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Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Karl Uelliger – Jahrzeitenwanderer Simone Schaufelberger-Breguet

Appenzeller Verlag


Unterstützt durch die Kulturförderung des Kantons St. Gallen.

1. Auflage, 2013 Copyright: © Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Gestaltung: Silvana Hügli Reproduktionen: Toni Küng, Fotograf, Herisau Satz und Druck: Appenzeller Druckerei, Herisau. Gesetzt in Univers und gedruckt auf 170 g/m2 Magno Satin, halbmatt. Bindung: Schumacher AG, Schmitten ISBN: 978-3-85882-655-8 www.appenzellerverlag.ch


Inhalt

7 Vorwort 9 Das «Selbst» zwischen Ich und «Ur» 26 Unterwegs durch Land, Raum und Zeit 40 Poet und Philosoph

50 Das religiöse Werk 62 Uelligers «Krippenvolk»

66 Aussteiger aus dem Zug der Zeit 66 Jahreszeiten 70 Frühling 74 Sommer 75 Herbst 76 Winter 78 Zeit 81 Raum und Zeit, Zeit-Raum

82 Tanz Tod Totentanz 82 Tod 84 Tanz 86 Totentanz 92 Zwischen Geburt und Tod

94 Suche nach Ganzheit

98 Lebenswerk – Lebensbuch 101 Farbenlehre 102 Holzschnitt 103 Skulptur und Relief 104 Schrift 105 Hinterglasmalerei 106 Innerer Rahmen 108 «Bild im Bild» 108 Kreis-Räume 110 Lebenstuch 110 Aquarell und Musik 111 Die Frage nach der Kunst 111 Rezeption 112 «Ja ich male und Zeichne auch» 118 «Schüürlilüt»

122 (Keine) Bauernmalerei 130 «Mutter, ich bin Maler geworden» 138 Das Uelligerhaus

142 Anhang 142 Karl Ulrich Uelliger – Lebensstationen 145 Ausstellungen 147 Bibliographie 149 Anmerkungen und Bildnachweis 151 Dank


Vorwort

Karl Uelliger ist ein Künstler, der sich nicht einordnen lässt. Das wollte er so, das war ihm wichtig. Er ging seinen Weg konsequent. Er ist ein Meister der Farben und Formen, der Poesie, des Wortes. Als Wanderer, täglich unterwegs, sammelte er das, was ihm die Natur schenkte. Er schaute hin, hörte hin, nahm die Düfte wahr, die ihn umgaben. Seine Seele wurde erfüllt von allem, von oben und unten, von innen und aussen. Er war ein geselliger Mensch, ein guter Beobachter. Er liebte die Leute und das Zusammensein mit ihnen. So erfüllt, kehrte er heim. Karl Uelliger ging ins Atelier, machte sich Gedanken, was er ausdrücken wollte und in welcher Form. Er sagte einmal, dass es dann sehr schnell ging. Farben bereit, Leinwand, Holz, Papier oder Karton auf die Staffelei gestellt, und den Pinsel malen lassen. «Ich spielte mit den Farben, das Spiel zum Bilde, ich nenne es ‹Es war einmal eine Zauberwelt›, erwacht durch meine gehorsame Arbeit.» (Zitat aus «Skizzen und Notizen») Phantastisch, märchenhaft, mystisch erstrahlt sein Werk. Zufrieden lächelnd geht er noch einmal den Weg, den er soeben sichtbar gemacht hat. – Doch blieb es ihm nicht erspart, zu zweifeln und zu ringen, um das auszudrücken, was er mit seiner Arbeit den Menschen sagen wollte. Schliesslich ging es zur Taufe. Mit seiner Frau Hanna beschriftete er die Bilder in der ihm eigenen Sprache. Sie lässt uns oftmals schmunzeln. Es war eine besondere Gabe. Dieser Einfallsreichtum. Dieser Wortschatz. Wer ist, wer war Karl Uelliger? Niemand wird es je wissen. Er bleibt geheimnisvoll. Doch betrachten Sie ein Bild, lassen Sie sich hineinziehen in seine Welt. Sie werden etwas von ihm erfahren, etwas wird Sie persönlich berühren. Sie werden ihm begegnen. Madeleine Hunziker, Präsidentin der Karl und Hanna Uelliger Stiftung

Die Karl und Hanna Uelliger Stiftung ist am 26. November 1996 von Hanna Uelliger-Montfort gegründet worden, um das Werk von Karl Uelliger als Beitrag für das Ostschweizer Kunstschaffen lebendig zu erhalten. In der Folge hat die Uelliger-Stiftung Werkgruppen des Künstlers verschiedenen Institutionen der Ostschweiz als Schenkungen übergeben, damit möglichst viele Menschen sich daran erfreuen können. Der Stiftungsrat der Karl und Hanna Uelliger Stiftung: Madeleine Hunziker, Schachen bei Reute AR; Elisabeth Sailer-Weiss, St. Gallen; Dr. med. Jörg Nef, Flawil SG; Hanspeter Schmid, St. Gallen

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Auf seinen vielen Wanderungen sucht Uelliger die Jahreszeiten, thematisiert im Bild «Jahrzeitenwanderer im Jahre Neunzehnhundertvierundachzig». Wir sehen darauf die Gestirne auf ihrer Wanderbahn. Sie werfen ihre Lichtund Schattentupfer auf das Gewand des wandernden Malers, derweil sein Lebensbuch vom Leuchten durchflutet und ein einziges Fenster im Dorf erhellt ist. Der Rundblick des Bilds entspricht dem Kreislauf der Jahreszeiten, aber auch den sich verändernden Farb- und Lichträumen und den fliessenden Zeiträumen. Rechts im Bild beobachtet ein Vogelpaar das Geschehen. Es erstaunte mich nicht, wenn es Hanna und Karl Uelliger wären.

