orte Verlag Leseprobe
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch
Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 204, Dezember 2019 ISBN 978-3-85830-251-9; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Bildes von Susanne Mathies, Zürich) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Zufall – Why not? 5 Einleitung
Susanne Mathies, Monique Obertin, Peter K. Wehrli
6 … Aus Milliarden Systemen
Vera Schindler-Wunderlich, Christoph Geiser
12 Varianten: Eine Tür nach draussen
Wolfgang Cziesla, Frauke Hübner, Tim Krohn, Gianni Kuhn
22 Der Gestalter
Safiye Can, Theodor Storm, Peter K. Wehrli
30 Die andere Erklärbarkeit der Dinge
Vera Schindler-Wunderlich, Angelika Waldis, Michael Augustin, Andrea Maria Keller
40 Das Konzept Zufall wider die voll- ständige Erfassung der Parameter
Erwin Bolthausen, Anne-Marie Kenessey, Bert Siegfried, Vera Schindler-Wunderlich, Erich Kästner
56 Autorenbiografien
58 orte-festival 77 werkstattgespräch mit Niklaus Lenherr 81 orte-bestenliste 85 hör-orte 87 fund-orte 91 orte-bücherregal 93 orte-rückschau 95 orte-agenda 96 orte-marktplatz
Annekatrin Ranft-Rehfeldt Erwin Messmer Erwin Bolthausen Peter K. Wehrli Peter K. Wehrli Annekatrin Ranft-Rehfeldt
1
kluge texte glückliche Kunst schöne worte filigrane Musik buchstaben Suppe 1
KUNSTMUSEUM APPENZELL KUNSTHALLE ZIEGELHÜTTE APPENZELL
h-gebertka.ch
2019_Inserat_Orte_HEGEKA_121x88_Graustufen.indd 1
Jetzt versch
enken!
22.08.19 11:10
PRO LYRICA ‹LYRIKKALENDER 2020›
Der Lyrikkalender 2020 bietet jeden Monat zwei typografisch inszenierte Gedichte von 12 Autorinnen und Autoren. Pro Monat gibt es zwei Gedichtkarten, die sich einzeln heraustrennen und versenden lassen. Bestellung auf prolyrica.com Kalenderformat: 23 x 22 cm Preis CHF 22 zuzüglich Porto und Verpackung
PRO LYRICA LYRIKKALENDER 2020
Unser täglich gib ele Brich das in Lohn und Spi Wes ich ess des Lied
brot prolyrica.ch prolyrica.com kalender @ prolyrica.ch
2
orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Lassen Sie sich manchmal gerne vom Zufall leiten? Oder planen Sie lieber straff und überlassen der eigenwilligen Kraft möglichst wenig Terrain? In den Texten dieses Hefts, die Susanne Mathies, Monique Obertin und Peter K. Wehrli zusammengestellt haben, ist der Zufall immer mit von der Partie – ob er sich nun mehr im Hintergrund hält oder heldenhaft Leben rettet, ob als Thema oder Autor eines Texts oder so, dass er durch den Text überhaupt erst herbeigeschrieben wird. Ist der Auftritt des Zufalls aber wirklich immer zufällig? «Das kann kein Zufall sein!», vermuten wir manchmal und sind nicht sicher, ob hinter dem Zufall nicht doch ein Plan steckt. Denn messen wie eine Naturkonstante lässt er sich nicht. Oder doch? Darüber gibt der Beitrag des Mathematikers Erwin Bolthausen, der auch die Bestenliste zusammengestellt hat, Auskunft. Märkte sind immer Orte für Zufallsfunde. Dass dazu auch Gedichte gehören, erfah-
ren Sie im fund-orte über die brasilianischen Dichter von der Schnur. Vor hundert Jahren wurde Carl Spitteler der Nobelpreis für Literatur verliehen. Aus diesem Anlass hat der Kulturvermittler Niklaus Lenherr das Projekt «2019 meets 1919 – Der mobile, temporäre Lyrikweg» mit Gedichten zeitgenössischer Autorinnen und Autoren zu Carl Spitteler auf die Beine gestellt. Sie finden ein Interview mit dem Initiator des Projekts in der Rubrik Werkstattgespräch. Wie immer im letzten Heft des Jahres stellen wir Ihnen die Preisträgerin und Texte einiger weiterer Dichterinnen und Dichter des Lyrikfestivals Basel vor, das diesmal vom 24. bis 26. Januar 2020 stattfinden wird. Wir wünschen einen hellen Dezember – auf dass Ihnen viel Schönes zufalle! Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt
3
Z U F A L L
Why not?
