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Die Sonntagsgedichte aus der Ostschweiz am Sonntag

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Sonntagsgedichte Herausgegeben von Rainer Stöckli

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Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, © orte Verlag auch auszugsweise, ist www.orteverlag.ch ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Die

SoG

Sonntagsgedichte aus der

OaS

«Ostschweiz am Sonntag» März 2013 bis Oktober 2017

Herausgegeben von Rainer Stöckli


Dank Die Drucklegung dieser «Sonntagsgedichte»–Anthologie haben wohlwollend unterstützt – die Stadt St. Gallen: Förderung des kulturellen Schaffens, – die Kulturförderung des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Bei der Veröffentlichung der Texte in der «Ostschweiz am Sonntag» hat mir die Redaktorin Yvonne Stadler alle Freiheit gewährt. Mit der mustergültigen Erfassung der Gedichte für die Buchausgabe hat sich die Infographikerin Selina Ana Buess betrauen lassen.

© 2019 orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, e ­ lektronische D ­ atenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn Gesetzt in Franklin Gothic Book und Courier New Gedruckt auf Lessebo Smooth natural, 120 g/m² ISBN 978-3-85830-256-4 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


« Vorübergehen sei nicht bloss Fortgang, sei stets auch Heimkehr» St. Gallen: «Ostschweiz am Sonntag», 29. Oktober 2017, Seite 23

Die Sätze zum Kehraus der Sonntagsgedichte in der Ostschweiz am Sonntag (OaS) lesen Sie, geschätzte Leserin, geneigter Leser, auf Seite 247 der vorliegenden Anthologie. Drei Strophen mit den Überschriften «Oktober / November / Dezember» von Emmi Mühlemann-Messmer (1918–2003) haben zum Datum der letzten Printausgabe musiziert – haben eine schöne Zeile als Leitwort gespendet, nämlich: «De Herbscht phackt sini Sibesache zeme». Es sind am 29. Oktober 2017 auch meine Siebensachen gewesen, welche der Spätherbst der letztmals gedruckten Ausgabe der OaS zusammengepackt hat. Gezählte 232 Gedichte aus Büchern mit Lyrik oder Poesie, hier und da vom Skriptum (lose auf DIN A4, per Post übermittelt), dann und wann, selten, in einer Datei gesammelt (von Speicher zu Speicher spediert). Viereinhalb Jahre Sonntagsgedichte: die Folge poetischer Texte ist als ‹Langsequenz› etikettiert worden – postkartenkurze Dichtung von März 2013 bis Oktober 2017 in stets der gleichen Zeitungs-Blattecke. Die Gefühlslage damals, beim Ausklingen, nach dem Schlussakkord: Schade! So plausibel einigen von uns – den fürs St. Galler Tagblatt Verantwortlichen / mir, dem Auswahl-Befugten / Yvonne Stadler, der Redaktorin – der Abtanz vorkam, als er angesagt wurde, so leise klang mit dem Satz vom Zemephacke das Potpourri aus. Offenbar war’s anders nicht zu machen. Raues wirtschaftliches Umfeld. Widrige ökonomische Rahmenbedingungen.

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Schwieriger Inseratemarkt. Deutlich rückläufige Einnahmen. Chance von Einsparungen punkto Korrektorat.

