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Alexander Raschle RÉDUIT

RÉDUIT

Roman

Dieses Buch wurde unterstützt von der Stadt St. Gallen.

Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.

© 2026 by orte Verlag, CH-9100 Herisau

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Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel Umschlagsbild: Marco Volken Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshuus

ISBN 978-3-85830-349-3 orteverlag.ch

Sie kamen bei Sonnenuntergang. Der Camion quälte sich über die engen Serpentinen der Tremola den Berg hoch. Die vier Soldaten, die auf ihren Felltornistern im verdeckten Laderaum sassen, schwankten in den Kurven, während sie sich an ihren Karabinern festhielten, und starrten sich gegenseitig auf die Stiefel. Sie passierten niedrige Blockhütten, Scheunen und Ställe, wie zufällig platziert auf den Hängen unter der gewaltigen Bergmasse; weder Mensch noch Tier war zu sehen, und sie fuhren den Pass weiter hoch, kamen in Sichtweite eines weissen Chalets und dann mitten auf der Strasse zum Stillstand.

«Ich sehe schon», sagte Bernasconi, als sich die Ladeklappen öffneten. «Ihr gebt mir die Schuld. Dabei kann ich nichts dafür. Ihr seid genauso zu spät wie ich.»

«Mach», sagte Weiss.

Sie kletterten aus dem Lastwagen und wuchteten ihr Gepäck beim gemauerten Strassenrand aufs Kopfsteinpflaster. Der Lastwagen fuhr davon. Sie waren die letzten von zweihundertvierzig, die man geholt hatte. Sie standen da und warteten. Arme eng vor der Brust verschränkt, kalter Wind im verschlossenen Gesicht. Keiner fragte, was den anderen hergeführt hatte.

Bernasconi setzte sich auf seinen Tornister.

«Und jetzt?», sagte er.

«Wir müssen hier warten», sagte Weiss.

«Was meint ihr?»Bernasconi hatte auf Küttel und Ruch gezeigt. Sie gaben keine Antwort, sie schienen nicht zu be-

greifen, warum sie hier waren. Die Männer warteten. Beobachteten die Bergflanken im letzten Licht; das Tal, aus dem das Dunkel langsam heraufkroch.

«Die anderen sind alle schon drin», sagte Bernasconi. «Da kommt keiner mehr. Haben uns vergessen.»

«Wir müssen warten.»

«Würde mich nicht wundern. Ein paar arme Seelen weniger, macht das einen Unterschied?»

Sie warteten. Hüllten sich in ihre grauen Mäntel. Bernasconi schaute lange in Richtung des Chalets, zu dem kein Weg führte, hoch oben am Steilhang. Und nach einer Weile, da nahm er wortlos sein Gepäck und lief los.

«Warte!», rief Weiss, und die anderen beobachteten ihn, wie er hektisch Tornister und Waffe griff und Bernasconi nachlief, als wollte er ihn einfangen; und sie standen erst unschlüssig da, aber dann folgten auch sie, und bald zogen sie alle vier zu Fuss den Hang hinauf.

Sie rutschten aus mit den schweren Tornistern auf den Steinen und blieben hängen beim Übersteigen von Stacheldrahtzäunen. Vorbei an wasserlosen Brunnen und seltsam geformten Felsen marschierten sie hoch zum Chalet, das sich wie ein Trugbild bleich in der anbrechenden Düsternis abzeichnete. Auf dieser Höhe wuchs nichts mehr, kein Weg führte dahin, wer wollte hier oben ein solches Haus bauen?

Bernasconi erreichte als Erster den Steinsockel des Chalets. Er klopfte an die Türe. Sie war von innen verschlossen und hatte keine Klinke. Er wollte durch die Fenster sehen, aus denen kein Licht brannte; sie waren aufgemalt. Die Gewehrspitze kratzte an der weissgestrichenen Holzschalung

und dahinter kam Beton zum Vorschein. Er streckte den Kopf hoch zur Balkonbrüstung, eine Familie bemalter Holzfiguren; Vater, Mutter, Kind. Leere schwarze Augen.

Weiss kam oben an.

«Was soll das? Hast du mich nicht gehört?»

«Das ist alles nicht echt», sagte Bernasconi.

«Wir müssen zurück.»

«Was willst du eigentlich?»

«Ich will’s richtig machen.»

«Hier ist richtig, hab ich’s nicht gesagt? Dort wo’s falsch ist, geht’s rein.»

