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orte 206

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orte Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 206, Mai 2020 ISBN 978-3-85830-268-7; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Fotos von Rihaij/Pixabay) Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial

orte inhaltsverzeichnis «Mein Auge übt im Wimpernschlag den Flug»   4 Einleitung

Viviane Egli

6 Wasservögel

Tomas Tranströmer, Sascha Garzetti, Charles Baudelaire, Erwin Messmer, Pablo Neruda

12 Spatzen

Johann Gottfried Herder, Christian Morgenstern, Catull, Iwan Turgenjeff, Emily Dickinson

18 Nachtigall – Symbol der Liebe Der von Kürenberg, Heinrich von Morungen, Walther von der Vogelweide, Yunus Emre, Heinrich Heine 24 Vögel als Begleiter

Wilhelm Müller, Thomas Hald, Markus Manfred Jung, Wolfgang Hildesheimer, Andrea Maria Keller, Fitzgerald Kusz, Werner Lutz, Ferdinand Pfister, Jacques Prévert

Morten Gaathaug

34 «Der Vogel war mein»

42 Vögel der Vorahnung

Georg Trakl, Gertrud Kolmar, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski, Jovan Nikolić

48 Zugvögel

Peter Horst Neumann, Jörg Bernig, Günter Eich, Eva Christina Zeller, Bertolt Brecht

54 Autorenbiografien

58 orte-bestenliste 62 hör-orte 64 fund-orte 69 orte-bücherregal 74 orte-galerie 80 ortolan: Berta Thurnherr 85 orte-agenda 88 wander-orte: Henry Dunant in Heiden 92 orte-zitat 94 orte-longseller 96 orte-marktplatz

Lisa Ehrensperger Peter K. Wehrli Dmytro Semchyshyn

Erwin Messmer Cyrill Stieger

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PATXI ARAUJO TAUBA AUERBACH MIRJAM BEERLI VIDYA GASTALDON AGNÈS GEOFFRAY ROSWITHA GOBBO HUBER.HUBER GILLES JOBIN EMMA KUNZ GEORGE STEINMANN BERNARD TAGWERKER SUZANNE TREISTER LAURA VIALE

Zahl, Rhythmus, Wandlung

Emma Kunz und Gegenwartskunst

26. April – 25. Oktober 2020 Kunsthalle Ziegelhütte

h-gebertka.ch

Der Auftrag für eine Alpreportage wird für die Reporterin Selma weniger idyllisch als gedacht.

Erhältlich im Buchhandel oder im Verlagsladen Schwellbrunn, Im Rank 83, 9103 Schwellbrunn Tel. 071 353 77 55 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch

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orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser «Ich bin so knallvergnügt erwacht» heisst das in diesem Heft besprochene Hörbuch mit Texten von Joachim Ringelnatz. Ob dieses Vergnügtsein auch etwas mit den Vögeln vor dem Schlafzimmerfenster zu tun hatte? Ich jedenfalls bin mir sicher, dass das herzerfreuende Pfeifen dieser zähen und lebendigen Federkugeln draussen in der frischen Morgenluft die Lebenskräfte ebenso verlässlich zu wecken vermag wie ein starker Kaffee. Ja, dieses Heft ist den Vögeln gewidmet, die uns durchs ganze Jahr begleiten, meist hoch in der Luft oder in den Bäumen. Wir bewundern ihre Flugkünste und würden uns gerne auch einmal tragen lassen von der Luft – sei es auch nur einen Wimpernschlag lang. Und gerade wegen ihrer Nähe zum Himmel gilt unter allen Tieren für die Vögel wohl besonders, dass sie mehr als wir Menschen im Göttlichen daheim zu sein scheinen. Ein Vogelruf kann deshalb aber auch ein unheimliches Omen sein und über­haupt ist das Zusammenleben von Vögeln und Menschen nicht konfliktfrei: Bedrohlicher Vogelschwärme über dem Rebberg im Herbst erwehrte sich meine Gross­­mutter jeweils mit Schüssen in die Luft. Die vorliegende Nummer enthält, gegliedert in sieben Kapitel, rund vierzig Gedichte und Texte zum Thema. Es ist, wie immer, eine persönliche Auswahl der Redaktion aus einer grossen Fülle von Material.

