Petra Ivanov · Angst, Haas und Wellness
Appenzeller Verlag Leseprobe
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Petra Ivanov
ANGST, HAAS UND WELLNESS Regio-Krimi
«Angst, Haas und Wellness» entstand im Auftrag der Bad Zurzach Tourismus AG. Das Geschehen spielt an realen Orten im Flecken Bad Zurzach, die Figuren, ihre Handlungen und Charaktere sind jedoch frei erfunden.
1. Auflage, 2010 2. Auflage, 2010 3. Auflage, 2012 4. Auflage, 2017 Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Anna Furrer Gesetzt in Janson Text Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN: 978-3-85882-529-2 www.appenzellerverlag.ch
Für Christel
I
1. Der Fleck hatte die Form eines Kruges. Ein dicker Tropfen hing am Schnabel, als könne er sich nicht entschliessen zu fallen. Der dunkelrote Bauch des Kruges wölbte sich nach vorne, nur am äussersten Punkt der Rundung fehlte ein Spickel. Von blossem Auge war die Aussparung kaum sichtbar. Doch Martin Angsts Auge war geschult. Mit der Taschenlampe untersuchte der Kriminaltechniker die Umrisse des Flecks, weitere Unregelmässigkeiten entdeckte er jedoch nicht. Langsam stand er auf. Unter seinem Schutzanzug sammelte sich der Schweiss. Der Wetterbericht hatte Höchsttemperaturen von bis zu 32 Grad vorausgesagt, im Dachstock des ehemaligen Widumhofes in Bad Zurzach war es mindestens fünf Grad wärmer. Einen Moment lang bereute Martin Angst, sich Arbeitskleidung übergestreift zu haben. Die Tatortarbeit war seit einer Woche abgeschlossen, er hätte also in kurzen Hosen und T-Shirt kommen können. An Gewohnheiten hielt er jedoch gern fest. Ausserdem war nicht auszuschliessen, dass seine Aargauer Kollegen etwas übersehen hatten. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Fehler überall passieren, wo Menschen im Einsatz stehen. Als studierter Physiker verliess sich Martin lieber auf Naturgesetze als auf Menschen. Eine Tat zu rekonstruieren, indem er Blutspuren ausmass, um anschliessend trigonometrische Berechnungen anzustellen, vermittelte ihm ein Gefühl von Sicherheit. Auftreffwinkel, Aussparungen und Konvergenzbereiche folgten Regeln, die ihm vertraut waren. Warum jemand den Schädel einer Frau zertrümmerte, war ihm hingegen ein Rätsel. Verena Zimmermann war 52 Jahre alt gewesen, als sie ermordet worden war. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens 9
hatte sie damit verbracht, ihren halbseitig gelähmten Vater zu pflegen, der im letzten Winter einer Lungenentzündung erlegen war. Sie wurde als gutmütig, hilfsbereit, sogar als aufopfernd beschrieben. Geheiratet hatte sie nie, obwohl sie sich laut Freunden eine eigene Familie gewünscht hatte. Neben der Leiche von Verena Zimmermann hatte die Aargauer Kantonspolizei ihren drei Jahre jüngeren Bruder gefunden, eine blutverschmierte Holzplastik der Heiligen Verena in der Hand. Seinetwegen war Martin Angst hier. Denn Paul Zimmermann behauptete, nichts mit dem Tod seiner Schwester zu tun zu haben. Der Polizei gegenüber hatte er zu Protokoll gegeben, er sei von einem Unbekannten niedergeschlagen worden, als er seine Schwester besuchen wollte. Wie die Mordwaffe in seine Hand geraten war, konnte er nicht erklären. Ebenso wenig, warum er den Siegelring seines verstorbenen Vaters in der geballten Faust versteckt hatte. Martin liess den Blick durch den Raum schweifen. Der Dachstock war vor einigen Jahren zu einem Wohnzimmer ausgebaut worden. Eine Sitzgruppe aus hellbraunem Leder war um einen Glastisch plaziert, ein antiker Schrank aus massivem Kirschbaumholz stand an der Aussenwand. Unter der Dachschräge befanden sich ein Sekretär, auf dessen Schreibfläche einige geöffnete Briefe lagen, sowie eine Kommode, die an einer Ecke Blutspuren von Paul Zimmermann aufwies. Martin ging vor der Kommode in die Hocke. Die Aargauer Kollegen waren zum Schluss gekommen, der mutmassliche Täter sei nach dem tödlichen Schlag gestolpert, mit dem Kopf gegen die Kommode geprallt und habe daraufhin das Bewusstsein verloren. Martin wäre zum selben Ergebnis gekommen, hätte er den Tatort von blossem Auge inspizieren müssen. Doch er wusste, genau wie 10
