Richard Altherr HENRI III
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Richard Altherr
edition punktuell
1. Auflage, 2019 © by edition punktuell, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-905724-62-2 www.editionpunktuell.ch
Inhalt Von der Mutter geführt Louvre, Paris, Frühherbst 1557. Die schwarze Königin Paris, Frühling 1558 und Marseille, Oktober 1533.
Hohe Zeiten Sommer 1559. Vaters letzter Gang
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Kleine Könige neben dem grossen
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Sterben und Verderben
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Paris, Amboise und Orléans, 1559/60. Moribundus Vassy, Rouen, Dreux und Amboise, 1562/63.
1564/65 – Der teuerste Tour de France Ärger und Verzückung Salon: Meister des Orakels Bayonne: Eine kalte Umarmung Von Lachsen und Fröschen Der Bürgerkrieg reist mit 1566. Erhöhungen und sexuelle Verirrungen
87 99 110 115 123 127
Ab 1569. Henris Auf- oder Abstieg Jarnac und Moncontour: Die Siege von Monsieur 1570. Seelenqualen den einen, Ekstasen den anderen August 1572. Bluthochzeit Nehmt keine Rücksicht auf mein Alter Vom Freudenhaus zum Hexenkessel Horror in den Provinzen Exodus und 120 Tage Finsternis Frühling 1574. Es lebe der neue König Abschied der französischen Art. Rausch und Erwachen
139 145 161 165 184 192 195 230 246
Die Herrschaft des 62. Königs von Frankreich Krönung und Heirat: Bis zum Hinfallen 255 1575. Würde, Bürde, Exzesse 263 Die Rache der dicken Margot, bezahlt mit Hingabe 272 1576. Verrat und Lügen. Friedensvertrag zu Etigny 279 1577. Die Heilige Liga 288 1578/79. Der Friede des Königs 291 Die zierlichen Wilden des Königs 306 «Zum Heiligen Geist» und die Erziehung eines Königs 310 Ab 1580. Unmoralische Naturen 317 Königliche Jungfrau 323 Schwermut 328 Unerträgliche Niederlagen 334 Das Leiden der Königin von Navarra 336 Die Freuden der Lieblinge 341 Der Gesetzgeber 344
Die letzten vier Jahre sind die schwierigsten 1585. Abschied der Doppelnase
Der Plan Die Revolte 1587/88. England und Spanien. Allen Erwartungen zum Trotz Zwei Morde und ein weiterer Abschied kündigen sich an Eine riesige Leiche Die Königinmutter folgt den Guisen Der letzte Valois ist besiegt
347 348 350 362 372 376 381 389
Anhang Bildergalerie 396 Stammbaum 398
Mea DEA erhöre mein inniges Fleh’n Oh Traum so hehr In dem nicht ER Laut protzend regierte das Tun Aber SIE vielmehr alles wüsste Lehrte IHN denken Traut’ sich zu lenken Echt sorgend die Stirne IHM küsste Riet’ IHM doch endlich zu ruhn Es würden Begehr Gemetzel und Verheer Ob der Weisheit von IHR nie wieder gescheh’n Philippe Le Gotare
Meine Liebe gehört fürder nicht nur dem Reich Aber auch Euer Ist ein Getreuer Seid hörig mir Mignons kniet nieder Macht alles mir zum Gefallen Ohne mich mit der Krone Ist entseelt die Ikone Lässt niemand Fanfaren mehr schallen Ertönen Trompeten nie wieder Räder ohne Steuer Olymp ohne Feuer Ihr würdet verirren den Manen gleich Henri III
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Mich friert, meine Königin. Die Welt ist eisig kalt, verschwunden die Zärtlichkeit der Sonne, ausgelöscht alles Helle, verloren die letzte Liebe. Die Kehle bleibt zugeschnürt, die Brust ist angefüllt mit Erz, unerträglich die Pein in meiner Seele. Keine Linderung, nirgends. Wie hasse ich meine unendliche Furcht und mich selber für diese; sie frisst sich tief und tiefer, bemächtigt sich meiner vollständig. Nun denke ich nur noch Angst, atme sie, bin selbst sie. Henri III
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Von der Mutter geführt Louvre, Paris, Frühherbst 1557.
