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Gymnasium Friedberg

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FormatOst Leseprobe

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KARL ESCHENMOSER GYMNASIUM FRIEDBERG GOSSAU


Karl Eschenmoser

Gymnasium Friedberg Gossau Anfänge bis 1948


© 2018 Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, e ­ lektronische ­Datenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Umschlagfoto: Die ersten Friedberg-Schüler 1926 (Schularchiv Friedberg) Gestaltung: Janine Durot Gesetzt in ITC Franklin Gothic Std und ITC Legacy Serif Std Druck: Cavelti AG, 9201 Gossau Gedruckt auf Lessebo Smooth white, 120 g/m² Bindung: Schumacher AG, 3185 Schmitten ISBN 978-3-03895-003-5 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


GELEITWORT LERNE AUS DEN JAHREN DER GESCHICHTE (Dtn 32,7)

2020 feiern die Pallottiner in der Schweiz das hundertjährige Bestehen ihrer Gemeinschaft. Eine umfangreichere Darstellung ihrer ganzen Geschichte fehlt bisher. 2011 beauftragte der Provinzrat Karl Eschenmoser mit der Erarbeitung der Provinzgeschichte. Als Geschichtslehrer am Gymnasium Friedberg während 33 Jahren wurde er selber ein Teil der Schulgeschichte. Er weiss auch um die inneren Zusammenhänge und Motivationen einer religiösen Gemeinschaft. Das Schulapostolat hat in der Geschichte der Schweizer Pallottiner einen zentralen Platz. Die Anfangsjahre des Gymnasiums Friedberg sind so zum grossen Teil auch die frühe Geschichte der Schweizer Pallottinerprovinz und der Schweizer Schönstattbewegung. Das Werk geht den frühen Spuren des pallottinischen Wirkens in der Schweiz nach, vom Ordensgründer Vinzenz Pallotti bis zur Provinzwerdung 1946. Lebendig erzählend führt es auch über die Schweiz, über Europa hinaus und zeigt so die Konturen des umfassenden pallottinischen Engagements. Die frühesten Schweizer Pallottiner liessen sich begeistern für die Aufgaben in den Missionen. Ohne es wissen zu können, schufen sie damit jene Voraussetzungen, die 1920 zur ersten Niederlassung in Gossau und 1926 zur Gründung des Gymnasiums Friedberg führten. Dieses Buch bietet Ehemaligen, zu denen ich mit Maturajahrgang 1980 selbst gehöre, Erinnerung und Einladung zur Besinnung auf eine prägende Phase ihrer Jugend. Es ist nicht allein für uns Pallottiner, für das Gymnasium und für die Schönstattbewegung von Bedeutung, es bietet auch der Lokal- und Zeitgeschichte sowie allen an Schule und Pädagogik Interessierten einen wertvollen Einblick in eine kleine, aber bedeutende ­katholische Schule. Mit unserem Dank an alle, die zu dieser Publikation beigetragen haben, verbinden wir den Wunsch, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit uns entscheidende Impulse für die Gestaltung der Zukunft gibt. Pater Adrian Willi SAC, Provinzial


INHALT VON ROM ÜBER KAMERUN NACH GOSSAU 11 Schwyzertütsch im Kirchenstaat 17 1848er-Revolutionszeit 21 Winzig und vielseitig – Pallottiner bis 1890 29 Kameruner Mission 1890 bis 1915 37 Schulaufbau und Erziehungsziele in Kamerun 43 Werbung für deutschsprachigen Nachwuchs 49 Pallottinische Internatsschulen in Deutschland 55 Erster Weltkrieg: Erzwungener Umbruch IM HAUS «FÜRSTENLAND» 1920 BIS 1926 63 Schweizer Niederlassung der Pallottiner in Gossau 69 Pallottinerhaushalt im Haus «Fürstenland» 73 Lebenserwerb und Öffentlichkeitsarbeit der Gossauer Pallottiner 79 Presseapostolat – die Förderer und Bruder Josef Stadlin 85 Vorschneller Start der Gossauer Missionsschule 89 Werbearbeit für die Schule AUFBAU DES MISSIONSGYMNASIUMS ST. NOTKER GOSSAU 97 Schuleröffnung als vordringliches Ziel 99 «Friedberg» als Spiegel der Wirtschaftsgeschichte 111 Fabrikgebäude wird Missionsschule 115 Tagesablauf im Internat 121 Schulbetrieb, Lehrplanfragen und Lehrer 131 Landerwerb und Planungslinien 137 Schulbau in den Goldenen Zwanzigerjahren 149 Vollausbau des Progymnasiums bis Juli 1930 FRIBOURG ZWEITER PALLOTTINERSITZ 155 Für die Matura nach Schwyz? 159 Fribourg als überraschende Ideallösung 163 Collège Saint-Michel Fribourg 167 Pallottinisches Wohnheim für den Besuch der Kantonsschule 171 Die «Villa Thérèse» und ihre Finanzierung 177 Ausblick: Fribourg – Morschach – Ebikon


