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Aufgescheucht_Roman_Wolfgang_Bellmer_1-23

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-95954-151-0

© Wolfgang Bellmer, 2024

Lektorat: Jochen Stremmel

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner

Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gestaltung: Verlag Jörg Mitzkat www.mitzkat.de

Aufgescheucht

Roman

Verlag Jörg Mitzkat

Holzminden 2024

Wolfgang

J2001, Holzminden

etzt, am frühen Morgen, lag das große Haus noch verlassen da. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel auf ein in Säulen gefasstes Gartenportal, das mit seiner abschreckenden Wucht an ein mittelalterliches Burgtor erinnerte.

Eine graue Katze zwängte sich durch die Streben des Gitters, verharrte und blickte zu einer Amsel hinüber, die einen Wurm aus dem sauber gemähten Rasen zog. Der Rücken der Katze krümmte sich zum Sprung. Der Vogel, den Wurm im gelben Schnabel, flatterte davon. Die Katze streckte sich wieder und lief auf die Terrasse, wo Schaukelstühle mit Rohrgeflecht neben einem Glastisch standen. Der Blick der Katze fiel auf die Weinranken, die an der Mauer emporwuchsen. Sie sprang hinein. Während das Laub sich noch schüttelte, arbeitete sie sich an den Holzstreben nach oben und kletterte auf den Balkon über der Terrasse.

Eine Tür, die einen Spaltbreit offen stand.

Die Katze schlüpfte hinein.

Das Zimmer war in Halbdunkel getaucht. Ein großer Raum mit Gipsfriesen an der Decke.

Sitzecke, Barockschrank, Kommode.

Ein Bett, in dem eine Frau lag.

Ihre dunklen Haare kringelten sich auf dem Kopfkissen.

Die Frau schlief. Sie lag auf der Seite. Mit dem nackten Arm hielt sie die Bettdecke an sich gepresst.

Die Katze sprang aufs Bett, blieb vor der Schlafenden sitzen und schaute ihr ins Gesicht. Eine ältere Frau. Lachfalten an den Augen. Der Mund ein wenig zusammengekniffen. Als ob das Gesicht mit sich kämpfte. Als ob die Frau mit sich kämpfte.

Die grau getigerte Katze hatte einen weißen Fleck um die Nase. Ihre schlitzartigen Augen blickten unverwandt auf die Frau. Eine Pfote tastete nach einer Haarlocke, zuckte zurück und tastete noch einmal.

Die Frau schlug die Augen auf. Sie erblickte die Katze, schloss die Augen und schlug sie wieder auf, als wolle sie sich vergewissern, dass es kein Traum mehr war, sondern der Morgen, den sie herbeigesehnt hatte.

»Hallo, Mia«, murmelte sie.

Sie hatte schlecht geschlafen. Und viel geträumt. Natürlich wieder von dem Unfall. Die verletzten Menschen. Das viele Blut.

Draußen hörte sie einen Rasenmäher brummen. Zwei Männer riefen sich etwas zu und lachten. Es ist also Morgen, dachte Brunhilde Demuth erleichtert, und die Welt würde es auch ohne ihr Zutun schaffen. Laken und Kissen waren feucht, aber die Dämonen der Nacht waren verschwunden, wenigstens für einen weiteren Tag.

Sie betrachtete den bräunlichen Stockfleck an der Decke, dessen Umrisse sie ans Steinhuder Meer erinnerten. Ganz unten, die sichelförmige Ausbuchtung, das war der Hafen. Wenn sie genau hinsah, konnte sie eine Handbreit weiter ein kleines Loch entdecken, ziemlich genau dort, wo das Haus stand, in dem alles begonnen hatte. Liebe und Leid. Die Vertreibung aus dem Paradies. Die Hölle. Sie schloss die Augen, während die vertraute Panikwelle über sie hinwegspülte, und war dankbar, dass sie jetzt an einem sicheren Ort war. Ihre Mitbewohner in dieser Villa waren nett, da konnte Brunhilde nicht klagen, routiniert nett, damit ihnen niemand zu nahe kam, aber immerhin.

Brunhildes Mund verzog sich zu einem dünnen Lächeln. Was sollte man schon erwarten, wenn man Demuth hieß. Da war die Demut nicht weit. Nur gut, dass ihre Eltern, die Wagner-Fans gewesen waren, sich für den Vornamen Brunhilde entschieden hatten. Was bei ihrer ersten Ehe zu einer Art Gegengewicht geworden war. Brunhilde, die Kämpferin. Gewissermaßen als Schutz vor zu viel Demut dem Leben gegenüber. Irgendwann hatte sie im Lexikon nachgeschlagen. Brunni stand für Brustpanzer, hild für Kampf. In Rüstung zum Kampf. Na also. Hatte dann auch geklappt und sie gewappnet für ihr weiteres Leben. Tatkräftig, fröhlich, zupackend.

Bis zu dem Tag, der kommen musste. Bis zu jenem verdammten Tag, der ihr Leben verändert hatte.

Brunhilde, raff dich auf, du bist gefordert, du musst kämpfen. Sonst landest du auf dem Friedhof.

Das Bild von dem netten Friedhofswärter Pahl, der ihr gestern die freien Gräber gezeigt hatte, tauchte vor ihrem geistigen Auge auf.

Brunhilde fühlte Mias Blick noch immer prüfend auf sich gerichtet.

