Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Redaktion: Clemens Müller, Jolanda Schärli Redaktionskommission: Dorothee Guggenheimer, Clemens Müller, Marcel Müller, Peter Müller, Jolanda Schärli, Arman Weidenmann, Regula Zürcher
Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich.
Denkmalpflege des Kantons St. Gallen, Jahresbericht 2025
152 Matthias Fischer
Denkmalpflege der Stadt St. Gallen, Jahresbericht 2025
158 Peter MĂĽller
Kulturhistorischer Verein der Region Rorschach
160 Walther Baumgartner und Werner Kuster
Verein fĂĽr die Geschichte des Rheintals
162 Sonja Arnold
Museumsverein Prestegg
164 Daniel Gut
Historischer Verein der Region Werdenberg HVW
166 Mathias Bugg
Historischer Verein Sarganserland
168 Anton Heer
Fokus Toggenburg – Verein für Heimatkunde
170 Alex Dillinger
Kultur- und Museumsgesellschaft Wil
172 Marie Zwicker
MUSA Museen Kanton St. Gallen
174 Markus Frick
Genealogisch-Heraldische Gesellschaft Ostschweiz
176 Judith Grosse
Archiv fĂĽr Frauen- und Sozialgeschichte Ostschweiz
178 Dorothee Guggenheimer und Lukas Gschwend
Historischer Verein des Kantons St. Gallen
Vorwort
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser
Sie halten die 166. Ausgabe des Neujahrsblattes des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen in Ihren Händen. Die Zahl steht für eine sehr lange Kontinuität und Tradition. Hält man sich einige historische Ereignisse aus der Zeit der Erstausgabe vor Augen – das Königreich Italien wurde gegründet, in den USA brach der Sezessionskrieg aus, der Kanton Neuenburg war eben erst aus dem preussischen Staatsverband entlassen worden und der Kanton St. Gallen erlebte tiefgreifende Auseinandersetzungen über die Erneuerung der Verfassung, während in Stadt und Region St. Gallen die Stickereiindustrie einen rasanten Aufschwung erlebte –, wird rasch deutlich, wie tiefgreifend in dieser langen Zeit die Verhältnisse sich verändert haben. Dass ein Periodikum diesen enormen Wandel mit all seinen Unwägbarkeiten überlebt hat, ist keineswegs selbstverständlich. Neben dem über viele Generationen hinweg konstanten Bemühen der Vereinsverantwortlichen, der Mitwirkungsbereitschaft unzähliger Autorinnen und Autoren sowie dem Fördergeist der Sponsorinnen und Sponsoren, verleihen Sie als geschätzte Leserinnen und Leser durch Ihr Interesse dem Neujahrsblatt andauernde Legitimation und Lebenskraft. Nur durch die über alle Zeitläufte hinweg ausdauernde und engagierte Interaktion zwischen Verein, Autor- und Leserschaft wurde es möglich, diese in ihrer Gesamtheit umfassendste Dokumentation der St. Galler Geschichte zu realisieren. Daran zu erinnern, scheint uns gerade in Zeiten der Verunsicherung, des Umbruchs und der Sparbemühungen besonders wichtig. Geschichte ist und bleibt immer die Vorgeschichte von Gegenwart und Zukunft.
Das nun vorliegende 166. Neujahrsblatt trägt den Titel «Bratwurst, Biber, Apfelfisch – Streiflichter auf die Geschichte der Ernährung in der Ostschweiz» Essen und Trinken sind historische Konstanten: Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr waren und sind physiologisch zentral. Was und wie konsumiert wurde, war über die Jahrhunderte einem grossen Wandel unterworfen und überdies stets stark durch Konjunktur und sozioökonomische Zugehörigkeit geprägt. Gerade Letzteres scheint etwas in Vergessenheit geraten zu sein. So
boomen seit einigen Jahren auch in der Ostschweiz Mittelalter-Kochbücher und Mittelalter-Kochkurse. Zubereitet werden dort beispielsweise Geflügelpasteten oder Krapfen; dafür werden gerne auch exotische Gewürze verwendet. In diesen mit dem Label «Mittelalter» versehenen Rezepten zeigt sich ein Phänomen, das in der Kulturgeschichte lange vorherrschend war: eine Fixierung auf Wohlstand, auf Eliten.