PÄDAGOGISCHE ZIELE UND FORMEN 185 Weltweite Einsatzbereitschaft als Ausbildungsziel 191 Förderung des religiösen Wachsens Jugendlicher 195 Marienverehrung in der religiösen Pädagogik 201 Mariengrotte in Eigenarbeit der Schüler DIE DREISSIGERJAHRE AM FRIEDBERG 211 Fluktuationen bei Schülern und Lehrern 1926 bis 1939 215 Die Rektoren und die Präfekten 1926 bis 1939 227 Geistliche und weltliche Auflockerungen im Schulalltag 241 Kontinuität zwischen Gossau und Fribourg 247 Der Traum von Gemeinschaft als Verlockung 257 Der Bergschatz von St. Martin im Calfeisental 271 Halbunabhängigkeit der Schweizer Pallottiner seit 1934 DIE ZEIT DES ZWEITEN WELTKRIEGS 281 Kriegsausbruch 1939, «Drôle de guerre» und Mai-Panik 1940 287 Réduit-Denken und Durchhalten 1940 bis 1945 303 Rückgang der Schülerzahlen in den Kriegsjahren 307 Die Rektoren und die Präfekten 1939 bis 1948 313 Probleme an der binnenschweizerischen Sprachgrenze 321 Auflockerungen im Schulalltag während der Kriegszeit NEUE UFER NACH DEN «TAUSEND JAHREN« 329 Normalisierung, Schulalltag und Auflockerungen 1945 bis 1948 337 Gesellschaftswandel in Krisen- und Kriegszeit 341 Neuausrichtung auf ein «allgemeines Gymnasium« 347 Entstehung der Schweizer Pallottinerprovinz 351 Abschied vom Missionsgymnasium St. Notker Gossau 361 Das Schlussfest des Missionsgymnasiums 1948 365 Schlusswort: Ausblick im Rückblick (von Ivo Fürer) ANHANG 370 Anmerkungen 377 Literaturverzeichnis, Quellen und Bildnachweis 380 Glossar 383 Lehrkräfte bis 1948, alphabetisch sowie nach Eintrittsjahren 387 Personenregister 390 Dank


KAPITELTITEL

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ARTIKELTITEL

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KAPITELTITEL

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SCHWYZERTÜTSCH IM KIRCHENSTAAT

Die vielen Wurzeln des Gymnasiums Friedberg reichen bis nach Westafrika und nach Rom, zur Wiege der Pallottinergemeinschaft. Vinzenz Pallotti (1795–1850) kannte zwei Deutschschweizer Jugendliche persönlich – fast ein Vorzeichen für das drei Generationen später gegründete Gymnasium in Gossau. Die beiden Schüler gehörten mit zu den Opfern erbitterter politischer Konflikte in der Schweiz. Zuflucht bot ihnen der Kirchenstaat.

Einmal im Jahr trugen im päpstlichen Rom Dutzende Jugendliche und junge Erwachsene in vielen Sprachen selbst verfasste Texte vor. Das war das «Sprachenfest». Es wurde traditionell am 5. Januar, dem Vorabend des Fes­ tes der Heiligen Drei Könige gefeiert. Im Publikum waren Kardinäle und andere hochgestellte geistliche und weltliche Persönlichkeiten. Rom war zugleich der Mittelpunkt der weltweiten katholischen Kirche und die Hauptstadt eines souveränen Staates, der mit dem Papst als Staatsoberhaupt den grössten Teil von Mittelitalien umfasste. Dieser «Kirchenstaat» war nach über 1100 Jahren wechselvoller Geschichte bis 1859 flächenmässig ein wenig grösser als die Schweiz.

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Die Vortragenden am Sprachenfest waren Studenten einer von Papst Urban VIII. 1627 gegründeten Schule, die rund hundert jungen Leuten aus allen Erdteilen ihre gymnasiale und universitäre Ausbildung auf dem Weg zum Priestertum gab. Nach seinem Gründer hiess das Institut «Collegium Urbanum de Propaganda Fide» – etwa «Urbans-Internatsschule zur Glaubensverbreitung», abgekürzt «Collegium Urbanum» oder «Propagandakolleg». Sein Sitz war in einem barocken Palast am Fusse der Spanischen Treppe. Die meisten Absolventen traten nach den Universitätsstudien zur geistlichen Ausbildung in Priesterseminare in Rom ein. Nach der Priesterweihe hatten sie in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, um ihren Bischöfen als Weltgeistliche zur Verfügung zu stehen. Beim Sprachenfest 1846 und 1847 beklatschte nach den Berichten von Zeitungen in Südtirol und im Königreich Bayern das hochgestellte Publikum besonders eifrig die Vorträge in «Schwyzertütsch».1 Zwei Schweizer Brüder, 14 und 17 Jahre alt, trugen einen selbst verfassten Dialog vor. Das Zwiegespräch der beiden Schaffhauser drückte ihre religiösen Gefühle vor der Weihnachtskrippe aus und passte zum Altarbild der Kirche des «Collegium Urbanum» und zum Abend vor dem Dreikönigsfest: Die Weisen aus dem Morgenland kommen aus der Ferne nach Bethlehem und huldigen dem neugeborenen Jesus als dem künftigen König. Die Brüder Ferdinand und Hugo trugen den in Gelehrtenkreisen Europas berühmten, bei sehr vielen Schweizern allerdings berüchtigten Familiennamen Hurter. Friedrich Emanuel Hurter (1787–1865), der Vater der beiden Studenten, war eine der bekanntesten und umstrittensten Persönlichkeiten der damaligen Schweiz. Das als recht lockerer Staatenbund organisierte Land stand seit den 1830er-Jahren in heftigen Parteikämpfen zwischen Neuerern und Verfechtern der alten Verhältnisse. Zu einem wichtigen Symbol für das Alte wurden die Klöster. Hurter war einer der Wortführer der konservativ-legitimistischen Strömung. Er plädierte mit zahlreichen Druckschriften in den schweizerischen politischen Auseinandersetzungen entschieden für die Wahrung der alten Verhältnisse, ganz besonders zugunsten der Erhaltung der Klöster. Dafür war er in den konservativ regierten, meist katholischen Kantonen der ländlicheren Schweiz hoch angesehen, in den wirtschaftlich weiter entwickelten, politisch radikal-liberal dominierten galt er hingegen als rotes Tuch. 1840/41 stand er im Mittelpunkt einer giftigen Auseinandersetzung, die in der Schweiz und darüber hinaus Wellen warf. Sie war charakteristisch für die an Wirren reiche Zeit. Hurter war seit 1808 Geistlicher im reformierten Schaffhausen, seit 1824 Pfarrer am Münster der Kantonshauptstadt und