die Aargauer Kriminaltechniker, dass die Laboruntersuchungen und vor allem die Auswertung der Blutspuren eine andere Geschichte erzählen konnten. So, wie auch Paul Zimmermann eine andere Geschichte erzählte. Gegen seine Version der Ereignisse sprach jedoch die Tatsache, dass zur Tatzeit alle Türen von innen verschlossen gewesen waren. Deshalb war Martin Angst aufgeboten worden. Als Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich hatte er sich auf Schliessmechanismen spezialisiert. Es gab kaum ein Schloss, mit dem er nicht vertraut war. Seine Gutachten hatten mehr Gewicht als Zeugenaussagen, manchmal sogar mehr als scheinbar eindeutige Beweise. Dass er sich ausgerechnet jetzt für ein verlängertes Wochenende in Bad Zurzach aufhielt, hatten die Aargauer Kollegen als Wink des Schicksals betrachtet. Der Bezirks amtmann hatte einem Gutachten sofort zugestimmt. Weit weniger begeistert über den Auftrag war Martins Freundin Vera Haas gewesen. Beim Gedanken an ihre funkelnden grünen Augen stand er rasch auf. Je schneller er die Arbeit hinter sich brachte, desto rascher konnten sie ihr Wellness-Wochenende fortsetzen, das eigentlich dazu dienen sollte, ihre Beziehung zu kitten. Bis jetzt hatte der Kurzurlaub jedoch hauptsächlich gegenseitige Vorwürfe und Nörgeleien ausgelöst. «Eine Suite?», hatte Vera ausgestossen. «Bist du übergeschnappt? Ich will gar nicht erst wissen, was der ganze Spass kostet!» Martin hatte entschuldigend zur Dame an der Réception des Park-Hotels geblickt und versucht, Vera beiseite zu ziehen. «Lass mich los! Ich bin kein Hund!» 11
«Vera! Hör bitte auf, das ist peinlich.» «Ich bin dir peinlich? Daran hättest du denken sollen, bevor du dich entschieden hast, unser Vermögen für eine Hotelsuite in diesem Kaff hinzublättern!» «Kaff? Ich dachte, Bad Zurzach gefalle dir.» «Du begreifst überhaupt nichts!» Mit einem übertriebenen Seufzer hatte Vera ihren Koffer gepackt. Martin hatte den Meldeschein unterschrieben, den Zimmerschlüssel entgegengenommen und war ihr nachgeeilt. Bereits zweifelte er daran, dass ein paar Tage Erholung etwas zur Überwindung ihrer Krise beitragen würden. Schon die Suche nach einer passenden Destination war mühsam gewesen. Nicht, weil ihre Interessen so unterschiedlich waren, sondern weil sie sich seit Veras Affäre mit einem ehemaligen Arbeitskollegen wegen jeder Kleinigkeit stritten. Sie fanden einfach nicht mehr zusammen. Martin wollte endlich Pläne für die Zukunft schmieden. Dass Vera ihn nicht heiraten wollte, weil sie den Namen «Angst-Haas» für eine Polizistin unpassend hielt, amüsierte ihn längst nicht mehr. Er war fast vierzig. Er wollte Kinder. Und zwar so lange er noch die Energie aufbrachte, mit ihnen Velo zu fahren und Modellflugzeuge zu bauen. Vera ihrerseits schien nicht zu begreifen, warum sich Martin über ihre so genannte Affäre ärgerte. Schliesslich seien es nur einige Küsse gewesen, rechtfertigte sie sich. Als sei die Affäre deswegen bedeutungslos, dachte Martin. Nie würde er Veras Ausdruck während der anschliessenden Heimfahrt vergessen. Sie hatte aus dem Autofenster geschaut, als blicke sie durch die Gitterstäbe einer Gefängniszelle in die Freiheit. Ein ähnlicher Ausdruck lag auch jetzt auf ihrem Gesicht. Wut stieg in Martin auf. «Du hast Bad Zurzach vorgeschlagen!», warf er Vera vor. 12
«Ja, weil dir nichts besseres als Scuol oder Bad Ragaz oder Vals in den Sinn gekommen ist!» Verständnislos sah Martin sie an. «Du begreifst es wirklich nicht!», fuhr Vera fort. «Dann erklär es mir.» Mit einem übertriebenen Seufzer verschränkte Vera die Arme. «Denk nach. Wo wohnen deine Eltern?» «Was haben meine Eltern damit zu tun?» «In Thusis, richtig?» «Ja, aber …» «Ich weiss ganz genau, warum du unbedingt ins Bündnerland wolltest. Damit du jede freie Minute bei deinen Eltern verbringen kannst! Erinnerst du dich an unsere letzten Ferien? Du hast öfter mit deinem Vater gefachsimpelt, als mit mir gesprochen. Und ich durfte mir dauernd Vorwürfe anhören, weil wir immer noch keine Kinder vorzuweisen haben.» Das war es also. Müde schloss Martin die Zimmertür auf. Er hatte geglaubt, Vera einen Wunsch zu erfüllen, als er den Kurzurlaub in Bad Zurzach organisiert hatte. Obwohl ihm Luxus nicht wichtig war, hatte er das schönste Zimmer im Park-Hotel reserviert. Dabei hatte er sich ausgemalt, wie sehr sie sich über seine Grosszügigkeit freuen würde. Die Suite bestand aus zwei Räumen, die durch eine Schiebetür getrennt waren. Neben der Sitzgruppe im Wohnbereich stand ein Beistelltisch mit Blumen und einem Teller Früchte. Martin ging daran vorbei, direkt auf den Balkon zu. Tief einatmend trat er ins Freie. Die Parkanlage sah frisch renoviert aus. Ein Teich mit Seerosen grenzte an eine Terrasse, auf der einige Gäste Kaffee tranken. Hinter dem Bach, der in den Teich floss, befand sich ein Pavillon mit Liegestühlen. Martin hörte eine lachende Frauenstimme. 13
