Von 1993 bis 2016. Niederländischsprachige Literatur in deutscher Übersetzung zwischen den zwei Buchmessen (Nederlandse versie : Van 1993 tot 2016. Nederlandstalige literatuur in Duitse vertaling tussen de twee Buchmessen. L. Missinne & J. Grave (Ed.). Tussen twee stoelen, tussen twee vuren. Nederlandse literatuur op weg naar de buitenlandse lezer. Gent: Academia Press 2018, pp. 1130. Open Access: https://www.oapen.org/download?type=document&docid=1000509) Lut Missinne
Dutch-language literature in German translation is generally regarded as a success story. This article presents an overview of the tendencies in the translation of Dutch literary prose into German between 1990 and 2016, taking the two Frankfurter Bookfairs of 1993 and 2016 as initial stakes. Focusing strictly on one genre, that of literary prose, it aims at an accurate and realistic view on the tendencies and the diversity of authors in the German market. Besides this, it tackles the main recurrent themes in studies on translations of Dutch-language literature, such as the proportion between Dutch and Flemish authors; the share of canonical titles and the occurrence of national images and stereotypes and looks for also critical reactions from German publishers and critics, Bookfair organizers and translators.
Man kommt nicht umhin, es zu bemerken: In den letzten 25 Jahren wurden auffällig viele niederländischsprachige Bücher ins Deutsche übersetzt. Dass die niederländischsprachige Literatur 1993 ein Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse war, hatte eine Welle an deutschen Übersetzungen zur Folge, die sich mit dem zweiten Auftritt der Niederlande und Flanderns als Gastländer 2016 wiederholte. Die Zahlen, die zirkulieren, sind beeindruckend. Im Pressebericht des Frankfurtteams aus dem Juni 2016 konnte man erfahren, dass bereits vor der Buchmesse 182 literarische Titel in deutscher Übersetzung erschienen waren, während in den vergangenen Jahren jährlich etwa 85 Neuerscheinungen auf Deutsch zu verzeichnen waren.1 Im September 2016 war diese Zahl bereits auf mehr als 360 neue Übersetzungen und/oder neue Ausgaben angestiegen. Darunter waren 309 literarische Titel (180 Bücher für Erwachsene und 129 Kinder- und Jugendbücher). Am Vorabend der Buchmesse, die am 19. Oktober eröffnete, stand der Zähler bei 454 Büchern über Flandern und die Niederlande und Übersetzungen niederländischsprachiger Titel ins Deutsche, darunter 306 literarische Übersetzungen, so meldete der Nederlands Letterenfonds.2
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Zur Erfolgsgeschichte der niederländischsprachigen Literatur in Deutschland, über die man sich inzwischen auf vielen Kanälen informieren kann, gehört auch die bedeutende Rolle, die Deutschland für niederländische und flämische Autoren spielt. Für Übersetzungen niederländischsprachiger Literatur ist der deutsche Markt der wichtigste, sowohl in Bezug auf die Menge als auch die Verkaufszahlen – darüber herrscht Einigkeit.3 Außerdem ist die Messe in Frankfurt nicht nur für Übersetzungen ins Deutsche von großer Bedeutung. Deutschland fungiert darüber hinaus als Sprungbrett für Übersetzungen in andere Sprachen. Das deutsche Sprachgebiet wird