Juon
Tod in Cufercal
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Juon
Tod in Cufercal
orte Verlag
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«In den Landesbeschreibungen und Zusammenstellungen von Quellwässern aus dem 19. Jahrhundert wird eine Quelle auf der Alp Anarosa, ‹il Bogn›, beschrieben, bei der sich noch Überreste eines Badgebäudes befänden.»1 Die historische Übersichtskarte von 1883 verzeichnet dort eine eingegangene Badeanstalt auf 1950 Metern über Meer.2
«Unterhalb des Dorfes Pignia befindet sich an der Landstrasse nach Andeer die Häusergruppe ‹il Bogn›, wo die Gebäude der Badewirtschaft – ein Wohn und Geschäftshaus –bis heute erhalten sind.»3 «Es seien noch unterirdische Keller vorhanden, deren Eingang aus Angst vor Gespenstern im 19. Jahrhundert zugeschüttet worden sein sollen. Der letzte Besitzer des Hauses hätte in dieser Hinsicht Schreckliches gesehen und geglaubt.4
1 Karin Fuchs: Baden und Trinken in den Bergen: Heilquellen in Graubünden, 16. bis 19. Jahrhundert. Verlag Hier und Jetzt, 2019.
2 Robert Wildberger, Eduard Killias: Übersicht der rhätischen Mineralquellen und Bäder, sowie der klimatischen Kurorte 1883. Karte.
3 Karin Fuchs: ebenda.
4 Christoph Simonett: Die Erbschaft um «das Bad» in Pignia: 1621 – 1680, in: Bündner Monatsblatt, 1953, Nr. 2/3.
Gina näherte sich der Hütte wie in Trance. Sie wusste, dass sie irgendetwas begreifen müsste, aber ihr Kopf verweigerte ihr den Dienst.
Auf der Bank an der Hauswand sass ein Toter.
Als sie endlich realisierte, dass sie den Mann kannte und dass ihn ein Schuss umgebracht hatte, schaute sie sich voller Angst um. Sie sah niemanden, aber was bedeutete das schon. Zu einfach war es, sich hinter einem der zahlreichen Felsbrocken in der Umgebung zu verstecken. Oder noch schlimmer: War die Person, die den Wanderer getötet hatte, in der Cufercalhütte? Schnitt sie ihr gerade den Fluchtweg ab?
Dann wäre Gina in höchster Gefahr.
Sie rannte, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt war
Auf dem Wanderweg zurück bis hinter die Kuppe, wo sie sich ausser Sichtweite befand. Hier fühlte sie sich etwas sicherer. Keuchend prüfte sie die Umgebung, sie schien weit und breit allein zu sein. Falls noch irgendwer in der Nähe gewesen war, hatte sie diesem Menschen nun die Möglichkeit verschafft, ungesehen zu entkommen. Allerdings nur, wenn er sich gut genug auskannte, wurde ihr plötzlich klar. Andernfalls würde er den Wanderweg benutzen, auf dem Gina sich befand.
Wieder schaute sie sich um. Nichts. Vor ihr lag ein Schneefeld. Immer noch schwer atmend stapfte sie bis zur Mitte. Niemand konnte sich ihr hier unbemerkt nähern, sie würde die Schritte im Schnee hören.
Zitternd griff sie nach ihrem Telefon, um den Notruf zu wählen.
Als Matteo an diesem Morgen aufstand, fiel es ihm schwer, in die Gänge zu kommen, denn er konnte es nicht länger aufschieben, Bad und Böden zu putzen. Seine Schwester Gina und er wohnten zur Miete im alten Dorfteil von Splügen. Ihr Häuschen hatte einige hundert Jahre auf dem Buckel, war aber gut instand. Die Pflichten in ihrem gemeinsamen Haushalt hatten sie aufgeteilt und wechselten die Aufgaben im Turnus, weil sie leider die gleichen Verrichtungen vorzogen respektive verabscheuten. Diesen Monat hatte er sich mit den unbeliebten Tätigkeiten herumzuschlagen, während Gina das Waschen übernehmen durfte. Und die Küche, was seinen Neid etwas verblassen liess.
Er hatte sich gerade mit einer Tasse Kaffee an den Tisch gesetzt, da hämmerte jemand an die Haustür. Matteo fühlte sich sofort besser. Die Menschen reagierten unterschiedlich auf den uralten Eisenring, der anstelle einer Klingel zur Verfügung stand. Manche zogen es vor, mit dem Zeigefinger zu klopfen, was nie gehört wurde, weil das Türblatt dafür zu massiv war. Andere tippten lieber dezent ans Küchenfenster, was ebenso wenig Erfolg versprach. Ihre Eltern und die allermeisten Bekannten hielten sich gar nicht erst mit Trommelgeräuschen auf, sondern öffneten die Tür und riefen laut einen Gruss ins Haus. Vom Ring machten hauptsächlich Fremde und Kinder Gebrauch.
