltbezogene Risiken wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung und Pandemien und ihre Auswirkungen auf die Bundeswehr, auf Bevölkerungsschutzakteure als eigenständiges Querschnittsthema in die Curricula der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ), der Bundeswehr und anderer Sicherheitsbehörden aufgenommen werden. Dies sollte durch interdisziplinäre Lehrformate in die Ausbildungen integriert werden.

Solche Lernformate könnten z. B. Umweltwissenschaften und Umweltmedizin, praktisches Szenariotraining sowie strategische Foresight-Prozesse zur Bewältigung umweltbezogener Krisen (Extremereignisse, Wasser- und Nahrungsmangel) in Kooperation mit Umweltbehörden, wie dem Umweltbundesamt (UBA) umfassen. Konkret könnten die regelmäßig vom Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) und BBK koordinierten Länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübungen (LÜKEX) auch die sich durch Biodiversitätsverlust veränderte Gefahrenlage aufgreifen. Auch die Ausstattung der Akteure sollte an die sich verändernden Herausforderungen angepasst werden (z. B. die Schutzkleidung der Feuerwehr an veränderte Außentemperaturen oder häufigere Vegetationsbrände, Frühwarnsysteme für Umwelt- und Gesundheitsrisiken, mobile Labore für Umweltanalysen während der Einsätze). Durch gezielte Anreize zum Ehrenamt etwa bei der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk (THW) und durch Aufklärungsformate, beispielsweise gemeinsamen Kampagnen von Umwelt-, Gesundheits- und Bevölkerungsschutzbehörden sowie zivilgesellschaftlichen Initiativen, sollte die Sensibilisierung und das Engagement für umweltorientierten Bevölkerungsschutz verstärkt werden. Da insbesondere partizipative Ansätze das Bewusstsein für Gefahren und die Akzeptanz für Schutzmaßnahmen erhöhen (Kelly et al., 2019; von Gönner et al., 2024), sollten entsprechende bürgerwissenschaftliche Citizen-Science-Projekte durch lokale Einsätze regulär in Vereine, schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze integriert werden (Kap. 1.6.1.4). Zur Steigerung der Selbstwirksamkeit von Gesellschaft und Bevölkerung kann und sollte auch auf Empfehlungen des Sicherheitsforschungsprogramms des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) aus dem Handlungsfeld „Resilienz der Bevölkerung steigern“ zurückgegriffen werden.

1.6.1.4 Friedensfördernde Umweltprojekte unter lokaler Führung ausbauen Umweltbasierte Kooperation, z. B. bei Ökosystemschutz und dem nachhaltigen Management natürlicher Ressourcen, kann zur Friedensförderung und Konfliktprävention beitragen. Umweltbezogene Zusammenarbeit ist im Sinne integrierter und nachhaltiger Sicherheit eine Investition in inner- und zwischenstaatliche Kooperation, Stabilität und Sicherheit. Lokale Akteure in friedenssichernde Projekte einbinden Die Einbindung lokaler Akteure in friedenssichernde Umweltprogramme und -projekte ist essenziell für deren langfristige Wirkung und Akzeptanz. Eine

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kooperative Gestaltung und gemeinsame lokale Umsetzung von Mosaiklandschaften ermöglicht es, die Natur zu schützen, Ressourcen und Flächen nachhaltig zu nutzen und gleichzeitig Ökosystemleistungen zu erhalten, die z. B. für die Ernährungs- und Wassersicherheit besonders bedeutend sind (Pörtner et al., 2021; WBGU, 2020, 2023, 2024a, 2024b). Deshalb empfiehlt der WBGU, die Einbindung lokaler Gemeinschaften im Sinne des ‚locally-led development‘, wie in der Paris Declaration on Aid Effectiveness 2005, der Accra Agenda for Action 2008 und der Busan Partnership for Effective Development Cooperation 2011 vereinbart, in nationalen und internationalen Initiativen für Umwelt- und Klimaschutz sicherzustellen. > In der internationalen und technischen Zusammenarbeit gilt es, darauf zu achten, neben der staatlichen Zusammenarbeit, nicht staatliches und breites zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland und in den Partnerländern und -regionen zu fördern. Auch vor dem Hintergrund zunehmender Autokratisierung gewinnen solche Maßnahmen als eine Form von Demokratieschutz und -förderung an Bedeutung. Um lokale NGOs und andere zivilgesellschaftliche Akteure zu stärken, ist es dabei gerade in autoritären Kontexten wichtig, Wege zur vermehrten Direktvergabe, wie auch Budgethilfen, an lokale NGOs, Vereine und Initiativen zu ermöglichen. > Auf EU-Ebene sollte dieser Ansatz in der Umsetzung der Wiederherstellungsverordnung der EU genutzt werden. Laut Wiederherstellungsverordnung sollen nach Möglichkeit Synergien mit den nationalen Wiederherstellungsplänen anderer Mitgliedstaaten gefördert werden, insbesondere wenn es sich um grenzübergreifende Ökosysteme handelt (Art. 14 Abs. 17 VO (EU) 2024/1991). Renaturierungsmaßnahmen sollten insoweit mit den Nachbarländern partnerschaftlich gestaltet und mit Konfliktprävention bzw. konfliktsensiblen Ansätzen verknüpft werden. In die Planung und Umsetzung der Maßnahmen sollte die lokale Bevölkerung unbedingt eingebunden werden, auch um eine breitere Legitimierung durch Dialog und Selbstwirksamkeit zu erlangen. > Auf Ebene der Vereinten Nationen sollte Deutschland die Einbindung Indigener und lokaler Gemeinschaften basierend auf dem Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (Free, Prior and Informed Consent) weiterhin vorantreiben, wie das z. B. im Rahmen der CBD und der Einrichtung des Subsidiary Body on Article 8(j) (SB8j) geschehen ist. Bei der Förderung und Umsetzung entsprechender Projekte, sowohl auf lokaler als auch auf zwischenstaatlicher Ebene, sollte stets auf geschlechtsbezogene Gleichstellung geachtet und Frauen und Mädchen in ihrer Wirkmacht bestärkt werden.

