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Hans Briegel Wienacht

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Buchumschlag: Dorfansicht vom Büchel her nach Süden. Vorsatz vorne: Flugaufnahme Wienacht um 1940. Vorsatz hinten: Flugaufnahme Wienacht aus dem Jahre 2005.

© 2017 Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN: 978-3-85882-771-5 www.appenzellerverlag.ch


Inhalt 7 Vorwort 9 Kurze Ur- und Frühgeschichte

Geschichte des Dorfes vom 12. bis ins 19. Jahrhundert 15 Baustile und Baugeschichte 22 Wein und Stein, die Gewichte unserer Geschichte 34 Brot und Kolonialwaren, Kohle und Petrol 36 Schmieden und Hämmern 39 Leinen und Seiden, Weben und Sticken 41 Schulbauten und Schulbetrieb 45 Berühmte und bekannte Persönlichkeiten 51 Heilkunst und Heiler 56 Sänger, Schützen, Turner 59 Wirten, Höckeln und Hocken 61 Strassen und Bahnen 66 Krieg und Frieden 11

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Geschichte und Geschichten von Häusern und Familien

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Haus Nr. 3: Briegel / Dorfbrunnen Haus Nr. 11: «Lindengarten» / Bernhardsgrütter / Fässler Haus Nr. 1: «Kapf» / Tschirky Haus Nr. 30: «Landegg» / Möhl / Maier / Asylanten Haus Nr. 24: «Alpenblick» / Bernhardsgrütter / Asylanten Haus Nr. 26: Einsele Haus Nr. 12–14: Heiniger / Mattarel Haus Nr. 15: «Felsenberg» / Sturzenegger / Zolliker Haus Nr. 6–7: Mettler / Bösch / Thoma Haus Nr. 4: Bänziger / Eicher Haus Nr. 2: Niederer / Graber / Siegenthaler Haus Nr. 18–21: «Schäfli» / Meier Haus Nr. 27: Bärlocher / Spitzli Haus Nr. 33: Zuber / Heiniger Haus Nr. 37–38: Hohl / Ziegler Familie Bernhardsgrütter Ergänzendes und Fragmentarisches Wienachtslied Anhang

83 99 102 108 111 113 117 120 124 125 129 133 133 135 136 141 145 148


158 160 160 161 162 163 164

Nachlese Ergänzendes Ein grosser Dank ‌ Dank Literaturverzeichnis Bildnachweis Personenverzeichnis


Vorwort Wienacht gehört zur Gemeinde Lutzenberg im Appenzeller Vorderland. Mehrere geschichtliche Besonderheiten prägen diese Gemeinde. Die Einwohner evangelisch-reformierter Konfession gehörten nach der Reformation zuerst der paritätischen Kirche in Thal an. Nachdem 1790 die reformierte Kirche Buechen erbaut wurde, wählten die Einwohnerinnen und Einwohner den näheren Kirchweg nach Buechen. Was heute aussergewöhnlich wirkt, war in früherer Zeit für mehrere ausserrhodische Gemeinden Normalität. Das geografisch zum Kurzenberg zählende Lutzenberg wurde erst 1634 eine eigenständige Gemeinde. Seit damals weist Lutzenberg zwei räumlich getrennte Ortsgebiete auf, einerseits Wienacht-Tobel und anderseits Haufen-Brenden. Für Wienacht typisch waren während langer Zeit spezielle Berufszweige: der Weinbau, der Sandsteinabbau und die Heilkunde. Im Jahr 1536 erhielt die Kirche Thal 4500 Liter Wein vom Kurzenberg, namentlich auch aus Wienacht-Tobel. Ein erster Nachweis für in Wienacht gebrochene Steinplatten erscheint 1570, und am 6. September 1651 wird Steinbrecher Hans Hohl als Plattenlieferant für Kirchenbauten in Heiden, Appenzell und Rorschach genannt. Auf das frühe 19. Jahrhundert gehen erste Nachrichten von Tierärzten und Heilkundigen zurück. So ist 1827 von Tierarzt Johann Heinrich Hohl die Rede. In Unter-Wienacht wirkte Naturarzt und Bauer Johann Jakob Hohl-Bänziger 1831 als Ratsherr. Mit der 1875 gebauten Rorschach-Heiden-Bergbahn begann die Zeit des Tourismus, wobei in heimischen Gasthäusern und Hotelbetrieben auf ausländische Gäste bald Flüchtlinge aus aller Welt folgten. Charakteristisch für Wienacht ist einerseits das Fehlen einer reichen Oberschicht und anderseits, dass in etlichen Häusern mehrere Familien wohnten. Die Bauweise dieser gewöhnlichen, architektonisch unspektakulären Häuser nimmt breiten Raum im Buch ein. Wienacht ist eine kleine Welt, worin Architektur, Wirtschaft und Bevölkerung als Spiegel dieses Mikrokosmos von Bedeutung sind. Präsent sind auch die Bewohner von Wienacht. Zu den anderswo prominent gewordenen Einheimischen gehörten Leute wie Johann Jakob Tobler (Toblerone) oder Jakob Hartmann (Chemifäger Bodemaa). Ferner spielten Zuzüger aus anderen Kantonen eine massgebliche Rolle. Zu letzteren gehörte die mit den Liegenschaften Kapf, Lindengarten und Alpenblick verbundene Familie Bernhardsgrütter, die ab 1875 in Wienacht lebte. 1936 verstarb Naturarzt Albert Bernhardsgrütter, der neben

