Appenzeller Verlag Leseprobe
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Esther Ferrari Therese Looser, Marianne Maier
Mooreule und Öhrli-Pötscher Geschichten um die Naturerlebnishütte Urnäsch
Die Herausgabe dieses Buches wurde durch finanzielle Beiträge folgender Institutionen unterstützt: – Berthold Suhner Stiftung, Herisau – Stiftung Jakob und Rosemarie Frischknecht, Urnäsch
© 2017 Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Illustrationen/Umschlag: Therese Looser, Urnäsch ISBN: 978-3-85882-791-3 www.appenzellerverlag.ch
Die Mooreule Beschützerin der Naturerlebnishütte
Wie eine weisse Märchenlandschaft glitzerte der Schönauwald. Die vielen Tännchen rund ums Flachmoor sahen aus wie kleine vermummte Silvesterchläus, die andächtig dem eigenen Zäuerli lauschten. Die unberührte Schneedecke, auf der nur ein paar Tierspuren zu sehen waren, verschluckte jeden Lärm. Es schien, als wollte sich die Welt einen kleinen Moment lang vom Alltag ausruhen. Diese Stille! Wie gut würde sie den Menschen tun, die pausenlos von einem Ding zum andern getrieben werden. Unerwartet ging ein Rauschen durch den Wald. Der Schnee wurde aufgewirbelt, die Tannenäste bogen sich bis hinunter zum Boden und schnellten ruckartig wieder hoch. Eine Gestalt, die sich von einem Moment zum andern veränderte, sauste zwischen den verschneiten Bäumen auf und ab. Bei der grossen Tanne, wo die alte Eule ihr Nest hatte, hielt sie an. «Aufwachen, du Siebenschläfer!» «Es ist noch nicht Abend. Wer stört mich in meinem Schlaf», gab die Eule unwirsch zur Antwort. «Ich bin’s! Ich mache sofort Abend. Ich lasse innert Sekunden ein Gewitter los, ich mache Heuwetter mitten im Winter, ich lasse die Heidelbeeren reifen im Schnee!» «Lass mich in Ruhe! Ich habe keine Lust mich mit einer Hexe zu unterhalten.» «Ich bin keine Hexe. Aber wenn du nicht sofort herauskommst, verwandle ich dich in eine Maus!» «Was fällt dir ein!» Die Eule streckte nun doch den Kopf aus ihrer Höhle. Sie blinzelte einen Moment, rollte die Augen und begann zu lachen. «Ach, du bist es, die Phantasie! Ich hätte mir denken können, dass niemand anders als du solche Lumpereien im Kopf hat. Du bist und bleibst en schtroolige Goof, obwohl du schon längst erwachsene Töchter hast. Wo sind die beiden?» 5
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«Ich habe drei Töchter. Du meinst sicher die Zwillinge.» «Ja, diejenigen, die man kaum voneinander unterscheiden kann. Wenn man aber näher hinschaut! Wie heissen sie schon wieder, Lüge und Wahrheit?» «Ich weiss nicht, wo sie sind. Ständig rennt die eine der andern nach. Sie sind überall und nirgends! Die eine deckt auf, was die andere versteckt.» «Huuhuu», bestätigte die Eule, «die schöne Lüge, die wie ein Kätzchen schmeichelt, die alle um die Finger wickelt, und in die sich alle verlieben. Und dann die bittere, die kratzen kann wie eine Distel. Aber schöne Augen hat sie! Klar wie kleine Bergseelein.» Die Phantasie seufzte einen Moment, als sie an ihre ungleichen Töchter dachte. Sie setzte sich vor die Höhle der Eule, zauberte im Nu zwischen zwei Tannenästchen ein Spinnennetz hervor, und wiegte sich wohlig darin. «Soll ich für dich die Juli-Sonne holen?», fragte sie. «Nein, nein», winkte die Eule ab. «Sag mir, was du von mir willst. Du hast wohl einen Grund für deinen Besuch.» «Ich brauche deine Hilfe!» «Du brauchst meine Hilfe?», staunte die Eule. «Wofür denn? Für deine beiden Töchter?» «Nein, nein, die sollen sich selber die Haare ausraufen. Ich brauche Hilfe für die Naturerlebnishütte im Flachmoor. Sie steht dort, wo früher eine alte Streuihütte stand. Dort werden jetzt Geschichten erzählt.» «Da bist du bei mir an der falschen Adresse. Frag lieber deine andere Tochter, wie heisst sie schon wieder? Ach ja, die Fabulae, die, die dir ähnlich ist. Sie ist es doch, die heimlich den Menschen Märchen ins Ohr flüstert und einmal als Legende, dann als Fabel auftritt.» 7
