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Christine Fischer

Der Zweifel, der Jubel, das Staunen mit acht Graphit-Zeichnungen von Jan Kaeser

orte Verlag

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Die Graphit-Zeichnungen wurden von Jan Kaeser eigens f체r dieses Buch erstellt. Er liess sich von den Texten ersch체ttern und erregen. Diese inneren Bewegungen 체bertrug er gleich einem Seismographen w채hrend des Lesens direkt mittels Graphitstift auf Papier. Davon sind Ausschnitte abgebildet.


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anrufungen

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Die Sterne rufe ich an, mir den Raum abzustecken, wenn ich mich im Grenzenlosen zu verlieren drohe. Ich bitte sie, dort oben am nächtlichen Himmel in Erscheinung zu treten, damit ich meine wahre Grösse, die eine kleine Grösse ist, erkennen kann. Ich bitte sie, gut auf ihre gegenseitigen Abstände und Nachbarschaften zu achten, damit sich mein Gefühl für Linien, Formen und Gebilde nicht verwirrt. Insbesondere bitte ich sie, die gegenseitigen Abstände zu wahren, in denen die Leere und mit der Leere mein Gefühl für Ehrfurcht wohnen kann. Ganz zuletzt rufe ich sie an, ihr Licht nicht verlöschen zu lassen, denn ohne Licht habe ich kein Zeichen ihrer Existenz. Ich sage ihnen, dass ich ihr Licht brauche, weil es auch mein Licht ist und um auf Erden nicht ganz alleine zu sein. Sie sollen mir winken, wenn ich zu ihnen aufschaue, so wie mir ein Mensch aus dem Zugfenster zuwinkt, während er sich entfernt und ich zurückbleibe. Ich sage den Sternen, ihr Licht sei eine Erzählung vom Licht, eine Geschichte vom Entstehen und Vergehen. Sie vermittle mir eine Ahnung davon, was die Ewigkeit sei. Dank dieser Geschichte könne ich mir vorstellen, dass die Toten eine Heimat hätten und also auch ich irgendwohin gehen könnte, dereinst, wenn mir die Erde leicht und immer leichter werden wird.

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Die Kälte rufe ich an, sie möge bleiben und mir das Leben umdrehen, damit mein Wünschen und Wollen nach innen gehe und dort zur Ruhe komme. Ich brauche die Kälte, denn sie lehrt mich die Unterscheidung im Denken wie im Handeln. Sie macht das Nein zu einem Nein, und aus Ja macht sie Ja. Sie destilliert mir die Zeit in Tropfen und verwandelt fünf Minuten in eine Handvoll Kostbarkeiten. Die Musik der Kälte ist eine Leiter zum Himmel, die ich zwar nicht erklimmen, aber schauen und im Schauen erfahren kann, dass sie auch benutzt wird, um von dort oben nach unten zu gelangen, zu uns Menschen, die wir frieren in Elend und Krieg. Ich bitte die Kälte, nicht müde zu werden, mich die Sprache der kargen Zeichen zu lehren, damit ich zu begreifen beginne, was Wärme bedeuten mag.


Die Müdigkeit rufe ich an. Möge sie bei mir bleiben und mich nicht verlassen. Sie verbindet mich mit meinem alten Vater, der so müde ist von all der gelebten Zeit, dass er wohl bald für immer einschlafen wird. Dann wird die Müdigkeit mein Erbe sein, eine Auszeichnung. Gleich ihm wird sie mich die Hände in den Schoss und den Kopf aufs Polster legen lassen. Meinen Geist aber wird sie aus der engen Kapsel des Kopfes befreien, ihn erst im Zimmer über dem Lehnstuhl, dann im Luftraum über dem Altersheim, dem Friedhof und der weiten Talschaft schweben und sich ausbreiten lassen, dem Ort meiner Ahnen. Denn die Müdigkeit hat eine Heimat. Sie wohnt auf dem Burghügel über dem Dorf. Gerufen oder ungerufen steigt sie nieder, jeden Tag und fast jede Stunde tut sie das, und ohne anzuklopfen tritt sie ins Zimmer. Sie ist die Bewegungsart der Heimkehrer. Gerne übergebe ich mich ihrer sanften Herrschaft, erweicht sie mir doch Glieder und Sinn. Lass gut sein, wispert sie mir ins Ohr und legt ihre Finger auf meine Lider. Es gibt nichts zu tun, es wird getan.

