Skip to main content

A858827876 leseprobe 01

Page 1

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


ZIEGELEI ZIEGELHÜTTE KUNSTHALLE


Blick auf Appenzell mit ZiegelhĂźtte, nach 1903 / vor 1907. Postkarte


5

INDUSTRI A & CULTUR A

9

DIE ZIEGELEI IN APPENZELL

31 37

Roland Scotti

Achilles Weishaupt

DER BRENNOFEN DER ZIEGELEI APPENZELL Daniel A. Walser

ARBEITSPROZESSE IN DER ZIEGELEI IM 20. JAHRHUNDERT Yvo Buschauer

41

REIMAGINATION

47

SPURENSUCHE

59

Michael Schulz

Roland Scotti

MONUMENT DER FRÜHINDUSTRIE & MULTIFUNK TION A LER KULTURORT Roland Scotti


Blick in den Ringbrennofen (mit: Wilhelm Mundt, Trashstone 012, 1992, Arbeitsrßckstände in Polyester GFK, 60 x 100 x 90 cm, Sammlung Mondstudio); Foto 2007.


INDUSTRIA & CULTURA Roland Scotti

Es gibt ein Unbehagen, das wir im musealen Alltag besonders bei Führungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts spüren: Ein unbestimmtes Unbehagen an der Moderne. «Modern», ein Wort, das eigentlich positiv besetzt ist, wird in unserem Zusammenhang oft als negativ konnotierter Begriff benutzt. Das «Gegenwärtige, Zeitgemässe, Fortschrittliche, Frische, Aufgeschlossene, Aufgeklärte, Jetzige, Neue» kippt ins «Abgehobene, Nicht-Authentische, Aufgesetzte, Technoide, Entfremdete, Industrielle, Zersetzende» – als wäre aus dem Adjektiv ein Verb, eben «modern», geworden. Würden wir uns wissenschaftlich mit dieser Kluft, die einem Wort innewohnt, beschäftigen, so würden wir feststellen, dass diese semantische Ambivalenz die Moderne begleitet, seitdem das Wort als Abgrenzung gegen das Alte, gegen eine ungebildete, eine unhygienische, eine unzivilisierte Vergangenheit benutzt wurde, also in unserem Kulturraum ungefähr seit 1700. Ab diesem mit technischen, ideengeschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen verbundenen Zeitpunkt erscheint «modern» – sehr pointiert ausgedrückt – entweder als Verweis auf eine menschliche Methode, ein Paradies, die Beste aller Welten zu konstruieren, oder – und das weit häufiger – als Entsprechung für die menschgemachte Zerstörung eines vorgeblichen natürlichen Paradieses: als Utopie oder als Dystopie. Museen, seien es naturwissenschaftliche oder kulturgeschichtliche, können diese «Lücke» kaum überbrücken, geschweige denn schliessen. Per se sind dies Institutionen, die aufgrund der von ihnen gezeigten und erforschten Artefakte lediglich festhalten können, dass «etwas so war, wie es war». Wobei Kunstmuseen vielleicht am ehesten auch ein «es hätte so sein können» bzw. ein «es würde vielleicht besser so sein» thematisieren können. Das verdankt sich der grundsätzlichen Vieldeutigkeit von Kunst ( jeder

5


Blick vom Neubau in den Altbau, 2015. Kunsthalle Ziegelhütte mit Werken von Andrea Ostermeyer und Carl August Liner.