«Sie hilft mir bereits. Trotzdem brauche ich dich. Du sollst die Patenschaft für diese Hütte übernehmen.» «Warum gerade ich?» «Warum wohl? Weil du klug bist. Du bist das Symbol der Weisheit.» «Mag sein. Sie sagen von mir, ich hätte einen klaren Sinn.» «Deshalb brauchen wir dich. Sozusagen als Wegweiser.» «Wegweiser? Soll ich die Menschen zu eurer Hütte führen? Braucht es da nicht Wesen wie dich?» «Richtig, denn ohne mich, ohne Phantasie, ist alles trocken und langweilig. Aber es braucht auch dich!» «Huuuhuuu ich soll mit dir zusammenarbeiten? Du nimmst dir immer so viel vor und hältst sehr wenig von dem, was du versprichst.» Die Eule stiess einen langgezogenen Klagelaut aus. Die Phantasie verteidigte ihr Tun. «Ich muss etwas anzetteln, um die andern zu beflügeln und zur Mithilfe zu bewegen.» Die Eule dachte einen Augenblick nach, dann fragte sie: «Sag mir, sind dein Vater, der Verwurzelte mit den tausend jungen Trieben, und deine Mutter, die fürsorgliche Seele des Waldes, auch mit dabei?» «Was meinst du denn?», antwortete die Phantasie empört. «Alle sind dabei. Jeder Baum, jeder Strauch. Alle Bewohner des Waldes. Das Reh, der Hirsch, die Vögel, alles, was kriecht und fliegt, jede Mücke, die Libelle, die Ameisen. Alles, was über oder unter der Erde ist. Alle, die einen Winterschlaf machen, jeder Wurm, jedes Blatt, jede Beere, jede Pflanze, der Holunder, die Distel, die Mehlprimel, der Blutwurz, der Teufelsabbiss, die Tollkirsche und …» «Sei still, du bist selber toll! Du redest wieder einmal zu viel!» «Ich bringe Leben mit. Bei mir bewegt sich etwas! Ohne mich wäre die Hütte nie gebaut worden.» «Was gäbe es für ein Durcheinander, wenn du dafür verantwortlich wärst!» 8
«Gerade deshalb musst du die Patenschaft übernehmen. Bitte!» Die Eule plusterte ihre Federn auf. «Ich will es mir überlegen! Jemand muss einen klaren Kopf haben und die Übersicht behalten. Aber jetzt brauche ich noch eine Stunde Schlaf.» «Danke, liebe Eule. Ich rufe in der Zwischenzeit alle zusammen.» «Der Platz rund um die Hütte darf aber nicht total zertrampelt werden.» «Keine Angst. Dafür bin ich besorgt. Ich kann alles, was ich will, in die Lüfte heben und zum Schweben bringen!» «Unverbesserliche!», krächzte die Eule etwas lauter, als sie eigentlich wollte. Als es zu dunkeln anfing, waren alle Lebewesen des Waldes, vom kleinsten bis zum grössten, versammelt. Vater, der Verwurzelte mit den tausend jungen Trieben, und Mutter, die fürsorgliche Seele des Waldes, brachten ihre Wünsche für die Märlihütte vor. Die beiden Töchter der Phantasie, die Lüge und die Wahrheit, spielten wie immer miteinander Verstecken. Fabulae, die dritte Tochter, schlüpfte in die Rolle des Märchens und verzauberte liebevoll die Geschichten, die sich vom Schönauwald bis hinauf zum Säntis zugetragen hatten. Die Eule setzte sich aufs Dach und gelobte, Hüterin des Weges und der Märlihütte zu sein. Zwei kleine Mäuschen waren durch die offene Bretterwand geschlüpft und hielten sich hinter der Holzbeige versteckt, die schön aufgeschichtet neben der Feuerstelle stand. Sie flüsterten frohgemut: «Die Eule beschützt die Hütte, und die Hütte beschützt uns vor der Eule, hihi.» Auch ein kleiner Holzwurm war dabei und frass sich mit einem leisen Toctoc vorwärts: «In einem dieser neuen Balken finde ich sicher ein Plätzchen zum Bleiben. Joho!» Geschrieben zur Einweihung der Naturerlebnishütte 2008 Esther Ferrari 9