Die Realität eines Grossteils der Bevölkerung war jedoch eine andere: Das über mehrere Jahrhunderte am häufigsten konsumierte Gericht war ein mit Wasser zubereiteter, ungezuckerter Haferbrei, dessen Grundlage grobkörniger Schrot war.
Eine tiefgreifende Veränderung für die breite Bevölkerung brachte erst das 19. Jahrhundert mit der allgemeinen Etablierung der Kartoffel in die Alltagsernährung. Unter anderem entstand durch Kommerzialisierung, wissenschaftliche Innovation und Spezialisierung eine leistungsfähige Vieh- und Milchwirtschaft; zudem wurden die Verkehrswege ausgebaut und ein Weltmarkt entstand. Weiter trug die Nahrungs- und mit ihr auch die Konservenindustrie dazu bei, dass Ernteschwankungen, die bis in die 1840er-Jahre zu Hungerkrisen geführt hatten, besser kompensiert werden konnten und daher weniger verheerend waren. In der Folge entstand ein konstanteres Angebot an Nahrungsmitteln, das überdies aufgrund des Wirtschaftswachstums für stets grösser werdende Bevölkerungsgruppen bezahlbar war. Im 20. Jahrhundert prägte dann nebst Convenience- und Fast Food auch die Internationalisierung die Ernährung. Und nicht zuletzt ist erstmals auch der Überfluss – Stichwort Food Waste – zu einem Aspekt der Ernährung geworden. Heute haben Menschen zumindest in Regionen mit hohem Wohlstands- und Bildungsniveau nicht mehr Angst vor zu wenig Nahrung bzw. Hunger, sondern vielmehr Angst vor falschem und zu viel Essen und Trinken oder sorgen sich wegen der daraus folgendenVerschwendung.
Der vorliegende Band «Bratwurst, Biber, Apfelfisch –Streiflichter auf die Geschichte der Ernährung in der Ostschweiz» beleuchtet das Thema über eine lange Zeitspanne
hinweg. Diese reicht 50 000 Jahre zurück und nähert sich dann mit thematischen Schwerpunkten – u. a. dem Fleisch- und Weinkonsum im Mittelalter, Hungersnöten in der Neuzeit oder der Veränderung der Ernährung durch Migration – der Gegenwart. Wir danken allen Autorinnen und Autoren sehr herzlich: Regula Steinhauser, Nicole Stadelmann, Mareike Heering, Monika Mähr, Martin Arnold, Giuanna Beeli, Christelle Wick, Iris Blum, Sabina Bellofatto, Oliver Ittensohn und Dorothee Guggenheimer.
Besonderen Dank aussprechen möchten wir Jolanda Schärli und Clemens Müller. Sie tragen die Redaktionsverantwortung für diese Publikation und haben deren Entstehung mit grosser Sorgfalt und hervorragender Planung gestaltet.
Auch Regula ZĂĽrcher sei herzlich gedankt: Ihr oblag die Verantwortung dafĂĽr, dass die Jahresberichte von Vereinen und Institutionen rechtzeitig und umsichtig lektoriert und korrigiert publiziert werden konnten
Danken möchten wir auch der Redaktionskommission. Diese hat die Entstehung des Neujahrsblatts erneut eng begleitet. Ihr gehören nebst Redaktor und Redaktorin auch Regula Zürcher (Leitung), Dorothee Guggenheimer, Marcel Müller, Peter Müller, Arman Weidenmann und Markus Zweifel an. Valerie Stauffer vom Appenzeller Verlag sei für die Gestaltung der vorliegenden Ausgabe herzlich gedankt.
FĂĽr den Vorstand des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen Lukas Gschwend und Dorothee Guggenheimer
Gemüseanbau im grossen Stil findet man in der Ostschweiz heute vor allem in der Ebene des Rheintals. Während des 2. Weltkrieges wurden nach dem sogenannten «Plan Wahlen» auch in den Städten Nahrungspflanzen angebaut, um einer drohenden Knappheit zu begegnen. Kohlfeld vor der Tonhalle St. Gallen, 1942. Kantonsbibliothek St. Gallen, VSRG 60666.