6

Epoche). Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass gerade «Museen für moderne oder zeitgenössische Kunst» wie Inseln auf Riftzonen schwimmen – vor allem, wenn sie «ausschliesslich» Propagandisten einer modernen bzw. avantgardistischen Ästhetik sein wollen. Das ist in Appenzell nicht der Fall. Einerseits, weil die Häuser der Heinrich Gebert Kulturstiftung, Kunstmuseum und Kunsthalle, per Stiftungsstatut dazu verpflichtet sind, «Brücken zu bauen» – zwischen Laien und Spezialisten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen überkommener und zukunftsweisender Ästhetik. Andererseits, weil allein die geo-kulturelle Lage der Institution eine Beschäftigung mit dem Wechselspiel von damals und jetzt erfordert. Und ganz konkret verweist die mehr oder weniger in der Industriegeschichte des Ortes oder der Region verwurzelte Architektur beider Häuser auf viele Bereiche, die ausserhalb des ästhetischen Raums liegen. Noch fassbarer: gerade die Kunsthalle Ziegelhütte kann nicht ausschliesslich als Repräsentationsrahmen der Unmittelbarkeit, eben des Zeitgenössischen, dienen. Als «hybride Architektur», mit einem ins 16. Jahrhundert zurückweisenden Altbau und einer eingeschobenen Ausstellungshalle wird sie geradezu zu einer

«Bühne» über dem Ringbrennofen, 2003. Die Bodenleuchten markieren den Standort der Schürapparate.

gebauten Metapher für die oben angedeuteten Missverständnisse, die in dem vermeintlichen Graben zwischen Kultur (als identitätsstiftender Herkunft) und Industrie (als Ausdruck einer Entfremdung von Natur) wuchern: Sie ist eine Kreuzung zwischen Erinnerungsort und Geschichtslabor. Die Kunsthalle Ziegelhütte ist zugleich ein optimistisches Symbol für die Verwobenheit von «cultura» und «industria». In der lateinischen Wortwurzel beider Begriffe ist ihre Gemeinsamkeit bereits verankert und heute noch spür- und erkennbar. Cultura (Ackerbau, Pflege, Veredelung) korrespondiert mit Industria (Fleiss, Unternehmensgeist, Tatkraft); das eine kommt ohne das andere nicht aus. Und beide streben nach Erneuerung, nach immer wieder reflektierter, überprüfter Anwendung in der Gegenwart, eben Modernität. Wie modern im technischen und im kulturellen Sinn die ehemalige Manufaktur Ziegelei war, das will dieses Lese- und Schaubuch zeigen; vielleicht aber auch, dass die heutige, nur scheinbar autonome Kunst letztlich ebenfalls im Spannungsfeld «industria & cultura» verortet werden kann. Beiden Bereichen, der Kunstgeschichte und der Industriegeschichte, kann man die gleichen Fragen stellen – und sicher ähnliche Antworten bzw. Erkenntnisse erhalten.


Beschicker und Kollergang im 1. Obergeschoss, um 1955.

Die «Ziegelmaschine» im Erdgeschoss, nach 1958.

7

Blick in das 3. Obergeschoss des Altbaus, 2015. Kunsthalle Ziegelhütte, mit Karetten, Schürapparaten und Werken von Andrea Ostermeyer.


Jakob Girtanner, Ansicht des Hauptfleckens Appenzell, 1586. Miniatur auf Pergament, 26,6 x 19,8 cm


DIE ZIEGELEI IN APPENZELL BEITRÄGE ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE Achilles Weishaupt

EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit versteht sich als Ergänzung zu der im Jahre 1997 erschienenen Arbeit von Yvo Buschauer (1944–2015) über die Ziegelei in Appenzell.1 Der Schwerpunkt liegt im Folgenden auf dem Zeitraum zwischen der Errichtung der Ziegelei (1561–63) und deren Privatisierung im Jahre 1857, wozu es der Erforschung von bisher vernachlässigten Quellen bedurfte. Berücksichtigt werden neue Erkenntnisse und Interpretationen, die sich nach der Auswertung von bekannten Quellen und Werken der Forschungsliteratur ergeben haben.

