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Spuren der Erdgeschichte im Alpstein

Herausgegeben von Peter Kürsteiner und Adrian Pfiffner

der Erdgeschichte im SPUREN ALPSTEIN

Mit Beiträgen von Peter Fux, Christian Klug, Peter Kürsteiner, René Löpfe, Martina Pacher, Adrian Pfiffner, Antoine Pictet, Leandra Reitmaier-Naef, Michael Soom, Karl Tschanz, Fabio Wegmüller, Stephan Wohlwend

Dieses Buch wurde in grosszügiger Weise finanziell unterstützt von folgenden Institutionen, Stiftungen und Gesellschaften, denen wir für ihr Entgegenkommen und kulturelles Engagement danken:

Stiftung Dr. med. Claus Hilsdorf und Josefine Hilsdorf-Fontana

Schweizerische Geologische Gesellschaft

Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT)

Schweizerische Paläontologische Gesellschaft

Bertold-Suhner-Stiftung

Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.

© 2026 by FormatOst, CH-9100 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Verlagshuus, Appenzeller Verlag AG Windegg 5, CH-9100 Herisau verlag@formatost.ch

Verlagsauslieferung in die EU: HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, DE-85748 Garching service@herold-fulfillment.de

Umschlagbilder: Vorderseite: Peter Kürsteiner (oben), Andreas Butz (unten), Rückseite: Thomas Schüpbach (links), Museum Appenzell (rechts)

Gestaltung Umschlag und Inhalt: Brigitte Knöpfel Gesetzt in ITC Stone Serif und Korolev Herstellung: Verlagshuus, Herisau