»Hau ab!« Sie scheuchte das anhängliche Tier vom Bett und bereute gleich darauf, so grob gewesen zu sein. Sie warf die Decke zur Seite, stand auf und reckte sich.

Sie schaute zum Fenster. Die Sonne flutete herein.

Die Sonne! Das Leben war schön, man musste nur wollen, dass es schön war.

Sie spürte, wie die Strahlen sie umhüllten.

Alles wird gut.

In diesem Moment hörte sie die Sirenen. Sie musste nicht aus dem Fenster schauen, um zu wissen, dass es der Krankenwagen mit der integrierten Intensivstation war. Und der Notarzt. Wenn die Sirene sich von der Seite näherte, wo das breite Tor lag, dann war es immer der Krankenwagen mit dem Notarzt. Wen es wohl diesmal getroffen hatte? Sie waren nur zehn Gäste in der Villa. Manchmal hatte Brunhilde den Eindruck, dass nicht nur sie etwas zu verbergen hatte. Gestern, beim gemeinsamen Abendessen, hatten alle noch recht fit ausgesehen, aber was wussten sie schon voneinander.

Noch immer, wenn Brunhilde eine Sirene hörte, schrak sie auf. Dreißig Jahre als Unfallärztin konnte man nicht einfach vergessen. Frau Dr. med. Brunhilde Demuth, immer zur Stelle, wenn es irgendwo gekracht hatte. Um routiniert und schnell ein Menschenleben retten.

Bis sie einmal zu schnell gewesen war. Oder zu langsam. Wie man es nahm. Und prompt hatte das Schicksal ihr eine Falle gestellt. Schuld zu sein, ohne schuld zu sein, wer konnte das schon von sich sagen?

Auch jetzt wäre sie am liebsten aufgesprungen, hätte ihre Erste-Hilfe-Tasche geschnappt, die im Schrank hinter dem Beutel mit der Schmutzwäsche stand, und wäre losgerannt, um zu helfen. Aber sie würde nicht noch einmal in diese Falle tappen.

Aber nun hatte alles wieder eine gewisse Ordnung. Ein herrschaftliches Haus aus der Kaiserzeit. Die Beletage mit den Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss, die Holzvertäfelungen mit den Intarsien, die alten Kronleuchter, das glänzende Parkett und die gedrechselten Stühle im Esszimmer, auf denen man das Kreuz durchdrücken musste. Haltung ist alles, sollte die Welt da draußen doch verrückt spielen.

Manchmal, wenn die Sonne so warm schien wie heute, wenn die Vögel trillerten und die Frauen in der Küche sangen, spürte sie schon wieder eine unbestimmte Sehnsucht, den Wunsch nach Klarheit, nach Aktivität, nach ... ja, wonach wohl? Sie konnte sich keine Antwort geben, sie wusste nur, dass da noch etwas sein musste, ein Weg zurück ins Leben.

Sie zog das Nachthemd aus und betrachtete sich im Spiegel. Gar nicht so schlecht für ihr Alter ...

Nach der Dusche stand Brunhilde unentschlossen vor dem Kleiderschrank. Hose oder Rock? Oder Kleid? Schließlich war Sommer. Sie entschied sich für das kleine Grüne mit den Blumen. War der Ausschnitt zu gewagt? Ach was, hier würde das sowieso keinem auffallen. Oder doch? Vielleicht Simon, Simon Massini, der so plötzlich aufgetaucht war, der immer ins Französische verfiel, wenn er nicht weiterwusste. Und so, wie er sie manchmal ansah ...

Sie zuckte die Schultern.

Mach dich nicht lächerlich!

Brunhilde nahm ihre Handtasche, trat auf den Gang und knallte die Tür hinter sich zu. Sollten die Dämonen doch sehen, wie sie hinterherkamen ...

Die Zimmer der oberen Etage lagen an einem ovalen Flur. Durch ein Pyramidendach aus Glas fiel das grünliche Licht, das die Blätter der alten Eichen durchließen. Bunt bemalte Gipsskulpturen von Pharaoninnen bewachten die Türen, die zu den

Zimmern führten. Trotz ihres etwas aufdringlichen Make-ups blickten die Damen so, wie Skulpturen von Pharaoninnen eben blicken: geradeaus und ohne eine Miene zu verziehen.

Weiter hinten, in einem Anbau, führte eine Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Die schmalen Stufen waren mit einem plüschigen grünen Läufer belegt, der von Messingspangen gehalten wurde. Sehr eng und alles andere als ungefährlich, nicht einmal ein Sarg passte hindurch, es sei denn, man nahm ihn hochkant, nachdem man die Leiche zu ihrer letzten Reise wie einen Rennfahrer angeschnallt hatte.

Brunhilde war gerade ein paar Schritte gegangen, als ein Rettungssanitäter aus der schmalen Nische stürzte, die zur Wendeltreppe führte. Er trug eine blaue Sauerstoffflasche unter dem Arm, an deren Verschluss er noch im Laufen herumfingerte. Er verschwand in der Tür zu Simons Wohnung, von aufgeregtem Rufen empfangen.

Es ist Simon.

Der nette französische Simon Massini mit seinen blauen Augen.

Sanitäter standen um das Bett herum. Brunhilde kannte die Notfallgerätschaften, mit denen sie hantierten. Rote und blaue Rettungsrucksäcke sowie ein HEILMANN-MEDUMAT, ein automatisches Sauerstoffgerät mit zusätzlicher Präoxygenierung.