4
Der Zufall überfällt uns hinterrücks. Selbst wenn er eine unerwartet glückliche Wendung bringt, führt er zu Herzklopfen und Aufregung und schnürt die Fäden anders, als wir es uns vorgestellt haben. Wir wünschen ihn oft herbei, aber kaum herbeigewünscht, kann er gar kein Zufall mehr sein, sondern wird zum Teil eines Plans. Die Unmöglichkeit eines geplanten Zufalls zeigt das Paradox der Überraschungsprüfung: Der Lehrer kündigt für die nächste Woche einen überraschenden Test an. Der Schüler überlegt: «Wenn der Test am Freitag geschrieben wird, ist er nicht überraschend, sondern bereits am Donnerstagabend vorhersehbar. Findet der Test am Donnerstag statt? Nein, denn da der Freitag schon ausgeschlossen ist, wäre ein Test am Donnerstag schon Mittwoch abends absehbar und damit auch nicht überraschend.» So geht die Argumentation weiter bis Montag – eine Überraschungsprüfung ist nach dieser Beweisführung nicht möglich. Planen können wir den Zufall also nicht. Aber existiert er wirklich, «fällt» er ganz unmotiviert auf uns ein, oder gibt es In
stanzen, die dieses Fallen steuern? Die Erklärungsansätze reichen von Einsteins «Gott würfelt nicht» bis zu Lorenz’ Schmetterlings-Effekt. Sie kennen die Ausrufe: «Das kann kein Zufall sein», oder: «So ein Zufall!» Wann handelt es sich wirklich um einen Zufall und wann bemühen wir den Begriff bloss, weil wir nicht alle Parameter kennen, die zu einem Ereignis geführt haben? Dann müsste sich der Zufall austricksen lassen, um ihm keine Wirkungsmöglichkeit, oder eben: gar «nichts» zu überlassen? Die Beitragenden dieses Heftes haben sich im Gestrüpp der Varianten auf Mustersuche begeben, sich dem Sog des freien (Zu)Falls ausgesetzt, um dessen Existenz, allfällige Gesetzmässigkeiten und nicht zuletzt seine «Sehfähigkeit» auszuloten, um ihn auf eine allfällige Blindheit hin zu untersuchen. Lassen Sie sich überraschen. Wir wünschen Ihnen gute Lektüre! Susanne Mathies, Monique Obertin, Peter K. Wehrli
... Aus Milliarden Systemen
Bild: Susanne Mathies
6
Vera Schindler-Wunderlich
Oder: wie wenn Hilfe will ich, flüsterte ich beim Frühstück so oder so ähnlich. Ich wüsste ja auch nicht wie, aber Hilfe – Da wähltest du so oder so ähnlich aus Milliarden Systemen, Sub- und Subsubsystemen, aus Fall, Zufall und Sonderfall mir Momente aus Ort, Zeit, Gesinnung, aus List und Sprachdesign oder: wie wenn Hilfe will ich, rief ich beim Frühstück. Ich wüsste ja auch – und ich machte mir noch einen Tee und meine Listen schrien etwas leiser und meine Wunden waren, was sie waren, und die Leute im Bus voller Liebreiz so oder so ähnlich
und ich hörte: Grössere Genauigkeit würde das Bild nicht zum Stillstand bringen 7
Wenn: wie wenn Als ich heute früh den Barfüsserplatz betrat, nachdem die grosse Esche gestern auf den Waldweg gestürzt war, als sich die ersten zwanzig Ansichten der Habsucht wie zwanzig böse Sonnen in der Zeitung zeigten, da war das Tram leicht und pünktlich angekommen und Herr Z. hatte zu mir gesagt: «Hüt chunnt’s guet», und ein Plakat bat, man solle lieber Blut spenden als auf der Couch fechten, bevor zu lesen war, wie die Ehefrau des M. W. in Wo-wann-Dorf bei Z. von ihm erschossen worden war, zwangsläufiger, ungezügelter Zufall, sagte man bang, als es hiess, es sei ein tadelloser Tag gewesen und gesät werde ein verweslicher Leib, auferweckt hingegen ein unverweslicher und an diesem Tag trugen schon elf Wie-auch-immer-Männer im Tram Warumwohl-ausgerechnet-diesen-Vornamen, war es M.? So fügte es sich, dass Öl auslief vor der Insel Z., wo das Wasser im Südwind immer so berechenbar geglitzert hatte und als ich heute den Barfüsserplatz betrat, da wusste ich ja nichts von dem schlecht gedichteten Schiff und ich las im Café: «Genuine poetry can communicate before it is understood»,
8
als ob ein Gedicht mehr sei als Ein- oder Überfall, Anfall und Störfall, wie wenn Herr Eliot, T. S., das gewusst hätte, wie wenn die ersten Ansichten der Habsucht sich erschossen hätten, und die müde Esche wäre dankbar auf den Waldweg gestürzt, kurz bevor, beflissener Beifall, ich den Weg wählte, und ich nahm mein Hin-und-her-Haar und flocht es, steckte es fest vor Wind und Wille, weinte um die Ehefrau des W. M. und Worte fielen herab über Schiffe, Sonnen und zwanzig Ansichten des Zufalls.
