Geschichten spinnen DIE BESTEN ZEHN GESCHICHTEN RUND UM DEN VORALPEN-EXPRESS Aus der Aktion Geschichten spinnen vom 1. M채rz bis 15. Oktober 2013
Unbekannter Koffer
Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen...
GESCHICHTEN SPINNEN Auf der Voralpen-Express Strecke gibt es nicht nur viel zu sehen, man kann auch allerhand erleben. Getreu nach unserem Motto «Geschichten spinnen» haben wir unzählige tolle Geschichten von Schreibtalenten aus der ganzen Schweiz erhalten, die die fünf vorgegebenen Stichworte «unbekannter Koffer, Voralpen-Express, Rothenthurmer Hochmoor, Sitterviadukt und Rickentunnel» in einen Krimi, eine Liebesgeschichte oder eine Familiensaga gepackt haben. Wir danken allen Schreibenden fürs Mitmachen und freuen uns, Ihnen im beiliegenden Booklet die 10 Gewinnergeschichten zu präsentieren. Viel Spass beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Voralpen-Express Team
1. RANG
UNGESCHLIFFEN UND DREIST von Othmar Koller Draussen brennt die Sonne mit 32 Grad unbarmherzig auf die Stadtleute nieder. Von ihrer Stirn perlen die Wassertropfen zu Boden. Ist es die Hitze oder ihr erhaltener Auftrag, welcher Rebekka S. die Wärme ins Gesicht treibt? Sie weiss es nicht. Doch sie ist froh, in Luzern endlich in den klimatisierten Voralpen-Express steigen zu können. «Hoffentlich ist es kein schlechtes Omen, dass die ZugLok die Werbung der Polizeischule Ostschweiz trägt», denkt sich Rebekka kurz, während sie nach dem Couvert in ihrer Tasche sucht. Im Couvert ihres Auftraggebers ist auch ein Billett erster Klasse. Das schützt besser vor neugierigen Blicken. Die ganze Strecke kennt Rebekka wie ihre rechte Hosentasche. Sie ist sie schon Monate vorher mehrmals abgefahren. Sie kennt jeden Halt, jedes Signal, jede Kreuzung, jeden Bahnhof – einfach alles. Doch heute steigt Rebekka nicht an einem Bahnhof aus. Sie benutzt die Wartezeit für die Zugskreuzung beim Rothenthurmer Hochmoor um unauffällig den Zug zu verlassen. Ihre Komplizen haben dafür gesorgt, dass sicher «ihr Zug» auf die Kreuzung warten muss. Alles muss schnell gehen. Es gibt nur eine Möglichkeit den Zug zu verlassen, ohne dass der Lokführer eine Störmeldung erhält. Auch das hat Rebekka vorher einige Male ausgetestet. Als sich der Voralpen-Express wieder in Bewegung setzt, schaut sie ihm nach und prüft kurz, ob sie nicht von jemandem gesehen wurde. Rebekka nimmt den Plan aus dem Couvert. In einer der kleinen Hütten im Moor ist der unbekannte Koffer deponiert. Von der Strasse ertönen Polizeisirenen. Sie bleibt kurz stehen und verfolgt den Klang. Sie weiss, dass sie ihr auf den Fersen sind. Schon einmal hatten sie sie fast geschnappt. Auf direktem Weg schreitet sie auf die markierte Hütte zu. Nur leicht versteckt schaut der Koffer hinter einer Ecke hervor. Sie nimmt ihn in die Hand und überprüft diesen kurz. Kaum zu glauben, alle würden den Koffer für einen ganz normalen Reisekoffer halten – wäre da nicht noch eine Lasche, unter der eine digitale Anzeige rot blinkt. Wenig später steht Rebekka mit dem Koffer am Bahnhof Altmatt und wartet auf den «Regio» Richtung Biberbrugg. Dort angekommen, wechselt sie in den nächsten Voralpen-Express nach St.Gallen. Kurz vor der Ausfahrt im Rickentunnel bremst der Zug stark ab und bleibt schliesslich stehen. Ein kurzes Lächeln zieht über Rebekkas Gesicht. Als der Zug in Wattwil einfährt ist es gewiss. Der vorhergehende «Voralpen» steht in einem Nebengeleise und ist umzingelt von Polizisten, Fahndern uns Spürhunden. «Gute Arbeit Kollegen», murmelt Rebekka leise vor sich hin, «die falsche Fährte hat funktioniert». Der Zug rollt weiter Richtung St.Gallen. Beim Sitterviadukt scheint eine unbekannte Baufirma Unterhaltsarbeiten an der Brücke durchzuführen. Es steht ein sehr grosser Autokran bereit. Für Rebekka heisst es jetzt nochmals volle Konzentration. Der Koffer muss genau auf dem Sitterviadukt aus dem Gepäckabteil geworfen werden. Nur so wird die kostbare Fracht von den Auffangnetzen gehalten. Kurz vor der Brücke öffnet die seitliche Gepäcktüre. Etwas später fliegt ein Koffer durch die Luft und unten beginnt sich der Autokran in Bewegung zu setzen. «Bis am Abend, Kumpels», denkt sie sich und steigt in St.Gallen aus dem Zug. Am Abend treffen sich Auftraggeber und Empfänger sowie sämtliche Gehilfen etwas ausserhalb der Stadt. Der Auftraggeber nimmt den Koffer und
Gute Arbeit Kollegen , murmelt Rebekka leise vor sich hin, die falsche Fährte hat funktioniert
hebt die Lasche. Er kennt als einziger den Code vom elektronischen Schloss. Beim Öffnen geht ein Raunen durch die Runde. Ein weiterer Teil der Rohdiamanten hat den Weg in die Schweiz gefunden. «Saubere Arbeit Leute», meint der Empfänger und händigt im Gegenzug seinen Koffer mit dem Bargeld aus. Für Rebekka S. ist der Auftrag nach erfolgter Bezahlung abgeschlossen. Sie ist bereit für den nächsten Coup.
OTHMAR KOLLER Wilen bei Wil Schichtarbeiter
Die besten Geschichten entstehen durch Beobachten und Zuhören, gemischt mit etwas Fantasie...
2. RANG
KOFFERGESCHICHTEN von Ruth Perlt-Vögeli Argwöhnisch beobachtet werde ich das erste Mal kurz vor dem Rothenthurmer Hochmoor, als zwei reizende ältere Damen – auf der Suche nach einem passenden Fensterplatz – dicht an mir vorübergehen. Gut, ich muss gestehen, dass ich mit meinem doch etwas antiquierten braunen Lederoutfit nicht unbedingt in die 1. Klasse des Voralpen-Express passe, aber grundsätzlich sind es die inneren Werte die zählen, was bei mir im wahrsten Sinn des Wortes zutrifft, denn während den Ferien in Luzern habe ich doch einiges an Gewicht zugelegt. Auf der Strecke Richtung Rapperswil lege ich mich jeweils mit viel Gefühl in die Kurven, verliere aber doch plötzlich die Bodenhaftung, kippe nach links und entwickle mich so definitiv zu einem Hindernis, was wiederum Anlass zu spitzen Bemerkungen gibt und zu wütenden Blicken führt. Interessant zu erwähnen ist, dass keiner der Aus- oder Zusteigenden auf die Idee kommt, mir zu helfen, wieder in die aufrechte Position zu gelangen. Richtig heftig wird es aber, nachdem ich im Rickentunnel in der Dunkelheit einen jüngeren Herrn samt heissem Kaffee zu Fall bringe. Also bitte, zu diesem kurzen Stromausfall habe ich nun wirklich gar nichts beigetragen! Die Worte, die der Gute anschliessend über mir ausschüttet, möchte ich hier lieber nicht wiederholen. Auch ich hätte einen triftigen Grund mich zu beschweren, denn Kaffeeflecken machen sich äusserst schlecht auf Leder. Nach diesem Vorfall ist es interessant zu beobachten, wie aus den zwei reizenden Damen nach und nach zwei sehr gereizte Damen werden. Was mir absolut unerklärlich ist, da ich mich absolut ruhig verhalte, nicht mit Essen die Stühle verschmiere und vor allem keine Füsse – oder noch schlimmer – Schuhe auf die Sitzpolster lege. Jetzt wird diese Fahrt doch eher ungemütlich, was nicht weiter verwunderlich ist, da Worte wie Gefahr, Terrorismus, Bomben usw. fallen. Man sollte hier doch, man kann doch nicht einfach, man müsste auf jeden Fall... Apropos wer ist eigentlich dieser «man», ich hatte noch nicht das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen, habe aber schon ausserordentlich oft und viel von ihm gehört. Sollten Sie ihm einmal begegnen, grüssen Sie ihn doch bitte freundlich von mir.