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seinem Hauptberuf als Gemeindegerichtspräsident, Gemeinderat, Vermittler, Kantonsrat und Bezirksrichter gewirkt hatte. Dazu kontrastieren die schlichten einfachen Lebensläufe der fünf Kinder des Ehepaars Bernhardsgrütter-Möhl, wobei Hilda als jüngste Tochter auch die Mutter des Autors Hans Briegel wurde. Die 1902 geborene und als frohmütig geltende Tochter Alice wurde ins Internat Schurtanne nach Trogen gebracht, wo sie die Sekundarschule absolvieren sollte. Da die sensible Alice unter starkem Heimweh litt, lief sie eines Tages zurück nach Wie­ nacht, worauf die überraschte Mutter ihr einen Apfel gab mit den Worten: «Jo, denn goscht halt wider!» Peter Witschi Staatsarachivar Appenzell Ausserrhoden 1986–2016


Kurze Ur- und Frühgeschichte Das Werden und die Gestalt der engeren Umgebung, die man täglich sieht und beschreitet, kann durch einen geologischen Rückblick gedeutet werden. Seit über 200 Millionen Jahren wurden Gebirgsmassen durch Erosion abgetragen. Dieser Verwitterungsschutt des werdenden Alpengebirges bildete verschieden feine und gröbere Ablagerungen, die Molasseschichten, in denen die verschiedenen Sandsteine gepresst wurden. Für die Gegend von Wienacht bedeutend sind die obere Meeresmolasse (vor 22 bis 16 Millionen Jahren entstanden) und die obere Süsswassermolasse (vor 16 bis 5 Millionen Jahren entstanden). Unsere Vorfahren eröffneten Steinbrüche zum Abbau dieser Gesteinsschichten. Noch 1900 wurde von Buechen, Wienacht bis Unterbilchen hinauf an über vierzig Stellen Sandstein gebrochen. Die Spuren davon sind bis heute als mehr oder minder tiefe Narben sichtbar. Während der Alpenfaltung vor etwa acht Millionen Jahren, als sich auch die Säntiskette aufschichtete, wirkten kräftige Schiebekräfte, sodass die Molasseschichten zu Bruchschollen deformiert wurden, welche die vertrauten Höger und Töbel des Appenzellerlands bilden. Vor rund vierzehn Millionen Jahren erfolgten Vulkaneruptionen in diesen Molasseschichten. Deren Schlote wurden später als erstarrte Lavapfropfen durch Erosion freigelegt und bilden die heute markanten steilen Felsgipfel des Hegaus, welche den Wienächtler Fernhorizont im Nordwesten prägen, besonders bei sommerlichen Gewitterstimmungen oder Sonnenuntergängen. Vor rund zwei Millionen Jahren begannen die Eiszeiten, und die Landschaft wurde während einer Million Jahre mehrmals von Eiskappen überdeckt. Nach deren Abschmelzen war der Bodensee entstanden. Die sogenannte Nacheiszeit, das Holozän, begann vor etwa 10 000 Jahren. Etwa vor 40 000 Jahren erschien in Europa der Mensch, Homo neandertalensis, alsbald gefolgt vom Homo sapiens. In der Region Bodensee hinterliessen die Pfahlbauer die ersten Spuren: Töpferwaren, Schmuckstücke und Waffen aus der Stein- und der Bronzezeit. Vom 7. bis 5. Jahrhundert vor Christus lebten hier keltische Völker. Einer ihrer Stämme waren die Helvetier. Vom 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr. wurden sie von den westgermanischen Alemannen bedrängt. Dann waren die Römer während rund 300 Jahren die ordnende und organisierende Macht. In vor- und frühchristlicher Zeit war das spätere Appenzellerland weitgehend Niemandsland. Die Kultur der Römer war geprägt durch ihren