DIE ANFÄNGE IM L AND APPENZELL 1560–1597 DER GROSSE DORFBRAND VON APPENZELL 1560

Alles fing in Appenzell mit einem grossen Dorfbrand an, mit einem Dorfbrand, der seine Auswirkungen auch auf die noch heute feststellbare Teilung des Landes Appenzell in zwei Staatswesen, in Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden, hatte. Am 18. März 1560 wurde der Hauptflecken durch eine verheerende Feuersbrunst zerstört. Als Ursache wurde sehr starker Wind ausgemacht, aber auch grobe Fahrlässigkeit und schwere Brandstiftung. Eine Frau sei beim Buttersieden im Haus «Gerbestrasse 1» zu einem nachbarlichen Schwatz gegangen, die Butter sei übergelaufen und das so aufflackernde Herdfeuer habe rasch um sich gegriffen. Kurz vor seiner Hinrichtung in Lichtensteig bestätigte Fridli Schnider am 3. /4 . Dezember 1560 «ledig aller banden», von ihm zuvor unter Folter gemachte Aussagen, dass er im Auftrage von Mathis Murer in Appenzell an verschiedenen Stellen Pulver gestreut habe. Nach dessen

9


Entzündung sei ein auch mit Hilfe des Windes sich schnell ausbreitender Brand entstanden. Je nach Quelle wurden innerhalb von zwei bis fünf Stunden zwischen 150 und 170 Firste eingeäschert. Darunter sollen sich 135, 145 oder 152 Häuser befunden haben. Das schnelle Ausbreiten des Feuers lässt sich auch durch ungünstige bauliche Gegebenheiten erklären. Denn in Appenzell waren vor der verheerenden Katastrophe, wie andernorts auch, leicht brennbare Holzhäuser vorherrschend. Nicht überall war das unterste Geschoss aus Stein errichtet worden. Bei archäologischen Grabungen liessen sich keine Hinweise für die Verwendung von Ziegeln finden. Dass Peter Fässler, das einzige Todesopfer beim Dorfbrand, von einem Dachstein getroffen wurde, deutet darauf hin, dass die Schindeldächer mit Steinen beschwert waren.2 BAU DER ZIEGELHÜTTE 1561–1563

10

Nach dem schlimmen Dorfbrand wurden vorbeugende bauliche Massnahmen zur Verhütung von Bränden getroffen. Eine Vorschrift, dass die Dächer von nun an mit Ziegeln zu decken seien, wurde aber offenbar von der Obrigkeit nicht erlassen. Denn erst am 6. Juni 1870 wurde beschlossen, «dass von nun an nicht bloss, wie bisher jede Neubaute, sondern jedes Haus oder Gebäude nach erfolgter Handänderung mit einem Ziegeldache versehen [sein] müsse».3 Ungeachtet, dass man darüber nach dem Dorfbrand keine Vorschriften erlassen hatte, wurden danach Kirchendächer und Dächer anderer öffentlicher Gebäude mit Ziegeln gedeckt. In den im Jahre 1519 einsetzenden Landrechnungen lassen sich für die Zeit zuvor keine Hinweise auf eine frühere Verwendung von Ziegeln finden, auch nicht auf das frühere Vorhandensein einer Ziegelhütte.4 Nur so und weil die Nachfrage nach diesem teuren Baustoff nach dem Dorfbrand offenbar gross war, lässt sich die Errichtung einer Ziegelei in Appenzell erklären.5 Weil das Graben nach Lehm und Tonerde Staatsregal war, betrachtete es die Obrigkeit als ihre Aufgabe, eine Ziegelhütte zu errichten.

Abb. 1: Erstmals wird die Ziegelhütte in Quellen zwischen dem 1. und dem 10. Mai 1561 erwähnt (Transkription: Anm. 8).

Gewählt wurde ein Standort, in dessen Nähe genug Grundstoff für Ziegel vorhanden war, sowie Wasser und Holz gut verfügbar waren. Zudem hatte die künftige Ziegelhütte wegen der Feuergefahr beim Brennen der Ziegel ausserhalb des Dorfes, aufgrund der hohen Transportkosten aber auch nicht weit entfernt davon zu sein. Als Standort wurde ein solcher auf dem Gebiet der Stiftung Ried gewählt, die auf eine im Jahre 1483 gemachte Stiftung zu Gunsten armer Dorfbewohner zurück geht und eine der frühesten, noch heute bestehenden spätmittelalterlichen Sozialsiedlungen ist. 6 Bis es aber so weit war, dürften Ziegel von auswärts bezogen worden sein. Ein Hinweis dazu kann dem allerdings nicht vollständig erhaltenen Rechnungsbuch zum Wiederaufbau der Pfarrkirche St. Mauritius (1560–61) entnommen werden. Ein auf den 6. Juni 1560 datierter Eintrag besagt, dass es im Haus von Ammann Joachim Meggeli (* spätestens 1520, † 1590) zu Verhandlungen mit einem Ziegler aus der Stadt St.Gallen kam, wohl über die Lieferung von Ziegeln und die endgültige Bedachung der Pfarrkirche, die damals auch die Standeskirche von Appenzell war.7 Über den Bau der Ziegelhütte wird man besser informiert im Rechnungsbuch über den Neubau des Rathauses


