Silvio Pellegrini
Keine halben Sachen
edition punktuell Leseprobe
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Silvio Pellegrini
Keine halben Sachen
1. und 2. Auflage: 2015 3. Auflage: 2016 4. erweiterte Auflage: 2021 © by edition punktuell, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Kartenausschnitte S. 71 und S. 202: Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA 150220) Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN: 978-3-905724-41-7 www.editionpunktuell.ch
INHALTSVERZEICHNIS
Meine Vorfahren
Ticino, mio bell’ Ticino! 7 Die Pellegrinis 9 Die Pertusinis 11 Giacomo Paolo Pellegrini 12 Papas Zürcher Zeit 13 Meine Mama und die Buschors 14 Die Jugendzeit Schuljahre 19 Im Welschland 20 Die Lehrzeit Meine ersten Baustellenerfahrungen 29 Baulüüt 31 Die Berufswahl 35 In der Maurerlehre 37 Fasnachtserfahrungen in Sursee 40 Darum aufgeschaut – fest Gerüst gebaut 43 Die Winterbüez in der Strafanstalt 47 Lehrabschluss 49 Im Militärdienst Die Aushebung 51 Rekruten- und Unteroffiziersschule 51 Flugzeugabsturz über Dürrenäsch 53 Die Mineure auf dem Berninapass 55 Die Rammsappeure 61 Feste Brücke 69 66 Ein schwarzer Tag, der 15. Oktober 1973 73 In Gemeindediensten Die Feuerwehrsirene 81 Feuer im Nachbarhaus 83 Der Felssturz von Talegnas in Scharans 86 BaB 97 Städteflüge 101 Im Berufsleben Die zweite Hypothek 109 Hotel Fravi 111 Der Pikettdienst 119 5
INHALTSVERZEICHNIS
Der «schwarze» Weisse Sonntag, 6. April 1975 120 Ciba-Geigy, Chemische Fabrik – Werk Mutten 129 Der Rutengänger 130 Der Kran im Transertobel 136 Belagseinbau auf der Feldiserstrasse 141 Der Gang in die Selbstständigkeit 146 Mein «zweiter Geburtstag», der 18. November 2002 159 Explosives Tun Sprengausbildung beim Baumeisterverband in Sursee 169 Rede- und Präsentationstechnik 170 Der Diesel-Seppi 172 ETH – die Kaderschmiede der Nation 174 «Rhäzünser isch gsünser» 176 Auf Sprengflug 180 Die Bergrettung Der Holzspalter von der Zapporthütte 189 Der Denkzettel 193 Rettungsleute auf Verbrecherjagd 196 Die Kuhfliegerei oder: Eine aussergewöhnliche Sprengarbeit 200 Eine Rettungsaktion, die keine war: Pizzo Tambo 203 Ein Rettungsmann mit besonderer Begabung 209 Lawinentod am Surettahorn 212 Nachtflug zur Glärnischhütte 221 Einsamer Tod am Tambosee 224 Zahltag 229 Auf Bergtouren Jogging – wie es früher einmal war … 235 Höhenfeuer 238 Whiskey und lange Zigaretten – als Bergführer unterwegs 243 Zu den Tuaregs in die Sahara 248 Der Maresciallo von Monte Spluga 257 Vom Simplon zum Gotthard, im Lande der Staumauern 260 Auf Umwegen zu Onkel Seppli 271 Gipfelkreuze und Absolution 280 Autor 296 6
Meine Vorfahren
Ticino, mio bell’ Ticino!
Es mag so gegen Ende der Siebzigerjahre gewesen sein. Die Neugier über meine Vorfahren, über die Pellegrinis und Pertusinis, packte mich. Mein Ziel war es, das spärliche Wissen über meine Vorfahren zu erweitern. Stabio, ein Dorf im Mendrisiotto, Bürgerort der Pellegrinis, hier sollte es möglich sein etwas über meine Ahnen zu erfahren. An einem Werktag im Sommer stiegen wir ins Auto und fuhren los Richtung Mendrisiotto. Spontan und unangemeldet klopfte ich beim Zivilstandsamt Stabio an, während Annali mit unseren Mädchen im Auto wartete. Stolz erklärte ich dem Zivilstandsbeamten – auf Italienisch natürlich – dass ich ein Pellegrini sei, ein Bürger von Stabio notabene. Treuherzig Stabio TI bat ich ihn, er möge mir Einsicht in die Bürgerbücher gewähren, weil mich das ungemein interessiere. In einem freundlichen Ton erläuterte mir der Beamte, dass nicht jeder dahergelaufene Mensch in diese Bücher Einsicht nehmen könne. Es sei denn, ganz wichtige Gründe lägen vor. Solche hatte ich nicht. Weil ich aber von so weit hergereist sei und weil ich ein Pellegrini sei, würde er mir gerne die Bürgerstube zeigen. Ich solle doch meine Frau und die Kinder heraufholen. Sprach’s und kurze Zeit später bestaunten wir die Bürgerstube mit den Wappen der Bürger an den Wänden. Natürlich konnte ich meine Begeisterung für den bel canton Ticino, für meine Heimatgemeinde Stabio und überhaupt für die Italianità nicht zurückhalten. Das Gespräch mit dem Zivilstandsbeamten wurde lockerer, wenn nicht sogar freundschaftlich. Schliesslich verschwand er und kehrte zurück mit Gläsern und einer Flasche Merlot – und mit einem grossen, dicken Zivilstandsbuch. Darin konnte ich nun nach Lust und Laune blättern, lesen und staunen. Da stand schwarz auf weiss: Pellegrini Jacques Paul, data del matrimonio (Heirat) 29. agosto 1925, und weiter: Pellegrini Jakob Anton, figlio di Pellegrini Jacques Paul e di Maria Emerita, nata Eugster, data della nascita 29. novembre 1925. 7
MEINE VORFAHREN