Auch der ortolan fehlt in der Vogelschar nicht. Er pfeift diesmal in der Diepolds­ auer Mundart, einem «Werkzeug der Welteröffnung». Das fund-orte ist dem jungen ukrainischen Dichter Dmytro Semchyshyn gewidmet. In seinen Texten «funkeln die starken Arme der Fischer im Licht Eurasiens» und es ist von Suchen, Finden, nicht Finden und unlösbaren Prüfungsfragen die Rede. In der Galerie erinnern zwei Texte des St.Galler Autors Leo Koch mit dem Untertitel «Hölderlin in Hauptwil» an die viermonatige Anstellung des Dichters als Hauslehrer bei einer Familie im Thurgau. Hölderlins Geburtstag jährte sich übrigens in diesem Frühling zum 250. Mal. Last but not least ist wiederum eine neue Rubrik anzukünden. Im wander-orte werden wir Ihnen in Zukunft Wanderungen an Orte und in Gegenden vorstellen, die mit Büchern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu tun haben. Diesmal erfahren Sie einiges über Henry Dunant in Heiden, den Sie vielleicht eher mit Genf in Verbindung gebracht hätten, der aber einen grossen Teil seines Lebens in der Ostschweiz verbracht hat. Ich wünsche Ihnen gute Lektüre – und immer eine Handbreit Luft unter den Schulterblättern Regina Füchslin

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«Mein Auge übt im Wimpernschlag den Flug» Der deutsche Lyriker Peter Horst Neumann gibt mit diesen Worten aus seinem vor rund zwanzig Jahren geschriebenen Gedicht Landschaft mit Vögeln eindringlich den Takt an, beschreibt Augenblicke der weiten Distanz zu den über uns hinwegziehenden Vögeln hautnah. Was Georg Trakl mit der Zeile «Folg ich der Vögel wundervollen Flügen …» seines ergreifenden Gedichts Verfall aus dem Jahr 1913 hinterliess, wurde ebenfalls Programm für diese orte-Ausgabe: Wir folgten den Vögeln in der Lyrik und Literatur in allen Tageszeiten, Jahreszeiten, Epochen. Das Motiv der Vögel ist eines der stärksten und häufigsten in der Poesie, in unseren Träumen, in der Symbolik, durch alle Zeiten und alle Kulturen. Ein einzigartiges Phänomen. Die Vögel, diese so anderen wundersamen und unergründlichen Wesen, bewegen uns, ziehen uns in ihren Bann, bleiben uns fremd. Man möge es verstehen, die Fülle machte es uns leicht und schwer. Wir beschlossen, angesichts dieses thematischen Reichtums, für einmal keine neuen Texte schreiben zu lassen, sondern griffen für diese orteAusgabe ausschliesslich auf bestehende Texte zurück. Wir pickten he­ raus, selektiv und spontan, abwägend und intuitiv, wissend und unwissend. Und immer diese so anderen Wesen im Fokus. Und doch, bei aller Freiheit der Wahl, jeder Vogelschwarm zeigt es und verpflichtet: Ordnung ist Gesetz. Somit definierten wir sieben Unter­

