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Carl Böcklis

Karikaturen gegen den Totalitarismus

… und was sie heute zu sagen haben

Begleitpublikation zur Sonderausstellung im Museum Heiden vom 17. April 2026 bis 14. März 2027

0_Logo_Boe-Stiftung.pdf

Einführung

8 Station 1: Die Demokratie wird abgeschafft

Im Gleichschritt … 10

Anschluss … 12

Weg des geringsten Widerstands … 14

Der Mitläufer … 16

Wahlabstinenz … 18

20 Station 2: Pressezensur und politische Propaganda

Gepiesackt … 22

Derjenige, der nicht genannt werden darf … 24

Spiessrutenlauf … 26

Faule Eier … 28

Nichts zu melden … 30

32 Station 3: Faschisten aus der Schweiz

Auflösungsprozess … 34

Ausrangiert … 36

Identitätsverwirrung … 38

Unverbesserlich … 40

Samthandschuhe … 42

44 Station 4: Sowjetunion und Schweiz

Personenkult … 46

Die Revolution frisst ihre Kinder … 48

Richtungswechsel … 50

Freiheit ist Sklaverei … 52

Gruss aus der Hölle … 54

56 Anhang

Publikationen von Carl Böckli … 56

Literatur zu Carl Böckli und dem Nebelspalter … 57

Filme … 59

Internet-Ressourcen … 59

Ausstellungen (Auswahl) … 60

Einführung

Im Zentrum des künstlerischen Werks von Carl Böckli (1889 – 1970), genannt Bö, steht das Anzeichnen gegen den Totalitarismus. Mit grossem Können zeichnete und textete er ab den 1920er-Jahren gegen den Faschismus in Italien, den Stalinismus in der Sowjetunion, den Nationalsozialismus in Deutschland und auch gegen Faschisten und Kommunisten in der Schweiz. Das brauchte in dieser Zeit Mut und Zivilcourage. Seiner Schwester schrieb er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: «Wenn Deutschland weiter siegt, und es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, so ist es aus mit einem würdigen Leben für uns alle. Ich habe mich von Beginn der Hitlerherrschaft andauernd exponiert, da ist nichts mehr zu verderben oder gutzumachen, ich würde ein zweites Mal genau so handeln, mit den heutigen Erfahrungen.»1

In einer Gegenwart, die teilweise geprägt ist vom Aufschwung rechter Parteien und autokratischer Herrschaft rund um den Globus, von «alternativen Fakten», Demokratieabbau und Kriegen, gewinnt Carl Böcklis Werk und Wirken erneut an Relevanz und Dringlichkeit. Doch wenngleich er zu seiner Zeit in der Deutschschweiz eine gewichtige öffentliche Stimme hatte, kennt ihn heute gerade die jüngere Generation kaum mehr. Die Sonderausstellung Dagegenhalten! 2026/2027 der Bö-Stiftung im Museum Heiden setzt sich zum Ziel, Bös Kampf «gegen rote und braune Fäuste»2 von den 1920er- bis in die 1960er-Jahre anhand von Originalkarikaturen darzulegen und den Bezug zur Gegenwart aufzuzeigen. Die Ausstellung möchte Carl Böcklis Werk und Zivilcourage denjenigen bekannt machen, die ihn bisher noch nicht kannten.

Carl Böckli wurde 1889 in St. Gallen geboren, wo er auch die ersten Lebensjahre verbrachte. Die obligatorische Schule besuchte er in Zürich-Wiedikon. An den Kunstgewerbeschulen in Zürich und Winterthur liess er sich zum Grafiker ausbilden, «weil meine zuversichtlichen Eltern und ich in mir ein schlummerndes Talent witterten»3. Nach Wanderjahren, die ihn nach Mailand, Lissabon und Karlsruhe führten, eröffnete Böckli 1919 ein eigenes Grafikstudio in St. Gallen und wurde ausserdem Zeichenlehrer. Ein Zeichenwettbewerb machte schliesslich den Verleger der Satirezeitschrift Nebelspalter in Rorschach, Ernst Löpfe-Benz (1878 – 1970), auf das junge Talent auf-

Carl Böckli beim Zeichnen, Fotografie von circa 1945 (Dauerleihgabe von Claus Büchi in der Sammlung Bö-Stiftung im Museum Heiden).

merksam. Böckli arbeitete ab 1922 beim Nebelspalter und amtete von 1927 bis 1962 als leitender Bildredaktor.