«Die werden uns bestrafen.»

Bernasconi klopfte mit dem Gewehr an.

Er rief: «He! Kann uns jemand sehen, da drin? Wir gehören zur Kompanie. Lasst uns rein. Wir müssen auch einrücken.»

Auch die anderen kamen nach, und die vier Männer standen leise keuchend vor der bizarren Kulisse.

Bernasconi beobachtete die Fassade, klopfte nochmals. Er winkte, als könne ihn von drinnen jemand beobachten.

«Mir ist’s ja egal», rief er. «Wenn keiner da ist, geh ich halt wieder heim.»

Lange war es still, nur das Windrauschen im Berg, und da war keine Sonne mehr, nur noch der grosse Schatten, der sie alle eingeholt hatte. Dann öffnete sich langsam die Stahltüre von innen, und der Berg tat sich auf.

Im Innern müssen sie die Treppenstufen eines Steinschachts hinabsteigen. Die Luft ist kalt und feucht, sie riecht nach Maschinenöl und Rauch. Beim Wachposten vor dem Kavernentor stauen sich all die Männer, die hierherkommen müssen. Ihre Stimmen hallen gespenstisch im dunklen Stollen. Die vier Letzten reihen sich am Ende ein.

Ein Korporal schimpft und schreibt ihre Namen auf. Die anderen blicken weg.

Jeder wird untersucht und nach seiner Gesundheit befragt. Jeder muss sein Dienstbüchlein und seine Unterschrift abgeben, als Beweis, dass er eingerückt ist und den unterirdischen Bunker für die nächsten drei Wochen nicht verlassen wird.

So beginnt für alle Männer die Ordnung des Befehlens und Gehorchens. Jeder Tag wird befohlen sein und nach Plan ablaufen. Das alte Leben, das sie einzeln geführt haben, das draussen bleiben muss. Das neue Leben, gemeinsam in der Kompanie, in der geheimen Tiefe. Ein unausgesprochenes Gefühl von Trost und Versöhnlichkeit darin, zusammen im selben Bunker zu sein. Sie wissen, sie müssen nur tun, was ihnen gesagt wird, damit sie am Ende gesund entlassen werden.

Man führt sie in Gruppen durch die Gänge des unterirdischen Labyrinths zu ihren Unterkünften. Die Karabiner stellen sie in nummerierte Rechen. Die Soldatenmäntel hängen sie an nummerierte Kleiderhaken. Die Nagelstiefel

aus schwarzem Leder in die nummerierten Holzregale. Sie suchen sich Schlafplätze bei den Dreifachstockbetten, besetzen ihre Plätze mit Tornister und Stahlhelm, dann lösen sie Waffengurt, Patronentaschen, Bajonett, sie ziehen die Uniformhosen aus, die von den Müttern glattgebügelt sind und nach Mottenkugeln riechen. Und sind die grauen Uniformen abgestreift, kann man sehen, wie jung die meisten Eingerückten in Wahrheit sind. Blasse, magere Männer, im Durchschnitt zwanzig Jahre, kaum Haare auf der Brust oder Bartstoppeln. Krieg ist nicht ihr Beruf, sie sind junge Bürger in Uniform, gehören zur Miliz, gehören zu einer stillen und gehorsamen Generation.

Schweigend und beherrscht laufen sie aneinander vorbei, mit nackten Füssen auf eiskaltem Stein. Die Männer kriechen unter die rotgrauen Wolldecken, auf denen Kreuze gestickt sind. Liegen nahe beieinander, bewegen sich in der Enge kaum. Fremder Atem, Rauschen der Ventilation. Wachliegen und Horchen. Die Lichter werden gelöscht.

Die zuschlagenden Panzertüren hallen in der Festung wie Donnergrollen.

Mit Trillerpfeifen jagt man sie jeden Morgen aus dem Schlaf.

«Alles raus!»

«Schnell!»

Hässliches Surren und Knacken, wenn das grelle Kugellicht angeht. Stickiger Schweissgeruch. Blutunterlaufene Augen. Sie fahren hoch, fluchen und stöhnen, manche vergraben sich tiefer in den Wolldecken, als versuchten sie noch vergeblich, zurück in die Träume zu gelangen, aus denen sie wachgerissen wurden, und die Korporäle zerren Decken fort, treten mit Stiefeln an Bettkanten, die befohlenen Kleider müssen sofort angezogen werden; Turnhose, Turnschuhe, Ledergürtel, blosse Oberkörper, die Männer zittern und klappern mit den Zähnen, aber es bleibt keine Zeit zu frieren, es bleibt für nichts Zeit.