Bei Wiedereinführung des Zivil- oder Militärdienstes das ökologische oder soziale Jahr gleichermaßen ­anerkennen Um die gesellschaftliche Verantwortung junger Menschen und zwischenstaatliche bzw. lokale Kooperation zu stärken, empfiehlt der WBGU, das freiwillige ökologische und soziale Jahr als gleichwertig gegenüber dem freiwilligen Wehrdienst anzuerkennen. Insbesondere bei Wiedereinführung eines verpflichtenden Zivil- und Militärdienstes, sollte das ökologische oder soziale Jahr als Teil eines Gesellschaftsjahres, durchgeführt entweder im Inland oder im Ausland, gleichwertig anerkannt werden. Im Inland könnten dafür z. B. Renaturierungsprojekte im Rahmen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz infrage kommen, im Ausland z. B. Projekte im Rahmen der Wiederherstellungsverordnung der EU sowie Environmental-Peacebuilding-Projekte. Bei der Durchführung eines solchen ökologischen Gesellschaftsjahres sollten die Freiwilligen organisatorisch, institutionell und finanziell stärker unterstützt werden. Konfliktsensible Ansätze institutionalisieren und deren Umsetzung erforschen Um sicherzustellen, dass Interventionen an der Schnittstelle Umwelt, Klima und Sicherheit vor Ort tatsächlich friedensfördernd wirken, sollten Maßnahmen stets entlang des Do-no-Harm-Prinzips konfliktsensibel konzipiert und umgesetzt werden (Schmeidl et al., 2023). Der WBGU empfiehlt, dass Förderorganisationen das Do-no-Harm-Prinzip in ihre Kriterien und Schutzmaßnahmen (safeguards) verbindlich aufnehmen und Mittel für Konfliktanalysen, Partizipation mit lokalen Akteuren und lokale Schlichtungsmechanismen bereitstellen sollten. Um auf Dynamiken oder Schwierigkeiten während der Umsetzung reagieren zu können, sollten Programme fortlaufend angepasst werden können (­adaptive programming; Schmeidl et al., 2023). Außer­dem schließt sich der WBGU der Empfehlung des Beirats Zivile Krisenprävention und Friedensförderung an, dass die Internationale Klimaschutzinitiative der deutschen Bundesregierung (IKI) Konfliktsensibilität in ihre Schutzmaßnahmen (safeguards) aufnehmen sollte (Vinke et al., 2024: 52). Um das Risiko zu senken, dass Konfliktsensibilität nur eine weitere Pflichtanforderung zum Abhaken darstellt (Schmeidl et al., 2023), bedarf es neben Förderkriterien auch einer Lernbereitschaft und der kritischen Auseinandersetzung mit bisherigen Projekten. Vor dem Hintergrund erstarkender autoritärer Kräfte in Ländern auf allen Kontinenten ist die konfliktsensible Ausgestaltung von Kooperationsprojekten und -programmen auch eine Form des Demokratieschutzes (Leininger und Schiller, 2024).


Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

Leitlinien für zivile Konfliktprävention in die ­ msetzungsrichtlinien der nationalen Sicherheits­ U strategie integrieren Umweltbezogene Zusammenarbeit zur Friedensförderung stellt einen Ansatzpunkt zur Operationalisierung der Nationalen Sicherheitsstrategie dar, der Aspekte der zivilen Krisen- und Konfliktprävention integriert. In der Fortschreibung der Nationalen Sicherheitsstrategie Deutschlands ist es von zentraler Bedeutung, darauf zu achten, dass die Leitlinien für zivile Konfliktprävention in der Strategie als eines der Umsetzungsinstrumente genannt und so mit den notwendigen Kapazitäten für ihre Umsetzung versehen werden (wie es auch vom Beirat Zivile Krisenprävention und Friedensförderung an die Bundesregierung herangetragen wird). Außerdem empfiehlt der WBGU, dass die Nationale Sicherheitsstrategie gerade auch in konfliktpräventiven und friedensfördernden bzw. friedenssichernden Ansätzen (inklusive Verhandlungen zwischen Konfliktparteien) eine paritätische Besetzung durch beide Geschlechter anvisiert und umsetzt.