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Die Besiedlung der Schweiz durch die Römer und ihr Strassennetz – etwa zur Zeit des 1. Jahrhunderts nach Chr. Man beachte die Verbindung zwischen Bregenz und Arbon (Bohnenblust 1974, S. 23.)

1 Octodurus (Martigny) 2 Viviscus (Vevey) 3 Minnodunum (Moudon) 4 Aventicum (Avenches) 5 Petinesca (bei Studen südöstl. v. Biel) 6 Salodurum (Solothurn) 7 Vindonissa (Windisch) 8 Tenedo (Zurzach) 9 Colonia Augusta Raurica (Augst) 10 Leusonna (Lausanne) 11 Urba (Orbe) 12 Ariolica (Pontarlier) 13 Eburodunum (Yverdon)

14 Colonia Julia Equestris (Nyon) 15 Genava (Genf ) 16 Comum (Como) 17 Bilitio (Bellinzona) 18 Curia (Chur) 19 Magia (Maienfeld) 20 Brigantium (Bregenz) 21 Arbor Felix (Arbon) 22 Ad Fines (Pfyn) 23 Vitudurum (Winterthur) 24 Aquae (Baden) 25 Turicum (Zürich) 26 Kastell Irgenhausen

Strassenbau. Im Zuge ihrer Kolonisierung bildeten die Römer ein Strassennetz über die Alpen, ins Rheintal und an den Bodensee nach Brigantium, dem heutigen Bregenz. Von dort mied die Strasse das sumpfige Seeufer und führte südlich des Buchbergs und des Steinigen Tischs nach Arbor Felix, heute Arbon. Wo immer die Römer ihren Fuss hinsetzten und für den Rebbau günstiges Gelände erkannten, hinterliessen sie den Weinbau, so auch im Rheintal und am Buchberg.

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Im Laufe der Völkerwanderung zerfiel das Römische Reich. Die Alemannen drangen vorwiegend aus westlicher Richtung in appenzellische Regionen vor. Im 11. Jahrhundert wurden innerrhodische Gebiete besiedelt. Im Vorderland sind erste Siedlungsnamen aus dem 14. Jahrhundert bekannt, beispielsweise Wienacht 1325. Nachdem 719 die von Gallus 612 gegründete Klause durch Abt Otmar zum Kloster erhoben und 724 das Kloster auf der Reichenau durch Pirmin gegründet wurde, bildete der Bodensee einen kulturellen Kristallisationspunkt mit grosser Ausstrahlung. Abgesehen von der religiösen Bedeutung dieser Klöster beruhte ihre Kultur im Wesentlichen auf der Pflege künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens, das seinen Niederschlag in einem reichen Schrifttum fand. Immer wieder gab es hochbegabte, geistreiche Mönche, die als grossartige Künstler und Lehrer hervorstachen. Die Klöster bildeten ein ganz Europa umspannendes Netz kirchlicher Zentren. Allmählich entstanden politische Spannungen, welche auch Land und Volk im Appenzellerland betrafen. Nach der Reformation kam es zu religiösen Konflikten. Kirchliche und weltliche Mächte erhoben Ansprüche auf Ländereien und Höfe; das führte dazu, dass viele Siedlungen und Weiler zum ersten Mal aktenkundig wurden. Ortsnamen des nördlichen Appenzeller Vorderlandes erscheinen in Urkunden anfangs des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal: Wienacht in Lutzenberg 1325, ebenso Grub, Riemen, Heiden, Wolfhalden. Um 1460 wurde in Trogen eine Kapelle zur Kirche erhoben, und 1474 erlaubte Abt Ulrich Rösch von St. Gallen den Leuten oberhalb des Rorschacherbergs in Grub eine eigene Kapelle zu Ehren des Heiligen Gallus zu errichten.

