eo .it ch w. ar ww
MALTA
GÖTTER UND TEMPEL DER VORZEIT EINE EINZIGARTIGE PRÄHISTORISCHE KULTUR IM HERZEN DES MITTELMEERS
archeo 1
Chefredakteur: Andreas M. Steiner
Bildredaktion: Lorella Cecilia
Abbildungen von Daniel Cilia
Redaktion: Stefano Mammini
Layout: Davide Tesei
Rekonstruktionszeichnungen von Elise Schonhowd
Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Malta Tourism Authority
Die Schatzinsel Meine erste Begegnung mit der Archäologie Maltas geht auf das Jahr 1991 zurück. Damals verbrachte ich mit Alberto Dagli Orti, Fotograf des De Agostini Archives, zusammen die Osterwoche auf der Insel, mit dem Ziel, eine komplette Fotokampagne der Megalithbauten des Archipels und der Exponate des archäologischen Nationalmuseums in Valletta zu erstellen. Einen ganzen Tag lang hielten wir uns in der kalten, unterirdischen Finsternis des Hypogäums von Hal Saflieni auf, um die verworrene Abfolge der Durchgänge, Korridore und Kammern zu ergründen, die die Ureinwohner Maltas vor 5000 Jahren aus dem Schoße der Erde ausgehöhlt hatten. Im schwachen Lampenschein tauchten vor unseren Augen ausladende Voluten auf, mit rotem Ocker auf die Wände und Decken des Heiligtums gemalt. Später dann, in den sonnigen Sälen des Nationalmuseums, öffnete uns ein damals noch sehr junger Archäologe, Reuben Grima (heute Dozent an der Universität Maltas), eine Vitrine, um uns die kleine Skulptur einer ruhenden Frau aus unmittelbarer Nähe zu zeigen. Entdeckt worden war sie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in einem der unterirdischen Säle aus denen wir Tags zuvor wieder ans Licht zurückgekehrt waren. Dann entnahm Grima einer Schachtel eine Reihe aus dem hellen Stein Maltas gemeißelter Figurinen. Sie waren vor Kurzem bei den Grabungen in einem Megalithheiligtum am Ort Xaghra auf der Insel Gozo, der zweitgrößten des Archipels, entdeckt worden. Immer dann, wenn ich nach Malta zurückkomme, ist ein Besuch dieser «Schlafenden», die jetzt in einem ihr eigens gewidmeten kleinen Saal zu bewundern ist, obligatorisch. Im Laufe der Zeit ist mir die Figur mit ihrem unergründlichen Ausdruck, ihrem wachsamen, tausendjährigen Schlaf innerlich vertraut geworden. Ihre Aura, geheimnisvoll wie die Zeichen einer verschollenen Schrift, ist die eines großen Meisterwerkes der Weltkunst. Auf den folgenden Seiten bieten wir unseren Lesern einen Überblick über dieses großartige Phänomen, das allgemein als «Megalitische Kultur Maltas» bezeichnet wird. Ein Phänomen, das - paradoxerweise - dem breiten Publikum (welches den Namen der Insel eher mit seiner jüngeren Geschichte verbindet) noch wenig bekannt ist. Malta, so nah und doch so fern, ist ein unumgängliches Reiseziel, das alle diejenigen, die mehr über die Geschichte der Antike – aber auch der Gegenwart – des Mittelmeeres wissen wollen, nicht versäumen dürfen. Andreas M. Steiner
AUF DEN INSELN DER RIESENTEMPEL DER MALTESISCHE ARCHIPEL: EIN KLEINER FLECKEN ERDE AUS TON, KALKSTEIN UND FOSSILEN KORALLEN, WEIT ABGELEGEN VOR DER SIZILIANISCHEN KÜSTE, ABER TIEF DURCHDRUNGEN VON GESCHICHTE UND EINER AUF DER WELT EINZIGARTIGEN PRÄHISTORISCHEN VERGANGENHEIT, DIE NOCH IN WEITEN TEILEN ZU ENTSCHLEIERN IST. von Andreas M. Steiner und Massimo Vidale Abbildungen von Daniel Cilia, Rekonstruktionszeichnungen von Elise Schonhowd
D
ie Seekundigen behaupten, wenn Malta und die sizilianische Küste an klaren Tagen von den jeweiligen Höhen aus sichtbar seien, verschwände Malta aus dem Blickfeld, sobald das Schiff vom Land gestoßen sei. Die Rauchwolken der Ätnaeruptionen mussten den Bewohnern des kleinen Archipels sicherlich die Existenz der größten Mittelmeerinsel anzeigen, die von Malta durch nicht mehr als 90 km offenen Meers getrennt ist. Viele Geheimnisse um die Jahrtausende des Neolithikums betreffen gerade die Befahrung des Mittelmeers durch die ersten Siedler, Züchter und Bauern. Die For m ihrer Schiffe ist uns unbekannt aber wir müssen sie uns vollgepackt vorstellen, mit lärmenden Kindern, Haufen von Keramik, Netzen, Vorräten, Tieren in Käfigen, aber auch, fatalerweise, mit ungebetenen Gästen wie K r a n k h e i t s e r re g e r n , Pa r a s i t e n u n d
unerwünschten Nagetieren. Solch ein überladenes Boot entdeckte, wohl vor etwa 7-8000 Jahren und vielleicht aus purem Zufall, den Archipel Maltas. Dies war der Anfang eines neuen, erstaunlichen Kapitels der Geschichte des Mittelmeers. Es ist wohl kein Zufall, dass man gerade auf Malta, beim Eingang zur Westapsis des dritten Tempels von Tarxien, zwei Orthostaten findet, die nur schwer erkennbare, stark verwitterte Graffiti von einem Dutzend Schiffe zeigen.
DIE ÄLTESTEN BOOTE DER GESCHICHTE? Könnte es sein, zumal sich diese Graffiti in einem Teil des Heiligtums finden, der vielleicht auf die letzten Jahrhunderte des IV Jahrtausends v. Chr. zurückgeht, dass es sich hier um die älteste Darstellung seetüchtiger Schiffe der europäischen Frühzeit handelt?
Gegenüberliegende Seite: die Sonne erleuchtet den zentralen Zugang zum Tempel von Mnajdra, Malta. 2800-2500 v. Chr. Hinter dem Titel: Rekonstruktionszeichnung der im Tempel von Tarxien entdeckten Kolossalstatue. Ca. 2500 v. Chr.
archeo 5
Während einige der Meinung sind, die Graf Graffiti datieren in die Mitte der Bronzezeit, unterstreichen die Verfechter der ersten Hypo Hypothese die starke Ähnlichkeit mit Booten prädynastischer Felszeichnungen Ägyptens und der Kykladen, welche in eine Zeit um 3000 v. Chr. zu datieren sind, oder vielleicht in eine sogar noch ältere Periode. Zur Zeit der ersten Kolonisierung war Malta noch ein jungfräuliches Land. Der Boden, wenn auch nicht geeignet für eine besonders üppige Pflanzendecke, musste doch eine feste Oberfläche gebildet haben, um eine Bewaldung mediterranen Typus zu erlauben. In Malta herrschte, einst wie heute, ein komplexes und unbeständiges Gleichgewicht zwischen heißen, trockenen Sommern und feuchten Wintern, charakterisiert durch beschränkte Wasserressourcen. Die ersten Einwohner lernten das Wasser aus Brunnen geringer Tiefe zu schöpfen und mit Hilfe kleiner Dämme, die nur zu gewissen Jahreszeiten wasserführenden Sturzbäche aufzustauen.
VON GROTTEN ZU TEMPELN Recht wenig wissen wir noch von den ältesten Phasen des Siedlungslebens auf Malta.Wohnschichten wurden in natürlichen Grotten entdeckt (die wichtigste ist die von Ghar Dalam, siehe S. 10) sowie Hütten, feine Keramiken, die üblichen Speisereste und Werkzeuge aus Flint und Obsidian, welche aus Pantelleria und Lipari eingeführt wurden. In den der zweiten Hälfte des V Jahrtausend zuzurechnenden Depots, reich versehen mit Keramiken, die stilistisch noch mit der sizilianischen Welt verbunden sind, kamen die Um r i s s e z wei e r, u n gewöhnlich geräumiger Hütten zu Tage: hier wurden mehrere stark stilisierte Statuetten mit betont weiblichen sexuellen Merkmalen gefunden, die man fast Gegenüberliegende Seite: Luftbild Maltas, fotografiert von Südosten, im Hintergrund die Inseln Comino und Gozo. Rechts: Die Kolossalstatue von Tarxien mit den Orginalfragmenten und die Rekonstruktion ihres ursprünglichen Aussehens.
6 archeo
Rechts: Italien und, südlich von Sizilien, die maltesischen Inseln, in einem Satellitenfoto.