9
Als: wie wenn Ein junger Wintertag, herein, ein Bimmeln, feine Verkleidung, Schlittengejauchz, war das ein Frohsinn, ihr Brüder, Schnee, ein Streicheln und Zischen, Hügel und Eis, die tadellosen Kurven, der Grosse schnappt mich, lenkt, ich vor ihm, angelehnt, umhüllt, der Schlitten schabt, fliegt dies ist er greift zu handgreiflich für ein Gedicht oder wie ich trug einen schwarzen Lodenmantel zu handgreiflich für eine Hand oder was ich schlug die Zeilen 1–6 sind doch schön und ich sein nein sein Fang er kurvte bimmelte doch vor Froh vor Sinn und die Zeilen 7–17, die zeigen doch wohl, dass es Zufall
10
Christoph Geiser
Der Angler des Zufalls
Ein Angler am Fluß der verstreichenden Zeit, Tag um Tag, und keiner beißt an. Vor dem Fenster die Krone des Zierbaums, dahinter still meine Straße. Die gehen vorüber und jene, und keiner gibt mir was her. Blättern in Büchern. In Zetteln. In Gedanken. Im Gedächtnis. Nichts. Nur Zufälliges. Kein Klingeln des Glöckchens. Kein Unfall. Kein Einfall. Das Feuer der Forsythie ist erloschen. Die Glut der Rosen verglüht. Die Gluthitze des Sommers verweht, sachte beginnt das Jahr sich zu neigen. Angler am Fluß der Sprache, und kein Wort bleibt hängen am Haken, kein Satz. Schnellt, springt. Zum Totschlagen. Hirntot. Hirn leer. Hirntod. Herztod. Herzschmerz. Herzeleid – Angler am Flusse des Todes. Toter am Flusse des Lebens. Leben am Flusse des Todes. Angler des Todes. Am Flusse des Lebens. Geht einer vorüber? und ich würfe den Haken? Haken des Todes am Flusse des Lebens. Haken des Lebens: der Tod. Tod ist der Angler des Lebens. Leben ein Angler dem Tod, Leben dem Tod, Tod den Anglern! Englern des Todes sind Anglern dem Leben. Engel dem Tod. Todesengel dem Leben. Leben und Tod und ein Angler. Alle gehen vorüber. Keiner beißt an. Keine bleibt hängen. Nichts fällt mir zu. Niemand fällt ein. Ausfall. Den Ausfall proben, einen Ausfall unternehmen, ausfallen. Abfallen. Abfall. Fall. Engelssturz. Der Sturz des Anglers in den Fluß. Der Fall in den Abfall. Zufällig Gefallenes. Geworfen. Verworfen. Verworfenes. Aus: Christoph Geiser: Der Angler des Zufalls, Schreibszenen, hrsg. von Michael Schläfli, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2009.
11
Varianten: Eine TĂźr nach draussen
Foto: Tobias Grimbacher
12
Wolfgang Cziesla
Trauko Was ging ihm durch den Kopf, als sich der Wagen überschlug? Dass alles vorbei war. Er nichts mehr von dem verwirklichen konnte, was er sich vorgenommen hatte. Auch, wie die Eltern von seinem Tod erfuhren. Der Gurt spannte sich, hielt ihn oben. Oder unten. Wie oft noch würde sich der Wagen überschlagen, wie tief ging es hinab, folgte ein Krachen, eine Explosion? Es half kein Lenken. Er lag auf der Fahrerseite, im Sitz seitlich verrutscht. Erstaunlich hoch über ihm, das Fenster der Beifahrerseite, intakt, durch das er an Gebüsch und Bäumen emporblickte in einen weissgrauen Himmel. Während links das Glas zersplittert war. Blut am Handrücken und Unterarm. Kratzer nur, er hatte überlebt, vorerst. Den Motor ausschalten, war der nächste Gedanke. Die Benzinzufuhr unterbrechen. Als er den Gurt löste, fiel er ein Stück herab, auf die Scherben. Darunter war feuchter Waldboden. Steifbeinige Turnerei, Verrenkungen, dann war der Kopf oben. Er kniete auf den Scherben, ging in die Hocke und richtete sich auf. Wie breit sein Wagen war. Er konnte aufrecht stehen; und schaffte es nicht, die Tür auf der Beifahrerseite nach oben zu drücken. Er stieg auf die Konsole zwischen dem Fahrer- und dem Beifahrersitz, hatte jetzt