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Den Regen rufe ich an, nicht aufzuhören, unsere Gewässer zu speisen, die Quellen und Bäche, die Flüsse und Seen, die Meere. Das Grünen auf unserer Erde zu erhalten, die Wälder meiner Kindheit, die Felder der Bauern, die Gärten der Würmer, Schnecken und Käfer, die Blumen der Schmetterlinge, das Gemüse auf meinem Teller, auf meiner Zunge, im Magen, im Gedärm. Es ist nicht bloss der Hunger, der Durst, der mich rufen lässt, ebenso sehr verlangt es mich nach Waschungen des Regens, ich brauche sie beim müden Heimkehren von der Arbeit an einem Oktoberabend oder auf der Landstrasse im staubigen Sommer. Sie lassen Frische und Reinheit zurück, Duft, Regenduft. Sie trösten. Nicht versiegen soll auch die Regengabe des Lächelns, und nicht in Vergessenheit geraten sollen die endlosen Stränge seiner Schlaflieder in der Dachtraufe und an der Fensterscheibe. Ich habe noch nicht alle seine Litaneien gelernt, und ich möchte noch mehr hören von den ständig wechselnden Gerüchten, die er flüsternd streut und mich vom Eifer seiner Erzählungen anstecken lassen. Wenn ich ihm lausche, keimt in mir ein neuer Glaube an den Fortbestand der Welt.


Den Zorn rufe ich an, bei mir zu bleiben, der heilige Zorn und der unheilige auch. Er möge sich entbrennen an Ungerechtigkeit und Zerstörung und mich erfassen. Mir die Brust aufreissen und das Herz blosslegen. Mir fünf Zungen verleihen, Drachenzungen, ein Dutzend Hände, Gedanken wie flüssige Lava, Flammenwörter. Er möge mir eine Richtung weisen und mich in Bewegung setzen. Mich schützen mit einem Mantel aus Hitze. Mein Pferd sein, meine sieben Feuerrösser, mein magisches Schwert Excalibur. Und wieder in sich zusammensinken, so wie ein Feuer es tut. Mir eine Glut zurücklassen, die noch lange wärmt. Einen Aschehaufen, der mich an das erinnert, was sich verwandelt hat. An den Weg, den alles Irdische geht. Von Feuer zu Stein, von Erde zu Luft. Von Luft zu Sternenstaub. Von Krieg zu Befriedung, vom Aufruhr zur Stille. Es gibt keine Gerechtigkeit und vielleicht auch keinen Sinn. Doch es gibt die Stille ohne Anfang und ohne Ende.

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Den Schatten rufe ich an, Bruder des Lichts, mich nicht zu verlassen. Er zeigt mir, wo die Sonne steht und wie stark sie scheint. Er ist der eingeborene Geist, der den Objekten innewohnt. Er ist der Zeuge ihres Vorhandenseins. Während die Dinge in ihrer Erscheinung träge sind, ist er der grosse Wandelbare, der Wanderer. Er wächst und schrumpft, er dunkelt und verblasst, er verschiebt sich und tanzt. Er ist befreundet mit dem Mondschein und den Wasserspiegeln. Er ballt sich in der Hitze und fingert über die Eisfläche. Er lehrt mich die Zweiheit aller Dinge: Ohne ihre Masse hat er keine Gestalt, doch ohne die Substanzlosigkeit des Schattens verlieren die Dinge ihr Wesen, ihre Tiefe. Ohne Schatten wird das Licht zum Feind, zum gnadenlosen Enthüller. Die Gnade des Schattens aber gewährt mir Ruhe und erhält die Dreidimensionalität der Welt. Ohne Schatten wäre die Welt ein experimenteller Film und ich seine einzige Akteurin. Ein von allen guten Geistern verlassenes Geschöpf.


Die Fäulnis rufe ich an, auf Erden zu bleiben. Wer wollte schon leben in ewiger Schönheit und Jugend? Was wäre der rotbackige Apfel, die duftende Erdbeere, der stramme Blumenkohl, wenn nicht die Fäulnis drohte? Wer würde das makellose Gebiss, das blendende Lächeln hochschätzen, unterläge es nicht der Vergänglichkeit? Wo lagerte die Menschheit ihre Leichen ab, ihre Millionen gefallener Soldaten, die unzähligen Gemordeten, Verhungerten, von Alter und Krankheit Dahingerafften, die Ahnen und Urahnen, die Vorfahren, all die ehemals Hineingeborenen und wieder Ausgestorbenen, die durch Naturkatastrophen oder auf der Flucht Umgekommenen, die Legionen von Betrauerten und Vergessenen, zersetzte nicht Fäulnis eine jede ihrer Zellen? Da wäre kein Platz mehr auf Erden für die Lebendigen, und fänden sich doch noch ein paar Quadratmeter, um frisches Leben zu pflanzen, so wäre es den Lebensbehauptern nicht wohl unter all den erhalten gebliebenen Toten, denn diese wären die erdrückende Mehrheit, erstarrt in den Posen des Todes, mit leeren Blicken, verzerrten Mündern, geballten Fäusten oder gefalteten Händen, verdammt zu immerwährender Existenz. Wer wollte so leben? Wer wollte vom ewig roten Apfel essen, ohne seiner Saftigkeit und Ebenmässigkeit irgendwann leid zu werden und ihn schliesslich entnervt von sich zu schleudern? Niemand, niemand.