«Noch ist es nicht möglich zu sagen, ob Malta die Rolle der Lehrmeisterin oder aber die einer Schülerin zwischen den angrenzenden Zivilisationen einnahm». (Vere Gordon Childe, The Dawn of European Civilization Civilization)
archeo 7
als Vorläufer der religiösen Hauptmotive der späteren Megalithkultur betrachten könnte. In den ältesten Phasen des folgenden Jahrtausends erscheinen auf Malta große vollständig in den Fels eingearbeitete Kollektivgräber, und ein erstes Beispiel einer großen anthropomorphen Statuen-Stele, nicht viel anders als ähnliche Werke Frankreichs und Sardiniens; in dieser Periode bereichert sich die Keramik mit Linienmustern, mit Bögen und stilisierten Menschendarstellungen. Es sind dies die Anfänge der explosionsartigen Verbreitung der Megalitherscheinung, die auf Malta gemeinhin als «Periode der Großtempel» bezeichnet wird. Noch heute ist der Reichtum an diesen Megalithmonumenten weitgehend ungeklärt: Wie konnten sich auf 8 archeo
der Insel mindestens 30 Ansammlungen dieser Kolossalbauten entwickeln, errichtet in Zusammenarbeit von hunderten, wenn nicht tausenden Personen auf einem nur etwas mehr als 300 qkm großen Gebiet, auf einer Fläche die bestenfalls 10-12000 Menschen ernähren konnte (oder auch noch weniger, wenn man von der landwirtschaftliche Produktivität dieser Zeit ausgeht), außerdem auf eine sehr beschränkte Anzahl von Siedlungen verteilt? Auch muss man bedenken, dass die «Tempel» Maltas eine sehr archaische Ausdrucksform der Megalithkultur darstellen, sicherlich die älteste Euroasiens; dass ihr Architekturstil die benachbarten Inseln und Regionen in keiner besonderen Weise beeinflusst zu haben scheint; und dass die Formensprache der gleichzeiti-
Der maltesische Archipel mit Angabe der wichtigsten archäologischen Stätten.
MALTA IN DER VORZEIT UND IN DER ANTIKE Zeit
Phase
Chronologie
Ereignisse und Monumente
Neolithikum
Ghar Dalam
5300-4500 v. Chr.
Skorba (Graukeramik)
4500-4400 v. Chr.
Skorba (Rotkeramik)
4400-4100 v. Chr.
Kolonisierung durch Schiffe aus Sizilien. Einfuhr von Getreide, Linsen und Haustieren, Flintstein und Obsidian, Alabaster und Ocker. Keramikdekoration in sizilianischen Stilen oder verwandt jener der Äolischen Inseln. In Skorba, Hütten mit Frauenstatuetten (Fruchtbarkeitskult?).
Chalkolithikum Zebbug oder Kupferzeit: Mgarr „Periode der Großtempel“ Ggantija
4100-3800 v. Chr.
Saflieni
3300-3000 v. Chr.
Tarxien
3000-2400 v. Chr.
Nekropolis von Tarxien
2400-1400 v. Chr.
Borg in-Nadur
1700-900 v. Chr.
Bronzezeit
3800-3600 v. Chr. 3600-3000 v. Chr.
Kollektivgräber in Grotten, Statuen-Menhire ähnlich jener späterer Zeit Sardiniens und Frankreichs. Explosionsartige Verbreitung großer Tempelanlagen mit apsidialem Grundriss; Entwicklung von etwa zwanzig Tempelansammlungen und ausgedehnten unterirdischen Grabanlagen auf dem ganzen Archipel. In Ägypten baut man um 2500 v. Chr. die großen Pyramiden von Gizeh; in Mesopotamien entstehen Bauten aus getrockneten Ziegeln; im Industal erblüht die Indus-Kultur. Niedergang des Siedlungswesens und Aufgabe der großen Kultkomplexe. Bau der Dolmen. Die Brandbestattung ersetzt die Körperbestattung; neue Kontakte mit Sizilien und Süditalien. Befestigte Siedlungen. In England wird Stonehenge errichtet.
Erste Hälfte der Bahrija Eisenzeit
900-700 v. Chr.
Neue Einwanderungswelle, vielleicht aus Kalabrien?
Phönizischpunische Periode
Phönizische Phase
725-500 v. Chr.
Phönizische Niederlassungen, Heiligtum der Astarte in Tas-Silg.
Punische Phase
500-218 v. Chr.
Vorherrschaft Karthagos.
Römische Periode
218 v. Chr.-395 n. Chr. Römische Eroberung am Anfang des zweiten punischen Krieges.
Byzantinische Periode
395-870
Eroberung der Vandalen (454) und der Goten (464). Im Jahre 533 Rückeroberung durch Belisar.
Arabische Eroberung
870
Mit der Eroberung Maltas beginnt eine lange Phase der Arabisierung.
archeo 9
INSELWESEN, NICHT ISOLATION «Die Geschichte der Inselbewohner ist eine von Bewegung und Verknüpfung, und die im Spiel befindlichen Sozialbeziehungen müssen mit derselben Genauigkeit bewertet werden wie der natürliche Reichtum und die Bodenschätze, wenn wir ein besseres Verständnis der Mittelmeerinseln und deren Identität erwerben möchten (…). Inseln umfassen nicht nur Landschaften im physischen, sondern auch im sozialen, politischen und religiösen Sinne. Die Inselnatur selbst kann Gestalt annehmen als eine Form der sozialen Identität, einer kulturellen Strategie, welche die Einwohner als Gegensatz zur äußeren Einmischung und fremdländischer Dominanz verwirklichen, als eine Form widerstandsfähiger Identität» (Bernard Knapp, 2007).
gen, zwischen dem IV und dem III Jahrtausend geschaffenen Skulpturen keinerlei Ähnlichkeit oder Vergleichsmöglichkeit mit denen anderer Mittelmeerkulturen aufweist. Wie schrieb noch der berühmte Archäologe Vere Gordon Childe (1892-1957): «Keine bezeichnende Parallele ist seinerzeit für ihre Tempel, Felszeichnungen, Statuetten und Keramik zu finden (…) Noch ist es nicht möglich zu sagen, ob Malta die Rolle der Lehrmeisterin oder aber der Schülerin zwischen den angrenzenden Zivilisationen einnahm, und es ist besser unnötige Spekulationen über dieses Argument zu unterlassen» (The Dawn of European Civilisation, 1925). Die maltesische Megalithkultur des späten Neolithikums scheint, mit anderen Worten, das Netzwerk der zu Beginn der Besiedlung bestehenden Kulturbeziehungen zerschnitten zu haben. Haben wir es vielleicht mit einer lokalen Identität zu tun, hervorgerufen durch eine progressive, unaufhaltsame Isolierung? Gewisse Gelehrte hingegen vertreten eine entgegengesetzte Auffassung: es könnte gerade die prähistorische Gesellschaft Maltas gewesen sein, die eine «kulturelle Insel» schuf, eng geschlossen um die religiöse Ideologie der eigenen Tempel, klar umrissen als Ausdruck der Autonomie und des Widerstandes gegenüber des kulturellen und symbolischen Horizonts einer grenzenlosen Außenwelt.
GGaNTIja Fast schlagartig, um die Mitte des IV Jahrtausends, beginnt man auf Malta, und besonders auf Gozo, Großbauten zu errichten, unter Verwendung von bis zu 20 Tonnen schweren Kalkblöcken. Die älteste Phase der «Periode der Großtempel» trägt den Namen des Monumentalkomplexes von Ggantija auf Gozo. Ggantija (der «Turm der Giganten») erscheint als eine große D-gestaltete Einfriedung mit einer doppelten bogenförmigen, etwas weniger als 40m langen, Frontseite bei ca. 30m Tiefe. Im Innern der Umfassung befinden sich zwei nebeneinanderliegende Zwillingsstrukturen: zwei halbkreisförmige Doppelnischen (oder Apsiden), paarweise zur Seite eines Korridors angelegt, der in einer letzten, zentral- und axial ausgerichteten Apsis endet. Die Suche nach wiederkehrenden astronomischen Ausrichtungen in diesem und anderen Sakralbauten des Archipels hat zu keinen wirklich schlüssigen Ergebnissen geführt, abgesehen von einer gewissen Vorliebe für die südliche Orientierung.