Und Valeria. Sie schlug ihn immer im gleichen Rhythmus: Tak, Tak, Tak; Pause; Tak, Tak, Tak. Als Matteo sie einmal
damit aufzog, hatte sie erklärt, sie schlage den Takt ihres Lieblingslieds: «Atemlos – durch die Nacht».
Matteo sprang auf und spurtete durch den Hausgang. Der letzte Ton war verklungen, als er die Tür aufriss und rief: «Guten Tag, Königin der Morgenröte!»
Valeria musterte ihn kritisch. «Bist du erst gerade aufgestanden? Die Morgenröte ist längst vorbei.»
«Für mich bist du trotzdem die Königin der Morgenröte.» Er schielte nach ihren Socken: Sie trug zwei verschiedene. Das bedeutete, dass sie ihren freien Tag hatte. Wenn sie zur Dorfbäckerei ging, wo sie seit einem Jahr in der Lehre war, suchte sie jeweils ein Pärchen. Dieses Zugeständnis fand Matteo insgeheim bedauerlich, auch wenn er begriff, wie wichtig es ihr war, dort sauber und ordentlich zu erscheinen. Ihm gefiel es, dass sie ihre Socken lieber alle durcheinander in einem Korb aufbewahrte und wahllos zwei einzelne herausangelte, anstatt Zeit dafür zu verschwenden, passende Partnerinnen zu finden.
Strahlend hielt ihm Valeria eine Hefepitta, die in ein Küchentuch eingeschlagen war, unter die Nase. «Achtung, sie ist noch warm. Ich habe sie gerade erst aus dem Ofen genommen.»
Matteos Magen liess von sich hören, als sich der Duft des süssen Gebäcks mit Rosinen verbreitete. Er runzelte die Stirn. «Hefeteig muss mindestens zwei Stunden aufgehen. Bist du um fünf Uhr aufgestanden?»
«Nein. Ich habe den Teig gestern Abend gemacht. So hatte er lange Zeit zum Aufgehen.»
Matteo staunte. «Zehn Stunden?»
Rechnen wollte Valeria nicht, sie zuckte mit den Achseln. «Und weisst du was? Je länger er Zeit hat, desto weniger Hefe brauchst du.»
Nun war er wirklich verblüfft. «Tatsächlich? Wieso das denn?»
«Es ist so. Das wissen alle, die in einer Backstube arbeiten.» Über die Wirkungsweise von Hefepilzen wollte sie sich offenbar nicht auslassen. Seit die Geschwister vor ein paar Jahren im Haus neben ihr eingezogen waren, ging Valeria bei ihnen ein und aus. Sie fand es praktisch, dass bei den neuen Nachbarn, die beide unregelmässige Arbeitszeiten hatten, häufig jemand anwesend war, wenn sie von der Schule nach Hause kam. Daheim wäre sie allein gewesen, weil ihr Vater und ihre ältere Schwester beide erst gegen Abend von der Arbeit heimkehrten.
Matteo beugte sich vor und schnupperte am Gebäck. «Verführerisch wie der Apfel im Paradies, Eva!»
Sie lachte. «Eben war ich noch die Königin der Morgenröte, und jetzt nennst du mich Eva!»
«Die Königin der Morgenröte kann doch keine Hefepitta backen. Eva schon.»
«Ich schenke dir die Pitta. Aber du musst sie mit Gina teilen.»
«Ehrenwort!», versicherte Matteo und legte die Hand aufs Herz.
«Das Handtuch kannst du mir später zurückgeben. Sie muss darin auskühlen.»
Er nickte artig und nahm das Bündel entgegen. «Herzlichen Dank, edles Fräulein!»
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, kehrte Matteo an den Küchentisch zurück. Als er ein grosses Stück der Pitta abbrach, dampfte das Innere noch. Auf keinen Fall würde er warten, bis sie abgekühlt war. Das hier war Genuss pur. Die dreckigen Böden waren vergessen.
Die Pitta war erheblich geschrumpft, da regte sich sein Ge-
wissen und erinnerte ihn daran, dass die Hälfte des Gebäcks seiner Schwester zustand. Wenn der kümmerliche Rest vor ihm die Hälfte wäre, hätte Valeria eine sehr kleine Pitta gebacken, was sie nie machte. Folglich wäre es besser, diesen auch noch zu essen, dann würde Gina die ungerechte Teilung nicht bemerken. Aber das ging nicht, weil Valeria bestimmt bei ihr nachfragen würde, ob ihr die Pitta geschmeckt habe.
Matteo zwang sich, den Rest ins Tuch einzuschlagen und das Paket im Küchenschrank zu verstauen.
Nach dieser Heldentat auf Kosten seines Wohlbefindens war es ausgeschlossen, sich Bad und Böden zuzuwenden. Die Putzerei musste warten. Besser stattete er Andreetta einen Besuch ab, vielleicht brauchte sie etwas. Gut gelaunt machte er sich auf den Weg zum Auto, das den Geschwistern gemeinsam gehörte und ausserhalb des alten Dorfkerns von Splügen parkiert war.