Einleitung
Clemens Müller und Jolanda Schärli
Die Ernährung gehört wie bei allen Lebewesen zu den elementarsten Bedürfnissen des Menschen. Im Gegensatz zu den anderen Spezies hat der Mensch im Lauf seiner Geschichte in der Art der Nahrungsmittel, bei deren Beschaffung, Produktion und Zubereitung sowie bei den begleitenden sozialen Ritualen eine ungeheure Vielfalt entwickelt, welche zum Teil kulturübergreifend, zum Teil kulturspezifisch und zeitgebunden ist. Einerseits verwenden alle Menschen das Feuer zur Zubereitung eines bedeutenden Teils ihrer Nahrung. Auf der anderen Seite haben sich die Grundnahrungsmittel wohl schon früh ausdifferenziert, abhängig von Geographie und Klima – z. B. Reis, Mais, Weizen, Hirse oder verschiedene Wild- und Zuchttiere. Und auch wenn es schon in der Antike zum Austausch von Lebensmitteln über beachtliche Räume kam, entwickelten sich charakteristische regionale Besonderheiten.
Dieser Umstand lässt es berechtigt erscheinen, einen historischen Blick auf eine engere Region wie die Ostschweiz zu werfen. Dabei ist jedoch anzumerken, dass das Phänomen der lebensnotwendigen Nahrungsaufnahme alle Lebensbereiche berührt. Es geht nicht nur um die Vielfalt der Nahrungsmittel, um deren Gewinnung, Produktion und Zubereitung, es geht auch um Themen wie gesunde Ernährung, um Organisation, Kontrolle, Handel, Politik und soziale Rituale.
Historisch am weitesten greift Regula SteinhauserZimmermann in ihrem Beitrag «50 000 Jahre Koch- und Essgeschichte(n)» aus. Ausgehend von der universellen Verwendung des Feuers zur Zubereitung und Konservierung von Nahrungsmitteln führt sie in der Folge vorwiegend archäologische Zeugnisse aus der Region an, welche die Entfaltung einer spezifischen Esskultur dokumentieren: Küchen- und Essgeschirr, Überreste von pflanzlicher und tierischer Nahrung oder auch Untersuchungen an menschlichen Skeletten, welche Ernährungsgewohnheiten der Menschen im Mittelalter bestimmen lassen.
Mit der Frühen Neuzeit befasst sich Nicole Stadelmanns Untersuchung von «Fleischkonsum und Metzgerhandwerk in St. Gallen». Aufgrund der systematischen Auswertung einschlägiger Quellen aus dem Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen entwirft sie ein sehr konkretes und erstaunlich differenziertes Bild von Beschaffung, Handel und Konsum von Fleisch in der alten Stadtrepublik St. Gallen.
Mareike Heerings Beitrag «In aller Munde. Wein als Wirtschaftsgut in den spätmittelalterlichen Städten St. Gallen und Schaffhausen» basiert auf der Aufarbeitung von Verwaltungsschrifttum aus den beiden nahegelegenen Städten. Die Autorin zeigt einerseits deutliche lokale Unterschiede auf, schärft aber auch das Bild von der Bedeutung dieses Getränks, das damals in erster Linie als Grundnahrungsmittel, nicht als Genussmittel diente.
Der Artikel «Rösti, Gschwellti, Stocki – Kartoffelspezialitäten und ihre Geschichte in der Ostschweiz» von Monika Mähr schlägt den Bogen von den Ursprüngen des Kartoffelanbaus in den Anden bis zur Züchtung der Sorte «Blaue St. Galler», die erstmals an der Expo 02 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Martin Arnold hat sich in einer Monographie von 2018 eingehend mit der Hungerkrise von 1816/17 in der Ostschweiz beschäftigt. So häufig die Knappheit an Lebensmitteln und Hungersnöte in weiten Teilen der Welt auch waren, traf die damalige Krise die Ostschweiz aus komplexen Gründen weit heftiger als andere Regionen. Arnolds Beitrag lässt vor allem die erschütternden Berichte von zwei Augenzeugen sprechen.
Die politischen, wirtschaftlichen und technischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts hatten auch erhebliche Auswirkungen auf die Ernährungsgrundlagen der Menschen. Christelle Wicks Darstellung der Leistung der Toggenburgerin Susanna Müller, der «Betty Bossi» des 19. Jahrhunderts, zeigt eine wirkungsmächtige Reaktion auf diese veränderten Gegebenheiten.