1.6.2 Forschungsempfehlungen 1.6.2.1 Forschung an der Schnittstelle zwischen Umwelt und Sicherheit stärken Zusätzlich zu einer intensivierten Forschung zur effizienten und zeitnahen Umsetzung von Klima- und Naturschutzzielen als Sicherheitsmaßnahmen, insbesondere unter Berücksichtigung der zunehmenden Vulnerabilität mariner und terrestrischer Ökosysteme, braucht es verstärkt auch interdisziplinäre Forschungsinitiativen an der Schnittstelle zwischen Umwelt und Sicherheit. Der WBGU empfiehlt:

aufbauend auf den IPCC-Berichten verbessert und regional deutlicher herausgearbeitet werden. Es fehlen insbesondere Studien dazu, wie sich Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung (z. B. durch Plastik) sowie ihr Zusammenwirken auf die Verluste von Ökosystemen und deren Leistungen, auf gesellschaftliche Destabilisierungstendenzen oder gewaltsame Konflikte auswirken. Die Erforschung der Risikokaskaden von Umweltschäden (auch über große Distanzen hinweg; telecoupling) spielt hierbei eine besondere Rolle für menschliche sowie nationale und internationale Sicherheitsrisiken und mögliche Folgerisiken (z. B. Ernährungsunsicherheit, Gesundheitsgefahren, Flucht und Konflikte).

1.6.2.2 Forschung zu Biodiversitätsfolgen und Geopolitik von CDR ausweiten Die Forschungsprogramme CDRmare und CDRterra bieten bereits gute Ansätze, um die Wissensbasis für eine verantwortlichen Umgang mit CDR zu verbreitern. Grundlagenforschung zum Einfluss und vor allem zu langfristigen Risiken von Methoden zur Bindung und Speicherung von CO2 auf marine und terrestrische Biodiversität sowie zu deren Beherrschung sollte ausgeweitet werden. Wichtig ist auch ein vertiefter Blick auf die geopolitische Dimension einer Skalierung von CDR und potenzieller (auch unilateraler) Einsätze von SRM.

1.6.2.3 Inventarisierung und gesetzliche ­Priorisierung natürlicher Infrastruktur wissenschaftlich ­unterstützen Die Inventarisierung und gesetzliche Verankerung der Priorisierung natürlicher Infrastruktur sollte wissenschaftlich begleitet werden. Gleichzeitig sollten in wissenschaftlichen Innovationhubs gesellschaftliche Akteure zum Schutz und zur Wiederherstellung der natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz eingebunden Erforschung von Sicherheitsaspekten aus werden. Die Zusammenhänge zwischen Selbstwirksamgroßräumigen, schleichenden Veränderungen keit und Akzeptanz von Maßnahmen sollten noch besser verstärkt fördern wissenschaftlich erfasst werden (Teilgutachten 2). Um Großräumige, schleichende Umweltveränderungen bis besser auf Risiken durch Umweltveränderungen und die hin zu Kipppunkten wirken als Risikoverstärker für die damit verbundenen Gefährdungen wie Extremereignisse menschliche Sicherheit (Abb. 1.1-2). Sicherheitsaspekte vorbereitet zu sein, bedarf es verstärkter Forschung zu durch Klimawandel, Veränderungen lokaler und regiona- strategischen Foresight-Prozessen, Szenarienanalysen ler Ökosysteme, Verschmutzung und sozioökonomische und der Weiterentwicklung von Frühwarnsystemen. Beziehungen sollten daher stärker erforscht werden. Diese Foresight-Prozesse und Frühwarnsysteme müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass Umweltrisiken nicht Evidenzbasis für die Verbindung zwischen isoliert auftreten, sondern miteinander verflochten sind Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung und sich in ihren Auswirkungen gegenseitig verstärken. und Konflikten verbessern Als Voraussetzung für die Sicherheitsanalyse sollte die Evidenzbasis für die Verbindung zwischen Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verschmutzung und Konflikten