Das volle Programm also.

Wiederbelebung. Es ging um Sekunden.

Ein Mann im weißen Hemd hielt die Sauerstoffflasche, damit der Schlauch auf den Medumat geschraubt werden konnte.

Brunhilde wusste, dass dies der kritische Moment war. Wenn jetzt Verunreinigungen, die Kohlenwasserstoffverbindungen enthielten, auf den komprimierten Sauerstoff trafen, würde alles in die Luft fliegen. Sie hielt den Atem an, als der Schlauch aus seiner Halterung sprang. Sie war schon halb im Zimmer, um zu helfen, aber da kam die Leidloff mit ihren superhohen Stöckeldingern herangeklackert, funkelte sie stra-

fend an und schmiss die Tür hinter sich zu.

Simon Massini also.

Sie atmete tief durch.

Ausgerechnet.

Ein interessanter Mann, noch immer attraktiv, auf seine Art. Sie schätzte ihn, hätte sich aber gewünscht, mehr von ihm zu wissen, als dass er Deutscher war, der aus irgendwelchen Gründen aus Frankreich kam. Und der diese ominöse Angewohnheit mit den Kichererbsen hatte.

Einmal, vor etwa einem Monat, waren Massini und sie ins Gespräch gekommen. Sie hatten alle zusammen in der Laube am Springbrunnen gesessen. Kaffeetrinken wie zu Kaisers Zeiten. Preußischblaue Tischdecke mit aufgestickten Blumen, weißes Fürstenberger Porzellan mit Rosenknospen auf dem Deckel der Tee- und Kaffeekannen. Das hatte was, und Brunhilde blieb meistens lange sitzen und hielt sich an ihrer Tasse fest, bis das Serviermädchen mit dem Tablett kam und endgültig abräumte. Da waren die anderen meist schon gegangen. Diesmal war nur Simon Massini noch da. Zufällig?

Massini hatte wieder die orangene AUCHAN-Plastiktüte aus Frankreich dabei. Er zog eine gelbe Blechdose heraus und entnahm ihr eine selbst gedrehte Zigarette. In der Dose lagen auch lose Zettel und ein kleiner Bleistift. Und das uralte, an den Rändern gezackte Sechs-mal-Sechs-Foto eines kleinen Mädchens, das an einem See stand. Wie das Mädchen genau aussah und wo es stand, konnte Brunhilde nicht sehen, denn er schloss die Dose sofort, als er ihren Blick spürte.

Sie musste etwas sagen. »Sie kommen aus Frankreich?«

Er nickte. »Mehr oder weniger zufällig. Vor einem halben Menschenleben. Und nicht ganz freiwillig. Aber ich habe mich eingelebt an der Côte d’Azur, oberhalb von Cannes, ein kleines Dorf auf einem Felsen, Cabris.«

»Und jetzt wollen Sie in Deutschland bleiben?«

Er nahm die Brille ab, als wäre ihm etwas in die Augen geflogen, und begann eine Stelle über der Nasenwurzel zu reiben. »Wenn ich das bloß wüsste. Es ist eine besondere Situation, in

der ich feststecke. Ich muss eine Entscheidung treffen. Aber ich bin ein Feigling. Ich muss Mut aufbringen. Und das Blöde ist, dass ich den Mut noch nicht habe. Pas de courage.«

Seine Worte klangen dramatisch, doch wenn Brunhilde es recht bedachte, hatte er nicht viel von sich gegeben. Ein halbes Leben. Konnte es nicht bitte etwas genauer sein? Und dann diese Andeutungen von einem drohenden Schicksal. Lebte an der schönsten Küste des Mittelmeers und verkroch sich im trüben Norden!

Es waren diese Widersprüche, die sie faszinierten. Außerdem wurde sie den Eindruck nicht los, dass er sie um Hilfe bitten wollte, aber nicht den Mut dazu aufbrachte.

Sie saß ihm gegenüber, das Gesicht in die Hände gestützt und die großen Augen auf ihn gerichtet. So ein stattlicher Mann, dachte sie, und redet so naiv ... wie ein Kind.

»Eigentlich sehen Sie recht glücklich aus.«

»Der Eindruck täuscht«, sagte er. »Ich übe noch. Glücklich zu sein, meine ich.«

Er lachte, als er ihr ungläubiges Gesicht sah. Griff in die Hosentasche und zog eine Handvoll getrockneter Kichererbsen heraus. »Ist doch ganz einfach. Man tut sie morgens in die linke Hosentasche. Sobald es einen Grund zur Freude gibt, nimmt man eine raus und steckt sie in die andere Tasche. Am Abend schaue ich dann, wie viele rechts zusammengekommen sind, und freue mich über die Erinnerungen, die damit verbunden sind.«

Er dachte wie ein kluges Kind. Ihr Schweigen verunsicherte ihn.

»Finden Sie, dass ich mich lächerlich mache?«

»Wie kommen Sie denn darauf? Unsinn.« Wann traf man schon mal einen Mann, der keine Angst hatte, sich klein zu machen?

Er hielt ihr die Faust hin und öffnete sie. Eine Kichererbse lag auf seiner Handfläche. »Ich hab’s gewusst ...«

»Was haben Sie gewusst?«

»Dass es schön ist, mit Ihnen zu sprechen, und dass es eine Belohnung wert ist. Nehmen Sie sie. Bitte.«

»Ehrlich?«

»Ehrlich.«

Sie rollte die Hülsenfrucht vorsichtig zwischen den Fingerspitzen und steckte sie in das Seitenfach ihrer Handtasche. Sie wollte noch etwas sagen, aber da kam das Serviermädchen und räumte den Tisch ab.