Das Geschenk der Moorhexe Eine junge Frau ging durch den Wald. Sie horchte dem Gesang der zwitschernden Vögel, tief atmete sie den würzigen Duft von Blumen, Bäumen und Harz ein. Ihre Augen saugten alles auf, was sie mit ihrem Blick erfassen konnte: Die kräftigen Tannen, ein Stück blauen Himmels und einen hellen Sonnenstrahl, der durch die Wipfel grüsste, ein Eichhörnchen, das flink einen Stamm hochkletterte, und ein unscheinbares schlankes Gras, worauf sich eine kleine Mücke wiegte. Ein weiches, hellgrünes Buchenblatt streifte ihre Wange. Sie bückte sich, um eine Hand voll Sauerklee zu pflücken, und sie spürte den wohltuenden säuerlichen Geschmack auf der Zunge. Freudig und mit allen Sinnen nahm sie die Natur in sich auf. Sie liebte dieses Stücklein Wald. Hier hatte ihr Grossvater Pilze gesammelt, derweil sie mit Grossmutter Beeren gepflückt und ihren Geschichten gelauscht hatte. Jahre waren es her, und doch schien es der jungen Frau, als sei es erst gestern gewesen. Einer Eingebung folgend wollte sie das Plätzchen ihrer Kindheit besuchen, nachdem sie eine, für sie wichtige Prüfung bestanden hatte. Das Leben lag vor ihr wie ein offenes Buch. Wohin würde der Weg sie führen? Sie kam zu der Lichtung, wo das Moor begann. Wie mit einem kunstvollen Schleier, bestickt mit kleinen Tänzerinnen, war die feuchte Morgenwiese mit Wollgras bedeckt. Grossmutter hatte ihr damals erzählt, das Wollgras sei den Menschen wohlgesinnt. Seine Wurzeln, Triebe und Blätter wirkten stärkend und würden bei Durchfall helfen. Mit den weichen, wollenen Blütenbüscheln habe man früher kleine Kopfkissen gepolstert, Verbandstoff gemacht und Kerzendochte gedreht. Die Fasern seien zur Papierherstellung ge11
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braucht worden. Die wichtigste Funktion des Wollgrases aber sei gewesen, die Leute zu warnen, damit sie sich nicht im Moor verirrten. Wo das Wollgras wächst, fängt das Moor an, und Moore können unberechenbar sein. Schon mancher Wanderer sei im Moor versunken oder steckengeblieben und nur mit grosser Mühe wieder herausgekommen, weil er den richtigen Weg verfehlt hatte. Grossmutter hatte diese Geschichten erzählt. Es seien Geschichten aus alten Zeiten und aus anderen Gegenden, wo die Moore tiefer und grösser seien als hier. Die junge Frau bückte sich und nahm eine der wolligen Blüten in die Hand. Was sie eigentlich schon wusste, fand sie bestätigt: Dieses Moor hier war ein Flachmoor. An den kleinen, weissen Büschelchen des Wollgrases kann man es merken. Im Hochmoor hat die fast gleiche Pflanze nur ein einziges weisses Büscheli, das wie ein Köpflein auf dem Halm sitzt, im Flachmoor sind es drei hängende Büscheli. Moore sind voller Geheimnisse. Besondere Tiere, die Wasser und Erde brauchen, leben hier. Flachmoore sind im Gegensatz zu Hochmooren, die natürlich gewachsen sind, in Zusammenarbeit von Mensch und Natur entstanden. Angst braucht man keine zu haben, dass einem die dunkle Moorhexe in den schwarzen Grund hinunterzieht. Aber man kann im Frühling wadentief in der nassen Erde versinken und einen Schuh verlieren. Auch jetzt standen die Pflanzen im Wasser. Es hatte ein paar Tage ausgiebig geregnet. Umso farbiger war jetzt die Welt. Tief grün schimmerte ein Herzblatt. Daneben guckte ein Fröschlein hervor. Im Wasser gluckste es. Die junge Frau setzte sich und bewunderte ein Spinnennetz, das aussah wie ein feingewobenes, mit Perlen besticktes Kleid einer verzauberten Prinzessin. Jetzt fehlt nur eine Fee, die kommt und mir drei Wünsche gewährt, dachte sie. Was würde ich mir wünschen? Noch vor einer Woche hatte sie sich gewünscht, die Prüfung zu bestehen. Dies hatte sie nun bereits geschafft. Hundert Dinge gingen ihr durch den Kopf: Gut aussehen, sich verlieben. 12