Apropos wer ist eigentlich dieser man , ich hatte noch nicht das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen, habe aber schon ausserordentlich oft und viel von ihm gehört. Nächste Haltestelle Bahnhof Herisau, langsam wird es nun auch Zeit, dass für mich die Rettung naht. Sie erscheint in Gestalt des Zugbegleiters Leo Leimgruber, der bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach mir ist. Nachdem er die Fahrscheine der Reisenden geprüft und die beiden weiblichen Fahrgäste beruhigt hat, wendet er sich mir zu. Endlich jemand der mir hilft, wieder in die aufrechte Position zu kommen. Nicht nur Herr Leimgruber ist erstaunt, dass man mich hier einfach zurückgelassen und vor allem liegen gelassen hat, denn mit dem neckischen Sitterviadukt-Kleber auf meiner Vorderseite bin ich auch als unbekannter Koffer eine absolute Augenweide!
RUTH PERLT-VÖGELI St.Gallen Leiterin Administration
Geschichten schreiben ist wie eine Reise in die eigene Fantasie
3. RANG
LEA von Frank Waldis Ein sympathisches Gesicht, eine gute Figur, die richtige Grösse zum Küssen ohne sich dabei im Kunstturnen üben zu müssen, und das Gefühl, dass er ebenfalls Single ist. So wie sie selbst, Lea. Manchmal hat sie das Gefühl, auf dieser Welt die Einzige zu sein, die es noch nicht fertig gebracht hat, einen Kerl an Land zu ziehen. Alle ihre Kolleginnen leben in einer Beziehung, sind schon verheiratet, haben Kinder oder Hunde, was ja fast das gleiche ist. Lea ist 32 Jahre jung, manchmal auch 32 Jahre alt, kommt ganz auf den Tag an. An diesem sonnigen Tag geniesst sie ihre Kaffeepause in Luzern, schlürft einen leckeren Vanilla Latte und beobachtet die Menschen um sich herum. Dabei sind ihre Augen an eben diesem hübschen Mann kleben geblieben, den sie von oben bis unten mustert. Er liest in einer Zeitung und lässt sich dabei von nichts stören. Auch nicht von Leas klebenden Augen. Hätte sie mehr Mut, wäre sie schon lange auf dem Weg zu ihm rüber und würde ihn mit irgendeinem coolen Spruch von dem langweiligen Zeitungsartikel über das Rothenthurmer Hochmoor ablenken. «Weisst Du, dass ich ab heute Abend in Deinem Tagebuch vorkomme?» wäre eine Variante. Da Ihre Pause bald vorbei ist, reisst sie sich von ihren Gedanken los und macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Sie geht am bereitstehenden Voralpen-Express entlang bis ganz nach vorne und steigt dort in den Führerstand der Lokomotive. Sie bereitet den Zug für die bevorstehende Fahrt nach Wattwil vor. Dann gehts los. Signal auf Fahrt, Abfahrerlaubnis leuchtet auf, ein Blick in den Rückspiegel. Ist das nicht der hübsche Zeitungsleser, der da noch im letzten Moment durch die offenen Türen in den Zug gehüpft ist? Keine Zeit darüber nachzudenken, sie konzentriert sich nach vorne und setzt den Zug in Bewegung. Die Steilrampen der Strecke verlangen der Lokomotive und Lea alles ab, was an Feingefühl und Motorenkraft verfügbar ist. Sie nimmt es mit Humor und denkt sich, wir sind halt beide nicht mehr zwanzig, was ihr ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Sie denkt an einen Teamkollegen, der bald pensioniert wird und kürzlich beim Feierabendbier mit leicht schockiertem Gesicht und den Worten «heute habe ich ihn nicht hochgebracht» erzählt hat, wie er mit seinem Zug auf nassen Schienen steckengeblieben ist. Die Erinnerung an diesen schönen Abend, mit den unweigerlich auf diese Episode folgenden Sprüchen und kollegialen Neckereien bringt sie immer noch zum Lachen. Lea ist mit ihrem Zug gut auf der Passhöhe angekommen und fährt nun durch die Landschaft am Rothenturmer Hochmoor. Und schon lächelt sie wieder, ein bisschen in Tagträume versunken. Was könnte man doch hier zu zweit alles unternehmen! Sich erholen, wandern, ein bisschen rumalbern, picknicken, knutschen… Wahrscheinlich könnte ich vor ihm einen Handstand auf dem Picknickkorb machen, dazu ein Liedchen trällern und mit den Flipflops den Takt dazu klatschen, er hätte trotzdem nur Augen für seine Zeitung. Humor ist ihr wichtig und Lachen eine gute Ablenkung von der steten Konzentration vorne im Führerstand. Deswegen gönnt sie sich ab und zu ein paar fantasievolle Gedanken. So fährt sie also weiter über den schönen Seedamm, am Obersee entlang und durch den Rickentunnel nach Wattwil. Hier hat sie eine kurze Pause, welche ihr sehr gelegen kommt. Der Kaffee in Luzern war ja lecker, der bleibt aber auch nicht ewig dort, wo sie ihn hingeschüttet hat. Mit einem
Weisst Du, dass ich ab heute Abend in Deinem Tagebuch vorkomme?