ISBN 978-3-03895-052-3 formatost.ch

Inhalt

8 Einführung

Peter Kürsteiner, Adrian Pfiffner

15 Sedimente und Lebensräume

Karl Tschanz, Antoine Pictet, Christian Klug

15 Sedimente und ihre Bildung

15 Kreislauf der Sedimente

18 Die wichtigsten Sedimentgesteine im Alpstein

21 Nutzung der Gesteine

23 Stratigrafie

23 Einordnung von Sedimentablagerungen

23 Gesteinsabfolge im Alpstein

25 Typlokalitäten

33 Spuren einer diskontinuierlichen Sedimentbildung

35 Ablagerungsraum und Schelfmeer

35 Helvetischer Schelf

37 Karbonatplattform

43 Lebewelten

43 Altmann-Member vor 130 Millionen Jahren

45 Schrattenkalk-Formation vor 125 Millionen Jahren

50 Garschella-Formation vor 100 Millionen Jahren

52 Heteromorphe Ammoniten der Kreidezeit

57 Grossforaminiferen

58 Riffe

62 Spurenfossilien

65 Der Alpstein wird zum Gebirge

Adrian Pfiffner

66 Plattentektonik – Wechselspiel zwischen Europa und Adria

69 Falten – starre Schichten werden verbogen

78 Brüche – starre Schichten zerbrechen

79 Querbrüche – zerschnittene Schichten

81 Überschiebungen – aufeinandergestapelte Schichten

85 Abschiebungen – auseinandergerissene Schichten

85 Gebirgsbildung – ein Prozess in vielen kleinen Schritten

91 Klüfte und Mineralien

Peter Kürsteiner, Michael Soom

92 Mineralien

93 Aragonit

93 Baryt

94 Calcit

96 Chalcedon

96 Dickit

96 Dolomit und Ankerit

97 Fluorit

98 Gips

98 Hämatit

99 Markasit

99 Pyrit

100 Pyrrhotin

101 Quarz

103 Realgar

104 Strontianit

104 Dopplerit

105 Mineralvorkommen

105 Kristallhöhle Kobelwald

109 Dürrschrennenhöhle

111 Chobelwand

114 Öhrli und Umgebung

115 Kluftbildung und Mineralentstehung

121 Spuren der Eiszeiten und der jüngsten geologischen Geschichte

René Löpfe, Stephan Wohlwend

122 Vergletscherungen – eiszeitliche Ablagerungen und Formen

123 Letzteiszeitliches Maximum

126 Gletscherstände im Gelände

132 Holozäne Gletscherstände und Firn

134 Moränen

135 Erratische Blöcke

136 Schluchtenbildung

138 Nacheiszeitliche Ablagerungen und Erosionsformen

138 Bergstürze

144 Sackungen und Rutschungen

148 See- und Deltaablagerungen

152 Hangschuttbildungen und Trockenschuttkegel

152 Schwemmschutt, Bachschutt und Alluvionen

153 Sumpf-, Riet- und Torfgebiete

155 Karst- und Höhlenbildung

155 Was ist eine Karstlandschaft, wie entsteht sie?

157 Karsterscheinungen

161 Höhlenbildung

164 Erforschung der Höhlen im Alpstein

164 Höhlen im Alpstein

181 Tropfsteine – ein spannendes Klimaarchiv

184 Periglaziale Phänomene

185 Zwergwuchs im Hexenwäldli

189 Windlöcher und der Kamineffekt

193 Eishöhlenbildung

197 Hydrologie und Hydrogeologie

199 Bergseen

204 Quellen

206 Bäche und kleinere Gewässer

213 Der Höhlenbär und andere Knochenfunde in Höhlen

215 Kurze Forschungsgeschichte der Eiszeit im alpinen Raum

219 Höhlenfunde aus dem Eiszeitalter

219 Wildkirchli – die erste alpine Höhlenbärenfundstelle

225 Eishöhle am Chreialpfirst – Knochenfunde unter Höhleneis

225 Alpeel-Höhle – eine mögliche weitere Höhlenbärenhöhle

226 Ende der Megafauna und holozäne Wiederbesiedlung

227 Höhlen mit holozäner Wiederbesiedlung

227 Altwasser-Höhle 1 – ältester Nachweis holozäner Wiederbesiedlung im Alpstein

228 Steinbockhöhle – eine Fundstelle mit wenigen Resten

228 Stiefelwaldschacht – eine holozäne Tierfalle

229 Loohöhle – eine Braunbärenhöhle im Alpstein

230 Neuschneehöhle – eine Ansammlung holozäner Funde

230 Ausblick

231 Archäologische Funde aus dem Alpstein

Leandra Reitmaier-Naef, Fabio Wegmüller, Peter Fux

232 Höhlenfundstellen aus der Altsteinzeit

234 Wildkirchli – ein mittelpaläolithischer Siedlungsplatz

240 Altwasser-Höhle 1 – ein spätpaläolithischer Lagerplatz

242 Funde aus späteren prähistorischen Epochen

243 Steingeräte vom Blumenrain in Appenzell

243 Abri Unterkobel bei Oberriet

249 Geotope

Adrian Pfiffner

250 Flyschgebirge Fähneren

253 Glazialkomplex Weissbad–Schwende

255 Bergsturz von Sennwald–Salez

257 Sax-Schwende-Bruch

257 Faltengebirgslandschaft Fählensee–Altmann

258 Falten und Schuppen am Wildhuser Schofberg

259 Säntis-Überschiebung am Dunkelberndli

261 Riesenkonglomerat Seckbachtobel

262 Glaziallandschaft Aueli/Tosbach

264 Glaziallandschaft Oberes Luterental

266 Erosionstrichter Ofenloch

268 Molassekar Rossmoos

269 Typlokalität der Öhrli-Formation

270 Typlokalität der Tierwis-Formation und Paratypuslokalität des Altmann-Members

271 Typlokalität der Kamm-Bank

272 Anhang

272 Literaturverzeichnis

279 Geologische Karten und Erläuterungen

280 Internetlinks

280 Besitzer abgebildeter Mineralien und Fossilien

281 Glossar

284 Herausgeber

285 Autorinnen und Autoren

Einführung

Peter Kürsteiner und Adrian Pfiffner

Der Alpstein mit dem Säntis als dominierendem Hauptgipfel ist, bedingt durch seine vorgeschobene Lage am Alpennord-Kamm, selbst aus sehr grosser Distanz zu sehen und nicht nur äusserst bekannt, sondern auch viel besucht. Er befindet sich auf dem Gebiet der Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen. Die Grenzen treffen sich auf dem Gipfel des Säntis, der mit 2502 Meter über Meer höchsten Erhebung des Alpsteins. In nördlicher und nordwestlicher Richtung wird er von den Molasse-Bergen Hoher Hirschberg, Kronberg und Hochalp begrenzt, in südlicher bis südwest-

licher Richtung von der Talung der Thur und gegen Osten vom St. Galler Rheintal. Im Zentrum dieses Gebiets befinden sich die drei nahezu parallel von Südwesten nach Nordosten verlaufenden Bergzüge des Alpsteins.