Geschichte des Dorfes vom 12. bis ins 19. Jahrhundert Das Werden des Dorfes Wienacht liegt im Halbdunkel des Mittelalters, aus dem nur wenige schriftliche Zeugnisse erhalten sind: als gelegentlich genannter Hof solchen Namens, erwähnt dank des Weinbaus und später dank der Sandsteinbrüche. Vor dem 16. Jahrhundert vermögen die Historiker keine Gebäude zu nennen. Möglicherweise handelte es sich bis dahin lediglich um Hüttchen oder Stadel zur Bewirtschaftung der Obstbäume und Reben, die auf dem gerodeten, sonnenseitig stark geneigten Gelände gediehen. Erst später, nach weiteren Rodungen, wurden Holzhäuser in Strickbauweise errichtet, wohl im Zusammenhang mit der beginnenden Steinbrecherei, welche permanente Wohn­ gelegenheiten nötig machte. Das ostwärts tiefer gelegene Tobel ist wahr-

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scheinlich etwas früher von Thal her besiedelt worden und blieb deshalb mehr dorthin orientiert, während die höher liegenden Höfe sich eher nordwärts, dem See, Wartensee und Rorschach zuwandten. Der immer wieder überraschende Name verdankt seinen Ursprung höchst wahrscheinlich den jährlich abzuliefernden Zehnten, sei es nach Rorschach oder nach Wartensee, wie Germanist Stefan Sonder­egger schreibt. Die Edlen von Rorschach hatten ihre Gebiete in Zins­regionen zu Martini oder zu Weihnachten eingeteilt; so wurden gewisse Höfe z’wienachten zinspflichtig und nicht, wie sonst üblich, zu Martini. Die erste Erwähnung von 1163 nennt die Höfe Wienacht und Tobel als zu Thal kirchhörig, wo in der Nähe der römischen Heerstrasse Bregenz-Arbon seit der Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert eine erste, später mehrmals erweiterte Kirche bestand. 1325 erscheint Wienacht in einem Abgabenverzeichnis von St. Gallen als Flurname für ein Hofgut, während 1350 die Höfe Wienacht und Tobel als zur Vogtei Wartensee gehörig genannt werden. Gemäss einer Urkunde aus dem Jahr 1366 hatten die Ritter von Rorschach das niedere Vogteirecht auf Hof Wienacht (Wihenneht) inne. Die beiden Brüder Eglolf und Rudolf von Rorschach schenkten Land und Gut dieser niederen Vogtei Wihenneht und Tobel am 13. September 1366 ihrer Mutter Clara von Sulzberg. Offenbar waren bereits im 14. Jahrhundert weite Teile der Region gerodet und urbar gemacht worden. Den Werdegang des seltenen Dorfnamens Wienacht illustriert folgende Liste mit orthographisch-phonetisch verschiedenen Hof- oder Dorfbezeichnungen: 1163   Wienacht und Tobel 1366  Wihenneht und Tobel 1474   Uely Thoblers hoff uff Wienecht 1536   Caspar uff Wienacht Witwa uff Wienacht 1540   Caspar Toblers guetter uff Wienacht, genant Schlarain item hoff Wienacht 1550   Caspar uff Winacht Johannes Tobler der jung … ab seinem baumgarten auff Wienacht Conradus Tobler … gut in der Bündt, stosst an das gut genant Grub an Uely Toblers gut … hoff auff Wienacht und andere güter der Tobler dasellbst 1555   Zehnten … nun abgelöst ist, sind folgende erstlich der hoff Wienacht genant