wieder frischeren Gefühl kehrt sie anschliessend zurück zu den Gleisen und übernimmt den bereitstehenden Regionalzug in Richtung St.Gallen. Sie steigt ein und geht durch die Fahrgasträume nach vorne zum Führerstand. Ein ihr unbekannter Koffer steht vor der Türe zu ihrem Arbeitsplatz. Sie schiebt ihn mit ihrem Fuss beiseite, um die Türe öffnen zu können. Dabei öffnet sich der Koffer, und sein Inhalt verteilt sich über den Boden. Zuoberst bleibt eine aufgeschlagene Zeitung liegen, und der Artikel sticht ihr sofort ins Auge: «Ein freier Tag im Rothenturmer Hochmoor». Irgendwie fühlt sie sich von diesem Thema heute ein bisschen verfolgt. Nur weil sie diesen unwiderstehlich aussehenden Typen in Luzern nicht links liegen lassen konnte… Und schon steht er neben ihr und hilft ihr dabei, den Koffer wieder mit seinem Inhalt zu füllen. Also eigentlich hilft er ihr nicht, sondern macht es eher alleine. Sie ist so perplex und überrascht von seinem plötzlichen Erscheinen, dass sie wie versteinert dasteht. Nachdem sie ihrer Stimme wieder trauen kann, entschuldigt sie sich bei ihm für das Vorgefallene. Er lächelt verschmitzt und sagt zu ihr: «Sie müssen sich nicht entschuldigen, aber mir tut es leid. Ich habe das mit dem Koffer so geplant. Das ist die einzige Idee die mir eingefallen ist, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich habe Sie in Luzern gesehen, als ich gerade Kaffeepause machte. Ich fand Sie auf den ersten Blick sympathisch und anziehend. Aber da ich mich nicht traue, hübsche Frauen anzusprechen, habe ich mich hinter einer Zeitung versteckt und mir überlegt wie ich Sie auf mich aufmerksam machen könnte. Plötzlich sind Sie dann weggegangen, aber ich wollte Sie nicht so einfach aus den Augen verlieren. So habe ich kurzfristig entschieden, mein Meeting auszulassen, um Ihnen zu folgen, in der Hoffnung auf eine weitere Gelegenheit. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel.» «So eine Unverschämtheit wieder gutzumachen wird Sie teuer zu stehen kommen! Ich kenne da ein gutes Restaurant in St.Gallen…», sagt sie lächelnd zu ihm, ihr Glück kaum fassend. Sie öffnet ihm die Türe zum Führerstand und fährt pünktlich ab mit ihrem Zug nach St.Gallen, voller Vorfreude auf den baldigen Feierabend. Ihren ersten gemeinsamen Kuss, mit grandioser Aussicht auf dem schwindelerregend hohen Sitterviadukt, wird sie nie mehr vergessen!
FRANK WALDIS Luzern Bahnbetriebsdisponent
Eines Abends habe ich den PC gestartet, begann meine Ideen aufzuschreiben und habe mir gesagt: probier´s doch mal
Voralpen-Express
4. RANG
JOSEPHS REISE von Rosmarie Ziegler-Salzmann In seinem Zimmer steht seit einigen Tagen ein unbekannter Koffer. Was darin ist hat sich Joseph nicht gefragt. Das Fragen hat er sich, seit er 12-jährig war, abgewöhnt! Ohne Fragen lebt es sich einfacher, das lernte er schnell. Das Heimweh wollte ihn fast umbringen damals, als man ihn nur noch «der Bub» nannte. Er hatte es ja gut bei Bauer Duss, aber das Heimweh, die strenge Arbeit und das Heimweh, — das Heimweh, das ein Kinderherz zu brechen vermag! Er wurde nicht geschlagen, nein geschlagen wurde er nicht, und hungern musste er ebenfalls nicht! Es gab Verdingkinder in seiner Schulklasse, denen ging es wirklich schlecht. Nein, er hatte es gut! Aber dieses Heimweh, und niemand gab ihm Antwort auf seine Fragen! Irgendeinmal hatte er aufgehört zu fragen, nahm das was ihm das Leben bescherte und war zufrieden damit. Ändern konnte er ja sowieso nichts, ein Verdingkind hatte zu arbeiten und zu schweigen, dann konnte es sein Schicksal am besten ertragen! Und er hatte es gut bei Bauer Duss, ja er hatte es gut! «Guten Morgen Herr Zemp, wie geht es ihnen heute?» von ganz weit her vernimmt er die Worte von Frau Röösli, der Frau von der Spitex. Joseph spürt, dass ihn seine Kräfte langsam verlassen. Die unerträglichen Schmerzen, die ihn in letzter Zeit plagten, sind weg. Joseph hat keine Kraft um zu antworten. Seine Augen sind geöffnet, doch sieht er nicht, was in seinem Zimmer vor sich geht. Aber er sieht sein ganzes Leben an sich vorüberziehen! Sieht, wie er als junger Mann den Aktivdienst im Militär leistete. Es war wohl die Zeit in seinem Leben, in der er am wenigsten arbeiten musste. Bauer Duss übergab den Hof an seinen Sohn Alois, und Joseph diente auch diesem. Er hatte es gut als Knecht, tat seine Arbeit, war zuverlässig, treu und zufrieden mit dem was er hatte. Er sah die nächste Generation heranwachsen und war einfach hier zuhause. Nie hätte er an einem anderen Ort sein wollen, er hatte alles was er brauchte, was wollte er mehr! Als Alois Duss den Hof an seinen Sohn Damian übergab, schenkte er Joseph eine Reise an den Bodensee. Reisen und Ferien kannte Joseph nicht, dementsprechend mulmig war es ihm zu Mut, als er dann die Reise mit viel Bangen doch antrat. Derartige Abenteuer waren in seinem Alter nicht so leicht zu verkraften. Alois Duss fuhr mit ihm nach Luzern zum Bahnhof und setzte ihn in den Voralpen-Express . «Bleib einfach im Zug sitzen bis er nicht mehr weiter fährt, dann bist du in Romanshorn.» Ganz klar und deutlich hört Joseph diese Worte. Er spürt sein Herz aufgeregt in seiner Brust schlagen. Frau Röösli wäscht behutsam den Patienten, dessen Körper leise zittert. «In Romanshorn kannst du etwas essen», der Meister steckt ihm einen Geldschein in die Tasche. «Wenn du zurück willst, steige einfach in diesen Zug ein, er ist ja mit ‹Voralpen-Express› angeschrieben, du kannst ihn nicht verfehlen. In Luzern werde ich dich dann abholen.» Mit grossen Augen schaut Joseph aus dem Zug und sieht Landschaften an sich vorüberziehen, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Es ist ein prächtiger Tag, die Nacht war kalt und der Nebel hüllte alles in einen Schleier ein. Die Sonne löst den Nebel schnell wieder auf. Die Birken, die Büsche und die Bäume im Rothenthurmer Hoch-
Bleib einfach im Zug sitzen bis er nicht mehr weiter fährt, dann bist du in Romanshorn.
moor stehen wie verzuckert im Kontrast zum stahlblauen Himmel. Noch nie hatte Joseph etwas so schönes gesehen! Eindrücklich dann die Fahrt über den Seedamm, Joseph stellt sich vor er sei auf einem Schiff, links und rechts sieht er den See. Etwas unheimlich wird es ihm, als der Zug durch den Rickentunnel rauscht, der einfach kein Ende nehmen will! Aber wie staunt er, als er in einer ganz anderen Landschaft weiterfährt. Die Reise fing an ihm zu gefallen! Joseph fühlt sich leicht und dort wo das Sitterviadukt das tiefe Tobel überwindet, schwebt er wie mit den Schwingen eines Adlers über diesem hinweg, sieht unter sich den Zug über die tiefe Schlucht fahren und seine Augen strahlen. Frau Röösli fühlt den Puls, dann schliesst sie die gebrochenen Augen des alten Mannes und betrachtet stumm seinen unendlich friedlichen Gesichtsausdruck. Dem kleinen Koffer entnimmt sie ein Leichenhemd. «Joseph Zemp verbrachte sein ganzes Leben bei der gleichen Familie auf dem Mooshof. Bis ins hohe Alter erzählte er glücklich von seiner einzigen, grossen Zugreise.» So steht es in seinem Lebenslauf.
ROSMARIE ZIEGLER-SALZMANN Galgenen Hausfrau
Als ich im Radio von einem Geschichtenwettbewerb hörte, entstand spontan die erste Kurzgeschichte und so lernte ich auch die Tastatur des PCs besser kennen.