als Brücke nach Mittel-, Nord- und Osteuropa, und, kurzum, zum Rest der Welt, betrachtet. Die Auswirkung deutscher Übersetzungen auf andere Sprachgebiete wurde bisher jedoch kaum erforscht. Die Deutschen sind oft die ersten, die Übersetzungsrechte kaufen, sagt Uta Matten, Rechtsmanagerin beim Verlag De Bezige Bij (Velzen, 2016a). Dennoch ist der jährliche Anteil von Übersetzungen ins Deutsche gegenüber der Gesamtzahl an Übersetzungen aus dem Niederländischen von einem Drittel in den späten Achtzigern (Heilbron, 1995, S. 230) auf 26,15% in den Jahren 2000-2009 und auf ein Fünftel in der Periode 20102015 gesunken, mit einem vorhersehbaren Anstieg im Jahr 2016, in dem wieder eine von drei Übersetzungen ein niederländischer Titel war, der ins Deutsche übersetzt wurde.4
Grafik 1a. Anteil deutscher Übersetzungen (blau) niederländischsprachiger Literatur im Vergleich zur Gesamtzahl an Übersetzungen in alle Sprachen pro Jahr 2
Grafik 1b. Die gleichen Werte wie in Grafik 1a in Prozenten
„Die meisten Gastländer profitieren etwa fünf Jahre von ihrem Status”, sagt Jürgen Boos, seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse, „zwei Jahre vor der Buchmesse und drei Jahre danach. Nach Deutschland folgen in der Regel Frankreich, Spanien und Italien, vor allem bei den Bestsellern, und in einer späteren Phase folgen Übersetzungen aus den kleineren Ländern.” (De Tijd 2016). Diese Erfolgsgeschichte ist komplexer als sie auf den ersten Blick erscheint. Zunächst einmal sagt die Anzahl der veröffentlichten Bücher nicht per se etwas über ihren Erfolg aus. Veröffentlichen und verkaufen sind zwei Paar Schuhe. Ein paar lobende Rezensionen garantieren ebenfalls keinen Verkaufserfolg. Zudem sind die relativen Maßstäbe, mit denen Perioden und Sprachgruppen verglichen werden können, mindestens genau so interessant wie die absoluten Zahlen (Heilbron, 1995, S. 208). Werden wirklich so viel mehr Bücher aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt als in andere Sprachen? Der Übersetzungsdatenbank des Nederlands Letterenfonds zufolge wurden zwischen 2000 und 2015 durchschnittlich 575 Übersetzungen veröffentlicht. Die Übersetzungen ins Deutsche stellten in dieser Periode im Durchschnitt ein Viertel aller Übersetzungen dar.5 Eine andere Frage, die sich in diesem Zu-
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sammenhang aufdrängt, ist die nach der anderen Richtung des Transfers: Wie viel wird eigentlich aus dem Deutschen ins Niederländische übersetzt? Zwischen 2003 und 2009 betrug der Anteil der ins Niederländische übersetzten Literatur an der gesamten Produktion von fiktionaler Literatur in den Niederlanden (definiert als „literary fiction, poetry, crime fiction and romance“) ungefähr zwei Drittel, was bedeutet, dass nur ein Drittel ursprünglich auf Niederländisch geschrieben wurde (Franssen, 2015, S. 30-34). Übersetzungen aus dem Deutschen machten etwa 3,5% der Gesamtproduktion aus, die aus dem Französischen 2,5% und die aus dem Englischen 48%.6 In Deutschland selbst ist diese letzte Zahl noch größer; hier stammen zwei Drittel der Literaturübersetzungen aus dem Englischen (Schwarz, 2014). Fest steht jedenfalls, dass Events wie die Frankfurter