Den Nebelspalter gab es seit 1875. Er war zunächst ein in Zürich herausgegebenes, liberales Kampfblatt gegen die katholisch-konservative Partei im Kulturkampf. Das Presseerzeugnis stand in der Tradition der grossen europäischen Satireblätter wie Punch aus Grossbritannien oder Simplicissimus aus Deutschland. Da sich der Nebelspalter während des Ersten Weltkriegs ausgesprochen deutschfreundlich zeigte – so wie zunächst weite Teile der deutschschweizerischen Öffentlichkeit –, kostete ihn das nach der Niederlage der Mittelmächte viele Abonnenten. Der spätere freisinnige Ständerat Löpfe-Benz übernahm 1922 ein marodes Blatt.

Zu Beginn seiner Karriere beim Nebelspalter zeichnete Carl Böckli zahlreiche Karikaturen zu Sport und zu sozialen Fragen, wie dem weitverbreiteten Alkoholismus. Nach Übernahme der Bildredaktion legte er sich 1928 erstmals mit dem faschisti-

schen Machthaber Benito Mussolini (1883 – 1945) an. Unter dem Titel Der wilde Mann zeichnete Bö einen furchterregenden Duce mit fuchtelndem Dolch, vor dem die Massen zittern. Die dazugegebenen Verse beginnen so: «Mit Worten wild und Gesten dito, schreit wieder einmal der Benito»4. In der Kombination von Karikatur und Text hatte Böckli seinen Stil gefunden, der sich auch gnadenlos gegen Gewaltherrscher richtete. Nach Veröffentlichung der Zeichnung erhielt Bö eine Einladung der faschistischen Partei Italiens, sich Rom anzusehen und sich davon zu überzeugen, dass in Mussolinis Italien alles prächtig sei. Böckli antwortete lakonisch mit einer Gegeneinladung nach Rorschach, das ebenfalls sehr schön sei.

1936 zog Carl Böckli nach Heiden mit seiner Frau Maria geb. Geiger, die er 1928 geheiratet hatte. Das Paar hatte keine eigenen Kinder, Bö adoptierte jedoch die beiden Töchter Annemarie und Elisabeth aus der ersten Ehe seiner Gattin. Bis zu Bös Tod lebte die Familie am Stapfenweg, von dem mittlerweile ein Abschnitt in «CarlBöckli-Weg» umbenannt wurde. Im Parterre des Wohnhauses hatte Bö sein Atelier.

Als Bildredaktor des Nebelspalters scharte Carl Böckli einen illustren Kreis von Zeichnern um sich, die seine Einstellung gegen alles Totalitäre teilten und bildnerisch umsetzten. Dazu gehörten etwa Gregor Rabinovitch (1884 – 1958), Jakob Nef (1896 –1977) oder René Gilsi (1905 – 2002). Dieser neue Ton verhalf dem Nebelspalter erneut zum Erfolg. 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, wurde der Nebelspalter in Deutschland verboten. Schuld daran war eine Zeichnung von Jakob Nef mit der Überschrift Gleichschaltung, die wohl zu sehr ins Schwarze getroffen hatte.5 Der Nebelspalter konterte mit einem Titelbild, auf dem zu lesen ist: «Nebelspalter in Deutschland verboten. Bürgergruss im Dritten Reich» – dazu ein Mann, der ein «Psst»-Zeichen macht.6 Bereits in den frühen 1930er-Jahren setzte Carl Böckli Sowjet- und Nazidiktatur gleich und bewies damit einen klaren Blick auf die politischen Verhältnisse. Bö war immer auch gesellschafts-, politik- und behördenkritisch. Trotzdem war seine Position gegen Kommunismus und Faschismus insgesamt kongruent mit der Doktrin der Geistigen Landesverteidigung, die in den 1930er-Jahren immer wichtiger wurde. Darin definierte sich die Schweiz als historisch gewachsenes und kulturell eigenständiges Staatsgebilde mit demokratischer Tradition in deutlicher Abgrenzung zu Faschismus und Kommunismus. Und: Sie wollte sich im Kriegsfall verteidigen. Die Karikaturen von Bö und seinen Kollegen im Nebelspalter waren so gesehen nichts weniger als ein Teil der Schweizer Kriegsabwehr während des Zweiten Weltkriegs.