die Höhe, um die Tür hochzustemmen, aber ihr Gewicht liess sie wieder zufallen. Er kurbelte das Seitenfenster herunter. Sein Buch musste er retten. Er warf es voraus in den Regen, stützte sich im Fenster auf, kletterte hinaus, sprang und entfernte sich einige Meter vom Auto. Wie still es war, unwirklich still, nur einzelne Vogellaute. Noch immer der Regen, der ihn, mal stärker, mal schwächer, seit drei Tagen begleitete. Seit dem winzigen Puerto Guadal hatte er kein Haus, keine Hütte, keinen Menschen gesehen. Von der Carretera Austral, einer kaum befestigten Buckelpiste, war er einige Kilometer vor Cochrane auf einen noch schmaleren Erdweg Richtung Osten abgebogen, am Südufer des Lago General Carrera. Der Autor des Reiseromans, ein deutscher Kartograph, nannte diesen Abschnitt den gefährlichsten, aber auch wunderbarsten, der ihm auf seinen Expeditionen begegnet sei. Als er das schrieb, Mitte der 1930er-Jahre, war noch nicht damit begonnen worden, aus der steilen Südküste des Sees die Strasse zu sprengen, die den Kontakt zu den verstreuten Siedlern von Chile Chico erleichtern sollte. Mehr als fünfzig Jahre später war sie als dünner Strich im Reiseführer verzeichnet. Offenbar war man noch nicht dazu gekommen, den rechten Fahrbahn-
13
rand hinreichend zu stabilisieren. Wie tief war er gestürzt? Fünf Meter, sieben Meter, neun Meter? Der Wagen war übers Dach gerollt, ein Stück gerutscht und auf der Fahrerseite zu liegen gekommen. Eine Dreivierteldrehung nur. Als er sich überschlug, hatte er den Eindruck von mehreren Rollen übers Dach. Er lebte. Doch seine Reise war hier zu Ende, mitten im Lenga-Wald. Sein Auto würde in den nächsten Tagen und Nächten sein neues Zuhause sein und ihn vor Regen und dem Puma schützen. Zum Glück besass er den spannenden Reiseroman, den er jetzt unter seiner Jacke barg. Das war kein schlechtes Los. Noch war an Lesen nicht zu denken. Zurücklaufen nach Puerto Guadal? Da wäre er sieben Stunden unterwegs. Er hatte dort kein Hotel oder etwas Vergleichbares gesehen. In die andere Richtung, nach Chile Chico, dürfte es noch weiter und der Weg weitaus beschwerlicher sein. Tief unter ihm lag der grosse, kalte See. Hinter ihm zweitausend Meter hohe Berge. Der Kartograph beschrieb damals eine legendäre Felsenstadt, das Schloss des Trauko, des gefürchteten Berggeistes, der seine Wut durch unterirdisches Poltern ankündigte. Andere Autoren vermuteten auf den unzugänglichen Bergspitzen immense Goldvorräte der Inka, die sie vor
14
den habgierigen Conquistadores versteckt hatten. Einige versponnene Abenteurer behaupteten sogar, prächtige Paläste und Türme aus Gold gesehen zu haben. Da öffnete sich ein Tor in den Wolken. Wie aus dem Felsen gemeisselt, glänzten Marmorsäulen, funkelten golden die Zinnen und Zacken einer Riesenstadt, Türme mit Fenstern reckten sich schneeweiss aus der Bastion des Trauko. Er stand starr. Sobald er sich aus dem Bann dieser Erscheinung lösen konnte, stieg er euphorisch auf sein Auto. Die Tasche mit der Kamera war zu tief unter den Rücksitz gerutscht. Aber im Handschuhfach auf der Beifahrerseite bewahrte er eine Sofortbildkamera auf. Die nahm er und kraxelte den rutschigen Hang zu der Erdstrasse hinauf. Die Wolkendecke hatte sich wieder geschlossen. Er schoss ein Foto von seinem beklagenswerten Wagen im Graben. Während sich das Bild in seiner Hand entwickelte, hörte er aus der Ferne einen Ruf, als triebe jemand ein Tier an. Von Osten näherte sich auf der Strasse ein Gespann mit zwei Ochsen, begleitet von Männern, Kindern, Jugendlichen, vielleicht sieben Personen. Langsam kam die Gruppe näher, blieb stehen, die Ochsen wurden ausgespannt und den Abhang hinuntergetrie-