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Vincenz Pallotti (1795– 1850). Schwarzweisses Andachtsbild aus den 1940er Jahren nach einem Gemälde von Alfovino Missori (1901–1993).

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von 1835 an vom Kantonsparlament gewählter Vorsteher der gesamten reformierten Geistlichkeit des Kantons Schaffhausen mit dem Titel «Antistes». Aus geringfügigem Anlass wurde ihm 1840 von geistlichen Kollegen vorgeworfen, er habe allzu grosse Sympathien für katholische Belange. Viele überwiegend junge, von fromm eiferndem Erweckungspietismus geprägte Geistliche verlangten, ihr Antistes solle die ausdrückliche Erklärung abgeben, dass er auf dem Boden der evangelisch-reformierten Schaffhauser Kirche stehe. Hurter empfand diese Forderung als unanständig. Er erklärte, er habe sich nachweislich seit Jahrzehnten für das Wohl dieser Kirche eingesetzt. Der Schaffhauser Streit um Hurter wogte hin und her, Zeitungen aus halb Europa berichteten darüber, hämisch kommentierten auch Kräfte, die weder für die evangelische noch für die katholische Sache Sympathien hatten. Der Graben zwischen Hurter und der Mehrheit seiner Mitgeistlichen wurde schliesslich zu weit. 1841 gab er sein Amt ab. Drei Jahre später trat Hurter in Rom in aller Öffentlichkeit zur katholischen Kirche über. Das goss neues Öl ins Feuer. Tausende Kantonseinwohner zogen mit schweren Drohungen vor sein Haus in Schaffhausen und schrien: «Nieder mit den Jesuiten! Es lebe die Freiheit! Es lebe das Vaterland!»2 Im Laufe der beiden folgenden Jahre traten einzeln und nacheinander Hurters Frau und vier seiner fünf Kinder zum Katholizismus über. Die konservativen Kräfte im Europa der Restaurationszeit ehrten den auch als Historiker bekannten Hurter hoch. Die französische Königin empfing ihn in privater Audienz. Der Leiter der österreichischen Politik, Staatskanzler Clemens Fürst von Metternich, verlieh ihm den Titel eines Hofrates, ernannte ihn zum österreichischen Reichshistoriographen und leitete die Erhebung der Familie in den erblichen Adelsstand ein. Und der Papst schenkte den beiden jüngsten Söhnen Hurters, die Priester werden wollten, Freiplätze im «Collegium Urbanum». Unter der Zuhörerschaft am Sprachenfest der Jahre 1846 und 1847 befand sich möglicherweise ein sehr klein gewachsener und leicht buckliger römischer Priester mit tiefblauen Augen, Halbglatze und markanter weisser Stirne: Don Vincenzo Pallotti (1795–1850).3 Er lebte persönlich dem Ideal der Armut nach, aber er genoss für einen damaligen Weltgeistlichen ungewöhnliche finanzielle Unabhängigkeit: Seinen Unterhalt sicherte der Erbanspruch auf das Vermögen seines Vaters. Dieser war durch den Betrieb einiger Lebensmittelläden in der bevölkerungsmässig rasch wachsenden Stadt Rom wohlhabend geworden. Diese Unabhängigkeit erlaubte es Vinzenz Pallotti, sich der Kirche so zur Verfügung zu stellen, wie es seinen Idealen und seiner seelsorgerischen Kreativität entsprach.

