Appenzeller Verlag Leseprobe
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O T M A R E LS E NE R
GESCHICHTEN A U S D E R H A F E N S TA D T
Appenzeller Verlag
Dieses Buch wurde ermöglicht mit finanzieller Unterstützung von: Stadt Rorschach Kulturförderung Kanton St.Gallen Kulturhistorischer Verein Region Rorschach Ortsbürgergemeinde Rorschach Stiftung Rotary Club Rorschach-Arbon Arbeitgeberverband (AGV) Rorschach und Umgebung Zürcherische Seidenindustrie-Gesellschaft
Umschlagbild aussen: Fotograf unbekannt, Überschwemmung Rorschach 1926 Umschlagbild Klappen: Stieger Daniel-Johan 1. Auflage, 2011 2. Auflage, 2011 3. Auflage, 2012 4. Auflage, 2017 © Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Redaktion: Marcel Elsener, Roman Elsener Gestaltung: Adrian Elsener Gesetzt in Franklin Gothic Demi und Minion Pro, gedruckt auf 120 g/m2 Lessebo Smooth Natural FSC ISBN: 978-3-85882-579-7 www.appenzellerverlag.ch
I N H A LT S V E R Z E I C H N I S 7
Einleitung
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ALLTAG Barfuss hinter dem Spritzenwagen Bohnen fädeln und Rüebli höhlen Mit Brettern und Fässern den See erobern Ein entsetzlicher Sommersonntag Vom Waschplatz am See zum Biergarten Die Barrierenhauptstadt der Schweiz Scheuende Pferde auf dem Friedhof Die Nasen am Schaufenster platt gedrückt
47 51 55 61 65 73 77
ARBEIT Im Arbeiterzug nach Arbon Samstags einmal wöchentlich ins Bad Die letzte Mühle in der Getreidestadt Es «schmeckt» nach Rorschach «Gute Bude» auf der schwarzen Liste der Nazis Vom Schlachten und Wursten Auf Rorschacher Fels gebaut
83 87 91 95 101 105 111 117 121 125
ORTE & BAUTEN Anbauschlacht und Pergolakitsch im Seepark Wie der Kabisplatz zu seinem Namen kam Ein Kilo «Ibidumm» im Quartierladen Vom Kurhotel zum Lotterquartier Von den Tabakfabriken blieben nur die Tabakianer Verblasster Glanz im Gästebuch Die Flughafenstadt mit Do X und P-16 Endstation Rossbüchel-Kulm Per Schienenauto nach Heiden Aristokratentöchter, Spione und ein Papst
133 137 141 145 149
SCHULE & SPORT Zu Tante Lina und Schwester Ida Klara Den Griffel am Sandstein gespitzt Zittern vor den Osterexamen «La Lettera di Rorschach» – ein mutiger Brief Handball gefördert, Fussball untersagt
155 159 165
Das grosse «R» auf der Badehose Vom «wilden» zum Sozibad Mit Bestzeit durchs «Kanonenrohr»
171 179 183 189 193 195 199 203 209
KULTUR Die Zeit der vollen Kinosäle Ein Seebub als Stuntman in einem Kinospielfilm Abgerissene Säle und ein vergessener Platz Aufregung um eine nackte Schöne Negropont – ein Mahnmal aus der Ägäis Die Kriegstoten einer anderen Zeit Wie Rorschach zu einem «Scheinheiligen» kam Der Obelisk der Toten Das schönste Geläute der Schweiz
215 219 223 229 235 241 245 249 255
PERSÖNLICHKEITEN Der Aufschwung kam aus New York Der Kirchenarchitekt träumte vom Rheinhafen Der Erfinder, der die Starrag gründete Der Jurassier hinter Roco-Vogel und Frisco Der frühe Importeur und Dörrobst-Pionier Aus Afrika in die boomende Kleinstadt Der Kropfchirurg von internationalem Ruf Der Verleger, der den Nazis trotzte Der Bundesrat und «Heissi Marroni»
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EPILOG Man taucht nur dreimal auf…
264 268 269 270
ANHANG Personenregister Bildnachweis Quellenregister Autor und Dank