Die schwarze Königin Der Albtraum wälzte sich in prächtigen Gewändern durch die Schlossgänge. Die gewaltigen Eichentüren flogen auf mit flotter Leichtigkeit. Der Zeremonienstab, auf dessen Spitze die goldene Lilie der Valois schwankte, schlug heftig auf dem Parkett auf: «Die Königin!» Es ging vieles dort bei ihnen, sowohl an den glänzenden Höfen wie auch draussen im armen Land, mit roher Gewalt und deshalb flott und leicht. Der französische Edelmann gab sich höchst kultiviert auf dem Parkett der Festsäle, war im Übrigen aber gnadenlos, barbarisch, unerbittlich und unbeugsam. Wollte doch einmal einer ins Wanken geraten, kam es von den Standhaften recht heftig zurück. Die kleinen Adligen und ihre Gespielen verstummten, als Königin Catherine mit ihren göttlichen Hofdamen, der fliegenden Schwadron, die weite Kammer im Westflügel betrat. Schmale fahle Lichtstrahlen der Abendsonne drangen durch die bald blinden Scheiben in den Nischen aus Sandstein; Fackeln und Teer brannten noch nicht; es war düster und zugig, die Stubenluft kühl und dennoch miefig. Nur die flämischen Tapisserien rundum verhinderten, dass im Louvre noch mehr Durchzug herrschte. ≈
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Schon wären im ganzen Frankenreich solche Wandteppiche benötigt worden, wenn sich denn für die steifen politischen und religiösen Winde geeignete hätten finden lassen: Denn es kamen unter den Franzosen kräftige Stürme auf, die immer heftiger wehten und drohten, sich zum Orkan auszuwachsen. Madame Catherine, klüger und listiger als alle an ihrem Hof, wird sie dereinst mit geschickten Verhandlungen zu besänftigen suchen, ihnen mit Strenge trotzen oder sich, bei allzu grosser Rauheit, unter Schutz und Schirm begeben. «Soll es doch draussen vorerst wüten; danach kann man mit besseren Aussichten von vorne beginnen mit Parlieren.» Das würde bald ihre kurzfristige und gleichfalls kurzsichtige Politik sein, täglich neu ausgerichtet, mit kluger Taktik, aber ohne jede strategische Planung. Vorderhand hatte sie noch nichts von Wichtigkeit zu bestimmen. Früher schien es einfacher gewesen zu sein, als der mit Vernunft ausgerüstete Mensch, von welcher Begabung er allerdings wenig Gebrauch machte, einzig dem Mammon und der Macht verfallen war. Als er dem Streben danach alles untergeordnet und damit gleichzeitig Missgunst und Rachsucht gestillt hatte. Das konnte man zwar nicht als noble Argumente seines Tuns bezeichnen, doch immerhin als ebenso klare wie einleuchtende. Schliesslich hatten damals alle das hehre Ziel verfolgt, die Staatsgrenzen zu schützen, einem einzigen christlichen Glauben nachgelebt und dem gleichen Gott gehuldigt. Alsdann, mit der Bewegung zur Erneuerung der Religion, mit der Ausbreitung dieser Reformation, kam der Streit darüber hinzu, was der Allmächtige von seinen Geschöpfen verlangte und was er ihnen dafür zu geben bereit war. Der Disput weitete sich auf alle Seiten aus, begann mit einfachen Fragen, um sich zum komplizierten, unübersichtlichen und nicht mehr einzudämmenden Geflecht auszuwachsen: Begehrt Gott etwa, 10
ihm prunkvoll zu huldigen oder aber in Selbstbescheidung im stillen Gebet? Ist er unbeeinflussbar, nicht zu verführen oder heisst er gar den Ablass gut, gestattet den Handel mit Sünden? Ist er gnädig oder rachsüchtig? Bestimmt er seine hilflosen Kreaturen zur ewigen Verdammnis oder zur ewigen Seligkeit? Gilt seine Vorherbestimmung absolut, oder vermag der Mensch sie mit seinem Lebenswandel zu verändern? Wie verhält es sich mit dem Sakrament des Abendmahls, mit der Präsenz des Leibes und des Blutes Christi? Und so fort, ohne Ende. Für viele bald ein Wirrwarr, ein mächtiger Haufen an Ungelöstem, das sie in wahre Nöte ohne Auswege führte. Einmal obsiegte