Datum: 30.08.2012
Handelszeitung 8021 Zürich 043/ 444 59 00 www.handelszeitung.ch
Medienart: Print Medientyp: Publikumszeitschriften Auflage: 36'320 Erscheinungsweise: wöchentlich
Themen-Nr.: 377.5 Abo-Nr.: 1090629 Seite: 39 Fläche: 67'142 mm²
«Liechtenstein ist weit mehr als ein Finanzplatz» Hugo Quaderer Der Bildungsminister des Fürstentums über Aus- und Weiterbildung im Ländle, die jüngste deutschsprachige Universität in Vaduz sowie die «Bildungsstrategie FL 2020». INTERVIEW: ROBERT WILDI
Als Bildungsminister sind Sie für die Entwicklung und Konservierung von Wissen und Know-how im Fürstentum Liechtenstein verantwortlich. Wie steht es zurzeit um die geistige Schlagkraft? Hugo Quaderer Ausgezeichnet. Obwohl
wir ein kleines Land sind, können wir unserer Bevölkerung das komplette Angebot vom Kindergarten bis zur Universität bieten. Sowohl für hochbegabte als auch für schwache Schüler gibt es entsprechende Fördersysteme. Wir haben in den letzten Jahren auch eine Sportschule und diverse
gewährleistet, dass niemandem aus rein Liechtenstein, an der rund 30 Prozent der
finanziellen Gründen der Zugang zu über 1200 Studierenden aus der Schweiz einem Bildungsangebot verwehrt bleibt.
stammen, von anderen Hochschulen?
Quaderer: Ein wesentliches Merkmal ist Trotzdem kann das Bildungsangebot wohl die überschaubare Grösse der Universität, kaum allen Ansprüchen gerecht werden. die ein auch international sehr gutes
Quaderer: Ein kleines Land muss - nicht Betreuungsverhältnis zwischen Dozienur in der Bildung - immer fokussieren. Es muss wissen, wo die eigenen Stärken liegen, und dort investieren. Dazu kommt die Frage, was man sich leisten kann und will.
renden und Studierenden von 1 zu 14 ermöglicht. Die Universität Liechtenstein ist zwar klein, bearbeitet aber in ihren vier thematischen Schwerpunkten Architektur
Ein wichtiger Schwerpunkt werden in Liech- und Raumentwicklung, Unternehmer-
tenstein deshalb immer der PflichtschulGanztagesschulen im Land aufgebaut. bereich und die berufliche Grundbildung Liechtenstein ist darüber hinaus bestens sein. Im tertiären Bereich kristallisiert sich
tum, Finanzdienstleistungen sowie Wirtschaftsinformatik für unser Land wichtige
Themen wie «Nachhaltiges Bauen und
mit seinen Nachbarn vernetzt. Dank ein klarer Schwerpunkt Wirtschaft heraus, Planen», «Wachstum und Komplexität», Staatsverträgen mit Österreich und einer was sicherlich stringent mit dem starken «Wealth Management» oder «Business Konkordatspartnerschaft mit der Schweiz Wirtschaftsplatz Liechtenstein ist.
Process Management».
in Bezug auf Universitäts- und Fachhochschulvereinbarung haben wir gute Die Universität Liechtenstein, die bis 2011 Hängt das nationale Bildungswesen massgeblich von einer erfolgreichen Universität Lösungen gefunden, um den Zugang zu eine Hochschule beziehungsweise bis 2005
jenen Bildungsangeboten zu sichern, die eine Fachhochschule war, ist gegenwärtig
Liechtenstein ab?
liechtensteinische Matura ermöglicht den Welche Rolle spielt sie für ein kleines Land prüfungsfreien Zugang an alle Universitä- wie Liechtenstein? ten in der Schweiz und Österreich. Quaderer: Die Universität Liechtenstein ist ein Innovationstreiber und unverzichtWird der hehre Gruna.satz «Bildung bärer Reflexionspartner für Wirtschaft, für alle» bei Ihnen wirklich umgesetzt? Quaderer: Auf jeden Fall. Der Bildungs- Verwaltung und Gesellschaft. Sie bildet standort Liechtenstein profitiert von aus- Fach- und Führungskräfte aus, die wir im gezeichneten Rahmenbedingungen und Land benötigen, und stellt Angebote für einer einzigartigen Infrastruktur. Dies das lebensbegleitende Lernen. Zahlreiche
wesen nicht auf nationale Institute
wir selbst nicht anbieten können. Die die jüngste deutschsprachige Universität.