EINLEITUNG Von einer Hafenstadt namens Rorschach ist hier die Rede; von einer Industriestadt am Bodensee im Laufe des 20. Jahrhunderts, die einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung eingebüsst und manches schöne Gebäude verloren hat. Es tat mir stets weh, wenn während der Jahre des Niedergangs die Stadt schlechtgeredet wurde. Ich liebe Rorschach, und wann immer ich nach Auslandreisen auf die Hafenmauer ging oder vom Rorschacherberg herunterblickte, wusste ich: Hier bin ich zu Hause – und es gibt für mich keinen schöneren Ort in der Ostschweiz. In der Kleinstadt fand ich jene Lebensqualität, die ich als junger Auswanderer in der Weltstadt New York vermisst hatte. Rorschach mit See, Stadt und Berg war immer interessant, voller Geschichten und spannender Menschen. Vielleicht auch darum wollte ich als Bub Journalist oder Radioreporter werden. Es kam anders, aber die erzählerische Neigung konnte ich nach der Pensionierung als Stickereiverkäufer endlich ausleben: Ermuntert vom Leiter der Lokalredaktion, begann ich ab 1999 regionalhistorische und aktuelle Beiträge für die Rorschacher Ausgabe des St. Galler Tagblatts zu schreiben. Dabei folgte ich einer Spur, die mein Vater als Hobbyfotograf bereits in den 1920er-Jahren aufgenommen hatte: Er hielt mit der Kamera fest, was abgebrochen wurde oder sonstwie verlorenging. Und wie schon er mit Bildern, wollte ich mit Worten die Veränderungen in der geliebten Heimat, im Leben der Menschen und in der Natur festhalten und Vergessenes wieder lebendig machen. Das vorliegende Buch enthält eine Auswahl dieser Beiträge, die sich an die formalen Vorgaben einer Zeitung halten – kurz, oder wenigstens nicht zu lang, hoffentlich verständlich und so «objektiv» wie möglich erzählt. Ich habe sie für diese Publikation nur wenig verändert und masse mir nicht an, von einem literarischen Werk zu sprechen. Trotzdem möchte ich zu einem Zitat des spanischen Schriftstellers Jorge Semprún greifen: «Ohne Literatur stirbt die Erinnerung.» Meine Rorschacher Geschichten sehe ich in diesem Sinn: Sie sollen die Erinnerung wachhalten. Und bestenfalls nicht nur den Blick zurück schärfen, sondern Aussichten nach vorn eröffnen. Was gewesen ist, könnte wieder sein, im Schlechten wie im Guten. In meiner Erinnerung bin ich ein jederzeit neugieriger Rorschacher Bub, der fast immer rennend unterwegs war. Das wünsche ich auch meiner Heimatstadt: dass sie in Bewegung bleibt und stets offen für das Neue, das die Zukunft bereithalten mag. Denn von der Nostalgie allein hat man noch nicht gelebt. Aber hoffentlich gerne gelesen. Otmar Elsener
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Mit Ross und Wasser gegen den Staub: Spritzenwagen 1931 mit Fuhrmann Josef Elsener (Vater des Autors).
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Barfuss hinter dem Spritzenwagen An heissen Sommertagen war Strassenstaub eine fast unerträgliche Plage. In Rorschach waren nur die wichtigsten Strassen asphaltiert oder mit «Bsetzisteinen» gepflastert. Die staubigen Nebenstrassen wurden bis Anfang der 1950er-Jahre mit Wasser bespritzt.
Alle sind sie im Sommer hinter dem Spritzenwagen hergerannt. Kaum ein älterer Rorschacher, der sich nicht an dieses Sommervergnügen erinnert: Mit der Redensart «Da bist du ja noch hinter dem Spritzenwagen hergelaufen» bezeichnete man das Kindesalter, ähnlich wie es heute heisst «Da hast du noch im Sandkasten gespielt!» Rudolf Studer, ein Sohn der Fuhrhalter-Familie Studer-Wüest, erzählt aus seiner Jugendzeit: «Der Sommer kam so richtig mit dem Spritzenwagen. Zwei Rosse zogen das schwere Zisternenfahrzeug. Hinten spritzte das Wasser aus den Düsen eines Röhrengestells über die gesamte Strassenbreite. Wir Kinder liefen hinter dem Wagen her und kühlten uns die Füsse. Wir erfanden auch Spiele: Wer trockenen Fusses über die einzelnen Spritzstellen hüpfen konnte, war Sieger.» Nach der Durchfahrt des Spritzenwagens lag der unverkennbare Geruch des Sommers in der Luft. Der Staub wurde vom Wasser gebunden, die Strasse schien zu dampfen. Noch heute lässt manchmal ein Gewitter auf heissen Asphaltstrassen jenen fernen Geruch der Jugendzeit in die Nase steigen. Studer durfte oft auf des Fuhrmanns Sitz mitfahren und den Spritzenmechanismus mit einem Pedal betätigen: «Kam ein Auto entgegen, was damals sehr selten war, musste ich die Spritzen aus- und wieder einschalten, um das Auto nicht zu beschmutzen.»