Carl Böckli schuf in seinem Leben über 3000 Karikaturen, durchschnittlich erschienen im Nebelspalter pro Woche zwei Bilder von ihm. Mit seiner Arbeit wurde er zu einem Teil des kollektiven Gedächtnisses der Schweiz. Sein Stil war unverkennbar im Zusammenspiel von Bild und Text, Letzterer häufig in einem von Bö entwickelten allemand fédéral, einer witzigen Vermischung von Dialekt und Hochsprache.

Wenngleich seine motivische Palette weitaus breiter war und gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und ökologische Themen im In- und Ausland umfasste, fokussiert sich die Sonderausstellung Dagegenhalten! auf das Kernthema in Carl Böcklis Werk: das Anzeichnen gegen den Totalitarismus. Die Ausstellung ist in vier Stationen aufgeteilt, die je einen Aspekt beleuchten: Machtergreifung von Diktatoren, Propaganda und Zensur, Faschismus in der Schweiz sowie Kommunismus in der Schweiz und in Osteuropa. Bei jeder Station wird die Frage gestellt, welchen Aktualitätsbezug Bös Bilder aufweisen. Ausgestellt und in ihrem Kontext verortet sind zwanzig Originalkarikaturen. Hinzu kommen viele weitere Originale in den neu gestalteten und thematisch sortierten Schaukästen der Dauerausstellung. Die vorliegende Begleitpublikation enthält ausserdem eine umfangreiche Zusammenstellung von Texten, Medien und Weblinks von und über Bö.

Carl Böckli konnte wegen Arthritis in der rechten Hand ab 1962 nicht mehr gut zeichnen und beendete seine Arbeit als Redaktor beim Nebelspalter. Zurückgezogen und menschenscheu, vor allem gegenüber Anfragen der Presse oder wenn es darum ging, öffentlich aufzutreten, verbrachte Bö seinen Lebensabend in Heiden. 1970 starb er tragisch als Fussgänger bei einem Verkehrsunfall. Die Aussagen seiner Karikaturen den Totalitarismus betreffend treten uns jedoch immer noch klar und unmissverständlich entgegen. Die Botschaft ist einfach: Dagegenhalten!

1 Brief an Bertie Böckli vom 11.07.1940, zitiert nach: Stäuble, Eduard (Hg.): Das Bö-Buch, Rorschach 1975, S. 60.

2 So der Titel einer Publikation von 1949, die mehrere hundert Nebelspalter-Karikaturen von 1932 bis 1948 vereinte.

3 Zitiert nach: Stäuble, Eduard: Zum Tode von Dr. h. c. Carl Böckli, in: Nebelspalter vom 16.12.1970, S. 16.

4 Nebelspalter vom 02.03.1928, S. 4.

5 Nebelspalter vom 14.07.1933, S. 20.

6 Nebelspalter vom 08.09.1933, S. 1.

Station 1

Die Demokratie wird abgeschafft

Die Abschaffung der Demokratie und das Aufblühen diktatorischer Staaten war ab den 1920er-Jahren regelmässig Thema in Carl Böcklis Karikaturen. Mit dem Aufstieg des faschistischen Autoritarismus in Europa in den 1920er- und 1930er-Jahren wurde in Italien, Deutschland, Spanien und weiteren Staaten die Demokratie durch eine Diktatur ersetzt. Das geschah zum Teil mit demokratischen Mitteln wie 1933 bei der Wahl Adolf Hitlers (1889 – 1945) zum Reichskanzler. Dabei wurden zuweilen äusserliche Formen wie ein Parlament als demokratische Fassade beibehalten. Mehrere nach dem Ersten Weltkrieg gegründete demokratische Republiken in Ostmitteleuropa wurden während des Zweiten Weltkriegs von der seit 1917 bestehenden Sowjetunion erobert und dann von moskautreuen Vasallen diktatorisch geführt. Das war zum Beispiel der Fall in der Deutschen Demokratischen Republik, Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei. Wehrte sich die Bevölkerung gegen die Unterdrückung,

