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Für Anregungen, Informationen und vielfältige Hilfen bedanke ich mich ganz herzlich bei: Inge Ackerhans, Daniel Althaus, Renate Andermann, Oda Bauer, Helga Beilschmidt, Grete Blomeyer, Rosemarie Blomeyer, Cornelia Borchert, Mathilde Brauns, Christa Dickhut, Edelgard Engelhard, Marie Feilke, Heide Fenske, Ilse Fischbach, Hilde Fischer, Doris Fricke, Irma Fricke, Karl Fricke, Ursel Fricke, Alfred Görges, Gisela Groppe, Christine Groß, Irma Haase, Liselotte Hödicke, Gerda Hofmann, Ingeborg Keese, Elsbeth Kempe, Marlis Kosa, Heinz Kühn, Auguste Mai, Ilse Müller-Wennehorst, Ulla Otte, Ilse Pietrucha, Helga Priesing, Inge Reuleke, Helmut Schreckenbach, Anni Sonsalla, Günter Schlieper, Leni Schlieper, Rosemarie Siebert, Thomas Strecker, Anita Sustrate, Inge Sustrate, Heinrich Thiele, Hiske Thiele, Luise Thiele, Frieda Vogelsang, Elisabeth Warnecke, Ursel Woythal, Margarete Ziegenhorn

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

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3. Auflage völlig neu gestaltete Auflage 2025

© Friederike Kaiser

Alle Rechte vorbehalten

Unterstützt durch:

Gleichstellungsstelle des Landkreises Northeim

Herausgeber: Museum Uslar, Am Mühlentor 4, 37170 Uslar

Satz & Layout: Verlag Jörg Mitzkat

ISBN 978-3-95954-177-0

Holzminden 2025

Titelbild: Beim Roggenaufstellen, Familie Fricke-Riemenschneider, Schoningen Foto Rückseite: Frauen in der Küche beim Schlachtefest

Beide Fotos: Sammlung Wolfgang Schäfer

Die Arbeit nahm kein Ende

Frauenleben im Solling

Verlag Jörg Mitzkat

Holzminden 2025

und Mitgift 13 Den freieste! Und denn wars gut. .......................................................

Die Partnerwahl war nicht immer frei

Tanzen konnte jeder ......................................................................................

und Festlichkeiten

15 Eine gute Ernte köstlicher Früchte ..................................................

als Nebenerwerb

16 Wir haben auch mal gefeiert

Erwerbstätigkeit und eigene Rente 18 Man wurde ja danach erzogen .............................................................

Mädchen und junge Frauen in der NS-Zeit 19 Die schlechte Zeit ..............................................................................................

Leben und Überleben im Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegsjahren

20 Mit Pümpel und Waschbrett

Große Wäsche

21 Waschmaschine und fließend warmes Wasser

Arbeitserleichterung durch technischen Fortschritt 22 Suppen, Socken und Solidarität ..........................................................

Frauenvereinigungen im Solling

23 Früher wars gemütlich, aber heute ist es besser. .................

Dieses Buch behandelt die Lebenserfahrungen von drei Frauengenerationen im 20. Jahrhundert. Es basiert auf ca. 50 Interviews und Expertengesprächen, die ich im Rahmen einer AB-Maßnahme im Laufe des Jahres 2009 in Uslar und den umgebenden Dörfern durchgeführt habe.

Die zur lebendigen Darstellung eingefügten Interviewauszüge wurden nur geringfügig nach Kriterien der besseren Lesbarkeit überarbeitet. Heute, 15 Jahre später, sind schon einige meiner Gesprächspartnerinnen verstorben, und ich bin froh, ihre Erinnerungen bewahrt zu haben.

Was die befragten Frauen über die Lebensumstände in der Zeit unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter berichtet haben, ist in seiner Härte und Ungerechtigkeit weit entfernt von jeder Romantisierung des Landlebens. Es nötigt uns aber Respekt und auch Bewunderung ab für ihre Kraft, ihr Durchhaltevermögen und die Gabe, aus allem das Beste zu machen und sich an kleinen Dingen zu erfreuen. In unserer modernen Zeit geht uns das oft ab und wir fühlen uns unzufrieden trotz der Fülle, die uns umgibt. Eine Rückbesinnung auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen, auf das, was wirklich zählt jenseits von ausuferndem Konsum, ist vielleicht etwas, das wir von den alten Landfrauen mitnehmen können.