5. RANG
GROSSMUTTERS ERZÄHLUNGEN von Marianna Vogt Mercedés-Vittoria wartet schon ganz ungeduldig in der Ankunftshalle des Flughafens in Buenos Aires. Kaum hat die Grossmutter den Warteraum der Ankunftshalle betreten, rennt ihr die Kleine entgegen und fällt ihr um den Hals. Noch etwas ausser Atem fleht sie die Grossmutter an, ihr eine Geschichte aus der Schweiz zu erzählen. Ganz in der Nähe finden sie ein ruhiges Café und machen es sich gemütlich. Nun beginnt die Grossmutter die Geschichte vom Voralpen-Express, dem Zug der quer durch die Schweiz fährt zu erzählen. Die Reise führt von Luzern nach Romanshorn, einer unglaublich schönen Berg- und Seenlandschaft welche immer wieder aufs neue fasziniert. Frühmorgens stieg ich in Luzern in den Zug. Mir fiel der gelbe, komplett mit Sticker übersäte Koffer sofort ins Auge. Auf der einen Seite liess sich die Schnalle nicht mehr schliessen, sodass ein Koffergurt die beiden Schalen zusammen hielt. Es gab auch keinen Adressenkleber oder sonstiges was auf den Besitzer dieses Gepäcks hingewiesen hätte. Die ganze Zeit stand der Koffer vor der Eingangstüre. An diesem Frühlingssamstag waren viele Leute mit dem Zug unterwegs. Viele wollten die blühenden Obstbäume entlang der Strecke bewundern, oder hatten einfach Lust nach diesem langen Winter ins Freie zu gehen und die reine, junge Frühlingsluft einzuatmen. Beim Rothenthurmer Hochmoor fuhr der Zug recht unruhig, sodass der unbekannte Koffer etwas unsanft zu Boden fiel. Immer wieder schlitterte er von der einen Seite zur anderen. Die Grossmutter schwieg für einen kurzen Moment. «Und was passierte dann? Hat jemand den Koffer wieder aufgestellt?» wollte Mercedés, Vittoria ganz aufgeregt wissen. «Nicht so ungeduldig», sagte die Grossmutter und fuhr mit ihrer Erzählung fort. Niemand traute sich, dem Koffer in die Nähe zu kommen, denn seit er auf die Seite gefallen war hörte man etwas ticken. Zuerst konnten sie das Geräusch nicht genau einordnen. Aber jetzt, wo sie sich im Rickentunnel befanden, waren sie sich ganz sicher, dass dies aus dem Koffer kam. Als sie genau hinhörten, nahmen sie wahrhaftig ein Ticken war. Ein Mann sagte scherzhaft eine Zeitbombe ticken zu hören, eine junge Frau meinte, dass jemand sein Handy nicht ausgeschaltet hätte und dieses nun stetig eine Nummer wähle und eine ältere Frau glaubte eine mechanische Uhr ticken zu hören. Die Blicke blieben starr auf dieser Bagage gerichtet. Die wunderschöne Kulisse zog an ihnen vorüber – ohne wahrgenommen zu werden. Ein Mann im schwarzen Anzug und den Lackschuhen stand auf und rief: «Der Koffer muss weg! Und zwar schnell!» Ein älterer, gut gekleideter Mann erhob sich und verliess das Abteil. Als er nach einiger Zeit lächelnd und zufrieden zurück kam und sich wieder an seinen Fensterplatz setzte, drängten ihn die anderen Passagiere um eine Antwort. Aber der Mann lächelte nur und sagte mit sanfter und leiser Stimme. «Ich habe den Zugführer gesucht und ihm von dem unheimlichen Koffer erzählt. Nun wird alles gut, habt Vertrauen.» Der Zug näherte sich dem Sitterviadukt. Der Zug verlangsamte seine Fahrt und eine warme Frauenstimme erklang aus dem Lautsprecher. «Geschätzte Fahrgäste, in wenigen Minuten werden wir unsere Fahrt für einen kurzen
Ein Mann im schwarzen Anzug und den Lackschuhen stand auf und rief: Der Koffer muss weg! Und zwar schnell!
Augenblick auf dem Sitterviadukt unterbrechen. Es besteht jedoch kein Grund zur Besorgnis. Wir werden unseren Endbahnhof Romanshorn planmässig erreichen.» Wieder unterbrach die Kleine. «Was passierte dann?» «Warum hielt der Zug auf dem Viadukt?» «Wenn du mich weitererzählen lässt, wirst du es bald erfahren», sagte die Grossmutter. Der Zug wurde langsamer bis er endlich stillstand. Die Tür ging auf und der Koffer wurde mit einem kräftigen Tritt hinaus geschubst. Die Passagiere klatschten vor Freude und Erleichterung in die Hände. Sie wagten sogar einen Blick aus dem Fenster hinab auf die Sitter. Plötzlich ertönte schallendes Gelächter. Der Koffer hatte sich durch den Aufprall geöffnet und in der einen Kofferhälfte sah man einen grossen, hellblauen Doppelglockenwecker, der bald in die Sitter verschwand. Der Zug setzte seine Fahrt fort. Die Passagiere waren erleichtert, aber immer noch vom Vorfall gezeichnet und erschöpft. «Gott sei Dank, sind wir den Koffer losgeworden», sagte eine ältere Frau. Ein Mann sagte mit Tränen in den Augen «Ende gut – alles gut, die ganze Aufregung nur wegen einem so albernen Wecker!» und ein paar Passagiere stimmten ihm lächelnd zu. «Endbahnhof Romanshorn – bitte alle Passagiere aussteigen. Wir wünschen Allen einen schönen Tag und das nächste Mal eine etwas weniger aufregende Fahrt.» «Grossmutter, du musst mir versprechen, wenn ich zu dir in die Ferien komme, dass wir auch mit dem Voralpen-Express fahren werden, vielleicht passiert dann auch wieder eine so spannende Geschichte!» «Natürlich mein Kind, versprochen, das machen wir», versprach die Grossmutter und trank ihren Matetee zu ende.
MARIANNA VOGT Aarau Sachbearbeiterin
Mit dem Voralpen Express die Schönheit der Schweiz immer wieder aufs neue Entdecken und stressfrei und pünktlich von A wie Arth Goldau nach W wie Wattwil gelangen.