Das war es gewesen. Seitdem hatte sich nichts mehr ergeben.

Als Brunhilde jetzt die Wendeltreppe hinuntereilte, betastete sie ihre Tasche und spürte den kleinen Knubbel unter dem dünnen Leder. Sie war noch da, die Erbse. Bring ihm Glück, dachte sie, bring ihm Glück, kleine Erbse.

Gleich neben der Auffahrt stand vor einer Rosenhecke eine grüne Gartenbank. Wer dort saß, hatte einen guten Überblick.

Die Auffahrt, der kleine Park, die wuchtige Steintreppe, die zur Haustür hinaufführte. Gleich daneben stand eine angestaubte stachlige Palme, an der Neuankömmlinge sich gern Mantel, Hemd oder Hand aufritzten. Unten, im Souterrain, lag Leidloffs Büro, und man hörte ab und zu sogar ihre Stimme, die sich überschlug, wenn sie ärgerlich war. Nebenan konnte man bis in die Küche schauen, wenn Gertrud, die Köchin, die Tür öffnete, um draußen eine zu rauchen.

Dort auf der Bank konnte man sich unterhalten lassen.

Selbst wenn Ludwig, der Gärtner, nirgendwo herumfuhrwerkte, gab es immer noch die Eichhörnchen, die die Krone der Umfassungsmauer als Rennbahn benutzten.

Als Brunhilde ins Freie trat und die Treppe hinunterlief, war die Bank erfreulicherweise leer. Sie setzte sich.

Der Rettungswagen vom Roten Kreuz stand auf dem Rasen neben dem großen Apfelbaum. Der Fahrer sprach in ein Funkgerät und zog die Trage heraus. Sie würden Simon Massini also bald wegbringen. Lebend. Hoffentlich lebend.

Die Wendeltreppe war auch für die Trage nicht passierbar. Sie würden Simon auf einen Stuhl setzen müssen.

Auf dem Weg zum Rettungswagen kämen sie an ihrer Bank vorbei. Sie, Brunhilde, würde aufstehen und Simon zum Auto

begleiten. Vielleicht würde er sie sogar bemerken. Das wird ihm helfen, dachte sie. Ein Schwerkranker ist schon vor seinem Tod allein.

Friedhofsruhe.

Das erinnerte sie an den städtischen Friedhof, den sie gestern besucht hatte. Ein Zeitungsartikel des Täglichen Anzeigers hatte sie aufmerksam gemacht. Der Platz für Gräber wurde knapp, und der Redakteur fragte in einer Glosse, ob für ihn und seine Frau zu gegebener Zeit noch ein Plätzchen frei sein würde.

Zu gegebener Zeit ...

Der Redakteur, der sein Alter mit fünfundzwanzig angab, hatte gut reden. Was wird eigentlich mit mir passieren, hatte sich Brunhilde gefragt. Knapp sechzig und niemand, der sich für sie zuständig fühlte.

Und dann dieser Artikel, so humorvoll er auch gemeint sein mochte. Wer wusste denn tatsächlich, was morgen sein würde? Wer würde bestimmen, wie und wo man sie unter die Erde brachte? Sie hatte keine Familie, bis auf ein paar Großnichten, die in Südafrika lebten und eine Ferienpension in Kapstadt betrieben. Also würde zu guter Letzt die zickige Leidloff entscheiden. Sie sah sich schon in Pappbeutel bei einer Seebestattung auf dem Wasser schwimmen und langsam untergehen.

Sie hatte lachen müssen bei diesem Gedanken, aber irgendetwas war doch hängen geblieben, und so hatte sie sich auf den Weg gemacht, um zu sehen, was es mit dem Friedhof auf sich hatte.

Sie knipste die Handtasche auf, griff hinein und zog die Unterlagen heraus, die man ihr dort in die Hand gedrückt hatte. Sie wollte die zusammengeknifften Seiten gerade auseinanderfalten, als sie Schritte hörte. Sie legte die Papiere neben sich auf die Bank, suchte zwischen ihren Füßen nach einem Stein und legte ihn obenauf. Der Friedhof konnte warten. Genau genommen tat er sowieso nichts anderes als zu warten. Er hatte ja Zeit.

Ein Sanitäter tauchte auf, dann der Arzt. Wie Brunhilde

vermutet hatte, trugen sie zwischen sich einen Stuhl, auf den sie den Kranken gebunden hatten. Massinis Gesicht war unter einer Maske verschwunden, aus der ein Schlauch in das Tornistergerät führte, das die Leidloff trug.

Er lebt, dachte Brunhilde erleichtert, Gott sei Dank.

Massini stöhnte, als sie ihn auf die Trage legten.

Brunhilde folgte ihnen, als sie vorbeikamen. Massinis Augen waren geschlossen. Seine Arme lagen schlaff am Körper.

Am Rettungswagen untersuchte der Arzt den Kranken noch einmal. Massinis Augen standen jetzt offen. Sie bewegten sich nicht, aber dennoch hatte Brunhilde das Gefühl, dass Simon sie anblickte.