Der Lageplan von Ggantija, wie jener anderer Tempel, erinnert vage an einen geschwollenen anthropomorphen Umriss, bei dem die gelappten oder halbkreisförmigen Räume die Gliedmaßen darstellen könnten, während der abschließende, in Achse mit dem Eingang gelegene Raum an einen Kopf erinnert. All dies ähnelt der Struktur einiger der korpulenten weiblichen Statuetten, die man im Innern des Tempels und in anderen Kultkomplexen fand (siehe auch die Abbildung auf S. 18). Auch die Proportionen der beiden inneren Konstruktionen – größer die südliche, kleiner die nördliche - weisen eine anthropomorphe Ähnlichkeit mit einer indirekten Anspielung auf Mann und Frau auf. Der doppelte Bogen der Fassade öffnete sich auf einen weiten ellipsenförmigen Platz, offenbar einer großen Versammlung von Teilnehmern vorbehalten, bevor diese oder ein Teil dieser Gruppen durch enge Öffnungen ins Innere der Kultbauten zugelassen wurden. Der Raum zwischen den Megalithwänden der beiden Tempel und der äußeren, in der gleichen Technik ausgeführten Umfassungsmauer, war tonnenschwer mit Erdreich ausgefüllt. Andere Konstruktionen, begonnen in derselben Periode, wie z. B. der Gebäudekomplex von Ta-Hagrat bei Mgarr, im nordwestlichen Teil Maltas, zeigen gleichen Entwurf und Ausführung: zwei sich flankierende Tempel, ein größerer mit drei Apsiden (Größe ca. 20 x 15m), beschirmt von einer Fassade bis zu 4m langer Blöcke, und ein uns in einem späteren Wiederaufbau überlieferten kleineren Tempel mit nur einem Innenraum. Mehr als ein Jahrtausend lang, bis hin zur großen Krise von 2500-2400 v. Chr., hat die maltesische Tempelarchitektur dieses charakteristische Modell mit Korridor und daran angeordneten Apsiden nachgebildet, weiter
Gegenüberliegende Seite: die Grotte von Ghar Dalam, an der Südspitze von Malta, bewahrt Spuren der ältesten menschlichen Ansiedlung auf dem Archipel. Unten: die Südecke des Tempels von Ggantija (Gozo), mit einer Höhe von über 7m. 3600-3000 v. Chr.
a r c h e o 11
TaUSENDjÄHRIGE ERINNERUNG Die Erinnerung an diese tausendjährige Architektur und des Symbolismus, der sie durchdringt, blieb wach bis zur phönizischen Phase (900-700 v. Chr.), als der Baukern des Astartetempels in Tas-Silg (im Südosten Maltas) noch immer deren wesentliche Planimetrie wiedergab (siehe «Archeo», n° 327, Mai 2012; auch on-line in archeo.it). Offenbar erhoben sich die zwischen dem IV und III Jahrtausend v. Chr. errichteten Tempelkomplexe an Knotenpunkten des Territoriums, an Verbindungsstellen zwischen 12 a r c h e o
GGANTIJA 0
5
10 m
Grundriss und Luftbild des Baukomplexes von Ggantija (Gozo): die beiden Tempelräume mit ihren apsidialen Kammern sind von einer megalithischen Umfassungsmauer umgeben. 3600-3000 v. Chr.
N
verarbeitet und verschiedenartig verändert, bis hin zur Entwicklung seiner maximalen Komplexität in der ersten Hälfte des III Jahrtausends v. Chr. Eher als einheitlich geplante Bauprojekte, scheinen die Tempel vielmehr durch Anbauten und fortschreitende Eingriffe vergrößert und verändert worden zu sein, immer aber gemäß dem Leitgedanken der gleichen Grundideen. Im Allgemeinen hat man den Eindruck, dass bei den gegenüberliegenden Apsiden, diejenigen auf der rechten Seite weniger sorgfältig gebaut und dekoriert wurden als die auf der linken.
Gegenüberliegende Seite, oben: Außenansicht der Umfassungsmauer des Tempels von Ggantija; Gegenüberliegende Seite, unten: Eingang zum nördlichen Tempel der Bauanlage.
a r c h e o 13
den Höhenkämmen der Ebenen, in der Nähe von Furten oder auch in Verbindung mit wichtigen Landungsplätzen der Küste. In anderen Fällen wurden sie sicherlich zur gleichen Zeit nahe der wichtigsten Siedlungen erbaut. Schon Vere Gordon Childe hatte die bedeutungsvolle Übereinstimmung zwischen den größten Kultzentren und den anbaufähigen Flächen der Inseln hervorgehoben. Auch in einem begrenzten und im Grunde einfachen Raum wie jenem des maltesischen Archipels, ist die Logik der antiken, gleichermaßen menschlichen und sakralen Geographie nicht leicht zu entziffern. Was auch immer der ursprüngliche Grund, der Impuls für den Bau und die Unterhaltung dieser einzigartigen prähistorischen «Kathedralen» war, fand dieser seinen höchsten, wenn auch vergänglichen Ausdruck in der sogenannten Phase von «Tarxien», die durch kalibrierte Radiokarbondaten etwa für die Zeit zwischen 3300 und 2500 v. Chr. datiert ist (zum gleichen Zeitraum blühte und versank in Ägypten die Großzeit der Pyramiden, während in England, bei Stonehenge, der große Steinkreis aus Trilithen erbaut und in immer grandioseren Formen umgestaltet wurde). 14 a r c h e o
TA-HAGRAT
N
0
Grundriss und Luftaufnahme von Ta-Hagrat im westlichen Teil von Malta. Ta-Hagrat ist einer der kleineren Tempelkomplexe des
5
10 m
Archipels. Er besteht aus zwei Heiligtümern: das größere entstand um 3600 v. Chr., das kleinere wohl zwischen 33003000 v. Chr.
Grundriss und Luftaufnahme des Tempelkomplexes von Mnajdra. Der Tempel besteht aus drei, zu einem einzigen Hof sich öffnenden, Heiligtümern. Der Plan hebt die Form der vier
symmetrisch angelegten Apsiden der Hauptheiligtümer (der «Untere Tempel» links, der «Mittlere Tempel» rechts) und die dreilappige Form des «Kleinen Tempels» hervor.
N
MNajDRa UND HaGaR QIM Die Tarxienphase ist gut belegt durch die beiden großen Baukomplexe von Mnajdra und Hagar Qim (nur einige hundert Meter voneinander entfernt an der Westküste Maltas gelegen) und von den Tarxientempel selbst, im Südosten der Insel. Mnajdra umfasst drei Heiligtümer – einen «Unteren Tempel», einen «Mittleren Tempel» und einen «Kleinen Tempel», die sich mit ihren angrenzenden konkaven Fassaden zu einem einzigen großen, ovalen Platz hin öffnen. Der älteste ist der «Kleine Tempel» mit Dreiapsiden-Grundriss und einer durch Türschwellen dreifach durchbrochenen Fassade, die ursprünglich durch gebohrte Punktlinien verziehrt war. Dieser datiert in die älteste Phase von Ggantija und ist auf der Rück- und Ostseite von kleinen, schlecht erhaltenen Bauten unbestimmter Funktion umgeben. Besser konserviert sind der «Untere Tempel» mit Fünfapsiden-Entwurf, und der nahe «Mittlere Tempel», der sich direkt nödlich vom ersterem erstreckt, und, wenig höher gelegen, mit einer Treppe ausgestattet war. Die Innenräume, deren Wände nach oben hin leicht zusammenlaufen, sind durch Tü-
MNAJDRA
0
5
10m
a r c h e o 15
16 a r c h e o
HAGAR QIM Grundriss und Ansichten des Megalithkomplexes von Hagar Qim. Die großartigen Gemäuer bilden eine typische «Hufeisenform», mit mehreren apsidialen, um einen zentralen Hof gruppierten Räumen. 3600-2500 v. Chr.
N
0
5
10 m
ren und monumentale Treppen miteinander verbunden, aber auch durch kleine und exzentrisch angeordnete Kommunikationsöffnungen, welche oft als «Orakellöcher» interpretiert worden sind. Zwei kleinere, im Raum zwischen den inneren Gemächern und den Außenmauern ausgesparte Kammern, erlauben einen gesonderten Zugang zu der Tempeleinheit; sie werden in der Regel als «Orakelzimmer» bezeichnet. Der Tempelkomplex von Hagar Qim, ein wenig östlicher angesiedelt, ist der größte des Archipels und dürfte von denselben Erbauern Mnajdras realisiert und unterhalten worden sein. Er erhebt sich auf einem hügeligen Plateau, zwei Kilometer von der heutigen Ortschaft Qrendi entfernt, und weist vier oder fünf um einen zentralen Hof angeordnete bogenförmige Nischenstrukturen oder Apsiden auf, die in komplexer Art und Weise einander aufgepfropft und untereinander kombiniert sind. Im Innern war der Zugang zwischen den einzelnen Räumen von durchlochten Platten und «Orakellöchern» begrenzt. Die Apsiden und der zentrale Hof enthielten einen großen verzierten Pfeiler, eine mit Spiralmotiven verzierte Steinplatte, Altäre von trilithischer Form oder sich auf fein zugehauene Basen stützend, schließlich eine Gruppe in Stein oder Terrakotta gearbeitete a r c h e o 17
weibliche Figuren, mit ihren typischen, korkor pulent dargestellten Körpern.
TaRXIEN Der Sakralkomplex von Tarxien nahe des heutigen Ortes Pawla im Süden Maltas, ist in der Planimetrie wohl der unregelmäßigste und vielschichtigste, in dekorativer und ikonografischer Hinsicht jedoch der reichste und ausgereifteste aller Tempel der maltesischen Vorzeit. Die Konstruktion, die vier verschiedene Einheiten aufweist, entstand zur Endzeit der Großtempelperiode, um die Mitte des III Jahrtausends v. Chr. Von den Häusern des Städtchens Pawla umgeben, fehlt es Tarxien an dem natürlichen und landschaftlichen Reiz der anderen Tempelkomplexe Maltas. Der größte, 30m lange Tempel im Süden besitzt die gewohnte konkave Fassade und vier bogenförmige InnenräuInnenräu me, in die man durch eine zentrale, halbrunhalbrun de Kammer gelangt. Der 23m lange zentrazentra le Tempel besteht aus drei gegenüberliegengegenüberliegen den Apsiden-Paaren, ein dritter im Osten Oben: eine Ansicht von Hagar Qim. Rechts: eine der zahlreichen im Tempel von Hagar Qim aufgefundene Skulpturen «beleibter Gottheiten». Erste Hälfte des III Jahrtausends v. Chr. Valletta, Archäologisches Nationalmuseum.