Die vorliegende Arbeit erschien als Grundlage und als begleitende Publikation zu der Ausstellung: „Die Arbeit nahm kein Ende – Frauenleben im Solling“, die im Frühjahr 2010 im Museum Uslar gezeigt wurde.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Dr. Wolfgang Schäfer und dem Team des Stadtarchivs Uslar für vielfältige Unterstützung, Bereitstellung von Informationsmaterial und Bereitschaft zu konstruktiver Diskussion. Die verwendeten Fotos stammen zumeist aus den Alben meiner Gesprächspartnerinnen; außerdem konnte ich die Bestände des Stadtarchivs Uslar und der Heimatvereine Ahlbershausen, Schoningen, Fürstenhagen und Schlarpe auswerten. Dafür danke ich herzlich.

Mein besonderer Dank gilt den Frauen, die mit einer Offenheit, die mich zutiefst berührt hat, aus ihrem Leben erzählt haben.

Fürstenhagen, im November 2025

Friederike Kaiser

Einleitung

Landfrauen – die bescheidenen Frauen im Hintergrund?

Über das Leben der Landfrauen ist nur selten geschrieben worden. Das ist kein Zufall. Denn der Alltag der weiblichen Bevölkerung von Dorf und Kleinstadt scheint auf den ersten Blick unspektakulär und langweilig gewesen zu sein. Bescheiden und fleißig haben Mädchen und Frauen Haus und Hof bestellt und sind mit größter Selbstverständlichkeit im Schatten ihrer Männer geblieben, die als Bauern, Handwerker oder Arbeiter die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Bewohner des ländlichen Raums wahrgenommen haben. Öffentlich in Erscheinung getreten sind die Landfrauen eher selten, da ihre vielfältigen Arbeitsbelastungen dies kaum zuließen. Sie haben auch keine Zeit gefunden, selbst über ihre Lebensumstände zu schreiben.

Die in dieser Studie untersuchte Region, der südliche Solling, ist gekennzeichnet durch eine überwiegend kleinbäuerliche Landwirtschaft auf hängigen Flächen und steinigen Böden in rauem Klima. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe wurden im Nebenerwerb bewirtschaftet, d.h. ein zusätzliches Einkommen war nötig, um die Existenz der Familien zu sichern. Das Leben der Frauen auf den kleinen und kleinsten Höfen steht deshalb hier im Mittelpunkt, aber auch Frauen aus anderen Lebensmilieus kommen zu Wort.

Die Frauen haben in den letzten 150 Jahren die Hauptlast der arbeitsintensiven und nur wenig technisierten Landwirtschaft getragen. Während ihre Männer in Werkstätten, Steinbrüchen, Fabriken und im Wald tätig waren, haben sie die Ernährung der Familie sichergestellt. Sie haben gehackt, geerntet und gemolken und „ganz nebenbei“ gekocht, gewaschen und geputzt sowie ihre Kinder erzogen und die Alten gepflegt. Wie eine alte Lippoldsbergerin formulierte: „Die Arbeit nahm kein Ende“ (Schäfer 1983, S. 69) und ging vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht. Spätestens mit 50 Jahren hatten sich die Frauen krumm und schief gearbeitet. Nicht wenige starben schon in jungen Jahren.

Das entbehrungsreiche Schicksal unserer Mütter und Großmütter, das den kleinen Wohlstand vieler Familien in der Nachkriegszeit erst möglich gemacht hat, ist heute schon fast vergessen. Meine Arbeit soll deshalb die Lebenserfahrungen dieser „geduldigen“ Frauen, ihre besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten für nachfolgende Generationen bewahren, aber auch den Zeitzeuginnen selbst ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in Erinnerung rufen.

Die Publikation – und die zeitgleich vorbereitete Ausstellung – basiert auf ca. 50 biografischen Interviews, die ich im Jahre 2009 mit Frauen aus drei Generationen im Raum Uslar geführt habe. Die Gespräche habe ich mit

Landfrauen – die bescheidenen Frauen im Hintergrund?

einem Kassettenrekorder aufgenommen und wörtlich abgeschrieben. Die so erhaltenen Lebensberichte sind ein sozialhistorischer Schatz. Sie helfen uns, nicht nur das Sozialverhalten von Frauen, sondern auch unsere Geschichte zu verstehen. Im vorliegenden Buch kommen die von mir befragten Frauen aus dem Solling ausführlich selbst zu Wort. Sie gewähren uns Einblicke in ihr Leben als Kinder, Jugendliche, Mütter und Großmütter und erzählen oft auch von der mündlichen Überlieferung innerhalb der Familie. Der Untersuchungszeitraum umfasst somit das gesamte 20. Jahrhundert und ragt bis in unsere jüngste Vergangenheit hinein.