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Nicht gleich nach dem Abwinken des Konzerts (im November noch nicht / im Dezember noch nicht), vielmehr erst allmählichallmählich habe ich das Auswählen vermisst, hat mir das Befugtsein gefehlt. Empfindlich dann am ehsten, wenn mich – nach dem 29. Oktober 2017 – ein rezentes ‹Ostschweizer Gedicht› überraschte; wenn mir ein lohnender Lyrik-Band zugegangen ist; wenn ich auf rare, zumal auf jahreszeitlich passende oder mundartgeprägte Texte gestossen bin; oder wann einmal mehr mich älteres Gedichtschaffen neu in Bann genommen hat. Das Aus für Sonntagsgedichte! Zeitgenossen haben von ‹Verlust› geredet, geschrieben. Wohl ein zu grosses Wort, und eben wohlfeil. Aber vorbei – das schon – der Reiz, eines schönen Sonntags beispielsweis aus dem Zyklus von Friedrich Ani eine Partie in der Ostschweiz bekanntzumachen (Im Zimmer meines Vaters. Berlin: Suhrkamp, 1917). Plötzlich unnötig, hierzulande eine Miniatur von Charles Berthouzoz zum Vorschein zu bringen, deutsch übersetzt zuerst, dann, nach Asterisk, original-welsch (La mort brute / Der raue Tod. Wädenswil: pudelundpinscher, 2017). Überflüssig fortan, aus Marianne Büttikers Poesieband einen mustergültigen Text für die Zeitung auszuwählen (Kein Schiff wird hier je landen. Aarau: buschö & Neue Galerie 6, 2014). Undsoweiter, also nicht erinnern an Richard Exners unübertreffliche «Drei Wünsche eines Mannes» (Ein Sprung im Schweigen. Stuttgart: Radius, 1992). Künftig weder den Wolfbach-Autor Kurt Aebli – mit einem Erster-Schnee-Text – noch die Wolfbach-Autorin Ingrid Fichtner – mit einem ihrer blockgesetzten Kunststücke – anzuführen (Königliche Fahrt. Zürich 2017 / So gegenüber. Zürich 2018). Zu keiner Dezember-/Januar-Wende mehr das Jahreswechselgedicht von Karl Gerold aufs Tapet zu heben. («Janus» aus der «schweizerischen Monatsschrift» namens Annalen, Horgen: Münster-Presse, 1928, 2. Jg., Heft 4.) Hinfort den Plan fahren zu lassen, ein altes Sommergedicht oder ein frisches Sommergedicht abzudrucken – nicht Carl Guesmer (1929–2009), nicht Jaël Lohri (Jahrgang 1979). Weder Von Minuten beschattet. Wiesbaden: Limes, 1957 noch Der Sommer ist ein schneller Vogelschatten. Zürich: Wolfbach, 2018. Nicht mehr die Mühe wert, etwa des virtuosen Dichters Ludwig Harig zu gedenken, der Mai 2018 ver-


starb – zu gedenken mittels Zitierung eines seiner exemplarisch strengen Sonette (beispielsweise dem manuskripte-Heft 63 zu entnehmen, Graz 1979). * Ich notiere dies vor Mitte September 2018. Sogar ‹prospektiv› gewirkt hat das bisher leise – das nur grad noch hier, eine halbe Zeile weit, und nur grad noch jetzt, eine Minute lang, unleise – Bedauern. Hat jahreinwärts Wirkung getan insofern, als in einer fortund fortgedruckten, einer überhaupt rentablen OaS ich auf demnächst erscheinende Gedichte der St. Galler Lyrikerinnen Claire Bischof, Erica Engeler, Christine Fischer, Maria Gertrud Macher hätte weisen dürfen: auf «Sonntagsgedichte» aus einem Recueil, der im demnächst anzutretenden Herbst ’18 bei Waldgut in Frauenfeld erscheinen soll. Es wäre – in der forterscheinenden OaS – ein Fingerzeig möglich gewesen auf vorangesagte Lyrik der Südtirolerin Sabine Gruber (Am Abgrund und im Himmel zuhause – die Sammlung erscheint Oktober 2018 bei Haymon in Innsbruck); es wäre ein Hinweis möglich geworden auf Margret Kreidls Zusammenstellung essenzieller «Gedichte mit Fussnoten» (Hier schläft das Tier mit Zöpfen, Bd. 22 der Reihe Neue Lyrik aus Österreich, AT-Horn: Berger, Februar 2018). Dies alles und mehr könne man doch aber (sagt der und schreibt jene) auch neben der Zeitung zur Kenntnis bekommen; auf all das könne man auch ausserhalb der Sonntagspresse aufmerksam sein. Im Übrigen gebe es Buchhandlungen und Ausleihstellen; genau deswegen würden doch, werbungsverbrämt halt, Bulletins redigiert und Verlagsvorschauen verschickt; nicht zuletzt könne man Kataloge sozusagen unbeschränkt einsehen und dürfe man bedarfsweis Newsletters abonnieren. – Ich überhöre/ überlese nichts davon. Aber solcherlei werbungsverbrämte Bekanntmachungen sind vielleicht Scheintröstungen! Haben denn nicht libelli, zumal Gedichtbände, eben ihre fata? Muss länger her sein, dass Poesie Verbreitung erreicht hat wie das Feuilleton von Printmedien. Die jüngste, die 32. Ausgabe des bundesdeutschen Jahrbuchs der Lyrik versagt sich zwar, hierüber zu lamentieren, tönt dennoch illusionslos. Dass die Jahrbuch-Reihe heutzutage bei Schöffling (Frankfurt/M.) als dem fünften Verlag ebendieses angestrebt jährlichen Lyrik-Querschnitts erscheint, macht die Dar-

