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Öberefahre

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Friedrich Manser Öberefahre

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Friedrich Manser

Ă–berefahre Sennisches Brauchtum im Appenzellerland und im Toggenburg


© 2018 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, ­elektronische D ­ atenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Bild Front: Carmen Wueest Gestaltung: Janine Durot Gesetzt in ITC Stone Serif Std und ITC Stone Sans Std Gedruckt auf Infinity matt Périgord FSC Mix, 135 g/m2 Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN 978-3-85882-737-1 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


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VORWORT Vorliegendes Buch beschreibt die während 200 Jahren in den beiden Appenzell und im Toggenburg bestehende Wirtschaftsform von Heu erzeugendem Heubauer (Heupuur) und Heu verwertendem Heusenn (Heusenn), um so das Wissen darüber der Nachwelt zu erhalten. Charakteristisch für diese Arbeitsteilung ist der Wechsel einer Viehherde im Winter von einem Futterplatz zu einem anderen, also von einem Bauernhof zu einem anderen. Dieser Umzug heisst Öberefahre und läuft Gefahr, vergessen zu werden. Zum Thema gehören einige wichtige Aspekte von Kuh, Kleidung, Butter, Käse sowie Heuverkauf. Mein Vater stand etwa je 25 Jahre lang auf jeder Seite dieser arbeitsteiligen Wirtschaftsform, so dass mir beide Seiten bekannt sind. Mehrere Gewährsleute haben mir mit ihrem Wissen geholfen, wofür ich ihnen danke. Nicht immer war es leicht, unterschiedliche Ansichten zu vereinen. Da gilt das Wort: «We wiit frooged, weet wiit gweese!» (Wer viel wissen will, bekommt viel zu hören.) Ich beschreibe vor allem die Verhältnisse in Appenzell Innerrhoden, in Appenzell Ausserrhoden und in geringerem Ausmass jene im Toggenburg. Sommer 2018 Friedrich Manser Öberefahre im Winter in Urnäsch.


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FAHREN UND ÖBEREFAHRE Fahren bedeutete ursprünglich laut Duden jede Art von Fortbewegung, also auch reiten oder schwimmen. Durch die grosse Bedeutung von Velo, Auto und Bahn hat sich der Sinn von «Fahren» auf die Fortbewegung auf Rädern verengt. Öberefahre bedeutet aber nicht Motortransport von Herde und Begleitung, sondern Fussmarsch. Motortransport wäre öberefüere (überführen). Im Alpsteingebiet denkt man bei Öberefahre an Alpauffahrt (z Beg fahre, iifahre) oder Alpabfahrt (heefahre, usefahre) einer Viehherde.  1 und 2 Der Besuch der Viehschau mit der Viehherde heisst a d Schau fahre.  3 Von etwa 1800 bis 1935 bedeutete öberefahre vor allem die Verschiebung des Senntums

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3 Auf dem Weg von Brülisau zum Ruhsitz 1, Alpabfahrt durchs Brüeltobel 2, Heimkehr von der Viehschau Schwellbrunn 3.


8 vom Talbetrieb des Sennen zur Scheune eines Heubauern (Heupuur) und von dort weiter zu einem nächsten Heupuur (aas Heu fahre) oder wieder zur Heimat des Heusennen. Im Frühling und im Herbst wurde aber auch aas Grääs gfahre (ans Gras fahren). Von der Alpabfahrt bis zur Alpauffahrt verschob sich ein Senntum  4 mit dem die Tiere begleitenden Senn fünf- bis achtmal. Auch mitten im Winter waren Heusenne am Öberefahre. Öberefahre war und ist in beiden Appenzell von grosser wirtschaftlicher Bedeutung, früher als Folge der Arbeitsteilung von Heupuur (Heubauer, Talbetrieb) und Heusenn (Eigentümer des Senntums), heute als Grundlage der Alpwirtschaft (z Begfahre, a d Schau fahre). Mittlerweile ist das Öberefahre zu einer Touristenattraktion geworden, sei es beim Usefahre in Urnäsch oder an der Vechschau (Viehschau) in Appenzell. Öberefahre ist im Appenzellerland identitätsstiftend. Ich denke da an Ausstrahlungen auf Kunsthandwerk (Sattler  5 Küfer  6, Bauernmaler  7, Bauernmalerinnen), Liedgut, Bekleidung, Schmuck, Chlausebickli (handbemalte Lebkuchen an Weihnachten) sowie Stobede (Tanzveranstaltung auf einer Alp)  8 und Redensarten. Bei keinem Berufsstand finden wir so viele Lieder und Jodel wie beim Senn oder Puur, schlechthin beim Älpler. E hett kee guet Schölle (in Ausserrhoden: Schelle) mee (sein Ruf hat leicht gelitten) oder seb ischt oosennisch (etwas ist ziemlich daneben, laienhaft) sind geflügelte Worte im gesamten Alpsteingebiet.