18 a r c h e o
gelegene Tempel kehrt zum Modell zweier gegenüberstehenden Apsidialräume zurück. An der Ostspitze finden wir schließlich einen vierten Tempel; er ist der älteste des Ensembles, sehr viel kleiner, mit einem aus fünf bogenförmigen Räumen bestehenden Grundriss. Die Abfolge der Bauten und ihre Überlagerung schaffen ein Palimpsest, in dem die einzelnen Entwürfe nur mit Mühe zu erkennen sind. Die Sakralräume und die Durchgänge in Tarxien erschienen zur Zeit der Ausgrabung zwischen den Jahren 1915 und 1919 mit Darstellungen, Wandreliefs und Symbolen bevölkert. Vorherrschend ist das Motiv der Spiralen, Prozessionszüge von Tieren (Zie-
Oben und links: zwei typische Beispiele der Ornamentik des Megalithkomplexes von Tarxien, mit einem Tierfries und spiralförmigen Motiven. 2500 v. Chr. Unten: die beiden Seiten der berühmten, im Jahre 1839 im Tempel von Hagar Qim entdeckten «Venus von Malta». Erste Hälfte des III Jahrtausends v. Chr. Valletta, Archäologisches Nationalmuseum.
DIE VENUS VON HAGAR QIM
Die in Ton geformte, ca. 13 cm hohe, als «Venus von Malta» bekannte Statuette wurde 1839 während der ersten Grabungen im Megalithtempel von Hagar Qim entdeckt. Sie lag im ersten Raum des Monumentalkomplexes unter einer mit Spiralmotiven verzierten Steinplatte. Zurückreichend auf die erste Hälfte des III Jahrtausends, präsentiert dieses prähistorische Meisterwerk eine Ausnahme, verglichen mit den zahlreichen anderen weiblichen Abbildern, die typisch für die Periode der «Großtempel» sind: denn die «Venus» reproduziert nicht die stereotypen Züge der sogenannten maltesischen fat ladies (der «beleibten Frauen»), sondern ist vielmehr die außergewöhnlich naturalistische Wiedergabe eines weiblichen Körpers. Wie im Falle zahlreicher anderer maltesischer Skulpturen (so zum Beispiel der ebenso berühmten Lady, siehe Seite 24) ist Sleeping Lady es unmöglich, mit Sicherheit die religiöse, rituelle, symbolische Funktion dieses Kunstwerkes der Vorzeit zu bestimmen.
a r c h e o 19
gen und Widder, Rinder, Stiere und Schweine, unter letzteren das Bild einer Muttersau, die dreizehn Ferkel säugt) und dazu noch Altäre und Opferbecken. Ein Raum des südlichen Tempels bewahrte den unteren Teil einer gigantischen Kultstatue, einer «beleibten Göttin», mit langem Faltenrock, die sich ursprünglich mit einer Höhe von zweieinhalb Metern neben enormen, mit erhabenen Spiralmustern verzierten Steinblöcken in der Dunkelheit abhob.
DaS UNTERIRDISCHE WUNDER VON HaL SafLIENI Das Hypogäum von Hal Saflieni wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckt. Sofort erregte es die Aufmerksamkeit der Gelehrten, wie z. B. die von Themistocles Zammit (1864-1935), der gerade zum Verantwortlichen des eben eröffneten Museums Maltas ernannt worden war, und die von Pater Emmanuel Magri (1851-1907). Schon 1903 wurde das Monument, an der Oberfläche von modernen Baustellen beeinträchtigt, welche die megalitischen Struktu-
20 a r c h e o
TARXIEN
Grundriss und Luftaufnahme des Megalithkomplexes von Tarxien: er besteht aus vier verschiedenen Tempeln, erbaut zwischen dem IV Jahrtausend (der «Archaische Tempel» auf dem Plan rechts) und der Mitte des III Jahrtausends v. Chr.
Tarxien ist durch die reiche Kultausstattung und die bemerkenswerten figürlichen (Tiere) und geometrischen Dekorationen charakterisiert. In Tarxien wurde zudem die kolossale Figur einer «Göttin» gefunden (siehe Seite 6).
N
0
5 10 m
WIE IM INNERN EINES LEBENDEN ORGANISMUS Während heute die Räume der maltesischen Tempel, die kolossalen Mauern, Türschwellen und Kammern regelrecht im mediterranen Sonnenlicht eigebettet erscheinen, waren diese Gebäude in der Vorzeit von Steinfassaden übereinandergesetzter Reihen gut zugehauener Blöcke versiegelt und von wohlkonstruierten Dächern vollkommen bedeckt. Dies belegen verschiedene kleine, im Innern der Ruinen gefundene Stein- und Terrakottamodelle, sowie eine Miniaturfassade, die als Flachrelief auf der Oberfläche einer der Tempel von Mnajdra wiedergegeben ist (es könnte sich dabei um regelrechte von den Erbauern erstellte Projektmodelle handeln). Die weißen Fassaden der Tempel erhoben sich bis zu einer Höhe von ungefähr zehn Metern. Bei dem Eintritt in diese Megalithtempel verabschiedeten sich die Besucher von der Gemeinschaft, von den Geräuschen des Alltags und vom Tageslicht, um sich in die dunklen, abgetrennten, stillen Räume zu begeben, die von gekrümmten und komplexen Linien und Oberflächen dominiert waren, als wäre man im Inneren eines lebenden Organismus; Räume, die oftmals mit gemalten, als Flachrelief ausgeführten oder vollplastischen Abbildungen ausgestattet waren.
Zwei Tempelmodelle aus Mgarr (links) und aus Tarxien (rechts mit modernen Ergänzungen). Zeichnung oben: hypothetische Rekonstruktion der Bauphase eines maltesischen Megalithtempels.
a r c h e o 21
«Beim Eintritt in das Hypogäum hat man einen ehrfurchtgebietenden Eindruck; im schwachen Lichte der Fackeln enthüllt sich ein Gewirr von Grotten und Galerien und die bizarren Formen einer außergewöhnlichen Architektur. Die Atmosphäre eines tiefen Geheimnisses durchzieht den Ort. Der Besucher verspürt den Trieb innezuhalten, um einen Überblick über die bienenstockartigen Wände zu gewinnen, bevor er beginnt, jede Aushöhlung, jeden Durchgang im Detail zu studieren. Wenn das Auge sich an das Halbdunkel gewöhnt hat, ist man sofort ergriffen von der Einzigartigkeit dieses Architekturstiles». Themistocles Zammit (1864–1935) ren über Tage schon vollkommen zerstört hatten, unter öffentlichen Schutz gestellt. Pater Magri ergrub zwischen 1903 und 1906 mit großer Sorgfalt die unterirdischen Aushöhlungen des Komplexes, verstarb aber überraschend im darauffolgenden Jahr. Im Jahre 1952 wurden die Untersuchungen wieder aufgenommen, dann wieder in den neunziger Jahren, mit neuen Grabungstechniken. Heute wissen wir, dass das über 500 qm große Hypogäum sich über drei unterirdische, übereinander gelagerte Ebenen (eine obere, ein mittlere und eine untere) erstreckt, und eine Tiefe von 11m unter dem heutigen Straßenniveau erreicht. Die obere Ebene, die älteste (datiert auf vielleicht bis vor 4000 Jahren v. Chr.), war durch natürliche Aushöhlungen erstanden, die später dann der neuen Funktion durch Rampen und kleineren Eingriffen angepasst wurden. Es scheint als sei diese oberste Ebene als eine Art mittlere Vorkammer zwischen Oberfläche und den unteren Höhlen konzipiert worden. Die beiden unteren Ebenen wurden vollkommen ausgehöhlt, künstliche mit Durchbrüchen verbundene Kammern, Plattformen und Galerien wurden unter Ausnutzung bereits existierender, 22 a r c h e o
Trilith auf der oberen Ebene
1
Hauptsaal in der mittleren Ebene
2
Spiraldekoration im «bemalten Raum» (mittlere Ebene)
3
DAS HYPOGÄUM VON HAL SAFLIENI
Die Zeichnung unten zeigt einen dreidimensionalen Aufriss der Gliederung der unterirdischen Räume des Heiligtums von Hal Saflieni nahe des Megalithkomplexes von Tarxien, die sich auf drei Ebenen verteilen und eine Tiefe von über 10m aufweisen. Das Hypogäum ist eines der faszinierendsten Monumente der maltesischen Archäologie.