Mit einem Augenzwinkern erlaubte ich mir den Hinweis auf die augenscheinlich kurze, dreimonatige Schwangerschaft des ersten Sohnes meines Vaters. Wo rauf mir der Zivilstandsbeamte in Italienisch entgegnete: «Guardi, signor Pellegrini, warum die Zivilstandsbücher nicht für alle Leute zugänglich sind. Solche Einträge, wie zum Beispiel dieser da, gewähren Einsicht in intime Familienverhältnisse und sind daher vertraulich zu behandeln.» Indessen blätterte ich weiter und geriet beim Foglio No. 2379 auf meine Seite. Pellegrini Silvio, stand da geschrieben, data del matrimonio: 13. settembre 1968, und weiter, Pellegrini Corina, figlia di Pellegrini Silvio e di Anna, nata Tanno, data della nascita 3. gennaio 1969. «Guardi, signor Segretario», sagte ich zum Zivilstandsbeamten, «die Tradition der Pellegrinis der kurzen Schwangerschaften wird fortgesetzt.» Wir lachten gemeinsam über unsere Entdeckungen in seinen wohlgehüteten Büchern. Mit einem feinen Merlot stiessen wir auf die Patriziati di Stabio an, und die Begegnung endete in einer spontanen Freundlichkeit. Wir verliessen Stabio, nächtigten in einem Hotel und fuhren am nächsten Morgen los Richtung Lago di Como nach Nesso. Hinweise auf Nesso hatte ich nicht nur am Vortag im grossen, dicken Zivilstandsbuch unter dem Namen meines Urnenis Pertusini bemerkt. Der Dorfname Nesso war mir zudem bekannt aus
Nesso (Lago di Como)
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MEINE VORFAHREN
Gesprächen mit Papa und vor allem durch die italienischen Muratori Morini, Vanini, Vacani, Realini und wie sie alle hiessen. Bei Chiasso überquerten wir die Grenze zu Italien, fuhren Richtung Como und von dort hinaus auf die Penisola, auf die Halbinsel, die den Comersee in den Lago di Como und in den Lago di Lecco teilt. Wenn man etwas über Namen und Leute im Zusammenhang mit einem Dorf erfahren will, so sehe man sich zuallererst auf dem Dorffriedhof um. Das tönt vielleicht nicht einladend, aber dort gibt es stumme Zeugen. Das sind die Grabinschriften, die Namen der Verstorbenen auf dem Friedhof. Einmal in Nesso angekommen, war der camposanto bald gefunden. Alle mir genannten Namen fanden sich dort in Stein gemeisselt. Der Name Pertusini war besonders häufig zu lesen. Also beschloss ich die nahe gelegene Osteria aufzusuchen, um dort nachzufragen. Mit der gleichen Begeisterung wie am Vortag in Stabio erklärte ich dem Wirt voller Stolz, dass ich ein Nachfahre der Pertusini sei und dass ich die Namen auf dem Friedhof eben gelesen hätte. Der Signor oste hörte mir geduldig zu, schaute mich an und sagte mit einem Lächeln, dann seien wir eben imparentato (verwandt), denn er sei ein vero Pertusini. Das war natürlich der Moment, einen piatto di carne und einen rosso di casa zu bestellen, um weiter über unsere Vorfahren zu diskutieren. Leider kannten wir uns beide zu wenig, um neue Gemeinsamkeiten aufzudecken. Auch diese Begegnung endete in freundlicher Harmonie, vielleicht etwas langweilig für Annali und meine kleinen Töchter. Als Belohnung für deren Ausharren gab’s auf der Rückreise immerhin eine Überfahrt mit dem Fährschiff von Bellagio nach Menaggio.
Die Pellegrinis Am 6. Dezember 1944, am Nikolaustag, kam ich im Silvio Pellegrini, Spital in Thusis auf die Welt. Zu Kriegszeiten noch. 20.06.1880–6.07.1938 Ein halbes Jahr zuvor landeten die Alliierten an der Nordküste Frankreichs. Mein Papa, Jahrgang 1904, hiess Giacomo Paolo Pellegrini. Seinem Vater, meinem Neni, verdanke ich meinen Vornamen Silvio. Er starb sechs Jahre vor meiner Geburt – wie gerne hätte ich doch meinen Namensgeber, den Baumeister Pellegrini, gekannt. Als Schulbub kam ich in den 9
MEINE VORFAHREN
Baugeschäft Silvio Pellegrini
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MEINE VORFAHREN
Besitz eines Stempels von ihm. Darauf stand, drei Linien hoch, in schöner gotischer Schrift: Silvio Pellegrini – Baugeschäft – Thusis. Die mittlere Linie mit dem Eintrag «Baugeschäft» habe ich herausgeschnitten und so kam es, dass ich als kleiner Schulbub schon einen Stempel besass, der meinen Namen trug. Zum Leidwesen meiner Lehrer platzierte ich dessen Abdruck auf alle möglichen Schulbücher, Hefte und Zeichnungen. Das war natürlich extravagant und ohnegleichen, besassen doch zu dieser Zeit nur namhafte Geschäfte einen Stempel. Silvio Pellegrini betrieb ein kleines Baugeschäft in Thusis. Das Wenige, das ich aus seinem Nachlass besitze, ist seine Taschenuhr mit Kette und einige Kundenrechnungen aus den Jahren 1932 bis 1936. Aus diesen Rechnungen geht hervor, dass mein Neni Silvio mehrere Arbeiter beschäftigt hat. Die Rechnungen sind mit Unterschrift quittiert. Die Unterschriften meines Vaters und meines Nenis sind kaum zu unterscheiden.
