Skip to main content

orte 205

Page 1

orte Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 205, März 2020 ISBN 978-3-85830-267-0; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Fotos aus dem Nachlass Paul Haller im Staatsarchiv des Kantons Aargau) Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial

inhaltsverzeichnis orte

«Dass alle Kunst aus dem Innersten fliessen muss …» Paul Haller (1882–1920)   5 Einleitung

Christian Haller

7 Das Mundartdrama Marie und Robert

Regina Füchslin

12 ’s Juramareili und seine Geister

Viviane Egli

19 Unter der Treppe – Eine Jugendfestgeschichte Annekatrin Ranft-Rehfeldt

23 Wortfächer «Schmützli gits ekäis» von Paul Haller

Hans Ulrich Glarner

24 «Kais Stärndli schickt e Häiteri» – Paul Hallers grosse Mundartdichtung, sein Schmerz, seine Leiden und sein früher Tod

Fridolin Stähli

Erwin Messmer

32 Gedichte von Paul Haller, Auswahl

41 «De Fluss, mit dunkelschwarzen Auge gseh» Christian Haller, Jörg Meier, zeitgenössische Haller-Paraphrasen Silvia Trummer, Andreas Neeser, Hansjörg Schertenleib 51 Bio-Bibliographie

52 Werkstattgespräch mit Christian Haller 56 orte-bestenliste 59 hör-orte 61 fund-orte zu Bruce Lawder 68 orte-bücherregal 74 orte-galerie 78 ortolan 83 orte-agenda: Gedenkfeiern für Paul Haller 84 orte-zitat 86 orte-longseller 88 orte-marktplatz

Annekatrin Ranft-Rehfeldt Elia Binelli Peter K. Wehrli Florian Bissig Bernd Steiner, Steffen Diebold Markus Manfred Jung

1


PRO LYRICA CH-LYRIK-PLATTFORM ‹Ich habe es nicht gesehen, obwohl es mir vor Augen war.› Martina Caluori, aus ‹Frag den Moment›, 2019

Lyrikschreibende und Lyriklesende können genau dies: ‹Mehr sehen als das, was vor ihren Augen ist›. Seit 30 Jahren unterstützt PRO LYRICA diese Fähigkeit, genauso wie orte. Eine Fähigkeit, hinter der Hast und hinter dem Lärm die Grautöne, die Schönheiten und das Ungesagte deutlich zu machen. PRO LYRICA fördert Lyrikschreibende, lektoriert und publiziert Gedichte, unterstützt in Foren, Seminaren und Workshops und bietet regelmässig Lesegelegenheiten an. Dadurch hat sich PRO LYRICA in den letzten Jahren zu einer wichtigen Plattform für das Schweizer-Lyrik-Geschehen entwickelt. Mehr sehen: prolyrica.ch Mehr lesen: prolyrica.com

prl_ins_orte_standard_bel3.indd 1

22.01.20 16:28

kluge texte glückliche Kunst schöne worte filigrane Musik buchstaben Suppe 1

KUNSTMUSEUM APPENZELL KUNSTHALLE ZIEGELHÜTTE APPENZELL

h-gebertka.ch

2019_Inserat_Orte_HEGEKA_121x88_Graustufen.indd 1

2

22.08.19 11:10


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Nebelfelder und Tautropfenwiesen sind Naturbilder, die einen allmorgendlich begrüssen, wenn man im Kanton Aargau mit dem Zug in den Sonnenaufgang fährt. Diese mystischen Landschaften faszinieren und geben dem Anblick eine Spiritualität, die zum Nachdenken anregt. So wird es dem Schweizer Schriftsteller Paul Haller ergangen sein, der im Kanton Aargau aufgewachsen und bis zu seinem Tod vor 100 Jahren immer wieder zwischen seiner Heimat und dem aufstrebenden Zürich pendelte. Seine literarischen Werke in Brugger Mundart verbinden das einstmals karge Leben im aargauischen Dreistromland mit der weichen und verhaltenen Landschaft des Jura. Anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Todestag des Dichters im Jahr 2020 gestaltet orte gemeinsam mit der Paul-Haller-Gesellschaft diese Ausgabe. Wir danken allen Beteiligten der Aargauer Paul-Haller-Gesellschaft, Professor Dr. Fridolin Stähli, dem Schriftsteller Christian Haller und dem Aargauer Staatsarchiv für ihre freundliche Unterstützung und Mitarbeit. Ein grosser Dank gilt auch dem Salontheater «Herzbaracke» in Zürich, das exklusiv für orte die Aufführung des Epos ’s Juramareili, rezitiert durch den Schauspieler Thomas Hostettler, veranstaltet.

Neue Lesefelder und Gedankenbilder breiten sich auch in unseren orte-Rubriken aus. Wir haben eine neue Leserrubrik – das orte-zitat – lanciert, in der Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns Ihre Lieblingszitate zu Landschaftsbildern zuschicken können, die wir jeweils in den Folgenummern publizieren werden. Schriftsteller Christian Haller ist unserer Einladung zum Werkstattgespräch gefolgt und Rapper Elia Binelli verrät seine Lesefavoriten. Zu guter Letzt wird neben hör-orte, fundorte, orte-bücherregal und orte-galerie ein neues «Mitglied» unserer Redaktion sein Nest bauen. Frisch fröhlich zwitschert der ortolan – unser Hausvogel – in Mundart zwischen den Blättern dieses und zukünftiger orte-Hefte. Wir danken Cartoonistin Magi Wechsler für die ­bildnerische Gestaltung unseres Neuankömmlings. Und nun laden wir Sie ein, Ihre Gedanken schweifen zu lassen und der poetischen Kraft von Paul Hallers Mundartdichtungen zu begegnen. Wir wünschen «chaibe gueti» Leseerlebnisse und grüssen Sie herzlichst Annekatrin Ranft-Rehfeldt

3


«DASS ALLE KUN AUS DEM INNER ST FLIESSEN MUSSSTEN …» Paul Haller (1882–1920)

Paul Haller an seinem Schreibtisch, Wettingerzeit 1916–1920. Die Quelle zum Titel: «Dass alle Kunst aus dem Innersten fliessen muss …» – Paul Haller an die Sängerin Emmy Heim aus Wien in einem Brief vom 19. August 1919 (Paul Haller, Ges. Werke, 1956, Sauerländer, S. 484).