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SCHWYZERTÜTSCH IM KIRCHENSTAAT

Das Sprachenfest am «Collegium Urbanum» kannte Pallotti bestens, hatte er doch als junger Priester mehrere Jahre lang am Kollegium als Spiritual, als Verantwortlicher für die Seelsorge der Studenten, gewirkt.4 Die Begegnung mit den Studenten aus aller Herren Ländern wurde für Pallotti zu einer prägenden Erfahrung. Deutlich erlebte er, dass die Ausbreitung und Vertiefung der christlichen Botschaft in den Herkunftsländern der Studenten so viele Kräfte wie möglich erforderte. Während seiner Tätigkeit am «Collegium Urbanum» reifte in Pallotti der Gedanke an ein weit über die Amtskirche und die Priester hinausgehendes Werk zur Verbreitung des Evangeliums und zur Belebung des christlichen Lebens. Auch Männer und Frauen aus dem Laienstand sollten darin eine wichtige Rolle spielen. 1835 gründete er die «Vereinigung des katholischen Apostolats», frei umschrieben einen Verein im Dienste der weltweiten Ausbreitung der Frohbotschaft.5 «Apostolat» bedeutete für Pallotti und seine Leute die Verwirklichung des mit der Taufe übernommenen Auftrags. Sie wollten als «Gesandte für die Frohe Botschaft», das meint das griechische Wort «Apostel» auf Deutsch, das christliche Leben in einer Vielzahl von Einsatzformen vertiefen. Pallottis erste Aufgabe als junger Theologiestudent war die Jugendarbeit gewesen. Er selber und die Mitglieder seiner Gesellschaft erkannten im raschen sozialen und wirtschaftlichen Wandel ihrer Zeit immer weitere Tätigkeitsfelder. Das reichte von der Verbreitung von religiösen Schriften bis zu Abendkursen für junge Berufsleute, von der Soldatenseelsorge bis zur Begleitung zum Tode Verurteilter, von der Krankenbetreuung bis zum Sammeln von Almosen, von der Gründung von Fürsorgeheimen bis zum Einsatz für Emigrantenseelsorge. Sehr viel Zeiteinsatz widmete Pallotti der vertraulichsten Form der Seelsorge, dem individuellen Beichtgespräch. Das war, viele Jahrzehnte vor der Entstehung professioneller Psychologie, oft die nachhaltigste Form seelischer Hilfe für Menschen aus allen sozialen Schichten.

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1848-ER REVOLUTIONSZEIT

Die Revolutionswelle von 1848/1849 brachte in fast ganz Europa zunächst rasche Erfolge. Wenige hatten länger Bestand, der erste von ihnen ist die Bundesverfassung der Eidgenossenschaft von 1848. – Zu den von der Revolution besonders stark betroffenen Gebieten gehörte der päpstliche Staat. Pallotti und die beiden jungen Schweizer in Rom erlebten das unmittelbar.

Die wenigen Monate zwischen März 1848 und Januar 1850 waren ungeheuer bewegt: für Pallotti, die Brüder Hurter, aber auch für die Schweiz, den Kirchenstaat und ganz Europa. Vinzenz Pallotti lernte die Brüder Hurter im März 1848 persönlich sehr gut kennen. Das Amt des geistlichen Betreuers der Studenten des «Collegium Urbanum» war ihm in der Revolutionszeit erneut übertragen worden. In diesen extremen Zeitumständen wurde er für die beiden Schweizer zu einer zentralen Vertrauensperson.6 Die europäische Revolutionswelle von 1848/49 brachte zunächst den begeisterten Aufbruch der Revolutionäre in vielen städtischen Zentren. Überall verlangten die Revolutionäre die Abschaffung des seit dem Wiener Kongress 1815 bestehenden restaurativ-konservativen Systems. Fast überall folgte wenige Monate später die blutige Unterdrückung der Bewegung.

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In der Schweiz hatte diese 1848er-Bewegung ihren ersten Erfolg bereits im November 1847 erzielt: In einem dreiwöchigen, rasch entschiedenen und daher wenig Blutzoll fordernden Bürgerkrieg, dem «Sonderbundskrieg», war die separatistische Minderheit der konservativen, meist katholischen Kantone militärisch klar geschlagen worden. Die Unterlegenen fügten sich in den folgenden Jahrzehnten in die neuen Verhältnisse zuerst murrend, dann allmählich versöhnt ein. Der Schweizer Gegensatz entsprang vor allem den unterschiedlichen Zielsetzungen der ländlichen und der wirtschaftlich entwickelteren siegreichen Kantone. Aber in den rund zehn Jahren im Vorfeld hatte die aufgeheizte Konfliktstimmung zunehmend selbst konfessionalistische Züge erhalten. Gegenseitig malte man am Stammtisch, in den Zeitungen und in den Predigten am Sonntag krasse Feindbilder. Die katholische Kirche mit dem Papsttum und ihrer klaren Hierarchie war als Inbegriff der Rückständigkeit verschrien. Wortführer gegen die traditionelle Kirche waren in der Schweiz und anderswo ausgeprägt die katholischen, weniger die evangelischen FortIm Hochland fiel schrittsfreunde. In diesem Schreckbild des der erste Schuss, Katholizismus galten die Klöster und ganz im Hochland wider besonders der Orden der an Universitäten und Schulen aktiven Jesuiten als Drahtziedie Pfaffen … her.7 Auf der Gegenseite brandmarkten die Konservativen in ganz Europa den Ruf nach neuen Verfassungen – mit Gewaltenteilung, Sicherung der Freiheitsrechte und verstärkten zentralstaatlichen Kompetenzen – oft geradezu als Teufelswerk. Diese Neuerungsgegner malten in abschreckendsten Farben die Gefahr des Zerfalls der gesamten bestehenden Gesellschaftsordnung und verurteilten als finstere Verschwörer hinter allem die Liberalen, Radikalen, Freimaurer und Kommunisten. Das fortschrittliche Europa bejubelte den Erfolg der Gesinnungsfreunde in der Schweiz im November 1847 als eine Hoffnung für den Kontinent. Der deutsche Dichter Ferdinand Freiligrath feierte, als in Paris Ende Februar 1848 die «Februarrevolution» begann, den kurz davor erfolgreich abgeschlossenen Umschwung in der Schweiz als Revolutionssignal für ganz Europa in einem Gedicht: «Im Hochland fiel der erste Schuss, im Hochland wider die Pfaffen …»8 Und wirklich, im März 1848 brachen fast überall auf dem europäischen Festland Revolutionen aus. Aber die Aufstände in Paris und jener gegen die österreichische Fremdherrschaft in Mailand wurden bereits im Frühsommer 1848 in Blutbädern ertränkt.