Die Pertusinis Die Mutter meines Vaters, meine Nana, war eine Pertusini. Maria Lucia Pertusini, so ihr schöner Name. Ihr Vater, Giacomo Pertusini, mein Urneni, stammte aus der Provincia di Como, genaugenommen von Nesso, einem Dorf auf der Penisola, am westlichen Arm des Lago di Como gelegen. Giacomo Pertusini führte zusam-
Baugeschäft Gartmann & Pertusini, rechts Giacomo Pertusini, 1853–1936
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MEINE VORFAHREN
men mit Samuel Gartmann die Bauunternehmung Gartmann & Pertusini in Thusis. Als ich später bei Gebr. Gartmann in die Maurerlehre eintrat, gab es noch viele Handwerkzeuge wie Pickel, Schlegel, Spitzeisen und Hebeisen, in die ein «G&P» eingestanzt war, worauf ich natürlich stolz war. Von Pertusini wurde viel erzählt. So zum Beispiel, dass er die deutsche Sprache, unseren Bündnerdialekt, nie richtig beherrschte oder vielleicht auch nicht so recht reden wollte. Der italienische Akzent war sein Markenzeichen. Ich erinnere mich gut an die Anekdoten, die die alten Thusner von Pertusini erzählten. Heute noch gibt’s den grossen Bilderrahmen der Firma Gartmann und Pertusini zu Hause in Scharans in einem Zimmer. Darauf abgebildet sind beide Firmenchefs: links Samuel Gartmann, ein vornehmer, feiner Herr mit steifem Kragen und edlem Gewand. Daneben, auf der rechten Seite sein Compagnon, Giacomo Pertusini, ein raubeiniger Mann, mit schiefem Kravattenbund, Hemd und Kittel arg zerknittert. Viele Male schon habe ich das Bild angeschaut. Es braucht keine grossen Menschenkenntnisse, um zu erraten, wer von den beiden der kaufmännische Chef, und wer, wie man heute so schön sagt, die operative Leitung wahrnahm. Pertusini war ein Praktiker, ein Macher schlechthin.
Giacomo Paolo Pellegrini, geb. 1904 Zurück zu meinem Papa. Laut amtlichen Papieren wurde mein Papa am 9. Mai 1904 in Genf geboren. Warum gerade in Genf, konnte ich nie herausfinden. In der Geburtsurkunde, im Atto di famiglia, Comune di Stabio, ist sein Vorname mit Jacques Paul eingetragen, vielleicht eben darum, weil er in Genf auf die Welt kam. Im militärischen Dienstbüchlein hingegen ist die italienische Version mit Giacomo Paolo aufgeführt. Sein Rufname jedoch war weder Jakob noch Giacomo noch Paolo oder gar Jacques – sondern einfach «Schaggi». Hier in Graubünden kennt man den Namen Schaggi nur vom Hörensagen. Im Unterland hingegen war dieser Name gang und gäbe. Da gab’s einen bekannten Schauspieler namens Schaggi Streuli. Eine Abkürzung von Jacques eben. Möglicherweise stammt diese Namensgebung aus Papas Zürcher Zeit. Ich glaube, dass praktisch alle Leute um ihn he«Giacchi» Pellegrini für die Baurum seinen richtigen Namen nicht kannten. Alle leute – «Schaggi» für die Thusner 12
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nannten ihn Schaggi: seine Geschwister, meine Mama, seine Verwandten, selbst die italienischen Bauleute nannten ihn Giacchi. Sein Name Schaggi wurde überdies auf mich übertragen. Abgesehen von meinen Eltern und vielleicht noch von meinen Lehrern nannten mich alle Leute in Thusis während meiner Schulzeit und auch später noch Schaggi. Das ging so weit, dass ich auf meinen richtigen Namen gar nicht reagierte, weil es aussergewöhnlich war, dass man mich Silvio rief. Heute noch, wenn ich einem «Ur-Thusner» begegne, oder an den Klassentreffen, erinnern mich einzelne Weggefährten an meinen früheren Rufnamen Schaggi. Als ich geboren wurde war mein Vater vierzig Jahre alt und, wie mir meine Mutter zu bedenken gab, war er zum dritten Mal verheiratet. In einem Alter, als ich selbst Familienvater war, versuchte ich mehrere Male bei ihm etwas über seine Zeit vor meiner Geburt zu erfahren. Ohne Erfolg. Also versuchte ich es bei seinen Schwestern Tanta Klärli und Tanta Silvali. Bei ihnen habe ich herausgefunden, dass mein lieber Papa eine Zeit lang in Zürich lebte. Hinter vorgehaltener Hand, mit grossen, vielsagenden Augen, erzählte mir Tanta Silvali, seine jüngste Schwester, einmal, dass er eben gelebt habe in der Grossstadt Zürich, gewissermassen in Saus und Braus. Und dass ihm sogar das Millieu nicht unbekannt gewesen sei! So genau, sagte sie, wisse man das jedoch nicht.
Papas Zürcher Zeit Es muss in den Zwanzigerjahren gewesen sein. In Graubünden herrschte Arbeitslosigkeit. Viele junge Bündner wanderten in die Grossstadt Zürich aus, um zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Papa verdiente sein Geld als Akkordmaurer bei einer alteingesessenen Bauunternehmung namens Baur, war Mitglied des Schwingclubs Zürich und, was vielleicht erstaunen mag, im Limmatclub Zürich. Schaggi – der Nichtschwimmer und Pontonierfahrer. Mit Hilfe von einigen wenigen Fotos stelle ich mir meinen Papa während seiner Zeit in Zürich vor: ein junger, kräftiger Mann mit schwarzem Kraushaar. Die körperliche Arbeit auf dem Bau verlieh ihm muskulöse Oberarme und breite Schultern. Beste Voraussetzungen für einen Kranzschwinger im Schwingclub Zürich. Ich erinnere mich gut, dass er mir einen abgegriffenen Zeitungsausschnitt aus dem «Sport» zu lesen gab. Der Artikel handelte vom nordostschweizerischen Schwingfest in Wädenswil. Papa hatte dort im Schlussgang mit einem Schwinger namens Hürlimann um den Festsieg geschwungen und die Ausmarchung verlo13
MEINE VORFAHREN
«Der bärenstarke Pellegrini aus Graubünden …»
ren. Unter anderem war dort zu lesen: «Der bärenstarke Pellegrini aus Graubünden …» Ich war richtig stolz, einen so starken Papa zu haben. Meiner Mama hingegen waren solche Errungenschaften gleichgültig, um nicht zu sagen vollkommen egal. Anders kann ich das nicht erklären. Als Schulbub bekam ich mit, wie Mama eine Kartonschachtel voller Schwingfestkränze und ein Turnerband mit Fest-Medaillen «entsorgte», einfach so in den Kehricht beförderte. Den Grund zu ihrem Tun habe ich nie herausfinden können. Diese leichtfertige Entsorgung kam früher oder später ans Licht. Die Enttäuschung meines Vaters muss gross gewesen sein, waren das alles doch Erinnerungsstücke, vielleicht die einzigen, an seine Schwingerzeit. Ich erinnere mich noch heute an das fürchterliche, lautstarke Donnerwetter eines Abends in der Stube.