Abb.2: Glasierter Ziegel mit der Jahreszahl 1568 im Erdgeschoss des so genannten «Schlosses» (Poststrasse 5). 2017.

und der Metzi (1560–64). Zufolge dieser Quelle entstand die mit einem Vorschopf versehene Ziegelhütte in den Jahren von 1561 bis 1563.8 Doch war dort schon im Jahre 1561 die Herstellung von Ziegeln möglich, worauf am 24. Juni 1561 eine Ausgabe in der Höhe von sechs Batzen für das Zieglen während drei Tagen eindeutig hinweist (Abb. 1).9 Aber auch Privatbauten wurden mit Dachziegeln gedeckt. Für die Errichtung seines Wohnhauses, das heute wegen der herrschaftlichen Bauweise «Schloss» genannt wird, kaufte Meister Anton Löw am 21. November 1561 dem Land Appenzell für zehn Gulden Ziegel ab.10 Der Arzt, ein führendes Mitglied der evangelischen Minderheit in Appenzell, bezichtigte im Jahre 1584 ohne hinreichende Beweise den Kaplan von Gonten der Päderästie, weshalb er nach Artikel 34 des Landbuches die Strafe für dieses Verbrechen, nämlich die Todesstrafe, zu erleiden hatte.11 Ein Ziegel mit der Jahreszahl 1568 wurde im Erdgeschoss seines Wohnhauses in den Fussboden eingebaut (Abb. 2). Ebenso verwendete man Ziegel beim Wiederaufbau der Heiligkreuzkapelle an der Hauptgasse. Laut einer Zeitungsnotiz wurde im Jahre 1884 ein Dachziegel mit der Jahreszahl 1561 vorgefunden.12

Abb. 3: Landammann Joachim Meggeli, einer der drei Baumeister des Dorfes Appenzell.

VERDIENST UM WIEDERAUFBAU 1564–1570

Damit sie noch sechs weitere Jahre beim Wiederaufbau des Dorfes als Baumeister fungierten, überliess der Rat am 1. Januar 1563 Ammann Joachim Meggeli (Abb. 3), Landschreiber Moritz Hess und Hans Knill auf den gleichen Zeitraum hin die unentgeltliche Nutzung der Ziegelhütte. Auch wurde ihnen der dort vorhandene Vorrat an Holz, Kalk und Ziegeln zu ihrer Verfügung überlassen. Nebst einem Geldgeschenk erhielten sie zudem das Recht, innerhalb dieser Zeit nach Ton zu graben und Kalksteine abzubauen.13 Meggeli war von 1553 bis 1587 während vierzehn Jahren regierender Landammann im Land Appenzell, wo er tatkräftig die Gegenreformation förderte. Hess bekleidete als Meggelis Nachfolger von 1553 bis 1577 das Amt des Landschreibers und muss «neugläubig» gewesen sein. Hans Knill ist in den Landrechnungen ab 1553 als obrigkeitlicher Baumeister belegt und galt deswegen als Vertrauensmann der Obrigkeit. DIE ERSTEN ZIEGLER AUSWÄRTIGE SPEZIALISTEN

Zum Brennen von Ziegeln mussten fachkundige Spezialisten herangezogen werden. Sie waren u.a. zuständig für das Brennen von Kalk.

