Eugen Auer
Ein Appenzeller namens … Band 6
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Eugen Auer
Ein Appenzeller namens … Band 6
Vorwort
Eugen Auer, meinen ältesten Freund, lernte ich mit achtzehn kennen, als Gast an seiner Hochzeit mit Margrit Ibach. Ich nenne ihn Kater, es ist sein Pfadiname. Für mich verkörpert er die besten Eigenschaften dieses Tieres: intelligent, eigenwillig, gesellig. Damit hat er vieles unternommen: als Familienmensch, Rechtsanwalt, Kunstmäzen, Geschichtenerzähler – alles fabelhaft und erfolgreich. Dennoch unbestechlich, bescheiden, aufmerksam – auf seltene Art unverdorben.
Und unermüdlich. Seit Jahrzehnten trifft er sich mit Freunden «zur Pflege des sentimentalen Volksgesangs»; seit Jahrzehnten schreibt er an seinem eigenen, unverwechselbaren Appenzeller Roman – nämlich gereimt. Monatlich erscheint die Kolumne «Ein Appenzeller namens …» im «Appenzeller Magazin». Lustvoll hält er seinen Landsleuten den Spiegel vor, spiesst Modetorheiten auf, mokiert sich über Eitelkeiten, sieht ihr Stolpern voraus. Ein appenzellisches Seldwyla. So facettenreich wie der Appenzeller in Eugen Auer, der es schafft, dass ich mich seit 63 Jahren für das Appenzellerland interessiere.
«Gereimtes für den Hausgebrauch» nennt er es. «Dichtung ist Kunst und geht viel tiefer. Was ich mache, ist solides Handwerk. Die Silbenzahl muss stimmen, der Reim passen und im Idealfall ist der Vers auch noch lustig.» Er lacht auch über sich selbst, den «Appenzeller namens Auer». In dieser jüngsten Sammlung plagen ihn Schreibnöte: «Ein Appenzeller namens Auer / betätigte sich als Erbauer / von Versen für ein Magazin / und zwar nicht schlechten, wie ihm schien. / Doch kürzlich sagte er zur Frau: / ‹Mich plagt ein schlimmer Wortestau, / es mangelt mir an Fantasie.› / Vielleicht, sprach sie, hilft die KI, / doch Achtung, sie ist Konkurrenz.» Halb so wild. Gegen den Appenzeller namens Auer hat KI keinen Stich.
Franziska Schläpfer
Ein
Appenzeller namens Blank
traf mit der Stine in der Bank per Zufall Hans und Eva Itten.
«Längst wollten wir euch zu uns bitten», ward gegenseitig sich versprochen.
Blank sprach zur Stine nach zwei Wochen: «Für Ittens, die wir sahen neulich, war dieses Treffen wohl erfreulich. Sie laden uns tatsächlich ein.»
«Wir sagen ab, das muss nicht sein», sprach sie. Doch gleich besann sich Stine: «Dann gibt es weitere Termine.»
Der Tag brach an, Blank sprach am Morgen: «Was soll man als Geschenk besorgen?
Ein gutes Buch macht unnütz Spesen, denn dass die Leute Bücher lesen, ist sicherlich nicht zu erwarten, und Blumen haben sie im Garten.»
Man kaufte dann ein Pfund Pralinen, und Blank sprach auf dem Weg zu Stine: «Weisst du mir einen kurzen Spruch?
Sie haben wohl ein Gästebuch, und es bereitet stets Verdruss, wenn man als Gast klugscheissen muss.»
Mit Kuss hiess man die Blanks willkommen. Die Schoggi wurde angenommen.
Hans sprach: «Wir haben Diabetes, doch für die Haushaltshilfe geht es.»
Zum Essen gab es Berner Platte, auf der es Schweinehaxen hatte, und Züngli, Schnörrli, Schwänzli, Wädli. Blanks assen jeweils nur ein Rädli, weil beide zum Veganen neigten und dies aus Höflichkeit nicht zeigten.
Aufatmend sprach beim Heimweg Blank: «Gut überstanden, Gott sei Dank.»