diese Antwort, tags darauf die gegenteilige. Der Zwist erschöpfte sich vorerst in einem noch unkriegerisch ausgetauschten Dafür und Dawider der verschiedenen Denkweisen, wurde aber zunehmend verbissener, dann auch grob geführt; schliesslich führte er zur Zersetzung der Gemeinschaft. Mit kühlem Verstand betrachtet, handelte es sich nicht um derart bedeutsame Differenzen, dass die Abweichungen nicht gegenseitig hätten zugestanden werden können, doch es fehlte rundum an Umsicht, Einsicht, Gelassenheit und Grossmut. Man durfte sich jetzt ausserdem auf eine edle Ursache seines täglichen gemeinen und übelwollenden Wirkens berufen: Für das einzig richtige Glaubensbekenntnis mutig einzustehen und gegen alles andere, das Irregeleitete, mit Gewalt anzukämpfen, war ehrenwert, lauter und tugendhaft. Gleichzeitig aber wuchsen überall die blinden Fanatischen, die Unnachgiebigen heran, an die anfänglich niemand dachte. Liess sich einer vom krankhaften Eifer befallen, hiess er «Gnadenlos». Und solche, die keine Gnade kannten, standen sowohl auf Seiten der Katholischen, den Papisten, als auch auf jener der Reformierten, die man Hugenotten nannte. Woher wohl dieser Name stammte? Niemand wusste es mehr. 11
≈ Madame Catherines Kuhaugen glubschten über die Schar der zu Alabaster erstarrten Kinder hinweg. Adrett sahen sie aus, eingestuppt, geschminkt, die Gesichtchen gebleicht, alle Göfchen verpackt in feinstes Tuch, in bunte Seide, in Samt und Brokat. Sie trugen neckische Kappen, Schlappen, Häubchen und Barette über fragenden Augen. Madame schürzte ihre Lippen im fleischigen Gesicht, dessen gelbe Haut mit Bleiweiss abgedeckt war. Die Miene zeigte deutliches Missfallen; Madame stellte fest, dass diese Gesellschaft sie, wie immer, nicht willkommen hiess. Die Fratzen weckten damit ihren Unmut, ohne solches zu beabsichtigen, sie fürchteten sich bloss vor ihr. Der Thronfolger Frankreichs, er trug den Titel Dauphin, stand in der hintersten Ecke, das Geschichtsbuch war ihm aus den Händen gefallen. Er fixierte mit ausdruckslosen Augen einen Deckenbalken, während sich seine Blase zu entleeren begann und das Wasser die zittrigen Beine hinunterrann. Er hasste die Frauenschar, wie alle, die seinen Kreis störten. Die hellblaue Seide seiner Hose begann sich dunkel zu verfärben, langsam gegen die Fersen hin: François vertrug die Eselstutenmilch nicht, die man ihm gegen die ständigen Erkältungen einflösste und die seine Verdauung stark beschleunigte. Da standen nun die samtenen Schuhe in der klebrig-flüssigen Sauce. Den meisten im Saal entging das Malheur, das dem Thronfolger widerfuhr; der Geruch von Ammoniak und säuerlicher Fäulnis, den es verströmte, fiel nicht weiter auf, denn er zog ständig durch Gemächer und Gänge. Die Hausburschen und Mägde kamen kaum nach, die unzähligen Winkel im Schloss von den Quellen solcher Düfte zu befreien. Es hiess unter den Bediensteten, die grössten Haufen stammten von den Schweizer Soldaten, die sich zwar nicht fleissiger als alle anderen betätigten, aber entschieden mehr ässen. 12
Die jüngeren Söhne von Madame, Charles und Alexandre-Edouard, sassen regungslos auf dem getäfelten Fussboden vor einem Brettspiel. Sie blickten ins Leere, abwartend, immer in der Hoffnung, die Mutter übersehe sie und der Spuk finde ein rasches Ende. Ebenso erging es den anderen: der Tochter Claude de Valois, Henri de Joinville, Sohn des Herzogs de Guise, Philippe Le Gotare, Spross eines früheren Hofmeisters, all den künftigen Baronessen, Grafen, Herzögen und Königinnen. Einzig Mary Stuart, die lustige, rotblonde Halbschottin las die ovidischen Liebeselegien, obgleich ihr Mentor die Lektüre angesichts ihres Standes und Alters für unangebracht hielt. Sie blieb auch jetzt ganz unbekümmert, schien