1
OBERE EBENE
Das «Allerheiligste» (mittlere Ebene)
5
Trilith in der unteren Ebene
6
2 3 6 5 MiTTlERE EBENE
4 UNTERE EBENE
Durchgang zur unteren Ebene
4
Auch wenn die sakrale Bestimmung von Hal Saflieni außer Zweifel steht, bleiben viele ihrer Aspekte noch rätselhaft. Man darf aber mit Recht annehmen, dass das Hypogäum ein Verhältnis zwischen den Lebenden und dem Jenseits, zwischen Welt und Unterwelt wiederspiegelt. In einer dieser Säle des Hypogäums wurde die berühmte «Schlafende» (Sleeping Lady) entdeckt (siehe Seite 24).
a r c h e o 23
DAS GEHEIMNIS DER «SCHLAFENDEN DAME»
Die Sleeping Lady, die «Schlafende» von Hal Saflieni, eine auf einem Bett oder liegeartigen Gestell hingestreckte Figur, ist eines der Meisterwerke der vorgeschichtlichen Kunst Maltas. Abgesehen von drei ähnlichen, ruhenden Figuren aus Malta und Gozo, hat die «Schlafende» keinerlei Vergleichsstücke in der neolithischen Kunst Europas. Die Terrakottafigur, 12,2 cm lang und 6,8 cm hoch, zeigt eine auf ihrer rechten Seite ruhende Frau, mit geschlossenen Augen, die rechte Hand unter dem Kopf, und entblößten Brüsten. Der untere Körperteil ist mit einem weiten Faltrock bekleidet. Die Frage, wen diese faszinierende Frau darstellt und welche ihre Funktion im kultischen und religiösen Bereich ihrer Zeit war, überlagert sich mit den vielen anderen Rätseln, die noch heute und vielleicht für alle Zeit die außergewöhnlichen monumentalen und künstlerischen Zeugnisse des maltesischen Neolithikums aufgeben. War die «Schlafende», wie viele annehmen, eine «ruhende» Fruchtbarkeitsgöttin? Oder legt nicht eher die Position in der sie erscheint - jene des Schlafes - die Darstellung einer metaphorischen Personifizierung des «ewigen Schlafes», des Todes, nahe? Nach Ansicht des Archäologen Anthony Pace, Direktor des maltesischen Amtes für Denkmalpflege und Archäologie, darf man nicht die Hinweise übersehen, die sich aus dem Fundzusammenhang der Figur ergeben: die «Schlafende» und die drei anderen «auf einer Liege» dargestellten Figuren kommen alle aus einem Friedhofsbereich, drei aus dem Hypogäum von Hal Saflieni, eine andere – drei Personen zeigend - aus dem Steinkreis von Xaghra (siehe Seite 29). Außerdem erinnert die Körperlage der «Schlafenden» an die zusammengekauerte Position der Bestatteten von Xaghra (wie aus der Anordnung der Skelettreste ersichtlich ist). Diese bezaubernde weibliche Figur - ein absolutes Meisterwerk der prähistorischen Kunst - scheint also weniger dem Bereich der Fruchtbarkeits- und Geburtskulte anzugehören, als vielmehr der tiefen und obskuren Welt des Jenseits.
Die «Schlafende» Sleeping Lady Lady), (Sleeping Meisterwerk der prähistorischen Kunst Maltas, wurde 1905 in der Nähe der «bemalten Kammer» des Hypogäums von Hal Saflieni entdeckt. Ca. 3000 v. Chr. Valletta, Archäologisches Nationalmuseum.
Die Unterseite der Statuette mit dem Gefüge einer «Liege» auf der die «Schlafende» ausgestreckt ist.
24 a r c h e o
natürlicher Spalten der Felsbank geschaffen. Die Bildhauer-Architekten von Hal Saflieni verwandelten die natürlichen Felselemente in dekorierte Pfeiler, trilithische Türen und Stützrippen, und ahmten dabei die architektonische Gliederung des oberirdischen Tempelbaus nach. Die mittlere Ebene, die mit ihrem unregelmäßigen und asymmetrischen Plan eine gewisse Analogie mit der Planimetrie der Apsidialtempel aufweist, besteht aus einem zentralen Verbindungsraum von dem aus man zu Raumgruppen gelangt, in denen sich Fassadenrepliken sakraler Bauten befinden, mit vertikalen Pfeilern und horizontalen «Balken», die ursprünglich rot bemalt waren. In den Grabkammern reihen sich Nischen und Fenster, die Räume weisen an Wänden
und Decke rot bemalte Spiraldekorationen oder auch große Flächen mit Punktornamentik auf. Die heutigen Untersuchungen versuchen, die antiken Modalitäten der Lichtführ ung in den unter irdischen Gemächer n zu rekonstr uiren, unter Berücksichtigung von Art und Qualität der in den Fels gearbeiteten Architekturdekorationen. Eine Treppe führt schließlich in die untere Ebene, wo eine trilithische Tür in eine Serie niedriger Kammern einführt, die voneinander durch schmale, mit rotem Ocker bemalte Scheidewände getrennt sind. Die Gräber enthielten Schmuckelemente von Ketten, Miniaturbeile und Amulette, Figürchen von Vierbeinern und Vögeln, und wie Terrakottafiguüblich, kleine, menschliche Terrakottafigu ren. Unter diesen ragt die berühmte Sleeping Lady, die «Schlafende», heraus, die Skulptur einer korpulenten, weiblichen Figur, die auf ihrer rechten Flanke auf einer Liege schlummert. Zu Hal Saflieni schreibt der maltesische Archäologe Anthony Pace: „Diese prähistorischen Friedhöfe bestimmten die physischen Grenzen der Unterwelt, ein Konzept, das sich wohl nicht sehr von denen anderer Kulturen unterscheidet, wie z. B. das Totenreich des Hades der späteren griechischen Welt».
Die Grabungen des Steinkreises von Xaghra (Gozo) durch Otto Bayer, in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Aquarell von Charles de Brochtorff (ca. 1828). In der Mitte erkennt man die zwei Megalithe des Einganges (die heute nicht mehr vorhanden sind) und im Hintergrund links den Tempel von Ggantija.
DIE ENTDECKUNGEN VON XaGHRa Aber kehren wir auf die Insel Gozo zurück. Hier wurde in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, in der Nähe des Kultkomple Kultkomplexes von Ggantija, der sogenannte «Brochtorff Steinkreis» von Xaghra durch die Grabun Grabungen des Laienforschers John Otto Bayer ans a r c h e o 25
Licht gebracht. Die Ausgrabungen wurden sorgfältig auf einigen Aquarellen von Charles Fredrik de Brochtorff abgebildet, die in der Nationalbibliothek von Valletta aufbewahrt sind. Dank einiger Details auf diesen Aquarellen, konnte der Fundort 1964 vom Archäologen Joe Attard Tabone wiederentdeckt, und daraufhin von der Universität von Malta, den maltesischen Museen und der Universität von Cambridge und Bristol in den Jahren zwischen 1987 und 1994 weiter ausgegraben werden. Der Steinkreis von Xaghra hat sich stufenweise aus einer Art unterirdischem, zweikammerigen Grab entwickelt, das in der Zebbugphase entstand (ca. 4100-3800 v. Chr.). Die Räume enthielten, abgesehen von den sterblichen Überresten von 65 Personen, kleine Vasen mit Ocker, Schmuckelemente von Ketten, in Knochen geritzte Ornamente die an anthro26 a r c h e o
pomorphe Formen und an die Planimetrie der Apsidentempel selbst erinnern, Muscheln und Steinwerkzeuge. Vor dem vertikalen Eingangsschacht erhob sich eine Menhir-Stele. Die Grabungen haben erwiesen, dass zwischen 3000 und 2400 v. Chr., d.h. in der Spätphase der Großtempelzeit, der Steinkreis für die Bestattung von hunderten Personen benutzt wurde, die meist in Grotten oder natürlichen Aushöhlungen beigesetzt wurden, welche dann teilweise ausgearbeitet wurden, um den Zugang zu den Begräbnisstätten zu erleichtern. Ein gesonderter Bereich des Hypogäums war zu einem regelrechten, unterirdischen Kultraum ausgebaut worden, mit einem monumentalen Zugang und einem großen Steinbecken, um das sich Frauen- und Kinderbestattungen reihten. Die Skelettreste waren bereits im Altertum stark manipuliert, verschoben und auseinan-
Ansicht der Grabungen des Steinkreises von Xaghra (Gozo), im Hintergrund die Pfarrkirche der modernen Stadt.
dergerissen worden, eine große Anzahl wurden dann während der Erdaushübe des neunzehnten Jahrhunderts in ihrem Zusammenhang gestört und gingen verloren: am Ende des Grabungsprojektes zählte man insgesamt 220 000 menschliche Skelettteile, die zu mindestens 400-800 Individuen gehörten. Gewisse Grabhöhlen beinhalteten, zusammen mit den menschlichen Resten, Beigaben wie Beilamulette aus grünem Stein, Miniaturvasen mit roter Schminke, Spangen, Perlen und menschliche Köpfe in Bein, Figurine und Vasen aus Terrakotta. Diese Funde legen nahe, dass bestimmte Personengruppen ganz spezifische Grabbeigaben erhielten. Außerdem fand man in den durch Scheidewände und Schwellen unterteilten Grabhöhlen große Mengen an Tierknochen (vor allem von Ziegen, Schafen, Rindern und Schweinen), welche die Rituale und Ernährungsweise der antiken Bewohner des
Archipels dokumentieren. Die fein dekorierten Keramiken und die detailliert gestalteten und wohlgeglätteten Figurinen, die Menschen und Tiere darstellen, zählen zu den schönsten Werken der prähistorischen Kunst Maltas. Viele Exemplare waren ursprünglich rot, gelb und schwarz bemalt. Eine dieser in Xaghra gefundenen Figuren, deren Fragmente rings um eine Grabhöhle verstreut waren, war mehr als ein Meter hoch. Sie stellte eine Person dar, gekleidet mit einem weitem Rock und an der Brust angelegten Armen. Die Figur war absichtlich zerbrochen worden, und ihre Teile fand man, zusammen mit Statuetten und Schmuckketten, um die Gräber herum angeordnet. In unmittelbarer Nähe des großen Steinbeckens wurde eine kleine Kalksteinskulptur gefunden, die ein Paar «korpulenter Frauen» darstellt: sie sitzen auf einer Art Liege, haben eine Frisur mit einem Nackenzopf und kleiden weite aufgebauschte Faltenröcke, die mit abstrakten vertikalen Linienmustern bedeckt sind. Eine der Frauen hält ein Kind auf ihrem Schoß, die zweite einen Becher (siehe Box auf Seite 29).