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Zu Weiterentwicklung effektiver, übergreifender Sicherheitspolitik und Bevölkerungsschutzmaßnahmen. Frühwarnsysteme und Prävention forschen Internationale und interdisziplinäre ForschungsprogramDie Forschung zu Frühwarnsystemen zum Schutz na- me mit ähnlicher Zielsetzung wie beispielsweise WASCAL, türlicher Infrastruktur vor Lebensraumverlust und für SASSCAL und Biodiversa+ sollten fortgesetzt und noch resiliente nationale Ernährungs- und Energiesysteme stärker um den nationalen und internationalen Sicher(präventiv, aber auch für die dezentrale Versorgung im heitsbezug erweitert werden. Auch EU-Horizon- oder Notfall) muss gestärkt werden. Besonders relevant hier- DFG- und Belmont-Projekte, die naturbasierte Sicherfür ist die Forschung zu robusten Indikatoren für solche heitslösungen untersuchen, hält der WBGU für wertvoll. Konkret sollte im Rahmenprogramm der BundesregieFrühwarnsysteme, die Umweltveränderungen systematisch mit sicherheitsrelevanten Risiken verknüpfen. Ins- rung „Forschung für die zivile Sicherheit“ (2024–2029) besondere Telecoupling-Effekte sollten bei der Entwick- die Bedeutung der natürlichen Infrastruktur und Biodilung der Frühwarnsysteme mitbedacht werden. Denn versität für gesellschaftliche Resilienz und zivile Sichersolche Effekte können ganze Systeme destabilisieren, heit noch stärker hervorgehoben und durch konkrete weil sie über Sektoren und Regionen hinweg wirken und Forschungsmaßnahmen untermauert werden, z. B. im kritische Funktionen weltweit beeinträchtigen können, Handlungsfeld „Resilienz steigern“. Zwar wird vorsorz. B. das globale Ernährungssystem, das Finanzsystem gendes Risikomanagement in Hinblick auf langfristige und das Energiesystem. Das Zielbild hierfür sollte ein umweltbezogene Sicherheitsrisiken adressiert, die schütstandardisiertes Umwelt-Sicherheits-Monitoring sein, zende Wirkung natürlicher Infrastruktur wird jedoch das z. B. in nationale Lagebilder integriert werden kann. bisher nicht genügend erforscht. Das Handlungsfeld Solche Forschungskonzepte könnten sowohl aufgrund „Sichere Versorgung unterstützen“ umfasst die Bereiche ihres synergetischen Nutzens für den Bevölkerungs- Energie, Ernährung und Gesundheit, es fehlt aber zurschutz als auch verteidigungsstrategisch beispielsweise zeit die Bedeutung der natürlichen Lebensgrundlagen im Rahmen der durch die Hightech Agenda Deutsch- und der Biodiversität für die Bereitstellung vieler dieland angestoßenen Innovation Hubs für Sicherheit und ser Produkte (BMBF, 2024: 14). Forschungsinitiativen Verteidigung oder über eine weitere Anpassung der zum Schutz vor dem Verlust der Bewohnbarkeit und zu Forschungsrichtlinie initiiert werden. Auch die in der resilienten Ernährungs- und Energiesystemen könnten Hightech Agenda geplante Erforschung und Entwicklung z. B. verstärkt die Verbindungen zwischen lokaler und sicherer und resilienter Kommunikationstechnologien regionaler Biodiversitätsentwicklung und Lebensmitkönnte sich auf die Nutzung für Frühwarnsysteme der telversorgung untersuchen. Ansätze in der Forschung natürlichen Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz zur zivilen Sicherheit könnten dabei mit existierenden ausrichten (BMFTR, 2025: 35, 2026). Fördermaßnahmen und -schwerpunkten des BMFTR Außerdem sollte erforscht werden, wie trotz öffentlich verknüpft werden, z. B. mit „Nachwuchsgruppen Glofinanzierter Schutzmaßnahmen und Wiederaufbauhilfen baler Wandel: Klima, Umwelt und Gesundheit“ oder private Anreize zur Schadensvermeidung bzw. Anpas- „Interventionsstudien für gesunde und nachhaltige Lesung erhalten bleiben können. Zum Beispiel sollte die bensbedingungen und Lebensweisen“, die gleichermaßen Erwartung staatlicher Hilfen nicht dazu führen, dass Gesundheitsförderung und ökologische Nachhaltigkeit Häuser in überschwemmungsgefährdeten Gebieten adressieren. Die Förderrichtlinie „Stärkung der Resilienz gebaut oder nach einer Überschwemmung genau dort der Bevölkerung in Krisen- und Katastrophenlagen“ wieder errichtet werden. Außerdem sollten Maßnahmen sollte mit ihrem integrierten Sicherheitsverständnis als erforscht werden, wie humanitäre Finanzierung schneller essenzielle Grundlage für eine handlungsfähige Bevölbereitgestellt werden kann und welche administrativen kerung fortgeführt und um resilienzstärkende Potenziale und politischen Hürden überwunden werden müssen, natürlicher Infrastruktur ergänzt werden. damit humanitäre Mittel präventiv statt reaktiv eingesetzt werden können. Inventarisierungskriterien für die Priorisierung von Flächen zur Stärkung natürlicher Infrastruktur Die Bedeutung der natürlichen Infrastruktur entwickeln für den Bevölkerungsschutz in der Forschung Für die Stärkung funktions- und leistungsfähiger natürlicher Infrastruktur für den Bevölkerungsschutz sowie stärker hervorheben Angesichts der zunehmenden Gefahren des sich be- ihrer Mehrgewinne für Biodiversitäts-, Wasser- und Klischleunigenden Klimawandels und Biodiversitäts­ maschutz sollten global und national die Flächenverfügverlustes und ihrer Wechselwirkungen für die mensch- barkeit und jeweiligen Ökosystemleistungen identifiziert liche Sicherheit sollte die Bundesregierung noch stärker und entsprechend ausgewiesen werden. Hierzu braucht die transdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit es Inventarisierungskriterien für natürliche Infrastruktur forcieren, insbesondere in Bezug auf vorausschauende und Vorgehensweisen, wie z. B. die (KI-unterstützte)