11


Die Ersten von ihnen dürften Anweisungen zur Erstellung eines feuerfesten Brennofens gegeben haben. In Rechnungsbüchern werden des öfteren solche Berufsleute erwähnt, jedoch meistens ohne dass nähere Angaben vorliegen. Nur ab und zu werden dort Ziegler namentlich erwähnt. Besonders, wenn sie aktenkundig wurden. So gerieten sie zur Zeit der Gegenreformation wegen anderer Tätigkeiten ins Visier der Behörden. Am 8. Juni 1560 ist die Rede von einem Ziegler aus St. Gallen, im Herbst des darauf folgenden Jahres von Hans Jacob und Meister Rudolf.14 Letzterer dürfte identisch sein mit Rudolf Ringgli aus Zürich, dessen Witwe und Kinder nach ihrer Rückkehr in die Heimat von der appenzellischen Obrigkeit ein Zeugnis ihres Wohlverhaltens erhielten.15 Später wurde die Ziegelhütte an Ringglis Bruder Moritz verpachtet, der aber das paritätische Land Appenzell wegen seinen konfessionell gefärbten Schmähungen zu verlassen hatte und sich

12

am 1. April 1587 von Appenzell in seine Heimat aufmachte. Gemäss einer Chronik soll er sich abfällig über die katholische Religion geäussert haben: «Wer die mueter Gotes anrüeffe umb fürbit, daß seÿ grad, als wan man ihn anrüeffe; item er dörfe das sacrament nit empfangen, Christus hab es am stamen des heiligen creützes schon für ihn empfangen.»16 Wegen Schmähungen bekam es auch ein anderer Ziegler aus Zürich mit der Obrigkeit zu tun.17 In verschiedenen Quellen wird dieser von 1576 bis 1584 meistens nur mit seinem Vornamen erwähnt. Zufolge eines Eintrages im Taufbuch von Appenzell muss er aber ein Bruder der oben erwähnten Ziegler gewesen sein.18 Überliefert ist auch, dass Felix Ringgli nicht nur ziegeln konnte, sondern auch in den Jahren 1580 und 1581 an Schützenfesten, zuletzt nahe der Ziegelhütte, den ersten Preis gewann.19 Im Hochsommer des Jahres 1595 begegnet man in den Landrechnungen dem Stadtziegler von St.Gallen.20

DIE LANDTEILUNG VON 1597

Am 8. September 1597 wurde das nie einheitlich organisierte Land Appenzell in zwei Staatswesen geteilt, in Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. Der Graben zwischen den im Glauben und in der Aussenpolitik zerstrittenen Appenzellern war zu tief geworden. Laut Artikel 3 im Landteilungsbrief hatten die katholischen inneren Rhoden für die in Appenzell befindlichen gemeinsamen Güter den reformierten äusseren Rhoden eine gewisse Summe zu bezahlen. Nach dessen Auszahlung konnte also die Obrigkeit in Appenzell aus der Ziegelhütte für sich alleine den Nutzen ziehen. Zuständig für deren Unterhalt war der jeweilige Landesbauherr, dessen Stelle im Amtsjahr 1575/76 erstmals belegt ist.21 ZIEGELEIEN IN AUSSERRHODEN

Es muss offen gelassen werden, ob in Ausserrhoden nach der Landteilung als Ersatz für den verloren gegangenen Anteil an der Appenzeller Ziegelhütte eine obrigkeitliche Ziegelei errichtet wurde. Belegt ist aber ein schon im 17. Jahrhundert bestehender kommunaler Betrieb im bevölkerungsmässig grössten Ausserrhoder Dorf. Insgesamt lassen sich fünf Ziegeleien in Ausserrhoden feststellen, die heute grossteils verschwunden sind. Die älteste befand sich in Herisau am Mauchler und ist ab dem Jahre 1650 in den Kirchenrechnungen belegt. Die im Jahre 1843 privatisierte Ziegelei wurde um 1890 modernisiert. Die Gebäulichkeiten des Betriebes mussten im Jahre 1907 der Bodensee-Toggenburg-Bahn weichen. Ein Ersatzbau wurde dreizehn Jahre später abgebrochen.22 Nach Thomas Fuchs, dem Leiter des Museums Herisau, gab es noch eine zweite Ziegelei, die sich in Wilen befand. Seinen Angaben zufolge wurde diese wohl zwischen 1860 und 1880 errichtet und 1905/06 aufgegeben.23 In Urnäsch wurde zwischen 1790 und 1809 in der Heide eine Ziegelei errichtet. Deren Ersteller, Johannes Schmid, begegnet uns wegen der