Meine Gesprächspartnerinnen waren gerne bereit, aus ihrem Leben zu erzählen, obwohl sie „eigentlich gar nichts Besonderes“ mitzuteilen hätten. Einer Frau, die zunächst von ihrer Mutter sagte, sie sei „nur zu Hause“ gewesen, fiel im Laufe des Gesprächs ein, dass diese zusätzlich zwei große Gärten, Tagelohn bei zwei Bauern und die Wäsche für mehrere städtische Haushalte bewältigt hatte. Manche Geschichten müssen erst ausgesprochen und niedergeschrieben werden, damit sie die ihnen gebührende Wertschätzung erfahren! Besonders interessiert haben mich folgende Fragen:

• Wie wurden Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Bäuerin vorbereitet?

• Wie haben sie ihre hohen Arbeitsbelastungen bewältigt?

• Welche Fertigkeiten und Kenntnisse brauchten sie im Alltag?

• Welchen Zwängen waren sie im Dorf und in der Familie ausgesetzt?

• Hatten sie Träume von einem anderen Leben?

• Wie beurteilen sie die gegenwärtigen Veränderungen im Dorf, in der Familie und im Berufsleben der Frauen?

Eingebunden in die ungeschriebenen Gesetze von Familie und Dorf hatten die Frauen kaum Entscheidungsfreiheiten bei der Berufswahl und waren oft auch in ihrer Partnerwahl nicht frei. Ganz selbstverständlich wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Mädchen bekamen sie schon feste Aufgaben zugeteilt, als Jugendliche blieben sie entweder als – geringfügig bezahlte – Arbeitskraft auf dem elterlichen Hof oder sie verdingten sich als Mägde bzw. Dienstmädchen. Als Erwachsene bewältigten sie zusätzlich zur Garten-, Stall- und Feldarbeit noch den aufwändigen Haushalt, manchmal sogar noch eine Arbeit in der Fabrik. Diese – selten hinterfragten – Frauenbiografien in unserer ländlich-kleinstädtisch strukturierten Region blieben trotz beginnender Technisierung bis in die 1960er Jahre nahezu unverändert. Erst mit dem Einzug städtischer Lebensformen, hervorgerufen durch eine erhöhte Mobilität sowie bessere schulische und berufliche Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten, haben sich die Lebensentwürfe und die Lebenswirklichkeit der Frauen auf dem Lande verändert.

Literatur:

Schäfer, Wolfgang: Äten und Drinken uppen Dörpe, Wahlsburg 1983

Die Arbeit nahm kein Ende

Die geduldigen Frauen

Mit dem ersten Hahnenschrei fing mein Tagwerk an und hörte gewöhnlich erst auf, wenn der Wächter Mitternacht verkündete. In solcher Zeit lässt sich viel beschicken, und doch reichte sie oft nicht aus, besonders in der Erntezeit, wenn ich den größten Teil des Tages mit im Felde sein und die Hausarbeit bei Nacht tun musste. Müde und marode aus dem Feld heim, und dann noch alle häuslichen Verrichtungen vor sich! Dass ich da manchmal nicht verzweifelt und davongelaufen bin, ist mir bis heute noch ein Rätsel.“ So lässt Hanshenderk Solljer seine Mutter Engelchristine ihren Arbeitsalltag im 19. Jahrhundert auf einem kleinen Hof beschreiben. (Solljer o. J., S. 108) Friederike von Ohlen, genannt Engelchristine, lebte von 1838 bis 1923 in Fredelsloh. Fast unglaublich erscheint, dass ihre Schilderungen eines arbeitsreichen Frauenlebens auf dem Lande sich nicht grundsätzlich von denen unserer Zeitzeuginnen aus dem Solling oder denen von Bäuerinnen aus dem Franken der 1970er Jahre in der Studie von H. Inhetveen unterscheiden. (Inhetveen 1983)

In den kleinbäuerlich geprägten Regionen lebten die Bäuerinnen von je her ihren Töchtern die Tugenden, Fleiß und Sparsamkeit vor. Jahrhunderte lang war für die Erhaltung des Hofs und damit das Überleben der Familie ein Arbeitseinsatz nötig, der Disziplin, Pflichtbewusstsein und Aufopferungswillen der Frauen voraussetzte. Eigene Interessen und Bedürfnisse mussten sie zurückstellen; die schwere, auch die übermäßig schwere Arbeit nahmen sie geduldig und klaglos hin. Die hohe Arbeitsbelastung der Frauen auf dem Lande führte zu vorzeitigem körperlichen Verschleiß und oft zu trauriger Resignation durch die psychische Belastung in der Sorge um das Überleben der Familie.