Handlungs- und Forschungsempfehlungen 1.6

Naturbasierte Verteidigung gegenüber militärischen ­ edrohungen durch Forschung begleiten und B evaluieren Pilotprojekte entlang der NATO-Außengrenzen zu naturbasierten Verteidigungsstrukturen, d. h. zur Einrichtung naturbasierter Schutzzonen gegenüber militärischen Bedrohungen, wie z. B. Moorrenaturierung zum Grenzschutz, sollten von interdisziplinären Forschungsprojekten begleitet werden, die diese hinsichtlich ihrer ökologischen, sozialen und verteidigungsstrategischen Auswirkungen untersuchen. Die grundlegende Erforschung Kritische Erfolgsfaktoren zu Design, Management der Potenziale von natürlicher Infrastruktur bzw. naturbasierten Lösungen für den Bevölkerungsschutz sowie und Leistung von natürlicher Infrastruktur für Bevölkerungsschutz untersuchen für die Verteidigung, die Analyse der damit verbundenen Um die Erfolgsfaktoren zum Design, Management und Synergien, der Herausforderungen und Nebeneffekte zur Leistung von natürlicher Infrastruktur für den Bevöl- insbesondere für Öko- und Sozialsysteme könnten beikerungsschutz regelmäßig auf ihren Sicherheitsnutzen spielsweise im Rahmen der Innovation Hubs für Sicherzu evaluieren, braucht es Forschung. Solche Forschung heit und Verteidigung, verankert in der Hightech Agenda sollte evidenzbasierte Daten zur Effektivität und mög- Deutschland, stattfinden (BMFTR, 2025: 34). lichen Trade-offs sowie zum Kosten-Nutzen-Verhältnis und möglichen Mehrwerten liefern, um zum einen 1.6.2.4 politische Entscheidungen und Argumente für die Wahl Forschung zu sicherheitsrelevanten Mehr­ von natürlicher Infrastruktur zu unterstützen und zum gewinnen aus kooperativem Ökosystemschutz und anderen Entscheidungen über private und öffentliche Ressourcenmanagement Investitionen in diese Infrastruktur und den Willen zu langfristigen Verpflichtungen zu fördern. Hierfür eignen Begleitforschung für konfliktsensible Ansätze sich insbesondere auch Foresight-Analysen mit dem und Environmental Peacebuilding in deutscher Erstellen von Zukunftsszenarien, um nichtlineare Ef- Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer fekte, kumulative Risiken und potenzielle Kipppunkte, Hilfe fördern z. B. in komplexen Ernährungssystemen, frühzeitig zu Die Forschung zur friedensfördernden bzw. konflikterkennen. Solche Modelle können als Grundlage für präventiven Wirksamkeit von grenzüberschreitenden Frühwarnsysteme und präventive sicherheitspolitische Natur­ s chutzprojekten und Environmental-Peace­ ­ abei Entscheidungen dienen. Insbesondere sollte Forschung building-Prozessen muss weiterentwickelt werden. D zu naturbasierten Lösungen (NbS) für den Bevölkerungs- müssen vor allem konflikt- und geschlechts­sensible schutz unter den Bedingungen in Ländern niedrigen und Ansätze erforscht werden. Insbesondere fehlen Langmittleren Einkommens (LMIC) gefördert werden, da ein zeitstudien zum Einfluss transnationaler Projekte für Großteil der bestehenden Studien zu NbS aus Hochein- die Wiederherstellung und den Schutz der Natur auf kommensländern (HIC) stammen. Somit herrscht dies- zwischenstaatliche und innerstaatliche Beziehungen, bezüglich ein Mangel an Wissen. Bisher gibt es zu wenig weil sich einige Effekte ggfs. indirekt ergeben oder auch Daten und Datenreihen für die Regionen der Welt, die erst nach Jahren zeigen. Außerdem braucht es weitere besonders vulnerabel im Hinblick auf die Auswirkungen Studien zu den sozioökonomischen Mehrgewinnen (einder Umweltveränderungen sind (Li et al., 2021). schließlich für die Gleichstellung der Geschlechter) aus Es sollte zudem erforscht werden, wie Selbstwirksam- Environmental-Peacebuilding-Ansätzen. Ebenfalls sollte keit und Empowerment durch die gemeinsame Umset- es verstärkt Forschung zu den Mechanismen der sozialen zung von Wiederherstellungsmaßnahmen durch lokale Teilhabe in Projekten geben, einschließlich der paritäBehörden, Flächen- und Gewässerverantwortliche sowie tischen Einbeziehung unterschiedlicher G ­ eschlechter. zivilgesellschaftliche Akteure und Vereine bzw. nationale Als Ergebnis einer solchen Begleitforschung könnte z. B. und internationale Investoren gestärkt werden können. ein evidenzbasierter Best-Practices-Katalog für die UmModellprojekte mit Multiplikatorwirkung sollten wissen- setzung von Environmental-Peacebuilding-Projekten schaftlich begleitet werden, um der Politik Best-Practices in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit erstellt und Skalierungsmöglichkeiten aufzuzeigen. werden. Dabei kann auf existierenden Ansätzen aufgebaut und diese erweitert werden (z. B. Ajroud et al., 2017). Der WBGU empfiehlt die Förderung einer inklusiven und pluralistischen Wissensproduktion, die