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themen – das heisst, diese sieben Kapitel haben sich organisch formiert während der lustvollen Recherchen und der Lektüre, in einem starken Sog mit klarer Ordnung. So sind wir diesen Ordnungen gefolgt und haben sie für einzelne Kapitel dieser orte-Ausgabe ausgeformt: Die Wasservögel, unter anderem mit Texten von Charles Baudelaire und Pablo Neruda, bestimmen eines der sieben Kapitel. Die Sperlinge besetzen ein zweites Kapitel, eines mit einer besonders langen Zeitspanne, auch Catull ist mit seinem Spatz mit von der Partie. Die Vögel als Symbol der Liebe, wie könnte es anders sein – es musste sein, vom Minnesang bis zu den Nachtigallen, von der Zeit des Hochmittelalters in unsere Kultur, zeitlich parallel aus dem frühen Osmanischen Reich – mit einer gewagten Flugkurve durch einige Jahrhunderte hindurch zu Heinrich Heine. Eine vierte Gruppe: der Vogel als den Menschen begleitendes Wesen. Dies führte zu einer weiteren Sammlung von wunderbaren Texten. Den seltenen Vögeln verschreibt sich der norwegische Komponist Morten Gaathaug, eigenwillig ornithologisch observierend und dichtend – dies unser fünftes Kapitel. Die Vögel als Wesen der Vorahnung, konzentriert auf das Unheil des letzten Jahrhunderts in unserer deutschsprachigen Kultur, ergaben eine sechste Zusammenstellung, Gertrud Kolmar, Gottfried Benn und weitere kommen zu Wort. Und die siebte Thematik: Vogelflüge, Vogelschwärme – die Lyrik ist durchzogen und durchflogen von ihnen. Denn die Vögel können etwas, was wir nur in unseren Träumen können: fliegen. Weit fliegen. Vogelzüge, Vogelschwärme bestimmen auch die bildliche Linie durch diese orte- Ausgabe: Vogelzüge fotografiert, Augenblicke des Wunders festgehalten, den Kamerablick gegen den Himmel gerichtet: «Folg ich der Vögel wundervollen Flügen» – gut hundert Jahre nach Georg Trakls Blick zum Himmel ziehen sie weiter, die Vögel, die Vogelschwärme, mehr und mehr gestört vom Menschen zwar, aber unbeirrbar fliegen sie weiter, durch die Zeiten, durch alle Zeiten, schlagen mit ihren Flügeln, fiepen, klagen, singen, diese wundersamen anderen Wesen. Viviane Egli


Wasservögel Auf der weiten gleichmässigen Fläche von Meeren, Seen und Flüssen beobachten wir die Bewegungen der Vögel zwischen Wasser und Luft: sie ziehen ihre Bahnen, schaukeln auf den Wellen, verschwinden mit den Schnäbeln immer wieder im Gefieder, fliegen auf. Im Folgenden eine kleine Auswahl von der morgendlichen Einfahrt bis zum – fehlenden – Schwanengesang.

Tomas Tranströmer

Morgen und Einfahrt Die Mantelmöwe, der Sonnenschiffer, zieht ihre Bahn. Unter ihr ist das Wasser. Noch schlummert die Welt wie ein vielfarbener Stein im Wasser. Unausgedeuteter Tag. Tage – wie die Schriftzeichen der Azteken! Die Musik. Und ich stehe gefangen in ihrem Gobelin, mit erhobenen Armen – wie eine Figur aus der Volkskunst.

Aus: Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanns Grössel. © 1997 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München, mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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Sascha Garzetti

Istanbul, Ortaköy An Deck der Fähre Wörter hinter die Zeilen von anderen notiert, wie Fischerboote queren sie das Kielwasser fremder Verse. Am Heck aufgewühltes Wasser, als hätte es lange geschwiegen, die Möwen darin wie vom Grund heraufgetragen, jede nistet in einem Flügelpaar, bis sie hineinpasst. Abends: die Schiffe aus Licht, die Tiere nicht zu sehen, eingerastet in ihren Schlaf. Nur ihr Ruf gellt durch die Stadt, als oxydierten die Stimmen im Dunkeln an der Luft.

Aus: Mund und Amselfloh. Wolfbach Verlag, Zürich, 2018

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Charles Baudelaire

Der Albatros Oft kommt es, dass das schiffsvolk zum vergnügen die albatros, die grossen vögel, fängt, die sorglos folgen, wenn auf seinen zügen das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt. Kaum sind sie unten auf des deckes gängen, als sie, die herrn im azur, ungeschickt die grossen weissen flügel traurig hängen und an der seite schleifen wie geknickt. Er, sonst so flink, ist nun der matte, steife. Der lüfte könig duldet spott und schmach: der eine neckt ihn mit der tabakspfeife, ein andrer ahmt den flug des armen nach. Gleichtakt.

Der dichter ist wie jener fürst der wolke. Er haust im sturm, er lacht dem bogenstrang. Doch hindern drunten zwischen frechem volke die riesenhaften flügel ihn am gang.

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Aus dem Französischen von Stefan George.


