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Schneesperling

Die Herausgabe dieses Buchs wurde unterstützt durch:

Gemeinde Herisau

Ressort Volkswirtschaft und Kultur

Johannes Waldburger-Stiftung

Kultur Toggenburg

Steinegg Stiftung

Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.

Für Margrith, Flurin,

Der Reichtum des Lebens besteht aus vergessenen Erinnerungen.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. München:

Carl Hanser Verlag 2020, S. 218

Seit ich Dir schreibe und Dir mein Leben erzähle, habe ich eine neue Form der Versunkenheit kennengelernt. Es ist die Versunkenheit in die Erinnerung. Bedeutsame Erinnerungen besitzen eine Macht, die wie Magie anmuten kann: Sie können den geschäftigen, lauten Fluss der äusseren Zeit ausser Kraft setzen und uns in eine längst vergangene Situation zur ückversetzen. Wir bleiben mitten im lärmenden Verkehr stehen und sind plötzlich ganz woanders, viel näher bei uns als im Trommelfeuer der äusseren Eindr ücke.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. München:

Carl Hanser Verlag 2020, S. 222

3. Mai 2023

Lieber Grossvater

Heute jährt sich Dein Todestag zum fünfzigsten Mal. In meiner Erinnerung blitzen Bilder aus längst vergangenen Zeiten auf, die in einem nostalgischen Licht schimmern. Eine innere Stimme fordert mich auf, den Friedhof zu besuchen, wo einst Dein Grab lag. Wie schön, wie still es ist. Langsam schreite ich die Gräberreihen ab. Lese Namen und lasse Widmungen auf mich wirken. Auf dem Gottesacker werden Geschichten erzählt. Ein Ort voller Leben, geht mir durch den Kopf.

Vor einem geschmiedeten Kreuz bleibe ich unvermittelt stehen. Geschwungene Bögen und schneckenförmige Verzierungen umranken das Grabkreuz. Es ist nicht Deines – aber es erinnert mich an das Deinige.

Dein gutmütiges, weissbärtiges Gesicht erscheint vor meinem inneren Auge. Dein fürsorglicher Blick begegnet mir. Du bist in meinen Gedanken gegenwärtig, obschon Du Dich längst vom Diesseits verabschiedet hast. Verträumt tauche ich ein in unsere gemeinsame Zeit. Als ob ich ein dickes Buch öffnete, breitet sich Seite um Seite unsere Welt aus. Etwa die Fahrt mit dem Pferdegespann zum Maiensäss. Oder das Prozedere der sonntäglichen Nassrasur in der Küche vor dem Kirchgang. Oder der berührende Augenblick, wenn Du die Hände zum Gebet faltetest, Dich bekreuzigtest und Dein Tagewerk unter Gottes grenzenlosen Schutz stelltest.

Diese und viele andere Erlebnisse aus meiner Kindheit erfreuen mich und wecken in mir das Bedürfnis, Dir und überhaupt zu

schreiben. Die damaligen Begegnungen mit Dir suchen nach Worten. Ich will das Zusammensein mit Dir und der Grossmutter auf dem Maiensäss aufleben lassen und mich an eine unbeschwerte Zeit erinnern. Zudem ist es mir ein Anliegen, Dir von meinem aktuellen Leben, meiner Lebenslust und meinem Tatendrang aber auch von der dumpfen Sinnlosigkeit, der schleichenden Erschöpfung und drangsalierenden Schwermut zu berichten.

Ich setze mich auf die steinerne Friedhofsbank, lehne mich an die Kirchenmauer, lasse mich von der Maisonne wärmen und meinen Blick hinüber zur imposanten Berglandschaft schweifen, die sich hinter den kunstvollen Kreuzen ausbreitet.

Meine Erinnerungen bestehen aus dem, was ich im Innersten mit mir trage.

So erinnere ich mich an eine Welt der Ruhe, der Stille – eine Welt mit wenig Worten, dafür mit viel Gefühl, greife zum Stift und halte beherzt die ersten Zeilen fest. Ich fühle sogleich ...

Du bist bei mir.