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Zwischen Schwende und Lehmen 4.

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Stobede auf der Hochalp 8, zwischen Ruhsitz und Alp Soll 9.

Neustens haben Senn und Fahren eine moderne Verbindung gefunden. Ich meine die eilige Fahrt mit einem Motorfahrzeug von der Alp zum Talbetrieb und umgekehrt. Für den Senn kann es zu teuer sein, während des ganzen Tages eine erwachsene Person beim Senntum auf der Alp zu verpflichten. Also pendelt das Alppersonal zwischen Alp und Talbetrieb. Tagsüber bleibt die Hütte leer, die Tiere sind unbeaufsichtigt, wenn der Hirte im Tal Erntearbeiten nachgehen muss. Oft wird die Hütte an Feriengäste vermietet, nicht nur ausserhalb der Alpzeit, nein, auch im Sommer. Für den Besitzer ist die Hütte dadurch oft lukrativer als die Alp selber. Während sich früher beim Öberefahre die Tiere zum Futter hin verschoben, geschieht heute immer häufiger das Gegenteil: Das Futter wird in der Form von Heu oder Silage von den kleineren Bauernhöfen, ob Pachtbetrieb oder Eigentum, zum Stammbetrieb transportiert.

ZAHLEN Unter Öberefahre wird hier immer die Verschiebung des Senntums mit den drei Schellkühen und den begleitenden Sennen verstanden. Daneben aber gibt es auch den Ortswechsel einer Viehherde mit nur einer Füeeschölle (Führschelle) und entsprechend kleinerer Begleitung. Senn meint den Mann vor den Schöllchüe, aber auch den Besitzer des Senntums, der auch Puur oder Heusenn heisst. Die drei bis vier Männer hinter den Schöllchüe nennt man auch Senne, es können Verwandte oder Bekannte sein, oft sind es Berufsleute, die als Helfer einspringen. Die zwei Männer i de Geele (in den gelben Hosen) nennt man Geelhösle  9 oder Vorsenn und Zusenn. Vor den Schöllchüe geht der Senn (ob Sohn oder Knecht), hinter den Schöllchüe gehen die Sennen, und zuhinterst folgt der Senn mit dem Hund. Senn kann auch das gesamte Senntum mit dem Sennen bezeichnen.


12 Ausserhalb des Alpsteins, in weiten Teilen der Schweiz wie auch in Bayern und Österreich, bedeutet Senn die Person, welche Butter und Käse herstellt. Der Mann bei den Kühen heisst Hirt. Die Alphütte heisst dort deshalb Sennerei. Zu den Zahlen, deren Nichtbeachtung oosennisch (laienhaft) ist. Zom z Begfahre ond zom Usefahre (Alpauffahrt, Alpabfahrt) gehören: 1 Gässbueb (Ziegenbub)  10, Vorsenn (ohne Stecken), mit dem ersten Fahreimer  11, Zusenn (in Ausserrhoden ganz links, in Innerrhoden zweiter Mann von links), mit dem zweiten Fahreimer  12, ohne Stecken 1–2 Springbuebe (Laufjunge), ohne rots Liibli, ohne Hut  13 1 Senn ohne rots Liibli (rote Weste), ohne Hut, nur in Innerrhoden üblich  14 1 Wäädschölle (Weidschelle), mit Heu/Stroh stillgestellt  15 1 Melkstuhl, an einer Kuh oder auf dem Kopf des Stiers festgebunden  16 1 Striegel und 1 Bürste, einer Kuh um den Hals gehängt 1 Jutesack, einer Kuh um den Hals gehängt

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1 Puur (bruus Liibli, Hut) mit einem Hund  17 Stierführer (ohne Liibli) mit einem Stier  18 1 Ledi (nach eigenen Regeln gebunden) mit Fuhrmann, sennisch oder mit Fuhrmannsbluse  19 1 Suwage (Wagen mit Schweinen), nur in Ausserrhoden, selten 2 Schöllestecke (gebogene Schellenstecken)  20 2 Fahreimer  21

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Auf dem Weg von Brülisau zum Ruhsitz 22, zwischen Ruhsitz und Alp Soll 23, zwischen Plattenbödeli und Alp Sigel 24 und 25.

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3 Schöllchüe mit Schölle  22 4 Sennen hinter den Schöllchüe  22 5 oder 7 oder mehr Ziegen, eine Gäss-Füeeschölle  23 18 oder mehr Stück Grossvieh, alle ausser Schöllchüe mit Chuechettere (Kuhkette)  24 Die Anzahl der Kinder in der Tracht hinter den Geissen ist je nach Familie verschieden.


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