Erwin Messmer

Seespiegel bei Merligen

Foto: Juan Burgos/Unsplash

Drei Enten bezwingen den Niesen Mühelos ziehn sie landeinwärts bergan über Schründe und Klüfte stetig gradaus Angekommen auf schneeiger Spitze vergessen sie Rast zu halten gleiten leichthin und ganz ohne Flügelschlag weiter himmelwärts hin zum Ufer an dem ich sie erwarte

Aus: Nur schnell das Glück streicheln. Edition 8, Zürich, 2017

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Pablo Neruda

Der See der Schwäne Budi-See, düster, schwerer dunkler Stein, Wasser zwischen großen Wäldern unbegraben, dort tatest du dich auf als unterirdische Tür nach dem einsamen Meer am Ende der Welt. Wir galoppierten über den endlosen Sand nah dem millionenfachen ungezügelten Schäumen, kein Haus, kein Mensch, kein Pferd, einzig vorüber ging die Zeit und jenes grüne und weiße Ufer, jener Ozean. Dann den Hügeln zu und plötzlich der See, das harte verborgene Wasser, dichtes Licht, des Erdenrings Kleinod. Ein weißer und schwarzer Flug: Die Schwäne jagten in die Flucht, lange nächtliche Hälse, Füße aus Leder, rot, und über die Welt flog ein heiterer Schnee. O Flug her vom gleichwertigen Wasser, tausend Leiber, zu regloser Schönheit bestimmt als des Sees transparente Dauer. Auf einmal alles war Rennen auf dem Wasser, Bewegung, Klang, Türme vollen Monds, und dann wilde Schwingen, die vom Wirbelsturm her Ordnung wurden, Flug, zuckende Erhabenheit, und schließlich Abwesenheit, ein weißes Beben in der Leere.

Aus: Die Gedichte, Band 3. Luchterhand, 2009. Aus dem Spanischen von Erich Arendt. © Pablo Neruda, 1964 und Fundación Pablo Neruda.

Zu diesem Gedicht gehört eine Passage aus Pablo Nerudas Autobiografie, in der er über ein Erlebnis mit einem Schwan am Budi-See im Süden Chiles berichtet, wo er als Kind die Sommerferien verbrachte:

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«Ich werde Euch eine Vogelgeschichte erzählen. Auf dem Budi-See wurde wütend Jagd auf Schwäne gemacht. Man näherte sich ihnen heimlich in Booten, dann ruderte man rasch, rasch... Die Schwäne fliegen schwerfällig auf wie die Albatrosse, zuerst müssen sie auf dem Wasser Schlittschuh laufen. Schwerfällig heben sie die Flügel. Man holte sie ein und machte ihnen mit Knüttelhieben den Garaus. Man brachte mir einen halbtoten Schwan. Es war einer dieser wunderbaren Vögel, die ich nicht mehr auf der Welt gesehen habe, der Schwan mit schwarzem Hals. Ein Schneeschiff mit schlankem, wie mit einem engen schwarzen Seidenstrumpf bekleideten Hals. Der orangenfarbene Schnabel und die roten Augen. Es war am Meer, in Puerto Saavedra, Süd-Imperial. Man brachte ihn mir fast tot. Ich wusch seine Wunden und schob ihm Brot- und Fischbrocken in den Rachen. Er erbrach alles. Dennoch erholte er sich von seinen Verletzungen und begann zu begreifen, daß ich sein Freund war. Und ich begann zu begreifen, daß die Sehnsucht ihn töten würde. Ich trug den schweren Vogel in meinen Armen durch die Gassen und brachte ihn zum Fluß. Er schwamm ein wenig neben mir. Ich wollte, daß er fischte, und zeigte ihm die Steinchen am Grund, den Sand, auf dem die silbrigen Fische des Südens dahinglitten. Aber er blickte mit traurigen Augen in die Ferne. Jeden Tag, mehrmals, zwanzig Tage lang, brachte ich ihn zum Fluß und trug ihn nach Hause. Der Schwan war fast so groß wie ich. Eines Nachmittags war er versonnener als sonst, schwamm neben mir, aber ließ sich nicht von den Spitzmäusen ablenken, mit denen ich ihn wieder das Fischen lehren wollte. Er verhielt sich sehr still und so nahm ich ihn von neuem in die Arme, um ihn nach Hause zu tragen. Als ich ihn in Höhe meiner Brust hielt, fühlte ich, wie sich ein Band entschlang, wie etwas wie ein schwarzer Arm mein Gesicht streifte. Es war sein langer welliger Hals, der herabsank. So lernte ich, daß Schwäne nicht singen, wenn sie sterben.» Aus: Ich bekenne ich habe gelebt. Memoiren. Luchterhand, 1974. Aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason. © Pablo Neruda und Fundación Pablo Neruda, 1974, 2017.