ben. Ein langes Seil zogen die Männer durch das offene Wagenfenster und die hintere Klappe und banden die Enden um die Ochsen. Als einer der Männer mit einem Stock auf die Tiere einschlug, richtete sich der Geländewagen ein Stück auf. Und fiel wieder zurück. Alle Männer und die stärkeren Burschen fassten an, um das Fahrzeug auf seine Räder zu stellen. Er war sprachlos, konnte nur zusehen und ein PolaroidFoto nach dem anderen machen. Die kleineren Jungen blickten fasziniert auf die sich von Zauberhand entwickelnden Bilder. Er schenkte sie ihnen. Als der Wagen wieder stand, gab einer der Landarbeiter ihm ein Zeichen, er solle den Hang hinauffahren. Ungläubig setzte er sich auf den Fahrersitz, liess die Tür offen, schnallte sich nicht an. Wie um den erwartungsvollen Männern und Kindern zu beweisen, dass der Motor niemals wieder anspringen würde, drehte er den Schlüssel. Der Motor lief, der Wagen ging nicht in Flammen auf. Den sogenannten Nebenabtrieb, das Power Take-Off, hatte er noch nie benutzt. Damit konnte er, so hatte der Verkäufer gemeint, eine Lokomotive hinter sich herziehen. Aber auch einen fast senkrechten schlammigen Abhang hochfahren? An der Radnabe drehte er den Schal-
ter auf «Lock» und legte den speziellen Traktorgang ein. Langsam gab er Gas. Zentimeter für Zentimeter, so kam es ihm vor, kletterte der Wagen in prekärem Gleichgewicht den Berg hinauf. Konzentriert hielt er das Lenkrad fest. Ein Fehler, und der Wagen läge wieder auf der Seite. Plötzlich stand er auf der Strasse. Er schaltete den Motor aus, zog die Handbremse, stieg aus, bedankte sich bei den Landarbeitern, die bereits damit beschäftigt waren, die Ochsen wieder einzuspannen. Er bot ihnen Geld an, was sie ablehnten. Mit Beulen im Blech, mit beinah heiler Haut und ohne die linke Scheibe setzte er den Weg zur argentinischen Grenze fort.
15
Frauke Hübner
Die Tasche nehmen und gehen Würde sie ein zweites Paar Schuhe brauchen? Unschlüssig stand sie vor dem Regal. Sie hatte nie einen Schuhtick gehabt und jetzt überforderten sie sogar die sechs Paar – sieben, wenn sie ihre Joggingschuhe mitzählte –, die geputzt und ordentlich aufgereiht auf den mit schwarzen Gummimatten ausgelegten Ablageflächen standen. Sie ging zurück ins Schlafzimmer und betrachtete die Kleidungsstücke, die neben der Reisetasche auf dem Bett lagen: zwei Jeans, zwei Pullover, vier Blusen, drei Shirts mit langen und drei mit kurzen Ärmeln, eine Sommerjacke, sechs Paar Socken, sechs Slips und einen BH. Dazu ein Handtuch, Bettwäsche und das Hemd, das sie in kalten Nächten zum Schlafen anzog. Laptop, E-Book-Reader, Ladekabel und das neue Mobiltelefon mit der noch nicht eingesteckten Prepaidkarte. Ein Notizbuch und der sogar in den ungewissen fremden Weiten des Weltalls funktionierende Space Pen, den ihr Vater ihr vor einigen Jahren geschenkt hatte. Der Kulturbeutel mit Zahnbürste, Zahncreme, Wattestäbchen, Parfüm, einem Stück Seife, Einmalrasierer, Nagelfeile, Bürste und Föhn. Mit diesen Dingen, und vielleicht einem zweiten Paar Schuhe, würde sie ein neues Leben beginnen. Als sie kurz nach Mitternacht aufgewacht war, hatte sie es gewusst. Heute würde sie ihre
16