Paul Haller, mit seinem eher schmalen Werk, hat etwas Einzigartiges in der Schweizer Literatur geschaffen: Den Umbruch einer Landschaft mit den in ihr verwurzelten Menschen in seine Brugger Mundart zu übersetzen, sie zu versprachlichen, ohne zu werten, ohne belehrende Absicht oder richtendes Urteil. In den Versen und Dialogen ist die Atmosphäre, Lebensfärbung und Befindlichkeit einer Zeit aufgehoben, in der eine ländliche Gesellschaft sich der zunehmenden Industrialisierung gegenüber sieht. Sowohl im Epos s Juramareili wie im Theaterstück Marie und Robert ist dieser Wandel mit seinen Erschütterungen als Tiefenbeben in den Texten spürbar, und es schickt Irritationen in die individuellen Konflikte, verstört, verunsichert, verwirrt zusätzlich die Menschen. Denn es gehört zur Dichtung Paul Hallers, dass seine Figuren in Widersprüche, unvereinbare Lebensprinzipien und Glaubensgrundsätze verstrickt sind, die den Leser – geneigt Partei zu ergreifen – hilfund ratlos machen. Diese frei von einer Wertung dargelegten Lebenssituationen machen die Dichtungen Paul Hallers einzigartig. Was mich sein Werk schätzen lehrte, beruhte auf eigenen Spracherlebnissen. Als ich acht Jahre alt war, ist meine Familie von Basel nach dem aargauischen Suhr umgezogen. Ich kam nicht nur aus dem städtischen Milieu in ein damals noch ländlich-bäurisches Dorf, ich begegnete auch einer Sprache, die mir fremd war. Ich tat gut daran, mein «Baseldytsch» schnell zu vergessen und mich dem Dialekt anzupassen, in dem man statt einkaufen «posten» sagte und im Auto nicht mitfahren, sondern «mitryte» wollte. Ich lernte bei den nun häufigen Familientreffen die derbe Seite dieser Sprache kennen: Eine von Bosheit, Unterstellung und stets ange-


nommener mieser Absicht des Gegenüber geprägtes Reden, das im Ton hoch ansetzt und abschätzig nach der höhnisch tieferen Lage führt. Dieser Sprachgestus, den es heute kaum noch so ausgeprägt gibt, findet sich in Paul Hallers Werk wunderbar aufbewahrt. Eine zweite Spracheigenheit, die ich selbst noch gehört und verabscheut hatte, ist ebenfalls grossartig eingefangen: Das bigotte, verlogene Schmeicheln, um das Gegenüber für sich einzunehmen. Auch das kannte ich von den familiären «Schlachten», wie ich die Zusammenkünfte nannte. Doch etwas kannte ich nicht und entdeckte es durch Paul Haller in seinem Werk: Die poetische Kraft, die diese Sprache auch hat, ja, dass sie singen und klingen kann. Ihre Wörter lassen lichte Juraberge aufwölben, bringen Flüsse zu wirbelnden Strömen und Licht zum Leuchten, dass mir beim Lesen die Seele aufging und ich auf gut Aargauisch zu mir sagte: Gottfriedstudechnebel, das esch so chaibe schön, dass «me dichte chönnt, wen s äin verstiehnd». Einer hat’s verstanden: Paul Haller. Christian Haller

6

Sonntag 8. März 2020, 13.00 Uhr, im Salon Theater «Herzbaracke», auf dem See am Bellevue

Dienstag 10. März 2020, 18.45 bzw. 20.00 Uhr, Aargauer Literaturhaus Lenzburg

«’s Juramareili» Thomas Hostettler, Schauspieler und Regisseur, hat sich dem Juramareili verschrieben. Seine Rezitation von Hallers Epos im authentischen Aargauer Dialekt geht nah. Begleitet von Lorenz Mühlemanns Musik auf alten Instrumenten, lebt das junge Juramareili durch Thomas Hostettlers Stimme auf, es ist präsent und berührt fein und heftig. Tickets: www.herzbaracke.ch oder 044 380 5 380.

«Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag von Paul Haller» Film (Beginn 18.45 Uhr) – ab 20.00 Uhr Podiumsgespräch – Lesungen – Vernissage «Wortfächer Schmützli gits ekäis» von Paul Haller mit Sascha Garzetti, Hansueli Glarner, Christian Haller, Anna Papst, Claudia Storz, Michael Wolf. www.aargauer-literaturhaus.ch


«Stärben ischt nüt – aber läbe, zweu bin enand Tag und Nacht und käis im andere dörfen i d Auge luege» Das Mundartdrama Marie und Robert

Nachdem Paul Haller sein zweites Studium abgeschlossen hatte, war er von 1913 bis 1916 Lehrer für Deutsch, Geschichte und Geographie an der Evangelischen Lehranstalt in Schiers im Prättigau. In dieser Zeit hat er das Mundartdrama Marie und Robert geschrieben, das von einem eigenen Erlebnis ausging. In einem Brief an die Mutter vom 5. März 1916 schreibt er: «Niemand weiss, wie sehr diese Handlung aus meinem eigenen Erleben und aus meiner Seele heraus geboren ist.» Im Zentrum des Stücks stehen Marie und Robert. Sie lieben sich, sind aber durch die Lebensumstände getrennt und Marie hat einen anderen geheiratet. Daneben scheinen soziale Themen auf – ein Streik in der Fabrik, in der Robert arbeitet oder Spannungen zwischen Bauern und Arbeitern. Auch in diesem Text wird deutlich, wie genau Haller die Sorgen der Leute kannte. Haller war mit dem Stück sehr zufrieden. In einem Brief an seinen Bruder schreibt er kurz nach Abschluss der Arbeit: «Ich möchte Dir eigentlich nur etwas von meinem Drama berichten, das ist für mich das Tagesereignis (…) Es ist wirklich drama-

tisch, und das ist ja die Hauptsache. Die Entwicklung ist mir denn auch ziemlich leicht und ganz natürlich aus dem Stoff herausgefallen. (…) Kurz, ich habe rechte Freude. Endlich etwas! Und dass die Mundart auch zum ernsten Drama sich eignet, das steht mir jetzt fest. Hoffentlich gilt der Beweis überhaupt.» Paul Haller hat mit der Verwendung der Mundart für einen derart schweren Stoff Neuland betreten. Es gab zwar auch zuvor schon Versuche zu ernsten Dialektschauspielen, die aber an Leidenschaft und Dramatik niemals an Marie und Robert heranreichten. Vielmehr wurde der Dialekt fast ausschliesslich für Lustspiele gebraucht. Das wurde auch bei der ersten Aufführung des Stücks durch den Dramatischen Verein von Aarau 1917 deutlich. Haller, der damals bereits in Wettingen unterrichtete, schrieb darüber an einen ehemaligen Kollegen in Schiers: «Der 3. Akt wirkte, wie ich gehofft, mit grosser Wucht. Er dauerte 55 Minuten und doch hielt er das Publikum bis zum Schluss in atemloser Stille. Beim ersten Akt wurde mir die Stimmung bedenklich verdorben, als ich sah, dass die Alte [Roberts Mutter] allzu