Buchmesse, aber auch die London Book Fair, die Livre Paris oder LIBER, die internationale Buchmesse in Barcelona, die Book Fair in Göteborg und die Bologna Children’s Book Fair, von extrem großer Bedeutung für die Promotion und Übersetzungen von kleineren Literaturen sind. „Mit der Nominierung eines Landes zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse wird zunächst das Übersetzungsrad angestoßen. Im Schnitt sind es 40 bis 50 neue Titel, für die Geld bereitgestellt wird“, so Nicole Witt, die in Frankfurt die Literaturagentur Merlin betreibt (Schwarz, 2014). Auch die brasilianische Literatur durfte dies 2013 erfahren, als Brasilien Gastland in Frankfurt war. Während in dem Jahrzehnt vor eben dieser Buchmesse außer Paul Coelho kaum ein Autor aus Brasilien übersetzt wurde, erschienen zwischen 2011 und 2013 fast doppelt so viele Übersetzungen aus dem Portugiesischen wie in den zwanzig Jahren davor (Schwarz, 2014). Ein Erfolgsrezept für ein Gastland in Frankfurt gibt es laut Simone Bühler, die die Ehrengastprojekte der Frankfurter Buchmesse leitet, jedoch nicht (Göpfert, 2016). Jedes Land hat seine eigene Mentalität und Vorgehensweise und das kann zu Überraschungen führen, so wie bei der beeindruckenden, poetischen und verträumten Präsentation Islands 2011 – ein Gastland, an das Frankfurt sich noch lange erinnern wird. Dennoch gibt es ein paar goldene Regeln. Bei den Vorbereitungen muss das Gastland darauf achten, dass die staatliche finanzielle Unterstützung, die ihm zur Verfügung gestellt wird, nicht nur politisch eingesetzt wird und nicht der Repräsentation des Landes, sondern der Literatur dient. „Oft werde nicht berücksichtigt, dass im Mittelpunkt ‚gute Geschichten, gute Autoren, gute Bücher‘ stehen müssten“, warnt Thomas Böhm, der Projektleiter des Gastlandes Island war (Schwarz, 2014). Ebenso wichtig ist, das Feuer im Anschluss nicht erlöschen zu lassen. Dafür gibt es Böhm zufolge nur 4
einen Weg und der heißt: investieren. Seine Botschaft lautet: „Don’t stop here. Es fängt gerade erst an. Fonds und ihre Übersetzungspolitik müssen weiterhin in ihrer Übersetzungspolitik unterstützt und stimuliert werden, damit sie gemeinsam Messen und Literaturfestivals besuchen.“ (De Tijd 2016). „Die dauerhafte Finanzierung von Übersetzungen ist entscheidend dafür, ob ein Buchmesseauftritt von dauerhafter Wirkung ist. […] Generell aber weiß man aber erst nach zwei, drei Jahren, ob sich die Gastlandprojekte gelohnt haben.“ (Schwarz, 2014). Für Holger Ehling, der jahrelang Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse war, sind die Niederlande und Flandern diesbezüglich noch immer ein leuchtendes Beispiel. Er rühmt den Letterenfonds in Amsterdam als zentralen und unabhängigen Ansprechpartner, der bis heute auf eine unbürokratische und pragmatische Art und Weise Fragen aus dem Ausland beantwortet, und er betrachtet diesen Auftritt als einen der Schlüsselmomente für die nachhaltige Aufmerksamkeit, die man der niederländischsprachigen Literatur in Deutschland schenkt. Inzwischen ist der Vlaams Fonds voor de Letteren, der 1999 gegründet wurde, ein gleichwertiger Partner für die Unterstützung der niederländischsprachigen Literatur Flanderns in Übersetzung.