In diesem in sich geschlossenen Gebirge lässt sich auf relativ engem Raum der Schichtaufbau dieses Massivs gut studieren, was einen Einblick in die Gebirgsbildung ermöglicht. Nicht zuletzt aus diesem Grund nannte es Albert Heim, Altmeister der Schweizer Geologie und nach Arnold Escher von der Linth zweiter Geologieprofessor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, das «schönste Gebirge der Welt».

Auch Hans Heierli, der Appenzeller Geologe und frühere Lehrer an der Kantonsschule Trogen, war begeistert von den Einblicken in die Geologie, welche der Alpstein ermöglicht. Er initiierte den Geologischen Wanderweg Hoher Kasten–Stauberen–Saxerlücke – den ersten Geologischen Wanderweg der Schweiz, eröffnet 1971. Zudem verfasste er, neben zahlreichen anderen Publikationen über die Geolo-

1 Im Geländemodell der Ostschweiz und angrenzenden Länder erkennt man den Gebirgszug des Alpsteins im Quellgebiet von Thur, Necker, Urnäsch und Sitter. Das Rechteck zeigt den Ausschnitt der Abb. 2. Geländemodell: aus Atlas der Schweiz (2025), ergänzt von Adrian Pfiffner

2 Das digitale Höhenmodell des Alpsteins zeigt Höhenzüge mit scharfen Graten, die sich vom buckligen Gelände im Süden und dem fein ziselierten Gelände im Norden abheben. Neben den gestrichelt gezeichneten Kantons- und Landesgrenzen sind, zur besseren Orientierung, die vier Bergseen und die verschiedenen Luftseilbahnen eingezeichnet. 1: SäntisSchwebebahn, 2: Bergbahn Stauberen, 3: Seilbahn Hoher Kasten, 4: Luftseilbahn Alp Sigel, 5: Luftseilbahn Ebenalp, 6: Luftseilbahn Kronberg. Höhenmodell: © swisstopo, ergänzt von Adrian Pfiffner

gie des Alpsteins, eine Begleitpublikation zu diesem Wanderweg (Heierli 1972). Gut 40 Jahre später, 2012, wurden die inzwischen verblassten Tafeln des Geologischen Wanderwegs inhaltlich und konzeptionell überarbeitet und neugestaltet (Löpfe und Landtwing 2015).

Der Alpstein wurde in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN 1612 Säntisgebiet) aufgenommen. Dies, weil er mit seinen eingebetteten Seen ein exemplarisches Falten- und Deckengebirge darstellt und weil es sich durch ausserordentliche Lebensvielfalt auf kleinem Raum sowie durch mehrere Moorlandschaften mit Feucht- und Trockenbiotopen auszeichnet. Der reichhaltige glaziale Formenschatz ist kombiniert mit Karstverwitterung, Höhlen und Kluftmineralisationen. Schliesslich belegen auch Höhlen mit altsteinzeitlichen Funden, dass das Gebiet schon früh von Menschen aufgesucht wurde.

Die Schutzziele des BLN 1612 Säntisgebiet beinhalten den Erhalt der natürlichen und kulturge-

schichtlichen Landschaften wie auch des tektonisch bedingten Formenschatzes. Letzterer gewährt Einblick in die Erdgeschichte, das zentrale Thema dieses Buches. Das BLN 1612 Säntisgebiet gliedert sich in vier Sektoren, die sich über die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und St. Gallen erstrecken: Im Norden ist es die Kronbergkette mit Schwägalp und Fähneren, im Südosten das Rheintal, und der zentrale Teil umfasst den inneren Alpstein sowie das Thurquellgebiet.