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1848-ER REVOLUTIONSZEIT

Der Kirchenstaat war von der Revolutionswelle dramatisch betroffen. Aus Norditalien flohen von den österreichischen Truppen geschlagene Revolutionäre in die päpstliche Hauptstadt. Die Agitation gegen den Papst, den absoluten Monarchen im Kirchenstaat mit der dreifachen Krone, der Tiara, wuchs. Die päpstlichen Truppen genügten nicht zur Abwehr. Der Premierminister Pellegrino Rossi wurde nach nur zwei Monaten im Amt am 15. November 1848 in der Öffentlichkeit erdolcht. Papst Pius IX. floh Ende November 1848 nach Gaeta im südlichen Nachbarkönigreich Neapel. Am 9. Februar 1849 schafften die Römer Revolutionäre – am bekanntesten von ihnen blieben der Politiker Giuseppe Mazzini und der militärische Hauptleiter und Berufsrevolutionär Giuseppe Garibaldi – die monarchische Herrschaft des Papstes ab und riefen die Römische Republik aus. Die chaotisch-revolutionäre Römische Republik hatte jedoch nur fünf Monate Bestand. Bald musste sie sich gegen Interventionstruppen verteidigen, die Frankreich, Österreich und Spanien entsandt hatten. Während der Belagerungszeit herrschte innerhalb der Mauern Roms brutale Willkür. Undisziplinierte Anhänger der Revolution verfolgten, ja massakrierten nicht zur Kooperation bereite Priester und römische Bürger. Vinzenz Pallotti musste untertauchen und entkam dem Tod nur knapp. Unter diesen dramatischen Umständen verfasste er sein Betrachtungsbuch «Gott die unendliche Liebe», das «ausführlichste Zeugnis seines geistlichen Reichtums» ausser seinem Tagebuch.9 Auch die jungen Studenten des «Collegium Urbanum» durften nicht auffallen, sie ersetzten in der Stadt ihre langen schwarzen Schulröcke mit rotem Gürtel durch gewöhnliche Kleidung. Das Territorium ihrer Schule stand dank einer Anzahl von Studenten aus den USA unter besonderem Schutz des amerikanischen Gesandten. Die Ernährungslage während der militärischen Einschliessung des revolutionären Rom – die Stadt war vom 3. bis zum 30. Juni 1849 belagert – war sehr schlecht. Die hygienischen Verhältnisse wurden noch viel verheerender als sonst. Seuchen wüteten und forderten viele Leben. Während um die Stadtmauern die Kanonen von Belagerern und Verteidigern donnerten, starb, noch nicht 20 Jahre alt, Ferdinand Hurter an einem Blutsturz, der Folge einer infektiösen Erkrankung. Sein jüngerer Bruder Hugo erlebte Vinzenz Pallotti ein letztes Mal in der Seelsorge für das «Collegium Urbanum» anlässlich der Besinnungstage im Oktober 1849. Am 22. Januar 1850 starb Pallotti an den Folgen einer heftigen Erkältung. Er hatte der Bevölkerung Roms schon zu Lebzeiten als ein Heiliger gegolten. In die endlose Kette von Trauernden, die in der Kirche San Salvatore in Onda während dreier Tage an der Bahre vorbeizog, um Abschied zu nehmen, hat sich der damals fast 18-jährige Hugo Hurter zweifellos einge-

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reiht.10 Er trat später dem Jesuitenorden bei und war von 1858 bis 1903 Theologieprofessor in Innsbruck. Noch in hohem Alter rühmte er den prägenden Einfluss Vinzenz Pallottis auf sein Leben und dessen «beruhigenden, väterlichen Einfluss» in der stürmischen Revolutionszeit.11 Eine politische Normalität kehrte in den gewaltsam wiedererrichteten Kirchenstaat nie mehr zurück. Jetzt hatten sich allerdings die Vorzeichen gewandelt; die geschlagenen Revolutionäre waren nun selbst die Gejagten. Der Kirchenstaat nahm teilweise polizeistaatliche Züge an. Papst Pius IX. kam erst im April 1850 aus seinem Exil im Königreich Neapel zurück nach Rom, voll zürnender Abneigung gegen jede politische und gesellschaftliche Neuerung.