Meine Mama und die Buschors Nun zu meiner Mutter, Ida Maria Pellegrini, geborene Buschor. Sie kam am 25. Juli 1921 auf die Welt. Ihre Eltern betrieben ein Bauerngütlein im Burst, weit draussen im Riet in der weiten Ebene des Rheintals, mitten im Dreieck von Altstätten, Montlingen und Kriessern. Die Grossmutter hiess Rosa, eine geborene 14
MEINE VORFAHREN
Pooscht Karli (ein Bruder von Mama) mit seinem Sohn im Riet beim Torf stechen
Lenherr von Grabs; der Grossvater hiess Karl. Leider habe ich ihn nie gekannt. Die Gegend zwischen Montlingen und Altstätten wird Burst genannt. Im Rheintaler Dialekt ausgesprochen: Pooscht. Die Leute dort nannte man die Pooschtli. Da gab’s die Pooscht Lisa, den Pooscht Karli und den Pooscht Wisi, allesamt Ureinwohner der weiten Rietebene im St. Galler Rheintal. Um das bescheidene Einkommen zu verbessern, wurde dort, wie in den 1920er-Jahren üblich, auch Torf gestochen. Von den fünf Buschor-Kindern war Mama das älteste. Das Leben zu dieser Zeit im Riet war geprägt von Arbeit und Bürde, es war ein hartes Leben, ein sehr hartes sogar. Oft erzählte sie mir vom Leben im Riet, von den rauen Wintern, vom langen Schulweg mit den Chnoschpla, den Holzschuhen an den Füssen, und von der täglichen Arbeit. Ihr Vater starb an einem Weissen Sonntag, als sie 14 Jahre alt war. Ihre Geschwister waren noch klein, gingen kaum zur Schule. Der Sozialstaat Schweiz existierte damals noch nicht. Die AHV gab’s erst nach dem Zweiten Weltkrieg, Unterstützungsbeiträge waren ein Fremdwort. Schaut selber, wie ihr zurechtkommt, lautete die Devise. Nach der Schulzeit musste Mama das Elternhaus verlassen, um Geld zu verdienen. Mit ihrem kleinen Lohn half sie mit, die Familie zu unterstützen. Sie erzählte uns auch von ihrer Stelle in einem Berg15
MEINE VORFAHREN
Hochzeit von Ida und Schaggi am Samstag, 6. Mai 1944, in der Viamalaschlucht.
gasthaus namens Ruhsitz weit oberhalb Brülisau im Appenzellischen. Es war Krieg, und die Säumer befanden sich damals im Aktivdienst. Als Mädchen für alles wurde ihr neben der Arbeit im Gasthaus auch noch das Säumerhandwerk übertragen, worauf sie stolz war. Ein- oder zweimal pro Woche ging’s mit den beiden Mulis (den Maultieren) hinunter nach Brülisau, wo sie mit Getränken und Lebensmittel beladen wurden, um die Lasten hinauf in den Ruhsitz zu transportieren. Gegen Ende 1943 nahm meine Mama eine Stelle als Serviertochter im Restaurant Sonne in Thusis an. Dort lernte sie den knapp 40-jährigen Maurerpolier Gia como Paolo Pellegrini kennen. Bald einmal kündigte sich bei meiner Mama Nachwuchs an und im Frühling 1944 wurde geheiratet. In den ersten Jahren zügelte meine Mutter mit ihrem Schaggi auf seine Baustellen nach Hinterrhein, ins Safiental, nach Pignia und Vals. Während mein V ater die Baustelle besorgte, kochte Mama für die Arbeiterschaft und kümmerte sich um deren Unterkunft. Ihr kleiner Bub Silvio war natürlich immer mit dabei – ich kann mich noch schwach daran erinnern. Die Freude an der Arbeit war meiner Mama zugetan. Besonders gefiel ihr das Mithelfen im Gastbetrieb. 57 Jahre lang half sie im Hotel Weiss Kreuz in Thusis 16
MEINE VORFAHREN
Mama an ihrem Lieblingsort im Nolla
Mama im Hotel Weiss Kreuz, Thusis
mit. Voller Stolz erzählte sie von den Banketten, an denen sie Regierungsräte, ja sogar Bundesräte, bedienen durfte. Später stand der Nolla im Zentrum ihres Tuns, der Nolla mit den Kaninchen, mit der Hühnerschar, mit den schönen Blumen und mit den Früchten aus dem Garten. Im Nolla wurde gearbeitet, geschwatzt und gelacht. Hier trafen sich Verwandte und Bekannte. Im Nolla freuten sich die Enkelkinder an den Tieren und an den frischen Erdbeeren. Im hohen Alter, als ihr der steile Nollastutz zu beschwerlich wurde, erfreute sie sich am Jassen. In ihrem Altstätter Dialekt, den sie nie ablegte, gab sie ihrer Leidenschaft beim Jassen Ausdruck. In ihren letzten Jahren ist meine Mama müde geworden. Es gelang uns nicht, sie von den Bequemlichkeiten eines Altersheims zu überzeugen. Am Barbaratag im Jahre 2008 ist sie zu Hause für immer eingeschlafen. Ihr Wesen war geprägt von Arbeit, Bescheidenheit und Fürsorge, aber auch von Freude und Begeisterung an den kleinen Dingen des Lebens. Wegen ihrer unerbittlich harten Jugendzeit, haftete an meiner Mama eine Eigenschaft, die ihr ganzes späteres Leben prägte. Je nachdem aus welcher Sicht betrachtet, mag es eine gute oder schlechte Veranlagung gewesen sein. Zusam17