Noch einen Schritt weiter ging die Bewegung der Lebensreform, welche die Ernährungsgewohnheiten mit einer Umstellung auf vegetarische und «vollwertige» Nahrungsmittel grundlegend erneuern wollte und mit den Bemühungen um die Alkoholabstinenz verbunden war. Iris Blum schildert in ihrem Artikel «Reformkost auf dem Teller» anhand einer fiktiven St. Galler Familie sehr lebendig die Auswirkung dieses neuen Ernährungsstils und gewährt zugleich Einblicke in die darauf basierende Produktion und den Vertrieb von Reformnahrungsmitteln
Im Beitrag «Zur Wirtshauskultur und dem Alkoholkonsum in der Stadt St. Gallen» nimmt Oliver Ittensohn ein teilweise komplementäres Thema auf. Nach einem kurzen Blick auf die historischen Wurzeln des Gastgewerbes und seiner Lokalitäten widmet er sich detailliert der Wirtshauskultur des «bürgerlichen Zeitalters» ab Mitte des 19. Jahrhunderts in St. Gallen. Neben der Rolle als Ort der geselligen Nahrungsaufnahme spielte und spielt das Wirtshaus vor allem, fokussiert auf den Alkoholkonsum und die damit verbundenen Rituale, eine Rolle als Ort der sozialen Ausdifferenzierung.
Seit der Römerzeit gelangten verschiedene Lebensmittel, oft auch Luxusprodukte, über die Alpen. Durch den Handel konnten lokale Ernährungsgewohnheiten nachhaltig beeinflusst werden, wie die damalige Ansiedelung von Wein- und Obstbau eindrücklich zeigt. Eine beson-
dere Art des kulinarischen Austausches kam aber auch durch Migrationsbewegungen zustande. Die sehr komplexen Auswirkungen, welche die Arbeitsmigration aus Italien im 20. Jahrhundert auf die Entstehung einer «typisch italienischen Ernährung» hatte, zeichnet der Forschungsbericht «Küchen in Bewegung: Die italienische Küche in St. Gallen» von Sabina Bellofatto nach.
In die bürgerlichen Küchen St. Gallens von vier Jahrhunderten führt uns der Einblick in die handschriftlichen und gedruckten Rezeptsammlungen und -bücher in den verschiedenen Spezialsammlungen der Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen, den Giuanna Beeli in ihren Ausführungen ermöglicht. Ihre Übersicht enthält mehrere konkrete historische Rezepte, vom ältesten bekannten Biberrezept aus dem um 1600 entstandenen «Lassbüchlein» bis zum «Gefillten Fisch» der Wahlsanktgallerin Salcia Landmann (1911 – 2002). Für eine lokale Besonderheit aus der handschriftlichen Rezeptsammlung von Esther Gonzenbach, den «Apfelfisch», findet sich eine modernisierte Rezeptur, die problemlos nachgebacken werden kann.
Der abschliessende Beitrag stammt aus der Feder der Co-Präsidentin des Historischen Vereins Dorothee Guggenheimer. Unter dem Titel «Die Bratwurst: ein stabilisierendes Moment in düsterer Gegenwart›?» schlägt sie nochmals einen weiten historischen Bogen zur Geschichte und zu den Ritualen um das Nahrungsmittel, welches wie kein anderes mit der St. Galler Identität in Verbindung gebracht wird – vom ersten St. Galler Bratwurstrezept aus
dem Jahr 1438 bis zu den neuesten medialen Kontroversen um die angemessene WĂĽrdigung dieses Ostschweizer Kulturguts.
Die historischen Bilder, welche die Beiträge begleiten, beleuchten das Thema mit dem anderen Medium aus einer zusätzlichen Perspektive. Ein erster Teil dokumentiert die Produktion und Gewinnung von Nahrungsmitteln, vom Gemüseanbau bis zum Rheintaler Mais, von der Fischerei bis zur modernen industriellen Fleischproduktion; ein zweiter Teil zeigt vorwiegend Bauten, die der industriellen Herstellung von Nahrungsprodukten dienten, von der Brauerei bis zur Schokoladenfabrik. In eben dieses Konzept fügt sich die Bebilderung des Umschlags. Die Vorderseite zeigt den Ausschnitt einer Szene auf dem Marktplatz St. Gallen von 1941 mit Blick nach Norden – im Hintergrund das damalige Hotel Hirschen –, die Rückseite einen Teil der Aufnahme einer Obsternte im Asyl in Wil um 1900.