die Fröhlichkeit vor den ungebetenen Gästen nicht aufgeben zu wollen. Sie hatte bereits in ihrem ersten Lebensjahr den Thron Schottlands von ihrem Vater James geerbt und erlangte eben die Regierungsfähigkeit. Auch glaubte sie ihrem Oheim, einen der vordersten Ränge in der englischen Thronfolge zu belegen. Seit vielen Jahren lebte sie mit ihrer Mutter Maria de Guise in Lothringen. Denn in ihrem Königreich wollte man sie nicht mehr behalten: Eine Katholische mit dem von Rom gespendeten Zepter in der Hand musste man nicht dulden, dachten dort die meisten ihrer Landsleute. So jung Mary war, konnte sie sich in perfektem Englisch, Französisch und Italienisch unterhalten, selbst griechisch und lateinisch las sie ohne Mühe. Madame Catherine von Medici aus dem fernen Florenz sprach hingegen ein fehlerhaftes Französisch mit einem ausgeprägten mittelitalienischen Akzent, was die kleine Stuart-Guise heiter stimmte. Sie fürchtete die Königin Frankreichs nicht, denn sie verliess sich auf ihren Onkel, den Herzog de Guise, der seine schützende Hand über die Nichte hielt. «Mein Oheim sagt mir, die Italienerin sei eine schwarze Spinne in einem kleinen, dünnen Netz», so hatte sie einst den anderen Kindern berichtet. «Irgendwann, wenn ihre 13
Zeit gekommen sei, beginne sie damit, ein grosses über alles hinweg zu spannen, wenn es nach ihr ginge, sogar über ganz Europa!» Stolz hatte sie das Kinn vorgereckt; sie war angesichts der bedeutsamen Quelle davon ausgegangen, etwas Aussergewöhnliches ausgesprochen zu haben, was durchaus zutraf. «Und dann wird die Spinne auch meine Schwiegermutter sein!» Die Kinder hatten es lustig gefunden, ihr aber, der Ältesten unter ihnen war es durchaus ernst gewesen damit. Ihre Hochzeit mit dem kindlichen Dauphin stand fest. Ihn glaubte sie sogar zu lieben, bloss mit der zärtlichen Zuneigung einer grossen Schwester, wenn es denn nicht eher Mitleid war, das sie für den mit allen Übeln dieser Welt geschlagenen Jüngling empfand. Sie litt mit ihm, meinte oft selber seine unsäglichen Schmerzen zu spüren, und musste dann für ihn weinen. Es störte sie deshalb auch nicht, dass seine Beschränktheit in fast allen Belangen so offen zu Tage trat. Mit Rücksicht und Pietät war Mary in ihren Mädchenjahren noch ausgestattet, sollte dieses kostbaren Besitzes indessen bald einmal verlustig gehen. Denn das Leben würde ihr keine einzige Widrigkeit ersparen. Damals freute sie sich aber noch auf die Pflichten der fürsorglichen, pflegenden Kronprinzessin und Ersten Schwiegertochter Frankreichs. ≈ Madame hatte zehn Jahre lang auf Nachkommen gewartet und, als diese ausgeblieben, bereits mit ihrer Abschiebung ins Kloster gerechnet. Als dann die Würmchen endlich bei ihr anlangten, eins ums andere, versuchte sie angestrengt, ihnen mütterliche Zuneigung zu schenken – allerdings weitestgehend erfolglos. Einzig die Verbindung zu Alexandre war warm und seltsam eng. Als der König statt ihrer seine Geliebte für die Erziehung der Kinder zuständig erklärte, konnte die Mutter zwar nichts dage14
gen einwenden, war aber auch nicht gerade untröstlich. Die gelegentlichen Inspektionen, ihre Audienzen und die gemeinsamen Auftritte in der Öffentlichkeit genügten ihr schon. Frei von wahrer Mutterliebe war Madame dennoch mit Eifer darum bemüht, ihre Nachkommen zu fördern und so hoch wie möglich zu erheben: Sie alle durften dem Schicksal eines gekrönten Hauptes nicht entgehen. Die kurze Italienerin watschelte nicht eben majestätisch durch das Halbdunkel zu ihrem Goldschatz Alexandre-Edouard, strich ihm sanft übers Häubchen und sprach leise einige Worte, die sonst niemand verstehen durfte. Sie war vernarrt allein in ihn, den Sechstgeborenen, der ihr bei seiner Ankunft unendlich schön und wohl geformt