Tasche nehmen und gehen. Ohne ein Wort und ohne Blick zurück. Die Vorbereitungen hatte sie in den vergangenen Monaten getroffen. Sie hatte fast alle Möbel und ihr Auto verkauft, Bücher und Pflanzen verschenkt. Zuerst Versicherungen und Verträge und dann ihre Stelle gekündigt, das Konto aufgelöst. Nach und nach alle Unterlagen und privaten Briefe, die Auskunft über sie gaben, vernichtet. Das war ihr beinahe wie eine Auslöschung ihrer Existenz vorgekommen. Es war seltsam gewesen, dieses Sichtrennen. Der harte Schnitt. Dazu hatte sie früher nicht geneigt. Übrig geblieben waren nur die Papiere, die man nach ihrem Fortgehen benötigen würde. Die Mappe hatte sie vor ein paar Tagen auf die Anrichte in der Küche gelegt. Seitdem hatte sie, still und schweigend, auf den richtigen Moment gewartet. Die Tasche nehmen und gehen. Zuerst war es nur ein vager Gedanke gewesen, morgens beim Zähneputzen vielleicht, über den sie sich gewundert und ein bisschen gelacht hatte. Die Tasche nehmen und gehen ... Mit der Zeit waren ihr diese Worte immer öfter in den Sinn gekommen. Die Tasche nehmen und gehen. Auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, während des Kochens. Die Tasche nehmen und gehen. Die Tasche nehmen und gehen. Unter der Dusche waren sie
ihr auf den Leib gerückt und hatten angefangen, ihr zu schaffen zu machen. Die Tasche nehmen und gehen. Die Tasche nehmen und gehen. Die Tasche nehmen und gehen. Himmel, die Tasche nehmen und gehen? Wohin denn gehen? Und warum? Sie hatte einen interessanten Beruf, eine schöne Wohnung und gute Freunde. Sie war glücklich! Die Tasche nehmen und gehen. Je mehr sie sich dagegen gewehrt hatte, desto deutlicher hatte sie gespürt, wie etwas, das sie nicht verstand und das sie nicht wollte, in ihr reifte und sich festigte. Als es übermächtig wurde, hatte sie ihren Widerstand aufgegeben. Es war dann eine ziemliche Überraschung gewesen, als sie merkte, dass die Worte ihren Schrecken verloren hatten und dass ihr der Gedanke, ihre Tasche zu nehmen und zu gehen, wie eine Tür nach draussen vorkam. Eine Tür nach draussen. Dies, so vermutete sie, war der Moment gewesen, von dem an es nicht mehr aufzuhalten war. Immer öfter hatte sie am Fenster gestanden und über die Dächer der Stadt hinweg zum Horizont geschaut. Bilder von menschenleeren Gegenden und schnurgeraden Strassen, von in sengender Hitze flimmerndem Asphalt und schneebedeckten Ebenen, an deren Rändern gewaltige Bergketten in den Himmel ragten, waren durch ihre Gedanken gewabert.
Kurz darauf hatten die ersten Möbel ihre Wohnung verlassen und sie hatte festgestellt, dass sie ihr nicht fehlten. Sein statt Haben. Sie hätte es nicht erklären können. Sich selbst nicht und anderen schon gar nicht. Und das musste sie ja auch nicht. Ohne dass sie vorher gewusst hätte, dass sie es tun würde, hatte sie dann eines Nachts ihren Laptop aufgeklappt und nach einem Haus am Meer gesucht. Sie war nur selten verreist und Geografie hatte sie nie interessiert, sie liess sich vom Klang der Namen leiten. Patagonien … Tasmanien … Karelien … Ozeanien … Jakutien … Surinam … Gabun … Goa … Papua-Neuguinea … Kamtschatka … Vir ginia … Letztlich spielte es keine Rolle wo oder wohin. Sie würde niemanden kennen und niemand würde sie kennen. Die Sprache konnte sie lernen, alles andere würde sich finden. Oder auch nicht. Das kleine, aus Bruchsteinen errichtete Haus lag abseits des Dorfes an einer bewaldeten Bucht. Die Fotos zeigten einen Raum mit Kamin und Fenstern zum Meer, eine Küche, die von einem gusseisernen, nach der dicken Russschicht zu urteilen mindestens hundert Jahre alten Herd beherrscht wurde, und ein kleines, bunt gekacheltes Badezimmer. Es gab Strom und fliessendes Wasser und ein paar Möbel. Wie es wohl im Innern des
17