Ziegelhütte in Appenzell zwischen 1819 und 1821

und nun mit solchen Arbeiten betraut wurden.

auch in den Rechnungen des Landesbauamtes

Feststellen lassen sich diese in Rechnungen

von Appenzell Innerrhoden. Der Betrieb, dem

des Landesbauamtes anhand ihrer Nachna-

auch ein Kalkofen respektive eine Kalkbrennerei

men.33 Ihnen oblag nun auch die Verantwor-

angegliedert war, dürfte im Jahre 1861 aufgege-

tung über den Brand von Ziegeln. Vom 17. bis

ben worden sein. Vierzehn Jahre später wurde

in das 18. Jahrhundert sind folgende Personen

sie zu einer Zwirnerei, der heutigen Firma Werner

überliefert: im Amtsjahr 1692/93 Meister Jo-

Nef AG (Rechsteiner), umgebaut.25

hannes von Heimen (1662–1694), von 1698 bis

Für die Jahre von 1846 bis 1915 ist in Gais die

1732 Meister Johannes Tanner, der sich in ge-

Existenz einer Ziegelei belegt. Am Mühlweg 12

nealogischen Quellen nicht identifizieren lässt,

befand sich eine Ziegelhütte mit zwei Brenn-

ebenso von 1739 bis 1755 ein Fässler und von

24

öfen. Der Kalkofen wurde im Jahre 1904 auch

1786 bis zu seinem Ableben Meister Johann

zur Vernichtung von ausgeschiedenen Akten aus

Konrad Fässler (1760–1817), wohl der Sohn des

dem Archiv der Gemeinde Gais verwendet. Der

Vorgenannten34.

Betrieb wird wegen des Bezuges von Lehm auf

Aufgrund von Einträgen in Landesbauamts-

der Mendle noch wichtig.

rechnungen wurden Ziegel nach Notwendig-

26

27

28

In Heiden wurde in der Wies ein Jahrhundert

keit und auf Vorrat gebrannt. Selbst wenn, so

lang eine Ziegelei betrieben. Wann ungefähr sie

1700, Ziegel in der Stadt St.Gallen günstiger

errichtet wurde, ist nicht überliefert, nur dass sie

zu erhalten waren.35 Gebrannt wurde in ei-

im Jahre 1846 in Brand geriet und danach wieder

nem Jahr ein- bis dreimal, meistens zweimal.

aufgebaut wurde. Sie dürfte zu Beginn der 1920er

Ab und zu notierte sich der Schreiber in den

Jahre stillgelegt, wohl vorher von einem mächti-

Rechnungen auch, wie viele Ziegel in einem

gen Konzern aufgekauft worden sein.

Brand gebrannt wurden, so 1695 6‘250 und

29

1708 17‘300 Ziegel: Zieglermeister wurden nach STA ATSBESIT Z 1597–185 7 Z I E G L E R M E I S T E R I M 1 7. U N D 1 8 . J H D T .

Für die Ziegelei in Appenzell wurden nach der Landteilung von 1597 geeignete Fachkräfte aus katholischen Gebieten rekrutiert. Als Zieglermeister können in Quellen ausgemacht werden:30 von 1598 bis 1615 Meister Melchior Affentranger aus Luzern,31 ab 1618 ein Ziegler von Waldkirch,32 von 1671 bis 1685 mehrere Ziegler aus Altstätten, im Amtsjahr 1688/89 ein Jöri Brandt, zu dessen Herkunft nichts bekannt ist, von 1689 bis 1707 Meister Lienhard Melchior aus Bludenz, von 1694 bis 1696 Hans Caspar Hasler, der wohl dem Namen nach aus Altstätten stammen dürfte, und von 1701 bis 1733 Ziegler aus Feldkirch. Ab 1690 begegnet man zunehmend auch Einheimischen, die sich kompliziertere Fertigkeiten des Zieglerhandwerkes angeeignet hatten