Auswertung bestehender (Fernerkundungs-)Datenbanken und partizipative Formate, die dazu beitragen können, die besten Flächenpotentiale auszuweisen. Wo bislang keine Daten zur Verfügung stehen, sollte die Datenverfügbarkeit ermöglicht werden. Im Anschluss sollten strategische Foresight-Programme greifen, um gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren mögliche Zukunftsszenarien zu entwickeln, auszuwerten und zu guten, gesellschaftlich getragenen Programmen zur Stärkung natürlicher Infrastruktur zu gelangen.

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1 Umwelt prägt Sicherheit

sowohl peer-reviewed Wissenschaft als auch lokales und indigenes Wissen einbezieht (Corbera et al., 2024; WBGU, 2024a).

Erforschung unterschiedlicher Wissenssysteme und ihrer Rolle in der Ausgestaltung konfliktsensiblen Ressourcenmanagements fördern Der informierte, klug abgewogene Umgang mit beispielsweise umweltbedingten Sicherheitsrisiken setzt in lokalen Kontexten weltweit, wie auch im transregionalen Austausch und auf multilateraler Ebene voraus, dass wir wissen, inwiefern wissenschaftliche und nicht wissenschaftliche Wissenssysteme Grundlage für Entscheidungsprozesse darstellen und diese mitgestalten. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der WBGU, empirischer Forschung zum Macht-Wissen-Komplex und somit zu den Strukturen und Praktiken unterschiedlicher Wissenssysteme, Governance-Systeme und ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu fördern. Insbesondere um den konfliktsensiblen Umgang mit dem Umweltwandel und mit den natürlichen Ressourcen weltweit zu ermöglichen, sollte die Forschung Ansätze entwickeln, um die strukturellen Besonderheiten indigener und lokaler Wissenssysteme systematisch in Indikatorenwerke zu integrieren, also etwa in die Standards für Datenbankerstellungen und Langzeitdatenreihen, die beispielsweise Klimamodellen oder ökologischen Modellierungen zugrunde liegen. Dies setzt voraus, dass die strukturellen Charakteristika von Wissenssystemen erhoben werden. Gerade in zentralisiert wie auch vertikal hierarchisch geprägten Wissenssystemen ist neben der gebündelten Sichtbarmachung bestimmter Wissensbestände auch die systematische Einbindung von Nicht-Wissen relevant. Dies bedeutet, dass bestimmte Erkenntnisse zwar gesellschaftlich bekannt sind, aber nicht oder in geringerem Umfang in Entscheidungsprozesse fließen, beispielsweise in das Design von Frühwarnsystemen oder in Ansätze des Katastrophenschutzes. Beispiele hierfür finden sich im Umgang mit Nuklearkatastrophen wie in Fukushima oder Tschornobyl oder auch im Design von TsunamiFrühwarnsystemen.

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Kästen Kasten 1.1-1 Kasten 1.1-2 Kasten 1.1-3 Kasten 1.1-4 Kasten 1.3-1 Kasten 1.3-2 Kasten 1.3-3 Kasten 1.4-1 Kasten 1.4-2 Kasten 1.4-3 Kasten 1.5-1 Kasten 1.5-2 Kasten 1.5-3

Integrierte Sicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 Wasser- und Ernährungssicherheit am Beispiel von Subsahara-Afrika. . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Vielfältige Gewinne durch Bekämpfung der Umweltkrisen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Fossile Energieträger als Sicherheitsrisiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Militär, Umwelt und Klima: hohe Schäden, einige Synergien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Ecoclub und Energy Act for Ukraine: Dezentrale Ansätze für mehr Energiesicherheit in der Ukraine. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Ökosystemschutz und -renaturierung als eine Voraussetzung für Klimastabilisierung und globale Abkühlung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Naturbasierte Lösungen und ökosystembasierte Katastrophenvorsorge . . . . . . . . . . . . . 24 Instrumente zur öffentlichen Finanzierung natürlicher Infrastruktur. . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Finanzierung natürlicher Infrastruktur über eine Schuldenbremsenausnahme. . . . . . . . 31 Ozeane als verbindendes Element: Regionale umweltbasierte Kooperation im marinen Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Beispiele gemeinsamer Schutzgebiete. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Lokales Environmental Peacebuilding in Timor-Leste. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Tabellen Tabelle 1.3-1 Tabelle 1.5-1

Ausgewählte Carbon-Dioxide-Removal-Methoden (CDR), ihre Eigenschaften und Herausforderungen (stark vereinfacht). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Komponenten des Environmental Peacebuilding.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Abbildungen Abbildung 1.1-1 Abbildung 1.1-2 Abbildung 1.1-3 Abbildung 1.1-4 Abbildung 1.1-5 Abbildung 1.1-6 Abbildung 1.2-1 Abbildung 1.3-1 Abbildung 1.4-1 Abbildung 1.5-1