Hauses roch. Ob es schon lange unbewohnt war und warum. Sie wusste es nicht. Und es spielte auch keine Rolle. Sie würde dort leben mit den Dingen, die sie vorfand. Schlecht oder recht. Das Geld würde für ein Jahr reichen. Der Makler war ein ruhiger Mann, sie hatte zweimal mit ihm telefoniert. In buchstäblich letzter Minute hatte sie sich gegen den Kauf entschieden. Zwar wollte sie, nachdem sie A gesagt hatte, auch B sagen. Aber sie wollte nicht von A nach B, von der Wohnung mit ihren Dingen zu einem gekauften Haus mit neuen Dingen reisen. Beim Gedanken daran schüttelte sie unwillkürlich den Kopf. Und während sie ihre Kleidung sorgfältig zusammenfaltete und mit den anderen Gegenständen in der Reisetasche verstaute, lächelte sie still in sich hinein. Schliesslich zog sie den Reissverschluss der Tasche zu, strich die Bettdecke glatt und ging in die Küche, um sich einen letzten Tee zu kochen. Während der Tee zog, wusch sie das Frühstücksgeschirr ab und stellte es in das Abtropfgestell neben der Spüle. Dann ging sie, die Tasse mit dem dampfenden Tee in der Hand, langsam durch die fast leere Wohnung und drehte in allen Zimmern die Temperatur der Heizkörper herunter. Sie trank in kleinen Schlucken und sah noch einmal aus jedem Fenster. In der Nacht hatte es geschneit und der Wetterbericht hatte noch mehr Schnee angekündigt. Im Wohnzimmer fiel ihr Blick auf Hugin und Munin, die beiden Raben aus
18
Plastik, die früher auf ihrem Schreibtisch gestanden hatten und seit dessen Verkauf einträchtig nebeneinander auf der Fensterbank sassen. Ohne zu überlegen griff sie nach ihnen, ging ins Schafzimmer und steckte sie zu Notizbuch und Kugelschreiber in das Innenfach der Reisetasche. Sie spülte die Tasse aus, wischte Wassertropfen vom Rand des Beckens, trocknete ihre Hände und hängte das Geschirrtuch an den Haken. Dann ging sie zur Wohnungstür, zog den Schlüsselbund ab und legte ihn auf die Mappe mit den Unterlagen. Dabei klirrten die Schlüssel leise aneinander. Das war’s. Ich bin fertig. Sie lehnte sich an den Rand der Arbeitsplatte und atmete ein paar Mal tief durch. Das Display des Backofens zeigte 7 Uhr 24. Schnellen Schrittes ging sie ins Schlafzimmer und nahm die Reisetasche vom Bett. Sie war gut zu tragen und nicht zu schwer. Vor dem Spiegel neben der Wohnungstür zog sie ihre Stiefel und ihre Winterjacke an. Bevor sie es einsteckte, überprüfte sie noch einmal den Inhalt ihres Portemonnaies: Reisepass und Personalausweis, Geld und Kreditkarten, Führerschein und Krankenversicherungskarte. Sie band den Schal um ihren Hals, setzte ihre Mütze auf, steckte ihre Handschuhe ein und zog den Reissverschluss ihrer Jacke hoch. Vielleicht ins Warme, dachte sie freudig und ein wenig nervös. Sie schloss die Augen und sah sich durch den Schnee zum Bahnhof gehen, den Zug in die nächstgelegene grössere Stadt und von dort einen
ICE zum internationalen Flughafen nehmen. Sie sieht sich die Eingangshalle des Flughafens betreten und auf die Anzeigentafeln zugehen. Sie hört Aufrufe zum Boarding und sieht Passagiere einzeln oder in Gruppen ihren Zielen zueilen. Sie wird einen Tee trinken, das Kommen und Gehen beobachten und, wenn sie nicht zu aufgeregt ist, eine Kleinigkeit essen. Und dann abwarten. Vielleicht wird es wieder ein Klang sein, der ihr den Weg weist. Oder eine Schlagzeile in einer Zeitung, die sie aus einem Drehständer nimmt. Ein
Aschenputtel.
im Vorübergehen gehörter Gesprächsfetzen. Eine plötzliche Eingebung. Wie auch immer. Früher oder später wird sie es wissen und an einem Schalter das Ticket kaufen, one-way, das sie in ihr neues Leben bringt. Sie öffnet die Augen. Sie ist bereit. Die Tasche über die Schulter gehängt, tritt sie ins Treppenhaus und zieht die Tür leise hinter sich ins Schloss. Als sie hinabgeht und spürt, wie sich durch die Tasche und ihre Jacke das zweite Paar Schuhe an ihren Rücken schmiegt, beginnt sie zu lächeln.