Für die Unterstützung bei der Auswahl und der Bereitstellung der Bilddateien danken wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Staatsarchivs St. Gallen, der Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen, der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen und des Kulturmuseums St. Gallen. Allen Autorinnen und Autoren danken wir für die angenehme und verlässliche Zusammenarbeit, Markus Zweifel für seine wertvolle Unterstützung beim Korrektorat und Valerie Stauffer vom Appenzeller Verlag in Herisau, die erstmals die Aufgabe der Gestaltung unseres Neujahrsblatts übernommen hat.
Obsternte im Asyl Wil, um 1900. Staatsarchiv St. Gallen, A 558-9.6.6-01.9.
Marktplatz St. Gallen, 1941. Stadtarchive St. Gallen, PA Foto Gross, B4973.
Netzfischerei ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. In den Seen der Ostschweiz wurde sie schon in Pfahlbausiedlungen betrieben. Heute sind noch knapp zwanzig Berufsfischer im Kanton St. Gallen tätig. Fischer mit aufgehängten Fischernetzen am Oberen Zürichsee bei Rapperswil, circa 1960. Staatsarchiv St. Gallen, W 283-5.01.288.
50 000 Jahre Koch- und Essgeschichte(n)
Regula Steinhauser-Zimmermann
Essen und Trinken gehören zu den Notwendigkeiten für alle Lebewesen, nicht zuletzt auch für die Menschen. In archäologischen Fundstellen sind – je nach ihrer Lage –Reste von Lebensmitteln und ihrer Zubereitung erhalten geblieben; manchmal findet man sogar angebrannte Krusten an Topfscherben. Dies erlaubt eine recht gute Rekonstruktion dessen, was Menschen in schriftlosen Zeiten gegessen, manchmal auch, was sie getrunken haben und wie sie mit Lebensmitteln umgegangen sind. Nicht zuletzt können menschliche Überreste selbst auf bestimmte Ernährungsgewohnheiten hinweisen.
von teilweise genussfertigen Lebensmitteln zu. Bald lernten die Menschen auch, dass man mit Hilfe von Pyrit oder Markasit und Feuerstein Funken schlagen und so Feuer entfachen konnte. Ein Feuerzeug gehörte bereits früh zur mitgetragenen Grundausrüstung.
Schon sehr früh in der menschlichen Geschichte, vor einer knappen Million Jahren, ist die Verwendung des Feuers belegt.1 Es diente nicht nur als Wärme- und Lichtspender, sondern half auch beim Jagen und bei der Werkzeugherstellung. Ziemlich rasch dürfte ebenfalls klar geworden sein, dass gekochte und gebratene Lebensmittel besser schmeckten und besser verdaulich waren als rohe. Nicht zu unterschätzen sind die Konservierungsmöglichkeiten, die das Feuer bietet: Trocknen, Räuchern und Backen lassen eine Vorratshaltung und einen einfacheren Transport
Allerdings kann Feuer auch (brand-)gefährlich sein, gerade in Zelten und hölzernen Gebäuden: Es muss unter Kontrolle gehalten werden. Am einfachsten geschieht dies mit Hilfe einer Umfassung aus Steinen. Der Abzug von Rauch und Gasen erfolgte (und erfolgt teilweise heute noch) durch die Ritzen in den Zelt- und Gebäudewänden bzw. direkt durch das Gebäudedach. Schornsteine wurden in Europa erst in römischer Zeit entwickelt. Allerdings scheinen sie während des frühen Mittelalters ausser in Klöstern kaum in Gebrauch gewesen zu sein, wobei dies wahrscheinlich auch eine Kostenfrage war.
