orte Verlag Leseprobe
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch
Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 207, Juli 2020 ISBN 978-3-85830-269-4; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Fotos von Susanne Mathies) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Bitte Zahlen! Zahlen sprechen für sich 5 Einleitung
Monique Obertin
8 Zahlenbilder
Peter Bichsel, Monika Schnyder, Ute Kledt, Paula Fürstenberg, Arno Holz, Markus Traber
17 Zahlenordnung
Andreas Neeser, Andreas Saurer, Friedrich Schiller, Max Huwyler, Claudia Gabler
26 Zahlendeklinationen
Beat Sterchi, Musäus, Tobias Grimbacher
32 Einmaleins
Lorenz Pauli, Paula Fürstenberg, Aloys Blumauer, Peter K. Wehrli, aus Grimms Wörterbuch, Johann Wolfgang von Goethe
42 Zahlenpoesie
August Wilhelm von Schlegel, Christian Morgenstern
aus Mohammeds Jenseitsreise, Novalis
44 Zahlenharmonien
50 Autorenbiografien
53 orte-festival 59 orte-bestenliste Marcel Steiner 62 orte-bücherregal 67 fund-orte: Jörg Bernig Bettina Gruber 72 wander-orte: Carl Zuckmayer in Saas Fee Cyrill Stieger 76 lese-orte Fridolin Stähli 79 orte-galerie 82 orte-agenda 84 orte-zitat 86 orte-longseller 88 orte-marktplatz 1
Für Jeremy Reed ist die vergessene britische autorin anna Kavan irritation und inspiration zugleich. Vor ihrem Haus im Regen stehend, dieser China-Box, in dem sie ihre letzten 20 Jahre von Heroin und Literatur lebte
China Red Smoke
Jeremy Reed Hommage an eine epHemeRe
China Red Smoke
delirierend lyrischen Farbenrausch.
Homage to an epHemeRaL Being
Jeremy Reesd
und Dystopien kreierte, lässt er ihre schwebende präsenz und ihre Visionen auf sich wirken. Und setzt sie um in
Poems Gedichte
For Jeremy Reed forgotten British writer anna Kavan is both, irritation and inspiration. Standing in the rain in
Zweisprachige Ausgabe in der Übersetzung von pociao
front of her house – a sort of China Box – where she lived her last 20 years on heroin and literature creating dystopias, he takes in her floating presence and her visions, transla-
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Zürcher Katalog EinE FährE zwiSchEn LEbEn und LiEbEn
reisen, so fällt es Kristin T. Schnider ein, hatte sie einmal mit einer bewegung in der Senkrechten in Verbindung gebracht.
Senkrecht. Aufrecht. Aufbruch. das wort sei aber, hatte sie nachgelesen, auch ver-
wandt mit »rieseln«, »rinnen«: »rieseln. das gefällt mir. reisen rieseln. die reise.
169 Nummern aus das rieseln. ich reise. ich riesle. dem rieselnd bin ich ein kleiner riese, zerrinnend in »Katalog von Allem« reisen.«
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Kristin T. Schnider
Friction. Faction. Fiction.
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LoVing Kristin T. Schnider once associated travel with a vertical movement. Starting out
Englische übersetzung
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call it Reisen. She had read that the word
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was also related to dripping, rippling and trickling: “Trickling. i like that. Trave-
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PETER K. WEHRLI
43. das Fenster die Vorhänge des Fensters meiner Wohnung beim Hechtplatz, die ich heute, am Sechseläuten, zuziehe und dann den Fernsehappawin ld es Ba rat einschalte, um so Jam genauer sehen zu können, wie der Sechseläutenumzug vor dem Fenster meiner Wohnung er Yorkbeim Hechtplatz vorNew r arze d beizieht. schw erba Ein Leuk
ZÜRCHER KATALOG
ting them into some kind of deliriously lyrical splendour.