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menfassend könnte ich es so beschreiben: Arbeite hart und verdiene dein Geld, dass es dir im späteren Leben einmal gut geht. Genuss, Bequemlichkeit, Gefühle, Freizeit, Werte wie sie heute zu oberst auf der Liste stehen, waren Begriffe, die, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie wichtig waren. Fest steht, dass sie wahrscheinlich aus mir das Beste machen wollte. Ihre Erziehungsmethoden waren streng, um nicht zu sagen knallhart. Als kleiner Bub schon galt es, gehorsam zu sein. Während der Schulzeit wurde Leistung verlangt: in der Schule und zu Hause. Im Sommer half sie den Bauern beim Heuen in den Lösern, auf Übernolla und in der Metzgerei Marxer in Carschenna. Offenbar gefiel ihr diese Arbeit: Sie erinnerte sie vielleicht an ihre Jugendzeit, war sie doch im Riet bei den Pooschtlis, den Bauern, aufgewachsen. Eine kleine Geschichte muss ich hier noch erzählen: Im Laufe meiner Berufszeit hatte ich als junger Bauleiter auf einer Tunnelbaustelle mit einem altgedienten Polier zu tun. Wir beide kannten uns kaum, seinen Namen weiss ich nicht mehr. An unsere erste Begegnung jedoch, erinnere ich mich noch genau. Seinem Dialekt nach musste er ein waschechter Rhientler (ein Rheintaler) gewesen sein. Zuerst besprachen wir die Belange der Baustelle. Am Schluss schaute er mir in die Augen und sagte: «Ezz mosch gaad no säga du siischt epa an Pooschtli?» Erstaunt antwortete ich ihm, dass er gut geraten habe, dass meine Mutter im Altstätter Riet draussen aufgewachsen sei und ich zumindest ein Nachfahre dieser Pooschtli-Waar sei. «As häd mer gaad no wella sii, me seachst der am Grend aa, as du ann vo dei ossa bescht.» Am selben Abend noch erzählte ich meiner Mutter von dieser Begegnung. Ein Leuchten ging über ihre Augen, und sie freute sich, dass ihr Sohn ein äusMein Onkel Karli, ein wasch echter Pooschtli seres Merkmal vom Riet auf sich trug.
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Die Jugendzeit
Schuljahre
Rückblickend betrachtet, verbrachte ich eine schöne Kindheit. Ich spürte, wenn auch vielleicht erst später, dass mich meine Eltern gerne hatten, dass sie das Beste für mich wollten. Leider kann ich mich nicht erinnern, dass mich meine Mutter einmal fest umarmt hätte. Die strenge Erziehung durch meine Mutter wurde zur Gewohnheit und formte mich so, wie ich heute bin – so, dass mich kleine Gewitter kaum mehr zu erschüttern vermögen. Heute, mit 70 Jahren, habe ich erkannt, dass ihre Belehrungen auch gute Seiten hatten und vor allem für mein Berufsleben wertvoll waren. Früh habe ich verstanden, dass man mit Arbeit viel zuwege bringt, dass man gesteckte Ziele nur erreichen kann, indem man anpackt, dass man arbeiten darf und nicht muss, dass den Worten Taten folgen müssen, dass man Vorgesetzten anständig begegnet, dass man nicht aufgeben darf und dass man sich auf dich verlassen können muss.
Im Kindergartenalter
Als 11-Jähriger
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DIE JUGENDZEIT
Die Einsicht, dass man arbeiten muss, um etwas zu werden, stand schon in früher Jugendzeit zu oberst auf der Liste. Dass es im Leben auch eine andere Seite gibt: ein Gefühlsleben zum Beispiel, Liebe, Anerkennung, Herzenswärme, Verbundenheit, – und wie wichtig all diese Dinge sind, um das zu lernen, brauchte ich längere Zeit. Nachdem ich die Schulferien während der Primarschulzeit in der Heimat meiner Mutter, in Altstätten im Riet und als Tankboy in Marbach verbracht hatte, änderte sich mein Ferienort mit dem Eintritt in die Sekundarschule wesentlich.