Folgen der Umweltrisiken für die menschliche sowie die nationale und internationale Sicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Klimafolgen (nicht vollständig) und damit verbundene globale und regionale Risiken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Lokale Rahmenbedingungen, Umwelt und Sicherheit bedingen einander . . . . . . . . . . . . . 5 Mit dem globalen Klima verändern sich auch die Erträge bei Maisanbau und Fischfang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Die Finanzierung für den globalen Umweltschutz ist zu gering. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Wirkung von fünf verschiedenen politischen Fördermaßnahmen auf das globale Bruttoinlandsprodukt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Integrierte Politikkonzepte auf UN-Ebene, in Europa und in Deutschland. . . . . . . . . . . . 12 Solaranlagen steigern die Sicherheit der ukrainischen Energieversorgung. . . . . . . . . . . . 18 Die Stärkung der natürlichen Infrastruktur trägt zum Bevölkerungsschutz bei. . . . . . . . 25 Das Coral Reef Triangle ist ein Hotspot mariner Biodiversität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 XI


Akronyme

BAU Business-as-usual-Szenario BBK Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BECCS Bioenergie mit CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) BIP Bruttoinlandsprodukt BMFTR Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt BMUKN Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung CBD Convention on Biological Diversity Biodiversitätskonvention, auch: Übereinkommen über die biologische Vielfalt CCS Carbon dioxide Capture and Storage CO₂-Abscheidung und -Speicherung CDR Carbon dioxide removal Überbegriff für mehrere Verfahren der aktiven CO2-Entfernung aus der Atmosphäre CEO Chief Executive Officer Oberste Führungskraft eines Unternehmens CO2 Kohlendioxid COVID-19 Coronavirus SARS-CoV-2 DACCS Direct air carbon capture and storage Technische Methode zur CO₂-Entfernung aus der Atmosphäre DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft Eco-DRR Ecosystem-based Disaster Risk Reduction Ökosystembasierte Katastrophenvorsorge EU-ETS EU Emissions Trading System Europäischer Emissionshandel FAO Food and Agriculture Organization of the United Nations Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen GG Grundgesetz IKI Internationale Klimaschutzinitiative IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen KI Künstliche Intelligenz mCDR Marine Carbon Dioxide Removal Ozeanbasierte Methoden zur CO2-Entfernung aus der Atmosphäre NATO North Atlantic Treaty Organization Nordatlantische Vertragsorganisation NbS Nature-based Solutions Naturbasierte Lösungen

XII


ODA

Official Development Assistance Öffentliche Entwicklungsleistungen OECD Organisation for Economic Co-operation and Development Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung REDD+ Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und Degradierung von Wäldern SASSCAL Southern African Science Service Centre for Climate Change and Adaptive Land Management Südafrikanisches Science Service Center für Klimawandel und angepasste Landnutzung SRM Solar radiation management/modification Solares Strahlungsmanagement SSP Shared Socioeconomic Pathway Gemeinsamer sozioökonomischer Entwicklungspfad SVIKG Gesetz zur Einrichtung eines Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität THW Technisches Hilfswerk UN United Nations Vereinte Nationen UNCCD United Nations Convention to Combat Desertification Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung UNDP United Nations Development Programme Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDRR United Nations Office for Disaster Risk Reduction Büro der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Katastrophenrisiken UNEP United Nations Environment Programme Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNFCCC United Nations Framework Convention on Climate Change Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (auch Klimarahmenkonvention) WASCAL West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use Westafrikanisches Science Service Center zu Klimawandel und angepasster Landnutzung WBGU Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WEF World Economic Forum Weltwirtschaftsforum

Glossar Das Glossar findet sich online unter www.wbgu.de/hg-sicherheit-glossar Es wird sukzessive mit dem Erscheinen der folgenden Teilgutachten weiterentwickelt.

XIII


Danksagung Der Beirat dankt allen externen Expert:innen für die Zuarbeit und wertvolle Unterstützung. Während eines Fachgesprächs am 10. Oktober 2025 hatte der Beirat Gelegenheit zum Austausch mit Prof. Dr. Jakob Edler (Fraunhofer-Institut für System- und Innovations­ forschung, Karlsruhe), Dr. Enrico Fels (Center for ­Advanced Security, Strategic and Integration Studies, Universität Bonn), Prof. Dr. Nina Kolleck (Professur für Erziehungs- und Sozialisationstheorie, Universität Potsdam), Dr. Julia Leininger (German Institute of Develop­ ment and Sustainability – IDOS), Associate Prof. Dr. Albert ­Norström (Stockholm Resilience Centre) und Dr. Delf Rothe (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Universität Hamburg). Im Rahmen einer Anhörung zum Umwelt-SicherheitsNexus erhielt der Beirat am 07. November 2025 wichtige Anregungen von Jun.-Prof. Dr. Lisa Biber-Freudenberger (Center for Development Research, Universität Bonn), Dr. Kira Vinke (Zentrum für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für ­Auswärtige Politik – DGAP) und Dr. Anselm Vogler (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik – IFSH, Universität Hamburg).