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legungen des ‹unermüdbaren› Herausgebers Christoph Buchwald (die schon langher glaubwürdig sind) nochmals plausibel. Übrigens ist Fortsetzung verheissen. Allenfalls steht zu fragen an, ob in unseren Zeitläuften zwar je Titel kleinere Auflagen gemacht werden als vor vierzig Jahren (akut in Anbetracht der marktläufig nicht mehr rechenbaren Quanten oder Quäntchen des Books on Demand-Betriebs), ob demgegenüber jedoch, bei numerisch ähnlicher Liebhaberschaft, eben frappant mehr Titel ans Licht kommen. Lyrik-Prints von Hamburg bis Erstfeld, von Biel bis ins Burgenland. Und weiter aus der Diaspora: aus dem Elsass, aus Siebenbürgen, dem Südtirol … Auch Rapper und Slammerinnen drängen in den Markt, wie Rhapsoden seit alters. Den Rest geben der diesbezüglichen Unrast die Ausschreibungen landaus, landein von Poesie-Bewerben. Inbegriffen Anthologien wie die vorliegende. *

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Ist das insgesamt / sub specie aeternitatis / im sog. Licht der Ewigkeit wünschbar oder hat das eine Kehrseite? Reagieren Zeitgenossen, wie früher, zustimmend und gutlaunig, oder eben grad nicht mehr, reagieren sie heutzutage selbstherrlich auf irgend Zeilen in irgend Gedichten? So wie es, meiner Beobachtung nach, Leserinnen von Erzählprosa tun – nämlich dann, wenn eine bekömmliche Romanpassage und eine schöne Gemütslage zusammenkommen? Braucht vielleicht schon mehr als Vers / Reim / Melos, braucht wahrscheinlich Seiten, bis angesichts von Erzählprosa ‹Angerührtheit› resultiert, beispielsweise aufgrund der intensiven Schilderung eines Geburtsvorgangs. Darf im Kuhstall stattfinden, darf ein Kalb betreffen (ich erinnere mich an Ralf Rothmanns Roman Der Gott eines Sommers, Berlin: Suhrkamp, 2018). Langt demgegenüber im Wörterfeld eines Gedichts eine günstige Zeile? Langt ein unerhörtes Bild / eine rare Wendung / eine träfe Vokabel? Ich bin am Andeuten einer Kehrseite – des ‹Revers› oder ‹Envers› einer mittlerweil hypertroph anmutenden Gedichte-Produktion. Wie bewahrt man die Neigung, sich von einer Gedichtzeile anrühren zu lassen? Kein Jahr her, dass mich die Überschrift einer Lyrik-Sammlung, im Buch dann die gut dreissig Druckseiten lange Dichtung «Im Zimmer meines Vaters» aus jedweder Geruhsamkeit erweckt hat. 19 poetische Abteilungen, vie-


