orte Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 186, Mai 2016 ISBN 978-3-85830-180-2; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 60.– (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Janine Durot (Foto: Carmen Wueest), orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung von zwei Souvenir-Grabkreuzen aus dem «Lustigen Friedhof» von Săpânt˛a.) Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Korrespondenz geführt werden; sie werden nicht zurückgeschickt.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial
orte 4 inhaltsverzeichnis Ausser Haus
Martin Strauß
8 Schriftstellerinnen mit rumänischen Wurzeln in der Schweiz
Catalin Dorian Florescu Dana Grigorcea Andrei Mihailescu
Rumänische Raritäten «wie besoffen taumelte der regen auf der strasse» 14 Einführung
Andreas Saurer
18 Ion Cocora, Bukarest mit einem Gedicht von Nora Iuga 20 Matei Hutopila, Iaşi 22 Constantin Rupa, Timişoara 25 Daniela Raţiu, Timişoara 28 Der lustige Friedhof
Andreas Saurer
30 Vasile Igna, Cluj 34 Ioan Moldovan, Oradea 36 Vasile Muste, Sighetu Marmaţiei 39 Ana Blandiana
Andreas Saurer
41 Gavril Ciuban, Vişeu de Sus mit einer Parodie von Lucian Perța 45 Der Tag, an dem mir Gavril Ciuban erschien Erwin Messmer 49 Ilie Tudor Zegrea, Czernowitz 52 Grigore Chiper, Chişinău 56 Autorenbiografien
58 orte-Bestenliste Bernhard Giger 60 hör-orte Peter K. Wehrli 62 orte-Bücherregal 68 orte-Longseller 70 orte-Agenda 72 orte-Marktplatz
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Veronika Meyers Szenario des Grauens
Veronika R. Meyer: Stromlos 216 Seiten, Fr. 28.– ISBN: 978-3-85830-201-4
An einem Freitagnachmittag fällt in der ganzen Ostschweiz der Strom aus. Es gibt kaum Informationen über Ursache und Dauer des Stromausfalls. Computer stürzen ab, das Mobilfunknetz fällt aus, der Campingkocher muss den Kochherd ersetzen, tiefgekühlte Lebensmittel vergammeln, und in den Spitälern brummen die Notstromaggregate. Nichts geht mehr! Bevölkerung und Behörden stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Wie g ehen die Menschen mit der noch nie dagewesenen Situation um? Wie viele bezahlen den Stromausfall mit ihrem Leben? Veronika Meyers Geschichte ist zum Glück nur Fiktion. Doch der Stromausfall vom 9. Dezember 2015 in weiten Teilen der Stadt Zürich zeigt, wie schnell die Realität die Fiktion einholen kann.
Erhältlich im Buchhandel oder im Verlagsladen Schwellbrunn Im Rank 83 | Tel. 071 353 77 55 | www.orteverlag.ch
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orte Verlag
orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Steht Ihnen der Sinn nach Frühling, nach neuen Wegen, einem fröhlichen Ort? Sind Sie neugierig auf andere Kulturen, Menschen und deren Literatur? Dann wird Ihnen dieses orte-Heft bestimmt gefallen, das für die rumänische Lyrik «ein Fenster in den deutschsprachigen Raum» öffnet. orte 186 handelt davon, «was für absurde kreaturen frauen doch sind», von «soviel Grünzeug zwischen uns», Engeln mit ipod im Ohr oder auch vom Verhältnis von Sauberkeit und Schönheit. Der Thementeil stellt Ihnen zehn rumänischsprachige Autorinnen und Autoren aus der Ukraine, Moldawien und Rumänien vor. «Im Osten», so sagt Catalin Dorian Florescu im Interview mit orte, sei «das Drama des Lebens und Überlebens, verbunden mit einer Prise Poesie, noch sehr stark». Freuen Sie sich also auf eine kräftige Lektüre! Die Auswahl der Gedichte und die Übersetzungen aus dem Rumänischen verdanken wir Andreas Saurer, Lyriker und Aus-
landredaktor bei der Berner Zeitung, und Erwin Messmer. Zwischen der Schweiz und Rumänien liegen über 1000 Kilometer, und vielleicht fällt es Ihnen nicht ganz leicht, eine so weite Reise in Angriff zu nehmen. Dann empfehlen wir vorab die Gedichte von Martin Strauß am Anfang dieser orteNummer, mit denen Sie beim Lesen schon einmal «ausser Haus» kommen. Ebenfalls zur Einführung ins Thema finden Sie im Heft ein Interview mit drei bekannten Schriftstellern rumänischer Herkunft, die in der Schweiz leben. Dana Grigorcea, Catalin Dorian Florescu und Andrei Mihailescu geben Auskunft über ihr Verhältnis zu Rumänien und der Schweiz, über ihren «Sprachwechsel», Lieblingsautoren und einiges mehr. Wir wünschen Ihnen eine vergnügliche und interessante Lektüre. Mit herzlichem Gruss Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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Ausser Haus Gedichte von Martin Strauß
Martin Strauß, geboren 1959, besuchte evangelische und katholische Kindergärten und Schulen, lernte Schriftsetzer und arbeitete in diversen Brotberufen. Seit Anfang der 1990er-Jahre Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, darunter im Jahrbuch der Lyrik (2001, 2005–2008). 2008 Zuerkennung des «Irseer Pegasus» des Verbandes deutscher Schriftsteller (Regionalgruppe Schwaben) und im gleichen Jahr 2. Preis des Feldkircher Lyrikpreises in Vorarlberg (Österreich). Gedichtband: Ein Blinder im Lichtspielhaus, Edition Kirchhof & Franke, Leipzig 2007.
