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Umschlagbild: Hundwiler Bloch, Andreas Butz
Gestaltung Umschlag und Inhalt: Brigitte Knöpfel
Gesetzt in Source Sans und Source Serif
Herstellung: Verlagshuus, Herisau
ISBN 978-3-85882-920-7 appenzellerverlag.ch
Das Bloch
JOHANNES SCHLÄPFER
Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen, man muss sie ehren.1
Friedrich von Schiller
Traditionen sind wichtig, auch wenn man manchmal gar nicht weiß, wie sie angefangen haben.2
Joachim B. Schmidt
Die Pflege von Traditionen ist nicht einfach ein stures Festhalten an Altem –es ist nicht das Aufbewahren von Asche, sondern das Aufrechterhalten einer Flamme.3
unbekannt
Inhalt
7 Vorwort: Ein Floh im Ohr
11 «Iischtoo, züche!» –Zum Ablauf des Brauchs
Urnäsch | 12
Mannebloch | 12
Goofebloch | 28
Herisau | 41
Schwellbrunn | 53
Hundwil | 64
Stein | 74
87 Datierung und Deutung
97 Blick in die Geschichte
Urnäsch | 97
Mannebloch | 97
Goofebloch | 108
Herisau | 109
Schwellbrunn | 111
Hundwil | 114
Stein | 117
Buebebloch | 117
Wilen-Blöchli | 118
Waldstatt | 119
123 Geografische Verbreitung
Innerhalb der Schweiz | 125
Bern | 126
Freiburg | 126
Graubünden | 127
Luzern | 129
St. Gallen | 129
Zürich | 130
Ausserhalb der Schweiz | 131
Deutschland | 131
Italien | 132
Österreich | 134
Slowenien | 135
Ungarn | 137
141 Ein Bloch auf Weltreise
147 Schlussgedanken
155 Danksagung
158 Anhang
Statuten der Blochgesellschaft Urnäsch von 1949 | 158
Statuten der Blochgesellschaft Urnäsch von 1951 | 159
Statuten der Blochgesellschaft Herisau von 2011 | 160
Stationen der Welttournee des Urnäscher Blochs von 2011 | 162
Glossar | 164
Anmerkungen | 166
Bibliografie | Filmografie | 168
Abbildungsnachweise | 175
Autor | 176
Vorwort
Ein Floh im Ohr
«Bräuche schaffen Identität, stiften Gemeinschaft und geben uns einen Rest an zyklischer Zeiterfahrung zurück», schreibt der deutsche Germanist und Volkskundler Werner Mezger (*1951). Man lebe auf Feste zu, wenn sie bevorstehen, und man zehre von ihnen, wenn sie vorbei sind. Das sei ein Wert, den wir heute verloren hätten.4
Die Pflege von Bräuchen gewinnt an Bedeutung, je mehr Menschen verbindliche Zugehörigkeit und verlässliche Gemeinschaft vermissen. Viele suchen nach einem echten Heimatgefühl, das sie unter anderem in alten Traditionen finden. So ist erklärbar, weshalb seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegte Bräuche wie beispielsweise das Herisauer Mannebloch in adaptierter Form wiederbelebt werden. Der Österreicher Politikwissenschaftler und Journalist Moritz Ettlinger meint dazu: «Eine Tradition nur um ihrer selbst willen aufrechtzuerhalten, den Sinn dahinter nicht zu hinterfragen und keine Veränderung zu wagen, zeugt nicht nur von Ignoranz, sondern gefährdet auch die Tradition an sich.»5
Fuhrmann des Herisauer Manneblochs, 2025.
Bräuche sind historisch gewachsen, sie entwickeln und ändern sich im Laufe der Zeit. Sie haben sich im Laufe der Zeit stets den gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und technischen Veränderungen angepasst. Sie sind nicht statisch, sondern permanent im Wandel.
Um etwas zum Brauch werden zu lassen, ist gemeinschaftliches Handeln nötig. Eine regelmässig wiederkehrende Tätigkeit wie beispielsweise das Zubereiten eines Beruhigungstees vor dem Schlafengehen ist kein Brauch, sondern ein Ritual. Zum Brauch gehört eine Gruppe von Menschen, die Handlungen in festen, mehr oder weniger stark ritualisierten Formen begehen. Diese Handlungen kehren regelmässig wieder, oft im jährlichen Rhythmus. Damit ein Brauch eine Botschaft ausdrücken kann, müssen seine Elemente gefestigt sein. So wandelte sich – wie ich noch zeigen werde – das Urnäscher Bloch um die Zeit des Zweiten Weltkriegs von einem Fasnachts- zum heutigen Holzerbrauch.