Jeden Morgen müssen sie die dunklen Steilhänge hochsteigen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Auf einem Wiesengrund, umschlossen von Felsen, müssen sich die Männer mit armlangem Abstand zueinander aufstellen. Ein Offizier befiehlt. Er macht keine einzige der im Reglement vorgeschriebenen Bewegungen vor, die Worte sind so exakt formuliert, keiner kann eine falsche Bewegung machen.

«In die Hocke. Liegestütze. Hochspringen. Wiederholen.» Lautes Zählen der Mannschaft im Chor bis zehn und zurück und dann wieder nach vorn und wieder zurück. Als müssten sie das Zählen jeden Morgen neu lernen. Heftiges

Atmen. Pochende Schädel in der Kälte. Die Totentäfelchen um ihre Hälse klirren an den dünnen Kettchen.

Ausdehnen in der Dämmerung. Gestaltlose Silhouetten, die sich quälend strecken und krümmen auf dem Berg. Den Brustmuskel spannen auf den Knien wie Büsser, vorstehende Rippen, den Kopf nach hinten, Augen geschlossen und die Arme gestreckt zum blutroten Himmel.

Auf Befehl zurück in den Berg rennen, wie auf der Flucht vor dem anbrechenden Licht.

Durch Stahldrucktüren und hermetisch verschliessbare Gasschleusen in die kilometerlangen verwinkelten Stollen und Wendeltreppen. Hinab in die herausgesprengten Kavernengewölbe, wo Dieselaggregate für künstliches Licht und künstliche Luft sorgen. Die Männer rennen durch die unterirdischen Strassen der Soldatenstadt mit ihren Schlafräumen und Büros, der Wäscherei, Küche und Bäckerei, Werkstatt und Funkzentrale, dem Spitaltrakt, Vorratsräumen, Munitionslagern und Totenkammern.

Jeden Morgen zwanzig Minuten für Dusche, Rasur, Umziehen, Essen und um auf dem Appellplatz in Formation zu stehen.

Ansturm auf die Gemeinschaftsduschen. Das Wasser eiskalt. Die Nackten stehen eng aneinander und schmieren sich ein mit roher Kernseife. Zähneklappern, schlimmstes Fluchen, so laut es nur geht, um die Kälte zu vertreiben, die unsichtbaren Stacheln aus dem Fleisch zu ziehen, damit vergeben und gedankt werden kann.

Im Laufschritt zum unterirdischen Speisesaal. Ein riesiger, sakral anmutender Hohlraum, mit aufgehängten Helle-

barden und Morgensternen. Aufgemalter Himmel an der Decke. Die Wände bemalt mit Schlachtfeldern längst vergangener Zeiten.

Jeden Tag ein wildes Gedränge. Geruch nach Seife und wässrigem Kaffee mit Pulvermilch. Schwarzrote Holunderkonfitüre aus Plastikbehälterchen, geschmiert auf dünne Brotscheiben. Enges Aneinandersitzen auf Holzbänken. Gesenkte Köpfe, hastig mahlende Kiefer.

Noch immer kauend rennen zu den Steintrögen, hunderte Männer schrubben ihre Zähne, gurgeln und spucken, so schnell es geht, damit sie rechtzeitig am richtigen Ort sein können, damit die Vorgesetzten mit ihnen zufrieden sind.

Bei jedem Appell wird durchgezählt. Der Feldweibel schiebt die über zweihundert Männer sorgfältig umher, bis der Abstand auf den Zentimeter genau stimmt.

Auf Befehl wird stillgestanden; die Stiefel zusammengeschlagen, Brust vorgewölbt, Rücken gerade und Schultern zurück, Kopf aufgerichtet, Augen starr nach vorne, Mund geschlossen. Körper und Geist sind so balanciert, dass jegliche Bewegung überflüssig wird.

Der Hauptmann ist alt genug, um jedermanns Vater sein zu können. Jeden Tag lässt er über die Lautsprecher an den Stollendecken eine Frauenstimme zu den Versammelten sprechen, während er im Hintergrund steht.

Jeder muss stillstehen, jeder muss ihr zuhören.