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WINZIG UND VIELSEITIG – PALLOTTINER BIS 1890

Die Pallottiner und Pallottinerinnen waren bis in die 1880er-Jahre nur ein paar Handvoll Leute. Und doch bestanden 1890 bereits Zentren in Rom, London, New York und Brasilien. In der kleinen Schar waren früh Süddeutsche und ein Schweizer. Von Anfang an war die Seelsorge für Auswanderer, die der Armut in ihren Ländern entflohen waren, ein zentrales Aufgabenfeld.

Zur geistlichen Gemeinschaft, welche sich aus der von Vinzenz Pallotti 1835 gegründeten «Vereinigung des katholischen Apostolats» entwickelt hatte, gehörten bei seinem Tode als innerer Kern ein gutes Dutzend Leute: acht Priester, vier Laienbrüder und einige Studenten.12 Eine ebenfalls sehr kleine pallottinische Schwesterngemeinschaft wirkte in Rom seit 1838 in der Ausbildung von Waisenmädchen und jungen Frauen. Um das Zentrum gruppierten sich recht locker Männer und Frauen aus dem Laienstand, eine unklar abgegrenzte Zahl von höchstens einigen hundert Personen. Allen gemeinsam war, dass sie sich in der Nachfolge Pallottis für die lebensnahe Umsetzung der christlichen Botschaft engagieren wollten. Pallottis Aktivität wirkte über seinen eigenen Tod hinaus begeisternd weiter. Er hatte seine Leute geradezu «elektrisiert».

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Welches die Formen der apostolischen Wirksamkeit allerdings sein sollten, war nicht eingegrenzt. Der weitgreifende offizielle Name der Gründung musste geändert werden. Der von Pallotti 1846 gewählte Name «Gesellschaft des katholischen Apostolats» – lateinisch «Societas Apostolatus Catholici», abgekürzt SAC – wurde von manchen innerhalb der Kirche als zu hochtrabend angesehen. Schliesslich war die weltweite Verbreitung der Frohen Botschaft die Aufgabe aller Christen, nicht ausschliesslich jene der katholischen Amtskirche oder gar einer einzelnen Gruppierung in der Kirche. Der offizielle kirchliche Name lautete von 1854 bis 1947 «Pia Societas Missionum», etwa «Missionsvereinigung kirchlichen Rechts», abgekürzt PSM. Aber dies änderte in der umgangssprachlichen Praxis wenig, die Bevölkerung in Rom nannte sie ohnehin «Pallotti-Leute», italienisch «Pallottini» oder «Pallottiani», deutsch «Pallottiner».13 Wie sollte das Engagement der Pallottiner für die «innere Mission» und die «äussere Mission» – also die Vertiefung des christlichen Lebens von bereits katholisch Getauften und die Ausbreitung bei Nichtchristen aussehen? Nach welchen Regeln der Alltagsgestaltung könnte die Gemeinschaft der Priester und Laienbrüder sich dauernd organisieren – eher am traditionellen Klosterleben orientiert oder in lockerer Form? Das geografische Arbeitsfeld der kleinen Schar der Pallottiner war beim Tod von Vinzenz Pallotti 1850 bereits erstaunlich weit. Die geistlichen Pallottiner, elf Priester und ein einziger Laienbruder, hatten zwei Zentren: Rom, das stets der zentrale Sitz der Gesellschaft blieb, und London.14 Warum ausgerechnet London? Die Stadt war eines der Zentren der Immigration. Ein Handelszentrum war London bereits seit Jahrhunderten, zudem hatte um 1780 die Industrialisierung in England ihren Anfang genommen. Industrielle Fabrikation und weltweiter Handel waren dabei, das wirtschaftliche, gesellschaftliche und geistige Leben in London und bald weltweit grundlegend umzuwälzen. Von Konkurrenz bedrängte Unternehmen suchten Arbeitskräfte mit tiefen Löhnen aus dem eigenen Land und aus fremden Ländern. Wer ohne eigene finanzielle Mittel einwanderte, musste im frühindustriellen London ganz unten beginnen, was niedrigste Löhne und Arbeitszeiten bis zur völligen Erschöpfung bedeutete. Die für London in der Mitte des 19. Jahrhunderts billigsten Arbeitskräfte stammten aus dem damals britischen Irland und aus Norditalien. Die Immigranten aus Norditalien waren katholisch getauft. Aber blieb in ihrem alltäglichen harten «Kampf ums Dasein» – das Wort ist zentral in Darwins 1859 in London erschienenem Hauptwerk «Über die Entstehung