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orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Einige hundert Male wurde diese erste orte-Seite bereits beschrieben. Keine gleicht der vorherigen. Jeder ersten Seite liegt ein Zauber inne – ein Neubeginn. Uns geht es bei der Arbeit an jeder Ausgabe so. Voller Spannung erwarten wir die ersten Zeilen zu einem Thema. Wie viele Worte es schlussendlich werden, ist dann noch unbekannt. Über die Jahre sind so in 207 orte-Ausgaben viele Meter Text zusammengekommen, welche Sie und wir gemeinsam in noch mehr Stunden an unzähligen Orten verschlungen haben. Oft werden wir gefragt, wie hoch die Auflage der Zeitschrift sei oder wie viele Leser und Leserinnen wir haben. Weniger interessant erscheint es, wie viele Stunden es von der Idee bis zur fertigen Druckausgabe einer Zeitschrift wie orte braucht. Wie viele Autoren, Redaktoren, Interviewpartner, Grafiker und Fotografen, im Hintergrund Agierende und Literaturbegeisterte an der Entstehung einer solchen Nummer beteiligt sind. Was tun Zahlen in unserem Leben? Was drücken sie aus? Wofür stehen sie? Fragen, die sich sonst Mathematiker, Statistiker und andere Wissenschaftler stellen. Unsere Redaktion nähert sich auf ihrer Expedition dem Reich der Zahlen von einer ganz anderen Seite, prüft die Berechenbarkeit von Texten und durchstreift Bibliotheken vergangener Jahrzehnte oder sogar Jahrtausende. Auf den nächsten Sei-
ten können Sie mehr darüber erfahren, wie Rübezahl zu seinem Namen kam oder Sie lassen sich von den Kapiteln aus «Mohammeds Jenseitsreise» aus dem 13. Jahrhundert verzaubern. Versinken Sie in den Zeilen, hören Sie Zahlenpoesien und sehen Sie Zahlenbilder, die Susanne Mathies, Monique Obertin und Peter K. Wehrli für Sie zusammengestellt haben. In unserer Bestenliste spricht Verleger Marcel Steiner nicht über die Verlags- und Verkaufszahlen und Redaktor Cyrill Stieger zählt in seiner Wanderung keine Kilometer nach. Was es ausserdem auf den Seiten 4 bis 88 alles zu verzelle gibt, wartet auf ihre Entdeckungsfreude. Die Zahlen im Inhaltsverzeichnis helfen Ihnen bei der Auswahl der Lesetexte. Starten Sie beim Lesen immer mit der ersten Seite oder beginnen Sie in der Mitte? Sind Sie ein «Textpicker» oder «Textlaufleser» oder gar ein «Überschriften-Überflieger»? Ich zum Beispiel lese Zeitungen gern von hinten nach vorn. So würde meine Reise durch dieses Heft mit den Kleininseraten starten. Egal, mit welchem Kapitel, auf welcher Seite oder mit welchem Wort Sie beginnen, wünsche ich Ihnen unzählige Entdeckungen.
Herzlichst Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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Zahlen sprechen fĂźr sich
Nach 206 orte-Heften mit italienischen, ungarischen, musikalischen, sportlichen, lautmalerischen und vielen anderen Poesien schlagen wir in dieser orte-Nummer 207 die Zahlenseite auf. Manche Menschen verbinden Zahlen mit der eher trockenen oder gar vernachlässigten Welt der Steuererklärungen, der Vorsorgeund Versicherungsplanung; andere erinnern sich an eine verpatzte Matheprüfung, welche in ihrem Leben die Weichen neu stellte. Viele halten Zahlen für verlässlicher als jeden Text, als klarer und unmissverständlicher. Woran mag das liegen? Was könnte Zahlen berechenbarer machen als Worte, was für Sicherheiten bieten sie im Vergleich zum Text? Lässt sich die Welt mit Zahlen – oder Algorithmen – tatsächlich neu organisieren? Sprach- und Zahlenaffinität leben bei vielen Menschen in perfekter Harmonie, bei anderen befinden sie sich im Dauerwiderspruch, in einer Art «Kopf-Bauch-Konflikt». Auch Sie haben vermutlich einen Lieblingstext, der in Ihnen etwas anklingen lässt. Möglicherweise haben Sie auch eine Lieblingszahl. Wissen Sie, was Ihnen an dieser gefällt? Ist es ihre Form, ihr Wert, oder die Verknüpfung mit einer Erinnerung – an einen Geburtstag vielleicht, an ein Jahr oder eine Stockwerknummer in einem bestimmten Hochhaus? Zahlen sind Arbeitsmaterial, Werkstoff für Physiker, Architekten, Ingenieure und auch für Mediziner: «Mathematik ist wie Poesie. Abstrakt, aber sehr elegant», gibt uns ein Chefarzt und Mathematiker zu Protokoll.