Schwere

Feldarbeit der Frauen und Kinder, 1940er Jahren

Eine zusätzliche Verschlechterung trat für die Landfrau vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Diese Zeit ist vielen der befragten Frauen besonders deutlich in Erinnerung geblieben.

Die „Deutsche Landfrau“ (zit. in Krieg 1994, S. 11) stellte 1935 fest: „Am größten ist die Arbeitslast der Frauen. Ihr Tagwerk ist nie zu Ende. Morgens sind sie die ersten und abends die letzten. Man erschrickt, wenn man durch die Dörfer geht und die Frauen sieht, wie müde, krank und alt sie frühzeitig sind.“ Selbst ein Reichsstaatssekretär im Reichsarbeitsministerium gestand in den 1940er Jahren ein: „Wohl die gequälteste Frau in Deutschland ist unsere Bäuerin.“ (in Jacobeit

Kaffeepause bei der Roggenernte in Schlarpe, Anfang der 1920er Jahre

1995, S. 205) Die Arbeitszeiten der Bäuerinnen während der Kriegsjahre betrugen über 90 Stunden in der Woche. Im Zuge der Kriegswirtschaft verschob die Industrie die Herstellung von arbeitserleichternden Maschinen auf spätere Zeiten. Die Frauen mussten mit Hilfe jugendlicher Hilfskräfte und ausländischer Zwangsarbeiter die Höfe nicht nur erhalten, sondern die geforderten Mengen an Nahrungsmitteln zur Ablieferung erzeugen. Als Ansporn oder Gegenleistung für den hohen Arbeitseinsatz idealisierte das NS-Regime die rastlos tätige Bäuerin, Frau und Mutter zur „Hüterin“ der bäuerlichen Traditionen und „Bewahrerin der Scholle“. In der Nachkriegszeit mussten viele Frauen ihre Familien unter schwierigen Bedingungen alleine durchbringen.

Die innere Einstellung der Frauen zur Arbeit, in mehreren Generationen geprägt durch Erfahrungen von Not und Mangel, ist in der heutigen älteren Generation noch weitgehend erhalten geblieben.

Elsbeth Kempe (Jahrgang 1936) sagt dazu: „Natürlich hatten die Frauen ein hartes Leben. Wenn man nun dasaß und zog ein leidendes Gesicht, dann war das natürlich schwer. Die Arbeit musste gemacht werden, sie war hart und wir mussten immer raus, aber trotzdem. Ich war nun das Lustige von zu Hause gewohnt, aber hier mit der Schwiegermutter, das ist mir schwer gefallen.“ Sie erinnert sich an die positive Einstellung in ihrem Elternhaus,

wo es nach dem Ball und einer durchfeierten Nacht hieß: ’Montag wird aufgestanden, Dienstag kannst du ein bisschen liegen‘. „So, und dann ging das weiter. Dass wir da so einen Stress gehabt hätten – nein. Gut, manchmal habe ich als Kind gejammert, aber dass die Frauen gestöhnt haben, es wäre zuviel oder irgendwas, habe ich nie gehört.“

Das klingt idealisiert, andererseits hätte das Stöhnen auch nicht geholfen, denn allen ging es gleich, und „die Arbeit war da und musste halt gemacht werden.“ Die Arbeitslast überforderte die Frauen bis zur körperlichen Erschöpfung, aber sie wurde von ihnen in der Folge von Erziehung und lebenslanger Gewohnheit als unhinterfragbarer Sachzwang gesehen. (vgl. Inhetveen 1983, S. 225) Um überleben zu können, half eine positive Einstellung und Ergebung ins Unvermeidliche. Grete Blomeyer (Jahrgang 1922) sagt von ihrer Mutter, die im und nach dem Ersten Weltkrieg unter bescheidenen Verhältnissen acht Kinder groß gezogen hat: „Sie hat viel gearbeitet. Aber ich habe nie gemerkt, dass sie unzufrieden war, nie.“ Von Helga Beilschmidts Mutter, vor ihrer Heirat als Dienstmädchen und danach als Kleinbäuerin bis in die 1950er Jahre an ein Arbeitspensum gewöhnt, dass nie zu schaffen war, ist ein guter Spruch zum Feierabend überliefert: „Hier stecken wir jetzt einen Stock hin, und da machen wir morgen weiter!“