erschienen war und dessen unglaublicher Charme sie sofort verzaubert hatte. Ihn sah sie zum glänzenden Fürsten emporsteigen; ihn wollte sie lieben und durch alle Wirrnisse begleiten. Das Geschenk des Himmels, ihr ganzes Glück sollte dereinst als Henri der Dritte dieses Namens in Frankreich den Spuren des Heiligen Louis und denen seines unvergleichlichen Grossvaters François des Ersten folgen, strahlend, erfolgreich, von allen geliebt wie jene. So verhielt es sich mit den Empfindungen und Vorstellungen der Königin. Da blieben ihr für die anderen Kinder, die mit Krankheiten geschlagen aus ihrem Leib gekrochen waren, keine beglückenden Gefühle mehr. Sie wollte sie zwar ebenso erfreut aufnehmen wie den süssen Alexandre, doch brachte sie es nie so weit, weil die Umstände es nicht zuliessen: Die Bälger waren von schwacher Konstitution, mit allen möglichen physischen und psychischen Leiden geschlagen; entweder waren sie schwer an den Atemorganen beschädigt, von der Hämophilie oder der Purpura heimgesucht, anfällig auf Skrofulose und Schwindsucht, oder sie zogen alle Abszesse und Furunkel der Welt auf sich; sie kamen dumpf hier an, verfielen bald der Schwermut 15
oder dem Wahnsinn; oder sie vereinigten gleich mehrere Übel auf sich. Die Mutter wollte das Unglück nicht verstehen. Bis sie es endlich als Prüfung des Allmächtigen betrachtete, für deren Bestehen sie reich belohnt werden würde. Den unverständigen Thronfolger suchte Madame möglichst vor den Augen der Gäste und der Diplomaten zu verbergen. Krumm wie er war, speichelnd aus offenem Mund, zeigte sie ihn ungern her. Sie wünschte auch nicht, ihn abzubilden, es sei denn, es wäre ein Maler fähig gewesen, einen gewinnenden, hübschen Jungen für die Nachwelt zu gestalten. Doch einzig Janet Clouet, der begabteste unter allen Porträtisten, brachte ein ansehnliches Bild des Siebenjährigen zustande; sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Modell war zu erkennen. Ebenso verfuhr Madame mit dem dunkelhäutigen, wollhaarigen Jüngsten, den der König in Erwartung eines kraftstrotzenden Kerls auf den Namen Hercule taufte. Der kam indessen winzig und anfällig an. Bald packten ihn die Pocken, die unansehnliche Spuren hinterliessen. Keinen langen, blassen, feingliedrigen Valois mit scharf geschnittenen Gesichtszügen hatte Madame geboren, vielmehr einen Mediceer, einen Florentiner mit wulstigen Lippen, wie der Ahn Moro, den man den Afrikaner nannte. In Hercules Gesicht kamen die Narben hinzu; da raus wuchs ihm bald eine zweite Nase direkt auf der ersten. Selbst Alexandre-Edouard, der seiner Mutter edel und herrlich schön vorgekommen war nach seiner Ankunft, schaute diese schon nach wenigen Tagen durch ein sieches, nasses Auge an, der schmächtige Körper fieberte bereits und schmerzte; die Wundärzte und Bader fanden die Ursache nicht. Allein Prinzessin Marguerite kam gesund, prall und durchaus nicht hässlich in dieser Welt an, ein wahres Wunder. Doch auch dieses schwabbelige, süsse Häufchen mit seinen schwarzen Kulleraugen vermochte die Mutterliebe nicht zu wecken. 16
«Dich, mein rundes Mädchen, werde ich einmal zu einer grossen Königin machen, von England oder Spanien gar. Du wirst Frankreich viel Ehre und viel Gold eintragen, wenn mir ein Sohn auch lieber gewesen wäre.» Sieben von den zehn Kindern, die Madame Catherine ihrem Henri Valois gebar, waren ihr schliesslich geblieben. Die neunte, ihre letzte Schwangerschaft hatte damit geendet, dass die Hofchirurgen den leblosen Zwilling Jeanne im Mutterleib zerschnitten und Stück für Stück des Winzlings ans Tageslicht holten. Die Königin selber wäre ihm um ein Haar in die Ewigkeit nachgefolgt. Das zweite Mädchen, getauft auf den Namen Victoire, erhielt auch keine Chance, verbrachte