Foto: Tim Krohn
19
Gianni Kuhn
Drei Männer vom See Gegen Mittag hatte Wintermann nach mehrmaligen Suchfahrten ein freies Parkfeld beim Markt gefunden, wo die letzten Händler eben daran waren, ihre Stände abzubauen. Etwa hundert Meter weiter stand das KUB, das von Peter Zumthor erbaute Kunsthaus mit seiner imposanten Mattglasschale im gleissenden Licht des Bodensees. Auf dieses Bauwerk waren sie stolz hier in Bregenz. Gleich rechts davor stand ein länglicher, schwarzer Quader, in dessen Obergeschoss Wintermann, der im Kunsthaus als Kunstvermittler arbeitete, sein helles Büro hatte. Schaute er an diesem warmen Septembertag auf den Platz hinunter, so sah er all die fröhlichen Menschen an den Chromstahltischen sitzen. Sie assen, tranken, diskutierten. Danach war ihm nicht zu Mute. Seit dem Autounfall im Bregenzer Wald, wo er seine Frau und den Sohn verloren hatte und er als einziger unverletzt blieb, trug er sich immer wieder mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen, so dass sie alle wieder beisammen wären. Heute würde er, so wie er sich das immer wieder ausgemalt hatte, mit seinem Rennruderboot raus fahren in die Mitte des Sees, wo alles ruhig war. Karl Fässler stammte ursprünglich aus dem Alpsteingebiet, aus Appenzell. Er hatte kurzes, blondes Haar, rote Wangen,
20
einen goldenen Ohrstecker. Vor einem Jahr war er runter nach Rorschach an den See gezogen, weil er hier eine Stelle als Lehrer im Lehrerseminar bekam. Deutsch unterrichtete er. Zuerst lief alles gut, doch dann zog es ihn wieder runter. Es war, als ob er schwämme, und jemand zöge immer wieder an seinem Körper. Das hatte er schon als Jugendlicher gehabt, dann war es besser geworden. Vor knapp zwei Jahren war er mehr als ein halbes Jahr in einer psychiatrischen Klinik gewesen. Danach zog er in diese Stadt, weil ihn hier keiner kannte. Er wollte neu beginnen, doch schon bald spürte er wieder diesen Sog nach unten. Er hatte sich dagegen gewehrt, doch es war nicht zum Aushalten. Er hatte sich frisch rasiert, ein weisses Hemd und seinen besten Anzug angezogen und hatte sich gegen Mittag hinunter zum Hafen begeben. Heute war der Tag gekommen, wo alles ein Ende haben sollte. In 5000 Metern Flughöhe herrschten Temperaturen von bis zu minus dreissig Grad. Mit doppelten Lagen warmer Unterwäsche, dickgefüttertem Lederzeug, Lederhauben, dicken Handschuhen, Schutzbrillen und Filzstiefeln versuchte sich die Besatzung der Aufklärungs-Zeppeline zu schützen. Eine schwarzweisse Fotografie aus dem Ersten Weltkrieg hing
an der Wand hinter der Theke. Sie zeigte Janssons Grossvater mit Armeegefährten vor einem startbereiten Zeppelin. Wenn Jansson Witze machte, einen Daiquiri oder einen Mojito mixte oder dem Pianisten zuzwinkerte, hätte ihm niemand angesehen, dass er sich innerlich so unterkühlt fühlte wie einst sein Grossvater und die Männer in den Luftschiffen. Nur war es bei ihm nicht nur die physische Kälte, sondern auch eine innere Leere wie ein tiefes Loch. Mit der Trennung von seiner Frau hatte es so richtig begonnen, bald genügte eine Flasche Gin oder Wodka pro Tag nicht mehr. Trotzdem stieg in ihm der Überdruss, er war des Lebens so müde, dass er es am Liebsten aus sich herausgewürgt hätte. In dieser aussergewöhnlich lauen Septembernacht, die sich über Friedrichshafen ausbreitete, hatte er die Bar wie üblich um vier Uhr in der Früh zugeschlossen, war dem Ufer entlang gegangen, hatte sich hingesetzt und in die Weite des Sees gestarrt. Da war es ihm plötzlich klar. Heute musste es sein. Er war freudig erregt, dass er plötzlich wusste, was zu tun war. Bis am Mittag würde er alles geregelt haben. Wintermann und Fässler waren so ins Rudern versunken, dass sie sich mitten auf dem Bodensee gegenseitig erst bemerkten, als sie schon beinahe zusammensties
sen. Als sie sich vom ersten Schreck erholt hatten, begannen sie sich gegenseitig zu beschimpfen, weil jeder diesen Ort für sich beanspruchte. Es hätte zwischen den beiden womöglich schlimm geendet, wenn sich nicht Jansson in eben diesem Moment aus der Fähre, die von Friedrichshafen nach Romanshorn fuhr, geworfen hätte. Instinktiv ruderten sie beide zum Ertrinkenden, rissen ihn gegen seinen Willen aus den Fluten, wobei das eine der zwei Ruderboote kenterte. So sassen sie schliesslich alle drei in demselben Boot, und keiner konnte an diesem Tag seine Pläne in die Tat umsetzen. Und als sie nach langem Diskutieren und Erzählen bei Sonnenuntergang endlich in Romanshorn ankamen, von wo aus jeder wieder mit Schiff oder Bahn an seinen Wohnort fahren konnte, war das der Anfang einer unerwarteten Freundschaft, die ihnen schliesslich das Leben rettete. Und fortan nannten sie sich, immer eingedenk der Gefahr, aber auch um sich selber Lebensmut zuzusprechen «Die drei Männer vom See».
21
Der Gestalter
Foto: Tobias Grimbacher
22