Engelchristines Arbeitstag war gut und gerne 17 Stunden lang, aber damit nur unwesentlich länger als der ihrer Urenkelinnen.

Ursel Fricke (Jahrgang 1934) beschreibt den morgendlichen Arbeitsbeginn ihrer Mutter, Kleinbäuerin und Mutter von fünf Kindern, wie er sich von den 1920er bis Anfang der 1950er Jahre regelmäßig wiederholte: „Mutter stand morgens als erste auf. Nun musste es ja auch warm sein, und es gab keine elektrischen Herde. Sie hat Feuer gemacht, Kaffee gekocht und Brote gemacht. Die Männer gingen ja in den Wald, gingen schon vor sieben los. Dann musste das alles fertig sein. Vorher hatte sie schon gemolken, denn um halb acht fuhr der Milchwagen.“

Der Tagesablauf einer Kleinbäuerin wird überall so ähnlich ausgesehen haben, die größten Unterschiede ergaben sich durch den Wechsel der Jahreszeiten. Trotz Modernisierung und Rationalisierung hatten die Bäuerinnen vor allem auf den viehhaltenden Höfen auch noch Jahrzehnte später ähnlich lange Arbeitszeiten. Ulla Otte, außer für Kinder und Haushalt zunächst zuständig für die Hühnerhaltung und das Jungvieh, später für die Milchkühe, formuliert das für die 1970er und 80er Jahre so: „Die Arbeit war ohne Ende. Das ging von morgens sechs bis abends zehn, vorher war

Im Hühnerhof, 1940er Jahre

nie Feierabend. Ich konnte auch nicht einfach mal weg. Ich bin als junge Frau nie nach Uslar gekommen zum Einkaufen. Ich habe einen Zettel geschrieben, und bei der Eiertour wurde das dann erledigt.“

Der folgende Tagesablauf gilt von daher für die „alte“ Kleinbäuerin und ebenso mit geringfügigen Änderungen für die „moderne“ Bäuerin.

Im Winter rückten früher Näh- und Flickarbeiten sowie Spinnen und Stricken an die Stelle der Arbeiten im Garten und auf dem Feld (heute ist es eher die Buchführung).

Ein Beispiel für den Tagesablauf einer Bäuerin

5 Uhr aufstehen

Feuer anmachen

Wasser aufsetzen

Melken

Kaffee kochen

Frühstück machen

7 Uhr Frühstück

Kinder wecken, fertig machen

Jungvieh, Schweine und Hühner füttern

Hausarbeit

Im Sommer musste die Hausarbeit zurückstehen, wenn in der Außenwirtschaft viel zu tun war, vor allem in der Heu- und Getreideernte. Am Morgen war gerade Zeit für Bettenmachen und Ausfegen. Dadurch blieb viel Hausarbeit liegen, die an ruhigeren Tagen oder am Wochenende nachgeholt werden musste, wenn die übrigen Familienmitglieder sich von dem verstärkten Arbeitseinsatz erholten. Jeden Tag erledigten die Frauen den Mittagsabwasch, während die Männer sich eine Ruhepause gönnten. Diese langen Arbeitstage ohne ausreichende Erholungspausen führten zu einer ständigen Überlastung der Frauen. Durch die Doppelbelastung in Haushalt und Landwirtschaft hatten vor allem die Bäuerinnen in Kleinbetrieben längere Arbeitstage als die Männer. Irma Haase (Jahrgang 1922) sagt über die Arbeit ihrer Mutter in den 1920er und 30er Jahren: „Was meine Mutter hat leisten müssen: Jeden Morgen drei oder vier Kühe melken, dann den ganzen Tag aufs Feld und dann die fünf Kinder, ogottogott!“ H. Inhetveen weist die Überlastung der Bäuerinnen auf kleinen Höfen mit täglichen Arbeitszeiten von 14 bis 18 Stunden auch noch für die 1970er/1980erJahre nach. (Inhetveen 1983, S. 155)