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der Arten» – noch Platz für religiöses Leben? Und woher sollten Geistliche kommen, die des Italienischen genügend mächtig waren? Schon 1844 entsandte Pallotti seinen erfahrensten Mitarbeiter Raffaele Melia zur Seelsorge für ausgewanderte Italiener nach London – obwohl die Kerngruppe der Pallottiner damals erst fünf Priester zählte. Zwei Jahre später folgte mit dem adligen GeistliDie geistlichen Pallot­ chen Giuseppe Faà di Bruno ein weiterer 15 tiner, elf Priester und Pallottiner. Die Niederlassung in London erein einziger Laien­ möglichte den Pallottinern, sich weiterzuentwickeln – fern von der wegen der bruder, hatten zwei Kämpfe um die Einigung Italiens poliZentren: Rom, das tisch schwierigen Lage in Rom. In Italien stets der zentrale Sitz standen sich fortschrittsbegeisterte Libeder Gesellschaft blieb, rale mit oft ausdrücklich kirchenfeind­ licher Haltung und die verstärkt kon­ und London. servative, traditionell kirchliche Seite in gehäs­siger Feindschaft gegenüber. In London wehte geistig ein freierer Wind; rechtlich zumindest – erst sehr eingeschränkt auch gesellschaftlich – standen der Aktivität von Katholiken in Grossbritannien und in der Folge in den meisten britischen Kolonien seit 1829 keine Hemmnisse mehr entgegen. Das vielfältige seelsorgliche Wirken der Pallottiner in Rom und in London machte in kirchlichen Kreisen von sich reden und zog Interessierte an. Viele holten Informationen, einige schlossen sich den Pallottinern vorübergehend an, aber nur wenige hielten durch. So wuchs die Kerngemeinschaft der Patres und Laienbrüder nur langsam. Zur Londoner Niederlassung der Pallottiner stiess 1854 der 18-jährige Uhrmacher Emil Kirner (1836–1887) aus dem Dorf Urach bei Donau­ eschingen. Der Lehrerssohn hatte das Gymnasium aus finanziellen Gründen nach der Unterstufe verlassen müssen. Trotz seiner handwerklichen und kaufmännischen Ausbildung – er sollte nach dem Wunsch des Vaters das Uhrmachergeschäft eines Onkels in London übernehmen – drängte es ihn zum Priestertum.16 Kirner wurde der erste deutschsprachige Pallottiner. 1855 ging er zur theologischen Ausbildung nach Rom und wirkte später über 20 Jahre lang in England. Von 1874 bis 1878 leitete er in Ipswich, gut hundert Kilometer nordöstlich von London, die zweite pallottinische Niederlassung. Zur katholischen Gemeinde in der anglikanisch dominierten Stadt gehörten rund vierhundert Personen. Kirner bereitete im Wohnhaus der Pallottiner junge Erwachsene, die sich für einen Beitritt interessierten, in den allgemeinbildenden Fächern so

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weit vor, dass sie später das theologische Universitätsstudium in Rom absolvieren konnten. Da die meisten dieser jungen Leute ihren Weg über Berufsausbildungen und nicht über gymnasiale Studien gefunden hatten, war das eine komplexe pädagogische Aufgabe. Am Erlernen von Latein und der Beschäftigung mit Philosophie führte für angehende katholische Priester kein Weg vorbei. Die praktischen Erfahrungen aus dem Berufsleben waren allerdings von unschätzbarem Wert, kein Schulwissen konnte sie ersetzen. Über Kirner, der längst ausgezeichnet englisch predigte, fanden ausser Englischsprachigen auch der zweite und der dritte Deutschsprachige zu den Pallottinern: Wilhelm Kopf (1856–1927), ein wie Kirner aus dem Badischen stammender Abiturient, der aus Begeisterung für Vinzenz Pallotti den Vornamen Vinzenz annahm, und der Schweizer Berufsmann Jakob Pfändler (1851–1898) aus dem st. gallischen Mogelsberg.17 In England waren die Katholiken eine kleine Minderheit. Ipswich war für die katholische Welt zu wenig zentral gelegen, als dass man genügend interessierte junge Leute für den pallottinischen Nachwuchs erhoffen durfte. Wo liess sich geografisch und politisch ein besserer Standort für eine Ausbildungsstätte der Pallottiner finden? Selbst in Ländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung war das nicht ohne weiteres möglich. In den 1870er-Jahren verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen den dezidiert katholischen Kräften und den politisch Liberalen – unter diesen nicht wenige Katholiken – in fast ganz Europa noch einmal deutlich. Das galt auch für das fast geschlossen katholische Italien. Dort war die weltliche Macht des Kirchenstaates 1870 zu Ende gegangen, sein Territorium war auf den Zwergstaat Vatikan geschrumpft. Die eigentliche Stadt Rom war nun die Hauptstadt des liberal regierten Königreichs Italien. Vergleichbare Verhältnisse herrschten in Mitteleuropa. Am 18. Januar 1871 war unter der Führung Preussens und seines Regierungschefs Otto von Bismarck das Deutsche Kaiserreich errichtet worden. Der neue Staat stellte sich in seinen ersten Jahren im sogenannten Kulturkampf schroff gegen die kirchlich konservativen katholischen Kreise. In Frankreich bekämpften sich die kirchlichen Kreise und die Republikaner genauso erbittert. Selbst in der Schweiz, die sich plötzlich als Kleinstaat zwischen vier grossen, territorial geschlossenen Staaten fand, flammte wie im Deutschen Reich der Kulturkampf stark auf. Die 1874 in Kraft gesetzte Umarbeitung der Verfassung bot mehr demokratische Rechte und stärkte die Glaubensund Gewissensfreiheit, sie verschärfte allerdings die konfessionellen Ausnahmeartikel, die bis 1973 gültig blieben. Diese verboten die Errichtung