6. RANG
DER BEGINN EINER GESCHICHTE von Sarah Jagfeld «Wem könnte wohl dieser Koffer gehören?» Sie schaut an den Ort, an den ich deute, zuckt mit den Schultern, lächelt kurz und schaut dann wieder aus dem Fenster. Wir haben soeben den Rickentunnel Richtung Bodensee hinter uns gelassen. Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen, mir geschworen, sie nach diesem Tunnel anzusprechen. Der Koffer liegt im gegenüberliegenden Abteil auf der Gepäckablage – aber das Abteil ist leer. In Luzern bin ich in den Voralpen-Express eingestiegen und in Biberbrugg ist sie zugestiegen; besser: Wurde zugestiegen, von einem netten Herrn der SBB. Ich hatte mich ins erste Abteil gesetzt und das war anscheinend das Rollstuhlabteil. Na bravo, dachte ich spontan. Wenn ich aufgestanden wäre, um mich woanders hin zu setzen, hätte sie das vielleicht persönlich genommen. Da sass ich nun also, gefangen in einem Zugabteil mit einer Behinderten. Doch dann habe ich sie genauer angeschaut. Ihre Augen sind grün und hellwach, ihre Haut sieht weich und seiden aus. Wenn sie sich nicht gerade durch ihre glatten, dunklen Haare fährt, liegen ihre Hände ruhig in ihrem Schoss. Sie liest nicht, spielt nicht mit ihrem Handy, hört keine Musik. Das gefällt mir. Und sie mir immer mehr. Doch ich fühle mich befangen und unwohl. Dabei war ich doch weggefahren, um einen klaren Kopf zu kriegen. Weg von dem Drama mit meiner Ex-Freundin, hin zum Bodensee, um Ruhe und Weite zu geniessen. Ich wollte für mich sein. Und jetzt sitzt sie da! Sie hat noch kein Wort gesprochen, aber ich bin mir sicher, dass ihre Stimme wunderschön klingt. Die ganze Zeit frage ich mich, was ihr wohl zugestossen sein mag. Plötzlich kommt mir diese Kampagne von der Paraplegiker-Stiftung in den Sinn. Soweit ich mich erinnern kann, steht da auf einem dieser Rücken: «Rothenthurmer Hochmoor», dann irgendein Datum und «Pferd hat gescheut». Ob das vielleicht sogar sie ist? Jedenfalls ist sie in dieser Gegend zugestiegen. Sieht so eine Reiterin aus? Ich habe ja ziemlich Respekt vor Pferden. Ob sie mit ihrer Behinderung noch reiten kann? Spürt sie ihre Beine, wenn ich sie berühre? Spürt sie überhaupt irgendetwas da unten? Hoppla! Ich befehle meinen Gedanken, sich zu zügeln. Der unbekannte Koffer ist ein vergammelter, alter Lederkoffer. Er ist mir irgendwann nach Küssnacht aufgefallen. Ich dachte, die Frage sei schön unverfänglich, da sie nichts mit mir oder ihr zu tun hatte. Sie hätte ein spannendes Gespräch mit wilden Spekulationen vom Damm brechen können. Aber mein Gegenüber mag anscheinend nicht reden. «Es hat ihn wohl jemand vergessen» sagt sie plötzlich. Ich erschrecke und nicke. Und sage unüberlegt: «Oder es ist eine Bombe drin.» Sie ist höflich genug, über diesen plumpen Witz zu lächeln und erwidert überraschend: «Wenn du ihn aufmachst und nachschaust, kriegst du etwas von mir.» Ohne zu zögern stehe ich also auf und nehme den Koffer von der Gepäckablage. Er ist unerwartet leicht. Als ich mich umdrehe, tue ich aber so, als sei er mit Zement gefüllt. Mit Ach und Krach lege ich ihn auf den Sitz neben mir. «So schwer?» «Tonnenschwer!» antworte ich und weiss, dass sie mich bereits durchschaut hat. «Mach auf!», drängt sie. «Ist das nicht illegal?» zögere ich jetzt. »Wir schauen doch nur, ob wir den Besitzer ausfindig machen können» zwinkert sie. Ich öffne vorsichtig und langsam den Koffer, um es spannend zu machen. Sie lacht. Ihr Lachen klingt hell und übermütig.
Und jetzt sitzt sie da! Sie hat noch kein Wort gesprochen, aber ich bin mir sicher, dass ihre Stimme wunderschön klingt.
Der Koffer ist inwendig mit einem alten, grün-roten Karostoff bezogen. Er ist leer, bis auf einen Flyer in Kartenformat. «Geschichten spinnen» steht darauf. Ich nehme ihn heraus und gebe ihn ihr. Während ich den Koffer von aussen und innen nach irgendeinem Geheimfach durchforste, liest sie etwas von einem Wettbewerb vor. «Da ist nichts», sage ich enttäuscht. Wir schweigen. «Geschichten spinnen» murmle ich nachdenklich. Da lacht sie wieder ihr helles Lachen. «Ja, das kann man wohl sagen, dass manche Geschichten spinnen.» Ich lache auch. «He, du wolltest mir doch etwas schenken, wenn ich den Koffer öffne!» sage ich nun und werde wieder ernst. «Ich wünsche mir deine Geschichte.» Und sie erzählt. Von der Zeit vor dem Unfall, von der Zeit nach dem Unfall, bis zum heutigen Tag, an dem sie hier mit mir im Zug sitzt. Und ich erzähle auch ein bisschen von dem vergleichsweise banalen Drama, das mich zum Bodensee fahren lässt. Als wir über das Sitterviadukt fahren, meint sie: «Jetzt wäre es doch wunderbar, wenn wir unsere Geschichten in diesen Koffer packen und sie aus dem Fenster in die Sitter werfen könnten. Und dann einfach neu anfangen.» Ich gebe ihr recht und wir bedauern kurz, dass man die Zugfenster heutzutage nicht mehr öffnen kann. Doch dann schauen wir uns an und wissen beide: Die Geschichte hat trotzdem neu begonnen. Unsere.
SARAH JAGFELD Winterthur Sozialarbeiterin
Die schönsten, wundersamsten, fantastischsten Reisen finden in meinem Kopf statt, wenn ich Geschichten schreibe.
Rothenthurmer Hochmoor
7. RANG
WEICHEN STELLEN
von Michael Rimle
Mit einem qualvollen Scheppern schlägt der Wecker auf dem Boden auf. Der Dienst, mich zu wecken, hat ihm einen teuren Lohn eingebracht. Dabei wollte ich mit meiner müden Handbewegung nur den Sleep-Modus aktivieren. «Was für ein Start in den Tag, an dem man ein Vorstellungsgespräch für einen Job hat, den man nicht wirklich will», denke ich mir, während ich aufstehe. Ich suche meine Kleider vom Vortag in meiner Wohnung zusammen. Das Hemd finde ich schliesslich auf dem Küchentisch. Aus dem Kühlschrank greife ich mir einen Tetrapak mit Milch und einen mit Orangensaft. Die Milch fülle ich in Kittys Futternapf, den O-Saft nehme ich mit auf den Weg zum Bahnhof. Ich schliesse die Haustür hinter mir und leere den O-Saft-Pack in einem Zug. Gerade noch rechtzeitig erwische ich den Voralpen-Express. Im hintersten Wagen finde ich ein freies Abteil für mich allein. Der Zug fährt ab, am Rothenthurmer Hochmoor vorbei, Richtung St.Gallen. Im Rickentunnel hole ich die Gratiszeitung vom Sitz nebenan. Ich blättere sie gelangweilt durch. Die Aussicht hat mir weit besser gefallen als die oberflächlichen Artikel. «Billette vorweisen, bitte!» Eine junge Kondukteurin erscheint im Wagen und beginnt die Tickets zu kontrollieren. Ich lege den Kopf an die Glasscheibe, wir rollen gerade über das Sitterviadukt, und ich schliesse die Augen. Meiner Erfahrung nach wird man nicht kontrolliert, wenn man schläft. Doch sie bleibt an meinem Abteil stehen und meint ein wenig gelangweilt: «Wenn Sie wirklich schlafen würden, wäre Ihnen längst die Zeitung aus der Hand gerutscht.» Ich öffne die Augen, die blonden Haare reichen ihr bis zur Schulter, nur ihr Blick schaut mich allzu ernst an. Genervt krame ich mein Abo hervor; es gibt nichts Peinlicheres als sich bei Betrügereien durch seine eigene Dummheit zu verraten. Sie nickt zufrieden. Ein schrilles Quietschen ertönt. Ich drücke die Hände reflexartig auf die Ohren, im nächsten Moment rutsche ich vom Sitz auf den Boden. Auch die Kondukteurin gerät ins Taumeln, kann sich aber gerade noch am Sitz festhalten. «Eine Notbremsung», schiesst es mir durch den Kopf. Nicht so ruckartig wie bei einem Auto, schliesslich ist so ein Zug einige Tonnen schwerer und jetzt, wo er stillsteht, haben wir sicher einen Bremsweg von einigen 100 Metern hinter uns. «Hat jemand die Notbremse gezogen?» Die junge Blonde schaut sich hektisch im Wagen um. «Vielleicht in den vorderen Wagen», mutmasse ich, springe kurz entschlossen auf und eile nach vorn. Die Kondukteurin, dicht hinter mir, verkündet in jedem Wagen mit lauter Stimme: «Bitte bleiben Sie sitzen, wir prüfen, was gerade passiert ist.» Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Möglicherweise eine technische Panne? Ein Suizid? Oder ein Zugüberfall – nein, Quatsch! Offenbar geht das Adrenalin mit mir durch. Schliesslich kommen wir bei der Lokomotive an, ohne dass uns etwas aufgefallen wäre. Ich trete zur Seite und meine Begleiterin poltert gegen die Tür des Führerstands: «He Ben, mach auf! Was ist los?» Keine Antwort. Sie zaubert einen Schlüsselbund mit mindestens zwei Dutzend Schlüsseln aus ihrer Uniform, findet aber auf Anhieb den richtigen und öffnet die Tür. Dahinter kauert der Lokführer Ben am Boden. Die Hände krampfhaft in den Kragen seines T-Shirts gekrallt, den Hals dick geschwollen und die
Hat jemand die Notbremse gezogen? Die junge Blonde schaut sich hektisch im Wagen um.