7


komisch aufgefasst wurde. Es war ein gewisses Publikum da, das ein Lustspiel suchte, und leider war die Darstellerin an dem Lacherfolg nicht ganz unschuldig, da sie da und dort etwas karikierte. Auch im 2. Akt setzte sich diese Wirkung fort, sodass ich für den Schluss in grosser Angst war. Der Abschluss hat dann aber eingeschlagen. Bei ganz gutem Spiel müsste dieser Schluss noch viel stärker wirken.» Tatsächlich dürfte sich kaum ein Leser, kaum eine Zuschauerin der Wirkung dieses dritten Aktes entziehen können, in dem Marie und Robert hin- und hergerissen sind zwischen immer wieder aufflammender, mächtiger Liebe einerseits und Vernunft, Skrupel und Moral auf der anderen Seite. Schauplatz des Dramas ist die Stube des kleinen Hauses, in dem Robert mit seiner betagten Mutter wohnt. Marie lebt im benachbarten Wirtshaus, zusammen mit ihrem reichen, aber brutalen und oft betrunkenen Mann Theophil Leder und zwei kleinen Mädchen, Miggi und Berteli. Die Ehe zwischen Marie und Theophil ist sehr unglücklich. Das mit Schulden belastete Haus hat Robert von seinem Vater geerbt. Die Zinsen muss er ausgerechnet Theophil bezahlen, der ihn auch noch von oben herab behandelt. Robert ist gut und aufrichtig, allerdings sehr zurückhaltend und wenig entscheidungsfreudig. Im ersten Akt kann er sich nicht entschliessen, sich am Streik in der Fabrik zu beteiligen, obwohl er seinen streikenden Kollegen Recht gibt. Im zweiten Akt macht er im letzten Moment beim Hausverkauf einen Rückzieher und gibt den Gedanken aus-

8

zuwandern wieder auf, auch aus Rücksicht auf seine Mutter, für die es ein grosses Unglück wäre, gegen Ende ihres Lebens noch aus dem Haus zu müssen. Robert bleibt so in den unglücklichen Verhältnissen gefangen. Als Marie Robert einmal mit Geld aushelfen will, entdeckt Theophil die Verbindung zwischen den beiden und bedroht seine Frau. In Robert entlädt sich die ganze aufgestaute Wut auf den Nebenbuhler und Unterdrücker. Er wirft Theophil im Streit auf eine Pflugschar, so dass dieser das Genick bricht. Marie, die alles gesehen hat, legt vor Gericht einen Meineid ab, in dem sie beteuert, ihr Mann sei durch unglückliche Umstände ums Leben gekommen, Robert treffe keine Schuld. Dieser kommt frei. Marie ist froh, nach zwölf Jahren unglücklicher Ehe von Theophil befreit zu sein und möchte mit Robert, trotz des dunklen Geheimnisses, das die beiden mit­ einander teilen, zusammenleben. Sie wäre auch bereit, für ihre Liebe die beiden Kinder zu opfern. Auch Robert ist noch immer von Marie angezogen und träumt davon, mit ihr zusammen zu sein. Dann aber überwiegen seine moralischen Bedenken: Wie sollte er den beiden Kindern von Marie und Theophil ein Vater sein können, nachdem er ihnen den leiblichen Vater getötet hat? Er stellt Miggi wie einen Schild zwischen sich und die geliebte Frau und schwört, dass er niemals über die Kinder hinweg mit ihr zusammen sein werde. Daraufhin bricht Marie zusammen.


Aus dem dritten Akt (nachdem Robert Marie gestanden hat, dass er Theophil mit Mordabsicht auf den Pflug geworfen hat):

Marie

(mit gedämpfter Stimme, aber fest). Du hescht mr alls verzellt, Röbi – Ufrichtigkäit gägen Ufrichtigkäit. Mäinscht, i häig d Auge nid by mr gha? Alls hani gseh. I ha dr Aid to und ha gwüsst, as er faltsch ischt. Robert Das ischt nid wohr, das glaub dr hütt nid und morn nid! Wenn d mi no nie agloge hescht, iez hescht mr nid d Woret gsäit. So öppis hescht nid gmacht! Gloge hescht – säg: i ha gloge! Marie (sich setzend), Glaub s oder nid, das tuet nüt drzue und nimmt nüt drvo. – – – Röbi, wäischt worum as i s gmacht ha? Robert (zu ihren Füssen fallend, das Haupt in ihren Schoss verbergend). I wäiss jo – – i ha s jo immer gwüsst, as d mi lieb hescht. Z Nacht hani s gwüsst und am Tag hani s gwüsst – du Liebi, du Myni! Glaub s doch nid, glaub s doch niemerem, as d mr nid lieb seigischt! (Seine Worte gehen in Schluchzen über, sein Leib zuckt und zittert an ihren Knien. Sie streicht ihm liebevoll mit der Hand übers Haupt, ihre Stimme klingt träumerisch, wie aus weiter Ferne.) Marie Im Früehlig isch es zwölf Johr gsi. – Wäischt no du? A mene schöne Morge, wo mr no zämen i d Stadt ie uf d Arbet sind. Silbernäbel im Schachen und die goldig Sunne drüber ewägg, die erschte Lerchen im Glanzhimel obe, Schlüsselblüemli zäntume ganzi Matte voll und Chriesibluescht schneewyss uf de Bäumen und ufem Wäg, as me d Füess drinn gschläikt het – Bluescht und Bluescht und Bluescht. – (Robert bleibt schweigend, den Kopf in ihren Kleidern vergraben.) Wen i e Bitt chönnt tue, zwölf Johr müessten ewägg zwüschen use, gstrichen und verrisse – denn wetti wider dert afeh, wo mr säbmol ufghört händ, im Schachewägli, im Chriesibluescht, under de grüene Widebösche. (Sie streicht wieder über sein Haupt, ihre Finger spielen mit seinen Haaren. Dann nimmt ihr Gesicht plötzlich einen härteren Ausdruck an.) Worum nid? Worum het er käi Verbarme mit is? S Läbe het er is geh und d Wält und alli gueten und böse Gedanke, nume s Zruggläse het er verbotte. Käis Jöhrli, käis Wörtli, käis Fingerverrode! Jedi Minute müem`mr mitschläike, wo hinder is lyt, du und i, vo färn a und vorfärn und vürsi bis d Wält undergoht. (Robert hebt den Kopf und blickt sie an, ihre Rede mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgend.) S ist nid anderscht, es ischt mr, mr seige wyt ufem Meer uss eläiggen i mene ­chlyne Schiffli, du und i, Sturm und Wällen ob und under is, Blitz und Donner, niemer cha hälfe und wenn si s no chönnte – ghörscht, wie sie