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1556   Conradt Dobler uff Wienecht in einem Streit mit dessen Brüdern Ulrich und Kaspar 1574   hoff Lynden [?] und Wienecht 1581   Vater Hans Tobler … Hans Bischofberger … uf Wynacht ob Tobell Caspar und Cunrat die beid Tobler uf Wiennächt Da bis weit ins 17. Jahrhundert auffallenderweise fast immer ein Tobler erwähnt wurde, ist es denkbar, dass es sich trotz orthographischer Unterschiede immer um dieselbe Sippe Tobler handelte. Am Kurzenberg traten immer wieder Meinungsverschiedenheiten über Grenzen sowie Zinszahlungen und Abgaben auf. Ein typischer, lokaler Streitfall zwischen Landleuten von Appenzell und solchen von Thal/Rheineck im Wortlaut: Anna Toblerin, yetz zu˚ Junckherschwil in Gossower kilchspel, sagt eidlich aus, dass ihr Vater Hans Tobler und ihre Mutter Margareta Eggerin jhe und allweg im Kräyen habend aichlen glesen, öpfell ufglesen, kriesi gewunnen und ettwan die schwin mit inen genumen, und sye inen sölliches nie gewert oder gespeert, und hab sy, zügin, selbst söllichs gebrucht; und dann im Hattenriett hab man inen söllichs ouch nie gwert; darzu˚ hab sy ouch aichlen glesen uf dem Wueratt. Ihr Ehemann Hans Bischofsberger sagt aus, er sei uf Wynacht ob Tobell erboren und erzogen und hab nie gehört, das die ussm Reinthal den anstossenden landtlütten an den strittigen gmainweckhen das aichlenlesen, opss und kriese gewert habend, und er, züg, hab ettwan ab der gmaind kriechen haimtragen, und wisse er anderst nit, dann holltz und velld seye gar gmain, nichtz ußgenommen noch ußgeschlossen; man sye aber vor zytten nit so nachsüechig gwesen und so wyt uss dem land herab geloffen, allso habend die Rintaler nit so gar wyt hinuf getriben. – Datum in der pfalltz dess gottshus Sant Gallen sambstags den 6. monatstag Maij 1581.

Daraus geht hervor, wie bescheiden die Lebensgrundlagen waren. Man war darauf angewiesen, in Wald und Feld zu ernten, was die Natur bot; man liess die Schweine selbst ihre Eicheln suchen. In anderen Fällen waren Holzfrevel zu klären: Verstecken und Stehlen war auch im Krähenwald verbreitet. Und wie damals gilt auch heute in ländlichen Gebieten, dass man Brauchbares vom Boden auflesen dürfe, denn Feld und Wald seien frei, wie jener Bischofberger zu Protokoll gegeben hatte. Ausserdem erstaunt, wie gewisse Dialektworte sich bis heute erhalten haben: Ops für Obst oder Kriesi für Kirschen.

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Interessant an diesen Protokollen ist die Erwähnung von Baumgärten anno 1550, sogar alten, so der gut ald baumgarten uff Wienacht des Johannes Tobler. Folglich geht der Obstbau in Wienacht gut 500 Jahre zurück: Obstbäume waren seit mindestens 1500 angepflanzt worden. Die Probleme mit Kornzehnten zeigen, dass offenbar auch der Getreideanbau, Gerste und Hafer im 15. Jahrhundert, einträglich gewesen sein musste. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts erscheinen Weinzehnten in den Urkunden. 1540 wurden Reben vom Hofe Wienacht erwähnt. Interessant ist folgende Bemerkung aus dem Jahr 1555: seit der Kornlösung gepflanzte Reben. Damals war der Kornzehnten abgelöst, umgewandelt oder ergänzt worden durch Weinzehnten, da man in der Zwischenzeit mit dem Rebbau begonnen hatte. Dies betraf erstlich den hoff Wienacht. Die Tole wird 1546 erstmals namentlich erwähnt im Zusammenhang mit Baumgärten und Obstkulturen. Es ist zu vermuten, dass Rebpflanzungen am sonnenexponierten Südhang des Büchels vorkamen, vielleicht bis hinauf zur Landegg und möglicherweise auch an der Schwendihalde. Es ist denkbar, dass das 1540 genannte Schlarain diesen Hang bezeichnete, und dass der 1536 genannte Jäg an der Dorfhalde sich vielleicht auf diesen Büchelhang bezogen hatte. Um 1570 finden die Steinplatten von Wienacht Erwähnung. Im 17. Jahrhundert begegnet man neuen Familiennamen, was auf eine vermehrte Besiedlung der Höfe Thal und Wienacht schliessen lässt. Zur Zeit des Dreissigjährigen Kriegs von 1618 bis 1648 trugen Baschli Hohl, Ueli Niederer und Ueli Tobler von Wienacht das Landfähnlein (Landesfähnrich). Anlässlich einer Steuerschätzung von 1656 in Lutzenberg wird Bartholome Bänziger als reichster Mann in Wienacht erwähnt. Für 1661 wird ein Hans Niederer, Metzger in Wienacht und Tobel, vermerkt, und 1659 erbaute Ueli Tobler den «Rebstock», einen mehr dorfeinwärts liegenden Vorläufer (Nr. 110) des späteren Restaurants Rebstock (Nr. 112). Durch Grossratsbeschluss in Trogen wurde der Kurzenberg 1666 aufgeteilt in die Gemeinden Wolfhalden und Heiden mit je eigener Kirche, während Wienacht-Tobel und Haufen-Brenden zur Gemeinde Lutzenberg vereint wurden, kirchhörig zu Thal. Wienacht wechselte nach dem Kirchenbau 1790 zur Kirche Buechen. Im 19. Jahrhundert, nach den Wirren der Helvetischen Republik (1798–1803), folgten von 1810 bis 1812 eine Wirtschaftskrise, 1816/17 eine Hungersnot und 1830/31 eine Teuerung. Ein entscheidender Punkt war die Einrichtung der kantonalen Gebäudeversicherung in den 1820/30erJahren. Das hatte zur Folge, dass die Liegenschaften und Eigentümer schriftlich erfasst wurden. Im Grundbuch der Gemeinde Lutzenberg sind