Dein Enkel Franco

September 1960

Schon als Kleinkind musste Franco auf der Hut sein. Böses drohte etwa bei der verwitterten hölzernen Brüstung des Balkons oder beim klappbaren Kinderwagen. Wie schnell war doch ein Holzsplitter eingefangen oder ein Fingerchen eingeklemmt. Francos Eltern, Hilaria und Caspar, standen ihm schützend bei, wiesen ihn auf Gefahren hin und beseitigten Stolpersteine in Haus und Garten. Unheil drohte insbesondere durch Rex, den Deutschen Schäferhund, vor dem sich Franco fürchtete. Die riesige Schnauze des mächtigen Tieres berührte – Angst einflössend und gef ährlich – die Nase des vierjährigen, nur knapp neunzig Zentimeter grossen Franco.

Als Mitglied der Familie beanspruchte Rex viel Zeit. Caspars ausgedehnte Morgen-, Mittag- und Abendspaziergänge mit dem Hund stahlen Franco Zeit mit seinem Vater. Zudem genoss der Vierbeiner im Haus gewisse Freiheiten. So besass Rex in jedem Zimmer des kleinen Reihenhauses seinen eigenen Platz. Dort war das Spielen untersagt. Was nicht überaus tragisch war, machte doch Franco vernünftigerweise ohnehin einen weiten Bogen um das Revier des Hundes. Aber Franco verstand nicht, weshalb Rex ausgerechnet die abenteuerlichsten Plätze in Küche und Stube für sich reservieren durfte. Zum Beispiel vor den Küchenschubladen. Dort, wo sich Schätze verbargen. Dort, wo Hilaria Geräte wie Schwingbesen, K äseraffeln, Suppenkellen oder das putzige Teigrad verstaute. Dort, wo die beliebten Guetzliformen, die zur Weihnachtszeit zum Einsatz kamen, warteten. Auch die Eckbank, unter der sich Franco so gern versteckt hätte, liess sich nur

schwer erreichen. Dieses Versteck, Francos halbdunkle Höhle, blieb zeitweise unzugänglich. Welche Freude es ihm doch bereitet hätte, aus der Tiefe seiner erträumten Burg die liebe Mutter zu necken.

Rex lagerte auch in der Stube vor dem Klavier und er sass oft vor dem grossen Balkonfenster, durch das Franco die grosse weite Welt hätte bestaunen wollen. Überall lag der Köter, und sein gruseliger Speichel befeuchtete jeden Teppich, jedes Tuch, jedes Möbelstück, jede Fensterfont. Ja gar Francos kleine Hände. Ein Albtraum!

Franco fand oft Schutz hinter dem Rücken seiner Mutter.

Auch ein strenger Blick oder eine unmissverständliche Geste seines Vaters reichte, um Rex in die Schranken zu weisen. Fürsorglich bildeten Caspar und Hilaria einen Schutzwall um den kleinen Jungen.

Dank der Aufmerksamkeit und Begleitung seiner Eltern lernte Franco rasch, sich im häuslichen Umfeld zurechtzufinden und sich frei zu bewegen.

Elternhaus

August 1963

Franco, geboren in den Fünfzigerjahren, wuchs wohlbehütet im Toggenburg auf. Seine Mutter Hilaria war die Hüterin der Familie, die umsorgende Hausfrau und äusserst geschickte Schneiderin. Sein Vater Caspar, der begabte Kirchenchorsänger, der gesellige Turner und allseits beliebte Schulmeister, beteiligte sich aktiv in Vereinen und setzte sich aufopfernd für das Wohl der Dorfgemeinschaft ein. Beide, Hilaria wie auch Caspar, waren fromme, doch weitsichtig-offene Katholiken.

Die Familie lebte in einem einfachen Häuschen mit etwas Umschwung mitten im Dorfzentrum. Am Grundstücksrand stand ein kleiner, aber ergiebiger Zwetschgenbaum. Ein Zaun, der widerlich nach Teer roch, umfasste das Grundstück. Gegen Südwesten lag ein optimal besonnter und sehr gepflegter Gemüsegarten. Eine Augenweide für vorbeiziehende Passanten und Caspars Feierabendinsel. Hier fand Caspar Ablenkung in der schaffenden Beschäftigung und Ausgleich zur Kopflastigkeit seines Berufs. Caspar richtete die Beete exakt mit der Richtschnur. Jätete, rupfte und zupfte Unkraut. Riss und stach vorjährige Strünke aus. Arbeitete Mist und Kompost ein. Setzte im Abstand von dreissig Zentimetern Kartoffeln und überdeckte diese mit Erde. Pflanzte selbst gezogene Setzlinge für Salat und Kohlrabi, zog fachmännisch Saatrillen und säte Karotten und Bohnen.