Anzahl der gebrannten Ziegel entlohnt! ZIEGELHERSTELLUNG

Die Herstellung der Ziegel blieb über Jahrhunderte hin ähnlich. So verwundert es denn auch nicht, wenn häufig vergleichbare Vorgänge in allerdings nur knapp formulierten Einträgen der Rechnungen des Landesbauamtes festzustellen sind. Vor dem Brand von Ziegeln in periodisch brennenden Öfen, wobei die Ziegler im Herstellungsverfahren eigene Erfahrungen einbrachten, waren einfache, aber aufwändige Handarbeiten vorzunehmen, so das Stechen des Lehms, das Entfernen von Ästen und Wurzeln, das so genannte «Auswintern»37, das Kneten zu einer gleichmässigen Masse, das Einsumpfen in ausgemauerten oder mit Holz ausgekleideten Gruben und das Trocknen an der Luft (Abb. 4). Solche Arbeiten dürften wohl schon immer auch Einheimische im Nebenerwerb

13


Abb.4: Lehm wird in die Form gedrückt. Hinten Ofen und der Bau eines Gebäudes aus Ziegeln. Kupferstich von Jost Amman (1539–1591), 1568.

14

gemacht haben. Damit die Ziegel dichter und fester werden, wurden sie auch in die Presse am oberen Landsgemeindeplatz transportiert und dort aufgebeigt.37 Zentrale Tätigkeiten wie das Streichen von Hand unter Verwendung von «Modeln» und «Brettern» wurden wohl anfänglich nur von Angestellten des fremden Zieglermeisters bewerkstelligt. Zudem standen diese ihrem Vorgesetzten beim Brandvorgang zur Seite, bedurfte es hier doch einiger Erfahrung; so war der Brand Tag und Nacht zu überwachen. Damit der Brand, auch derjenige des Kalks, gerate, hatten zuvor die Väter Kapuziner aus dem nahen Männerkloster den Ofen einzusegnen («benedicieren») oder eine heilige Messe zu lesen. Ab 1808 war der Pfarrer von Appenzell zuständig. Noch im 20. Jahrhundert nahm man eine rituelle Handlung vor, indem bei der Entfachung des Feuers ein geweihter Palmenzweig verbrannt wurde.38 Nach dem Brand wurde der Equipe um den Ziegler von der Obrigkeit ein Löschwein, auch «ablöschwin» genannt, verabreicht. Daran nahmen zwischen sechs und zwölf Männer teil. Wegen seiner Tätigkeit in der Ziegelhütte erhielt eine Person zu Beginn der 1720er Jahre einen speziellen Übernamen: das «Ziegelmandli».39

Abb. 5: Detail aus: Jakob Girtanner, Ansicht des Hauptfleckens Appenzell, 1586.

BAUGESCHICHTE

Die zu Beginn der 1560er Jahre errichtete Ziegelhütte wurde erstmals im Jahre 1586 von Jakob Girtanner (um 1527–1660) in einer Ansicht des Dorfes Appenzell abgebildet (Abb. 5).40 Das obrigkeitliche Gebäude in Riegelbauweise befindet sich zwischen der überdimensional dargestellten Schiessscheibe des Schützenhauses und dem Dach des Chors der Pfarrkirche. Gut erkennbar ist, dass es schon damals mehrstöckig war und ihm auf der rechten Seite ein auch in schriftlichen Quellen bezeugter Vorschopf angebaut wurde. Da die Ziegelhütte sich ausserhalb des Dorfes befand, taucht sie in alten detaillierteren Ansichten von Appenzell lange nicht mehr auf. Jedoch lassen sich in den Rechnungen des Landesbauamtes Hinweise zu baulichen Veränderungen an der Gewerbebaute oder sogar zu Neubauten finden, auch dass die Ziegelhütte zu anderen Zwecken verwendet wurde. Am 18. Februar 1606 wurde im Geheimen Rat anlässlich einer Sitzung der Neubau einer Ziegelhütte beschlossen. Nötig wurde dies, da ein Sturmwind das Gebäude umgeworfen hatte und «dan man alhier ohne ziegel nit langen sin khönne».41 Nachdem im Jahre 1754 auch ein