einerseits durch die staatlichen schuli- Forschungsfragen, vor denen das Land schen Angebote und andererseits durch aufgrund seiner speziellen Situation und das herausragende Engagement der liech- Ausrichtung steht, können nur von einer tensteinischen Wirtschaft in der beruf- Hochschule beantwortet werden, welche lichen Grundbildung. Es ist zudem erfreu- im Land verankert ist und deren Lehr-, lich, dass auch vermehrt private Anbieter Forschungs- und Transferleistungen für die Bildungslandschaft in Liechtenstein die Region relevant sind. bereichern. Dank des grosszügig ausgestalteten Stipendienwesens ist auch Worin unterscheidet sich die Universität
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Quaderer: Wir sehen unser Bildungsbeschränkt. Viele unserer jungen Berufs-
leute und Maturanden absolvieren ihre Ausbildung in der Schweiz - derzeit sind rund 500 liechtensteinische Studenten an Schweizer Universitäten immatrikuliert. Sie stehen ebenfalls für die Qualität des liechtensteinischen Bildungswesens. Die Universität ist für Liechtenstein sehr wichtig, weil diese auch über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wird. Sie ist eine Botschafterin für den Bildungsplatz Liechtenstein. Ausserdem bietet sich die Universität auch für Lehrgänge an, welche direkt mit dem liechtensteinischen Wirt-
schafts- und Gesellschaftswesen zu tun haben. Ich denke dabei zum Beispiel an Weiterbildungen im Treuhandwesen oder im nationalen Steuerrecht.
ARGUS der Presse AG Rüdigerstrasse 15, Postfach, 8027 Zürich Tel. 044 388 82 00, Fax 044 388 82 01 www.argus.ch
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darunter Weltmarktführer wie Hilti oder hier kann die Universität Liechtenstein Ivoclar Vivadent - rekrutieren ihre Spezia- einen wichtigen Part übernehmen. Quaderer: Neben dem staatlichen An- listen aus verschiedensten Fachrichtungebot im Pflichtschulbereich ist die duale gen deshalb europaweit. Es gibt aber Berufsbildung mit rund 1200 Lernenden Bereiche, die gestärkt werden müssen. ein wichtiger Stützpfeiler. Nicht nur für Gerade im technischen Bereich fehlen für den Bildungsstandort, sondern vor allem unsere Industrie Nachwuchstalente. Desauch für den Wirtschaftsstandort. Ich bin halb hat die liechtensteinische Regierung überzeugt, dass gerade das duale Berufs- mit der Industrie- und der Wirtschaftsbildungssystem mit ein wesentlicher kammer ein Technikförderungsprogramm Grund für die tiefe Jugendarbeitslosigkeit an den Schulen aufgelegt. Welche weiteren Stützpfeiler prägen den Bildungsstandort Liechtenstein?