9


Aufführung des Stücks durch das Heimatschutztheater Glarus.

rüefen am Ufer: Niemer darf z Hülf; were si `blibe, wo mir sind, mir di Braven und Fromme! – Und iez wider d Wälle, Röbi, hushöch und bärgteuf, uf und ab mitem Schiffli, teufer und teufer i d Wasserwüeschti. Käin Möntsch und käin Hergott, nume mir zweu, du und i – du und i – de Röbi und d Marei – Robert (mit flammenden Augen ihre Gestalt verschlingend und leidenschaftlich ihre Rede fortsetzend). Und denn dert uss, zwüsche Läben und Tod, dr Abgrund under is, dert bischt myne, Marei – dert sind alli zwölf Johr versunken und vergange – dert ischt niemer meh zwüschen is – s Wätter toset, s Wasser brönnt vom Blitz, wo drinn badet, äis Für die ganz Wält; Himel, Ärde, Höll zu äim Chlumpe verschmulze – dert wirdi, was i no nie gsi bi – dert machi, was i no nie gmacht ha – dert gischt mr, was d mr no nie `geh hescht – dert sim`mr nume no äin Möntsch, du und i, wer wil is us enand rysse? Marie (zitternd vor Erregung, sein Haupt umfassend). Jo – – jo – – Röbi – Robert (wiederum seinen Kopf in ihrem Schoss bergend, dann, nach einigen stummen Augenblicken, plötzlich aufspringend, zurückweichend). Was hani gsäit? Bin i das gsi, wo do gredt het? (Sich im Zimmer umsehend.) Ischt niemer do? – – Käin Möntsch. – – Du dert im Egge hinde, bischt du wider do? Los nid uf en, Marei, was de säit, dem vermag i mi nüt! Das chunt vo näume, wo de Schödler Röbi nid dehäimen ischt. – Nid dehäime? Wäisi, won i iez highöre? (Seine Hand betrachtend.) Bluet? Lueg, wi s tropfet ab mr abe, es ischt mr, de Bode seig rot bis vor d Tür usen und veruss erscht rächt. – Veruss, bi euch äne. – Los, du, stoht nid

10


Marie Robert Marie

Robert Marie Robert

Marie Robert Marie Robert Marie Robert

de Pflueg no dert? Es ischt mr, i häig s gseh glänze, won i häicho bi, vo dr Pfluegschar. De mues mr furt, hütt no! (Er steht von ihr abgewandt, nachdenklich, hie und da zusammenschauernd. Marie sitzt mit bennenden Augen, unbeweglich.) Marei, iez wirscht sälber begryfen, as i nümm cha do sy. Was sötte mir zweu iez no näben enand? Was mr immer hätte sölle: enand liebha. Immer sölle? Wäischt, was es geb drus? (mit grosser Wärme): Was du nid kennscht und i no nie gha ha: es grosses Glück. (Robert schüttelt den Kopf.) Röbi, worum underäinischt käin Glaube meh? (Lächelnd.) Gfall dr öppe nümm? De gfallscht mr wie käini, glaub doch nid settigs! Aber d Chind, Marei, dyni Chind! Di ganzi Zyt muesi a d Chind dänke. (mit gesenkten Augen): Müend si nid wider en Vatter ha? Aber nid so äine. De Vatter z todschloh und d Chind i d Arm neh? D Auge, di glychen Auge, und die glänzig Pfluegschar drhinder! Zwüschen eus lyt es Wältmeer! Wyter as d Sunn im Himel obe, sim`mir von enand ewägg. An enand `bunde sim`mr, wenn d Wält us enand goht, mir blybe zäme. Mord und Mäinäid – das sprengt dr Rübis und Stübis us enand. Dinamit ischt es Gfätterlizüg. Mord und Mäinäid – das stoht uf dr glyche Syte. Chum mit mr vor Gricht, si tüend is as glych Ort. Stärben ischt nüt – aber läbe, zweu bin enand Tag und Nacht und käis im andere dörfen i d Auge luege – Es grusigs Ghäimnis, Robärt! Äis eläigge wurd s töde, zweu lüpfe s wi nüt. S Schönscht i dr Liebi ischt das, wo niemer darf wüsse. Zu dem bini nid gmacht. Wenn du das chönntischt, so bini es Chind gäg dr.

(…) Zusammengestellt von Regina Füchslin

11


’s Juramareili und seine Geister

In seinem autobiografischen Buch Kind der Aare widmet Schriftsteller Hansjörg Schneider Paul Haller und dessen Mundartepos ’s Juramareili beeindruckende Gedanken, es ist eine Hommage der wahren Art: «1911 erschien sein Versepos ’s Juramareili, 1916 sein Theaterstück Marie und Robert. Es wurde 1917 vom Aarauer Dramatischen Verein uraufgeführt. Eine Berufsbühne, wie in allen größeren Städten üblich, gab es im Aargau nicht. Diese beiden Texte gehören, neben einer Handvoll Gedichte, zum Besten, was die Schweizer Literatur zu bieten hat. Trotzdem kennt sie fast niemand. Denn sie sind in Brugger Mundart verfasst. Marie und Robert wurde zwar mehrfach von professionellen Bühnen nachgespielt, vom Zürcher Schauspielhaus zweimal. Dennoch gilt Haller als zweitrangiger Autor, da Mundart bis heute als zweitrangig gilt. Wenn es ernst wird, so die landläufige Meinung, muss es Hochdeutsch sein. Aber Mundart ist eben auch eine schöne, poetische Sprache. Wir Deutschschweizer drücken alles, was wir sagen wollen, in Mundart aus. Und wenn ein begnadeter Autor kommt und seine Geschichten in Mundart erzählt, entsteht auch aus Mundart Literatur. Im Theater geht das gut, weil