Rudererhaus … dann erkennen wir Zahlen Gesichter, Unterschriften, die siegreichen Achter von 1977, ’78, ’81, aufsteigend in kaum unterbrochener Folge und immer wieder den zierlichen Steuermann der aussieht wie ein Kobold zwischen Riesen daß wir gebührend Abstand halten Und nur ganz sachte etwas Staub von den Wimpeln blasen dort eine Urkunde ins Lot rücken und einen scheuen Blick haben auf den tabakbraunen Pokalschrank bis jemand hereinfragt, ob wir nun drinnen oder draußen säßen
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Martin Strauß.
Fundstelle Gern führt man auswärtige Freunde hierher zwischen die Halden aus zerklopftem Schiefer Seht, gibt man ihnen zur Auskunft, wir stehen hier Auf dem Grund eines flachen Meeres welches reich an Fischen, Weichgetier und Reptilien Eine Frage des rechten Schuhwerks, der Geduld und eines geeigneten Hammers und ihr werdet Sagt man den Freunden, fündig wie alle anderen vor euch
Archäologischer Lehrpfad 2 Ohne Rasiermesser ging der nicht ins Jenseits von dem nur sparsamste Beilage blieb Ein Schattenwurf verfärbter Erde wo einer lag inmitten der wenigen Scherben und Nichts wäre ohne sein Schabutensil das ihn gerettet hat
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Archäologischer Lehrpfad 3 Ich tappe im Grünen und folge dem Ringgraben der sich unter einjährigen Gräsern verbirgt Das Luftbild zeigt ihn: Körnig ins Gelände schattiert wie unvollständig entfernter Graphit samt Betrachterstandort den ein roter Pfeil eindeutig bezeigt
Robinsonade im Rapsfeld Soweit das Auge reicht und keine Nähe in Sicht außer Gelb in Gelb Gleichton der Bienen hin und wieder ein Bläuling der im Schönwetter aufgeht Inmitten der Blüte ein Zwetschgenbaum der nun alles bedeutet
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einige freibadsätze säugetierfreude verdunstende fußspur der turmspringer einmeterbrettmut der bademeister ganz in weiss denkt vielleicht an den kommenden winter caracalla im kioskschatten das geschrei aushorchen hin und wieder ein namensgleicher ruf umwälzter nachmittag in den brustfalten eines alten manns kentert ein dreimaster gewitterwarnung libellen hochzeiten über den leeren becken nicht schwimmen können: wie ging das eigentlich und wen wollte man fragen?
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Eine Referenz in gesellschaftlichen Debatten
In der Schweiz leben auffallend viele erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit rumänischen Wurzeln. Diese Besonderheit hat die orte-Redaktion gereizt, einige von ihnen im Rahmen dieses Rumänien-Hefts zu befragen. Geantwortet haben Dana Grigorcea, Andrei Mihailescu und Catalin Dorian Florescu.
Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat die Literatur in Rumänien heute? Dana Grigorcea: Literaten im heutigen Rumänien sind wie die Philosophen im alten Griechenland: zwar mausearm die meisten, aber mit Gefolgschaft, und sie sind stets eine Referenz in gesellschaftlichen Debatten. Vielleicht liegt das alles auch daran, dass sich ihr Schaffen nicht über den Markt definiert – und die Kunst einen Wert an sich hat als Reflexion des Alltags. Catalin Dorian Florescu: Es ist schwer darauf zu antworten, da ich ja in der Schweiz lebe und mich nicht an der rumänischen Aktualität beteilige. Zumindest nicht so, dass ich profunde Kenntnisse hätte. Ich weiss, dass es unzählige Literatur- und Kulturzeitschriften gibt – viel mehr als bei uns hier –, in praktisch jeder Stadt gibt es sie, aber sie erscheinen in kleinen Auflagen, und die Dispute und Diskussionen finden in einem kleinen Kreis von Lesern statt.