Seine rechte Hand öffnete sich. War das ein Zeichen? Eine hilflose Bitte? Brunhilde wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie ihm zeigen musste, dass sie zu ihm hielt, dass er nicht allein war, auch wenn sie ihn jetzt wegfuhren.

Unter dem dünnen Leder ihrer Handtasche fühlte sie die Kichererbse mit ihren Fingerspitzen. Sie pulte die kleine gelbe Kugel heraus ... und legte sie in Massinis Hand. Simons Finger schlossen sich um die Erbse.

Sie beugte sich zu Simon hinunter, wollte noch etwas sagen, aber der Arzt zog sie sanft zur Seite, und die Männer stiegen in das Auto. Die Türen schlugen zu. Der Wagen wendete in einem engen Halbkreis und fräste eine braune Spur in den Rasen, bis er den Weg erreichte. Von dort aus preschte er die hundert Meter bis zum Tor, bog auf die Straße ein und verschwand.

Die beiden Frauen schauten ihm nach.

Brunhilde hielt Juliane Leidloff für Anfang dreißig, aber das war grob geschätzt. Sie hatte die jüngere Frau immer nur in langem, einfarbigem Rock und mit hochgesteckten schwarzen Haaren gesehen. Eine prüde, eher wilhelminische Gestalt, aufrecht und ernst, stets darauf bedacht, dass in Haushalt und Büro alles seinen geordneten Gang ging. Ihr Vater Christian hatte seiner Tochter das Kommando überlassen. Seitdem wurde weniger gelacht und mehr auf Ordnung gesehen.

Das also war Juliane Leidloff. Aber war sie es wirklich?

Brunhilde hatte da so ihre Zweifel. Einmal, mehr aus Zufall, hatte sie die junge Frau spät am Abend aus dem Haus gehen sehen. Eine ganz andere Juliane, lange glänzende Haare, Abendkleid mit mattweißer Chiffonstola. Sie hatte sehr mondän ausgesehen, und nichts erinnerte an die prüde Gestalt aus der Verwaltung.

Die Leidloff jedenfalls war schnell in die lang gestreckte Limousine gestiegen, die auf sie wartete, ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben, der auf die Straße hinausglitt.

Schön für sie, mal etwas anderes zu sehen, hatte Brunhilde seinerzeit gedacht. Immer mit den quengeligen Gästen in dieser Burg zu leben, welcher junge Mensch konnte das auf Dauer aushalten?

In den nächsten Wochen bemühte sich Brunhilde diskret, das Geheimnis um Juliane Leidloff zu lüften, aber die junge Frau hatte sich jeder längeren Unterhaltung entzogen. Vielleicht begann Brunhilde auch deshalb das Gespräch, als sie zusammen zum Haus zurückgingen.

»Man hat Ihren Vater so lange nicht gesehen. Gehts ihm gut?«

Die freundliche Frage zerplatzte an dem Felsen, in dem sich Julianes Gesicht im Nu verwandelt hatte. Sie blieb stehen.

»Warum fragen Sie das?«

»Reines Interesse. Ein netter Mann, Ihr Herr Vater. Die Jagd ist doch alles für ihn, nicht wahr?«

»Wenn Sie es genau wissen wollen: Er spinnt. Sitzt den lieben langen Tag auf seinem Hochsitz und überlegt, wie er die Welt verbessern kann. Glaubt, dass er das große Rezept, das Allheilmittel gefunden hat. Diesmal ist es Jesus. Mal ganz was Neues! Er schreibt unverdrossen an den Bundespräsidenten, Bischöfe, Kardinäle, sogar an den Papst persönlich.« Sie stemmte die Hände in die Seiten und funkelte Brunhilde an. »Und wissen Sie was?«

Brunhilde schüttelte den Kopf.

»Die Leute antworten ihm sogar, ermutigen ihn weiterzumachen. Er soll Bücher herausgeben, einen Film drehen las-

sen.« Sie stockte, versuchte sich zu fassen, doch dann brach es wieder aus ihr heraus: »Aber das Geld, dass er für seine Kreuzzüge braucht, das geben sie ihm natürlich nicht!«

»Und? Wer gibt es ihm dann?«

»Na, wer wohl?« Juliane lachte bitter auf. Ihr kreisender Arm erfasste das Haus und den Park. »Das hier, natürlich. Und die Aktien, die ich eigentlich mal erben sollte. Unser eigenes Vermögen solls richten. Und diese vollbusige Blondine, die kleine Schlampe, die er vor ein paar Monaten wer weiß wo aufgerissen hat, sie wird ihm beim Ausgeben schön helfen, darauf können Sie sich verlassen.«

Brunhilde war unwohl, sie hatte auf einmal das Gefühl, Opfer einer sonderbaren Vertrautheit zu werden. Aber die Leidloff, die sich in ihrer Wut schon halb abgedreht hatte, kam noch einmal zurück. »Na ja, das können Sie ihn ja bald selbst fragen, er will Sie nämlich einladen in seine Jagdhütte. Eine Art Abschiedsparty, die Stadt will, dass sie abgerissen wird. Neid, wissen Sie, überall ist Neid, und da braucht er ein bisschen Trost. Sagt er, aber ich traue dem Frieden nicht. Trost zu suchen, ist so gar nicht seine Art. Also halten Sie bloß Ihre Geldbörse fest, gerade als Frau.« Juliane Leidloff maß Brunhilde mit kaltem Blick und sagte mit feierlicher Schlichtheit: »Wenn Sie es genau wissen wollen, er ist ein geiler alter Bock.«

Dann drehte sie sich endgültig um und verschwand in ihrem Büro.