Heute wird mehr und mehr gefordert, dass auch Frauen an Männerbräuchen teilnehmen dürfen. Dazu meint der Schweizer Historiker Thomas Bucher (*1983):
«Ich finde es gut und zeitgemäss, dass sich immer mehr Bräuche für Frauen öffnen. Es gibt viele Bräuche, die man ohne Weiteres und ohne den Brauch zu verändern, für Frauen öffnen kann. Bei einigen Bräuchen ist dies aus physischen Gründen schwieriger. Etwa beim Chienbäse-Umzug in Liestal, wo die Männer mit bis zu 100 Kilo schweren brennenden Besen und Wagen durch die Altstadt ziehen. Umgekehrt gibt es auch reine Frauenbräuche, bei denen der Brauch historisch betrachtet keinen Sinn mehr ergeben würde, wenn Männer daran teilnehmen würden.»6
▷ Die kursiv gesetzten Wörter werden im Glossar auf den Seiten 164 – 165 erklärt.
Eine Frau war es denn auch, die den Anstoss zu diesem Buch gegeben hat.
Mit der Bebilderung meines Buchs zum Silvesterchlausen beschäftigt, meinte im Januar 2023 Myrta Gegenschatz, wissenschaftliche Archivarin im Staatsarchiv des Kantons Appenzell Ausserrhoden in Herisau, ich solle als Nächstes ein Buch über das Blochziehen schreiben; ihr seien unlängst einige bis anhin unbekannte Fotografien in die Hände geraten. Meine erste Reaktion beschränkte sich auf den Hinweis, dass ich vor Jahrzehnten schon das Buch «Bloch und Gidio» veröffentlicht hätte. Doch auf der Heimfahrt biss der ins Ohr gesetzte Floh immer wieder zu: Weshalb eigentlich nicht? Schliesslich hat sich beim Brauch des Blochziehens in den vergangenen vierzig Jahren vieles getan: Steins Wilen-Blöchli wurde aufgegeben, Urnäschs Goofebloch▷ eingeführt, in Herisau belebten Brauchliebhaber, was letztmals 1914 zur Durchführung gelangte, ein Bloch wurde gestohlen und ein anderes ging auf Weltreise. All das bot meiner Ansicht nach keinen Grund für ein weiteres Buch. Das Blochziehen im Appenzeller Hinterland in einem grösseren geografischen und historischen Kontext zu betrachten, hingegen schon.
Teufen, im Januar 2026
Johannes Schläpfer
oben | Schwellbrunner Bär und Bärenführer auf dem Marsch ins Dorf, 2025. links | Urnäscher Mannebloch, 2025. rechts | Zum Schluss ihres Umzugs begleiten fasnächtlich gekleidete Gruppen, sogenannte Abholmannschaften das Herisauer Mannebloch, 2025.
«Iischtoo, züche!» –Zum Ablauf des Brauchs
Mannebloch
11 Bäume gehören zu den Archetypen der Menschheit. Sie stehen für die Natur, das Wachstum und das Leben, für Standfestigkeit und Treue, spiegeln Fruchtbarkeit, Wachstum, Entwicklung, Heilung und Unsterblichkeit. Im Brauchtum erfahren sie eine weit verzweigte Symbolik, beispielsweise als Freiheits-, Hunger-, Kult-, Mai-, Narren-, Orakel- oder Weihnachtsbaum. Ein Beispiel dafür ist das Blochziehen.
In der Fasnachtszeit wird ein auf einen Wagen geladener, entasteter Abschnitt einer Fichte oder Tanne, Bloch genannt, in einem Umzug durch die Gegend gezogen. Solche Umzüge sind in verschiedenen Regionen Mitteleuropas nachweisbar. In der Schweiz wird der Brauch heute im Bernischen als Tannenfuhr, im Luzernischen als Tannenschleipfete und in fünf Gemeinden des Appenzeller Hinterlands als Bloch gepflegt. Bei Letzterem eilen Kässelibuben als Bajasse mit Sammelbüchsen dem Umzug voraus. Der Baumstamm wird von paarweise gehenden Knaben oder Männern gezogen. Ein Jäger oder Wilderer führt an der Kette einen mit den Zuschauern Schabernack treibenden Bären. Vorne auf dem Bloch steht ein Fuhrmann mit langer Peitsche. Hinter einem am Stammende befestigten Ofen hockt rittlings ein Schmied und lässt ihn qualmen. Von Zeit zu Zeit wirft
Urnäsch zwischen Stein und Sonder, 2024.
er einen krachenden Schwärmer in die Luft. Bei der Zusammensetzung der Mannschaften gibt es bei den sechs Ausserrhoder Blöchern ortsspezifische Unterschiede, die in den folgenden Darstellungen aufgezeigt werden.