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Es gibt natürlich auch einige solcher Veröffentlichungen, die breiter wahrgenommen werden und, da die nationalen Zeitungen kaum gehaltvoll sind, hat sich vieles ins Internet verlagert, auf sogenannte Blogs. Aber alles in allem bleibt alles überschaubar und kann leider nicht die politische oder soziale Realität im Land beeinflussen. Ob der Inhalt der modernen rumänischen Literatur Themen, Konflikte, Aspekte des rumänischen Lebens aufnimmt und somit zur Bewusstwerdung der Gesellschaft beiträgt, kann ich nicht sagen, da ich sie nicht verfolge. Aber auch wenn sie es täte – und davon gehe ich aus – könnte die Literatur kaum etwas bewirken, bei den kleinen Auflagezahlen und der kleinen Schar Leser, die sich Bücher kaufen kann. Das Gebiet aber, in welchem die Literatur, wie auch beispielsweise der rumänische Film, dem Land einen grossen Dienst erweist, ist das Ausland, wo sie immer stärker wahrgenommen wird. Rumänien kriegt endlich ein Gesicht, das nicht nur von den zwei, drei Klischees bestimmt wird, die wir alle kennen. Haben Sie einen rumänischen Lieblingsautor oder eine Lieblingsautorin und gibt es vielleicht sogar ein Lieblingsgedicht oder ein Lieblingsbuch? Und: welche schreibende Per-
son in Rumänien würden Sie in unseren Breitengraden gerne etwas bekannter machen? Dana Grigorcea: Lieblingsbuch? Das ist die berühmte Frage mit der einsamen Insel … Je nach Lebenslage und Tagesdisposition fallen mir andere Autoren und Bücher ein; ausserdem wird doch rege weitergeschrieben, und ich stöbere rege auch in Neuerscheinungen und Blogs. Übersetzt sähe ich gerne Vasile Voiculescu, Nichita Stănescu, Octavian Goga, Ioan Alexandru Brătescu-Voinești, Ion Luca Caragiale, Ioan Slavici, Ana Blandiana, Constantin Ţoiu, auch mehr von Nora Iuga … Andrei Mihailescu: Ana Blandiana. Auch wenn ich ihr öffentliches Engagement (memorialsighet.ro) einmal ausser Acht lasse, bleibt sie für mich ein Schwergewicht der zeitgenössischen rumänischen Literatur. Sowohl ihre Lyrik (zum Beispiel der 2010 erschienene Band Patria mea A4 – Mein A4 grosses Vaterland) als auch ihre Prosa sind eine Wucht. Auch spannend: Gabriela Adameşteanu, Ioana Pârvulescu. Catalin Dorian Florescu: Ich lese kaum rumänische Literatur, empfehlen kann ich immerhin einen wunderbaren Lyriker, Robert Șerban, der wie ich aus Timișoara stammt. Eine grandiose Lyrik. Aglaja Veteranyi, Eugène, Popescu, Grigorcea, Florescu, Mihailescu: Eine ganze Reihe von Autoren und Autorinnen, deren Wurzeln in Rumänien liegen, mach(t)en ihren Weg in der Schweiz. Wie erklären Sie sich dieses – gerade auch im Vergleich zu
Deutschland und Österreich – auffallende Phänomen? Dana Grigorcea: Ich bin in die Schweiz der Liebe wegen gekommen, mein Mann, Perikles Monioudis, ist Schweizer, hier geboren und aufgewachsen. Die Kollegen, die Sie aufzählen, sind als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen. Die Ausgangslagen sind nicht zu vergleichen, und sie bedingen auch die Sicht auf Rumänien und auf die Schweiz. Andrei Mihailescu: Ich habe keinen Kontakt zu den anderen Autoren in Ihrer Liste, darum bin ich kein «Kenner» einer «Szene» (ich glaube nicht einmal, dass es eine solche gibt), und was jetzt folgt, ist bloss meine persönliche Meinung. Die Liste ist erstens grosszügig gefasst (und die rumänischen Wurzeln von Aglaja Veteranyi empfinde ich als eher formeller Art). Als etablierte Autoren betrachte ich Popescu, Grigorcea und Florescu. Ein erster Grund liegt für mich in der Schweizer Literatur: Dadurch, dass Schweizer Autoren (ohne Migrationshintergrund) anders, sehr anders schreiben als wir, spüre ich das Vorhandensein einer Nische, die einladend wirkt. Zweitens ist die Schweiz ein kleines, weltoffenes Land, mit einem breit interessierten Publikum. Ich habe weder in Österreich, noch in Deutschland gelebt und kann nicht vergleichen. Aber als hiesiger Autor kann ich sagen: Ich finde auch mit Themen ein Publikum, die nicht rein schweizerisch sind. Catalin Dorian Florescu: Dass all diese Leute in die Schweiz gefunden haben, ist purer Zufall, ich würde es nicht überbewerten. Es gibt nichts an der Schweiz, was vor al-
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Dana Grigorcea