Im Welschland
Anfang Mai 1957, mit knapp 12½ Jahren, trat ich in die Sekundarschule Thusis ein. Natürlich hatte ich mir unter den Fittichen meiner Mutter eine gute Aufnahmeprüfung erarbeitet. Gegen Ende Juni, nach kaum zwei Monaten Schule, begannen die zehnwöchigen Sommerferien. Bis dahin brachte uns Lehrer Cajöri im Französisch unterricht ein paar wenige, einfache Sätze bei. Monsieur, Madame, Bonjour oder merci – ein paar Wörter eben. Nach dem Frühjahrsschulschluss, an einem Montagmorgen früh, lief ich, mit meiner Mutter auf die Bahnstation in Thusis. Versehen mit einem kleinen Koffer, einem Bahnbillett nach Vevey am Genfersee und einer Adresse von Mont Pèlerin bestieg ich den Zug der RhB, vorerst in Richtung Chur. Was mich erwartete, wusste ich nicht so recht. Einzig: Jetzt geht’s ab ins Welsche, an einen fremden Ort zu fremden Leuten, die eine fremde Sprache sprechen. An den Abschied von meiner Mutter am Bahnhof Thusis kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Bahnfahrt via Disentis–Brig mit der damaligen Furka-Oberalp-Bahn. Natürlich gab’s den Furka-Basistunnel noch nicht, die Fahrt ging hinauf zum Scheiteltunnel und auf der Walliser Seite wieder hinab nach Gletsch. Zum ersten Mal bekam ich einen richtigen Gletscher zu Gesicht, den aus den Schulbüchern bekannten Rhonegletscher. Seine Zunge endete damals wenig oberhalb der Talsohle von Gletsch. Nach einer langen Bahnfahrt stieg ich am späten Nachmittag in Vevey aus dem Zug, begab mich vor die Bahnhofshalle, schaute mich um: Niemand erwartete mich. Ich fühlte mich einsam und verlassen. Endlich – nach langem Warten vor dem Eindunkeln fuhr ein alter Militärjeep vor. Ein Mann trat auf mich zu, schaute mich an. In seiner Frage war mein Name Silvio enthalten. Er hiess mich aufsitzen und los ging die Fahrt. Zuerst durch die Stadt Vevey, dann einen Hügel hinauf. Die Wege wurden immer schmaler, endlich hielten wir vor einem Bauernhof. 20
DIE JUGENDZEIT
Ich nahm meinen Koffer und lief hinter meiner Bezugsperson her in das Haus. In der Küche stand eine Bauersfrau, Madame Volet, die mich begutachtete und die auch ein paar Worte Berndeutsch sprach. Mit mir zusammen waren noch drei weitere Kinder in der Küche. Es wurde viel und vor allem französisch geredet, telefoniert, während ich wortlos am Tisch sass. Inzwischen war es draussen dunkel geworden. Madame Volet wandte sich an mich und erklärte mir, dass sie bereits genügend Hilfe hätten und dass sie für mich bei einem benachbarten Bauern einen Platz gefunden habe. Viel gab’s da nicht zu fragen, in der Küche wurde weiter gearbeitet, der kleine Bub aus dem Kanton Grison verzichtete auf den angebotenen Käse, er wartete auf seinen neuen Meister. Nach langer Zeit, es war schon spät am Abend, erschien ein junger Mann unter der Haustüre, wechselte ein paar Sätze mit Madame Volet, schaute mich an, nahm meinen kleinen Koffer in die Hand und bedeutete mir mitzukommen. Wir liefen zuerst einen Fussweg entlang, dann über Wiesen, bis spärliches Licht eines weiteren Bauernhofs auftauchte. Vor dem Wohnhaus stand eine riesige Pappel. Dort traten wir in die ebenerdige Küche ein. Ein älterer Mann, seine weisshaarige Frau und eine jüngere Frau waren am Tisch versammelt. Die Leute hiessen Mouron, der ältere Bauer war mein Patron, die ältere Bäuerin seine Frau, meine Madame. Die jüngere Frau hiess Mariejeanne, das war die Tochter des Hauses, und der junge Mann, der mich abholte, hiess Marcel, ihr Bruder. Man bot mir etwas zu essen an. Ich konnte nichts essen. Meine Einsamkeit, meine Verlassenheit, all die neuen Begegnungen vertrieben meinen Hunger. Sie zeigten mir ein einfaches, kleines Zimmer im ersten Stock, das über eine Aussentreppe erreichbar war. Ich stellte mein Köfferlein neben das alte, hohe Bett, legte mich hin und liess meinen Tränen freien Lauf. Heute würde man telefonieren, mit einem eigenen Handy sogar. Bist du gut angekommen? Wie war die Fahrt? Wie sind deine Meistersleute? Geht’s dir gut? Kopf hoch, Silvio, und … Damals aber musste ich selber mit mir fertig werden. Wie sollte ich nach Hause telefonieren? Wir besassen zu Hause noch kein Telefon. Dieses Erlebnis liegt nun mehr als 55 Jahre zurück. Trotzdem erinnere ich mich an jede noch so kleine Einzelheit. Zum Beispiel daran, wie eine riesengrosse Heuschrecke auf dem Schüttstein herumkroch. Und wie Madame aufstand, das Tier ergriff und nach draussen beförderte. Um es vorwegzunehmen: Ich war an einem guten Platz angekommen. Der ältere Patron, Monsieur Mouron, verlangte viel von mir, war aber gerecht. Mon sieur Mouron war Mitglied im Gemeinderat von Chardonne. Sein Sohn Marcel, der Jungbauer, erklärte mir, was zu tun war, liess mich selbstständig walten und 21
DIE JUGENDZEIT
Im Welschland: Mont Pèlerin, 1957–1960
Auf dem Hof der Mourons
