Christine Fischer
orte Leseprobe
Im Mai. Am Montag.
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Am Montag.
Im Mai.
Christine Fischer
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
1. Auflage, 2019 © by orte Verlag, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Gesetzt in Janson Text Lt Std und Calibri Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn isbn: 978-3-85830-260-1 www.orteverlag.ch
9 Januar 21 Februar 35 März 47 April 59 Mai 71 Juni 87 Juli 101 August 113 September 125 Oktober 139 November 153 Dezember
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Januar
Januar
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Am ersten Tag des Jahres duckt sich der Rauch über den Dächern, wie er es bereits im Dezember nicht anders gehalten hat, doch es erstrahlt der Himmel in einem neuen Blau und die Sonne in einem vibrierenden Weiss – Frühlingsversprechen.
Im Januar flüstert die Erde in unsere Ohren: Tragt Sorge! Gebt acht! Schnürt eure fest gezurrten Herzen auf! Lebt und lasst leben!
Mit der Zeit merkt der Mensch, dass die Jahreswende an irgendeinem Tag stattfinden könnte, dass täglich Neujahr ist, dass mindestens dreissig Neuanfänge im Monat vergeben werden, dreihundertfünfundsechzig im Jahr, in einem Schaltjahr gar noch eine Möglichkeit mehr.
Im Januar sind meine Glieder schwer und die Vorsätze frisch, die Träume bunt und meine Liebsten sanft wie Honigseim.
Im Januar bist du eine Maus und knabberst erste Löcher in den Käselaib des Jahres. Dort findet die Dunkelheit ihre Nistplätze, und du wirst satt.
Am Montag stirbt ein Mensch, und von einem Moment auf den anderen haben seine Besitztümer keine Bedeutung mehr, sind bloss noch Staffage.
Mit der Zeit merkt man, dass die Zeit einmal in Siebenmeilenstiefeln vorwärtsschreitet, einmal dahinschlurft wie eine müde Alte. Dass man bald aus ihr herausfällt, bald in ihren Armen geborgen liegt, dann wieder huckepack getragen wird, oder aber atemlos nach ihrem Rockzipfel hascht. Ach, Zeit, du zickige, du tückische Fantin!, mag eine, mag einer da rufen.
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Im Januar stricke ich Pullover und Handschuhe aus schwarzer und weisser Wolle. Ich ziehe sie den Bäumen über, den Fichten und den Birken, den Zaunpfählen und Hecken. Ich breite Häkeldecken über Äcker und Wege aus und erfreue mich an ihren gesprenkelten Mustern.
Im Januar bei Schnee wohne ich in einer fremden Stadt, gehe durch fremde Strassen an fremden Häusern vorbei und erschrecke, wenn einer der fremden Menschen mich unter seiner Mütze hervor grüsst. Bei Schnee trage ich keinen Namen, und die Stadt kommt in keinem Fremdenführer vor.
Mit der Zeit merkt der Mensch, dass das Leben im Alter an Heftigkeit zunimmt und er an Schutz verliert. Am Schluss werden ihm nur noch zwei Geister zur Seite stehen: der Engel der Erfahrung zur Rechten, der Engel der Vergesslichkeit zur Linken.
Am Montag und Dienstag schneit es. Am Mittwoch wird das, was am Dienstag noch Schnee war, zu Wasser, und am Donnerstag wird aus dem, was am Montag und Dienstag Schnee und am Mittwoch Wasser war, Eis. Am Samstag wird das, was zu Wochenbeginn Schnee, in der Wochenmitte Wasser und dann zwei Tage lang Eis war, zu einem braunen Wochenendmatsch, der am Sonntag in der Erde verschwindet.
Im Januar beisst einen die Kälte in die Nase und pocht das Blut warm in den Fingerspitzen.
Im Januar erfrieren Menschen auf Strassen, unter Gebüschen, auf Bahnhöfen, in Häusern, Zelten und Kartonnestern.