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seit etwa 1850 Unterlagen vorhanden, weshalb für die einzelnen Liegenschaften kaum ältere Auskünfte vorliegen. In den Assekuranzlisten wurden in Lutzenberg 89 Liegenschaften erfasst, davon 32 mit Torkeln. Für den Weiler Wienacht wurden im Bevölkerungsverzeichnis der Pfarrei Thal folgende Zahlen an Haushaltungen genannt: 13 im Jahre 1634, 15 für 1649 und wieder 13 für 1661. Von 1597 bis 1798 hatte sich die Bevölkerung Ausserrhodens etwa verdoppelt auf rund 39 400 Einwohner trotz der Pestwellen von 1610/11, 1628/29, 1635 und der Hungersnot von 1771/72.

Baustile und Baugeschichte Da die Höfe Wienacht und Tobel bereits in der appenzellischen Urkundensammlung 1366 und mehrmals im 15. und 16. Jahrhundert erwähnt wurden, müssen solide Häuser bestanden haben. Zu diesen Zeiten waren dies – wie in den übrigen Teilen des Appenzellerlands – die typischen, traufständigen Tätschhäuser mit ihren flachen Dachneigungen, wovon in Wienacht aber keines erhalten ist. Hier entstanden seit dem 17. Jahrhundert mehrgeschossige Neubauten, denn nach Ende des Dreissigjährigen Kriegs setzte ein markantes Bevölkerungswachstum ein und damit verbunden eine rege Bautätigkeit. 1835 nannte Gabriel Rüesch in seinem Gemälde der Schweiz für die Gemeinde Lutzenberg vier Abteilungen oder Weiler mit je einer eigenen Schule folgende Einwohnerzahlen: Wienacht 147 in 20 Häusern, Tobel 138 in 21 Häusern, Brenden 206 in 34 Häusern, Haufen und Kellen 366 in 47 Häusern. In Wienacht betrieben die Einwohner nebst Landwirtschaft Obst- und Weinbau, namentlich aber die Steinbrecherei sowie die Seidenweberei und -stickerei. Aufgrund stilistischer Merkmale wurden die im Vorderland ältesten erhaltenen Häuser – ohne die freistehenden Stadel – von Eugen Steinmann in den Baudenkmälern des Kantons Appenzell Ausserrhoden den 1640er-Jahren zugeschrieben, also gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges. Dabei bilden die Strickbauweise, eine teilweise Verkleidung der Ostfassade mit Stemmtäfer, die mit Bretter verschalten Strickköpfe sowie die typischen Rillenfriese entscheidende Merkmale. Letztere sind am Hause Nr. 3 als einem der ältesten in Ober-Wienacht gut erkennbar. Stemmtäfer an den Vorderfronten kamen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf und sind typisch für die Ostschweiz. An der südöstlichen, der Morgensonne zugewandten Hauptfront waren Schindeln ein Zeichen von Wohlstand. Bei einer Dachsanierung 2006 wurde deshalb im Ostgiebel des Hauses Nr. 3 zuoberst die Jahrzahl 1650 angebracht.