«Die Festung, wo ist das?», sagt sie. «Vom Himmel aus kann man nichts sehen. Der Zugang ist versteckt hinter der sichtbaren Welt. Wärt ihr Eindringlinge, die hier einzeln

zum Gotthardpass hochgestiegen wären, ihr hättet vor euch

Bauernhäuser, Ställe, steinige Einöde, unüberwindbare Felswände. Ihr hättet sehr nahe kommen müssen, zum Gneis, der aus Stahl ist, mit den gelben Flechten, die Farbtupfer sind, zum Holz aus Beton, den aufgemalten Jahresringen. Dort hättet ihr die Tarnung der verborgenen Wehrgänge und Panzertürme durchschaut, aber da wärt ihr totgeschossen worden. Denn nur wer in die Geheimnisse der Festung eingeweiht ist, wird von ihr aufgenommen.»

Dann liest der Hauptmann den Tagesbefehl vor. Alles ist vorbestimmt. Drei Wochen lang werden dieselben Abläufe nach Plan wiederholt, damit die jungen Männer nach der letzten Prüfung gesund entlassen werden können. Sie tun, was ihnen gesagt wird. Sie wollen keine Fehler machen. Sie wollen, dass ihnen gesagt wird, was sie tun sollen.

Weiss stellt sich vorne in die Reihe. Korporäle verteilen orangefarbene Manipulierpatronen aus Plastik.

Der Krieg muss geübt werden.

«Gewehr laden.»

Sie müssen sechs Patronen ins Magazin pressen. Von Beginn an fällt Weiss zurück, die Patronen fallen ihm aus den Händen, sie kullern auf dem Steinboden davon.

«Anschlag kniend. Entsichern, Feuer.»

Die Männer knien und zielen auf die Stollenwand vor ihnen. Abzüge werden durchgezogen. Lautes Klacken. Sie haben das in der Rekrutenschule gelernt, sie machen das nicht zum ersten Mal. Nur bei Weiss ist etwas verklemmt, sein Schuss löst sich nicht.

«Feind nicht tot.»

Sie müssen das Bajonett aufpflanzen. Weiss ist noch immer mit seiner Störung beschäftigt. In seinem Gesicht stummer Selbstvorwurf, während die Kameraden links und rechts von ihm die Luft durchbohren und die Korporäle überkreuzt in die Rücken der Männer rufen.

«Stellt euch dem Feind. Angst entbindet niemanden vom Kampf! Zeigt Mut und Tapferkeit. Eure Waffen sind euer Leben. Die Waffe beherrschen heisst, das Leben zu beherrschen.»

Die Korporäle befehlen:

«Gewehr zerlegen. Zusammensetzen. Nochmal. Schneller zerlegen, noch schneller zusammensetzen. Jetzt blind mit geschlossenen Augen.»

Alle können das, aber Weiss ist weit zurückgefallen, er scheint gar nichts mehr zu können. Er klemmt sich den Daumen beim Verschluss ein, er nimmt den Daumen erschrocken in den Mund. Und ein Korporal will wissen, wo er um Gottes Willen sein Hirn gelassen hat. Er steht so dicht vor ihm, er könnte ihn auf den Mund küssen.

Kommandant Steiner hat alles gesehen.

Er nimmt Weiss zur Seite.

«Im Ernstfall bedeutet diese Waffe ihr Leben.»

«Ja, Herr Hauptmann. Sie bedeutet mein Leben.»

Steiners Gesicht ist von unerforschlicher Ruhe. Rund um die beiden hallen die Kommandos. Steiners Stimme aber ist gerade genug laut, damit nur Weiss sie verstehen kann.

«Beginnen Sie von vorne.»

Weiss entlädt und entfernt das Magazin. Er kniet auf den Boden, er entfernt den Verschluss und zerlegt ihn, Schlagbolzen, Verschlussmutter, Zündstift. Dann entschaftet er die Waffe, er löst und entfernt, zerlegt sein Leben in seine Einzelteile.

«Sehen Sie? Ich mach’s richtig, oder? Ich will’s richtig machen, Herr Hauptmann. Ich will nach dem Dienst befördert werden, wissen Sie?»

«Ich sehe, wie Sie es versuchen.»

Er hat alles auseinandergenommen, alles liegt zerteilt auf dem Steinboden, und er kniet davor und sieht hoch zu seinem Vorgesetzten.

«Die Auslegeordnung stimmt nicht», sagt Steiner ruhig.

«Was stimmt denn nicht?»

«Wieder zusammensetzen.»

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