Wer mit offenen Augen durch den Alpstein wandert, kann – oder eher: könnte – überaus tiefe Einblicke in dessen Naturgeschichte erhalten. Voraussetzung dazu sind aber gewisse Kenntnisse der Ereignisse, die im Verlaufe der Erdgeschichte stattgefunden haben und weiterhin stattfinden. Das vorliegende Buch soll Laien wie Fachpersonen die Gelegenheit geben, die heute sichtbaren Spuren dieser Geschehen im Gelände zu erkennen und zu verstehen.

Unter dem Begriff Erdgeschichte ist in diesem Buch nicht nur die eigentliche geologische Geschich-

Wildhaus
Nesslau

te gemeint. Auch Spuren von Fachgebieten, die mit der Geologie verwandt sind, wie Archäologie, Archäozoologie, Glaziologie, Hydrogeologie, Hydrologie, Klimatologie, Mineralogie, Paläontologie und Speläologie sind im Alpstein vielerorts zu erkennen. Dies etwa in Form von einstigen Vergletscherungen, in unterirdischen Bachläufen, von Zwergwuchs als Folge von Permafrost, von Mineralien und Fossilien oder von Höhlen und vielem mehr.

3 Der Alpstein vom Brisi aus, Blick gegen Norden.
Foto: Adrian Pfiffner

Für die Bearbeitung dieser breit gefassten Themen wurden verschiedene Fachpersonen hinzugezogen. Diese erzählen in für Laien verständlichen Beiträgen, was sich im Verlauf der Erdgeschichte im Alpstein abgespielt hat – von der Gesteins- und Gebirgsbildung über Vereisungen bis hin zur jüngeren Vergangenheit. Dabei zeigen die Autorinnen und Autoren auf, der Erdgeschichte folgend, wo entsprechende Spuren zu finden und zu erkennen sind, verbunden mit

anschaulichen Erklärungen. Auch wenn sich das vorliegende Buch mit dem Alpstein befasst – analoge Beobachtungen zu den Spuren der Erdgeschichte können auch ausserhalb des Alpsteins, im übrigen Alpenraum etwa, gemacht werden.

Das Buch richtet sich in erster Linie an Personen, die mit den Themen weniger vertraut sind, wie Besuchende des Alpsteins, Wandernde, Naturfreunde, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, bietet aber 3

4 Der Blick von Norden auf den Säntis zeigt schroffe Felswände und scharfe Grate im Alpstein, die in Kontrast stehen zu den weichen vegetationsbedeckten Geländeformen von Kronberg, Petersalp und Spitzli (von links) im Vordergrund.

Foto: Peter Kürsteiner

5 Blick von der Alp Wald in die Talung des Seealpsees; im Hintergrund (von rechts): Zisler, Schäfler, Altenalptürm, Hängeten, Girenspitz, Säntis, Lisengrat.

Foto: Peter Kürsteiner

6 Blick in den östlichen Alpstein, mit (von links) Alp Sigel, Bogartenfirst, Marwees, Ebenalp, Schäfler, Altenalptürm, Säntis, Öhrli und Girenspitz.

Foto: Andreas Butz

auch Fachpersonen wertvolle Einsichten. Zur Vertiefung der einzelnen Themen gibt es eine grosse Anzahl Publikationen. Diese sind im Anhang in einem umfassenden Literaturverzeichnis aufgelistet. Zudem werden in einem Glossar die verwendeten Fachbegriffe erklärt.

Unser Dank richtet sich an sämtliche Co-Autorinnen und -Autoren, die durch ihre Arbeit das vorliegende Buch erst ermöglicht haben. Personen, die Fotografien und Illustrationen zur Verfügung gestellt haben, sind in den Bildlegenden aufgeführt – auch ihnen danken wir herzlich. Unser Dank geht auch an Museen und private Sammler, von welchen wir Mineralien und Fossilien abbilden durften. Weiter bedanken wir uns beim Verlagshuus, Herisau für die Gestaltung und für die Herausgabe der Publikation. Teile der Produktionskosten wurden in grosszügiger Weise von der Schweizerischen Geologischen Gesellschaft, der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), der Schweizerischen Paläontologischen Gesellschaft, der Stiftung Dr. med. Claus Hilsdorf und Josefine Hilsdorf-Fontana sowie der Bertold-Suhner-Stiftung übernommen. Für ihr finanzielles Engagement danken wir herzlich.