12

man die Wörter hört und nicht langsam entziffern muss. Muss man aber Mundart lesen, wird es mühsam. Besonders wenn man einen anderen Dialekt spricht. Deshalb gilt Paul Haller noch heute als lokaler Aargauer Autor. … … Er war ein hochbegabter Intellektueller, der dem christlichen Sozialismus des Theologen Ragaz nahestand. Er hat nicht die Bauernsame verherrlicht, sondern sehr genau die entwurzelte, verarmte Arbeiterschaft seiner Umgebung beschrieben. Das Juramareili zum Beispiel stammt aus der ärmsten Gesellschaftsschicht. Es wächst in Not und Elend auf und hat keine Chance auf ein erfülltes Leben. Es stirbt jung an Schwindsucht. … … Paul Haller hat auch hochdeutsche Texte geschrieben. Sie sind allerdings zweitrangig. Dass er zur eigenen Mundart griff, um seine eigene Wahrheit auszudrücken, grenzt an ein Wunder. Er musste doch wissen, dass er damit seinen Wirkungsbereich einschränkte. Zudem hatte er in seiner Mundart keine adäquaten Vorbilder. Und mit dem Juramareili auch noch ein Versepos in klassischen Blankversen, kaum zu glauben. Offenbar hat er quälend lange nach einer eigenen Sprache gesucht, nach einer Volkssprache. Als er sie in der


Kirche von Kirchberg, wo Paul Haller von 1906–1910 Pfarrer war.

eigenen Mundart fand, sprudelte es aus ihm heraus, bis die Quelle versiegt war. Er hat, ähnlich wie Johann Peter Hebel, nur kurze Zeit in Mundart geschrieben. Vielleicht hängt die Schmalheit von Paul Hallers Werk aber auch mit seinem Aargauer Wesen zusammen. Wer schreibt und dies bei kühlem Verstand tut, erzittert vorerst einmal vor Angst. Denn er weiß, dass er sich damit in eine kühne Ahnenreihe stellt. Dass er den Anspruch erhebt, mit der eigenen Feder Literatur herzustellen. Dieser Anspruch lässt manchen schon vor dem ersten Wort erlahmen. Nicht viele haben die Kraft, sich dieser Hybris zu stellen. In Zürich gab es Gottfried Keller, im Emmental Jeremias Gotthelf, in Basel Jakob Burckhardt. Wen gab es im Aargau? War es im Aargau überhaupt gestattet, Literatur herzustellen? Erlaubten die Gnädigen Herren solch eine Anmaßung?

Der vier Jahre ältere Robert Walser hat, so nehme ich an, die Angst vor dieser Hybris ebenfalls gekannt. Deshalb hat er sich so klein gemacht, kleiner geht nicht. Und ist gerade deshalb so groß geworden. Der vierzehn Jahre jüngere Friedrich Glauser hat sich ebenfalls kleingemacht, indem er vor allem Kriminalromane und ähnlich unseriöses Zeug schrieb. Auch er ist dadurch groß geworden. Vielleicht hat Paul Haller deshalb zur Mundart gegriffen, weil er sich ebenfalls kleinmachen wollte. Mundart war doch wohl noch gestattet. Mundart ging nur die Leute etwas an, die diese Mundart sprachen. Gerade diese Bescheidenheit hat Haller groß gemacht. Wir alle, die wir aus dem Aargau kommen und schreiben, lieben und verehren Paul Haller.» Aus: Hansjörg Schneider Kind der Aare, Diogenes Verlag AG, Zürich 2018.

13


Ein weiterer Liebender und Verehrender von Paul Haller und dessen Juramareili ist Regisseur, Schauspieler und Autor Thomas Hostettler (siehe auch Seite 6): «(1882 – 1920), was numen achtedrissgi isch dä worde, ein Dichter aus dem Kanton Aargau … ich blättere in einer alten Gesamtausgabe. Auf einem Ölgemälde, das ihn porträtiert, blickt er mehr nach innen als nach aussen. Eine hohe Stirne dominiert, die Ohren sitzen seltsam tief, die Nase lang, die Haare schütter, über

ungeküssten Lippen hängt ein Schnauz, ein melancholischer. Die Köperhaltung schräg, weissgestärktes Hemd, Krawatte um den Hals, was heisst Kravatte: Vatermörder.» Dies schrieb Thomas Hostettler vor zehn Jahren über den von ihm verehrten Paul Haller, über seinen Seelenverwandten sozusagen. Thomas Hostettler hat für «orte» diese zwei Auszüge, beides Sterbeszenen, aus dem Juramareili gewählt:

Do z nacht het d Mueter grüsli müesse wueschte, Und erscht vom äis ewägg ischt Ruejh und Schlof I d Chamer cho. S Mareili isch no uf Und um si gsi und mängischt het s es ’dunkt, Es plog si öppis böses obem Schlofe Und wen si öppis redi, seig s vom Vatter. Veruß isch feischter gsi, de Wind het schurig Sis Lied um d Egge gstöhnt, und i dr Chamer Händ es und s Anni glost, wi d Mueter schnufet. E Stund lang isch es mit em Chind im Schoos, Won au vertschlofen ischt, drnäbe gsässe, Und wen s as Förchte ’dänkt hätt, hätt s em gförcht. Am zweu het s gmäint, iez seig si wider wach; Si het dr Arm ufgha und het em d Hand Uf d Stirne gläit, wi wen si s sträichle wett. Den sind em sälber d Augedeckel gsunke, Und wo s verwachet, ghört s kes Schnufe meh As das vom Anneli. «Iez schloft si lys», Het s ’dänkt und lost no äinischt und verschrickt. Wi wen em under äinischt s äignig Herz Abghänkt und ufghört hätt, so isch s em worde. S het «Mueter» grüeft und gmäint, si mües verwache, Es het si gschüttlet, a de Hände zehrt, Und wider grüeft und s Anni het em ghulfe. Ganz still isch d Mueter i dr Decki gläge Und het de Chinde nümmen Antwort ’geh.