Langgewehr 1889 aus der Waffensammlung des Museums Heiden. So oder ähnlich könnte Bös Waffe ausgesehen haben, die in seinem Atelier bereitstand (Fotografie von Emanuel Sturzenegger, Sammlung Museum Heiden).

wurden Aufstände militärisch brutal niedergeschlagen. Das passierte 1956 in Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei als Reaktion auf den Prager Frühling.

Auch die antidemokratischen Strömungen in der Schweiz beobachtete Bö genau, kamen sie nun von rechts (Frontenbewegung) oder von links (Kommunistische Partei der Schweiz, ab 1944 Partei der Arbeit). Die fünf in dieser Station gezeigten Bilder beschäftigen sich mit der Abschaffung der Demokratie: sei es durch die faschistischen und kommunistischen Bewegungen in Europa, mit dem konkreten Fall des «Anschlusses» Österreichs ans Deutsche Reich oder aber durch Mutlosigkeit, Mitläufertum oder Faulheit in der Schweiz selbst.

Wegen seiner klaren Haltung gegen rechts erhielt der Karikaturist regelmässig Drohungen von Nazisympathisanten und Angehörigen von Schweizer faschistischen Parteien, den sogenannten Frontisten. Zuweilen landeten Steine in Bös Garten, einmal wurde der Zaun niedergedrückt. Carl Böckli liess sich nicht einschüchtern, nahm die Drohungen aber ernst. In seinem Atelier in Heiden stand in den 1930er- und 1940er-Jahren ein Gewehr bereit, das zum Glück ungebraucht blieb.

Und wie steht es heute um die Demokratie? Die englische Zeitschrift The Economist beobachtet seit einigen Jahren einen Rückgang an demokratisch regierten Staaten beziehungsweise eine Zunahme von autoritären Regimen. Das Aushöhlen demokratischer Systeme mit demokratischen Mitteln ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren auch in Europa zu beobachten ist und an Bös Zeit erinnert. Als Beispiele seien genannt: die Gerichtsreform in Polen unter der rechtsnationalen PiS-Regierung ab 2015, das von der OrbánRegierung in Ungarn aufgezogene System von Begünstigung und Korruption in Wirtschaft und Politik oder die Schwächung der parlamentarischen Demokratie zugunsten eines Präsidialsystems unter Recep Tayyip Erdoğan (*1954) in der Türkei 2018. Dass momentan die demokratischen Strukturen in den Vereinigten Staaten unter Druck geraten, einer der ältesten Demokratien der Welt, ist besonders bedenklich. Dazu gehört die Delegitimierung der Präsidentschaftswahlen von 2020 durch Donald Trump, die im Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 mit fünf toten Sicherheitskräften gipfelte, ebenso wie das sogenannte Gerrymandering, das Neuziehen von Wahlkreisen zugunsten der gerade regierenden Partei.

Im Gleichschritt

erschienen im Nebelspalter Nr. 48 vom 30. November 1934 auf der Heftrückseite

Endlich sehn wir wieder schöne Zeichen

Menschlich edelster Verbundenheit.

Warum soll man nicht im rhythmisch gleichen Schritt und Tritt das selbe Ziel erreichen?

Leichter geht sichs doch zu Zweit.

Zwar das schwarze Kind geht neben seinem strammen

Roten Kavalier noch etwas scheu und steif,

Aber ach wer wollte Liebesleut verdammen?

Passt das Paar etwa nicht gut zusammen?