Plötzlich erhob sich aus dem Moor eine Gestalt, eine uralte Frau mit grünen Binsen im schneeweissen Haar und einem Kleid, das in allen Erdtönen schillerte. Ein Schürzlein hatte sie umgebunden mit dem schönsten Blumenmuster. «Ich bin die Moorhexe», sagte sie mit wohlklingender Stimme. «Bei Leermond bin ich unterwegs. Während dieser Zeit achte ich auf die Wünsche der Menschen. Ich kann dir einen Wunsch erfüllen, aber nur einen!» Um sicher zu sein, dass sie nicht träumte, streckte die Frau ihre Hand nach einer Sumpfkratzdistel aus. Als sie schmerzhaft die Stacheln auf der Haut spürte, wusste sie, dass, was sie eben erlebte, wirklich war. Die Moorhexe hielt ihr ein Körblein, geflochten aus frischen Binsen, hin. «Du kannst wählen! Nimm das, was für dich wichtig ist. Aber du hast nicht viel Zeit.» In dem Körbchen lagen kleine Säcklein, sorgfältig aus Wollgras geflochten, zugebunden mit einem Brennnesselschnürlein. Zettelchen, so fein wie Ahornpropellerchen, hingen an den Säcklein mit der Aufschrift: Glück, Reichtum, Zufriedenheit, Erfolg, Liebe, Sicherheit, Ruhm, Schönheit, Gesundheit. «Und das kann ich mir alles wünschen?», fragte die junge Frau. Eine ganze Welt tat sich vor ihr auf. Welches Säcklein sollte sie nehmen? Ihre Gedanken fingen an zu kreisen, während ihr die Moorhexe freundlich zunickte. Wenn ich Glück nehme, dann bin ich doch auch zufrieden. Wenn ich Reichtum nehme, kann ich mir alles kaufen, ein eigenes Heim, schöne Kleider. Dann bin ich doch auch glücklich. Auf einem Zettelchen stand Gesundheit und langes Leben. Aber gesund war sie, und ihr Leben hatte erst richtig begonnen. Sollte sie sich Schönheit, Ruhm oder Erfolg wünschen? Einen Moment lang stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn die ganze Welt ihren Namen kennen würde und alle Männer für sie schwärmten. Wäre das nicht wunderbar? Oder sollte sie 13
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sich für die Liebe entscheiden, um für immer geliebt zu werden? Ein Säcklein nach dem andern nahm sie in die Hand, drehte und wendete es. Da entdeckte sie mit Schrecken, dass die zarten Aufschriften durchs Berühren verschwanden. Welcher Wunsch gehörte nun wohin? Sie zitterte, als sie merkte, dass sie die Übersicht verloren hatte. «Du musst dich entscheiden», sagte die Moorhexe freundlich, aber bestimmt, «sonst sind dir alle verloren. Ich zähle auf drei. Eins, zwei, …» Im letzten Moment packte die junge Frau eines der Säcklein. Ihr wurde schwindlig, sie schloss für einen Moment die Augen. Ein Luftzug schreckte sie auf, und ihr war als kehre sie von weit zurück, aus einer andern Welt. Sie schüttelte den Kopf und atmete tief durch. «Ich könnte wetten, dass ich mit einer Moorhexe geredet habe», stammelte sie halblaut vor sich hin. Im Moor gluckste es wieder, aber es war nur ein Fröschlein, das sich bewegte. Da bemerkte sie einen kleinen Knäuel Wollgras in ihrer Hand. Wie mit einem feinen Faden stand etwas darauf gestickt. Glück konnte es nicht heissen, auch nicht Reichtum. Ein U und ein D konnte sie mit etwas Phantasie entziffern. Nur zwei Buchstaben? Was sollte das bedeuten? Sie drehte und wendete den feinen Knäuel. Hiess es etwa DU? Was wollte ihr die Moorhexe damit sagen? Den ganzen Heimweg sann sie darüber nach und auch die Tage danach. Ich muss nochmals hin, dachte die junge Frau. Und wie sie nach einer Woche wieder durch den Wald schritt, war ihr, als ob ein feines Lüftchen das Wort DU hin- und herbewegte. DU tönte es harmonisch einmal hier, einmal dort, mit verschiedenen Stimmen und vielfältigen Melodien. Ihr war, als ginge sie als Kind an Grossmutters Hand, als lausche sie einem Märchen. 14