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Die nach Steinmann zeittypischen Rillenfriese trifft man auch im Tobel, in der Schwendi und in der Unterau an; weitere Rillenfriese dürften auch anderweitig vorhanden sein, wurden aber im 19. Jahrhundert oft mit Maschinenschindeln, oft bis zum First, zugedeckt. Auch vorderseitige Täferungen bis zum First stammen aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Vorderfront des Hauses Nr. 3 ist ein Stück alter Verglasung erhalten: handgefertigte flache Glasscheiben mit sichtbaren Flussfehlern in der Glasmasse, die nach Meinung der Denkmalpflege aus dem 17./18. Jahrhundert stammen dürften, und die vorherigen Butzenscheiben ersetzten. Auf der Wetterseite wurden nach dem Dreissigjährigen Krieg die Bretterschalungen oft durch Holzschindeln ergänzt weil Eisennägel vermehrt aufkamen. Die typisch ostschweizerischen Zugläden wurden vorderfrontig vor allem von unten hochgezogen, während sie auf den rückwärtigen Wetterseiten von oben am Lederriemen fallend montiert wurden. Viele der sonnenwärts positionierten appenzellischen Bauernhäuser verfügen über einen oder zwei Webkeller, ebenerdig oder zuweilen halb im Erdboden eingegraben, oft aus dem Sandstein gehauen. Diese zeichnen sich aus durch ein schmales Fensterband auf halber Höhe, ausgerichtet auf die Sonnenseite für eine maximale Helligkeit sowie eine konstante Bodenfeuchtigkeit. Ursprünglich führte eine enge Holztreppe direkt in die Stube hinauf, verschliessbar mit einem Falldeckel im Stubenboden. Das war weit verbreitet, so auch in Nr. 11 und 12. Sehr oft finden sich in diesen Häusern auch grosse, tiefe Keller mit teilweise schönen Steingewölben. Im Kreuzfirstbau ist der Stadel quer ans Heemetli angebaut und bietet Platz für mehrere Kühe, je nach Wohlstand der Besitzer oder Weidefläche einer Liegenschaft. In der Abbildung sind die Häuser dieser frühesten, recht einheitlichen Bauphase aufgrund dieser typischen Stilelemente rot markiert, um den ursprünglichen Baubestand des Dorfes darzustellen. Diese Bauten stellen im heutigen Bild von Ober-Wienacht den eigentlichen Altteil des Dorfes aus der Mitte des 17. Jahrhunderts dar: Häuser Nr. 1 bis 7, 9 sowie sieben weitere in Unter-Wienacht. Diese erste Bautätigkeit in Wienacht war begleitet oder bedingt durch eine deutliche Zunahme der Steinbrecherei, die im 17. und 18. Jahrhundert einsetzte. Eine historische Ansicht dieses ursprünglichen Dorfteils Ober-Wienacht gibt Johann Ulrich Fitzi in seinem Stich aus dem Jahre 1826 wieder, als er alle Appenzeller Dörfer zeichnete. Dazu passt eine anonyme fotografische Postkarte aus dem 19. Jahrhundert, aufgenommen vom Than, und eine heutige Fotografie, aufgenommen 2008 an demselben Standort.

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Zur Baugeschichte von Wienacht ■  «Alt-Wienacht» mit 18 Wohnhäusern aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, weitgehend unverändert bis zur heutigen Zeit.

■  Bauzustand nach der zweiten Bauphase am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Bautätigkeit seit den Weltkriegen sowie freistehende Stadel sind nicht berücksichtigt.