auf Erden lediglich zweiunddreissig Tage, bis es sich verabschiedete und das Jenseits aufsuchte. Es traf Madame keine Schuld am Umstand, dass sie ein morbides Geschöpf nach dem anderen in die Welt setzte: Die Verbindung der Valois von Angoumois mit den Edlen der Auvergne und den florentinischen Medici war eine krankheitserregende, ergab ein gänzlich unharmonisches Blutgemenge. Weil man sie bei Hofe aber ständig bezichtigte, seit ihrer Geburt immer nur Unglück über ihre Nächsten gebracht zu haben, glaubte Catherine bald selber, Tod und Verderben zu verbreiten. Ihre Propheten verweigerten in dieser Frage jede Deutung; sie wagten es nicht, ihr die schreckliche Wahrheit zu offenbaren, denn, so verschlüsselt die Seher auch zu sprechen vermochten, sie hätte es verstanden. ≈ Der Goldschatz Alexandre hockte auf dem Boden und suchte angestrengt nach einem Thema, das der Mutter angenehm sein würde. Gerade rechtzeitig fiel dem im Geist schon weit entwi17
ckelten sechsjährigen Knaben das grosse Geheimnis der Mutter ein, von dem er so oft hörte und das ihn immer wieder freudig aufgeregt stimmte, wenn darüber hinter vorgehaltener Hand gerätselt wurde. «Madame, darf ich einmal Ihr geheimes Kabinett besuchen, von dem der ganze Hof redet und das nie jemand gesehen hat?», flüsterte Alexandre. «Es muss bezaubernd und spannend sein dort.» Das sei doch beileibe nichts Geheimes, meinte die Mutter, oh nein, bloss verstünden die Franzosen ihre Passion nicht und schätzten sie deshalb völlig falsch ein. «Einige hier glauben gar, ich bereite dort insgeheim Giftkelche zu, die ich meinen Widersachern reiche. Solche Verleumdungen erduldet man am besten ohne Widerspruch. Erklärungen dazu machen die Sache nur schlimmer. Mein kleiner Adler, mein Alles, die Königin verschlingt keine Kinder», sagte sie dem Knaben leise ins Ohr, «sie mischt kein Gift und wünscht keinem Feind den Tod. Sie gleicht vielmehr einem Engel, doch teilen dieses Wissen nur wenige.» Sie versprach ihrem Prinzen, ihn bald abholen zu lassen, denn sie brachte es nicht über sich, ihm einen Wunsch abzuschlagen. Alle am Hof interessierten sich für das reiche Sammelsurium an Exotika im privaten Kabinett ihrer Majestät. Aufgrund ihrer angeborenen Verschwiegenheit durften indes nur wenige Auserwählte das Heiligtum bewundern. Umso mehr Mutmassungen kursierten über die Schätze: Dort sollten sich die wundersamsten Tierpräparate finden, alle möglichen Giftstoffe, obskure Schrumpfköpfe aus den Dschungeln ferner Kontinente, dann Schädel hingerichteter Verräter, Folterinstrumente, die ein gesundes Hirn sich niemals ausdenken könnte, schliesslich konservierte, getrocknete Phalli aller Arten, verkrüppelte gewesene Menschlein, in Salz eingelegt, und so weiter und so fort. Keiner 18
getraute sich, laut über das Museum der Skurrilitäten zu sprechen. Nicht alles stimmte an dem Gerede, doch besass Madame noch weit mehr, als sich die Leute vorzustellen vermochten. Nicht zu reden von der sagenhaften Bibliothek, wie niemand sonst in ganz Europa ähnlich Reichhaltiges sein Eigen nannte. Nachdem Madame die Kleinen gehörig erschreckt, zu Fleiss und Beharrlichkeit gemahnt und ihnen nebenbei ihre Abneigung bekundet hatte, blinzelte sie ins Dunkel, in jene Ecke, in dem ihr Erstgeborener noch immer regungslos in der Brühe stand. «So verständnislos schaut er drein, unsäglich leidend, erfüllt von Angst, der künftige König Frankreichs!», sprach sie besorgt zu ihren Damen. «Dieses arme, arglose Kind. Ich wünschte, dass es nicht geschehe.» Sie zockelte davon, ihre Schönheiten rauschten aufgeräumt hinterher. Die Kinder hatten nun für einige Zeit Ruhe vor Madame, die ihnen unendlichen Respekt abverlangte. Sie waren froh um Diane, die Mätresse des Vaters; die bereits