Und Stine: «Laden wir zurück?» «Kein Stück.»

Die Appenzellerin Isolde
trug ihren Ring aus purem Golde mit Stolz zum Kirchgang und zum Tanze und sonnte sich in seinem Glanze.
Das edle Schmuckstück ward gehegt, des Abends sorgsam abgelegt und vorsichtshalber gut verborgen.
Isolde fragte sich am Morgen jeweils, wo wohl das Ringlein stecke, auf dass sie freudig es entdecke.
Doch jüngst liess sich der Ring nicht finden. Sie fand, ein Ring kann nicht verschwinden, trieb ihre Suche endlos fort, bis hin zum hinterletzten Ort, dem Kühlschrank, dem Maronimus.
Dann ging sie zum Antonius, doch war der Heilige trotz Spenden nicht angetan, das Blatt zu wenden. Schlussendlich war Isolde klar, dass es bestimmt die Putzfrau war.
Isolde sprach: «Sie wird entlassen.»
Doch dann, welch Wunder, kaum zu fassen:
Isolde nahm ein Ricola und in der Schachtel, siehe da, das Ringlein glänzte ihr entgegen.
Auf ihrer Spende lag ein Segen, wenn sie auch späte Früchte trug. Selbst Heilige sind im Verzug.
Doch an der Putzfrau, unbescholten, ward dann die Sache abgegolten.
Isolde sprach: «Ich schicke sie, man weiss ja nie.»
Der Appenzeller Langenauer war im April so richtig sauer ob der Berichte von Krawallen der Jugendlichen in St. Gallen. Er sprach: «Die Flegel sind verwöhnt und jeglichen Verzichts entwöhnt. Weil Bars und Clubs zurzeit geschlossen, bekämpfen sie mit Wurfgeschossen respektlos unsre Polizei. Das war doch früher anderlei. Mit wenig Geld war man zufrieden, hat Streit nach Möglichkeit vermieden. Ein Schoggiriegel und ein Sugus die galten uns bereits als Luxus, und Ferien machte man beim Bauer.»
Am Tag darauf nahm Langenauer das iPad, um im Internet ein Hotel schick, gepflegt, adrett, für Pfingsten froh sich auszusuchen und wirklich früh genug zu buchen. Bald rief er seiner Frau verdrossen: «Italien, Frankreich sind geschlossen, voll ausgebucht das Engadin, das Wallis und auch das Tessin.»
Worauf er auf die Pandemie vernehmlich Gift und Galle spie. Da sprach die liebe Gattin schlicht: «Üb Verzicht.»
Die Appenzellerin Greth Minder ging auf die Dating-App von Tinder. Das hiess, dass sie sich selbst beschreibe und sich an Seele, Geist und Leibe vor dem System gleichsam entblösse, vom Bauchumfang zur Körbchengrösse, vom Bücherwunsch zur Bibelkunde und ihrer Angst vor jedem Hunde. Dies alles darzutun beim Tindern, liess offenbar sich nicht verhindern. Obwohl sich Greth noch etwas scheuchte, dass Tinder sie derart durchleuchte, vertraute sie doch dem System. Das Resultat war angenehm. Drei Partner wurden angeboten, bewertet mit den besten Noten, mit Greth vorzüglich kompatibel: Wie Greth las jeder gern die Bibel. Mit Hans gab es ein erstes Date. Man plauderte bis abends late, und anfangs gab sich Hans recht zahm, doch noch vor Greth zur Bibel kam, fand er, sie sei doch eine Fesche, und ging ihr zügig an die Wäsche. Der zweite Mann hiess Köbi Gröbli. Sie trafen sich im Spycherstöbli, doch Köbi war nicht bibelfest. Das gab der guten Greth den Rest. Sie strich das Date mit Nummer drei mitsamt der teuren Tinderei und traf sich mit dem jungen Mann, der, wenn der Gottesdienst begann, sich jeweils grüssend zu ihr wandte und Paul hiess, doch sich Paulus nannte. Das erste Date lief ganz famos und kostenlos.