Lippen bereits blau, lehnt er röchelnd am Steuerpult. Um seinen Kopf summen zwei aggressive Bienen oder Wespen – ich kenne mich da nicht so aus. «Der Mann bekommt keine Luft», stelle ich das Offensichtliche etwas naiv fest. «Ja, er ist allergisch auf Bienenstiche. Ich fordere Hilfe an», erklärt sie mir und greift nach dem Funkgerät im Führerstand. Verwundert stelle ich fest, dass ich die Zeitung aus dem Abteil noch immer in der Hand halte. Ich habe sie schlichtweg vergessen und den ganzen Weg mitgenommen. Ich rolle sie fest zusammen und erschlage die beiden Bienen. Haben Allergiker nicht meist ein Medikament dabei? Ich durchsuche Bens Hosentaschen, finde aber nur das übliche: Portemonnaie, Schlüssel, Kleingeld. Was bleibt sonst noch? Im Führerstand steht ein unbekannter Koffer, wahrscheinlich für Bens Mittagessen, und tatsächlich, ganz unten finde ich ein Spray. Ohne lange zu überlegen halte ich es ihm in den Mund und drücke zweimal den Sprühknopf. Innert wenigen Sekunden schwillt sein Hals deutlich ab. Erleichtert atme ich tief durch und setze mich nun ebenfalls auf den Boden. Meine blonde Begleiterin setzt sich neben mich. «Ambulanz und ein Einsatzteam sind unterwegs.» Ich nicke: «Wenigstens verpasse ich mein Vorstellungsgespräch, der staubige Bürojob hat mich sowieso nicht gereizt.» Sie mustert mich nun prüfend: «Wenn du interessiert bist: Wir suchen zurzeit neue Kondukteure und ich könnte für dich ein gutes Wort einlegen. Ausserdem würde ich dich gerne mal zu einem Kaffee einladen, als Dankeschön quasi.» Ein Lächeln schleicht sich in mein Gesicht. «Ich überlege es mir», antworte ich neutral, aber innerlich habe ich bereits zugesagt.
MICHAEL RIMLE Wattwil Hochbauzeichner
Ich kann versuchen eine Geschichte möglichst lebendig zu schreiben. Aber können Sie die Geschichte in Ihrem Geist zum Leben erwecken?
8. RANG
BEGEGNUNG MIT HAPPY-END von Brigitte Möhr Anstelle eines herrlich duftenden Espresso bescherte mir die Kaffeemaschine lediglich eine Errormeldung auf dem Display. Weder bitten und betteln noch ein paar unsanfte Schläge auf den Deckel stimmten das Gerät spendabler. Meines täglichen Aufwachrituals beraubt, war ich nicht gerade in himmlischer Stimmung. Und wenn ich mich jetzt nicht ultimativ beeilte, so sagte mir ein flüchtiger Blick auf die Uhr, würde ich auch noch den Zug verpassen. Wenig später hastete ich atemlos über den Bahnsteig und drückte eilig auf den grünen Knopf. Zischend glitten die Türen auseinander. Geschafft! Draussen ertönte ein Pfiff und der Voralpen-Express setzte sich in Bewegung. Ich freute mich auf die Highlights der Strecke, den Sitterviadukt und den beachtliche 8603 m langen Rickentunnel. Ich wollte den Nachmittag in Luzern verbringen, ein wenig am See promenieren, in den Shops herumstöbern und mir irgendwo in einem schnuckeligen, sonnigen Gartenbeizli einen Cappuccino genehmigen, da mir mein Frühstückskaffee auf gänzlich unattraktive Weise vorenthalten wurde. Doch es sollte anders kommen. Der erste Waggon war gerammelt voll. Im zweiten Abteil hatte sich eine Schar junger Girls breitgemacht. «Ist hier noch frei?» fragte ich den hübschesten und notabene auch einzigen Mann, der alleine sass. «Klar doch, hab ich extra für Sie reserviert.» Er zwinkerte schelmisch und deutete auf den Fensterplatz. Ich machte es mir bequem. Mein Vis-à-vis schien arg beschäftigt und tippte nonstop auf seinem Mobiltelefon herum. Ich musterte ihn unauffällig. Seine grüngrauen Augen harmonierten perfekt mit seinem blonden, welligen Haar. Er wirkte sportlich und durchtrainiert. Wäre er ein paar hundert Jährchen älter gewesen, Michelangelo hätte ihn vom Fleck weg als Model engagiert. Es ist wohl an der Zeit, dass ich mein Singledasein beende, sinnierte ich mit leichter Wehmut, die sich harmonisch an den frühmorgendlichen Verdruss anschmiegte. Krampfhaft überlegte ich, wie ich mit dem reizenden Mannsbild ins Gespräch kommen könnte. Doch wie immer wollte mir einfach nichts Witziges einfallen. Und leider auch nichts Kluges, nichts Interessantes und nichts Belangloses. Nach unerwartet kurzer Dauer wurde meiner unproduktiven Grübelei ein Ende gesetzt, da der kichernde und gackernde Schülerinnenhaufen sowie Mister Attrattivo in Wollerau den Zug verliessen. Plötzlich herrschte eine geradezu meditative Stille. Da ich, aufgrund des allgemeinen Abgangs, nun einen ganzen Waggon für mich alleine hatte, wechselte ich auf die andere Seite. Gedankenverloren betrachtete ich eine Weile die im Schnelldurchlauf vorbeiziehende Landschaft. Und dann entdeckte ich ihn! Einsam und alleine. Verdächtig nahe bei der Türe. Ein unpersönlich anmutender, unbekannter Koffer. Passend zu meinem mir nicht ganz geheuren Fund, passierte der Zug soeben das Rothenthurmer Hochmoor. Während draussen feuchte, fetzenartige Nebelschwaden über den Boden schlichen, krochen abenteuerliche Bilder von Moorleichen und allerlei andere gruselige Gedanken in mir hoch. Ich starrte den rabenschwarzen Aktenkoffer an, als ob ich dadurch mit einem wundersamen Röntgenblick gesegnet würde. Meine innere Spannung hätte sich lediglich noch durch das Unheil verkündende dum-dum-dum-dum der Filmmusik zu «Der weisse Hai» steigern lassen. Soll ich den Koffer öffnen? Und was, wenn eine Bombe drin ist? Bei der göttlichen Verteilung von Charakter-