Zusammengestellt von Regina Füchslin

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Spatzen Der Spatz gehört zu den Singvögeln, obwohl er nicht singt – jedenfalls nicht so, dass wir es als Singen empfinden. Aber er selbst wird oft besungen, und diese Gesänge bringen ihn meist mit Liebe in Verbindung. Unbestritten ist, dass er unsere literarische Zuwendung verdient hat. Er ist ein Lebenskünstler, obwohl er es nicht leicht hat, denn viel zu oft wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen!

Johann Gottfried Herder

Der verschiedene Gesang Einst schlug mit wundersüssem Schall Die klagenreiche Nachtigall. Ein muntrer Sperling hörte zu: «O säng ich, Nachtigall, wie du! Doch warum soll’s mir nicht gelingen? Ich will auch lernen also singen.»

Nicht so war’s die Nachtigall: «Was quälest du den Widerhall?» Sprach sie; «o bleib in deiner Art, Die meine lass mir aufgespart! Du tändelst froh, ich singe Schmerz; Wie der Gesang, so ist das Herz.»

Die Nachtigall spricht: «Nun, wohlan! Es singe, wer das singen kann! Denn nie war ich um Kunst bemüht, Nur aus dem Herzen quillt mein Lied. Nur meiner Liebe zarte Klagen Und tief Seufzer will ich sagen.»

Die Ihr der Sappho Töne wagt, Hört, was die Nachtigall Euch sagt! Ein muntrer Spatz, der seufzen will, – O, schwieg er mit den Seufzern still! Ein Lied voll Philomenens Schmerz Erfordert Philomenens Herz.

«Wenn Liebe den Gesang dir gibt, Wer ist mehr als der Spatz verliebt? Auch klagen kann ich.» Was geschieht? Der Sperling zirpt ein Klagelied, Und seine Buhle war zufrieden; Ihr war ein Sperlingsohr beschieden.

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Im Gespräch.

Foto: Meineresterampe/Pixabay

Christian Morgenstern

Die drei Spatzen In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch. Der Erich rechts und links der Franz und mittendrin der freche Hans. Sie haben die Augen zu, ganz zu, und obendrüber, da schneit es, hu! Sie rücken zusammen dicht an dicht. So warm wie der Hans hat’s niemand nicht. Sie hör’n alle drei ihrer Herzlein Gepoch. Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

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Catull

Carmen 2 Passer, deliciae meae puellae, quicum ludere, quem in sinu tenere, cui primum digitum dare appetenti et acris solet incitare morsus, cum desiderio meo nitenti carum nescio quid lubet iocari et solaciolum sui doloris, credo ut tum gravis acquiescat ardor: tecum ludere sicut ipsa possem et tristis animi levare curas!

Sperling, süssester Liebling meines Mädchens, Du, mit dem sie auf ihrem Schoße spielet, Dem sie, naht er, die Fingerspitze hinhält, Den zu mutigem Biss sie neckisch aufhetzt, Wenn es meiner so strahlend schönen Neigung Traute Scherze zu treiben in den Sinn kommt, Um ein wenig sich ihren Schmerz zu lindern Und die drückende Glut auch wohl zu sänft’gen. Könnt ich so wie sie selber mit dir spielen Und erleichtern des Herzens düstere Sorgen!

2b. … Tam gratum est mihi quam ferunt puellae Ist mir eben so lieb als einst der flinken Jungfrau war, wie man sagt, der goldene Apfel, pernici aureolum fuisse malum, Der den lange verschlossnen Gürtel löste. quod zonam soluit diu ligatam.