lem Rumänen angezogen hat oder anzieht. Was machte der Sprachwechsel mit Ihnen, und wie schafften Sie es, literarisch nicht zu verstummen nach der Emigration? Dana Grigorcea: In meinem Fall kann man eben nicht von Emigration reden, ich bin eine Flaneurin. Daher ist mein Zugang zur Sprache auch ein entspannter, ich mag es, mit Sprache zu experimentieren. Ich bin übrigens studierte Germanistin. Ausserdem gehe ich in meiner Literatur von einer Idee aus oder von einem Bild und suche den sprachlichen Zugang dazu. Ich bin keine Anhängerin des Raunens, der Theorie, dass die Sprache mehr über sich weiss als wir. Die Sprache ist ein Instrument zum Zweck, und je mehr man sich
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Foto: Ayşe Yavas
im Notenlesen übt, desto leichter kann man von einem Instrument zum anderen wechseln. Andrei Mihailescu: Bei mir gab es keinen. Ich habe zuerst auf Deutsch studiert, gearbeitet, Beziehungen gelebt, Vereine gegründet, Projekte durchgeführt und erst danach – knapp dreissig Jahre nach der Einreise – angefangen, zu schreiben. Catalin Dorian Florescu: Ich kam mit 15 Jahren in die Schweiz, ich konnte literarisch gar nicht verstummen, weil ich noch gar nicht wusste, dass ich schreiben möchte. Es ging vielleicht im Allgemeinen darum, sich zu trauen, trotzdem genau das zu tun, was die innere Stimme zu tun diktierte: Schreiben … und das in einer fremden Sprache. Es hat wohl aus drei Gründen funktioniert: mein Talent für Sprachen;
Catalin Dorian Florescu
Foto: Lesepfad MV 2012
mein Vertrauen und meine Zuversicht über viele Jahre, mein Schreiben und meine Sprache zu pflegen. Und weil ich mich genau das nie gefragt habe: Ich bin nie in die Opferrolle geschlüpft, sondern war ein Macher und Kämpfer. Mich interessierte viel mehr der nächste Stoff, die nächste Geschichte. Werden Sie in Rumänien wahrgenommen, übersetzt und publiziert? Hilft die hiesige Anerkennung, Sie in Ihrer ursprünglichen Heimat bekannter zu machen? Dana Grigorcea: Ich habe in Rumänien debütiert mit Kurzgeschichten, wurde sehr grosszügig eingeführt in der Literaturzeitschrift des Schriftstellerverbandes. Seitdem aber, seit dem Jahr 2000 oder etwas früher, schreibe ich ausschliesslich auf
Andrei Mihailescu
Foto: Ayşe Yavas
Deutsch. Mein Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit wird jetzt gerade ins Rumänische übersetzt, von der Grande Dame der rumänischen Literatur, Nora Iuga, und erscheint im Herbst im Humanitas Verlag. Über Anerkennung und Bekanntheit mag ich nicht so viel sinnieren, wichtig ist mir der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, die ich schätze, und mit meinen Lesern. Deswegen gehe ich gerne auf Lesungen und besuche Literaturzirkel. Ich organisiere übrigens auch selber ein- bis zweimal im Monat Leseabende in Zürich. Andrei Mihailescu: Zurzeit bin ich in Rumänien völlig unbekannt. Catalin Dorian Florescu: Natürlich hilft sie, ja, es ist eine Voraussetzung. Im Osten imponiert schnell mal, was sich im Westen
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durchgesetzt hat. Selbstverständlich bin ich übersetzt, seit vielen Jahren, meine Romane werden – bis auf zwei Ausnahmen – hervorragend besprochen und die Auflagen sind ganz ok im Rahmen dessen, was in Rumänien überhaupt möglich ist. Was schöpfen Sie aus Ihrer rumänischen Vergangenheit? Ist sie ein wichtiger Teil Ihres schriftstellerischen Selbstverständnisses? Dana Grigorcea: Ich bin im «Nationalkommunismus» aufgewachsen, da bin ich etwas vorsichtig, wenn von einer nationalen Vergangenheit geredet wird. Zudem bewege ich mich als Künstlerin am Rande solcher Überbegriffe und bleibe näher beim Individuum. Andrei Mihailescu: Glücklicherweise waren meine rumänische Vergangenheit und meine schweizerische äusserst unterschiedlich. Diese Verschiedenartigkeit hat mich intensiv beschäftigt. Woran liegt sie? Was ist Folge der politischen Regimes, was der Kultur oder des Temperaments? Diese Fragen haben bei mir zu verschiedenen Beschäftigungen geführt: von meinem zweiten Studium (Politikwissenschaften und Ethnologie) über das Interesse für Menschenrechte und Entwicklung bis zum Schreiben. Für meinen ersten Roman half mir mein rumänischer Hintergrund natürlich, da die Geschichte sich in Rumänien abspielt. Meine Rumänisch-Kenntnisse erwiesen sich für die Recherche als unbezahlbar. Ich kann mir aber nicht vorstellen, noch drei bis vier Romane zu schreiben, die ausschliesslich dort spielen. Was für mich hingegen weiter im Zentrum stehen wird, ist Verschie-
