Flautino
Die Flöte des Rattenfängers von Hameln
Verlag Jörg Mitzkat
„Du blöde Pfeife!“
mit diesen Worten hatte mich Pied in seinen grauen kratzigen Wollsack gesteckt. Es roch nach ranzigem Fett und ich rollte mich in eine Ecke. Ich war beleidigt. Ich konnte nicht jeden Tag gut klingen und harmonische Melodien von mir geben. Am liebsten wäre ich davongeflogen oder einfach verschwunden. Dann sollte er doch mal sehen, wie das Leben ohne mich aussah. Dieser vermaledeite Pied Piper! Es war einmal. Im Mittelalter. Im Sommer, so um Mitte Juni herum. Wir waren auf Wanderschaft, fahrendes Volk. Mein Meister und ich. Immer an der Weser entlang, von einer Stadt zur anderen. Sie nannten ihn auch „Bunting“, weil er immer so bunte Klamotten trug und Federn am Hut. Er konnte gar wunderlich musizieren. Mit mir, Flautino! Ich war sein Schatz und Weggefährte, ich, seine selbstgeschnitzte Ahornflöte, die „Pfeife“.
Seit ich denken konnte, verdienten wir unser tägliches Brot mit Straßenmusik. Tänze, Volksweisen, Balladen, Märsche und Liebeslieder. Was das Herz des Volkes begehrte. Wenn ich gut gelaunt war, spielte Pied ganz virtuos. Mit Improvisationen und Trillern, dass dem Publikum Ohren und Mäuler offen stehen blieben. Dann gaben alle Leute reichlich. Wir waren glücklich. Wenn ich schlechte Laune hatte, bekam Pied nur krächzende Töne aus mir heraus. Ich fühlte mich verstopft und verschnupft. So schräg klang es dann manchmal, dass die Menschen mit Steinen warfen und uns verjagten. Dann war Pied wütend und schimpfte. Wir verdienten nichts.
Heute war so ein schlechter Tag gewesen. Ich merkte am Hin und Herwackeln der Tasche, dass Pied rannte. Egal, dachte ich und schlief ein.
Als ich aufwachte, hörte ich lärmende Stimmen, alle redeten durcheinander, lautes
Lachen begleitete das Klappern von Töpfen und Bechern. Feine Düfte nach Kohl und gebratenem Hühnchen zogen an mir vorbei.
Pied zog mich aus der Tasche und legte mich auf den Holztisch neben seinen Bierkrug. Im funzeligen Kerzenlicht sah ich, dass er feuerrote Backen hatte. Wir waren wohl in einer Gastschänke gelandet.
„Wir sind in Hameln.“
Er schaute mich an und grinste. Ich sagte nichts.
„Komm, Flautino, wollen wir uns wieder vertragen? Pace, carote, patate!“ Er hob mich mit beiden Händen behutsam hoch.
„Vielleicht sollte ich dich besser mit Öl pflegen, dann klingst du schöner!“ Jetzt hatte er sehr freundliche braune Augen.
Schön und gut, dachte ich und bewegte mich in seiner Hand, was Zustimmung bedeuten sollte.
„Morgen müssen wir spielen wie die Könige.“
„Warum?“, piepste ich, noch halb verschlafen.
Er drehte den Kopf kurz zum Nachbartisch, an dem ein Dicker mit Glatzkopf und im Lederwams auf einen Dünnen mit zipfeligen langen Haaren im feinen grünen Filzanzug einredete. Der Dicke schaute gerade rüber zu uns und tippte sich dann mit dem Zeigefinger an die glänzende Stirn, bevor er sich wieder den Dünnen vorknöpfte.
Ich wusste, worum es ging: Die Leute wunderten sich oft, dass ein Mann mit seiner Flöte sprach. Meine Antworten konnte außer meinem Meister ja niemand verstehen.
Pied sprach jetzt etwas leiser aber umso eindringlicher.
„Die haben hier Ratten in der Stadt. Ein richtig großes Problem. Überall wohnen sie, die Viecher, und vermehren sich. Sie fressen den Leuten das Essen weg und machen die Kinder krank.“
Ich kriegte es mit der Angst. Diese schnellen Tiere mit den bösen Augen und den langen Schwänzen ekelten mich.
„Dann nichts wie weg“, flötete ich flüsternd. „Wir haben auch ein Problem. Wir brauchen Taler zum Essen. Keine großen grässlichen Mäuse.“
„Halt, Flautino, warte!“ Pied hielt mich direkt vor seine Nase, so dass ich seinen Bieratem riechen konnte. „Ich war heute im Rathaus und habe gesagt, dass ich ein bekannter Rattenfänger bin. Und sie haben mir 30 Taler versprochen, wenn ich die Stadt von der Plage befreie.“
„Bist du verrückt!“, krächzte ich.
„Nein, voller Schläue.“ Seine Augen leuchteten mich an.
„Und wie stellst du dir das vor?“
„Wir spielen und die Ratten kommen raus.“
„Dann kriege ich Angst.“
„Die tun dir nichts. Wenn wir liebliche Musik spielen, macht es sie gefügig.“
„Und dann?“
„Wart´s ab! Vertrau mir!“ Pied grinste verschmitzt.
Blödmann, dachte ich. Ich wollte gerne eingeweiht werden, sagte aber nichts.
Er klopfte auf mein Holz und nickte mir aufmunternd zu.
Dann trank er sein Bier aus und wir gingen schlafen. Mein Meister im Bett auf Stroh und ich lag auf dem Wollsack. Hart und kratzig.
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