URNÄSCH
Mannebloch Das Urnäscher Bloch unterscheidet sich in zwei Punkten von den übrigen fünf des Appenzeller Hinterlands. Es erfolgt am Fasnachts-, nicht am Blochmontag (Montag nach Aschermittwoch) und höchstens alle zwei Jahre. Die daran teilnehmenden Männer bilden unter dem Namen «Blochgesellschaft Urnäsch» eine Vereinigung von statutarisch festgehaltenen 32 bis 45 Mitgliedern. Diese Zahlen können nach freiem Ermessen per Versammlungsbeschluss erhöht oder reduziert werden. Zuständig für Vorbereitung, Organisation und Leitung des Blochs ist eine von der Versammlung gewählte Kommission. Sie besteht aus Präsident, Aktuar, Kassier und zwei Beisitzenden, von denen einer als Materialverwalter amtet.7
Monate vor dem Umzug findet die erste Kommissionssitzung statt, an der die Mitglieder über die Kostümbeschaffung, über Haftgelder, den Zeitplan am Blochtag und die Zwischenhalte während des Umzugs diskutieren. Danach kümmern sie sich um eine geeignete Fichte oder Tanne. Diese bieten entweder Private an, oder die Kommission sucht mögliche Spenderinnen und Spender. Für das Bloch 2024 schenkte der Kanton eine 40,5 Meter hohe Fichte auf dem Fuchsstein nordwestlich von Urnäsch. Nachdem am 25. November 2023 Mitglieder der Bloch-
Der Forstwart kontrolliert die Falllinie, 2023.
Vom Bestaunen der mächtigen Fichte bis zum Bestimmen ihres Alters von 130 Jahren.
kommission die Wurzelanläufe freigeschaufelt hatten, bestimmte Forstarbeiter Christian Frick die Fallrichtung und brachte mit der Motorsäge den Sohlen- und den Fällschnitt unterhalb der Wurzelanläufe an. Dies, damit das 6,5 Meter lange Bloch für den Umzug eine möglichst grossflächige und imposante Frontpartie behielt. Nach knapp zwei Stunden
Arbeit bei leichtem Schneefall lagen das Bloch und der Reststamm am Wegrand bereit zum Verladen. Etwa drei Wochen vor dem Fasnachtsmontag trifft sich die Blochmannschaft zur ersten Versammlung, an der bei Bedarf neue Mitglieder aufgenommen oder solche, die sich nicht statutarisch verhalten haben, durch Mehrheitsbeschluss ausgeschlossen werden, denn «sauberes Auftreten und anständiges Verhalten ist erste Pflicht eines jeden Mitglieds».8 Hauptpunkt dieser Zusammenkunft ist jedoch die Zuteilung der einzelnen Funktionen, welche die Mitglieder beim Umzug innehaben. Als Grundlage dafür dient die Einteilungsliste des vorangegangenen Blochumzugs. Bei alphabetischer Nennung der Teilnehmenden können diese äussern, ob sie die letztmalige Funktion behalten oder eine andere wollen. Wer eine neue Charge wahrnehmen möchte, darf aus den freigewordenen eine nennen. Als Erster darf wählen, wer die meisten Blochjahre nachweisen kann.
Wichtig ist jeweils auch das Verteilen der verschiedenen Vorarbeiten, die letztlich Voraussetzung für eine gelungene Durchführung sind. Bis zum Fasnachtsmontag muss der Präsident das Schminken, das Bestellen der Mahlzeiten sowie eine Musik für den Ausrechnungsabend organisiert haben.
Kurz vor dem Umzug befestigt eine Gruppe das Bloch kunstgerecht auf einem Wagen und schmückt es mit Liebe zum Detail. Sie kann stets auf die Erfahrung älterer Mitglieder zurückgreifen. Am Sonntagnachmittag vor Fasnachtsmontag findet die zweite Blochversammlung statt. Sie dauert etwa eine Stunde und dient in erster Linie dazu, letzte Unklarheiten auszuräumen. Die Sitzung mündet im geselligen Beisammensein, während dem sich die Teilnehmenden bei manchem Zäuerli auf den Folgetag einstimmen. Am Umzugstag um ein Uhr in der Früh treffen sich die Teilnehmenden in einer Baracke im Tal, wo sie ihr Kostüm erhalten und geschminkt werden. Gegen halb fünf Uhr heisst es dann: «Iischtoo!»