Zahlen können Abgründe öffnen – haben sie nicht sogar eine Tendenz zur Unbeherrschbarkeit? Bei Jorge Luis Borges wird die Welt in der Parabel «Die Bibliothek von Babel» (1941) als riesige Bibliothek aus einer unendlich anmutenden Anzahl sechseckiger Galerien dargestellt. Beim Versuch, die Anzahl Bücher in dieser Bibliothek zu beziffern, kommt man auf Werte, welche die Anzahl Atome im Universum übersteigen. Schwindelerregend mutet auch die Weizenkornlegende (Indien, 3. Jahrhundert) an: Der Brahmane Sissa ibn Dahir erfand zur Zerstreuung und heimlichen Erziehung seines Herrschers das Schachspiel. Sein Wunsch, als Gegengeschenk Weizenkörner zu erhalten, und zwar ein einziges für Schachfeld eins und die jeweils verdoppelte Anzahl Körner für jedes weitere Feld, entpuppte sich nicht als bescheiden, wie es zuerst den Anschein machte, sondern als masslos und unerfüllbar. Die errechnete Anzahl Weizenkörner hätte sich im ganzen Reich nicht auftreiben lassen:
Auf unserer Expedition ins Zahlenreich dürfen natürlich Zählreime, Zaubersprüche und Zahlenrätsel nicht fehlen. Sie finden in diesem orte-Heft auch davon Kostproben. Im Dunstkreis von Zahlen sind, trotz deren scheinbarer Präzision in der Aussage, Geheimnisse keineswegs ausgeschlossen: Wir empfehlen, einige Texte kryptographischen Stichproben zu unterziehen.
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Zahlen sind ein weites Feld. Sie sind Schlüsselworte, um ins Reich der Erinnerungen zu gelangen. Sie können schön und poetisch sein. Sie können Ordnung herstellen und organisieren. Sie können magisch sein, Ängste und Begeisterung auslösen. Abstraktes lässt sich mit ihnen darstellen und messen. Sie geben sich mal verspielt und unterliegen doch festen Gesetzmässigkeiten. Sie können zu Höhenflügen verleiten und berauschen. Bringt man sie mit Buchstaben zusammen, können sie – auf dem Schachbrett zumindest – Königreiche verschieben und untergehen lassen. Lassen Sie sich treiben in den hier versammelten Zahlen, aber hüten Sie sich vor ihrem Sog! Monique Obertin
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Zahlenbilder
Peter Bichsel
Zum 14. Jahr in neuer Zählweise
Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, über Zahlen und deren Bedeutung – je nach Aussprache. 2014 – schon vierzehn Jahre mehr als das ominöse Jahr 2000, das schon in unserer Kindheit in unseren Köpfen rumgeisterte, fast unerreichbar weit weg und letztlich unerreichbar. Sepp von Felten kam mal 1946 mit einem Heft einer Jugendzeitschrift in die Schule, und auf der Titelseite – ich sehe sie noch genau, ein dunkles Grün – stand «Im Jahre 2000» und dazu eine Zeichnung von einer grossen Rakete mit Fenstern wie bei einem Flugzeug und dahinter Köpfe von Passagieren. Ich erinnere mich an unsere heftigen Diskussionen darüber. Ob so etwas überhaupt möglich wäre, und wenn, dann sicher nicht schon so früh, sicher nicht schon im Jahre 2000, und das unerreichbare Jahr rückte mit diesem «nicht schon» in unsere Nähe. Es hat seine Gründe, dass sich mir das Titelblatt der Zeitschrift für immer eingeprägt hat. Dann die Schulaufgabe, Olten im Jahre 2000 zu zeichnen, und wir zeichneten U-Bahnen und Hochbahnen, Wolkenkratzer und den Himmel voller Flugzeuge.