Frankfurt 1993 & 2016
Die niederländische Literatur erlebte 1993 einen Aufschwung. Übrigens war der damalige „Schwerpunkt“ eine Neuerung, weil mit Flandern und den Niederlanden erstmals nicht ein Land, sondern ein Sprachgebiet im Mittelpunkt stand. Auf der Frankfurter Buchmesse gab es seit 1976 zweijährliche Themen, wie „Lateinamerika“ (1976), „Kind und Buch“ (1978) oder „Religion von gestern in der Welt von heute“ (1982) (Niemeier, 2001, S. 51). 1988 wurden diese durch die Auftritte von Ländern als Ehrengast ersetzt. Das erste Land, dem diese Ehre zuteilwurde, war Italien. Inzwischen ist die Frankfurter Buchmesse zur größten und wichtigsten Buchmesse der Welt herangewachsen, mit mehr als 7000 Ausstellern aus mehr als 100 Ländern, mit mehr als 1000 Autoren und etwa 275.000 Besuchern.7 Kurz vor der Eröffnung der Buchmesse im September 1993 schrieb der niederländische Autor H. Brandt Corstius: „Wenn Sie in den kommenden Monaten aus östlicher Richtung das Geräusch sich reibender Hände hören, dann ist das folgendermaßen zu erklären: Es sind die Deutschen, die Schweizer, die Österreicher, die Sudetentschechen und weiteres auf Deutsch lesendes Volk, das sich die Hände reibt beim Lesen niederländischer Literatur in deutscher 5
Übersetzung. Nescio! Nolthenius! Nooteboom!“ Brandt Corstius ergänzte aber auch noch einige Fragen: „Wie wird die niederländische Literatur in Deutschland beworben?“, „Welche Autoren und Autorinnen schicken wir dorthin?“, aber auch: „Warum diese niederländische Offensive auf deutschem Boden?“ und „Wer möchte, und warum, niederländische Literatur ins Ausland exportieren?“ Die Antwort auf die letzte Frage war ihm zufolge recht einfach: „Natürlich liegt der Grund darin, dass unsere Literatur eine der reichsten und schönsten der Welt ist und dass man davon in Deutschland profitieren möchte“ (Brandt Corstius, 1993). Nach einigem Gerangel zwischen den Niederlanden und Flandern über die Finanzen und die Zusammensetzung der Delegationen präsentierten beide Länder sich 1993 unter dem Motto „Flandern und die Niederlande: weltoffen“. Dieses Motto prangte in großen Buchstaben über der zentralen Ausstellung im Schwerpunktpavillon.
Abbildung 1 6
Diese Weltoffenheit wurde in der Programmbroschüre mit der geografischen Lage der Niederlande und Belgien erklärt: „Einige der für den Handel wichtigsten Flüsse Europas münden in den Niederlanden und in Flandern ins Meer. Dadurch ist dieses Deltagebiet gleichsam für eine stark international ausgerichtete Rolle prädestiniert. Das prägt auch Wissenschaft und Kultur. Internationale Kontakte sind für die Niederlande und Flandern seit jeher ihr täglich Brot. Man ist weltoffen.“8 Dieses Bild von der Offenheit beider Länder, ihre Orientierung hin zum Rest der Welt und ihr internationaler Geist haben die Imagebildung der niederländischen Literatur in Deutschland bis heute bestimmt und dieses Bild ist in den letzten fünfundzwanzig Jahren in einer Unmenge deutscher als auch niederländischer Rezensionen und Kommentare wiederzufinden. Mit den Worten von Adriaan van Dis nennt sich dies „menschliche Versetzungskunde“ (Velzen, 2016b). Dass derartige vage Charakterisierungen einen Halt bieten, zeigt sich, wenn sogar anno 2017 deutsche Herausgeber diese „Weltoffenheit“ noch immer als auffälligstes Kennzeichen der niederländischen Literatur betonen.9 Dieses Bild der Weltoffenheit passt natürlich gut zum Image der niederländischen Gesellschaft als toleranteste überhaupt, ein Bild, das in Deutschland viele Jahre lang fest verankert war und das erst durch die jüngsten politischen Entwicklungen in den Niederlanden in Frage gestellt wurde. 2016 stand die Präsentation der Niederlande und Flandern unter dem Motto: „Dies ist, was wir teilen.