Hilaria liebte Rotkohl und Radieschen, Caspar bevorzugte Lauch und Kartoffeln, Franco mochte Blumenkohl und Stangenbohnen. In den ordentlich geharkten Beeten ernteten

Caspar und Hilaria für den täglichen Bedarf Zwiebeln, Karotten, reichlich Salat oder auf Holzwolle gepolsterte Erdbeeren. Im Halbschatten der Hauswand reiften Tomaten.

In den Garten führte eine Tür mit vergittertem Fensterchen. Einmal, so erinnert sich Franco, spähte er durch dieses Fensterchen und beobachtete heimlich seinen Vater. Im weissen

Feinrippunterhemd kauerte Caspar zwischen den wuchernden Gemüsepflanzen. Eine simple Schirmmütze mit Werbung für Baumaschinen bedeckte seine Halbglatze. Caspar blickte sichtlich besorgt unter die riesigen Rhabarberblätter. Was sah – was suchte er? Ärgerte er sich über Nacktschnecken oder Blattläuse? Entdeckte er womöglich die unbeliebten, gelben Drahtwürmer? Franco musterte verstohlen Caspars kräftige, muskulöse Oberarme. Betrachtete verlegen seinen sehnigen, drahtigen, haarlosen Oberkörper. Augenscheinlich waren Caspars Ausdauer und Zähigkeit. Schweissperlen sammelten sich auf seinen Schläfen. Immer wieder stand er auf, stützte seine Hände in die Hüften, dehnte seinen Rücken. Unermüdlich bückte er sich, griff zur Hacke und lockerte damit behutsam die Erde auf.

Im Untergeschoss des Miethauses befand sich ein kühler Naturkeller. Darin, auf einer Hurde, ordentlich gestapeltes und beschriftetes Eingemachtes, Öl, Essig, selbst gemachte Konfitüre, Spargeln und Essiggurken in Gläsern, Fruchtsalat und Ravioli in Konserven.

Im ebenerdigen Abstellraum stand rechts des zweiflügeligen Fensters die alte Werkbank. Unter dem Fenster eine kleine Kommode mit drei Schubladen zur Lagerung von Mehl und Zucker, Nudeln und Kaffee, Schokolade, Trockenfrüchten

und Biskuits. Gegenüber akkurat aufgereiht die Fahrräder, der neue Luftkissenrasenmäher und Francos Mofa mit dem trendigen Hochlenker.

Im Erdgeschoss des Hauses befanden sich die Küche mit einem Esstisch, das Wohnzimmer und Caspars Büro mit einem Bett für Franco. Franco hatte kein eigenes Zimmer. In der Mitte des Wohnzimmers versprühte ein einfacher Holztisch mit passenden Stühlen einen Hauch von Gemütlichkeit. Eine sandbraune, mit farbigen Kreuzstichen bestickte Baumwolltischdecke schonte die lackierte Tischfläche. Kein Kratzer wäre wahrscheinlich auf dem Tischblatt zu finden gewesen. Sorgfalt leitete die umsichtige Nachkriegsgeneration. Die Einfachheit der Möblierung unterstrich bescheidenen Wohlstand, Gemütlichkeit und Gastlichkeit. Ein zartes Geflecht aus Anspruchslosigkeit und Ungezwungenheit.

An der Innenwand der Stube stand ein massives, dreiteiliges Buffet mit Aufbau. Hinter der gelblich eingef ärbten Glastür standen Flaschen mit Eiercognac, mit Martini, Cynar, Cointreau und mit Kirsch. Im unteren Teil wurden das goldgeränderte Sonntagsgeschirr, die klassischen, formschönen Weingläser sowie das schmucke Silberbesteck aufbewahrt. Auf einem einfachen Tablar – unmittelbar neben den Weingläsern –fand Hilarias dünnwandiges, japanisches Teeservice Platz.

Es gab Momente, in denen Hilaria Zeit fand, ihrem bisweilen faden Hausfrauendasein zu entschwinden. Stolz entnahm sie in solchen Momenten dem Buffet das Geschirr und schmückte damit den Tisch, als ob sie Gäste erwartete. Die entspannende Beschäftigung glich einem Bühnenstück in drei Akten in einem menschenleeren Theatersaal. Erster Akt: Hilaria

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