Am Blochumzug beteiligen sich in der Regel ein Vorreiter in rotem Umhang und mit gelber Mütze (a), je zwei reitende Herolde in den Ausserrhoder und Schweizer Farben (b), alte Bauern (c), Jäger (d), Ham-
Schematische Darstellung des Urnäscher Manneblochs
burger (e), ein Sattler (f) und ein Wagner (g), zwei Dachdecker (h), ein Stocker (i) und ein Böscheler (j), zwei Holzer (k) sowie je vier Sennen in braunen (l) und in gelben Hosen (m). Vorne auf dem Baumstamm steht der Fuhrmann (n), dessen Bekleidung Journalisten schon als Montur eines Silvesterchlauses ohne Haube9 oder als fasnächtlich10 bezeichnet haben. In der Mitte sitzen vier Musikanten (o), hinter denen der Schmied (p) den Ofen einheizt und dicken Rauch produziert. Dieser könnte Dämonen des Todes symbolisieren, denn luftfahrende Totengeister haben manchenorts die Eigenschaft, durchs Kamin zu brausen. Zu ihrer Abschreckung dient auch ohrenbetäubender Lärm. Deshalb zündet der Schmied während des ganzen Umzugs immer mal wieder einen Thunder. Der Wagenwart (q) ist für das Bremsen des Gefährts verantwortlich. Mitglieder der Zugmannschaft rauchen bei ihrer Arbeit nicht ungern eine Brissago, ein Lendauerli oder einen Stumpen. Den Bär, das Appenzeller sowie Urnäscher Wappentier (r), zügelt der Bärenführer (s). Den Umzug schliesst hoch zu Ross der Förster (t) mit einer Messkluppe auf dem Rücken. Sieben Kässeler (u) als Clowns und Bajasse verkleidet, eilen dem Bloch voraus oder folgen ihm nach mehr oder weniger festgelegter Route. Sie bitten die unzähligen Schaulustigen, aber auch die Bewohnenden abgelegener Höfe um eine Spende.
Diese Aufstellung muss nicht zwangsläufig beibehalten werden. So zogen schon andere Berufsvertreter wie Weissküfer oder Zimmerleute mit. Auch hierin zeigt sich die Wandelbarkeit des Brauchs, dessen Träger vornehmlich Handwerker sind.
Das farbenfrohe Bloch wird durchs Dorf und via Herisauerstrasse und Zürchersmühle zum Restau-
rant Säntisblick gezogen, wo die Mannschaft etwas zu trinken spendiert bekommt, was Einheimische usehebe nennen. Von dort geht es weiter Richtung Hundwil, um bei der Oertlesmühle für eine Siedwurst mit Bürli einen weiteren Halt einzulegen. Gegen neun Uhr setzt die Blochgesellschaft den Umzug fort und gelangt nach weiteren Zwischenstopps, bei denen sie von Privatpersonen und Geschäften mit Getränken verköstigt wird, via Hagtobel auf den Dorfplatz von Stein. Dort verliest der Fuhrmann eine Version der seit 1950 bestehenden Blochsprüche. Damit informiert er das Publikum über Sinn und Zweck des Brauchs. Danach zieht die Gesellschaft südwärts zum Mittagessen im Restaurant Sonder. Anschliessend erfolgt der Rückmarsch mit Zwischenhalten vor den Restaurants Krone und Rössli in Hundwil sowie im Schäfli in Waldstatt. Bereits hier finden sich erste fasnächtlich aufgemachte Abholmannschaften ein, andere folgen auf dem Weg Richtung Urnäsch. Um 17 Uhr fährt der gesamte Tross auf den Dorfplatz Urnäsch, wo der Fuhrmann wiederum den Blochspruch vorliest und der Förster zur Gant, der öffentlichen Versteigerung des gut zwei Tonnen schweren Baumstamms, schreitet. Eine gute Stunde später zieht die Mannschaft das Bloch via Schwägalpstrasse Richtung Tal und über die Unterdorfstrasse zurück ins Dorf. Dort marschiert sie um 20.45 Uhr auf den Platz zwischen Hotel Krone und Gemeindehaus und tanzt paarweise um ein rot leuchtendes bengalisches Feuer. Um dieses bilden die Männer zum Schluss einen Kreis, legen sich als Zeichen ihrer Verbundenheit die Arme um die Schultern und zauren. Danach erwartet sie ein wohlverdientes Nachtessen im Saal der «Krone».
Das Bloch wird auf den Wagen geladen, festgekettet und mit Holzprügeln gesichert, der Ofen fixiert, 2024.
Impressionen vom Urnäscher Mannebloch, 2024.
Urnäscher Bloch auf der Hundwilertobelbrücke, 2024.