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denartigkeit, und wie sie zu Sprachlosigkeit führen kann. Situationen, in denen man nicht wirklich kommunizieren kann und sich fremd bleibt. Dadurch entstehen (literarisch) spannende Realitäten, in denen Wahrnehmung und Handlung des Einzelnen gekapselt bleiben und auf die anderen ganz seltsam wirken. Das kann man humorvoll oder tragisch oder thrillerhaft spannend erarbeiten. Catalin Dorian Florescu: Ja, sie ist es. Ich bin bekannt dafür, mich in allen Romanen stark auf rumänische Geschichten, Dramen, Schicksale zu beziehen. Das liegt mir sehr, weil im Osten das Drama des Lebens und Überlebens verbunden mit einer Prise Poesie noch sehr stark ist. Und natürlich, da ich ja nicht x-beliebige Krimis und Liebesgeschichten schreibe, orientiere ich mich stark an meiner eigenen Identität. Und die wurde doch entscheidend in den Kindheitsjahren in Rumänien geprägt. Meine Ost-Seite gibt der West-Seite die Würze, die sie braucht, damit sie nicht endgültig im Morast des Rationalismus, Pragmatismus und des Guten-Lebens versinkt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung Rumäniens nach dem Sturz Ceaușescus? Dana Grigorcea: Rumänien befindet sich leider in einer fortwährenden Transition aus der dunklen Diktatur zu einer europäischen Normalität. Die alten Kader sind immer noch mächtig, die Korruption allgegenwärtig. Es gibt aber hin und wieder Anzeichen, dass sich eine Zivilgesellschaft formieren könnte, denn grössere Delikte der Politiker und Behörden empören nun,
und es kommt hin und wieder zu Stras senprotesten. Andrei Mihailescu: Inzwischen bin ich wieder sehr optimistisch. Es gab ja verschiedene Phasen nach dem Sturz Ceaușescus. Die Zeit 1990 bis 1996 war beherrscht von einer Art Restauration: Die alte KP hat versucht, sich durch die Opferung ihrer Spitze die dominante Stellung zu bewahren. Das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt, vor allem aber darum, weil diese Schicht wirtschaftlich weder kompetent noch lernwillig war. Ihr Projekt eines minimal liberalisierten, nach aussen isolierten Einparteienstaats war vollkommen überholt. 1996 fand der erste friedliche Regierungswechsel statt. Damit war klar, dass Rumänien sich in Richtung einer normalen Demokratie entwickeln würde, mit Gewaltentrennung, Wahlen und Rechtsstaat. Die Mode des parteipolitisch gesteuerten, gewalttätigen Mobs erlitt 1999 endgültig Schiffbruch. Auch wenn die KP-Nachfolgepartei bereits 2000 wieder an die Macht kam, waren danach einige Regeln definitiv klar: freie Medien, weitgehend gewaltfreie politi-
sche Dispute, parteienübergreifendes Fernziel Beitritt zur Nato (2004) und EU (2007). Heute findet ein intensiver Kampf gegen Korruption statt. Die Zivilgesellschaft ist mächtig genug, ökologisch umstrittene Projekte zu verhindern. Extreme Tendenzen haben kein Publikum. Die Verbesserungen kommen Schritt für Schritt, und es wird hart und lange dafür gekämpft, denn es gibt starke Interessengruppen, die lieber die informellen Freiheiten einer chaotischen Bananenrepublik hätten. Aber wirkliche Rückschritte sind bisher ausgeblieben. Ich hoffe, es bleibt so. Catalin Dorian Florescu: Wie die meisten: widersprüchlich. Aber ich bin Schriftsteller und als solcher beschreibe ich, lege Schichten frei, mehr als dass ich urteile. Das überlasse ich lieber den Soziologen, Politologen und allen anderen -ogen und Experten. Und vor allem den Menschen, die dort leben und eine Innenansicht haben, die ich nicht habe. Erwin Messmer, Andreas Saurer und Cyrill Stieger
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Irrungen und Wirrungen, Verschlüsseltes, Lyrisches und Humoristisches, Schärfe und orientalisch leidenschaftliche Ausschweifungen finden gerade im Rumänischen zu einer Schönheit und einem Ausdrucksreichtum, die in ihrer Einzigartigkeit unübersetzbar sind. Norman Manea in Wir sind alle im Exil – Essays, Hanser 2015.