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Im Januar reisst der Orkan an den Berggipfeln und jagt Träume wie Gischt durch die nächtlichen Gehirne.
Im Januar zieht der Tod ein weisses Gewand an und klopft an manche Tür. Doch meist besinnt er sich anders, macht rechtsumkehrt, noch bevor ihm geöffnet wird, und verschwindet spurlos im Schnee.
Mit der Zeit dämmert es einem, dass Leben immer voll und ganz Leben ist, auch im Schlaf, auch im Versteckten, auch in der Verflüchtigung und in der Beschneidung. Es steckt in einer Luftblase, eingeschlossen im Eis. Ist voll und ganz, selbst im Tod.
Im Winter wärmen die Liebesgedichte von Pablo Neruda, und Shakespeares Dramen giessen Öl ins Feuer.
Im Januar sind die Kräfte des Geistes grösser als sonst, angetrieben durch die Macht von Dunkelheit und Kälte und von der Sehnsucht nach Licht.
Am Freitag beim Lüften kommt die Kälte durchs Fenster gerauscht wie ein Schwarm fliegender Schwäne mit langgestreckten Hälsen.
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Im Winter ruhen sich die Augen in der Farblosigkeit der Landschaft von der Sommerfülle aus und entdecken nie geglaubte Nuancen von Braun.
Am Sonntag gehe ich einem sonnigen Grat entlang. Ich schwanke, doch ich falle nicht, weil alles mich auffängt: die blaue Luft, der funkelnde Schnee, die bereiften Arme der Fichten.
Im Januar streckt die Sonne ihre langen Finger in die Nebeldecke, lüftet sie und versorgt sie in fernen Himmelsschränken, während die Spaziergängerin sich wundert, weshalb ihr nicht kälter wird, sondern wärmer, so ganz ohne Decke.
Im Januar sage ich zu meiner Balkonamsel: Sing mir vor! Ich hab Hunger, erwidert die Amsel. Dann friss mein Futter und sing!, fordere ich sie auf. Die Amsel hüpft aufs Geländer und fliegt davon.
In der Nacht sinken die Müden des Tages in ein Nest von Daunen und Gnade, sinken, ohne zu fallen. Vernehmen, ohne zu hören.
Mit der Zeit erfahre ich, dass die vergessen geglaubten Strassen- und Flurnamen meiner Kindheit nach Jahren wieder auferstehen, wie reingewaschen, und in neuer Bedeutung erstrahlen: die Feldgasse, der Birkenweg, die Steinbären. Bachdalen. Schlosshurri. Geisswand.
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Im Februar reckt das Tageslicht seine geduckte Gestalt, streckt erst den kleinen Finger, dann alle zehn aus, streckt mir die Hand entgegen: Grüss dich, Winterscheuche! Guten Morgen! Guten Abend!
Am Mittwoch piept ein Vögelchen am Strassenrand dir ins Ohr. Piept und piept, bis du aufmerkst und lächelnd seinen Gruss erwiderst.
Mit der Zeit mag sich zeigen, dass am Lebensende die Wehmut wie eine Leuchtrakete in den Nachthimmel steigt, explodiert und ihre Lichtgarben entfaltet, Funken wie Sterne versprüht, um alsbald – oh! – spurlos zu erlöschen.
Im Februar fällt ein Ton von Holz in den Nebel, trägt Botschaften in die winterstarre Welt: die Farbe Braun, den Geruch eines alten Mostfasses, das Gewicht einer Futterklappe im Schweinekober. Ach, es gibt sie noch, die Welt der tausend Dinge, denkt die Spaziergängerin und ist erleichtert.
Mit der Zeit fragt sich der Mensch, ob er nicht eigentlich ein Leben lang mit dem Tode schwanger geht, um im Sterben dann ein anderes Dasein zu gebären: ein starkes, schönes. Eins voller Frieden.
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