Nach einer knappen Viertelstunde hielt er in Pignia Bogn an. Er ging zu Andreettas Haustür und klingelte. Klingelte nochmals. Niemand da. Unschlüssig sah er auf die Uhr. Bald musste er seinen Dienst in der Küche des Altersheims im nahen Andeer antreten. Die Hilfsarbeiterstelle teilte er sich mit einem jungen Afghanen, womit er seinen Vater doppelt zur Verzweiflung trieb: erstens, weil er das Kochen nicht gelernt hatte, und zweitens, weil er nur Teilzeit arbeitete. Ihm selbst hingegen machte dieses Dasein doppelt Freude: Er hatte genug Geld zum Leben und zugleich genug Freiraum für sich. Zugegeben, das Einkommen reichte nur, weil er es mit Gelegenheitsarbeiten aufbesserte. Aber seine vielfältigen Tätigkeiten und die zahlreichen Kontakte zu verschiedensten Leuten machten ihm Spass. Sein Vater würde das nie verstehen.
Die Zeit reichte noch, um bei einer Familie vorbeizuschauen, die ihm aufgetragen hatte, ihr altes Cheminée im
Garten abzubauen und stattdessen einen Pizzaofen aufzustellen. Das Elternpaar hatte zusammen vier linke Hände, sie brachten das selbst nicht fertig. Ihm war es recht.
Am Nachmittag platzte Gina so heftig in die Küche im Bauernhaus ihrer Eltern, dass die Tür an die Wand schlug, und schwenkte strahlend ihr Smartphone. «Ja, ja, ja!», rief sie begeistert.
Ihre Mutter, die am Tisch Teig knetete, hielt lachend inne. «Du hast die Zusage erhalten», riet sie.
«Ja!» Gina fiel ihr um den Hals und liess sich in die Arme schliessen, ohne die Flecken zu bedenken, die Mamas klebrige Hände verursachten. «Ich werde Hüttenwartin. Ich übernehme die Cufercalhütte!»
«Gratuliere, mein Schatz!» Esther drückte sie an sich. «Ich freue mich für dich.»
«Was ist denn hier los?» Ihr Vater war, angezogen vom Jubelgeschrei, in der Tür aufgetaucht.
«Der Alpen-Club will mich für die Cufercalhütte!» Gina setzte sich an den Tisch. «Der jetzige Hüttenwart macht die Sommersaison fertig. Danach übernehme ich.»
«Jetzt übertreibst du», bemerkte Papa Rolf grinsend. «Über Winter ist die Hütte gar nicht bewartet, du übernimmst im Frühling.»
«Ab November bin ich verantwortlich für den Winterraum, ich bin zuständig für Anfragen, kümmere mich um die Webseite, muss mich auf die Sommersaison vorbereiten, Personal suchen, planen …»
«Personal?» Esther wandte sich vom Lavabo um, wo sie die Hände wusch. «Du hast doch uns, und wenn nur die Hälfte deiner Bekannten, die ihre Hilfe zugesagt haben, wirklich kommt, bist du gut bedient.»
«Uns?», fragte der Vater. «Wir haben einen Hof zu versorgen.»
«Eben. Wir beliefern dich mit Gemüse, Fleisch, Eiern und Gebäck. Und Matteo wird jede freie Minute in Cufercal sein.»
Rolfs Gesicht verfinsterte sich. «Nur wird niemand im Voraus wissen, wann er freie Zeit hat, am wenigsten er selbst. Auf deinen Bruder würde ich mich zuletzt verlassen.»
Esther verdrehte die Augen, als sie zum Tisch zurückkehrte und den Teig weiter bearbeitete.
«Matteo und ich haben sogar überlegt, die Hütte nächstes Jahr in den Weihnachtsferien zu öffnen», erzählte Gina. «Silvester in der Cufercalhütte, mit Schneeschuhen oder Tourenskis – ich bin sicher, wir hätten viele Gäste.» Sie stibitzte vom rohen Teig, bevor sie fortfuhr. «Und sollte es keinen Schnee geben, wäre der Lai da Vons schwarzgefroren. Von den Leuten, die dort Schlittschuh laufen, würden gewiss einige zur Hütte weitergehen, dann hätten wir sogar Tagesgäste.»
«Im Februar könntest du nochmals öffnen», überlegte Esther. «In den Sportferien kämen vielleicht auch Tourengänger, was denkst du?»
«Gute Idee», antwortete ihre Tochter. «Ich müsste allerdings Ferien nehmen können im ‹Suretta›, das wird schwierig während der Hochsaison.»
«Dieses Problem hättest du an Weihnachten auch.»
«Über Weihnachten stehen meinem Chef im Restaurant Verwandte als Aushilfen zur Verfügung», erklärte Gina ihrem Vater. «Im Februar sind die jedoch nicht da. Aber wenn Matteo ein paar Tage in der Hütte übernimmt, liesse sich das bestimmt machen.»
Rolf setzte zum Sprechen an, doch Esther brachte ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen.
Gina packte den Autoschlüssel. «Ich muss weiter, sonst