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Auf Abruf bereit Um die Staubplage zu bekämpfen, zirkulierten sowohl in Rorschach als auch in Goldach Spritzenwagen im Auftrag der Stadt und der Gemeinde. Vereinbarungen mit den Fuhrhalterfirmen Studer-Wüest und Keller in Rorschach sowie Germann in Goldach verpflichteten diese – ähnlich wie heute beim Winterdienst –, sich auf Abruf für das Spritzenfahren bereitzuhalten. Die Fahrzeuge gehörten der Stadt, die Fuhrhalter stellten Pferde und Geschirr. Für die Stadt gab es zwei Routen. Die Signalstrasse galt als Grenze: Westlich davon war Studer-Wüest zuständig. Dort war besonders die vielbefahrene und langansteigende Industriestrasse eine Staubverursacherin. Der östliche Teil war Keller zugeteilt und gab ebenfalls viel Arbeit: Die Wachsbleiche-, Simon-, Tell-, Hub-, Eisenbahn-, die Langmoos- oder die Heidenerstrasse bis hinauf zum «Sonnenhof» waren alle noch nicht geteert. Fuhrhalter Johann Keller, rüstig bis ins hohe Alter, erhielt seine Fahraufträge von Emil Fux, dem langjährigen Werkmeister der Bauverwaltung: «Manchmal galt ein Auftrag nur für einzelne Strassen, dann wieder fuhr ich mehrere Tage lang hintereinander.» Keller hat noch heute die Pöbeleien mancher Strassenanwohner im Ohr: «Seid ihr zu faul? Wann fahrt ihr endlich, der Staub liegt ja schon zentimeterhoch!» Eigenmächtig loszufahren, war aber nicht gestattet. Man hatte den Auftrag des Werkmeisters abzuwarten. Dieser beobachtete die Staubentwicklung, reagierte aber oft erst auf Klagen aus der Bevölkerung. Nichts gemein mit den heutigen Löschwagen der FeuerSeid ihr zu faul? wehr hatten die damaligen Fahrzeuge. Eine grosse Zisterne Wann fahrt ihr endlich, war auf einem Fuhrwagen montiert. Diesen Behälter füllte man bei den wenigen Hydranten und ab den Wasserleitunder Staub liegt ja gen in den Strassenschächten, bis er überlief. Es war harte schon zentimeterhoch! Arbeit, die schweren Dolendeckel inmitten der Strasse mit einem meterlangen Schlüssel zu öffnen, um die Schläuche anschliessen zu können. Die von vielen Fliegen umschwärmten Pferde vermochten den vollen Wagen kaum zu ziehen. Keller wusste seine Fahrten einzuteilen: «Wir befuhren zuerst immer die flachen Strassen und danach die ansteigenden mit halber Ladung. Zudem mussten wir auf die Positionen der Hydranten achten, da eine Füllung in etwa 20 Minuten bereits wieder verspritzt war.» In Goldach, wo nur die St. Gallerstrasse und die Hauptstrasse gepflastert waren, war Fuhrhalter und Landwirt Edwin Germann vom Sonnenberg mit seinen Pferden zum Spritzenwagenfahren verpflichtet. Auch den Goldacherinnen Trudy Fabris und Agnes Gerosa blieb der Spritzenwagen in starker Erinnerung: «Wir warteten mit Ungeduld auf den Wagen. Kaum kam er in Sicht, liefen bereits Scharen von Kindern auf der Rietbergstrasse
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hinter dem Fahrzeug her. Das Peitschenknallen des Fuhrmanns konnte die barfüssigen Buben und Mädchen nicht davon abhalten, die Beine unter das Wasser zu halten.» Alt Fuhrhalter Keller erinnert sich: «Unser Peitschenknallen und vermeintliches Unverständnis für das Nachrennen der Kinder wurden uns von den Erwachsenen oft übelgenommen. Doch wir Fuhrleute waren auch Väter und sahen Gefahren für die Kinder, welche von der Seite her auf die grossen und schweren Räder unserer Fuhrwerke zuliefen.» Asphalt besiegt den Staub Der Verdienst für das Spritzenwagenfahren war mager. Der Tagessatz betrug 45 Franken, und für eine