Detailaufnahmen von der trilithischen Struktur und dem großen Steinbecken, die im Steinkreis von Xaghra entdeckt wurden.
aUf DER SUCHE NaCH ERKLÄRUNGEN Doch wie kann man sich die immensen Anstrengungen erklären, die beim Bau der gigantischen Tempel und Hypogäen von den prähistorischen Bewohnern Maltas eingesetzt wurden, und warum kam es, um die Mitte des III Jahrtausends v. Chr., zu deren raschen und plötzlichen Untergang? Vere Gordon Childe meinte, von der Wechselbeziehung zwischen fruchtbaren Böden und der Verteilung der Megalithbauten einmal (folgt auf Seite 30) a r c h e o 27
DIE «KLEINEN HERMEN» VON XAGHRA Im Steinkreis von Xaghra kam, in unmittelbarer Nähe des großen Steinbeckens, ein Depot mit neun, kleinen Steinfigurinen zutage, die Spuren von gelbem Ocker aufwiesen und sehr den Hermen späterer Kulturen ähnelten. Die Statuetten lagen eine neben der anderen, als hätten sie sich einst in einer Kiste oder einer Tasche befunden, die durch den plötzlichen Einsturz der Höhlendecke umgestürzt war. Sechs von ihnen zeigen stark stilisierte Personen ohne jegliche Geschlechtsmerkmale. Eine der Figuren ist unvollendet. Einige tragen Gürtel und weisen vertikale Einschnitte auf, eine Figur trägt auf dem Kopf eine Art Diadem. Eine weitere hat den Kopf eines Wildschweines. Es
handelt sich hier um einzigartige Objekte, für deren allgemeine Form und deren Stil man keine direkten Vergleiche kennt. Da der Unterteil der Statuetten weitaus weniger detailliert gearbeitet ist, und diese zudem alleine nicht aufrecht stehen, könnte man meinen, sie seien eine Art von kleinen Puppen, von «heiligen Marionetten», die man im Laufe der Grabzeremonien vorführte. Nach Ansicht der Ausgräber war der Raum in dem die kleinen Hermen gefunden wurden eine Art «Totenzimmer», in die man die Verstorbenen vor der Beerdigung brachte, um sich dort mit Zerimonien und rituellen Vorführungen von ihnen zu verabschieden. Die neun Statuetten wurden in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Innern des Steinkreises von Xaghra (Gozo) gefunden. Ggantija Interpretation Centre.
28 a r c h e o
Rechts: vier Ansichten der Kalksteinfigur zweier beleibter, auf einer Liege sitzenden Personen, die im Steinkreis von Xaghra entdeckt wurde. Erste Hälfte des III Jahrtausends v. Chr.
EIN MERKWÜRDIGES PAAR
Zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde im Ritualbereich des Steinkreises von Xaghra, zusammen mit den «Hermen» über die wir auf der gegenüberliegenden Seite berichten, diese merkwürdige Kalksteinskulptur (14 x 13 x 9,3cm groß) gefunden. Sie stellt zwei fast identische, sogenannte fat ladies («korpulente Frauen») dar. Eine der beiden trägt eine kleinere Figur (ein Kind?) auf dem Schoß, die andere hält eine Art Tasse oder Becher. Zusammen mit der «Venus von Hagar Qim» und der «Schlafenden von Hal Saflieni», zählt auch diese Skulptur zu den Meisterwerken der prähistorischen Kunst Maltas. Das merkwürdige Paar weist einige besondere Züge auf: beide Figuren sitzen auf einer Liege, ähnlich jener auf der die «Schlafende» (siehe Seite 24) ruht. Weiter zeigt die Skulptur bemerkenswerte Farbreste roter, gelber und schwarzer Pigmente, die vermuten lassen, dass auch die anderen Skulpturen Maltas und Gozos einstmals farbig waren. Nur eine der drei dargestellten Personen ist mit einem Kopf versehen (das Fehlen des Kopfes ist ein typischer Aspekt der prähistorischen Skulpturen Maltas, vielleicht damit zu erklären, dass die Köpfe austauschbar waren, oder auch mit einem Akt von prähistorischem, «ikonoklastischen» Vandalismus). Eine Besonderheit betrifft die Frisur der beiden Frauen. Während die intakte Frauenfigur die Haare aufgelöst trägt, weist die zweite den unteren Teil eines Pferdeschwanzes auf. Was Proportionen, Bekleidung und Körperhaltung angeht, ahmen die beiden Damen (doch sind es wirklich weibliche Figuren? Selbst über das Geschlecht der beiden Figuren kann man diskutieren, denn eigentlich fehlen ausgeprägt weibliche Züge ...) das Modell der Kolossalstatuen Maltas nach (zum Beispiel der großen Figur von Tarxien, die auf Seite 6 abgebildet ist). Wie auch in diesem Fall, ranken sich um die Identität dieser Figuren noch heute unzählige Deutungen: stellen sie Götter oder Göttinnen, Vorfahren, Häuptlinge, Schamanen oder Priester dar?
a r c h e o 29
abgesehen (auch wenn diese in der Tat die der modernen Bauernhöfe wiederspiegelt), dass die prähistorischen Monumente Kultorte einer «Megalithreligion» darstellten, unter der Leitung von Häuptern der Adelsfamilien, so wie es in den Burgkirchen des mittelalterlichen Europas geschah. Im Jahre 1973 hat der britische Archäologe Colin Renfrew diese Ideen Childes weiterentwickelt und den Fall Malta mit den etnohistorischen Daten zur Urbevölkerung der Osterinsel verglichen: daraus könnte man den Schluss ziehen, dass auf Malta sechs Hauptsiedlungen mit jeweils etwa 2000 Einwohnern ansässig waren, welche die eigenen Arbeitskräfte im Rahmen grosangelegter religiöser Zyklen koordinierten, die das Andenken an die Vorfahren der einzelnen Stammesgeschlechter auch durch die zeremonielle Verteilung von Nahrungsmitteln feierten.
DIE ZEICHEN DER KRISE Die Archäologen, die zuletzt die maltesischen Tempelkomplexe ausgegraben haben, nehmen an, dass gerade in der Art und Weise ihres Zusammenbruchs ein wichtiger Schlüssel zu ihrer Interpretation liegt. Aus ihren Überlegungen entsteht das Bild eines andauernden Bevölkerungswachstums, verbunden mit einer sich parallel enwickelnden Verfeinerung und Komplexität der materiellen Kultur. Soziale Spannungen und
entsprechende hierarchische Kontrollmaßnahmen seien allmählich entstanden, als die natürlichen Nahrungsressourcen – Getreide, Hülsenfrüchte und Haustiere - in einem schwachen, schon seit Beginn des Neolithikums gefährdeten Ökosystems, zu mangeln anfingen. Die großartigen Monumentalbauten, sowie die Statuetten selbst, mit ihren «korpulenten» Zügen, könnten Ausdruck des Strebens der Inselbewohner nach Wohlstand und Überfluss in Zeiten immer stärker augehender Ressourcen sein. Im Grunde genommen war die menschliche Arbeitskraft die einzige Ressource, die sich vermehrte anstatt geringer zu werden, und die man, in gewissen Grenzen, ununterbrochen ausnutzen konnte. So könnte man das Aufblühen der figurativen Kunst in den späteren Bauten der Tarxienphase als Zeichen eines letzten Aufbegehrens der traditionellen Mächte ansehen, die im Zeichen von Tempel und Grabritual die Leitung und Kontrolle der sozialen Konflikte ausübten. Ist es unmöglich, diese Thesen zu beweisen? Nicht ganz. So könnten wir uns denken, dass die vorzeitlichen Einwohner Maltas, als die herkömmlichen Nahrungsmittel des Neolithikums anfingen, knapp zu werden, einen gesteigerten Gebrauch andersartiger Nahrungsmittelreserven, vor allem Vögel, Fische und Muscheln, machten. Weder in den Anhäufungen der Tierknochen, jedoch, Rekonstruktion einer Szene im Innern des Tempels von Tarxien, mit der kolossalen Statue der Großen Göttin (siehe Seite 6).