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Übersetzt von W. S.   Teuffel


Iwan Turgenjew

Der Sperling

Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her. Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen – heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee – und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen ausstreckend. Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich selbst! Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht … Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab. Mein Tresor hielt inne, wich zurück … Sichtlich begriff auch er diese Macht. Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich, Ehrfurcht im Herzen. Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe. Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben. Übersetzt von Th. Commichau

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Emily Dickinson

Her breast is fit for pearls, But I was not a «Diver» – Her brow is fit for thrones But I have not a crest. Her heart is fit for home – I – a Sparrow – build there Sweet of twigs and twine My perennial nest.

Ihre Brust ist für Perlen gemacht doch ich war kein «Taucher» – Ihre Stirn ist für Throne gemacht doch ich habe kein Wappen Ihr Herz ist für ein Heim gemacht – Ich – ein Sperling – baue dort süss von Reisig und Ranken mein beständiges Nest Übersetzt von Susanne Mathies

Zusammengestellt von Susanne Mathies

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Flugband.

Foto: Hans Linde /Pixabay

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Nachtigall – Symbol der Liebe Im Minnesang, der mittelalterlichen höfischen Liebeslyrik, spielen Vögel eine zentrale Rolle. Sie sind mit ihrem Gesang in gewisser Weise Vorbilder und Konkurrenten der Minnesänger. Die in der mittelhochdeutschen Sprache verfassten Lieder entstanden zwischen 1150 und 1300. Das Gedicht des Minnesängers Der von Kürenberg mit dem Titel Ich zôch mir einen valken (Ich zog mir einen Falken), geschrieben um 1160, ist ein Beispiel für den «hohen Minnesang». Der entflogene Falke, der nicht gezähmt werden kann und sich nicht binden lässt, ist ein Sinnbild für den Verlust des geliebten Menschen, der unerreichbar bleibt. Zur «hohen Minne» zählt auch das Lied Ez ist site der nahtegal (Es ist die Art der Nachtigall). Verfasser ist Heinrich von Morungen (um 1150–1222). Die Liebe zu einer schönen Frau bleibt unerwidert. Dem leidenden Minnesänger bleibt nichts anderes übrig, als seine verlorenen Jahre zu beklagen. Das Lied Under der linden (Unter der Linde) von Walther von der Vogelweide (1170–1230), entstanden um 1200, ist ein Beispiel für die «niedere Minne». Hier ist die Nachtigall die einzige Zeugin eines heimlichen Liebesaktes zwischen einer jungen Frau und ihrem Geliebten. Anders als in den beiden Liedern zuvor wird die Sehnsucht gestillt. Die Liebe findet ihre Erfüllung. Die Nachtigall mit ihrem wohltönenden, betörenden Gesang gilt in allen Kulturkreisen, in denen der Singvogel heimisch ist, als Symbol der Liebe, der Sehnsucht nach der Geliebten oder dem Geliebten. Das trifft auch für das Gedicht Bist du fremd hierhergezogen des türkischen Lyrikers und Mystikers Yunus Emre zu. Er wurde in Eskişehir in Anatolien um 1238 geboren und starb um 1321. Die Nachtigall hat über Jahrhunderte zahlreiche Dichter inspiriert, unter anderen auch Heinrich Heine (1797–1856). In seinem berühmten Gedicht Im Anfang war die Nachtigall wird der Vogel zum Symbol der Liebesfreude und des Liebesleides.

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Der von Kürenberg

Ich zôch mir einen valken Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr. Dô ich in gezamete, als ich in wolte hân, und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huob sich ûf vil hôhe und floug in anderiu lant. Sît 1 sach ich den valken schône fliegen. er fourte an sînem fuosse2 sîdîne3 riemen, und was im sîn gevidere alrôt guldîn4. Got sende si zesamene, die gelieb wellen gerne sîn