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Erst heute, wenn ich mich daran erinnere, erscheinen sie mir als Horrorszenarien. Damals aber waren wir zum Voraus total begeistert von einer Moderne, die sich durch nichts anderes von unserer damaligen Welt unterschied, als durch die «wunderbaren» Fortschritte der Technik. Wir hatten nicht den geringsten Anlass, uns Fortschritte der Kommunikationstechnik auszudenken, nicht einmal die Möglichkeit von einem Fernsehen – das übrigens damals schon erfunden war, uns aber nicht einmal als Hoffnung erreicht hat. Und die meisten von uns lebten im Jahr 2000 noch, auch das war damals nicht zu erwarten, und leben jetzt, vierzehn Jahre später, immer noch. Und die damalige Zeit ist uns so unvorstellbar geworden wie uns damals die Zukunft war, und so wie uns damals die Zukunft als wunderbar erschien, erscheint uns jetzt die unvorstellbare Vergangenheit als eine gute Zeit. Und letztlich bleiben Zahlen, nichts als Zahlen. Eine Frau erzählt mir eine Geschichte. Die Geschichte interessiert mich, sie beginnt mit: «Das war im Jahre 1956, ich war damals in der dritten Klasse», und schon höre ich nicht mehr zu, denn ich bin am Rechnen: 1956 war sie also neun Jahre alt, sechsundfünfzig weniger neun ergibt ihren Jahrgang, bis zu 2000 sind es also 53 Jahre plus 13 Jahre, und dann
Foto: Susanne Mathies
zur Sicherheit noch mal nachrechnen. Sie ist inzwischen mit ihrer Geschichte zu Ende, schaut mich an, und ich sage: «Ja, schön.» Ich hätte auch sagen können: «Sechsundsechzig sind Sie also.» Zahlen, Zahlen: 1315 (Morgarten), 1685 ( Johann Sebastian Bach), 1749 (Goethe), 1907 mein Vater, 1909 meine Mutter. Und letztlich bleiben von einem Leben zwei nackte Zahlen, eingemeisselt in Stein. Zwei Zahlen, die ein Leben umklammern, in dem wir dauernd am Zählen waren, wir zählten die Minuten, die Stunden, die Tage, die Jahre, und endlich haben wir wieder einen neuen Rekord der Menschheit geschafft, zweitausendundvierzehn Jahre, was zudem für alle auch eine persönliche Bestleistung ist. 2014 – wie spricht man das eigentlich aus? Kommt da ein «und» dazwischen oder nicht? Der Postbeamte, der mir das Datum diktierte, sagte: «Zweinulldreizehn», und mir fiel mit Schrecken auf, dass mir und uns zwei lieb gewordene Silben in diesem Jahrtausend abhanden gekommen sind, die Hundert ist weg, 13hundert15, 19hundert9, 17hundert49.
Jahrhundertelang wurden die Jahre in Hunderten gezählt, das funktionierte von eins bis neunzehn – aber zwanzighundertvierzehn, das geht eigenartigerweise nicht mehr. Ja, wirklich kein Problem, aber irgendwie ist mir nicht recht wohl dabei. Ja, ja, das ist nur Sprache, und an der Qualität eines Jahres, an seinem Wetter zum Beispiel, ändert das nichts. Aber auch wenn wir in Zahlen leben, leben wir in Sprache. Und Kartoffelbrei, Kartoffelpüree und Kartoffelstock sind zwar dasselbe, aber der Kartoffelstock schmeckt mir einfach nicht, wenn er Kartoffelbrei heisst. Und Randen und Rote Bete sind auch dasselbe – aber halt dann doch nicht so ganz. Ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Sprache. 1914 und 2014 unterscheiden sich wie Kartoffelstock und Kartoffelbrei. Verzeihen Sie dem alten Mann seine Klagen. Er wünscht Ihnen ein gutes 2014 mit Chüngu (nicht Kaninchen), Härdöpfustock und Randensalat. Von Peter Bichsel am 2. Januar 2014, aktualisiert 20. Januar 2019.
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Monika Schnyder
Mit vierundzwanzig bestieg sie den Thron: Tamar die Urenkelin Davits und das Goldene Zeitalter begann. Ihre Jugend und ihr Grossmut beflügelte die Künstler. Auch Schota den Dichter. Da geht er der Recke im Tigerfell das Epos das bald jedes Kind kennt in der Hand. Er geht zum Palast überreicht der Königin das Manuskript. Und Tamar? lächelt sie? nur? oder war da wie es heisst mehr? Schota jedenfalls geht trunken von dannen – trunken nicht nur vom Wein – und wie sich seine Angebetete mit einem ossetischen Prinzen vermählt macht er über die Grenze kehrt niemals mehr heim Heute nach ziemlich genau 800 Jahren sind sich die beiden – der Bank of Giorgia sei Dank – näher denn je: Sozusagen Cheek-to-cheek in unseren Brieftaschen als 50- und 100-Lari-Schein
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Dann wieder Grillen auf dem Vormarsch zikoziko be a winner be a singer St. Georgs glänzender Himmelsritt Konsonantencluster und Mama heisst Papa die heranbrausende Metro Schatten die sich beissen falsche Richtung falscher Film Zwei Bässe ein Schreiender siebenstimmiges Trallalla. Doli und Daira ein Kamel in der Kirche Puschkins Bad im persischen Stil Devotionalien Königin Tamars Sarg (wanted) das goldene Vlies. Diese Zeilen und alles was neu ist – dein Auto das Handy – mit Weihwasser besprüht