Meine innere Spannung hätte sich lediglich noch durch das Unheil verkündende dum-dum-dum-dum der Filmmusik zu Der weisse Hai steigern lassen. zügen hatte ich nicht nur eine blühende Fantasie ergattert, sondern auch bei der Neugier kräftig zugelangt. Und diese siegte nun himmelhoch über sämtliche Vorsichtsgedanken und Bedenken. Ich angelte mir den Koffer und drapierte ihn behutsam auf der gegenüberliegenden Bank. Mit einem letzten, hauchdünnen Rest von Zurückhaltung drückte ich auf die Schnappverschlüsse – und – sie sprangen tatsächlich auf! Vorsichtig und immer noch Böses ahnend öffnete ich den Deckel. Der Inhalt verschlug mir glatt die Sprache. Vor Erleichterung! Viele, viele bunte Ballone, eine kleine Handpumpe sowie ein Stapel Visitenkarten. Ich überlegte nicht lange und zückte mein Handy. Nach drei Summtönen meldete sich eine männliche Stimme: «Hallo?» «Sagen Sie, fehlt Ihnen etwas?» «Haben Sie meinen Künstlerkoffer gefunden? Wundervoll! Ich habe heute Abend einen Auftritt. Wo sind Sie?» «Biberbrugg vorbei.» «Könnten Sie an der nächsten Haltestelle aussteigen und auf mich warten?» «Wenn Sie so nett fragen. Allerdings machen sich bei mir gerade krasse Koffein-Entzugserscheinungen bemerkbar.» «Ich lade Sie ein!» Ha! Der Tag scheint ja doch noch eine erfreuliche Wendung zu nehmen! In Arth Goldau verliess ich, wie versprochen, den Zug. Während alle anderen Fahrgäste eilig das Weite suchten, hielt ich nach einer Sitzgelegenheit Ausschau. Endlich – als ich mir gerade überlegte, ob mich das männliche Wesen wohl am richtigen Bahnhof suchte – sah ich jemanden aus einem weissen Taxi aussteigen. Ich starrte den Mann, der mir eilig entgegen kam, ungläubig an. Diese blonden Locken hatte ich heute doch schon einmal gesehen…
BRIGITTE MÖHR Maienfeld Assistentin der Geschäftsleitung
Das Leben kann schon mal Sauerkraut bieten, wenn man sich Rosen wünscht. Mit meinen Kurzgeschichten möchte ich die Leser aufheitern und sie zu einem Schmunzeln verleiten.
Sitterviadukt
9. RANG
LIEBESBRIEFE von Barbara Haener «Auch das noch», dachte sich Peter von Burg, als er die Touristengruppe vor dem Voralpen-Express in Arth-Goldau stehen sah. Peter eilte um die Gruppe herum, stolperte über etwas, sah ein Koffer am Boden liegen und lief aber weiter zu einer freien Waggontür, bevor der Zug abfahren konnte. Als die Touristengruppe eingestiegen war, lag der Koffer immer noch am Boden. Peter wusste nicht warum, aber er stieg wieder aus und ging zu dem Koffer hin. Vielleicht lag es daran, dass er selbst schon in einem Fundbüro gearbeitet hatte. Er wusste, wie dankbar die Leute sein konnten, wenn sie ein geliebtes Stück wieder in den Händen hielten. Er hob den Koffer hoch und winkte damit vor dem Fenster des Reiseleiters, weil er dachte, dass er vielleicht einem Touristen gehörte. Der Reiseleiter sah ihn jedoch nur verständnislos an und schon setzte sich der Voralpen-Express in Bewegung. Ohne Peter von Burg. «Super», dachte sich Peter. «Jetzt habe ich meinen Zug und meinen Termin verpasst und stehe mit einem mir unbekannten Koffer in der Hand da.» Nachdem Peter den Termin telefonisch verschoben hatte, hatte er genügend Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zugs. Deshalb öffnete er den Koffer, um seinen Besitzer ausfindig zu machen. Er fand nur einen kleinen Stapel alter Briefe darin. «Vielleicht ein Hinweis?» dachte sich Peter und nahm einen Brief heraus. Es stellte sich heraus, dass es Liebesbriefe waren – aus einer Zeit, als die Liebe zurückhaltend gelebt werden musste, wenn das Paar nicht verheiratet war. Deshalb war auch nur «Mein liebster G.» respektive «In inniger Umarmung. Deine M.» zu lesen. Keine Namen. Wenigstens standen ein Name und eine Adresse auf den Umschlägen. Am Abend nahm Peter den Koffer mit nach Hause. Während er die Briefe las, um nach weiteren Hinweisen zu suchen, wurde er immer neugieriger. Er wollte unbedingt den Empfänger finden, denn diese Briefe waren der Beweis für eine grosse Liebe. Peter las Sätze wie «Ich liebe Dich über alles. Ich liebe es, mit dir im Zug zu fahren, deine Arme um meine Schultern zu spüren und die Weite des Rothenthurmer Hochmoors vor unseren Augen vorbeiziehen zu lassen.» «Unser erster Kuss im Rickentunnel. Ich bin heute noch dankbar, dass die Deckenbeleuchtung ausgefallen ist. Von mir aus hätte auch der Zug im Tunnel stehen bleiben können.» «…und immer bin ich froh, wenn der Zug über das Sitterviadukt fährt, denn ich weiss: Nun werde ich dich bald wiedersehen.» Er musste einfach den Besitzer dieser Briefe ausfindig machen. Nach etlichen Tagen der Recherchen, stellte sich heraus, dass Gerard Meyer nicht mehr – wie auf den Briefumschlägen vermerkt – in St.Gallen wohnte, sondern einige Male entlang der damaligen «Direkten Linie Nordostschweiz-Zentralschweiz» immer weiter in Richtung Arth-Goldau gezogen war. Heute lebte Gerard Meyer im Alterszentrum Lichtblick in Arth-Goldau. Als Peter von Burg Gerard Meyer im Alterszentrum besuchte, schien Herr Meyer stark abwesend zu sein. Er schaute Peter kaum an und nahm die Briefe mit einem schwachen «Danke» entgegen. Allerdings erhielt Peter ein paar Monate später folgenden Brief: «Sehr geehrter Herr von Burg Ich weiss nicht, ob Sie sich noch an Herrn Gerard Meyer erinnern. Sie brachten ihm vor ca. sechs Monaten ein paar Briefe. Ich kenne
Als er aber begann, die Briefe zu lesen, die Sie ihm vorbeibrachten, blühte er richtig auf.
nicht den genauen Inhalt dieser Briefe, aber es interessiert Sie vielleicht zu vernehmen, dass sich Herr Meyer sehr verändert hat. Vor ihrem Besuch war er ein sehr stiller, in sich gekehrter Mann. Er schien uns auch einsam zu sein, hatte er keine Nachkommen oder Freunde. Als er aber begann, die Briefe zu lesen, die Sie ihm vorbeibrachten, blühte er richtig auf. Jeder im Alterszentrum bemerkte die Veränderung. Sein Blick war klarer. Er fing sogar Gespräche an. Herr Meyer sprühte vor Lebensfreude. Es war, als wäre er ein zweites Mal jung. Sie hätten ihn sehen sollen, wie seine Augen funkelten, bevor sie sich für immer schlossen. Manchmal, da wollte er die Briefe gar nicht mehr aus der Hand legen. Wir beschlossen deshalb, diese Briefe im Sarg unterzubringen, bevor Herr Meyers Leichnam ins Krematorium überführt wurde. Lieber Herr von Burg, Sie wissen nicht, wie sehr Sie das Leben von Herrn Meyer, ja von uns allen zum Positiven verändert haben. Diese Briefe sind der Beweis, wie viel Kraft in der Liebe innewohnt. Dafür danken wir Ihnen von Herzen und wünschen Ihnen, dass diese Kraft auch in Ihrem Leben einen Platz finden wird, so wie sie einen Platz in Herrn Meyers Leben gefunden hat. In tiefer Dankbarkeit Karin Müller Abteilungsleiterin im Alterszentrum Lichtblick.» Was sollte man dazu sagen? Peter von Burg war sprachlos und unheimlich froh, über diesen Koffer im Bahnhof von Arth-Goldau gestolpert zu sein.