2004 widmete die renommierte Bukarester Kulturzeitschrift Secolul 21 eine ganze Ausgabe der Schweiz. In der 400 Seiten starken Nummer erschienen unter anderem Texte von Georg Kreis und Iso Camartin, von Jean Starobinski und Hugo Loetscher oder ein Gespräch zwischen Nora Iuga und Christian Haller. Vasile Igna, damals Kulturattaché an der rumänischen Botschaft in Bern, nahm in einem Essay der Schweiz den Puls. Seine Diagnose: Der Stolz der Einzigartigkeit gehe hier Hand in Hand mit jenem der Insularität, aber beide würden sie nicht nur einen Überlegenheitsdünkel, sondern auch einen lähmenden Minderwertigkeitskomplex erzeugen. Dem «Land der Dörfer, wo die Menschen urban leben», und das in einer «permanenten Identitätskrise» stecke, wünschte er: «Nicht der Blick fürs Kleine muss korrigiert werden, sondern die Enge des Horizonts.» Der heute 72-jährige Schriftsteller war davor während Jahrzehnten als Lektor und nach der Wende auch als Di-
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rektor beim Dacia-Verlag in Cluj (Klausenburg) tätig. Generationen junger Autoren hat er dort betreut. Er schlug mir vor, eine Auswahl meiner Gedichte in Rumänien zweisprachig herauszugeben und stellte den Kontakt zum Schriftsteller, Übersetzer, TV-Journalisten und Musiker Radu Ţuculescu aus Cluj her. So erschien 2005 mein Debütband nicht in der Schweiz, sondern in Rumänien: Berg mit Madonna/Munte cu madonna in Ţuculescus Übersetzung bei der Editura Revistei Familia in Oradea (Grosswardein) in Siebenbürgen. Ţuculescu hat in diesem Verlag dem rumänischen Publikum bisher Gedichte und Prosa von elf deutschsprachigen Autoren aus der Schweiz zugänglich gemacht, darunter Peter Bichsel, Gerhard Meier und Werner Lutz, Rudolf Bussmann und Erwin Messmer. Letztes Jahr erschien von ihm dort eine Lyrik- und eine Prosa-Anthologie mit Schweizer Autoren. Vor allen Dingen aber ist Familia eine traditionsreiche Kulturzeitschrift. Chefredaktor und Verlagsdirektor ist der Poet Ioan Moldovan. Als einstiger Redaktor der legendären Klausenburger Studentenzeitung Echinox gehörte er zum erweiterten Umfeld der so genannten «80er-Generation» («Optzeciști»), deren heute bekanntester Vertreter Mircea Cărtărescu ist. Im Herbst 2005 war ich unterwegs ans Poesiefestival in Sighetu Marmației an der ukrainischen Grenze und machte in Oradea Halt, um Moldovan kennenzulernen. Als er hörte, dass ich zum ersten Mal zum Festival in die Maramureș fahre, warnte er mich: «Dort ist es wie im Dschungel, du weisst nicht, wann du wieder rauskommst.» Ungefähr so war es. Das seit 1974 stattfindende Treffen hat seinen ganz eigenen Charme und eine unverwechselbare Atmosphäre. Das liegt an der Abgeschiedenheit, der phänomenalen Landschaft und zu einem guten Teil am Direktor, dem Lyriker Vasile Muste, der dort das Kulturhaus leitet und mich Jahre später einmal in sein Geburtsdorf Coruieni mitnahm. In Sighet begegnete ich Gavril Ciuban aus Vișeu des Sus (Oberwischau). Vier Jahre später besuchte ich ihn dort zusammen mit dem Berner Lyriker, orte-Redaktor und Organisten Erwin Messmer. Wir nutzten
Poesiefestival in Sighet: Direktor Vasile Muste (links mit Bart) neben dem 80-jährigen Lyriker und angesehenen Literaturkritiker Gheorghe Grigurcu sowie Gästen. Ganz rechts aussen: Andreas Saurer. Foto: Florian Szabo