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WINZIG UND VIELSEITIG – PALLOTTINER BIS 1890

neuer oder die Wiedereinrichtung aufgehobener Klöster und sie untersagten dem Jesuitenorden und ähnlichen Gruppen das Wirken auf dem Gebiet der Schweiz. Wo also konnte eine geeignete Ausbildungsstätte für Pallottiner eingerichtet werden? Die Pallottiner wählten unter ihrem Oberen Giuseppe Faà di Bruno ein grosses Grundstück in Masio. Der kleine Ort liegt zwischen Asti und Alessandria, etwa in der Mitte eines durch Mailand, Turin und Genua gebildeten Dreiecks. Der aus einer Grafenfamilie stammende Faà di Bruno war als Privatperson Besitzer des Grundstücks. Er übertrug das Gut formell einem Verein, dessen Mitglieder Pallottinerpatres mit englischer Staatsbürgerschaft waren. So konnten die Eigentumsrechte den Zugriffsgelüsten der kirchenfeindlichen italienischen Politik weitgehend entzogen werden.18 Masio war dank der vor kurzem eröffneten Eisenbahnlinie verkehrsmässig gut gelegen und doch so ländlich, dass sich die Neueintretenden durch konzentriertes Studium auf geistliche Lebensformen und das Theologiestudium vorbereiten konnten. Als Leiter der neuen Niederlassung, als «Rektor», wurde Emil Kirner bestimmt. Im November 1878 zogen Kirner und Faà di Bruno mit fünf Studenten aus Ipswich in Masio ein, sechs weitere Studenten kamen aus Rom dazu.19 Umgangssprache im Studienheim in Masio war Englisch, mit der Nachbarschaft sprach man Italienisch. Das von Kirner, Kopf und Pfändler gesprochene Deutsch wurde dank der neu Eintretenden häufiger. Zu den Besonderheiten des Unterrichts gehörte es, dass fortgeschrittene Schüler im Anfängerunterricht mitwirkten.20 Jakob Pfändler war dank seiner in Ipswich begonnenen Studien am weitesten vorgerückt. In Masio schloss er sich am 28. Mai 1882 den Pallottinern durch das Versprechen bleibend an und zog zum Abschluss des Theologiestudiums an ein bischöfliches Priesterseminar weiter; im April 1884 erhielt er die Priesterweihe.21 In New York begannen 1884 die Pallottiner unter Leitung Kirners einen weiteren Einsatz. Das war typisch für die Seelsorgearbeit der frühen Pallottiner. Am zentralen Immigrationsort der Vereinigten Staaten kümmerten sie sich um die ausgewanderten Italiener – wie seit bereits vierzig Jahren in London. Die in Masio gelebte Mehrsprachigkeit bot dafür eine ausgezeichnete Vorbildung. Ganz ähnlich kam es 1886 zur ersten Niederlassung in Lateinamerika: Von New York aus fuhr der Mogelsberger Jakob Pfändler zusammen mit dem jungen deutschen Pallottinerpater Franz Schuster über Montevideo, die für Seereisen zentrale Hafenstadt in Uruguay, in den Süden Brasiliens. Dort begann unter Pfändlers Leitung die Seelsorge in der acht Jahre zuvor

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VON ROM ÜBER KAMERUN NACH GOSSAU

auf Einladung des brasilianischen Kaisers Dom Pedro II. gegründeten italienischen Auswanderergemeinde Vale Vêneto.22 Als ein gutes Jahr später der Obere Faà di Bruno zum Besuch in die neue pallottinische Wirkungsstätte kam, wurde er von Pfändler an der Spitze eines Festzuges mit dreihundert festlich herausgeputzten Reitern empfangen.23 Bis 1890 war die Zahl der Pallottiner auf rund hundert Priester, Laienbrüder und Studenten angewachsen. Für die briefliche Wahl des Generaloberen am 22. Januar 1890 waren die dreissig Priester der Gemeinschaft wahlberechtigt, verteilt auf die Kontinente Europa, Nordamerika und Südamerika.24 Die Schwesterngemeinschaft der Pallottinerinnen war nach 1875 ebenfalls aufgeblüht. Sie besass 1890 in Rom und dessen unmittelbarer Umgebung vier Niederlassungen, seit 1889 auch eine in New York.25 Es war ein weites geografisches Feld für die «winzige Gemeinschaft».26 Die ganze Welt umfassend – das meinte das Griechische «kata holón», die ursprüngliche Bedeutung von katholisch – war die von Pallotti angestossene Bewegung zwar noch nicht, aber die Vielfalt der Einsatzorte war verblüffend.

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Studienheim in Masio, frĂźhe 1880er Jahre.

Pater Jakob Pfändler, vor 1884.

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KAPITELTITEL

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