lerlei Ton. Autor Friedrich Ani, Jahrgang 1959. Seine 2009-er Zusammenstellung (Mitschnitt, Wien: Zsolnay) hatte mich nicht erreicht; vor Monaten jedoch bin ich in seinem lyrischen Gewebe hängen geblieben. Im Zimmer meines Vaters: Titel des Zyklus, Titel des Buches – und mit ihm das Wiedererleben, die Wiederbelebung eines fünfzig Jahre alte Stimulus: La Gloire de mon père – Marcel Pagnol – Fribourger Lektüre – autobiographischer Roman – Zwillingsbuch zu Au Château de ma mère – Geschwisterbücher zu Le Temps des secrets / des amours. Seither PagnolHeimweh. Und eben, bei jeder Sitzung überm Zyklus des am Kochelsee/ Bayern geborenen, mittlerweil 60-jährigen Sohnes einer Schlesierin und eines Syrers, – bei jedem Wiederlesen die Rührung: Es war einmal ein Kind, [dessen Abschiedwinken] keine Hand erwiderte, [als du, Vater, verreistest, von ihm, dem Kind weg, und von ihr, der Frau weg, die] eine Ungebetene auch [war], sie kam, wie du [Vater], von Osten her, [war] den Trümmern kaum entflohn, gebar einen Sohn, mein erstes Obdach: der verschwiegene Bauch – – – (Im Zimmer meines Vaters. Gedichte, Berlin: Suhrkamp, 2017, S. 87/88). So sammelt Einer Lyrikbände, rezipiert Einer Gedichte – und trägt sie, wofern er sie für zuträglich hält, an den Tag. Viereinhalb Jahre lang habe ich das praktizieren dürfen, für die OaS in St. Gallen, davor – Jahrzehnte lang – als Rezensent (als einer, der ‹mustert›), am ausdauerndsten für die Zürichsee-Zeitung in Stäfa. Jetz hät de Herbscht sini Sibesache zemephackt. E Zit zwöschet eme ‹Von› ond eme ‹Bis› ischt omm. Mühlemann-Messmer hät probiert, s nöchscht Joor z erlange met Cheerzezönde, üserain probierts met ere Anthologie. S «Tagblatt» hät gholfe, d Selina Ana Buess, de Veleger Marcel Steiner z Schwellbrunn, sini Gschtalteri, d Janine Durot, sin Produktionslaiter, de Josef Scheuber. Schachen bei Reute, Mitte September 2018 / Rainer Stöckli

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Sonntagsgedicht 3. März 2013

Das Nachttuch Als ich ein Kind war deckten mich die Nächte zu Zeltgeborgenheit Schossdunkles Auf dem Rücken ruhend hielt ich Zwiesprache mit meinem Stern

Was ist passiert mit den Nächten Sie schrumpften an den Rändern Verblichen ihre Schwärze löchrig voll nagender Angstmotten das Nachttuch Eveline Hasler, geb. 1933 in Glarus, wohnte ab 1958 in St. Gallen und mittlerweile in Ascona TI. Das Gedicht «Nachttuch» erschien 1982 in ihrem ersten Gedichtband Freiräume (Stuttgart: Spectrum).

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Sonntagsgedicht 10. März 2013

Einsiedlerin

Du fremder Geselle, du bist vorbei, und fern da draussen seh ich dich stehn. Ich geh hinein. Ich hab es gut, ich weiss es wohl. Mir ist das Öl in meinem Kruge nicht versiegt. Und wenn mich hungert, nehm ich mich zur Hand. Und Mitleid hilft mir nicht mit dir. Wohl, freilich ist es schwer. Dich frör in meinem Kleid, dich dürstete. Ich aber bin die Einsamkeit und lieb mich selber wie die Allnatur. Regina Ullmann, 1884 in St. Gallen geboren, viel gereist, 1968 in Ebersberg in Bayern gestorben. Gewinnt 1954 den ersten Kulturpreis der Stadt St. Gallen. Das Gedicht «Einsiedlerin» ist 1919 im Band Gedichte erschienen (Leipzig: Insel).

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Sonntagsgedicht 17. März 2013

Hôtels

Das Zimmer verwitwet Jeder für sich Neuer Mieter monatlich Der Patron hat Zweifel wird man zahlen ich dreh wie ein Kreisel nichts zu prahlen Der Lärm der Fiaker mein hässlicher Nachbar scharfer Tabaker unüberriechbar Madame Saphir die hinkt und lacht Mein Nachtgeschirr Die Kummerfracht Und alle zusammen In dem Hôtel verstehn zu reden wie in Babel Jeder verriegle die Tür ich bitt und bring seine einzige Liebe mit Niklaus Meienberg (1940–1993), in St. Gallen geboren, nannte Zürich und Paris seinen Lebensmittelpunkt. Freier Autor und Schriftsteller. Das Gedicht «Hôtels» ist eine sehr freie Übertragung des gleichnamigen Poems von Guillaume Apollinaire (1890–1918). Aus: Geschichte der Liebe und des Liebäugelns (Zürich: Limmat, 1992).

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Sonntagsgedicht 24. März 2013

Beim Schreiben eines Briefes In der Kammer, unterm roten Ziegelfenster, nah den schrägen Kaminen hause ich, mit Büchern und Kakteen.