30 a r c h e o
die in den jüngsten Grabungen des Steinkreises von Tarxien ans Licht gebracht wuden, noch in den Gebeinen der Verstorbenen der späteren Phase, sind Zeichen eines gesteigerten Konsums dieser Nahrungsmittel nachgewiesen worden. Die neuen Daten beweisen vielmehr, dass die Abhängigkeit von Kulturpflanzen und Haustieren kurz vor dem Zusammenbruch in der Mitte des III Jahrtausend v. Chr. wuchs, statt abzunehmen. Diese Daten befürworten also die Annahme, dass der Bevölkerungswachstum tatsächlich ein gesteigertes Niveau an wirtschaftlichem und sozialem Stress verursacht hätte. Wie können wir uns die Aktivitäten vorstellen, die sich im Inneren der Tempel abspielten? Größere Prozessionen hielten wohl vor den Fassaden der Großtempel ein, und nur kleinere Personengruppen wurden schrittweise ins Innere zugelassen.Wenn die Planimetrie der Tempel an immense anthropomorphe Abbilder anspielt, könnten die Gebäude in der Tat den «sozialen» Körper der großen, göttlichten Vorfahren darstellen. Die in Flachrelief gemeißelten Reihen von Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen, die ausgehölten Altäre in denen Tierknochen deponiert waren, und, in einem Falle, der Fund eines Messers, scheinen Opferhandlungen, gefolgt von Fleischverteilung, zu bezeugen. Im Tempelinnern wurden enorme Mengen wertvoller Keramik entdeckt: abgesehen von Tellern und Krügen sind einhenkelige Tassen reichlich vertreten, die benutzt wurden, um Getränke zu schöpfen und zu trinken. Gemeinsam mit den großen Steinbecken lassen die Tassen an rituelle Trankopfer denken. Bildnisse von Tieren (Vögel, Fische und Schlangen) erscheinen auch auf tragbaren Gegenständen oder an den Raumwänden. Statuen und Statuetten scheinen einen wesentlichen Teil des Kultes ausgemacht zu
Stele mit der Darstellung eines doppelten Phallus, aus Tarxien. Unten ein Relief von Bugibba mit Abbildern von Fischen. 3000-2500 v. Chr. Valletta, Archäologisches Nationalmuseum.
haben, aber die genaue Bestimmung ihres Gebrauchs ist ungewiss.
EIN KULT DER «MUTTERGÖTTINNEN»? Obgleich die Figurinen (es handelt sich um stehende, sitzende oder liegende Abbilder, sowohl in Terrakotta als auch in Stein) oftmals als «Muttergöttinnen» interpretiert wurden, besitzen sie in Wirklichkeit keine spezifischen Geschlechtsmerkmale. Es gibt
a r c h e o 31
zwar keine Statuetten männlicher Personen, aber man kennt phallische Darstellungen, eingeritzt auf den Wänden oder in der Form von in Nischen eingefügten Modellen. Es liegt Nahe, dass die großen, teilweise kolossalen Statuen, Darstellungen von verehrten übernatürlichen Wesen waren, weit weniger klar ist die Natur und Funktion der kleineren Statuetten. Die Steinfigürchen des Hauptraumes des Steinkreises von Xaghra (siehe Seite 28) sowie die Tatsache, dass mehrere der gehauenen Köpfe an ihrer Basis mit Löchern für die Einführung von Schnüren und Riemen versehen sind, um die Beweglichkeit der Figuren zu garantieren, lässt vermuten, dass bei den Grabzeremonien Figuren der Vor-
RÄTSELHAFTE GLEISE Zu den charakteristischen (und geheimnisvollsten) Erscheinungen der archäologischen Landschaft Maltas zählen die sogenannten curt ruts, die «Wagenspuren», die wie ein dichtes Netzwerk von Gleisen überall auf dem Archipel (ausgenommen vom kleinen Comino) präsent sind. Ähnlich moderner Eisenbahngleise, zeigen sie sich manchmal gebündelt und reguliert durch Vorrichtungen, die tatsächlich wie «Weichen» erscheinen. Es dürfte sicher sein, dass diese, im Durchschnitt 6-8cm, aber bei Spitzenwerten 60cm tiefen Furchen von Wagenrädern verursacht wurden, deren Datierung zwischen 1500 und 700 v. Chr. anzusetzen ist. Keine Strecken, die zu Megalithtempeln führten, wurden erkannt, noch scheint eine territoriale Planung der Realisierung der Gleise vorangegangen sein. Nach Meinung des maltesischen Gelehrten Antony Bonanno besteht eine Verbindung zwischen den Wagenspuren und den Steinbrüchen: die «Gleise» zeigten die Wege, welche die antiken Karren beim Transport des Baumaterials zu den Bauplätzen zurücklegten. Eine Bestätigung dieser Annahme findet sich in der Tatsache, dass sich die Spuren der Gleise in Nähe der großen Siedlung von Medina-Rabat verdichten, einem Ort, der seine größte Entwicklung im I Jahrtausend v. Chr. und besonders während der römischen Zeit erlebte. Es erscheint also sehr wahrscheinlich, dass sich die rätselhaften Wagenspuren im Laufe einer langen Periode bildeten, die von der Vorzeit bis zum Ende der Antike reicht.
32 a r c h e o
fahren und anderer göttlichen Wesen an kinematischen Vorführungen teilnahmen, sich in der Dunkelheit bewegten und vielleicht – wie oftmals angenommen wurde – den Anwesenden Orakel und Gebote erteilten. Einige Gelehrte sind der Meinung, die Hypogäen seien auch Schauplatz ritueller Praktiken gewesen, wie z. B. die des Tempelschlafs oder der Traumdeutung: Gläubige und Kranke hätten sich in die unterirdischen Räume begeben, um in einem ideellen Gespräch mit den Verstorbenen und mit ihren Göttern, im Traume heilbringende Anweisungen zu erhalten, ähnlich wie es tausende Jahre später im griechischen Äskulapkult geschah. Dies legen die in die Felsen von Mnajdra und Ggantija gemeißelten Schlangenbilder nahe, sowie auch die anatomischen Modelle, die in den Sakralkomplexen gefunden wurden und die man als symbolische Darstellungen von Krankheitsfällen interpretieren kann. Der Niedergang der Megalithkomplexe, nach der Wende zum 2500 v. Chr., fällt mit dem Erscheinen neuer Grabarchitekturformen – vor allem Dolmen – und mit der Verbreitung von Schmuck und Waffen in Kupfer zusammen. Es handelt sich um große und schwerwiegende Veränderungen, die vielleicht durch die Ankunft neuer Völkerschaften ausgelöst wurden. Im Laufe des II Jahrtausends entstanden auf dem Archipel neue Dörfer, zuerst verstreut und offen, dann verschanzt und stark befestigt, wohl auf Grund der Gefahr von Überfällen, die vom Meer aus drohten (Phase von Borg-in Nadur, ca. 1500-900 v. Chr.). Die ovalförmigen Hütten ähneln denen von Sizilien und den Äolischen Inseln des gleichen Zeitraumes.
NaCH DEN MEGaLITHEN Die Archäologen haben diese Periode als die einer «lange Lethargie» beschrieben, die ihren Höhepunkt in den Ansiedlungen der Bahrijakultur, nahe der maltesischen Westküste, in der ersten Eisenzeit erreichte. Der Archipel öffnete sich dann der Außenwelt, so radikal wie unversehens, ab dem VIII Jahrhundert v. Chr., als die Beziehungen zur wirtschaftlichen und politischen Sphäre Phöniziens an Bedeutung zunahmen. Als Bindeglied eines neuen, überseeischen Verkehrssystems, das den Libanon, Zypern, die nordafrikanischen Küsten mit Sizilien und Sardinien verband, nahm Malta, ungefähr ab 700 v. Chr., die erste phönizische Ansied-
lung auf: das beweisen einige Gräber mit den typischen anthropomorphen Sarkophagen, die jenen der Levante ähnelnden Keramiken, wertvolle Gold- und Elfenbeinobjekte und vor allem die starke Frequentierung des Astarteheiligtums von Tas-Silg, nahe der Bucht von Marsaxlokk im südöstlichen Zipfel Maltas. Die Cella des phönizischen Heiligtums entstand wahrscheinlich über der Apsis eines megalithischen Tempels. Die Kontinuität des Kultes der Großen Fruchtbarkeitsgöttin seit den frühesten Epochen scheint in Tas-Silg durch den Fund einer weiblichen Figur aus dem III Jahrtausend v. Chr. belegt. In den folgenden Jahrhunderten bestimmt die Vorherrschaft Karthagos ein weniger in-
Gegenüberliegende Seite: Szene eines Transportes längs eines der zahlreichen maltesischen «Gleise». Unten: Luftaufnahme des «Gleisgewirrs» bei Buskett, unter dem Namen «Clapham Junction» bekannt, nach der Londoner Bahnstation.