XIV

Sehr interessante Einblicke in die Themenfelder ihrer Arbeit eröffneten dem Beirat am 04. Dezember 2025 Kate Brauman, PhD (Global Water Security Center, ­University of Alabama), am 16. Dezember 2025 Prof. Dr. Tobias Ide (Leibniz-Institut für Friedens- und ­Konfliktforschung, Frankfurt) und am 05. Februar 2026 Prof. Dr. Florian D ­ iekert (Zentrum für Klimaresilienz, Universität ­Augsburg). Danken möchte der Beirat darüber hinaus jenen ­Personen, die durch Gespräche, Kommentare, B ­ eiträge, Beratung, Recherche oder Peer Reviews einzelner Teile des Gutachtens dem Beirat wertvolle Dienste erwiesen haben: Dr. Ioana Bouvier (Zentrum für Klimaresilienz, Universität Augsburg), Dr. Wibke Hansen (United N ­ ations University Centre for Policy Research), Dr. Jonas Hein (German Institute of Development and ­Sustainability – IDOS) und Dr. Jean Carlo Rodríguez de Francisco (German Institute of Development and Sustainability – IDOS).


Mitglieder des WBGU Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes (Co-Vorsitzender) Leiter des Lehrstuhls und der Versuchsanstalt für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München. Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge (Co-Vorsitzende) Direktorin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und Professorin für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn. Prof. Dr. Aletta Bonn Leiterin des Departments Biodiversität und Mensch am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig und Professorin für Ökosystemleistungen an der Universität Jena im Rahmen des Deutschen ­Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Prof. Dr. Kai Maaz Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Universität Frankfurt am Main. Prof. Dr. Karen Pittel Direktorin des Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen des ifo Instituts, Leibniz-Institut für ­Wirtschaftsforschung und Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Otto Pörtner Professor und Senior Advisor am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeres­forschung in Bremerhaven. Prof. Dr. Sabine Schlacke Professorin für Öffentliches Recht, insb. Verwaltungs- und Umweltrecht an der Universität Greifswald und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Energie-, Umwelt- und Seerecht (IfEUS). Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann Professorin für Umweltmedizin an der Universität Augsburg, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich sowie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit, Universitätsklinikum Augsburg. Prof. Dr. Joscha Wullweber Heisenberg-Professor für Politics/Political Economy, Transformation and Sustainability an der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Witten/Herdecke und Direktor des International Center for Sustainable and Just Transformation [tra:ce]. Wissenschaftlicher Stab der Geschäftsstelle: Dr. Julia Behrens; Dr. Mareike Blum; Dipl.-Phys. Astrid Dähn; Tallulah Gundelach, M. Sc.; Dr. Marion Schulte zu Berge (Generalsekretärin); Dr. Astrid Schulz (stellver­tretende Generalsekretärin); Dr. Jan Siegmeier; Studentischer Mitarbeiter: Tom Puhlmann, M. Sc. Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen der Beiratsmitglieder: Dr. Kerstin Burghaus; Ass. iur. Catharina Caspari, M. A.; Verena Engelhardt, M. A.; Paula Haufe, M. A.; Magdalena Knabl, M. Sc.; Dr. Katharina Michael; Alexander Mitranescu, M. Sc.; Katharina Molitor, M. Sc.; Dr. rer. nat. Jürgen Orasche; Nikola Tietze, M. Sc. Assistenz, Systemadministration, Layout: Daniela Donadei, Dipl.-Designerin (FH); Viola Märtin, Dipl.-Kulturarbeiterin (FH); Mario Rinn, B. Sc.


Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) Der WBGU wurde 1992 im Vorfeld des Erdgipfels von Rio de Janeiro von der Bundesregierung als unabhängiges, wissenschaftliches Beratergremium eingerichtet. Der Beirat hat neun Mitglieder, die vom Bundeskabinett für eine Dauer von vier Jahren berufen werden. Der WBGU wird ­federführend gemeinsam durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare ­Sicherheit betreut. Er wird durch einen ­Interministeriellen Ausschuss der Bundesregierung begleitet, in dem alle Ministerien und das Bundeskanzleramt vertreten sind. Die Hauptaufgaben des WBGU sind: > globale Umwelt- und Entwicklungsprobleme zu analysieren und darüber in Gutachten zu ­ berichten, > nationale und internationale Forschung auf dem Gebiet des Globalen Wandels auszuwerten, > im Sinne von Frühwarnung auf neue Problemfelder hinzuweisen, > Forschungsdefizite aufzuzeigen und Impulse für die Wissenschaft zu geben, > nationale und internationale Politiken zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung zu ­beobachten und zu bewerten, > Handlungs- und Forschungsempfehlungen zu erarbeiten und > durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit das Bewusstsein für die Probleme des Globalen ­Wandels zu fördern.

9 783946 830115

ISBN 978-3-946830-11-5


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