BARBARA HAENER Baar Kaufmännische Allrounderin
Aus und mit dem Herzen zu schreiben erfordert manchmal Mut, weil man immer auch ein Stückchen von sich selbst gibt. Es kann jedoch unglaublich bereichernd sein.
10. RANG
DER MODERNE SCHATZSUCHER von Caroline Breitenmoser Was für ein Morgen! Die Sonnenstrahlen haben mich bereits im Bett gekitzelt. Mit etwas Licht im Gesicht geht alles viel leichter – sogar das Aufstehen. Zumindest heute. Mit beschwingten Schritten mache ich mich auf für meine Reise vom Boden- zum Vierwaldstättersee. Guter Laune besteige ich in Romanshorn den Voralpen-Express und oh Wunder, ich finde sogar ein leeres Abteil und kann es mir am Fenster bequem machen. Nebenan sitzt eine junge, kaugummikauende Frau mit violetten Haaren, die Mundwinkel hängen tief nach unten. Die Ohrstöpsel des ipod sind tief in den Ohrmuscheln vergraben. Sie hat die Schönheit des Tages wohl noch nicht erkannt… Die Landschaft zieht an mir vorbei, die Zeit vergeht. Schon überqueren wir die Sitter mit ihren vielen Brücken. Unglaublich hoch, das Sitterviadukt. Ganz kurz sehe ich in der Tiefe einen Fischer mit den langen Gummistiefeln. Ob die Fische wohl besser beissen, wenn die Sonne ins Wasser glitzert? In Gedanken versunken sehe ich plötzlich unter dem Sitz einen kleinen, rotkarierten Koffer. Stand der vorher schon da? Fragend schaue ich mich um. Wem gehört der wohl? Ich ziehe den unbekannten Koffer unter dem Sitz hervor und wende mich an die junge Frau nebenan. «Verzeihen Sie, wissen Sie, wem dieser Koffer gehört?», frage ich sie, nachdem ich es geschafft habe, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Gelangweilt kaut sie weiter und zuckt mit den Schultern. Kein Konduktor weit und breit. Vorsichtig drehe und wende ich den Koffer, um einen Hinweis auf den Besitzer zu finden. Nichts! Da packt mich die Neugier. Was ist schon dabei? Ich klappe ihn einfach auf. Da wird es dunkel draussen. Wir passieren gerade den Rickentunnel - nun habe ich etwas mehr als 8 km Zeit, mir zu überlegen, ob die Dunkelheit wohl ein Zeichen ist, den Koffer wieder zu schliessen. Ach was, ich will ja nur helfen, und was soll schon Spezielles in einem telefonbuchgrossen Köfferchen zu finden sein? Nichts! Was? Das gibt’s doch nicht – er ist einfach nur leer. Ungläubig starre ich hinein! Hatte ich wirklich geglaubt, als moderner Schatzsucher in die Geschichte einzugehen? Leise schmunzle ich in mich hinein. Ich starre das rote Futter des Koffers an. So einen Koffer hätte ich schon immer gerne gehabt. Ist es nicht unglaublich schön, Erinnerungen in einem so tollen Gepäckstück aufzubewahren? Was würde ich hineinpacken? Am liebsten ein paar Sonnenstrahlen! Was sonst noch? Ein Hochzeitsfoto von mir und meiner Frau natürlich. Wie so schön erzählt wird, der schönste Tag im Leben, denn so viel Wohlwollen ist mir im Leben in diesem Masse nie mehr begegnet. Wir haben damals in der Pfarrkirche St. Antonius im Rothenthurmer Hochmoor geheiratet. Die Buchstaben auf dem Dach der Kirche sind weitherum sichtbar. Meine heutige Reise wird mich sogar dort vorbei führen. Aus dem Kanton Schwyz kommt meine Frau, ich bin ein Thurgauer. Kennengelernt haben wir uns just im Moor. Wir waren dort beide als Wanderer unterwegs und suchten den berühmten fleischfressenden Sonnentau. Ausgerechnet das gleiche Plätzchen haben wir für unsere Mittagsrast ausgesucht. Nochimmer fasziniert mich ihr Wissensdurst und ihr abenteuerlicher Geist. Unsere älteste Tochter lebt in Luzern, wo mich heute die Bahn hinführt. Ja, eine goldige Zapfenlocke aus Babyzeiten von ihr
Schauen Sie einfach mal rein – da ist ein wunderbarer Schatz drin.
würde ich auch als Erinnerung in den Koffer packen. Wie unglaublich niedlich sie war, aber wie total anstrengend die Babyjahre. Unsere zweite Tochter hat uns nicht so viel Energie gebraucht – vielleicht waren wir das Familienleben schon mehr gewohnt. Von ihr würde ich am liebsten ein herzhaftes Lachen in den Koffer geben. Wie oft klang ihr silberhelles Gekicher durchs ganze Haus, wenn sie wieder etwas angestellt hatte. Zum Beispiel, als die Tapete plötzlich ganz bunt bemalt war mit Elfen und Schmetterlingen. Ganz unschuldig hat sie uns zu sich in ihr Zimmer gerufen. Die Wände haben wir trotz anfänglicher Schimpferei nie überstrichen. Deutlich sehe ich noch immer die schönen Wesen vor mir. Ja, unsere Familie hat uns auf Trab gehalten. Meine Frau war immer der Fels in der Brandung – mein sicherer Halt, wenn es rundherum drunter und drüber ging. Was für ein Glück, sie damals in dieser wunderschönen Hochebene getroffen zu haben. Plötzlich sehe ich glasklar, wie gut es das Leben mit mir gemeint hat. Ich kann meine Pension geniessen, mitten unter der Woche zu meiner Tochter reisen, dabei Erinnerungen nachhängen, das schöne Wetter und die vorbei huschende Landschaft geniessen. Eine grosse Zufriedenheit macht sich in mir breit und die Erkenntnis, dass ich doch ein moderner Schatzsucher bin. Danke, du Koffer eines Unbekannten, der mir wieder vor Augen geführt hat, was wesentlich ist - das eigene Glück sehen und mit beiden Händen fassen. Unglaublich, wie toll so ein leerer Koffer ist! Meine Nachbarin sitzt noch da. Ich tippe ihr auf die Schultern, drücke ihr den Koffer in die Hand und sage aufmunternd: «Schauen Sie einfach mal rein – da ist ein wunderbarer Schatz drin.»
CAROLINE BREITENMOSER Lustmühle Primarlehrerin
Mit Worten andere Menschen zu berühren, vielleicht sogar ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, das ist in meinen Augen Glück. Deshalb schreibe ich gerne AlltagsGeschichten über das ganz normale Leben, um andere, und manchmal auch mich selber, für kurze Zeit zu verzaubern.
Rickentunnel
Voralpen-Express, Bahnhofplatz 1a, CH-9001 St. Gallen