Sedimente und Lebensräume

Die Oberfläche der Erde ist in weiten Teilen durch Gesteine und Gesteinsformationen geprägt, welche aufgrund ihrer Entstehungsprozesse in drei Gruppen unterteilt werden. Magmatische Gesteine entstehen bei der Abkühlung geschmolzener Magmen im Erdinnern und nahe der Oberfläche, sowie Laven (Ergussgesteine) an der Erdoberfläche. Die zweite Gruppe bilden die Sedimentgesteine. Sie entstehen überwiegend durch Ablagerung von Gesteinsfragmenten und Verwitterungsprodukten. Die dritte Gruppe umfasst die metamorphen Gesteine. Diese entstehen, wenn an der Erdoberfläche vorhandene Gesteinsformationen durch plattentektonische Prozesse in die Tiefe der Erde verlagert werden. Die ursprünglichen Gesteine werden dabei unter hohem Druck und erhöhten Temperaturen deformiert, teilweise oder ganz aufgeschmolzen, und ihre Komponenten umkristallisiert.

Karl Tschanz, Antoine Pictet und Christian Klug

Sedimente und ihre Bildung

Karl Tschanz und Antoine Pictet

Kreislauf der Sedimente

Die Gesteine des Alpsteins sind Sedimente, die seit Beginn der Kreidezeit (vor rund 145 Millionen Jahren) bis ins Paläogen (vor 35 Millionen Jahren) in einem Meer, der Tethys, abgelagert wurden. Dieses Meer erstreckte sich während der Kreidezeit zwischen dem europäischen und adriatischen Kontinent.

Die Entwicklung der Sedimentgesteine lässt sich vereinfacht in drei zeitlich aufeinanderfolgende Phasen gliedern (Marthaler und Schlup 2023). Die erste Phase des Kreislaufs umfasst die Bildung geschichteter Ablagerungen am Meeresboden, welche sich zwei Hauptgruppen zuordnen lassen: klastischen und biogenen Sedimenten.

Bei der ersten Hautgruppe, den klastischen Sedimenten, handelt es sich um Ablagerungen von Verwitterungsresten, die unter dem Einfluss der jeweils vorherrschenden klimatischen Bedingungen entstanden sind, zum Beispiel Tonsteine und Sande. An der Landoberfläche liegende Gesteine wurden mechanisch aufgebrochen, zerkleinert und danach abgetragen. Bei der Verwitterung wurden die im Ursprungsgestein enthaltenen Minerale gelöst und zum Teil neue Verbindungen gebildet wie etwa Tonminerale oder Eisenhydroxide. Die durch Verwitterung entstandenen Sand- und Tonpartikel wurden durch Wasser oder Winde in Senken transportiert und dort abgelagert.

Die zweite Hauptgruppe umfasst biogene Sedimente wie Kalksteine. Sie bestehen vor allem aus Kalkschalen und Kalkgerüsten abgestorbener Meeresorganismen, insbesondere von planktonisch lebenden Organismen, Foraminiferen, Calpionellen und Coccolithophoriden. Letztere bilden den Hauptbestandteil der Schreibkreide, die beispielsweise auf der Ostseeinsel Rügen zu finden ist. Biogene Sedimente enthalten oft Reste von Muschel- und Schneckenschalen oder Korallen, die durch Wellengang und Gezeitenströmungen oder durch Fressfeinde (Fische) mechanisch zerkleinert und zerrieben wurden.

Im Alpstein finden sich neben reinen Sandsteinen wie in der Garschella-Formation oder biogenen Kalksteinen wie in der Öhrli- und Schrattenkalk-Formation auch Mischformen der oben aufgeführten Sedimenttypen. Bei Veränderungen der Ablagerungsbedingungen, etwa einem Anstieg des relativen Meeresspiegels oder der Zunahme des Sedimenteintrags infolge Klimawandels, verändert sich auch die Zusammensetzung der Sedimente. Im Alpstein weisen wiederkehrende Abfolgen von Tonsteinen/ Mergeln und Mergelkalken/Kalken (Wechsellagerungen) im Drusberg-Member der Tierwis-Formation auf solche Veränderungen hin.