die Gelegenheit und fuhren mit der Dampfbahn ins noch abgeschiedenere Wassertal. Dort hat Ciuban einen Teil seiner Kindheit verbracht, denn sein Vater war Forstarbeiter. Sighet gilt wegen dem auf Initiative des Schriftstellerpaars Ana Blandiana und Romulus Rusan zur Gedenkstätte gewordenen Kerker aus stalinistischer Zeit auch als «moralische Hauptstadt» Rumäniens. Am anderen Ende des Landes, in der realen Hauptstadt Bukarest, wohnt Ion Cocora. Er ist 77 Jahre alt, zählt zu den profiliertesten Theaterkritikern des Landes und leitet den von ihm gegründeten Palimpsest-Verlag. Aber auch seine Wurzeln liegen in der Provinz, an der Grenze zu Serbien: Aufgewachsen ist er in Greoni (CarașSeverin). In Reșița (Reschitza), Hauptstadt des Kreises CarașSeverin und Geburtstadt des rumäniendeutschen Lyrikers Rolf Bossert (1952–1986), gehört Cocora mit seinem ansteckenden Tatendrang zu den Promotoren des erst seit 2011 stattfindenden internationalen Festivals «Poesie-Tore», eine Anspielung aufs Eiserne Tor an der Donau. In Reșița aufgewachsen ist Constantin Rupa. Heute lebt und wirkt er in Timișoara (Temeswar), genauso wie Daniela Rațiu, die aus Brașov (Kronstadt) stammt. Wiederum am anderen Ende Rumäniens, in Iași, lebt und arbeitet Matei Hutopila. Mit Jahrgang 1987 ist er der Jüngste unter den hier vertretenen Dichtern.
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Dann verlassen wir Rumänien – nicht aber die rumänische Sprache. 2010 lud mich der Lyriker und Essayist Igor Pomerantsev zur ersten Auflage des von ihm ins Leben gerufenen Meridian-Festivals nach Czernowitz ein, in jenen Teil der Bukowina also, der heute zur Ukraine gehört. Es ist die Stadt von Paul Celan, dessen Büchner-Preisrede von 1960 dem Festival seinen Namen gab, und von Rose Ausländer, aber auch jene von Mihai Eminescu, dem rumänischen Nationaldichter. Und es ist die Stadt von Ilie Tudor Zegrea. Er war Radiojournalist und ist Direktor der Zeitschrift Septentrion Literar, die wegen mangelnder Ressourcen und anderer widriger Umstände nur äusserst sporadisch erscheinen kann. Fast ein Jahrzehnt davor, im Sommer 2001, lief ich an der kleinen Buchmesse in der moldawischen Hauptstadt Chișinău zufällig Grigore Chiper über den Weg. Wie Zegrea lebte er einst in der Sowjetunion, ihre Texte wurden dort in kyrillischer Schrift gedruckt. In orte 127 (2002) habe ich Chiper mit einem Portrait und Gedichten vorgestellt. Es waren zugleich die ersten Gedichte, die ich aus dem Rumänischen übersetzt habe. Sein dort – in der Übertragung der Lyrikerin und Regisseurin Dana Ranga – ebenfalls abgedrucktes Gedicht vielleicht tot schaffte es damals als «Gedicht der Woche» in die Zeit. Es beginnt so: «wir sind weder reich noch siegreich aus dem krieg gekommen/eher tot.» Chiper meinte den Sezessionskrieg um Transnistrien. 1992 starben 1500 Menschen, und rund 100 000 mussten im eigenen Land flüchten, darunter auch Grigore Chiper und seine Frau Maria. In Deutschland aber traf Chiper zehn Jahre später mit seinen Zeilen vor dem Hintergrund des Irak-Krieges und der deutschen Kritik an Bushs Kriegsplänen gerade den Nerv der Zeit. Grigore Chiper, Gavril Ciuban, Ion Cocora, Vasile Igna, Ioan Moldovan, Vasile Muste, Constantin Rupa und Ilie Tudor Zegrea: Keinen von ihnen kannte ich bei der Jahrtausendwende. Sie haben mir in Rumänien manche Türen geöffnet. Und die Augen für die Poesie. Auch deshalb öffne ich für sie in orte gerne ein Fenster in den deutschsprachigen Raum und in die Schweiz. Bei der Übertragung der Gedichte ins Deutsche hatten Petronela Ciucur, Nic Niculescu und Horst Samson stets ein offenes Ohr für mich. Andreas Saurer
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«die sprache der schildkröte» Ion Cocora, Bukarest