1 Später 2 Fuss 3 Seidene 4 Ganz rotgolden

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Heinrich von Morungen

Ez ist site1 der nahtegal, swanne sî ir liep2 volendet, sô geswîget sie. dur daz volge aber ich der swal3, diu durch liebe noch dur leide ir singen nie verlie. Sît daz ich nu singen sol, sô mac ich von schulden sprechen wol4: «ôwê,» daz ich ie sô vil gebat5 und geflêhte an eine stat6, dâ ich genâden nienen sê7! Swîge ich unde singe niet, sô sprechent sî, daz mir mîn singen zaeme baz8. sprich aber ich und singe ein liet, sômuoz ich dulden beide ir spot und ouch ir haz9. Wie sol man den nû geleben 10, die dem man mit schoener rede vergeben11? Ôwê, daz in ie sô wol gelanc,12 und ich lie dur si mînen sanc!13 ich wil singen aber als ê.14 Ôwê mîner besten zît und ôwê mîner liehten wunneclîchen tage! waz der an ir dienste lît!15 nu jâmert mich vil manger senelîcher klage16, die si hât von mir vernomen und ir nie ze herzen kunde komen. ôwê, mîniu gar verlornen jâr! diu riuwent mich für wâr. in verklage si niemer mê!17 Lied 7, Strophen 1–3

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1 Es ist die Art der Nachtigall 2 Liebe 3 So folge ich der Schwalbe 4 Kann ich wohl mit vollem Recht sagen 5 dass ich immer so inständig gebetet habe 6 und meine Wünsche dorthin richtete 7 Wo ich niemals Erfüllung finde 8 Mir stünde es besser an zu singen 9 Hass, Feindschaft 10 Sich verhalten 11 gegenüber denen, die mit schönen Worten Gift reichen 12 Dass es ihnen so gut gelang 13 Und ich ihretwegen den Minnesang aufgab 14 Ich will wieder singen wie zuvor 15 Wie viel Zeit habe ich in ihrem Dienst verbracht 16 Ich bereue manche sehnsuchtsvolle Klage 17 Ich will sie immerfort beklagen


Walther von der Vogelweide

Under der linden Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, dâ mugent ir vinden schône beide gebrochen bluomen und gras. vor dem walde in einem tal, tandaradei, schône sanc diu nahtegal.

Dô hât er gemachet alsô rîche von bluomen eine bettestat. des wirt noch gelachet inneclîche 3, kumt iemen an das selbe pfat. bî den rôsen er wol mac, tandaradei, merken, wâ mirs houbet lac4.

Ich kam gegangen zuo der ouwe 1, dô was mîn friedel2 komen ê. dâ wart ich enpfangen, hêre frouwe, daz ich bin saelig iemer mê. er kuste mich wol tûsent stunt, tandaradei, seht, wie rôt mir ist der munt.

Das er bî mir laege, wesses iemen 5, nun welle got6, sô schamt ich mich. wes er mit mir pflaege7, niemer niemen bevinde das8, wan er und ich und ein kleines vogellîn. tandaradei, das mac wol getriuwe9 sîn.

1 Aue 2 Liebster 3 Inniglich, herzlich 4 Wo mein Haupt lag 5 Wüsste es jemand 6 Das verhüte Gott 7 Was er mir angetan hat 8 Niemals sollte jemand das erfahren 9 Verschwiegen

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Yunus Emre

Bist du denn fremd hierhergezogen – Ach, warum weinst du, Nachtigall? Und hast ermattet dich verflogen? Ach, warum weinst du, Nachtigall? Hast hohe Berge überschritten? Bist über Flüsse tief geglitten? Hast Trennung du vom Freund erlitten? Ach, warum weinst du, Nachtigall? Ach, wie so bitter klingt dein Flehen! Neu lässt du meinen Schmerz erstehen! Du möchtest deinen Freund wohl sehen? Ach, warum weinst du, Nachtigall? Du kannst doch deine Flügel breiten Und kannst sie ja zum Fluge weiten Und alle Schleier überschreiten! Ach, warum weinst du, Nachtigall? Du wohnst im Lenz im Rosenhage, Dir duften Blüten alle Tage, Doch immer neu klingt deine Klage: Ach, warum weinst du, Nachtigall? Ihr Augen, die im Schlafe ruhten, Erwachend hebt ihr an zu bluten – Mein Herz entbrennt in hellen Gluten – Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Yunus Emre (ca. 1238–1321) lebte in Anatolien und schrieb in türkischer Sprache. Das Gedicht ist dem Band entnommen: Das ist die Nachtigall, sie singt. Eine Versammlung der Vögel, einberufen von Elisabeth Borchers. Insel-Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 2004.

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