«Jahrzeitenwanderer im Jahre Neunzehnhundertvierundachzig», 1984, Acryl, 125 x 130 cm, Privatsammlung


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Poet und Philosoph

«Ein Nebelweib blieb mir am Wanderstabe hängen». Wie geht ein Künstler am besten mit einem Nebelweib um? Er lädt es ein in sein Bild. Samt flatterndem Kleid für einen Nebelschleiertanz und eindringlichem Flüstern, das auch uns in seinen Bann nimmt. Karl Uelliger macht stets nur leise Andeutungen, ohne etwas so weit auszuformulieren, dass es seinen Reiz verliert. Solche Andeutungen führen uns zu immer neuen Vermutungen und Gedankenbildern. Und dann wissen auch wir, dass es nicht bloss ein Nebelfetzen ist, der an seinem Wanderstabe hängt, sondern ein echtes Nebelweib. «Soll ich dichten, soll ich malen?», lautet ein Bildtitel von Karl Uelliger, «UrGedicht» ein anderer einer mir unbekannten Malerei. Auf seiner Selbstsuche reflektiert der Künstler seine Identität und wägt ab, ob er sich wohl auch als Poet und als Philosoph betrachten darf. Schon in einem frühen Heft findet sich ein träfes Selbstporträt in Kugelschreiber mit beigefügtem Text:

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«O wenn ich ein Dichter wäre würd ich viele Verse schreiben, da ich nun kein Dichter bin, Dicht ich mit dem Pinsel.»

Links: «O wenn ich ein Dichter wäre…», Kugelschreiberzeichnung und Text, aus Notizheft 115 x 85 mm Rechts: «Ein Nebelweib blieb mir am Wanderstabe hängen», 1980, Acryl, 48 x 65 cm, Privatsammlung


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Uelligers «Krippenvolk»

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Über viele Jahre hinweg ist Uelligers Krippe auf 123 Figuren gewachsen, ist sie zum «Krippenvolk» geworden. Nichts Lieblich-Süsses haftet diesen Figuren an. Maria und Josef sind bäurische Gestalten wie die meisten anderen auch. Wie das alte Paar mit der starken Frau, die den irgendwie schutzlosen Mann umfängt. Trägt dieser etwa Karis Gesichtszüge? Urwüchsig wie die Hirten, der Heuballenträger (Seite 99), der Holzfäller (Seite 103), der Strassenkehrer, allesamt aus Holz geschnitzt; das Herbe, Kantige ihrer Erscheinung erinnert uns daran, dass sie die Arbeit gewohnt sind, aber auch der Natur nahestehen. Ihre leichte Bemalung in warmen Tönen hebt den Charakter des Werkstoffs Holz noch hervor. Mit geblähten Backen schenken die Bläser dem Jesuskind ihre schönsten Melodien. Sie sind zu einer Gruppe zusammengefasst wie die Hirten mit ihren – mehrheitlich schwarzen – Schafen. Besonders eindrücklich sind die weniger erdverhafteten Gestalten, die stärker von geistigen Kräften animiert sind. Zu ihnen gehören die drei Weisen. Totemartig sind sie übereinander aufgebaut; keine Könige mit prunkvollen Gewändern, sondern eher Symbolfiguren für Grösse in Schlichtheit und mit höherem Wissen. Ähnlich wie in neapolitanischen Krippen oder bei den «Santons» der Provence lädt Uelliger selbstverständlich alle ein, die dem neugeborenen Kind ihre Gabe überreichen wollen. Selbst der Künstler gehört dazu als Überbringer eines Bilds, auf welchem eine geheimnis- und lichtvolle weibliche Gestalt zu erkennen ist. Mich erinnert diese an Hanna; ein Bild seiner geliebten Frau als kostbarste Gabe wäre bestimmt in Uelligers Sinn. Oder ist es zugleich eine Personifizierung seiner künstlerischen Inspiration? Viele Jahre lang hatte die Krippe ihren Platz im oberen Stock des Uelligerhauses. Mit ihren charakteristischen Figuren schlug sie den Bogen vom biblischen Geschehen zu heute. Ein Besuch bei Uelligers in jener Zeit wurde zu einem einprägsamen Advents-Erlebnis. Die Krippe alljährlich wieder aufzubauen, war zum Ritual geworden. «Heute, am 12.1.82 habe ich wieder mein Krippenvolk in die Nebenklause getragen. Dort warten sie wieder bis zum nächsten Advent Dezember 1982.»60 Aber sein «Krippenvolk», wie der Künstler es nannte, wurde grösser und grösser und richtete sich allmählich definitiv an seinem Platz ein. Uelligers wehrten sich nicht gegen diese Eroberung des Kaminlands, da die Krippen-«Züglete» für sie umständlich geworden war. Die Krippe gehört zu Uelligers Hauptwerken. Freilich lässt sich die Atmosphäre im Uelligerhaus nicht wieder heraufbeschwören. Hanna Uelliger hat die Krippe aber kurze Zeit vor ihrem Tod dem Kloster Fischingen geschenkt. Ein Glücksfall, dass dieses Gesamtkunstwerk hier einen festen Platz bekommen hat und dem Publikum zugänglich bleibt.


Krippe im Kloster Fischingen, Gesamtaufnahme

Altes Paar, 31,5 x 20 cm

Heilige Familie, 35 x 30 cm

Hirtengruppe, 52 x 44 cm

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