erhellte mein Gemüt, indem wir miteinander lachten. Mit seiner älteren Schwester Mariejeanne hatte ich wenige Berührungspunkte. Sie war immer elegant gekleidet und arbeitete in Vevey als Zahnarztgehilfin. Einige Male versuchte sie, dem kleinen Bündnerbub die französischen Fluchwörter, die ich notabene von ihrem Bruder erlernt hatte, abzugewöhnen. Die weisshaarige Madame Mouron meinte es gut mit mir, sehr gut sogar. Im Gegensatz zu Onkel Karli erkannte sie schnell einmal, dass ich keinen Käse mochte. Die verständnisvolle und liebe Frau briet für mich eine feine Berner Rösti, wenn es bei Mourons Käseschnitten, Käseauflauf oder gar ein Fondue gab. Mont Pèlerin ist eine Fraktion des Weinbaudorfes Chardonne. Die Kantonsgrenze zum Kanton Fribourg verläuft keine zwei Kilometer hinter dem Hügel Pèlerin. Das mag der Grund sein, warum die Leute ein Fribourger Patois, einen französischen Fribourger Dialekt, sprachen. In der Sennerei, wo ich jeden Tag, abends und morgens die Milch abliefern musste, kannte man bald einmal den Bub aus dem fernen Canton des Grisons. Natürlich sprach ich dort mit allen Bauern den Fribourger Patois. Der Umgang mit Fremdsprachen bereitete mir nie Mühe. Im Gegenteil, als ich nach dem dritten Welschlandjahr wieder nach Thusis in die Schule kam, sprach ich fliessend französisch, mit einem Wortschatz, von dem meine Mitschüler nur träumen konnten. Trotzdem musste mein Lehrer 22
DIE JUGENDZEIT
Vevey, Corseaux, Chardonne und zuoberst Mont Pèlerin – in den Fünfzigerjahren
Cajöri jeweils aufhorchen, wenn ich Dialektausdrücke des Patois in die Franzö sischlektion einbaute. Aufgereiht am Zufahrtsweg zum Hof standen um die dreissig grosse Kirschbäume längs der Strasse. Alle Kirschen wurden abgeerntet. An den Markttagen musste man die schönen Kirschen samt dem Stiel abnehmen. Madame Mouron verkaufte sie am selben Tag auf dem Markt in Vevey. Gegen den Schluss hin nahm man alle Kirschen ab und leerte den geflochtenen Erntekorb in eine grosse geküferte Winzertause, die am Baum angelehnt war. Dort wurden sie mit einem hölzernen Stampfer zerdrückt. Am Abend nahm Marcel die Tause auf den Rücken, trug sie in einen kühlen Keller und entleerte sie in ein riesiges, altes Weinfass. Im Spätherbst wurde aus den Kirschen der feine Pèlerin-Kirsch gebrannt. Leider habe ich das Schnapsbrennen nicht mitbekommen, weil ich Anfang September wieder nach Hause musste. Als ich schon längst verheiratet war, erhielt ich jedes Jahr zu Weihnachten eine Flasche Kirsch aus Mont Pèlerin. In Chardonne unten, in der Nähe der Funiculaire (Standseilbahn) Corseaux– Mont Pèlerin besassen die Mourons zwei Weingüter. Und zwar genau dort, wo heute die vierspurige Autobahn das Weingebiet zerschneidet. Natürlich gehörte die Pflege des Weinbergs auch zu den Aufgaben der Mourons. Jeden Sommer ging’s zwei- oder dreimal ab nach Chardonne in den Vignoble. «Râcler les raisins» 23
DIE JUGENDZEIT
Die Reben unterhalb von Chardonne
war angesagt, Unkraut jäten zu gut deutsch. Nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Bekanntlich gedeiht die Rebe bei möglichst viel Sonne. Das bekam die Jätmannschaft deutlich zu spüren, verrichtete man diese Arbeit doch im Hochsommer. Einer unserer Weinberge lag etwas abgelegen weiter unten in der Nähe von Corsier sur Vevey. In unmittelbarer Nähe einer schönen, etwas versteckten Villa. Mein Patron schnitt oftmals die wenigen Reben im Garten der Villa und unterhielt sich dabei mit einem älteren, kleinen, weisshaarigen Herrn. Ob ich diesen Mann nicht kenne, fragte er mich. Nein – warum auch? Der Mann sei der berühmte Schauspieler und Komiker Charlie Chaplin (1889–1977). Beim nächsten Mal durfte ich Monsieur Mouron begleiten, und so kam ich zu einem, wenn auch scheuen, Händedruck mit diesem berühmten Mann des Films. Es war wirklich unerträglich heiss in den Reben. Oftmals kehrten wir auf dem Heimweg in der Auberge de la Buritaz ein, um unseren Durst zu löschen. «Boir un verre» hiess das. Eine gelebte und schöne Tradition bei den Mourons. Wenn man etwas ausserhalb des Hofs auf der Wiese beim Heuen war, so gegen zehn Uhr, kam Madame Mouron mit einem grossen Tragkorb. Für den Patron und den Jungbauer Marcel gab’s un verre oder zwei, einen kühlen Weissen von den eigenen Reben aus Chardonne. Für mich gab’s, zumindest im ersten Jahr eine 24
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limonade gazeuse. Später genoss ich auch ganz gerne ein Gläschen Weissen. Zum Essen gab’s Brot, Speck und Käse für die, die solchen assen. Der Speck war gesalzen und schneeweiss, ohne ein einziges mageres Stück Fleisch drin. Zuerst musste ich mich daran gewöhnen, später schmeckte mir dieser Speck richtig gut. Kamen Verwandte, Nachbarn oder sonst ein Besuch auf den Hof, führte der erste Gang sofort nach der Begrüssung au cave – pour boire un verre. Dort, im kühlen Keller, standen grosse Weinfässer. Man setzte sich auf einen einfachen Hocker aus Rundholz. Der Patron füllte die kleinen Weissweingläser – eine richtige Zeremonie der Gastfreundschaft. War der Besuch ein angenehmer oder sogar ein freundschaftlicher, dauerte diese feierliche Handlung etwas länger. Heute noch, nach mehr als fünfzig Jahren, biete ich meinen gutgesinnten Gästen in meinem Büro einen Weissen an. Nicht aus einem geküferten Fass, auch nicht in Weissweingläser mit einem Stiel, sondern in den selben kleinen Weissweingläsern wie anno dazumal. Gelernt ist gelernt. Im zweiten Sekundarschuljahr ging ich schon mit einer gewissen Vorfreude nach Mont Pèlerin zu den Mourons. Ein Jahr später konnte ich die Sommerferien kaum erwarten, so gerne ging ich – zog es mich – nach Mont Pèlerin. Die Sprache, den Fribourger Patois, beherrschte ich wie ein Einheimischer, ich kannte schon eine Anzahl Leute, lenkte den Bührer-Traktor, fuhr mit dem Java-Motorrad von Marcel über Wiesen und Wege. Ich wusste ohne Aufforderung, was zu tun war. Die Arbeit machte mir grossen Spass, die alten Mourons behandelten mich wie ihren eigenen Sohn. Marcel war mir ein Vorbild, mit ihm konnte ich lachen und arbeiten, er behandelte mich wie einen guten Freund. Ab