VON DEN BYZANTINERN ZU DEN JOHANNITERN Im Jahre 395 v. Chr., am Tage nach der Teilung des römischen Reiches, fiel der maltesische Archipel unter byzantinische Herrschaft; eine schwache Herrschaft, da 454 die Inseln in Hand der Vandalen und zehn Jahre später in die der Goten fallen sollten. Im Jahre 533 eroberte der byzantinische General Belisar Malta mit anderen Gebieten, die von den Vandalen besetzt waren, zurück. Im Jahre 870 erfolge die arabischen Eroberung Maltas. Mehr als zwei Jahrhunderte lang verwandelten die Araber die Inseln in einen Ausläufer der islamischen Welt. Malta wurde von Sizilien aus verwaltet und die Landwirtschaft erfreute sich (mit dem Anbau von Oliven, Orangen, Zitronen und Baumwolle) wichtiger Erneuerungen, besonders im Bereich der künstlichen Bewässerung. Das heutige Maltesisch ist eine semitische Sprache, die einem maghrebinischen Dialekt entstammt. Roger II brachte 1127 Malta unter die Kontrolle des normannischen Reiches Siziliens: das politische Schicksal der großen Mittelmeerinsel, mit all seinen Wechselfällen (die Machtübernahme der Normannen, der Schwaben, der Anjou und letztlich der Aragonesen), teilte Malta bis es, im Jahre 1479, Teil der spanischen Krone wurde. Als 1522 der Sultan Süleyman I, genannt «der Prächtige» (1494-1566), den Johanniterorden von der Insel Rhodos verjagte, schenkte der spanische König Karl V (15001558) den Rittern Malta als Bollwerk gegen die ottomanischen Versuche, auf die italienische Halbinsel vorzudringen. Die Ritter nahmen die Insel 1530 in Besitz. So entstand der Malteserorden (mit vollem Namen Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta - früher zu Jerusalem, genannt von Rhodos, genannt von Malta) der als souveräner Staat operierte, aber als Vasall des spanischen Vizekönigs galt. Im Jahre 1565 wurde di maltesische Bevölkerung und der Orden zu Protagonisten der berühmten Belagerung Maltas, bei der es den Rittern gelang, die Insel gegen die Ottomanen zu verteidigen und so dessen Eroberung zu vereiteln. Heute hat der Orden seinen Sitz in Rom.
a r c h e o 33
UNTER EINEM NEUEN DACH Seit dem Herbst 2011 sind die beiden Großtempel von Hagar Qim und Mnajdra (die 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurden) vollkommen von einer weitgespannten Membranenstruktur überdacht, um die megalithischen Bauten vor den Auswirkungen der Witterung (besonders wegen ihrer Lage an der südwestlichen Küste Maltas, in unmittelbarer Meeresnähe) zu beschützen. Vor den ersten Ausgrabungen, die 1839 begannen, waren beide megalitische Anlagen jahrtausendelang unter der Erde versteckt und somit vor jedem Verfallsprozess bewahrt geblieben. Im Jahr 2000 erarbeitete ein wissenschaftliches Komitee einen Entwurf zum Schutz und zur Konservierung der Grabungsstätte, gemäß der von der UNESCO festgelegten Normen. Daraufhin wurde das Projekt verwirklicht, was aber auch widersprüchliche Reaktionen hervorrief. Ich habe die Tempel von Hagar Qim und Mnajdra seit den achtziger Jahren mehrfach besucht und kürzlich auch in der «überdachten» Version gesehen. Mein Urteil ist alles in allem positiv: das «große Dach» ist nicht nur ein schützendes - und somit vielleich auch ein «intrusives» und deshalb störendes - Element, es übt auch eine ganz neue, doch eigentlich antike Funktion aus: es verleiht den megalithischen Räumen eine Athmosphäre der Andacht, der stillen Intimität, die wohl den Monumenten (welche, das dürfen wir nicht vergessen, ursprünglich bedeckt waren) im Originalzustand eigen war: eine von den antiken Bauleuten wahrscheinlich vorgesehene und erwünschte Wirkung. So sind selbst die heutigen Besucher und Touristen, oft ungebührlich laut und lärmend, dazu bewogen, die Räume in einer respektvollen, ehrfürchtigen Haltung zu durchqueren. Und schließlich, wie mir Daniel Cilia (Autor der Abbildungen dieses Artikels und selbst großer Kenner der maltesischen Archäologie) zu bemerken gab, stehen diese neuen Strukturen nicht in einem direkten, «physischen» Kontakt zu den antiken Bauten: sollte man sie eines Tages als unpassend und ihre Funktion als überholt ansehen, kann man sie jederzeit schadenlos entfernen. Andreas M. Steiner
34 a r c h e o
tensives und wechselhaftes Verhältnis zum maltesischen Archipel; die große Mittelmeermetropole war dabei, ihr Hauptinteresse mehr nach Westen, in Richtung der spanischen Küsten, zu verlagern. Aus der punischen Periode Maltas (V-III Jh. v. Chr.) verbleiben uns die Phasen des Heiligtums von Tas-Silg, wo sich der Herakult dem der Astarte hinzugesellte. Aus der gleichen Zeit stammen Gegenstände und Münzen, die aus dem griechischen Sizilien und dem ptolemäischen Ägypten eingeführt wurden, sowie Reste einiger Bauernhäuser, ferner der heilige Bezirk von Wardija auf Gozo, dessen architektonische Formen noch nach tausenden von Jahren den Einfluss der großen religiösen Megalithtradition erkennen lassen.
DIE aNKUNfT DES aPOSTELS PaULUS Die punische Phase endete im Jahre 218, am Anfang des zweiten punischen Krieges, als die römischen Truppen unter Titus Sempronius Longus ohne Schwierigkeiten die Oberhand über 2000 Mann hatten, die die Karthager zur Verteidigung des Archipels zurückgelassen hatten. In römischer Zeit ging das Leben in der Ortschaft Melite (auf Malta nahe dem heutigen Medina-Rabat) und in einer zweiten Siedlung auf Gozo weiter. In Medina-Rabat wurden die Reste einer weitläufigen herrschaftlichen Residenz (I Jh. v. Chr.) gefunden, ausgestattet mit dorischem Peristyl und schönen, polychromen Fußbodenmosaiken.Wertvolle Mosaike schmückten auch die Thermen von Ghain Tuffieha (II Jh. v. Chr - IV Jh. n. Chr.) am gleichna-
Der Tempel von Hagar Qim unter einem Schutzdach, bei Tagesanbruch. Gegenüberligende Seite, oben: der Eingang zum Archäologischen Nationalmuseum in der Republic Street in Valletta. Gegenüberliegende Seite, unten: Die «Schlafende» in ihrer Vitrine im Archäologischen Nationalmuseum.
migen Golf und zeugen von einem bequemen (und vielleicht etwas trägen) Leben einer adligen Familie am Rande des römischen Imperiums. Das ländliche Gebiet wurde von etwa zwanzig Landgütern bevölkert: das bekannteste unter ihnen ist das Landhaus (villa) von San Pawl Milqi (II Jh. v. Chr. - I Jh. n. Chr.), das mit verschiedenen Anlagen für die Herstellung von Olivenöl versehen ist. Das römische Malta ist auch bekannt für seine blühende Textilindustrie, den Korallenabbau, den Fischfang und für seine günstigen Landungsplätze. Die Apostelgeschichte erzählt, dass Paulus im Jahre 60 n. Chr. an den Küsten der Insel Schiffbruch erlitten habe und von einem prominenten Bewohner der Insel gerettet und beherbergt worden sei. Die Katakomben des heiligen Paulus in Rabat, die zwischen dem IV und VIII Jahrhundert in Gebrauch waren, zeugen von der Kontinuität einer wohlhabenden christlichen Gemeinde bis an die Schwelle zur Spätantike.
DAS NATIONALMUSEUM VON VALLETTA Ein Rundgang auf der Suche nach den antiken Spuren Maltas sollte mit einem Besuch des Archäologischen Nationalmuseums beginnen. Das Museum ist in einem wunderschönen historischen Palast im Zentrum Vallettas untergebracht und stellt die wichtigsten Exponate der maltesischen Vorzeit aus (unter ihnen die «Schlafende» und die «Venus von Malta») sowie Exponate aus der Zeit der phönizischen und arabischen Herrschaft. National Museum für Archäologie Valletta, Auberge de Provence, Republic Street Öffnungszeiten: täglich 8.00- 19.00 Uhr Info tel. +356 21 221623 http.//heritagemalta.org 2013 ist in Gozo das Ggantija Interpretation Centre eingeweiht worden, indem die archäologischen Funde der zweitgrößten Insel des Archipels ausgestellt sind. Für den Besuch der Grabungsstätten (und vor allem des Hypogäums von Hal Saflieni) ist eine Vorbestellung ratsam. Hierzu kann man sich an Heritage Malta (www.heritagemalta.org) wenden und, für allgemeine Informationen, an das Fremdenverkehrsamt Malta (www.visitmalta.com). ARCHEO dankt Dominic Micallef (MTA) und Reuben Grima (Universität Malta) für ihre wertvolle Mitarbeit. a r c h e o 35