Stunde wurden die Fuhrleute mit 7 Franken entschädigt. «In einem langen Winter frassen die Pferde oft den Verdienst des Sommers wieder weg», sagt Keller und erinnert sich an die strengen Regeln des Bauamtes: «Als eines heissen Sommertages ein neuer Fuhrmann sich in der ‹Friedau› einen Most genehmigte, hielt die Stadt den Tageslohn zurück. Dem Mitfahrer, einem Angestellten der Stadt, der dem neuen Fuhrmann die Route zeigen wollte, wurde für die unerlaubte Pause ein Jahr lang der Stundenlohn um 5 Rappen gekürzt.» Wie viel Staub früher auf den Strassen der Städte und Dörfer lag, bezeugt eine alte Bauernregel: «Märzenstaub bringt Gras und Laub.» In seinen Kassaheften blätternd, stellt Keller fest: «Wir fuhren nicht nur an Sommertagen. 1952 führte ich am 27. Februar noch Schnee weg, doch anfangs März war ich bereits einige Stunden mit dem Spritzenwagen unterwegs. Da muss ein Föhnsturm mächtig getrocknet und Staub aufgewirbelt haben.» Das Ende der Spritzenwagenfahrten kam anfangs der Fünfzigerjahre. Für Keller, der später von Studer-Wüest auch die Fahrten im westlichen Stadtteil übernommen hatte, gab es immer weniger Aufträge. Die Naturstrassen wurden anfänglich mit einer öligen, heute nicht mehr umweltgerechten Beschichtung behandelt – später wurden sie geteert und fein bekiest. Allmählich wurden alle asphaltiert. Kellers Kassaheft verzeichnet die letzte Spritzenwagenfahrt am 30. Juli 1952. Das Ende einer Ära.
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Roco-Inserat: So wurde in den 1940er-Jahren fĂźr BĂźchsennahrung geworben.
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Bohnen fädeln und Rüebli höhlen In den Sommermonaten produzierte die Rorschacher Conservenfabrik Roco Büchsen mit Gemüse aus der Region. Das Fädeln von Bohnen und das Höhlen von Karotten brachten vielen Arbeiterfamilien willkommene Heimarbeit.
«Bohnen zum Fädeln» – heisst es im Inserat der «Conservenfabrik Rorschach» aus den Fünfzigerjahren. Manches Arbeiterkind musste dann jeweils in den Sommerferien seinen Leiterwagen, beladen mit Körben voller Bohnen, mühsam und schwitzend die staubige Industriestrasse hinaufziehen. Erschöpft zu Hause angelangt, ging die Arbeit erst los. Die Bohnen wurden an einem schattigen Platz vor oder hinter dem Haus auf einen Arbeitstisch geleert; und Mutter und Kinder begannen, an jeder Bohne die Enden abzuschneiden. «Das Flinkste in der Familie durfte die Bohnen nach vier Grössen sortieren, die anderen Geschwister spitzelten», erinnert sich die 83jährige Helene Gebert-Keller. Für die Kinder wollte der Berg von ungespitzten Bohnen nicht abnehmen. Singend und sich Geschichten erzählend wurde gearbeitet, immer wieder auf die Uhr blickend, man wollte ja noch in die Badhütte während der Gratis-Eintrittszeit, die von zwei bis vier Uhr dauerte. Sobald die Lastwagen mit Bohnen aus dem Rheintal eintrafen, sprach sich die Nachricht herum. Aus allen Arbeiterquartieren der Stadt zogen die Familien mit Handwagen am Vormittag zum Ausgabegebäude an der Löwengartenstrasse, später an der Industriestrasse, und standen geduldig Schlange. Die Bohnen mussten am späteren Nachmittag wieder zurückgebracht werden. «Mit Abfall» wurde befohlen, weil stichprobenweise die Körbe zusammen mit dem Abfall wieder gewogen wurden, um festzustellen, ob sich da ja nicht eine der bedürftigen Arbeiterfamilien eine Portion Bohnen für die eigene Küche abgezweigt hatte.
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Roco-Inserat für Heimarbeit um 1940.