Im Lauf der Zeit wurden die Feuerstellen komplexer und zu eigentlichen Herdstellen: Eine in Lehm verlegte Steinpflasterung oder horizontal liegende Steinplatten dienten als Unterlage, während vertikal stehende Platten für die seitliche Begrenzung verwendet wurden. Dadurch war es nun möglich, die Feuerstelle dezentral anzulegen, was gerade in festen Bauten von Vorteil sein konnte. Auch zusätzliche Konstruktionen sind spätestens ab der Eisenzeit (800 – 15 v. Chr.) nachgewiesen: An einem neben der
Feuerzeug vorgestern und gestern: Altsteinzeitliche Markasitknolle aus dem Drachenloch ob Vättis (oben); Feuerstahl, Feuersteine und Zunderschwamm des frühen 20. Jahrhunderts aus Mels (links). Kantonsarchäologie St. Gallen, 37_001_B00003; 38.123: DSC00924.
Kochgeräte, Essgeschirr, Vorratstöpfe und Verpackung
Die einfachsten und ursprünglichsten Arten, um Fleisch verzehrfertig zu machen, dürften das Rösten über der Flamme und das Braten am Spiess gewesen sein. Kräuter, Körner, Früchte, Beeren und Nüsse eignen sich aber nicht dafür; sie verlangen zum Kochen nach einem Gefäss. Auch die Zubereitung gewisser Vorräte, beispielsweise von ausgelassenem Fett3, ist am Spiess nicht möglich. Solange keine Keramikgefässe in Gebrauch waren, dürften Beutel aus Leder zum Kochen verwendet worden sein. Mit Hilfe von erhitzten Steinen kann darin, aber auch in Holzgefässen, sogar Suppe und Tee gekocht werden. Lederbeutel und -säcke eignen sich ebenso für Vorratshaltung und Transport von Lebensmitteln. Da sie leicht und unzerbrechlich sind, waren sie für eine nomadische Lebensweise ideal. Man musste allerdings aufpassen, dass sie sich ausserhalb der Reichweite von Mäusen befanden.4
Mit der Umstellung auf eine sesshafte Lebensweise (in der Schweiz ab etwa 5500 v. Chr.) kam auch Keramik in Gebrauch, wobei die ältesten Gefässe häufig noch einen runden Boden haben, also beutelförmig sind. Gefässe aus Keramik wurden nun auch für das Kochen genutzt. Sie hatten gegenüber Leder den Vorteil, dass sie stabil sind. Ausserdem bleibt das Kochgut in Keramikgefässen länger warm. Ein weiterer Vorteil ist die unterschiedliche mögliche Formgebung: Je nach Zweck konnten enghalsige fla-
Dreibeintopf (Grapen) aus Buntmetall aus dem mittelalterlichen Städtchen Alt-Weesen. Kantonsarchäologie St. Gallen, Weesen_ FK_181_1389_Restaurierte_Seite.
schenartige Gefässe, weitmündige flache Schalen und Schüsseln oder grosse hohe Töpfe hergestellt werden. Auch Sonderformen wie Krüge, Backplatten (ein Vorläufer des Pizzasteins) oder Siebgefässe5 waren in Gebrauch. Nicht zuletzt boten Keramikgefässe Vorteile für die Vorratshaltung: Mit einem fixierten Deckel oder einem darüber gebundenen Lederstück waren sie mäusesicher. Auch die Aufbewahrung von flüssigen Lebensmitteln wie Honig, Bier und Met war nun einfacher möglich. Einige Nachteile hat Keramik allerdings: Sie ist relativ schwer, leicht zerbrechlich und kann bei ungleichseitiger Erhitzung zerspringen. Dem Letzteren kann allerdings mit einer entsprechenden Herstellungsart vorgebeugt werden. Zur besseren Handhabung heisser Töpfe dienten aus der Wandung vorstehende Grifflappen, ab der Bronzezeit auch Henkel. Stielgefässe scheinen erst in römischer Zeit bekannt geworden zu sein, wobei diese aus Metall bestanden. Ausserdem erkannte man in römischer Zeit, dass Kochgefässe mit Füssen näher ans Feuer gestellt werden konnten, wodurch sich die Kochzeiten verkürzten. Im Mittelalter waren die Dreibeintöpfe (Grapen) allgemein in Verwendung. In reicheren Haushalten bestanden sie sogar aus Buntmetall.