und zu leisteten sich die Meistersleute einen Spass mit dem garçon des grisons. Einmal, eines Abends, machten wir unsere Stallarbeit, die beiden Mourons waren mit Melken beschäftigt, meine Aufgabe war das Ausmisten des Kuhstalls. Ich muss noch einflechten: Als Bub hatte ich rote Haare und war voller Märzenflecken an den Armen, über den Schultern und natürlich im Gesicht. Dieses war übersät mit den kleinen braunen Tupfen. Im Bubenalter störten mich diese Märzenflecken. Vielleicht habe ich das einmal dem Marcel anvertraut. An diesem Abend schaute Marcel beim Melken unter seiner Kuh hervor und sagte mir, es gäbe ein einfaches Mittel gegen die Märzenflecken. Man müsse ein-, zweimal das Gesicht mit pisse de vache einreiben, der Erfolg sei so gut wie sicher. Zuerst schaute ich etwas ungläubig. Als aber der alte Patron das glaubhaft bestätigte, war es für mich nur noch eine Sache der Überwindung. Den Erfolg im Auge, ein Gesicht ohne einen einzigen Märzenflecken – wenn schon, denn schon – wartete ich den nächsten pisse de vache ab. Ich brauchte nicht lange zu warten, 25
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bis eine Kuh den Schwanz hob und einen ganzen Wasserfall herausliess. Sofort war ich dort und liess den pisse de vache in meine Hände fliessen und massierte damit mehrere Male mein Gesicht ein. Kaum war der Wasserfall versiegt, sah ich wie die beiden Mourons von ihrem Melkstuhl aufstanden. Vor lauter Lachen mussten sie sich den Bauch halten. Zuerst war ich verstört, dann aber durchschaute ich den Schwindel. Ich gab ein paar rechtschaffene, laute Flüche, diesmal aber im Bündner Dialekt von mir. Zuletzt lachte ich aber mit den beiden über meine eigene Leichtgläubigkeit. Natürlich machte dieser Zwischenfall auch im Haus die Runde. Die liebe Madame Mouron erbarmte sich meiner und hielt den beiden eine Moralpredigt, so laut wie ich sie selten mehr gehört habe. In meinem zweiten und dritten Welschlandjahr kannte ich mich in der näheren Umgebung schon gut aus. Zusammen mit Marcel ging’s an Sonntagen per Töff ins Fribourgische nach Attalens, nach Les Paccots oder zu den Rindern auf die Alp beim Col de Jaman. Von dort aus konnte man gut die andere Seite des Lac Léman erkennen. Dort war Frankreich – das geheimnisvolle Land der Franzosen, das Land der Légion étrangère, der Fremdenlegion. Natürlich hatte ich ein Buch über die schauderhaften Erlebnisse eines Schweizers in der Légion gelesen. Ein Buch über Frankreich, ein Land, das alle ausländischen Jünglinge von der Strasse weg gefangennahm, in eine Zelle steckte, nach Marseille brachte, um sie von dort aus in die Fremdenlegion nach Algerien zu befördern. Schaurige und heldenhafte Geschichten zugleich. Abenteuer, die die Phantasie eines Buben zu beflügeln vermochten. Dieses heldenhafte Land, Frankreich, wollte ich aus der Nähe sehen. An einem Sonntagmorgen fuhr ich mit der Funiculaire hinunter nach Vevey – allein natürlich. Mit dem Schiff ging’s über Montreux, Villeneuve, auf die gegenüberliegende Seeseite an den Grenzort St-Gingolph. Von der Schiffsstation stieg ich hinauf zur Strasse. Ein kleiner Bergbach bildete die Grenze Schweiz/Frankreich. Ich sah den Zoll mit den französischen Grenzsoldaten jenseits des Baches. Genau so, mit einem weissen Käppi, waren sie im Buch abfotografiert. Also doch, es stimmt also alles, was ich im Buch gelesen habe. Wie wäre es, wenn ich zu Hause in der Schule erzählen könnte, dass ich in Frankreich war, allein über die Grenze? Dass die Gendarmerie mich nicht erwischen konnte, dass ich knapp der Légion entrinnen konnte? Der Plan war gefasst: Ich wollte nach Frankreich, jetzt oder nie. In gebührendem Abstand zum Grenzbach, stieg ich auf der Schweizer Seite zu Fuss eine gute halbe Stunde weiter hinauf, bis der Bachlauf in einem Wald verschwand. Kein Mensch weit und breit. Nachdem ich mich vergewisserte, dass 26
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St-Gingolph, zu den Zeiten als ich den «Grenzübertritt» wagte
wirklich kein Gendarm, kein Mensch, zu sehen war, stieg ich über die Böschung hinunter, durchquerte den kleinen Bach und stieg auf der anderen Seite hinauf. Ich war in Frankreich, im Land der Légion étrangère. Wie lange ich dort verweilte, weiss ich heute nicht mehr. Lange Zeit kann es nicht gewesen sein, schliesslich wollte ich nicht als Held in der Légion zugrundegehen. Ein anderes Erlebnis, an das ich mich auch gerne erinnere: Am Ende des ersten Sommers, am Abreisetag gab’s Zahltag. 80 Franken – viel Geld für einen 12-jährigen Bub. Natürlich war ich stolz auf meinen selbstverdienten Lohn. Ich erinnerte mich an ein Buch, das ich vor dem Welschlandbesuch gelesen hatte. Ein Buch, geschrieben von Erich Kästner mit dem Titel «Emil und die Detektive». Da war die Rede von Dieben und anderem Gaunerpack. Es wäre einem Weltuntergang gleich gekommen, wenn mir mein ganzer Sommerlohn auf diese Weise abhan dengekommen wäre. Also bat ich Madame Mouron um eine grosse Sicherheitsnadel. Die Banknoten schob ich in die Westentasche meines Sonntagskittels. Auf der Innenseite stach ich mit der Sicherheitsnadel durch die Westentasche und die Banknoten hindurch und befestigte so das Geld. Von Vevey bis Thusis war ich allein im Zug. Ich weiss noch genau, wie ich trotz der Sommerhitze auf der ganzen Reise den Tschopen anbehielt. Zu Hause angekommen, gab ich den Lohn auf den Franken genau meiner Mutter ab. Heute weiss ich nicht mehr, ob mich die 27