Garten- oder Feldarbeit

11 Uhr Mittagessen zubereiten

12 Uhr Mittagessen

Abwaschen

Garten- oder Feldarbeit

Melken

Tiere versorgen

18 Uhr Abendessen zubereiten

19 Uhr Abendessen

Abwaschen

Gartenarbeit, Einkochen

Handarbeiten

Gegen 22 Uhr Feierabend

Ab den 1960er Jahren ergaben sich zunehmend alternative Einkommensmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft, wodurch sich der Arbeitsdruck, der aus dem Kampf ums Überleben entsteht, verringert haben müsste. Ruth Happel formulierte daher die provokative These: „Nach meinen Erfahrungen ist vor allem in bäuerlich strukturierten Gemeinden eine Arbeitsideologie stark verbreitet, die vor den Nachbarn den Eindruck rastlosen Schaffens erhalten will. Das Arbeiten als solches gehört dort zum Statussymbol der tüchtigen Bäuerin.“ (Happel 1978, S. 14) Diese Einstellung würde erklären, warum es selbst der Altbäuerin schwerfällt, sich freie Zeit zu gönnen, einfach mal müßig zu sein. Ilse Pietrucha beschreibt, wie sie ihre Schwiegermutter nur dazu bringen konnte, den Enkel auszufahren, indem sie ihr den Spaziergang als ganz große Hilfe und Arbeitsentlastung darstellte, denn: eine Bäuerin geht nicht spazieren!

Auch wenn es in der Industrie Arbeitsplätze gab, änderte sich die Situation auf dem einzelnen Hof nicht schlagartig. Ursel Fricke, als Tochter auf einem kleinen Hof früh mit allen Arbeiten vertraut, bewirtschaftete mit ihrem Mann bis in die 1970er Jahre einen Hof im Nebenerwerb. Sie spricht sich dafür aus, sich als Frau ganz auf die Arbeit einzulassen: „Wenn sie heute so von den Bauernhöfen weglaufen: die Arbeit hat doch keiner versteckt! Das hat man ja vorher gesehen, dass da Arbeit war. Wenn ich da drauf gehe, dann muss ich auch mit dem Vorsatz gehen: Du musst das mitmachen. Sonst muss ich es ganz sein lassen.“

Die Frauen der jüngeren Generation, vor allem, wenn sie nicht aus der Landwirtschaft stammen, sehen das nicht immer so. Cornelia Borchert (Jahrgang 1965) stammt aus einer Arbeiterfamilie mit Selbstversorgergarten und hat Anfang der 1990er Jahre in einen Nebenerwerbshof eingeheiratet. Sie sagt: „Es gibt doch diesen tollen Spruch von den alten Leuten: ‚Hast du doch vorher gewusst, dass es ein Bauer ist und was auf dich zukommt‘. Aber: Das kannst du vorher nicht wissen! Das kann dir auch keiner vorher sagen. Jede muss ihre Erfahrungen machen. Ich habs gewusst, dass es ein Bauer ist und dass es viel Arbeit ist. Aber so konnte ich es mir vorher nicht vorstellen. In den ersten Jahren war noch viel Handarbeit auf dem Hof. Da wurden beim Heumachen die Ecken noch richtig ausgeharkt. Da dachte ich manches Mal: Mein Gott, dieser Halm muss jetzt auch noch mit. Die Schwiegermutter hat auch noch viel gemacht, gemistet zum Beispiel. Darüber war ich ja froh, brauchte ich das nicht zu machen.“

Grenzen der Arbeitsteilung

Traditionell bestand in der Landwirtschaft eine klare Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern; die Frau besorgte die Innen- und Hauswirtschaft, der Mann die Außenwirtschaft, also den Ackerbau. Auf den kleinen

Höfen mussten die Frauen, besonders seit es durch die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Landflucht immer weniger Gesinde gab, allerdings auch draußen mit anpacken, während der Bauer sich in der Hauswirtschaft nicht betätigte. Die Einführung von Maschinen (z. B. Melkmaschinen) auf den großen Betrieben als Ersatz für fehlendes Personal machte umgekehrt ständige Dienstboten entbehrlich und entlastete die weiblichen Familienmitglieder. In der Sollingregion und anderen kleinbäuerlich strukturierten Gebieten hat diese Entwicklung erst in den 1950er Jahren eingesetzt. Sogar dann noch blieben die Tätigkeitsbereiche der Frauen von der Mechanisierung ausgespart: die mit dem Haspel (vom Mann gefahren) ausgerodeten

Ein Mann thront auf dem Kartoffelhaspel, sieben Frauen lesen auf. Ein Bild aus Schlarpe

Kartoffeln mussten noch von Hand aufgelesen, die vom Flügelmäher (vom Mann gefahren) geschnittenen und abgelegten Getreidehalme mussten noch zu Garben gebunden, die vom Selbstbinder (vom Mann gefahren) gebundenen Garben von den Frauen zusammengetragen werden.