weniger Energie erforderte und dessen Gebrauch zudem unabhängig von der Witterung war. Es war ein Ofen, der aus massigen Steinen unter Verwendung von Mörtel aufgemauert war und im Inneren eine Futtermauer aus Backsteinen zur Rückstrahlung der Hitze besass. Die rechteckig angelegten Mauern dürften an der Basis eine Stärke von fast zwei Metern aufgewiesen haben, die nach oben hin gleichmässig bis auf etwa 60 Zentimeter abnahm. Wohl gab es an der unteren Ofenseite Schürgassen und an der Ofendecke Zuglöcher, mit denen sich das Feuer durch Abdecken oder Öffnen steuern liess. Im Kamin wurde die durch das Feuer erwärmte Luft nach oben abgeführt, so dass Gase und Rauch abgezogen und unten an den Öffnunstarker Wind dem Gebäude zugesetzt hatte, musste erneut ein Neubau errichtet werden.42 Schon einige Jahrzehnte zuvor, 1657, wurden auf der Ziegelhütte umfangreiche Bauarbeiten bewerkstelligt. Ein Hinweis darauf ist die auffallende Höhe der dazu ausgegebenen Beträge.43 Die Ziegelhütte wurde im 17. Jahrhundert teilweise für andere Zwecke verwendet. So hatte Peter Hersche 1627 nach seiner Wahl zu einem Brunnen- und Wegmeister 1627 «herberg in der ziegelhütten» zu nehmen.44 Gestattet war eine Behausung auch armen Leuten, laut Ratsbeschluss vom 8. August 1675 nur dann nicht, «die weil man selbiges nothwendig in anderwegs zue gebrauchen hat».45 Die Erwähnung von Abbrucharbeiten des Hauses in der Ziegelhütte (1640) 46 lässt darauf schliessen, dass die Ziegelhütte ein Komplex zusammenhängender oder dicht aneinander gebauter Gebäude war: die Ziegelhütte mit dem Brennofen, das Ziegelhaus mit einer Stube und Wohnungen sowie ein Schopf. DER OFEN, DAS HERZSTÜCK

In der Ziegelhütte befand sich ein geschlossener Ofen, der im Gegensatz zu einem Meiler

gen mit neuem Sauerstoff angereicherte Luft das Feuer weiter anfachte. Dadurch konnten die zum Brennen von Ziegeln erforderlichen Temperaturen zwischen 950 und 1‘000 Grad Celsius erreicht werden.47 Zufolge der vielen Einträge in den Rechnungen des Landesbauamtes hatte man in Appenzell den Brennofen ständig instand zu setzen. Gut möglich ist, dass er nach einer gewissen Anzahl von Bränden ganz oder nur teilweise neu zu errichten war, wobei man sich des vorhandenen, noch geeigneten Materials bedient haben dürfte. Für das Jahr 1789 sind umfangreiche Änderungen am Brennofen belegt.48 Damit war neun Tage lang als Ziegler auch ein auswärtiger Spezialist, nämlich Meister Johann Haslacher aus Bruggen, beschäftigt. Ebenso oblag diesem während je vier Tagen und Nächten die Verantwortung über den Brandvorgang. Vier Jahre später liess man den Ofen neu anstreichen.40 In der zweiten Hälfte der 1820er Jahre wurde ein neues System eingeführt. Darauf deuten in den Bauamtsrechnungen von 1826/27 und 1827/28 sehr grosse Beträge und für diese Arbeiten verwendete, allerdings auch unklare

15


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
A858827876 leseprobe 01 by Verlagshuus - Issuu