Ein
Appenzeller namens Auer
betätigte sich als Erbauer von Versen für ein Magazin und zwar nicht schlechten, wie ihm schien.
Doch kürzlich sagte er zur Frau: «Mich plagt ein schlimmer Wortestau, es mangelt mir an Fantasie.»
«Vielleicht», sprach sie, «hilft die KI, die künstliche Intelligenz, doch Achtung, sie ist Konkurrenz.»
Worauf er der KI befahl:
«Schreib einen Vers nach deiner Wahl, zu einem aktuellen Thema, doch halte dich stets an das Schema und an den Stil von Eugen Auer.»
Und siehe da, nach kurzer Dauer schrieb KI, ohne gross zu feilen, die folgenden gereimten Zeilen:
Ein Appenzeller namens Franz liebte Blumen, Wild und Pflanz. Doch sah er nur noch Wiesen leer und rief: «Wo kommt die Vielfalt her?»
Er pflanzte Büsche, säte Kraut, da schauten Käfer flink heraus.
«Hei», sprach Franz, «das läuft ja rund, jetzt summt und brummt es wieder bunt.»
Erstaunt las Auer das Gedicht und sprach zur Frau: «Man muss es schlicht als miserables Werk bezeichnen. Dem Magazin es einzureichen, das hiesse, ich verkaufte nämlich die Leserschaft für dumm und dämlich. Auf jeden Fall kann ich mir sagen, die KI wird mich wohl nicht schlagen.
Ihr fehlt für ihre Dichterkunst der Musen Gunst.»
Ein
Appenzeller namens Böhler war Rechtsanwalt und zwar ein Tröler. Klienten, die des Treffens harrten, liess er oft viele Wochen warten. Die Fristen liess er sich erstrecken, und galt es Gründe auszuhecken, um die Termine zu vertagen, fand er sie ohne Unbehagen. Zwecks Scheidung ward er aufgesucht von einer Frau, die recht betucht. Genau schrieb Böhler den Verlauf der arg lädierten Ehe auf. Die Dame fand ihn kompetent, und Böhler gab das Dokument, um es dann später zu ergänzen, zum grossen Haufen der Pendenzen. Die Sache zog sich in die Länge. Wieso der Gegenanwalt dränge, sprach er in vorwurfsvollem Ton. Die Prüfung einer Konvention sei anspruchsvoll und zeitaufwendig. Sich schnell zu scheiden, sei zwar trendig, doch halte er dies für entartet. Durch Unfall schloss dann unerwartet der Scheidungsmann sein Leben ab. Da es noch keine Scheidung gab, war die Klientin erbberechtigt und Böhler bald einmal ermächtigt, die Frau im Erbfall zu begleiten und sein Mandat noch auszuweiten. Aus diesem wahren Stoff erhellt, auch wer sich nicht korrekt verhält, bringt es geschäftlich manchmal weit. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? «Es gibt sie», sagt der Autor schlicht, «einfach nicht.»

Die Appenzellerin Beate
zog ihre Mutter jüngst zu Rate, denn bald begann die Ferienzeit. Für Bea war noch weit und breit kein toller Ferienfreund in Sicht. Sie dachte, ohne fahr ich nicht. Was sind mir Sonne, Meer und Strand ganz ohne einen Mann zur Hand. Die Mutter gab ihr einen Rat: «Lass doch ein Chiffre-Inserat im Volksfreund möglichst bald erscheinen.
Schreib: ‹Junge Frau sucht lieben, feinen, spendablen Partner für die Ferien.› Es flattern sicher ganze Serien von Angeboten dir ins Haus, und du suchst dir das Beste aus.» So wurde es dann auch getan. Fast täglich kamen Briefe an. Neugierig, wie die Mütter sind, sprach Beas Mutter: «Liebes Kind, wie steht es mit den Angeboten?» Beate sprach: «Sie zu benoten bereitet mir wahrhaftig Qualen. Mit wem soll ich im Sand mich aalen? Manch Junge scheinen flott und munter, doch sind auch Ältere darunter, nebst zwei Doktoren gar ein Pater –und der Vater.»