Brunhilde stand da, halb erschlagen von dem Gefühlsausbruch der jüngeren Frau. Sie konnte es nicht fassen, wie ordinär er gewesen war. Und doch irgendwie amüsant. Und rätselhaft.

Als sie wieder auf der Bank saß, überkam Brunhilde das warme Gefühl eines kleinen Sieges. Sie hatte es tatsächlich geschafft, die eherne Rüstung der Leidloff zu knacken. Simon Massini hätte ihr bestimmt eine Kichererbse spendiert, wenn nicht sogar zwei.

Die Zeit der Langeweile schien sich jedenfalls dem Ende zuzuneigen. Was für ein schönes Gefühl! Musste sie jetzt ein

schlechtes Gewissen haben, weil sie sich freute, während es Simon Massini so schlecht ging?

Ihr Blick fiel auf die Friedhofspapiere, die noch auf der Bank unter dem Stein lagen. Sie nahm den Stein und warf ihn in die Rosen. Ein Prospekt mit bunten Bildern lag vor ihr. Fotos von Gräbern und ein Bild der Friedhofsmannschaft. Das Team.

Fünf Männer und eine Frau mit roter Schürze. Die Männer in Jeans und bunten Hemden, lachend. Der nette Herr Pahl, der Chef, den sie gestern kennengelernt hatte, stand bescheiden und halb verdeckt in der hinteren Reihe. Beim Anblick des bunt gewürfelten Teams war sie enttäuscht und erleichtert zugleich gewesen, hatte sie doch Männer in langen schwarzen Mänteln mit Zylindern auf dem Kopf erwartet. Mit den ernsten Mienen derjenigen, die Tag für Tag erleben mussten, wie das Leben auf den Tod stieß. Aber natürlich durfte man so nicht denken. Auch diese Leute hatten ihr normales Leben und waren im Privaten umgänglich und nett. Wie dieser Herr Pahl. So gesehen hatte man ein gutes Gefühl, wenn man sich schon irgendwann in ihre Hände begeben musste. Sie blätterte weiter. Eine Liste mit Gebührensätzen. Alles so um tausend Euro herum, im Doppelgrab doppelt so teuer. Logisch. Gruppenrabatt wie bei der Bundesbahn gab es wohl nicht.

Dann die Friedhofsordnung. Gemäß Paragraph vier der Rechtsverordnung über die Verwaltung kirchlicher Friedhöfe vom 13. Dezember 1973, § 1, Ziffer 2 (Friedhofszweck), diente der Friedhof der Bestattung von Personen, die bei ihrem Ableben ihren Wohnsitz in der Stadt hatten. Auch Fehlgeborenen und Ungeborenen im Sinne des Niedersächsischen Friedhofsgesetzes stand die Bestattung zu. Eine Leiche war man allerdings erst, wenn man mehr als fünfhundert Gramm wog. Wer weniger wog, war ein »Sternenkind«. Und wurde in der Sternenkinderabteilung bestattet. In einer anderen Abteilung fanden auch Verstorbene muslimischen Glaubens ihre letzte Ruhestätte.

Die Verstorbenen konnten also beruhigt sein, auch im Tod war für Ordnung gesorgt. Für Ruhe ja ohnehin.

Die letzten beiden Blätter waren Lagepläne. Ein noch freies Einzelgrab hatte die – von Herrn Pahl gelb markierte – Bezeichnung Abt. 23 Nr. 18 – 428. Die Nummern erinnerten Brunhilde an die durchnummerierten Zimmer in Krankenhäusern, aber das war ja auch irgendwie naheliegend.

Brunhilde suchte gerade die beiden anderen von Herrn Pahl gelb markierten Gräber, als sie einen Motor brummen hörte.

Ein Taxi bog in die Auffahrt. Es hielt beim Apfelbaum auf dem Rasen neben den matschigen Spuren, die der Rettungswagen hinterlassen hatte. Eine Weile tat sich nichts, dann öffnete sich die Tür, und der Fahrer, ein kleiner schmaler Mann mit weißem Schnauzbart, stieg aus. Irgendwie glich er diesem Asterix, dem listigen Comic-Gallier, als er mit verschränkten Armen und mit würdevoll erhobenem Kopf neben seinem Auto stand und darauf wartete, dass sein Fahrgast ausstieg.

Der Mann, der ausstieg, war ein Herr. Ein Mann, der zeigen wollte, dass er ein Herr war. Groß und schlank. Die hohe Stirn von spärlichem, flaumigem weißem Haar umkränzt, das sanft ins Silberne spielte. Auffallend war die Adlernase, die scharf und spitz aus dem Gesicht ragte. Das Gesicht eines römischen Imperators.

Cäsar.

Asterix und Cäsar mit einem Taxi. In einem neuen Abenteuer im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Das Leben ist ernst, dachte Brunhilde, aber es ist auch skurril, man muss nur einen Blick dafür haben.

Während Brunhilde noch sinnierte, trat Cäsar ein paar Schritte zurück, zog seinen Blazer gerade, kreuzte die Arme vor der Brust, reckte das Kinn vor und wartete. Asterix blickte scheinbar treuherzig zu ihm auf. Cäsar nahm eine Hand aus den verschränkten Armen und wies mit ihr auf den Kofferraum.