Prunkbauten Füllhörner steinerne Friese und Fratzen ein Prachtsboulevard eine Flaniermeile Ali und Nino es war einmal ein Vizekönig Strassenkämpfe Barock und Rokoko eine Blackbox geweisste Fresken the iron man’s Favorit Suliko. Aus deinem dreistöckigen Körper schaust du hinaus in den Hof: Eine Lichtröhre flackert Wäsche freihängende Kabel Wellblecharchitektur Es ist die Rückseite der Bühne etwas lauscht
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Ute Kledt: Numerus
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Mit Konsonanten vollbepackt spricht es in Zungen das kartwelische Idiom Pznoli Tkemali Tschkmeruli Dschochochbili nimmt Fahrt auf stürzt sich hinab über sieben Fälle unsterblich in den einen Vokal verliebt Dschanguri Dschianuri Pilili Kartophili – das unvermeidliche Endungs-i
Weinschläuche riesig und eine Supra ist ein Gelage eine Tafel ein Altar. Darauf geopfert gerne! jedes Mass Als Faustregel gilt: drei Liter Wein pro Kopf – besser mehr. Zur Stärkung Chatschapuri Schaschlik Lamm mit Granatapfelpaste Dips Tatschi später: «Sogar Vogelmilch haben wir auf den Tisch gebracht». Jetzt aber der Tamada! Die Toasts! GAUMARDSCHOS! Wir erheben uns heben die Gläser wir trinken auf den Frieden die Kinder die heilige Nino auf Ahnen Urahnen Freund und Feind auf Tamar das Goldene Zeitalter GAGIMARDSCHOS! («sei siegreich!») wir trinken auf ex
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Paula Fürstenberg: Collage aus der Serie «Drohbriefe aus dem Paradies», Nr. 36: 6,9 Kilogramm.
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Arno Holz
Zwischen Bergen im Sonnenschein liegt am Fluss das Städtchen. Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer. Kerzengrade steigt der Rauch. Durch einen blühenden Hollunderbusch unterscheide ich deutlich, unter der alten Grünspankuppel, die Thurmuhr. Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen. Noch drei kleine Striche, und die gesammte Bürgerschaft setzt sich pünktlich zu Mittag. Zwölf! Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen. Ich köpfe vergnügt eine Distel und wandre weiter. Aus: Arno Holz: Phantasus. 1. Heft. Berlin, 1898.
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Zifferblatt Worb.
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Bild: Markus Traber
Zahlenordnung
Andreas Neeser
Epitaph Und schriebe ich nichts, ich erführe es doch, Falte für Falte am eigenen Leib buchstabier ich mein Grundbuch des Lebens, nicht jetzt und noch nicht die paar Zeilen verblühendes Blau verschliirgget vom innere Wind1 und es nüechteligs2 Rot, scho chli gschmurig3 wie endloser Herbst denn ich kenne die Zahlen, die Zahl wird mir irgendwann eins. Innsbruck, Mühlauer Friedhof
1 zerschlissen vom inneren Wind 2 nach Moder riechend 3 (von Haut, auch bei Früchten:) runzelig
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Foto: Susanne Mathies
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Andreas Saurer
MEIN BERMUDADREIECK bernbaselzürich 198319992017 verschwindibus
RABATT ich bin eine kleine nummer zählen kann ich auf niemanden
DRAMA UNSER sie sieht weniger er mehr gefahren als es gibt
PRIUS JACOB im november starb götti jakob und dann tante gelée zwei monate später wiehert der amtsschimmel ist fünf monate später doch ein esel bricklebrit
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Foto: Susanne Mathies
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Friedrich Schiller
Wallenstein, 2. Aufzug, 1. Auftritt Baptista Seni, Astrolog Seni (zählt die Stühle). Eilf! Eine böse Zahl. Zwölf Stühle setzt, Zwölf Zeichen hat der Tierkreis; Fünf und Sieben, Die heil’gen Zahlen, liegen in der Zwölfe. Zweiter Bedienter. Was habt Ihr gegen Eilf? Das lasst mich wissen. Seni.
Eilf ist die Sünde. Eilfe überschreitet Die zehn Gebote.
Zweiter Bedienter. So? Und warum nennt Ihr Die Fünfe eine heil'ge Zahl? Seni.
Fünf ist Des Menschen Seele. Wie der Mensch aus Gutem Und Bösem ist gemischt, so ist die Fünfe Die erste Zahl aus Grad’ und Ungerade.
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Elferpyramide.
Bild: Monique Obertin
Neunerpyramide.
Bild: Monique Obertin
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Max Huwyler
Erster August Funken im Winde versprĂźht Hymnen In den Wind geblasen Reden vom Winde verweht
Zeitzeichen Er versuchte die Zeit zu raffen und gab der Uhr einen Tropfen Ă–l in den Sand
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