Werner Meier M A S K E N TÄ N Z E S C H E L L E N K L A N G
Appenzeller Verlag Leseprobe
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Werner Meier
M A S K E N TÄ N Z E S C H E L L E N K L A N G Ausdrucks- und Gestaltungsformen im Brauch des Silvesterchlausens Texte zu den Bildern: Hanspeter Spörri
Appenzeller Verlag
DA S R I T U A L . . . ÂŤDas Ritual analysiert nicht, sondern integriert, es differenziert nicht, sondern verbindet.Âť DĹževad Karahasan
Wir schreiben den 31. Dezember. Die Appenzeller Landschaft liegt unter einer dicken Schneedecke. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen. Eine milchige Hochnebeldecke hüllt Ihre Umgebung sanft ein; Sie stehen – warm gekleidet – abseits naher Wohnhäuser, mitten auf einer bescheidenen Anhöhe und lauschen den Geräuschen eines anbrechenden Tages. Schwach erkennen Sie auf einem beidseits eingezäunten Feldweg zu einem Bauernhof, in dessen Nähe Sie stehen, einige dunkle Schemen, Schattenbilder, die sich – eins hinter dem andern – dem Gehöft nähern. Sehen Sie, was Sie zu sehen glauben? Oder täuscht Sie das mühsame Absuchen des geahnten Wegs, nur weil Sie zu sehen hoffen, was Sie sehen möchten? Doch da vernehmen Sie aus der Richtung des Bauernhofs das sanfte Einsetzen eines eigentümlich rhythmischen Schellens und Rollens, das zu einer wilden und vollen Komposition anschwillt, nach und nach ausklingt und mit dem letzten Schlag einer tiefen Schelle verstummt. In die Stille hinein folgt eine langsame, melancholische Melodie, begleitet von einfachen choralartigen Harmonien. Es ist Silvester. Die Chläuse gehen um, wüste, schön-wüste und schöne ziehen von Haus zu Haus. Als Erstes erscheint der Vorrolli, mit federndem
Schritt folgen die Schellenchläuse, voraus derjenige mit den kleinsten, zuletzt derjenige mit den grössten und tiefsten Schellen. Den Abschluss macht der Nachrolli. Sie schellen und rollen, was das Zeug hält. Die Rollenweiber beruhigen sich als Erste, dann folgt der erste Schelli und zuletzt schwingt nur noch der Überschlagschelli seine schweren Schellen hin und her. Es folgt ein Zäuerli. Kaum verklingen die letzten lang gezogenen Töne, fangen die Rollenweiber ganz sachte an, mit Schulterrollen und hüpfenden Tanzschritten die Eisenklumpen in den Rollen in Bewegung zu setzen. Das Rollen verstärkt sich, und in der umgekehrten Reihenfolge, wie sie vorher aufgehört haben, chlausen nun auch die Schelli mit. Diese Bewegungen der Schelli, dieses Tanzen und Drehen der Rolli, aber auch das Melancholische der Zäuerli versteht Werner Meier in seinen Bildern einzufangen und zu verdichten. Und das gelingt ihm, der selber als Nachrolli über Jahre am Silvester Ende Jahr und am Alten Silvester, dem 13. Januar, von Hof zu Hof gezogen ist, auf ganz besondere Art. Zum Silvesterchlausen gehören aber auch die Landschaft, die Architektur und die Wetterstimmungen. Bei der unsere Gegend charakterisierenden
typischen Streusiedlung ist das Stapfen, Staksen, Trippeln, vorsichtige Vorwärtstasten und Laufen der Silvesterchläuse von Haus zu Haus ebenso Bestandteil des Brauchs wie das Rollen und Schellen, das ausgelassene, mitunter wilde Tanzen der Chläuse, das Zauren und das Anwünschen eines guten neuen Jahrs. Wie standen wir als Kinder doch oft erwartungsvoll vor dem Haus, werweissend, ob der entdeckte Schuppel bei der Gabelung den Weg zu uns oder zu den Nachbarn nimmt, erfreut, wenn die Wahl zu unsern Gunsten ausfiel, mässig enttäuscht, wenn wir links liegengelassen wurden. Dann bewegten eben wir uns, taten es den Chläusen gleich und zogen von Hof zu Hof, schlichen uns hinter dem Stall des Nachbarn hervor und lauschten ehrfürchtig den Darbietungen. Erstaunt es da, wenn Werner Meier in seinen Nachklängen neben den Akteuren auch der Landschaft, einzelnen Häusern, Fassaden und Fenstern den ihnen zukommenden Platz bietet? Und das Wetter? Das Silvesterchlausen lässt sich davon nicht bestimmen. Ob dichtes Schneegestöber, ob Mark und Bein durchziehende Bise, ob peitschender Regen, ob Föhnstimmung und Sonnenschein, der alte Brauch zum Jahreswechsel findet so oder so statt. Aber man wird – je nach Wet-
terlage – von der einen oder andern Art der Chläuse weniger oder mehr antreffen. Die kunstvoll gefertigten Hauben und Hüte, die farbenfrohen Gewänder der Schelli und Rolli eignen sich weniger gut fürs nasse Wetter als die mit Reisig, Stechlaub, Heu, Stroh, Schilf, Holzwolle, Laub und Tierfellen gefertigten Anzüge der schön-wüsten und wüsten Chläuse. Das Dämonische, das Wilde und Ungestüme kommt dem schlechten Wetter entsprechend bei den letztgenannten Gattungen daher auch deutlicher zum Ausdruck als bei den schönen Silvesterchläusen. Werner Meiers Bilder sind Aussensichten und Innensichten gleichermassen; er gestaltet als Betrachter hinter der Larve Dinge, die sich vor seiner Maske abspielen. Er ist Teil dessen, was er malerisch umsetzt. Johannes Schläpfer, Trogen
S I LV E S T E R M O R G E N Der Blick auf die Winterlandschaft ist ein schweifender, ein fast beiläufiger, fragmentarischer Blick. Die Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet.
Licht, Weite.  Ein ferner Horizont.
U NTERWEGS Von Gehรถft zu Gehรถft, von Haus zu Haus, von Geschichte zu Geschichte.
ARCHAISCH Gesichter und Fratzen, erkannt im Wuchs der Wurzeln und im Staudengeflecht.