14


S Mareili het dr totne Mueter gluegt, Wi wen si läbig wer; es ischt em gsi, Si ghöri s no und gsäch s und häig no Freud, Wen s um si seig, wi wo si chrank gsi ischt. Den händ si d Manne gholt und usem Hus Durs Dorf ab träit und gäg dr Chilen use. Wi graui Umhäng sind die schwere Wulke De Bärge noh und i de Bäume ghanget, Und müed het d Glogge s Toteliedli gsunge, Wi wen si chuum de Chale gschwinge möcht. S sind nume Wyber mit dr Mueter z Lycht Und z hinderscht d Chind, s Mareili, s Anneli Und d Bäsi mitene. Im Chilhof obe Het d Mueter scho es Bett im Bode gha. De Sigerscht het s verstande, wine Frau, Wo irer Läbtig gschafft und gräblet het, Am beschte lyt zum langen Ärdeschlof Und het si langsam wäich i d Chüssi gläit. Hert näbem Mürli isch si z ligge cho, Wo s gäg dr Aaren ussenabe goht Und wo me grad no d Chiletör mag gseh. Und tief im Bode het er si vergrabe. Won au kes Tönli meh von euser Wält Het mögen abegcho. Dert het si gruehjet Und glost, öb öppe nid vo diser Syte E schöneri Musig chöm. *** So het s Mareili z obe d Wält vergässe, Und s Stärbe wer em gsi, wi we me gärn Es alts verdräckets Chläid uf d Syte hänkt Und inen neue warme Chittel schlüft. Am Morgen aber het s dr Bäsi grüeft: «Das möchti glych no wüsse, wägem Hans, Worum as de nid cho ischt a dem Sundig.»

15


«Er het dänk gfrogt, den händ em d Lüt scho lang Vo diner Chranket zellt», het d Bäsi gmäint. Do lachet s halb: «Wen s nume das ischt, Hans, So ha di glych no lieb.» Den handcherum Het s wider lislig ’briegget i dr Decki. Und under Tags het s hundert mol im Hans Di liebschte Näme grüeft. Wo z obe spot No s Emmi chunnt, so het s em s müesse säge: «De wäischt jo wäge mym, wo a dem Sundig Nid isch cho tanze. Lueg, i möcht no wüsse, Öb s wäg dr Chranket ischt. Er het dänk ehnder Es anders, wonem gfallt.» «Das wäisi bald», Het s Emmi gsäit, «i kenne mängs det äne; Heb no Gedult bis morn, den muesch es wüsse.» Do z nacht het s numen a sim Hans gstudiert, Und d Yfersucht het s wi mit Chettene As Läbe ’bunden und em s Härz verschnüert. S het nüt meh glaubt, was s geschter gsäit gha het, Und mängischt grüeft, es seig no z jung zum Stärbe. Wen s d Bäsi tröschtet het, so isch es wider Verschrocken ab dr äigne böse Schwechi, Am halbi vieri isch es rüehjig worde, Und usem Egge näb dr Stubetör Isch öppis wi uf Gäischterfüeße cho. E wyßi Gstalt het d Chamer häiter gmacht Und het im Chind e Hand uf d Stirne gläit. S het gwüßt: das isch mi Mueter. Wi im Himel Isch s worden ums, ke Angscht, ke Yfersucht Kes böses Gwüsse het s meh chönne ha. Si het kes Wörtli gsäit und doch het s gmäint, Es ghör si rede, lieb und guet wi ame, Näi lieber, besser, wi me s nid cha säge. Den isch si zuenem gläge. Warm und z fride Händ beedi zäme gschnufet wi vor Zyte, Wo s Chind am Sundigmorge zu dr Mueter

16


I d Chüssi gschloffen ischt. – Dr ander Tag Het s nüt meh gchlagt und numen öppe gsäit: «Ietz stirbi gärn, i goh jo zu dr Mueter.» Den händ em d Auge glänzt vor Säligkäit. Vom Hans het s gsäit: «Ir müend nid mäine, Bäsi, I seig no s glych wo nächt. Näi, wen i wüßt, As s wäg dr Chranket wer, i chönnt em säge: S isch schad, i hätt dr s ander au verzoge. He gwüß, s ischt wohr, was hätt er doch a mir, A somen arme Lumpemäitli gha?» Eb s Emmi cho ischt, isch s Mareili gstorbe. – Vier Bueben us dr glychen Underwysig Händ gsäit, si wele s träge. Sini Gspane Händ gsunge vorem Hus, wo’s glütet het Und wo si s dussen abgstellt händ im Sarg. Wie graui Umhäng sind die schwere Wulke De Bärge noh und i de Bäume ghanget, Wi säbmol, wo si d Mueter furtträit händ. Bim letschte Värs het d Sunne s Gwülch verrisse Und het en Augeblick mit wyßem Liecht Uf d Mäitli abegluegt, wo gsunge händ. Den sind si mitem gäg dr Chilen use. Auszüge aus ’s Juramareili. Gedicht in Aargauer Mundart. Sauerländer, Aarau, 1. Uflag, Erschynigsjohr 1912.

17


Thomas Hostettler hat sich Paul Haller verschrieben, unter anderem beschäftigt ihn Hallers komplexes Verhältnis zur Religion. Liest man einen sich ebenfalls um das Verhältnis zur Religion drehenden Auszug aus Thomas Hostettlers Hörspiel Stärnsinge (2018), versteht man die Nähe noch besser: «mathilda: Jez han i es Problem i cha ned hüchle. I bi ke Katholikin. Ou ned reformiert. Unser Vater der du bist im Himmel … i gloube ned an en Vatter im Himu. Ou ned a ne Mueter übrigens alois: I verstoh eh … dass me sich kes Böud wott mache mathilda: I gloube ned a Vatter ned a Sohn und ned a heilig Geischt! alois: Hmm. mathilda: Was isch Kommunion? alois: Di erscht Kommunion isch es Ritual … i de katholische Chile … do wird es Chind ufgnoo i d Gmeind. mathilda: Aha. alois: Bi der erschte Kommunion daf s bi de Verwandlig mitmache. mathilda: Verwandlig? alois: I de Verwandlig wird de Wii zum Bluet und s Brot zum Liib Christi. mathilda: (schlückt schwär) alois: Es isch es grosses Gheimnis. Schwige. mathilda: Das chan i ned. Das chan i ned das chan i ned! alois: Werum? mathilda: I gloube ned a dä det obe! Für mee isch das es Stück Houz! alois: Iverstande … aber s stöut öppis dar.

18

mathilda: Was? alois: Säg du. D’Mathilda: stoht uf und luegt nen a. mathilda: Das isch … s isch eifach nume grouehaft … en agnaglete Mönsch wo me loot lo verräble … s isch d Darstöuig von ere Fouterig … vo auem was grässlich isch am Mönsch! alois: Das isch e Sicht … jo … mathilda: Was isch dini? alois: Für mee isch Jesus Christus dä wo vo de Toten uferstanden isch. Er het sis Lide uf sich gnoo für öis. Schwige. mathilda: I bi im fautsche Film.» Auszug aus Stärnsinge, Hörspiel von Thomas Hostettler, 2018.