Der kleine Mann nickte, öffnete die Heckklappe und zog einen Koffer heraus. Ein Prachtstück von einem Koffer. Handgenäht aus samtigem lehmfarbenem Wildleder ruhte er für einen Augenblick in seiner ganzen Schönheit auf der Kante des Kofferraums.

Dann begann er zu rutschen. Langsam, fast majestätisch, glitt er über die blitzende Stoßstange in die matschige Spur, die der Rettungswagen hinterlassen hatte.

Cäsar brüllte auf.

Der kleine Mann setzte sich eine Brille auf, zückte einen Quittungsblock, legte den Kopf in den Nacken, um nachzudenken, und schrieb. Blickte forschend in den Himmel, als könnte er dort das Datum ablesen. Schließlich riss er ein Blatt ab und reichte es seinem Kunden, als wäre es ein Geschenk.

Cäsar, der ihn fassungslos beobachtet hatte, zeigte auf den von dunkler Erde verschmutzten Koffer und dann auf das Haus.

Asterix schüttelte den Kopf. Er setzte sich auf den Fahrersitz und verharrte dort, stumm durch die Windschutzscheibe in die Holunderbüsche blickend, die den kleinen Parkplatz zum Teich hin abschirmten.

Es war Cäsar, der die Geduld verlor. In zweitausend Jahren hatte sich das nicht geändert. Schnaubend und mit einer Miene, die seine unendliche Verachtung für Barbaren im Allgemeinen und für den unbotmäßigen Fahrer im Besonderen zu erkennen gab, zückte er seine Brieftasche, entnahm ihr einen Schein, zerknüllte ihn und schnippte ihn verächtlich zu seinem Widersacher hinunter, der ihn fast beiläufig auffing.

Asterix ließ den Motor an und legte mit einem Kavaliersstart einen neuen smarten Matschhalbkreis neben den alten, wobei der frische Dreck auf Cäsars Hosenbeine prasselte.

Bis zum Tor fuhr er mit Vollgas, um dann sanft auf die Straße abzubiegen, während Cäsar grimmig auf Fersen und Zehen vor- und zurückwippte.

Das muss der Neue sein, überlegte Brunhilde, der Mann, der in das Apartment neben der Wendeltreppe einzieht, das Viktor Gonzalez, der verstorbene Geiger, »freigemacht« hat. Sie erinnerte sich gut an das Vorauskommando, das die Möbel seines Nachfolgers gebracht hatte, und hier insbesondere an den riesenhaften Schreibtisch mit Onyxplatte, der so schwer gewesen war, dass sie ihn mit einem Gabelstapler durch das Fenster hatten heben müssen.

Na, das würde sie sich ansehen, wie sich dieser schmale, lange Mann hinter dem Ungetüm von Angeberschreibtisch ausmachte. Vielleicht brachte er sogar eine Sekretärin mit, die an der Schmalseite Platz nahm. Wie auch immer, einfach würde es mit dem Neuen nicht werden.

Sie beugte sich über die Friedhofspapiere. Besser nicht hinschauen, dieser Mann sah nicht so aus, als könne er Niederlagen vor den Augen einer Frau ertragen.

Sie blickte auf, als sie seine Schritte hörte, die sich zögernd auf dem knirschenden Kies näherten.

Das Gesicht des Mannes war gar nicht unsympathisch. Aber er tat ihr nicht leid. Wer sich als gestandener Mann mit einem ausgekochten Taxifahrer anlegt, ist selbst schuld.

Cäsar blickte sie aufgebracht an. »Haben Sie gesehen, wie dieser kleine Mensch mit mir umgesprungen ist?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Der Kerl hat mich stehen lassen wie einen dummen Jungen, hat den wertvollen Koffer versaut und ist einfach abgefahren!«

Brunhilde zuckte mit den Schultern.

»Scheint Sie nicht zu überraschen.« Pause. »Sind alle Leute hier so?«

»Wie?«

»Sind alle hier in der Gegend so wenig ... teilnahmsvoll?«

Brunhilde quälte sich ein Lächeln ab. »Eigentlich nicht. Jeder kümmert sich halt um seine eigenen Angelegenheiten.«

Er schnaubte verächtlich. »Seine eigenen Angelegenheiten, nicht zu fassen!« Er drehte sich um und inspizierte das Haus, als habe sich dort ein unbekannter Feind eingenistet. »Und hier, in der Villa?«

»Ganz in Ordnung, liebenswert, wie ältere Leute eben so sind.«

Er blickte sie scharf an. »Und Sie? Sie sind doch nicht alt! So wie Sie aussehen. Noch ganz ... ganz knackig, wenn Sie den burschikosen Ausdruck verzeihen.«

Knackig.

Knackig?

Der Schatten der Bäume tupfte ihr Gesicht, sodass er nicht sehen konnte, dass sie rot wurde. Dumme Kuh, schalt sie sich. So ein plumper Spruch aus der Mottenkiste, und du ventilierst wie ein Teenager! Nicht zu fassen!