Uns schiens längst zur Trauung reif! Bö

In Stiefeln marschieren die Symbole des Faschismus in Nazideutschland und des Kommunismus in der Sowjetunion im Gleichschritt. Die Karikatur stammt aus dem Spätjahr 1934, als Adolf Hitler (1889 – 1945) knapp zwei Jahre Reichskanzler in Deutschland war und Josef Stalin (1878 – 1953) seit rund sieben Jahre die Geschicke der Sowjetunion lenkte.

Die dem Faschismus und Kommunismus zugrundeliegenden Ideologien finden sich an den gegenüberliegenden Enden des politischen Spektrums. Bö betonte in dieser Karikatur jedoch die Gemeinsamkeiten der beiden Systeme, nämlich Totalitarismus, eine antidemokratische Grundhaltung, Gleichschaltung, Führerkult und Gewaltherrschaft. Er entlarvte damit die Widersprüche zwischen Fassade und Realität. Geradezu prophetisch wirkt die Karikatur im Hinblick auf den Hitler-Stalin-Pakt von 1939, als sich die beiden Staaten auf einen Nichtangriffspakt einigten und Ostmitteleuropa in Interessensphären aufteilten.

Sammlung Bö-Stiftung im Museum Heiden, Signatur Hei-3005, 25.5 × 36 cm

Anschluss

erschienen im Nebelspalter Nr. 14 vom 8. April 1938, Seite 14

Der Ö-Streicher

Bereits seit 1933 war Österreich von den Kanzlern Engelbert Dollfuss (1892 – 1934) und Kurt Schuschnigg (1897 – 1977) diktatorisch und faschistisch regiert worden. Im März 1938 wurde Österreich dann ganz dem nationalsozialistischen Deutschland einverleibt und hörte auf, als eigenständiger Staat zu existieren. Im Nachhinein versuchten die Nazis, diesen «Anschluss» mit einer Volksabstimmung zu legitimieren. Ein beispielloser Vorgang, der in der Schweiz mit Sorge beobachtet wurde.

Der Nebelspalter reagierte mit einer historischen Sondernummer Oesterreich auf den «Anschluss», der den Vorgang mit der gewohnten Schärfe, aber auch mit Besorgnis kommentierte. Bös Karikatur im Mittelteil der Ausgabe spielt doppelbodig mit Wortassoziationen: ein Nazi, der Ö(sterreich) (durch)streicht und damit zum Ö-Streicher, beziehungsweise Österreicher wird. Gleichzeitig entsteht eine Assoziation mit dem Begriff Staatsstreich.

Sammlung Bö-Stiftung im Museum Heiden, Signatur Hei-3003, 25.5 × 36 cm

Weg des geringsten Widerstands

erschienen im Nebelspalter Nr. 50 vom 16. Dezember 1938, Seite 3

Herr Winkelried 1938

«’s nützt ja doch nüt!»

Ende 1938 hatte der Zweite Weltkrieg zwar noch nicht begonnen, doch die Annexion der Tschechoslowakei durch Hitlerdeutschland und die ausbleibende Reaktion der demokratischen europäischen Mächte darauf («Appeasement-Politik») liessen wenig Gutes für die Zukunft erahnen. Das schlug sich auch in Bös Zeichnungen nieder. Ein wiederkehrendes Sujet ist der Defätismus in der Schweiz, also die Haltung, dass man sowieso keine Aussicht auf Erfolg habe gegen die faschistischen Mächte und deshalb von vornherein keinen Widerstand leisten solle. Bö stellte sich klar auf die Linie der Landesverteidigung der Schweiz.

Mit beissendem Spott zeichnete er einen wohlstandsgesättigten Schweizer mit Schmerbauch und Zigarre mit Namen Winkelried. An der Wand hängt in Collagetechnik ein Bild des Winkelried-Denkmals in Stans. Arnold Winkelried, der legendäre Held der Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1386, steht mit seinem Opfertod für genau jenen Einsatz fürs Vaterland, den Bö in seiner Gegenwart vermisste. Aus den Helden von einst seien Opportunisten geworden.

Sammlung Bö-Stiftung im Museum Heiden, Signatur Hei-3123, 25.5 × 30 cm

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