in Liechtenstein und in der Schweiz ist. Im tertiären Bildungsbereich sind zudem das Wie viele heimische Fachkräfte gehen der DER MENSCH Liechtenstein-Institut und die Private nationalen Wirtschaft verloren, indem sie nach Abschluss ihrer Ausbildung in Universität zu nennen. Name: Hugo Quaderer Liechtenstein ins Ausland abwandern? Funktion: Regierungsrat (Minister Quaderer: Es gibt junge Leute, die nach für Inneres, Bildung und Sport) des Wie können Sie als Politiker die ihrem Studium zuerst im Ausland Arbeits- Fürstentums Liechtenstein, Vaduz FL Attraktivität des Bildungsstandortes erfahrung sammeln wollen. Generell bleibt Alter: 47 Liechtenstein steigern? Quaderer: Politik und Wirtschaft müssen dem liechtensteinischen Arbeitsmarkt je- Wohnort: Schaan FL Hand in Hand zu den bestehenden her- doch ein grosser Teil der hier ausgebildeten Familie: Verheiratet, zwei Kinder
vorragenden Rahmenbedingungen Sorge jungen Menschen erhalten. Und viele Ausbildung: Rechtsstudium, HSG tragen. Bildung ist sehr dynamisch, des- ausländische Studierende, die ihren Abschluss in Vaduz gemacht haben, arbeiten «Bildungsstrategie FL 2020» 2011
«Viele Ausländer, die ihren Abschluss in Vaduz gemacht haben, arbeiten anschliessend hier.»
anschliessend auch hier. Liechtenstein hat die liechtensteinische Regierung ist ein attraktiver Werkplatz mit hoher erstmals strategische Ziele für die Lebensqualität.
Wie viel Zeit investieren Sie, um bei
ausländischen Behörden und Instituten für Ihren Bildungsstandort zu lobbyieren? halb ist gerade auch im Dialog mit der Quaderer: Unser Land wird international
Wirtschaft periodisch zu klären, welche Bildungsangebote unsere Gesellschaft für die Zukunft fit und dadurch erfolgreich machen. Zu diesem Zweck haben wir vor
oft nur als Finanzplatz wahrgenommen. Doch Liechtenstein ist weit mehr als ein Finanzplatz. Wir sind ein äusserst erfolgreicher Gewerbe- und Industriestandort,
einem Jahr erstmals für Liechtenstein eine «Bildungsstrategie FL 2020» entwickelt, die alle Bereiche und aufbauend auf einer Vision acht strategische Ziele umfasst.
der eine hohe Innovationskraft hat. Mir ist es deshalb wichtig, im Ausland darzustellen, dass Liechtenstein eben auch ein Bildungsstandort ist. Zu diesem Zweck pflege
Kann der liechtensteinische Bildungsmarkt heute genügend hochqualifizierte Fachkräfte ausbilden, um die Nachfrage der nationalen Wirtschaft zu decken?
Raum, versuche ich auch Werbung für den
ich einen regen Austausch mit unseren direkten Nachbarn St. Gallen, Graubünden und Vorarlberg. Durch bilaterale Treffen, vor allem im deutschsprachigen
Aus- und Weiterbildung als wichtige Standortfaktoren formuliert. Die sogenannte Bildungsstrategie FL 2020 umfasst acht Kernbotschaften: «Qualität sicherstellen», «Individuell fördern», «Bildungschancen ermöglichen», «Menschen integrieren», «Anschlüsse gewähren, Wahlmöglichkeiten bieten», «Mobilität unterstützen», «Gestaltungsspielräume erweitern» und «Kooperieren und koordinieren».
Als treibende Kraft hinter dem Werk ist Regierungsrat und Bildungsminister Hugo Quaderer überzeugt, damit alle Bereiche des Wissensstandortes Liechtenstein erfasst zu haben.
Quaderer: Die Nachfrage kann allein Bildungs- und Wissenschaftsstandort zu
schon aufgrund der Grösse des Arbeits- machen und uns als zuverlässigen Partner markts nicht durch in Liechtenstein aus- zu präsentieren. Liechtenstein ist zudem gebildete Menschen abgedeckt werden. Bologna-Signaturstaat und nimmt seit Dies ist nur zum Teil ein Problem der Bil- Beginn an den europäischen Bildungs-
dung. Liechtenstein bietet fast gleich viele programmen teil. Wir sind also bestens im Arbeitsplätze, wie es Einwohner hat, und europäischen Hochschulraum integriert. ist deshalb auf qualifizierte Fachkräfte Diese Wahrnehmung zu stärken, erfordert aus dem Ausland angewiesen. Die hoch- viele Gespräche mit Politikern, aber ebentechnisierten Unternehmen des Landes - falls den Austausch auf Fachebene. Auch
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