Die Fröhlichkeit beim Schreiben eines Briefes, dann und wann ein leises Knacken in der Wand, ein Wind, der träge Wolken schleift. Unten die Herberge. Erstes Gelächter des Abends, und die schwere Süsse einer Ziehharmonika. Jetzt im Winter sind die Vögel meine besten Nachbarn. Und die Briefe werden häufiger. Heinz Weder (1934–1993), in Berneck geboren, nach Aufenthalten in Basel und Genf Verlagsmitarbeiter in Bern und Herausgeber der Zeitschrift «Tantalus. Blatt für neugierige Leser». Das Gedicht «Beim Schreiben eines Briefes» stammt aus Weders Erstling Kerbel und Traum (Stuttgart: Bechtle, 1962).

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Sonntagsgedicht 31. März 2013

weil er die Jahrringe wachsen sah weil er Rinde ansetzte unter dem rauhen Gewand weil die Bäume ihn lockten weil sie Bruder sagten und komm weil der Frühling sein weisses Haar mit Knospen bedeckte weil er seinen Hut verlor und die Tür noch offen stand Erica Engeler, 1949 in Argentinien geboren, wohnt seit 1974 in St. Gallen. Sie ist Übersetzerin aus dem argentinischen Spanisch. Aus: Schattensprung (Verlagsgemeinschaft St. Gallen 1988).

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Sonntagsgedicht 7. April 2013

Blaudunkle Nacht. Von irgendwo Tönt weich ein Geigenlied. Ein wenig bleich, ein wenig froh, Wie eine Sehnsucht und doch so Von tausend Ängsten müd. In schweren Wellen treibt der Wind Durch Blumenduft und Beet Und Wiesen, die voll Träumen sind. Mir ist: ich bin ein blondes Kind, Das endlich heimwärts geht. Mir Der Der Mit Und

ist: ich bin in dieser Nacht hellste, grösste Stern, aller andern stolze Pracht seinem Leuchten müde macht, Tag und Not sind fern  …

Joseph Kopf (1929–1979), in St. Gallen geboren und gestorben, dazwischen in Österreich und Israel. Das Gedicht stammt aus Kopfs Erstling Nocturne (Wien: Terra Verlag, 1948, unter dem Namen Hermann Kopf).

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Sonntagsgedicht 14. April 2013

Wenn du ein Engel bist, dann kannst du scheinen. Du kannst auch nur scheinbar schrein, und du kannst, was nur scheinbar und auch, was unscheinbar ist, schnein. Der Stein deiner schonungslosen Schönheit ist allerdings schamlos schaurig und schürfend und schärfend und schändend. Du schneinst auch ewig und von allem ungefährt, du schleimst einsam so gut wie gemeinsam und du leimst, was Vögel vertraut. Du leihst immer zartes Wasser und nacktes Feuer, dein Leib ist pure Poesie und deine Lust, die dein Leben ist, purpurnes Lachen. Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach/TG, Lehrer-Seminar Kreuzlingen, Studium der Philosophie, lebt seit 1998 in Zürich. Lyriker und Performer. Publiziert seit 2011 bei Secession, Zürich. Unser Gedicht aus Reeden (Frauenfeld: Waldgut, 1994).

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Sonntagsgedicht 21. April 2013

Herzrenovation Wie gelbe Tapeten klebt die Erinnerung an meiner Wand sticht, stört wuchert aus deinem Bild das noch immer im Saal meiner Hingabe festgenagelt hängt Pracht meiner Galerie thront, beharrt Ich reiss Spachtel und Pinsel mit gebrochener Hand Rebecca Christine Schnyder, 1986 in Zürich geboren, im Appenzellerland aufgewachsen, nach Studium der Theaterwissenschaft in Zürich und Bern Regieassistentin, AR-Werkpreisträgerin. Aus: Neutag (Zürich/Jestetten 2011).

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Sonntagsgedicht 28. April 2013

Du kamst übers Meer Du kamst übers Meer schlankes Schiff und brachtest mir Reichtum. Fremder Länder Gut. All deine Schönheit sah ich doch nicht darf ich sie halten. Deine Segel zittern nach neuen Küsten. Schnelles Schiff bald ziehst du wieder durch ferne Meere – Ich sehe dich schwinden und wünsche mir dass ein Sturm dich würfe an mein armes Ufer und du zerschelltest an mir.

Johanna Zollikofer (1903–1989), verheiratet mit dem Zürcher Psychoanalytiker Gustav Bally, zwei Privatdrucke (1943 und 1981). Aus: Gedichte. Mit Zeichnungen von Ferdinand Springer (Winterthur 1943).

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