7 Kreislauf der Sedimente. Schematische Darstellung auf der Grundlage von Marthaler und Schlup (2023).

Illustration: Karl Tschanz

Neben Umweltfaktoren wie Klima, Meeresspiegelschwankungen oder Meeresströmungen haben auch die Bewegungen der Erdplatten einen direkten Einfluss auf die Sedimentbildung. Sedimentation ist meist kein kontinuierlicher Prozess, sondern geprägt von schubweiser Sedimentbildung, abgelöst durch Perioden von Stagnation oder gar Erosion. Diese sind als Unterbrechung (Diskontinuität) im sonst gleichmässigen Aufbau der Sedimentablagerungen sichtbar. Eine niedrige Sedimentationsrate oder die Verfrachtung feiner Sedimentpartikel durch Meeresströmungen (Winnowing) kann zur Bildung eines Kondensationshorizonts führen. In solchen Horizonten finden sich oft Anhäufungen von Fossilien, die einen deutlich grösseren Zeitraum abdecken, als man aufgrund der geringen Schichtdicke erwarten würde. Im Extremfall, wenn gar kein Sediment abgelagert wird, kann sich eine Schichtlücke (Hiatus) ausbilden. Schichtlücken entstehen jedoch auch, wenn der Ablagerungsraum über das Meeresniveau angehoben und trockengelegt wird oder das ursprüng-

Anh e b u n g

Bruch

Überschiebungslinie

Sedimenteintrag

Überschiebung

Verkürzung des Gesteinskörpers

Verfaltung der Gesteine

Ver- und Überschieben von Gesteinspaketen

Gebirgsbildung

Verwitterung

Erosion

Transport ins Meer Ablagerung der Sedimente

Sedimenteintrag

Ablagerung

Kompaktion der Schichten

Sedimenteintrag

Ablagerung Komp aktion

lich abgelagerte Sediment zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgetragen wird. Eine solche Schichtlücke findet sich zum Beispiel zwischen der Oberkante der Schrattenkalk-Formation, die teilweise bereits während der Trockenlegung zur Kreidezeit verkarstet wurde, und der Garschella-Formation.

Die zweite Phase des Kreislaufs der Sedimente spielt sich im tieferen Untergrund ab, unter der kombinierten Wirkung von Druck und Temperatur. Die am Meeresboden abgelagerten Sedimente unterscheiden sich je nach Ursprung der Sedimentpartikel, der Art und Weise ihres Transports und dem Ort der Ablagerung. Durch die Überlagerung von jüngeren Schichten werden ursprünglich lockere Sedimente wie Sand oder Kalkschlamm im Laufe der Zeit verfestigt. Die Sedimentauflast führt zu einer kontinuierlichen Entwässerung und Kompaktion der abgelagerten Schichten. Durch die Auflast wird die Temperatur im Sediment leicht erhöht (etwa 1 °C pro 100 Meter Auflast). In noch bestehenden Hohlräumen (Poren) können neue Minerale gebildet wer-

Entwässerung

Zementation

den, welche die Sedimentpartikel einbetten und verfestigen beziehungsweise zementieren. Durch die Diagenese entsteht so aus weichem oder fast flüssigem Kalkschlamm ein Kalkmergel oder Kalkstein, aus lockerem Sand ein fester Sandstein.

Die dritte und letzte Phase des Kreislaufs umfasst die Bildung eines Gebirges durch plattentektonische Prozesse. Die Erdoberfläche besteht aus verschiedenen, sich gegeneinander verschiebenden Platten. Wo zwei Platten aufeinanderstossen, entstehen Gebirge. Werden Gesteinspakete in grössere Tiefen der Erdkruste verfrachtet und somit höheren Temperaturen und erhöhtem Druck ausgesetzt, verändern sich Struktur und chemische Zusammensetzung der Sedimentgesteine (Metamorphose). Bewegen sich die Kontinentalplatten, werden die Gesteine zusammengeschoben, verfaltet und vom ursprünglichen Ablagerungsraum wegtransportiert. Die Gesteine werden während der Gebirgsbildung angehoben und somit der Verwitterung ausgesetzt – der Kreislauf beginnt von Neuem.

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