An einem Novemberabend bald mache ich mich auf die reihen zu schliessen jener die zu niemandem gehören von nirgendwo kommen jener ohne land so sagte mir mama an einem regnerischen novemberabend einen tag bevor sie vierundachtzig jahre alt wurde ich verspreche dir mandarin zu lernen die sprache der schildkröte der steine unter dem wasserfall des glaubwürdigen gedichts heiter ohne bitteren nachgeschmack dass ich mich mit deinen dichterfreunden vernünftig benehmen werde jener halbwüchsig gebliebenen mit der geköpften jugend in den muffigen mansarden des zwanzigsten jahrhunderts wo man mit den brüsten einiger anständiger mädchen und einer flasche wodka den höhepunkt der meinungsfreiheit erreichte ich werde sie nicht ausschimpfen wenn sie die brille nicht finden ich werde einem jeden den kopf auf den knien halten und durchs haar streichen ich werde ihnen sagen dass du dich gut fühlst dass die möglichkeit dich über reisen zu freuen von denen ihr geträumt habt zu spät kam dass egal wie tief du in der quelle des geflügelten pferdes versinkst die angst bleibt dieselbe ihr entkommst du nicht
Stossgebet o herr behüte mich vor den kanaillen vor der last ihres sarges vor dessen schatten vor den nägeln geschlagen in die handflächen ans holzkreuz geschleppt von den gebeinen meiner eigenen toten sonder zahl
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Verkleidete Engel engel verkleidet als schwarze grenzsteine begrüssen mich mit brot und salz mit den fingern ziehen sie grenzen um die toten zonen meines körpers ich empfange den segen von ihnen genauso dankbar wie in der kindheit als ihr kleinerer bruder engelchen mir eine kanne warme milch reichte woran ich mich nicht erinnere ob mir auch damals die ersten zähne vor kälte rausfielen
Nora Iuga
Heute habe ich einen grünen Vogel erwürgt der aussätzige asket auf einer strasse in Italien sein auge durchtrennt den salzstein wie klein ist der schatz des grossen verführers wie kurz das gebet des instinkts heute habe ich einen grünen vogel erwürgt heute bekam mein fingernagel einen weissen fleck lange monate mit salamandern in den tränen gehen vorüber aber lasst endlich das halsband der nacht sein es ist nur ein kind das singt
Aus dem Rumänischen von Horst Samson
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«durchsichtig und glücklich» Matei Hutopila, Iaşi
Freitag für dich habe ich die spuren auf dem linoleum gelassen nicht weggewischt die fussabdrücke leer und feucht geblieben wie dampf bläulich schimmernd ich habe sie einen halben monat umkreist habe sie aus dem augenwinkel beobachtet wenn ich den kühlschrank öffnete achtete nicht draufzutreten egal wie geschäftig ich war sogar mit geschlossenen augen ich habe hilflos mit angesehen wie sie sich verflüchtigen bis heute als sie überhaupt nicht mehr da waren wieder hast du mich angerufen dieses wochenende kommst du auch nicht so habe ich sie mit füssen getreten die verwaiste stelle
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Nimmt den Zimmern das Tageslicht: Werbung an einem Wohnblock in Timişoara (Temeswar). Foto: Andreas Saurer
#7 in unserer stadt zieht man schöne gebäude auf aus stahl und glas und deutsche firmen mit deutschen namen und österreichische firmen mit deutschen namen kommen und wir haben zu essen und renten und versicherungen und ihre fenster sind stets gut geputzt und trocken und ohne striemen bloss unsere backen strahlen immer weniger prominent seit wir zu essen renten und versicherungen haben zigeunerinnen haben die röcke weggeworfen gullydeckel wandern nicht mehr zum alteisen nicht schöner sind wir aber sauberer die düsteren tage spiegeln sich anders in den schönen glasfassaden die wohnviertel hinter den gleisen bleiben in einer anderen zeit, trabantenstädte werden daraus aber wir von dort gehen nicht in der altstadt spazieren mit verfallenen gebäuden und dem durcheinander aus stilen mit parks mit staubigem gestrüpp mit rissen im asphalt sondern hier durchsichtig und glücklich wie die gebäude an der strasse des heiligen lazarus
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