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Die Toten rufe ich an, in meinem Gedenken zu bleiben, damit mir die Erde reich sei und meine Wurzeln in die Tiefe greifen. Sie sollen der Boden sein, auf dem ich stehe, die sonnenbeschienene Endmoräne, auf der ich meine Heimat habe. Sie sollen mein Blick sein über das fruchtbare Tal, hinein in die Berge, hinauf zum ewigen Schnee und in die Wolkenländer. Sie sollen keifen, wenn ich einen Blödsinn mache, und sie sollen über meine Witze kichern. Ich denke sie mir weiser, als ich selber es bin, und weniger zerrissen von allem Wenn und Aber, sie, die alles hinter sich haben, alles Glück und allen Schmerz. Die mir vorausgegangen sind, damit ich nachkommen kann. Die mich verketten mit allem, was lebt, vergangen ist und sein wird. Ich will sie lieben dürfen, weil ich sie in mir trage und sie mich in ihnen.


Die Dunkelheit rufe ich an, bei mir zu bleiben und mir täglich aufs Neue ihren Mantel zu leihen. Die gnädige, die wärmende, die weiche und schützende Dunkelheit mit ihrem feinen Gewebe der Ahnung, den tausend Falten und den tiefen Taschen. Die heimliche Dunkelheit mit ihrem Knistern und Rascheln von Maikäfern in einer Papiertüte, die saugende Dunkelheit mit ihrer Musik von Streichern, den lang anhaltenden Tönen in Moll. Die bedrohliche Dunkelheit mit ihrem Knacken und ihren schwarzen Löchern, die bedrängende, die verschlingende Göttin der Nacht. Sie soll bleiben, sie soll mich heimsuchen, wenn ich keine Heimat habe. Ich will in sie hineingehen können wie in einen Raum ohne Wände. Sie soll mich reissen, die Wölfin der Wälder, und so meinen Körper vernichten. Zerstückelt im Wolfsbauch, werde ich gross und weit werden, und es wird keine Grenzen mehr geben, auch keine Grenzen der Angst. Ich und der Tod werden dasselbe sein, endlich, und ich werde, ohne noch Augen zu haben, endlich das andere Licht erblicken. Ich werde aufstehen und tanzen. Die Dunkelheit wird mein Boden sein, sie wird meine Füsse sein, meine Hand, die sich ausstreckt, und die Hand, die mir gereicht wird.

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Den Wind rufe ich an. Der Wind, der mir die Unruhe bringt, er ist es, den ich meine. Störenfried will ich ihn nennen, Wind, der mir das Oberste nach unten kehrt und das Liegengebliebene aufwirbelt. Er soll wehen, auch wenn mir der Sinn nach Windstille steht. Er soll mir die Stunde aufmischen, wenn die Beschaulichkeit mich zu erdrosseln droht. Er soll an meinem Fenster rütteln und mir den Schlaf rauben. Er soll mir den Kopf zerdehnen und das Denken zerrütten. Elektrisiert will ich durch den Tag gehen, mit angespannten Nerven, mit vibrierenden Zellen und überhitztem Blut. Zerren soll er an meinem Mantel, mir das dünne Haar zerzausen, mir die Augen entzünden, den Mund austrocknen, durch Mark und Bein gehen, denn mein Leben ist nicht gemacht für den Schlaf, sondern für das Wachen. So war es von allem Anfang an, und so soll es bleiben, selbst am Ort meiner letzten Ruhestätte unter einem Baum. Rauschen soll es auch dort, gerade dort, brausen, wedeln, schaukeln, ächzen. Der Geist weht, wo er will, das hat uns die Bibel gelehrt. Ein Wind anderer Art. Er wird mich finden, in meine müde Seele fahren, sie forttragen und mit neuem Leben erfüllen.


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