Die Stellung der Frau im landwirtschaftlichen Betrieb wird amtssprachlich als „mithelfend“ beschrieben, wobei dieser Ausdruck keineswegs der verantwortlichen Übernahme unterschiedlichster Arbeitsbereiche entspricht. Wie auch die bürgerliche Hausfrau war die Bauersfrau für Familie, Haushalt und Kindererziehung zuständig. Dazu kamen aber zum einen die traditionellen ländlichen Frauenarbeiten (Garten, Kuhstall, Jungvieh, Schwei-

nemast, Geflügel, Vorratshaltung, Kleidung), zum anderen noch zahlreiche Teilarbeiten bei der Feldbestellung in Abhängigkeit von der Jahreszeit. Die Arbeitsbereiche der Bäuerin waren also sehr vielseitig und erforderten viel Erfahrung und Spezialkenntnisse. Trotzdem waren sie als „weibliche Hilfsarbeiten“ wenig geachtet. (vgl. Weber-Kellermann 1987 ,S. 152, 153)

Ilse Müller-Wennehorst (Jahrgang 1949), Bäuerin auf einem Vollerwerbsbetrieb, hat miterlebt, wie sich die Arbeit verändert hat und heute darstellt: „Wenn ich jetzt draußen tätig bin, dann fahre ich mit dem Trecker, bringe Wasser raus, fahre Wagen nach Hause, besorge alles. Handarbeit ist bei uns nur noch im Stall nötig. Aber eigentlich ist es schwerer geworden. Die großen Maschinen heute sind für Frauen nicht mehr handhabbar. Wenn man einen Wagen anhängt, was muss man da mit der Deichsel für ein Gewicht stemmen. Oder wenn man das Getreide ablädt beim Kornhaus, muss man die Planken vom Wagen heben. Das kann ich nicht, für mich sind die zu groß und zu schwer.“

Melken ist Frauensache. Im Sommer werden die Kühe auf der Weide gemolken. Ein Bild aus Ahlbershausen, 1930er Jahre

In den Arbeiterbauern-Betrieben, wie sie im Solling bis in die jüngste Zeit vorherrschend waren, fehlte der Mann als Arbeitskraft, weil er außerhalb in Lohnarbeit beschäftigt war. Die traditionelle Arbeitsteilung wurde damit größtenteils hinfällig, denn die Frau bewirtschaftete den Hof mit den Altenteilern und den Kindern so weit als möglich allein. Das heißt, dass sie, wo es nötig war, auch die

Der Bauer bedient die Drillmaschine, seine Frau führt das Pferd. Schlarpe, 1930er Jahre

Weitere Bücher zum Thema im Verlag Jörg Mitzkat:

Wolfgang Schäfer

So lebten sie alle Tage ... Alltagsgeschichten aus dem Weserbergland

208 S.; 17 x 24 cm; gb; 978-3-95954-176-3 24,80 Eur[D]

Karto elfeuer und Weserlachs

96 S.; 30 x 21 cm; gb; 978-3-940751-45-4 14,80 Eur[D]

Hanshenderk Solljer Engelchristine Lebenserinnerungen einer Landfrau aus dem Solling

232 S.; 22 x 14 cm; gb; 978-3-95954-193-0 19,80 Eur[D]

Das Wirtshaus im Solling Bilder, Berichte und Geschichten aus der Kneipe

192 S.; 21 x 21 cm; br; 978-3-931656-69-0 16,80 Eur[D]

Hanshenderk Solljer Eigen Herd und ... Engelchristine Band 2

256 S.; 24 x 17 cm; gb; 978-3-931656-76-8 14,80 Eur[D]

Waldleben

128 S.; 21 x 21 cm; br; 978-3-95954-036-0 19,80 Eur[D]

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