»Danke für die Blumen«, sagte sie schließlich mit aufgeklebtem Lächeln und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Und dann, um dem Wunsch, der in seinen Augen geschrieben stand, höflicherweise erfüllen, fügte sie an: »Sie sind doch auch gut in Form, kein Gramm zu viel.«

Es beruhigte sie, dass nun er es war, der dahinschmolz. »Man tut, was man kann.« Betont bescheiden. »Aber ich war sehr eingespannt, beruflich, wissen Sie. Die Verantwortung, das war alles nicht einfach.«

Sie lächelte in sich hinein. Warte nur ab, du selbstverliebter Gockel! »Na ja, wenn Sie so durchtrainiert sind, können Sie den Koffer ja gut selbst tragen.«

Sein Gesicht versteinerte. »Ich trage meine Koffer aus Prinzip nicht, ich trage überhaupt keine Koffer, bügle auch meine Hemden nicht oder wasche meine Unterhosen. Was man Dienstboten machen lassen kann, soll man Dienstboten machen lassen, Gnädigste. Dafür habe ich mich nicht abgequält, all die Jahre.«

So ein Mensch, überlegte sie, so eine männliche Primadonna, konnte ihnen allen das Leben schwermachen. Aufschneiderei und mangelndes Selbstvertrauen lagen meist nah beieinander und waren eine schwierige Mischung. Sie blickte Cäsar noch einmal aufmerksam an. Irgendetwas stimmte nicht an dem Mann. Sie wusste nicht, warum sie so dachte, aber ihre Ahnungen trogen sie selten. Als Ärztin musste man sich schnell eine Meinung bilden, und ihre Erfahrung als Ärztin sagte ihr, dieser Mann war nicht so, wie er tat. Dazu war die Vorstellung, die er gab, irgendwie zu ... dümmlich.

Als sie aus ihren Gedanken auftauchte, sah sie, dass er ihr die Hand hinhielt, um sich vorzustellen. »Justus Weissenborn, Dr. Justus Weissenborn, Hamburg, ehemals Hamburg ... ist mir

eine Freude, Sie hier getroffen zu haben, gnädige Frau, gibt mir einen guten Eindruck, vielleicht kann ich doch ganz zufrieden sein.« Gnädig, aber mit so ehrlichem Lächeln, dass sie ihm seine Aufschneiderei fast wieder vergab.

»Brunhilde Demuth. Mit einem kleinen H am Ende, was ja einen ziemlichen Unterschied ausmacht.« Er hob fragend die Augenbrauen, und sie sah gleich, dass er den versteckten Hinweis nicht verstand, dass Demut nicht das war, was er von ihr erwarten konnte.

Er schien einen Moment zu überlegen. »Ich bin der Neue«, sagte er. »Und nun, liebe Frau Demuth, können Sie mir vielleicht sagen, wo das Büro ist?«

»Den Aufgang dort bis zur Stechpalme. Die Tür ist offen. Im Flur ist rechts eine Wendeltreppe. Dort wieder hinunter. Unten ist ein Schild. Büro. Frau Leidloff ist da.«

»Frau Leidloff. Die Sekretärin?«

»Die Chefin.«

Er nickte. »Das ist gut. Ich spreche am liebsten gleich mit den Chefs. Ist einfacher. Auch angemessen. Habe ich immer so gehalten. Chef zu Chef, das ist das Beste.«

Okay, okay, dachte sie irgendwie enttäuscht, du bist eben doch ein Blödmann, hast es doch noch geschafft, mir noch einmal unterzujubeln, dass du ein wichtiger Mensch warst. Bravo. Sie verkniff sich die Frage, auf die er sicherlich wartete, wovon er denn Chef gewesen war. Egal. Er würde sich bestimmt nicht lange bitten lassen, es ihnen zu erzählen.

Er drehte sich um und ging.

Das »knackig«, das du so leicht dahingesagt hast, nehme ich dir übel, du Schmeichellecker. Und mir nehme ich übel, dass ich dumme Gans darauf reingefallen bin.

Blödmann!

Sie dachte an die stachlige Palme im Eingang und freute sich, dass sie ihn nicht davor gewarnt hatte.

Sie brauchte einige Zeit, um sich zu beruhigen. Also noch jemand, den ein Geheimnis umgab. Konnte es sein, dass sich ausgerechnet hier, in dieser wilhelminischen Villa, Leute ein-

nisteten, die nicht wirklich das waren, was sie zu sein vorgaben? Die noch den Ballast aus ihrem früheren Leben mit sich herumschleppten? Schau dich selbst an. Warum bist du gerade hier gelandet? Weil diese Villa eine Burg ist. Eine Burg, die die Welt draußen hält, wo niemand mehr zur Rechenschaft gezogen wird, auch nicht moralisch.

Splendid isolation.

So klar hatte sie das noch nie gesehen. Sie seufzte. Vielleicht war es hysterischer Quark, den sie sich da zusammenrührte. Vielleicht nicht. Nun ja, selbst wenn es so war, würde es niemanden wirklich interessieren, am Ende wartet ja doch nur der Friedhof.

Der Friedhof. Wieder der Friedhof. Sie fragte sich, wie dieser Justus Weissenborn sich dort aufführen würde, konnte am Ende froh sein, wenn sie überhaupt noch ein Plätzchen für ihn freihatten. Und für einen Onyxschreibtisch war da sowieso kein Platz. Der noble Herr Weissenborn, der unbedingt ein Chef bleiben wollte, und der abgeklärte Friedhofswärter Pahl, der sie als Tote ohnehin alle nackt sehen würde. Gut, dass sie das nicht miterleben musste. Dort hatte alles Getue ein Ende, und es war durchaus sinnvoll, sich so lange wie möglich auf das Leben zu konzentrieren.

Das hatte ihr gestriger Besuch auf dem Friedhof noch einmal deutlich gemacht.

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