S’Juramareili war nicht im falschen Film, überhaupt in keinem Film bislang. Aber es ist auf Buchseiten, auf der Bühne des Salon Theaters Herzbaracke in Zürich (am 8. März 2020, Rezitation Thomas Hostettler), in unseren Gedanken. Es ist eines der wunderbarsten Geistwesen, das wir – gemeinsam mit seelenverwandten schöpferischen Persönlichkeiten – zum hundertsten Todestag von Paul Haller rufen. Zusammengestellt von Viviane Egli


Unter der Treppe – Eine Jugendfestgeschichte Dreissig Mädchenköpfe beugten sich in Reihen über die Hefte, emsigst beflissen, die Reinschrift zu Ende zu bringen. Mit diesem Satz beginnt die Erzählung Unter der Treppe von Paul Haller, die 1916 in den «Brugger Neujahrsblättern» erschienen ist. Zu dieser Zeit war Paul Haller als Lehrer tätig. 1913 bis 1916 für Deutsch, Geschichte und Geografie an der Evangelischen Lehranstalt in Schiers im Prät­ tigau (GR) und 1916 bis 1920 als Lehrer am Aargauischen Lehrerseminar in Wettingen. Im Zentrum der Erzählung steht die zehnjährige Emma W., die sich in den letzten Wochen und Tagen wieder durch Übermut und schlimmstes Betragen ausgezeichnet. Dem Autor Paul Haller gelingt es sofort zu Beginn der Erzählung Spannung und Tempo aufzubauen. Mit kurzer direkter Rede der Lehrerin Fräulein Stark: Schluss! und Halt warten. – wird die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen auf eine nahende Ankündigung mit grosser Bedeutung gelenkt. Im Verlauf des Geschehens wird das junge Mädchen Emma durch die Lehrerin Fräulein Stark für ihr Verhalten in der Schule bestraft. Gestern erst hatte sie Gerichtspräsidents Elisabeth, die in frischweissem Waschkleidchen vor ihr sass mit schwarzen Tintenfingern ein Negergesicht auf den Rücken geklext, das Kleid

völlig verderbend; hatte ihr dann unbemerkt die Enden des schönen Zopfes abgeschnitten und die Locken an Knaben verschenkt, die damit ihren Spott getrieben. Haller beschreibt mit seinem Text den Alltag zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden der Schweiz. Bei Lesenden, deren Kindheit in diesen Zeitraum fällt, entsteht ein klares Erinnerungsbild. Wortlaut und Form der Sätze entsprechen dem Erzählstil der Zeit. Haller verherrlicht in seinem Schreiben nicht die Bodenständige Schweizer Freiheit, wie es andere Mundartdichter dieser Zeit taten, sondern beschreibt sehr klar die «entwurzelte, verarmte Arbeiterschaft seiner Umgebung», wie es Hans Jörg Schneider in seinen Ausführungen über das Gesamtwerk des Autors in der Autobiografie von 2018 beschreibt. Moralvorstellungen, Denkweisen der Erwachsenen und soziale Hierarchien dieser Zeit werden mit der Geschichte nachlesbar geschildert. Einige für damals erziehungsrelevante Thematiken klingen im Text an: … Entfernung des Kindes als einer Gefahr für die ordentliche Mehrheit der Klasse … oder Ihre Mutter, … (habe) … die selten erhobene Hand immer ungeschlagen wieder sinken lassen, bis hin zu dem, für diese Zeit üblichen, versöhnlichen Ende der Erzäh-

19


lung mit den Worten: In jenen Jahren, wo eine heimliche Schöpferhand das Mädchen zur Jungfrau bildet, fiel es von dem Kind wie eine ausgetragene Haut, dass sein Wesen wurde wie das seiner Altersgenossen, still und übermütig, weder gut noch schlecht, klug und unklug zugleich, wie alle Mädchen sind. Der Handlungsstrang der Geschichte dreht sich um die Teilnahme am alljährlichen Jugendfest und die Freundschaft von Emma W. zu einem Jungen aus einer anderen sozialen Schicht des Dorfes. Der Autor beschreibt dies mit den Gedankenworten des Mädchens: Der Strassentoni! Mit dem war sie nun in dem engen Verlass zusammengesperrt! In diesem Augenblick hätte sie ihn vor Hass mit den Fäusten anfallen können, um ihm zu zeigen, dass sie mit seinesgleichen keine Gemeinschaft habe. Das Leben in der Schule und dem Dorf, die Vorbereitungen auf das Jugendfest und der Umgang mit Wertevorstellungen dieser Zeit werden immer wieder begleitend in die Begegnungen von Emma und Toni eingestreut. Aber eines Abends, als die Dämmerung dunkler ward, erschien die Vermisste, aus dem Walde herabsteigend, im weissen, nun schmutzigen und zerrissenen Festkleidchen beim Hause Tonis, das abseits vom Städtchen am Fuss eines Weinbergs lag. Der Knabe, der eben hinter der Hütte um den Brunnen beschäftigt war, hatte die Tage seit dem Fest in einer Unruhe und Angst zugebracht, die nur durch die Verzweiflung der Mutter überboten wurde. Zwar erfüllte ihn ein heimlicher Stolz, dass er der Freund dieses Mädchens war, das soviel von sich reden

20

machte und das in einem so schönen weissen Kleid neben ihm gesessen hatte; ja manchmal war er überzeugt, dass Emma in ihrem Trotz und in ihrer Klugheit die ganze Stadt nur zum Narren halte. Zugleich aber war er der eifrigste Sucher gewesen, und die wildesten Gerüchte, die jeden Tag durch die Gassen liefen, hatten in seiner Seele eine doppelt fürchterliche Gestalt angenommen; denn er liebte Emma, das war sicher. Ausführliche Naturbeschreibungen durch den Autor geben dem Text eine bildhafte Dichte, die nicht versucht durch Aufzählen oder Adjektivieren zu bestechen, sondern mit ihrer Fülle den Lesefluss gekonnt anregt. In der Detailtreue und den üppigen Naturbeschreibungen liegt die grosse literarische Qualität der Texte von Paul Haller. Es gelingt dem Autor in mehreren Abschnitten der Erzählung, beim Leser eine besondere Aufmerksamkeit für die Schönheiten der Natur zu erwecken. Drei Textauszüge seien hierfür stellvertretend publiziert: Das war nicht zu ertragen. Emmi schlich sich scheu aus dem Städtchen und betrat die Berg- und Waldwege, die hoch über den Dächern und dem Kirchturm hin durch schnurgerade Tannengassen in tausendstämmige Buchengründe führten. Dort oben war ununterbrochen ein eintöniges Summen der Insekten, die um die Blüten der Waldblumen und um duftende Pilze flogen, ein verspäteter Vogelmorgenruf und eine Einsamkeit, die das Kind beruhigte. Eine andere Welt war hier als drunten im sonnigen Tal, ohne Schule und Lehrerin, ohne Verbot und Entsagung, ein Land des Traums und des wohligen Friedens. Langsam schritt Emma auf dem moo-