Ihr plötzliches Verstummen regte seine Phantasie an. Er stellte sich vor, wie die Frau geküsst wurde, und fragte sich, ob er Veras Lippen je wieder auf seinen spüren würde. Vera trat neben ihn. «Es tut mir leid.» Martin stützte sich aufs Geländer. «Hast du Lust, das Solebad hier im Hotel auszuprobieren?», fragte sie. «Oder willst du gleich ins Thermalbad?» Eigentlich hatte er gar keine Lust zu baden, dachte Martin. Doch damit würde er die Stimmung nicht heben. Vera bemerkte sein Zögern und schlug einen Spaziergang vor. Offensichtlich bereute sie ihren Ausbruch. Wenn sie sich doch nur beherrschen könnte, dachte Martin, wenigstens ab und zu. Manchmal hatte er das Gefühl, neben einem Vulkan zu leben. Trotzdem liebte er sie. Oder vielleicht gerade deswegen, gestand er sich ein. Ihre Energie riss ihn mit, an ihrer Seite erschien ihm die Welt bunter. Die Ideen gingen ihr nie aus, sie hatte so viele Interessen, dass gar nicht alles Platz fand in ihrem Leben. In letzter Zeit vor allem er nicht. Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben und warf einen Schatten über den Kurpark. Mit grossen Schritten überquerten sie die Wiese. Vera wollte sich das Schloss ansehen, das ihr bei der Ankunft hinter dem Bahnhof aufgefallen war. Als sie las, dass es eine Gemäldesammlung beherbergte, klatschte sie erfreut in die Hände. Martin hatte noch nie etwas von August Deusser gehört. Kurz überlegte er, im Gartenrestaurant auf Vera zu warten, entschied sich aber dagegen. Er folgte ihr durch die hohen Räume und versuchte, den Bildern und den Jugendstildecken gebührend Beachtung zu schenken, doch Kunst interessierte ihn nur am Rande. Vera ihrerseits bemühte sich, so zu tun, als hätten sie sich nicht soeben gestritten. Ihr Lachen wirkte aufgesetzt. Als sie sich dem Ausgang näherten, atmete Mar14
tin erleichtert auf. Während Vera das Bild eines blauen Pferdes betrachtete, das über dem Empfang hing, fiel ihm eine angelehnte Tür auf. Er hoffte, dass sich dahinter keine weiteren Bilder befänden, die Vera entgangen waren. Damit sie nicht sah, dass die Tür einen Spalt breit offen stand, stellte er sich davor. Da hörte er eine leise Stimme. «Ich sage Ihnen, ich kenne dieses Bild nicht. Wir haben hier 1700 Skizzen. Auf keiner einzigen sind zwei Pferde zusammen mit einem Hund zu sehen.» Offensichtlich sprach der Mann am Telefon, denn einen Moment lang war es still. «Schicken Sie mir das Foto per Mail. Aber machen Sie sich keine grossen Hoffnungen.» Als er Schritte hörte, trat Martin rasch von der Tür zurück. Ein Mann um die fünfzig kam aus dem Raum. Er trug eine helle Leinenhose und polierte Schuhe. Seine graumelierten Haare waren nach hinten gekämmt. Als er an der Kassiererin vorbeiging, sprach sie ihn mit «Herr Brem» an. Denselben Namen las Martin eine Viertelstunde später im Schlosspark, wo er ein Stück Aprikosenwähe ass, während sich Vera eine weitere Ausstellung des Bildhauers Ulrich Steiger anschaute, dessen Werke im Park gezeigt wurden. Die Ausstellungsunterlagen, die Vera auf den Tisch gelegt hatte, führten Gustav Brem als Mitglied der Antonie Deusser-Stiftung auf. Martin lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Nacken. Von weitem betrachtete er Vera, die neben einer alten Eiche mit einer Frau in ein Gespräch vertieft war. Wo immer sie hinkam, sofort lernte Vera Leute kennen. Innert kurzer Zeit entlockte sie ihnen ihre Geschichten. In dieser Beziehung, wie in so vielen anderen auch, hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Martin war froh, wenn er sich aufs Beobachten beschränken 15