Toggenburger Verlag Leseprobe
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Barbara Schlochow Axel von Wehrden
FROOS Wie der Drache ins Toggenburg kam
1. Auflage, 2006 2. Auflage, 2019 © Toggenburger Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Idee: Roland Stump und Axel von Wehrden Texte: Barbara Schlochow Bilder: Axel von Wehrden Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und Onlinedienste sowie auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. ISBN: 978-3-908166-28-3 www.toggenburgerverlag.ch
Vorwort Bei unserem Drachen Froos handelt es sich um die seltene Rasse des Curiosaurus Toggenburgensis, der vor rund 250 Millionen Jahren lebte. Am 1. April 1986 wurde bekannt, dass im Toggenburg Knochen dieser seltenen Rasse gefunden wurden. Darauf setzte ein regelrechtes Drachenfieber ein, Erwachsene und Kinder von nah und fern kamen angereist, um die Umgebung des Curiosaurus kennen zulernen. Leider stellte sich heraus, dass es sich um einen Aprilscherz gehandelt hatte … Zwanzig Jahre später ist dieses Buch entstanden. Es setzt diese Legende fort und möchte Kindern und Erwachsenen das Toggenburg nahebringen. Sieben Kapitel oder «sieben Gute-Nacht-Geschichten» für Ihr Kind in sieben Tagen Ferien. Geniessen Sie die wunderschöne Gegend mit ihren magischen Orten, den vielen Möglichkeiten und seiner Familienfreundlichkeit!
Froos wird geboren Ein Ei lag in einer Höhle eines Vulkans, aus dem es immer rauchte. Es war ein besonders grosses Ei, und das Geschöpf, das darin wuchs, war ein besonderes Wesen. Es war nämlich ein Drachenbaby! Der Vulkan und Mutter Drache wärmten das Ei. Die Mutter wurde vom Drachenvater liebevoll mit allem versorgt, was sie brauchte, um ein besonderes Drachenbaby auszubrüten. Unser Drachenbaby lag also in seinem Ei und wuchs. Es hörte das Brummen von Mutter Erde, das Grollen des Vulkans, alles, was seine Eltern sprachen und noch etwas! Es konnte alles hören, was in Kinderherzen gefühlt wurde, denn es verstand die Herzsprache. So hörte es die lustigen, die traurigen, die ängstlichen und die vergnügten Geschichten der Kinder. Unser Drachenbaby erkannte jedes Kind an der Stimme, mit der es seine Gedanken innerlich sprach. Es lauschte aufmerksam und wurde immer neugieriger auf die Welt. Das Drachenbaby wollte all das selbst sehen und deshalb aus dem Ei hinaus. Dort war es sehr eng und ungemütlich geworden. Eines Morgens vernahm es ein ziemlich lautes Knacken und durch einen winzigen Spalt schien ein bisschen Sonnenlicht herein. Es stemmte sich mit seinen Füssen gegen den Boden. An der Seite spannte es die Flügel auf und mit seinem Schnabel pickte es an dem Spalt herum. Es begann, sich durch die Eischale zu arbeiten. Mutter Drache spürte die Unruhe unter sich – nein, das war nicht der Vulkan – das erkannte sie sofort! Das Drachenbaby schlüpfte aus seinem Ei. Man sah fast nichts, aber es hörte sich sehr anstrengend an. Irgendwann gab die harte Schale nach, und verdattert und zusammengedrückt schälte sich das Drachenkind aus der Hülle. Endlich war es draussen!
Vater Drache betrachtete das frisch Geschlüpfte voller Stolz, während Mutter Drache vorsichtig die Eischalen aus dem Nest warf und unser Drachenkind wärmte. Die Eltern nannten den kleinen Drachen Froos. Fleissig begannen die beiden, das Kleine zu füttern mit allem, was Drachenjunge so essen: Drachenmilch, frische Gräser und manchmal als besonderen Leckerbissen Geisskraut. Du musst wissen, das Geisskraut ist für ein Drachenkind so etwas, wie für dich Schokolade – ein ganz besonderer Genuss. Die Drachenmutter hatte leider nur noch ein bisschen Geisskraut übrig. Sie hatte es vor vielen Jahren, als sie noch auf Wan derschaft waren, aus einem fernen Land mitgenommen. Dort, so erzählte sie Froos, wuchs dieses Wunderkraut überall – wie im Schlaraffenland, so schien es Froos. Wenn er gross war, wollte er diesen Ort suchen. Irgendwo da draussen in der weiten Welt würde Froos das wunderbare Land finden, wo es Geisskraut in Hülle und Fülle gab.