Einen Franken soll die Roco damals für das unsortierte Spitzeln eines Fünfzehn-Kilo-Korbs Bohnen bezahlt haben, für die Zehn-Kilo-Körbe mit feineren Bohnen, die aussortiert werden mussten, erhielt man 50 Rappen mehr. Je nach Menge der Anlieferungen berücksichtigte die strenge Emma Nägeli, die jahrelang die Heimarbeit zuteilte, zuerst jene Familien, die stets Arbeit annahmen und nicht nur dann, wenn es ihnen passte. So kam es oft vor, dass eine Familie mit dem leeren Leiterwagen oder mit nur einem einzigen Korb Bohnen abziehen musste. Schlimm für Familien in einer Zeit, in der jeder einzelne Franken den mageren Arbeiterverdienst aufbesserte. Besonders fleissigen Familien wurden zusätzlich Bohnen zur Bearbeitung am Abend und Rücklieferung am folgenden Morgen zugestanden. Tückische Kinderarbeit Die Heimarbeit begann im Juli mit dem Höhlen von Karotten, die vor den Bohnen geerntet und in der Roco tonnenweise verarbeitet wurden. Bei jedem Rüebli musste der Blattansatz ausgestochen werden. Die Roco lieferte je nach Anzahl Kinder in einer Familie mit den Körben gleich auch schaufelförmige, scharf geschliffene Messerchen mit. Die Arbeit war für Kinder nicht ungefährlich, die Messer schnitten oft in die Fingerbeeren, und der erdige Staub auf den Karotten konnte Bindehautentzündung hervorrufen. Helene Gebert erinnert sich heute noch an die Angst vor Gewichtsstichproben bei der Rücklieferung: «Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, halt hie und da eines der frischen Rüebli zu essen.» Ein Korb Karotten ging schneller von der Hand als die Bohnen, umso schlechter war der Lohn, den man alle vierzehn Tage bar erhielt. Im Herbst gab es Heimarbeit mit Rosenkohl. An diesem Gemüse mussten der Bodenteil und faule Blätter entfernt werden. Ausgewählte Familien durften Eierschwämme reinigen, welche die Roco aus dem Puschlav bezog. Doch nicht nur die Roco vergab Heimarbeit. Für Rorschach einzigartig war die Heimarbeit für die Kolonialwarenfirma Hans Buob. «Wir entsteinten kesselweise Zwetschgen durch einen kleinen
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Vor der Conservenfabrik: Mit Erbsen und Rüebli beladene Lastwagen an der Industriestrasse.
Schnitt mit einem scharfen Messer. Wir hüteten uns, die süssen Zwetschgen zu essen. Steine und Früchte wurden bei der Abgabe gewogen», erzählt Trudy Müller-Lüchinger und gibt ein Bild, wie hart die Zeit und wie begehrt der Heimarbeitsverdienst war: «Wir besassen nicht einmal ein eigenes Leiterwägeli.» Die Hans Buob AG war berühmt für ihr Dörrverfahren und belieferte die ganze Schweiz, vor allem die Armee in den Kriegsjahren, mit gedörrten Zwetschgen. An die Roco erinnern heute in Rorschach viele Industriegebäude. Die Bauten an der Industriestrasse, wo jeweils die Lastwagen die Erbsen, Bohnen und Karotten anlieferten, sind renoviert und für neue Betriebe umgestaltet worden. Sollten diese eines Tages Heimarbeit vermitteln, dürfte es sich um Aufgaben handeln, die an Computerarbeitsplätzen erledigt werden. An den Geruch von Erdbeeren und Gemüse, der im Roco-Quartier jedes Jahr je nach Erntezeit die Kinder oft mit Hungergefühlen in den Schlaf begleitete, erinnert sich in Rorschach nicht nur Helene Gebert.
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Segelboote vor dem Kornhaus: Internationales Seglertreffen 1950 im Rorschacher Hafen.
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Mit Brettern und Fässern den See erobern Segeln war ein Sport, der früher Vermögenden vorbehalten war. Mit dem deutschen Wirtschaftswunder und wachsendem Wohlstand in der Schweiz eroberten in den Nachkriegsjahren Jollen junger Segelbegeisterter den See.