sigen Boden unter den grünen Gewölben, unhörbar, immer den Strauss in den Händen, und mit jedem Stamm, an dem sie vorüberkam, öffneten sich neue Tiefen, endlos sich aneinanderreihend. Der Wald schien ihr ein grosses Schloss voller Geheimnisse, die weiter und weiter lockten, treppauf, treppab, durch Türme und Gänge in allen Richtungen. Angst war ihr ganz fern; denn durch die grünsten Finsternisse brach immer wieder ein Sonnenstrahl, der vor ihr her über tausend Gräser und Blätter hüpfend ihr den Weg zeigte. Bis von fern durch die Stämme die hellen Stimmen einiger Landkinder drangen, die schon jetzt aus der Nachbarschaft dem Feste zuzogen, lachend und ihre ersparten, dürftigen Batzen sich unter die Augen haltend. Diese Stimmen rissen Emma aus ihrem Traumwandel in die Wirklichkeit zurück und liessen einen bösen Gedanken sich vor ihr erheben, verführerisch, unwiderstehlich. Durch die Stämme gleitend, durch Büsche sich drängend, trat sie plötzlich aus ihrem Versteck vor die beiden kleinen Knaben hin, deren Schwesterchen entfloh, und nach kurzem Kampf wurden die Festbatzen ihre Beute, mit der sie eiligst so tief in den Wald hineintauchte, dass das Jammergeschrei der Ausgeplünderten hinter ihr verklang. Seit dem Fest hatte strahlendes Sonnenwetter geherrscht; an diesem Tag aber – es war der fünfte – war die Hitze drückend geworden, die Sonnenstrahlen stechend wie Nadelspitzen, und mächtige Wolken hatten sich gegen Abend auf die westlichen Berge getürmt. Noch vor Mitternacht begann das Wetter sich zu entladen, in kurzen Regengüssen zu-

erst, die den folgenden Wassermassen den Weg bahnten, dann Schlag auf Schlag in wütendem Kampf riesenhafter Schnellfeuergeschütze, die von Horizont zu Horizont ihre leuchtenden Kugeln spieen. Neue Batterien rasselten ins Gefecht, wenn die alten schwiegen, hin und her schien die Schlacht zu wogen, ein unentschiedenes Ringen übermenschlicher Kräfte. Bis die feindlichen Massen sich teilten, schwenkten, wichen, von neuem zögerten, zum letztenmal sich zusammenballten und endlich grollend das Kampffeld räumten. Am Morgen sah die Sonne verwundert auf die letzten, kampfzerfetzten Nachzügler der fliehenden Wolkenheere. Den Waldarbeitern war strenge Weisung gegeben, auf jede Spur der Vermissten zu achten. An diesem sechsten Tage fanden einige von ihnen in den Ästen eines jungen Lärchenbäumchens eine rote Schleife wie Emma sie am Jugendfest auf der Schulter getragen. Zerrissene Brombeerranken wiesen in eine kleine Wasserrinne, die sich unter unausgeholztem Tannenjungwuchs bergwärts zog. Diese Anzeichen führten endlich zur Entdeckung des Kindes. Um in sein Versteck zu gelangen, musste man auf dem Bauche unter dem hart am Boden sich ausbreitenden Geäst hinkriechen; einmal drinnen aber, wölbte sich der Himmel über dichtgedrängten, steilen Tannenspitzen, zwischen denen eine grasige Mulde in verborgenster Einsamkeit lag. Seit Jahr und Tag, vielleicht seit Jahrzehnten, hatte kein Mensch den Schlüssel zu diesem Geheimfach der Natur gefunden, kein Fuss die Schwelle des grünen Heiligtums überschritten. Mit grossen Kräutern und lan-

21


gen Schmalhalmen bestanden, bot der Boden ein bequemes Lager für ein Halbdutzend Menschen, eine dünne Quelle sickerte aus einem moosigen Steintürchen schüchtern ans Tageslicht. Jetzt übrigens war die Tiefe des Platzes durch das Gewitter in einen schmutzigen Tümpel verwandelt. Emma lag in der Nähe der Quelle, völlig erschöpft und halb erstarrt, das Gesicht wie absichtlich ins triefende Gras gepresst. Sie rührte sich nicht. Fetzen ihres Kleides waren überall an den Rändern der Mulde zerstreut, als ob sie den Rock sich vom Leibe gerissen; ihr halbnackter Oberkörper trug Wunden von Dornen und Ruten. Vielleicht dass die nächtliche Flucht durch den Wald sie blutig geschürft, vielleicht auch, dass sie in krankhaftem Drang der Selbstpeinigung sich selbst den Rücken wund gepeitscht. Denn ihre Augen brannten in unverkennbarem Irrsinn, wie flackerndes Feuer durch herbstliche Nebelschwaden. Unter dem Aufsehen der strassenhütenden Frauen diesseits und jenseits der Brücke wurde das Kind zunächst ins Krankenhaus gebracht, da man der leidenden Mutter seinen jetzigen Anblick ersparen wollte. In guter Pflege erholte es sich rasch; es fiel in einen

22

langen Schlaf, aus dem es die Augen wie neugeboren aufschlug. Immer wieder verwendet der Autor mundarttypische Dialektwörter, wie zum Beispiel Batzen oder Hülfe im Text. Aus dem heutigen Alltag fast verschwundene Wörter und Bezeichnungen wie Reinschrift oder Strassenwärter (Tonis Vater) zeichnen Bilder vergangener Zeit. Unter der Treppe ist eines der wenigen schriftdeutschen Prosawerke des Autors, die zum Wiederlesen im Gesamtwerk von Paul Haller entdeckt werden können. Im nächsten Kapitel finden Sie einen Hinweis auf die Mundartwörtersammlung «Wortfächer», die beim Verlag vatter& vatter im März 2020 erscheint. Die Pre­ miere zu dieser einzigartigen Publikation findet an der Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag von Paul Haller im Aargauer Literaturhaus Lenzburg am 10. März 2020 statt und der Wortfächer kann anschliessend im Buchhandel bezogen werden. Textauswahl von Annekatrin Ranft-Rehfeldt


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
orte 205 by Verlagshuus - Issuu