angejahrte Gräfin de Brézé war trotz der ihr eigenen Härte und Disziplin sanft zu ihnen, verstand und verwöhnte sie alle. «Vielleicht verstellt sie sich bloss, um dem König zu gefallen», argwöhnte der kleine grosse Freund Alexandres, Philippe Le Gotare. Gleichviel, die Kleinen fieberten nun den bevorstehenden Aufenthalten in Saint-Germain entgegen und später, im Frühsommer, in Amboise, wo die Loire gemächlich dahinfloss und die Menschen sie liebten. Drei Kinderfrauen reinigten den Thronfolger und kleideten ihn frisch ein. Charles liess seiner Enttäuschung über das Verhalten der Mutter, die kein einziges Wort an ihn gerichtet und ihre ganze Aufmerksamkeit dem jüngeren Bruder gewidmet hatte, einen Tobsuchtsanfall folgen. Niemand kannte dessen Grund, man ahnte ihn bloss, denn ausser Eifersucht gab es 19
weit und breit keinen anderen ersichtlichen Anlass. Keiner vermochte den schäumenden Knaben zu beruhigen. Man liess ihn deshalb gewähren, bis er erschöpft hinfiel und in seiner zerrissenen, schmutzigen hellroten Seide auf dem Stubenboden einschlief, im Schweiss fast ertränkt, am Schaum beinahe erstickt. «Ist sie nicht parteiisch, dass sie dich allen anderen vorzieht?», fragte Philippe Le Gotare. «Ich missgönne es dir nicht. Aber müsste sie nicht alle ihre Kinder gleichbehandeln, ja, die leidenden sogar noch aufmerksamer als die gesunden?» Alexandre jedoch war überzeugt davon, dass eine Königin nicht ungerecht sein konnte. Wer von Gott zur Regentschaft vorgesehen ist, empfängt die Souveränität, die Würde und ebenso das vollkommene Gerechtigkeitsempfinden bei seiner Ankunft in dieser Welt, dachte der Bub Alexandre und wollte sich nicht vom Freund irre machen lassen. «Meine Eltern sind die Höchsten im Reich, sie wurden dazu geboren; sie handeln deshalb immer richtig, begehen keine Fehler, sie können nicht anders!» «Ach, so meinst du das! Denk einmal an alle die verlorenen Kriege, an die Bruderzwiste im Land, an Unfrieden, Misserfolge, Niederlagen. Einem Debakel liegt aber nie ein fehlerfreies Urteil zugrunde. Sogar dein seliger Grossvater, der Gescheiteste der Fürsten, wurde in Padua besiegt und vom Kaiser ins Gefängnis gesteckt; da hatte er gewiss die falschen Entscheide getroffen, als er sich hat fangen lassen.» «Nein!» Die helle Stimme, der eine Wärme alles Schrille nahm, klang in allen Ohren sehr angenehm. «Der grosse König François war ein wahrer Ritter, der aus freien Stücken nach Madrid reiste, um mit Kaiser Karl zu verhandeln. Er liess die Beschützer zurück, um Mut und Vertrauen zu beweisen. Doch wurde er von jenem schändlich betrogen. So war das! Der deut20
sche Spanier Karl, ein Wortbrüchiger, konnte kein Edelmann gewesen sein. Doch wurde ein Geschöpf als knorriger Esel in die Welt gesetzt, wird es gewiss nicht als edler Berber sterben.» «Vergiss nicht, dass auch er von Gott eingesetzt worden war!» «Du siehst nun selber, dass nicht richtig sein kann, wie du über die göttlich gesegneten Fürsten denkst.» «Willst du verprügelt werden?» ≈ Prinzessin Catherine-Marie aus dem Hause Guise, genannt «Kleine Catherine», wuchs derweil weitab im Osten des Landes im Elfenbeinturm auf. Ihr Vater Herzog François de Guise, immens reich an Gütern und Einfluss am Königshof, schaute gut zu ihr und liess sie streng bewachen. Sie war von sehr kleiner Gestalt und zudem brandmager, weder schön noch geradezu hässlich, von eher unscheinbarem Äusseren. Was an dem dürren Mädchen sogleich ins Auge fiel, waren sein ständig missmutiger Ausdruck sowie über den ungleich langen Beinchen die schiefe Hüfte, die es zum Hinken zwang. Niemand hätte die blasse Lothringerin für eine der bedeutendsten Erbinnen Frankreichs gehalten. Doch die ehemals deutschen Adligen, durch einige wesentliche Grenzverschiebungen Franzosen geworden, stellten eine der mächtigsten Familien, die sich einen Kardinalshut, zwei Herzogtümer, weite Ländereien, ein Dutzend bestens ausgestattete Bistümer und so vieles mehr gesichert hatte. Es fiel den Herrschaften nicht immer leicht, diesen unerhörten Reichtum zu bewahren und gleichzeitig nicht darin umzukommen. Je grösser Ehre und Reichtum, desto zahlreicher waren die Gefahren. 21