Ein Sommersonntag am Rorschacher Hafen um 1950: Menschenmassen drängen sich über die Bahngeleise zu den Ausflugsschiffen, die übervoll besetzt in alle Richtungen auslaufen. Züge bringen Ausflügler aus St. Gallen und aus dem Rheintal an den See hinunter. Für alle, die nicht am See wohnen, ist Rorschach an einem heissen Sommertag ein begehrtes Ausflugsziel. Die Ruderboote des Bootsvermieters Füllemann sind dauernd ausgebucht; seine Schiffe «Rheinlust» und «Luna» (wie auch die Arboner «Arbor Felix») vermögen den Andrang für Fahrten zum Altenrhein und nach Arbon kaum zu bewältigen. Stets ertönt unüberhörbar der Ausruf «Rorschach–Horn–Arbon!». Die Freude, den See individuell zu geniessen, ist kein allgemeines Volksvergnügen, sondern wenigen Seeanwohnern vorbehalten, die entweder einen Fischer kennen oder ein eigenes Ruderboot besitzen. Wohl sieht man einige elegante Segelyachten auf dem See, doch die gehören begüterten St. Gallern. Brettsegler und frühe Windsurfer Die Sommerfreuden von uns Rorschacher Buben sind das Baden und Schwimmen in den Strandbädern der Rorschacher Bucht und in der Badhütte sowie das Fischen auf dem Kornhausquai oder auf der Hafenmauer. Den weiten See lernen die meisten Kinder erstmals auf einer exklusiven Dampfschifffahrt mit den Eltern kennen. Sich einmal selber auf den zu See wagen, wird natürlich zur Leidenschaft vieler Seebuben. Wir treiben uns auf der Hafenmauer herum und hoffen, von einem Fischer
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zum Rudern mitgenommen zu werden. Oder wir basteln mit Fässern und Brettern Flosse, die wir in den Sommerferien barfuss auf Kinderwagengestellen zum Schlipf beim Kornhausquai oder ins Rietli ziehen. Die ersten Seefahrten währen nicht lange – die Wellen eines Weststurms reissen meistens die Fässer los, und wir Buben retten uns, uns an die Bretter klammernd, ans Ufer. «Kommt mir niemals mit solch seeuntüchtigem Zeug an den See!», wettert der Hafenruedi, wie der Rorschacher Hafenmeister von allen genannt wird. Die Goldacher Buben holen sich derweil auf Bauplätzen breite Bretter, auf denen sie sich noch lange vor der Erfindung des Windsurfens vom Rietli zur Badhütte treiben lassen, indem sie, auf den Brettern balancierend, einen aufgespannten Regenschirm in den Wind halten. Bootsbau gemäss Buben-Bauplänen Im damals populären Jugendbuch «Helveticus» finden sich Baupläne für ein Paddelboot – genau das, was uns Buben bisher gefehlt hat! Wir erhitzen Eschenlatten mit heissem Wasser in einer Röhre und biegen sie zu Spanten, über das Gerippe nageln wir alte Lastwagenblachen oder Zeltbahnen. Das Geld für echte Holzpaddel verdienen wir uns mit Rudern für die Fischer. Und siehe da: Die Boote schwimmen, und man wagt sich aufs offene Wasser, doch anders als in der Strömung eines Flusses ermüdet das Paddeln auf dem See, wir beneiden die unerreichbaren Yachten, die mit vollen Tüchern lautlos über den See gleiten. Das ist es, Segel müssen her! Bald hängen an Masten aus Bambusstecken Stoffe, geschnitten aus Leintüchern, von den Müttern genäht. Gesteuert wird mit einem Seilsystem wie bei den Seifenkisten auf den Strassen. Die Boote segeln, aber nur vor dem Wind. Reklametafeln aus Eisen, am Kielholz befestigt, lösen das Abdriftproblem. Jetzt können die Boote gegen den Wind aufkreuzen, und das Segeln wird für viele Quartierbuben zur neuen Leidenschaft. Und dann kommen wir in die Lehre als Handwerker oder als Angestellte. Der an vielen Arbeitsplätzen tägliche Blick auf den See verstärkt nur den Traum von Boot, Wind und Wellen. In den Nachkriegsjahren kommen die ersten Selbstbaupläne für Segelboote auf, die mit dem ersten selbstverdienten Geld erstanden werden. In langen Abenden bauen wir in winterkalten Ateliers oder Garagen Piratjollen aus Lärchenholz, befestigen die Planken mit unzähligen Kupfernieten, leimen den Mast aus Holz und schleifen ihn oval ab. Dann bangen wir jungen HobbyBootsbauer um die Erteilung des Messbriefs für diese Einheitsjolle, schliesslich wollen wir Regatten segeln. Die strengen Vermesser des Segelverbandes USY vergleichen jedes Mass detailliert mit den Bauplänen und verweigern einem ungenau gebauten Boot das Dokument.
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