Froos wird gross Wie alle Kinder, wuchs auch unser Drachenkind jeden Tag ein bisschen. Mit der Zeit musste sich der Drachenjüngling, der immer mehr aussah wie ein richtiger Drache, selbst sein Futter suchen. Gräser aller Art, hin und wieder eine Blume oder weiche Zweige waren sein täglich Brot. Sehnsüchtig dachte er manchmal an die Zeit zurück, als die Mutter ihm noch Geisskraut zu fressen gab. Dieses weiche Grün mit dem lieblichen Geschmack … so hing Froos seinen Träumen nach. Weil er noch ein richtig grosser Drache werden wollte, musste er, wie alle Kinder – lernen. Zuerst musste er lernen, wie man aus der Nase raucht. Und lass dir gesagt sein: Das sieht leichter aus, als es ist! Stundenlang übte der kleine Drache durch die Nüstern zu blasen, bis es endlich rauchte. Mit dem Drachenrauch zauberten seine Eltern wahre Kunstwerke an Nebelrauchschwaden über den Vul kan, und manchmal bliesen sie so fest, dass ein richtiger Sturm übers Land fegte. Dem kleinen Drachen gelangen anfangs nur kleine Wölkchen, aber durch Üben wurden sie immer grösser. Als Nächstes lernte Froos fliegen: Sein Vater übte geduldig mit ihm. Die grossen Flügel waren schwer. Immer wieder hob und spannte Froos die riesigen Arme und versuchte sie gleichzeitig zu bewegen. Dann musste er noch Anlauf nehmen und rennen. Einmal stolperte er dabei über seine grossen Füsse und fiel auf seine Drachennase. Beine und Flügel gleichzeitig zu bewegen, ist aber auch gar nicht einfach! Nach vielem Üben war Froos bereit, zum ersten Mal vom grossen Felsen zu starten: Seine Mutter stand ein bisschen ängstlich dabei, der Drachenvater gab ihm die letzten Anweisungen, bevor sie Seite an Seite abhoben und sich in die Luft schwangen. Nach
ein paar Schlägen wog sich der kleine Drache in Sicherheit, entspannte sich und segelte stolz durch die Lüfte. Der Wind blies ihm ins Gesicht, die Flügel rauschten, die Vögel sahen ihm nach, und unser kleiner Drache war rundum glücklich! Nach seinem ersten Flug über den Vulkan und die Inseln, weit über das riesige Meer hinaus, kam er zufrieden und voller Freude zu seinen Eltern zurück. Natürlich macht auch ein Drachenjunges gelegentlich Unsinn. Froos sass eines Tages ganz in sich versunken am Rande des Vulkans dort, wo immer wieder kleine Rauchwölkchen aus dem Inneren aufstiegen, und schaute in die Ferne. Träumend schaute er den Vulkanrauchwolken nach. Plötzlich kam ihm die Idee, diese Wolken übers Land zu blasen, und er holte kräftig Luft. Er blies und blies und blies und merkte vor lauter Anstrengung gar nicht, wie er ganz viel Drachenrauch aus seinen Nüstern hervorzauberte. Alles versank in Rauch und Nebel, alles war weiss, Wolken, wohin das Auge reichte. Mutter Drache wusste nicht mehr wo oben und wo unten war, und Vater Drache flog glatt am Vulkan vorbei, weil er gar nichts mehr sah. Das gab ein schönes Donnerwetter, als sich die Wolken verzogen hatten. Vater Drache schimpfte ihn für seine Unachtsamkeit – mehr war ja Gott sei Dank nicht passiert.