Catherine die Kleine lernte fleissig Latein, Griechisch, Bo tanik, die Historie et cetera und widmete sich mit Inbrunst den schönen, feinen Künsten, dem Gesang, der Malerei, der Stickerei. Doch nicht nur um diese wesentlichen Dinge zur Vorbereitung auf das künftige Leben im Kreis des Hochadels kümmerte sie sich leidenschaftlich, sondern ebenso intensiv um alle Bediensteten im Schloss der Guise, die sie von klein auf zu kommandieren und zu drangsalieren verstand. Niemand hinderte sie daran, die Pagen aus purer Lust und zu ihrem blossen Vergnügen im Schloss herumzuhetzen, um ihre sinnlosen Aufträge zu erfüllen. Die Prinzessin konnte hartherzig sein, boshaft auch all denen gegenüber, die sie mit samtenen Handschuhen um sorgten. Nur sie selber ertrug weder Belehrungen noch Rügen; solche blieben in ihrem Kopf hängen bis in Ewigkeit. Manches wüste Wort oder unschöne Ereignis gewann darin mit der Zeit an Bedeutung. Oh, wie viel lieber als draussen in der Provinz, in Lyon und Bar-le Duc wäre sie, wie ihr Bruder Henri, am Königshof aufgewachsen. Bei der grossen Catherine pulsierte es zu jeder Zeit, spielte sich das wahre Leben ab, bei den Hohen und Mächtigen des Reiches, dort war es aufregend und reizvoll, derweil man ausserdem, wie nebenbei, Geschichte schreiben konnte. Denn zahllose Biografen, Historiker, Romanciers, Diplomaten und Dokumentare wuselten durch die Schlossgänge, um jeden Tag neue Geschichten auf Papier festzuhalten. So hörte es die dürre kleine Catherine vom Vater und von ihren Oheimen.
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Paris, Frühling 1558, und Marseille, Oktober 1533.
Hohe Zeiten François de Guise mit dem mit Stolz getragenen Zunamen «Narbengesicht» wünschte nachdrücklich, den stillen, kurligen Dauphin François mit seiner Nichte Mary Stuart zu verheiraten, um ihr damit neben der schottischen Krone auch die französische zu sichern. Eigentlich suchte er die Besänftigung seines Ehrgeizes, denn er sah seine Autorität im Louvre enorm steigen mit der Verbindung der beiden Familien. Dem König Henri II versprach er mit Erfolg die Sterne am Himmel, was ihm ein Leichtes war. Nur musste er zudem dessen Geliebte Diane de Poitiers von den Vorzügen dieser Vermählung überzeugen, was er dank des beeinträchtigten geistigen Zustands des Bräutigams und der Aussicht auf den neuen Thron schaffte. So kam es, dass der Zweite Henri die gewünschte Hochzeit befahl, um die aufstrebenden Lothringer enger an seinen Hof zu binden und zugleich die eigene Familie zufriedenzustellen. Sein trauriger Erstgeborener konnte mit dieser Partie Ansprüche auf einen Teil der bedeutenden Insel jenseits des Kanals gewinnen, was ihn selber indes nicht interessierte. Doch es war mehr, als Diane und König Henri sich erhoffen durften. Henri Valois verschenkte dabei keine tiefgründigen Gedanken an die Frage der Religionen, obwohl die Reformierten in Schottland stetig erstarkten und bald die Oberhand gewannen. Gleichviel, sagte er sich, die Stuarts sind gut apostolisch, die Guisen ebenso, und alles würde sich wieder zugunsten des römischen Glaubens richten lassen. So war es eben in England unter Queen Mary der Katholischen passiert; diese hatte, kaum gekrönt, die Anhänger der von ihrem Vater eingerichteten angelsächsischen Kirche verfolgen und die alte römische wieder aufleben lassen. 23