Eine weitere Fotografie zeigt die Dorfansicht bis 2016. Was die alten Häuser betrifft, sind die drei Ansichten nahezu deckungsgleich! Ein eindrückliches Zeugnis für Fitzis präzise Stechkunst. Offensichtlich hat sich der aus dem 17. Jahrhundert stammende Dorfkern, abgesehen von einigen freistehenden Stadeln und Ställen, bis ins 19. oder gar 20. Jahrhundert erhalten. Eine stilistisch und zeitlich ähnliche Baugeschichte hat auch der auf einer relativ schmalen Terrasse über dem namengebenden Mattenbachtobel liegende Weiler Tobel. Im Vergleich zu Wienacht fällt er als eine für das Appenzellerland einzigartig geschlossene, enge Siedlung auf, die sich dank der im 19. Jahrhundert angelegten Umfahrungsstrasse unver-

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A Ober-Wienacht vom Than aus gesehen, im Wandel der Zeiten: A   Federzeichnung von Johann Ulrich Fitzi 1821. B   Postkarte, anonym, etwa 1865–1900. C   F otografie, Februar 2008. D   Fotografie, April 2016.

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ändert erhalten hat. Die auf dem Land atypische Häuserdichte deutet auf die Beschäftigung der Bevölkerung hin, die mehrheitlich Heimarbeit und Rebbau betrieb, jedoch kaum Viehwirtschaft, dies im Gegensatz zur lockeren Streusiedlung im land- und viehwirtschaftlich geprägten Weiler Wienacht. Ausserdem beschränkte die schmale Terrasse das überbaubare Land. Ein hoff Tobel wird erstmals 1474 erwähnt und 1550 ein hauss und hoffstatt in hoff Tobel stosst an die gemeinen landstrass, wohl das heutige enge Dorfgässchen. Wahrscheinlich handelte es sich bis ins 16. Jahrhundert um einen Einzelhof. Unschwer lässt sich eine zweite Bauphase erkennen, in der Abbildung Seite 17 blau markiert. Diese umfasst die Gebäude im vorklassizistischen Stil aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Auch hier gab es einen mehr oder weniger einheitlichen Bauplan mit zwei- oder vierfach symmetrischen Dachgiebeln und Fassaden, meist bedeckt mit halbrunden Maschinenschindeln auf mehrheitlich ungestrickten Wänden; Stadel und Remisen waren oft freistehend oder fehlten. Diese Häuser erinnern an die klassizistischen Neubauten in Heiden, die dort nach dem Dorfbrand vom 8. September 1838 nach einheitlichem Muster errichtet wurden. Vielleicht war es ein genereller, zeittypischer Stil, denn überall in der Ostschweiz findet man solche Häuser, auch im schweizerischen Mittelland. In Wienacht sind dies folgende Hausnummern: Felsenberg (Nr. 15), Mettlerhaus (Nr. 6), Schönheim (Nr. 17), Alpenblick (Nr. 30), (ehemalige) Helvetia (Nr. 28), Fernsicht (Nr. 32), Lädeli (Nr. 43), Schulhaus Grund (Nr. 55), einzelne Teile des Hauses Nr. 20. Auch der ehemalige Fünfländerblick, erbaut 1899 von Josef Bischof, Grub, gehörte zu diesem Baustil; am Montag, 19. Februar 1968, brannte er nieder. Dieses Gebäude war 1950 von Josef Eberle, Waldkirch SG, gekauft worden, wechselte etwa 1960 zu Deutschen, die einen Neubau planten, wobei die Gastwirtschaft seit 1962 eingestellt war. Ende 1966 nahm sie die Fünfländer-Verwaltungs AG in Besitz, Pächter war Bernhard Zindel. Die Brandursache konnte nicht geklärt werden. Die gesamte Kuppe des Fünfländerblicks ist seit 1974 geschützt. Das Restaurant Rossbüchel nahebei stammt ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert. Nach vielen Ungewissheiten erfolgte dort 2005 die letzte Renovation. Leider fiel auch dieses aussichtsreiche Restaurant dem Feuer anheim: Am 5. November 2009 brannte in der Morgenfrühe der Ostteil infolge Brandstiftung ab, wurde aber wieder als Restaurant aufgebaut und ist seit 2015 wieder offen. In der Zeit nach dem Ersten bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Wienacht kaum mehr gebaut; danach dafür umso emsiger.

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Dorfansicht aus Nordwesten um 1935.

Dieselbe Ansicht Neujahr 1969.

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