“ Damit wollte der künstlerische Leiter Bart Moeyaert nicht nur auf die gemeinsame Sprache verweisen, sondern auch eine Verbundenheit und gegenseitiges Interesse zwischen Flandern, den Niederlanden und Deutschland ausdrücken. Diese Idee wurde mittels Bildern der gemeinsamen Küstenlinie und der Nordsee, Bildern, die im hochgelobten Design des Gastlandpavillons wiederzufinden waren, veranschaulicht. Damit wurde die Frage von Brandt Corstius nach der Art und Weise, wie die niederländische Literatur in Deutschland präsentiert werden solle, mehr oder weniger beantwortet. Es bleibt noch die wichtigste Frage: Mit welchen Autorinnen und Autoren sollte das umgesetzt werden? In jedem Falle: mit vielen. Die Zahlen der ins Deutsche übersetzen Bücher wurden bereits genannt. Manche Herausgeber scheinen für Übersetzungen für ausländische Märkte die gleiche Strategie zu wählen wie für den niederländischen Markt. Sie wenden die „SchussHageltechnik“ an, wie Boekblad-Redakteur Ed van Eeden es einst ausdrückte: „Man bringt zweihundert Bücher pro Jahr auf den Markt, man hofft, dass sich zehn bis zwanzig gut verkaufen, und man rechnet damit, dass zwei bis drei echte Bestseller werden“ (Krijgsman, 1998, S. 7
18). Denn für niederländische Herausgeber bleibt es die Millionenfrage: Welcher Titel wird es zum Bestseller schaffen? Maarten Asscher, Herausgeber bei Meulenhoff und heutiger Geschäftsführer beim Amsterdamer Athenaeum Boekhandel, sprach in diesem Zusammenhang von der „Unselbstverständlichkeit des Erfolgs – oder, anders ausgedrückt, dem Mangel an Gerechtigkeit gegenüber Mühe, Talent oder sogar Genialität“ (Asscher, 1993, S. 2). Von deutscher Seite aus reagierte man 2016 auf die immensen Mengen an Übersetzungen mit Bewunderung und Erstaunen, aber auch mit dem Wunsch nach einem Leitfaden. Auf dem Blog Intellektures.de wurde darum die Best-Of-Ausgabe der Zeitschrift Das Mag hochgelobt, weil sie dazu einlud, „die Vielfalt der Literatur des Ehrengastes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse kennenzulernen. Vielleicht keine ganz schlechte Idee, bevor man sich auf die weit über einhundert Bücher niederländischer und flämischer Autoren stürzt, die in den vergangenen Monaten erschienen sind beziehungsweise in den nächsten Wochen erscheinen werden; zumal eine literarische Landkarte Orientierung und Lesehilfe bietet.“10 Der Verlag Das Mag schreibt sich übrigens auch bei seiner inländischen Verlagspolitik auf die Fahne, eine begrenzte Anzahl an Autoren intensiv zu begleiten. Der Kritiker von Deutschlandradio – Kultur warf die Frage auf, was denn nun angesichts dieser Übersetzungsflut relevant sei und gab darauf folgende Antwort: „Das sind im Besonderen die Sachbücher und Romane, die kritisch Anstoß nehmen. Und ihre Themen sind aktuell: Flüchtlingsschicksal und Krise der Demokratie, islamistischer Terror und die Gewalt des Populismus, Migration und Integration“ (Zähringer, 2016).
Eigen oder anders
Die Frage nach der Art von Büchern, die beim deutschen Leser gut ankommt, ist besonders schwierig zu beantworten. Herbert van Uffelen versuchte es mit einer schönen Aussage über die „unbeschreibliche Unbeschreiblichkeit“ der niederländischen Literatur im Ausland (Uffelen, 2006, S. 9), doch auch damit kommt man nicht weiter. Die Bücher, mit denen die Rechtsmanager von De Bezige Bij in Frankfurt hausieren gehen, so ließen sie wissen, sind grob gesagt die gleichen Bücher, die der Verlag auch in den Niederlanden anbietet, ein Line-Up der großen Titel“ (Velzen, 2016a). 8
Da die niederländischsprachige Literatur 1993 in Deutschland noch größtenteils unbekannt war, neigte man dazu, Autoren als besonders „niederländisch“ zu präsentieren. In jenem Jahr erschienen Anthologien unter Titeln wie Großer Himmel, flaches Land oder Die Farbe der Tulpe. Inzwischen hat die niederländischsprachige Literatur im Ausland und insbesondere in Deutschland ein Profil mit Wiedererkennungswert. Die Organisatoren des Gastlandauftritts 2016 haben sich daher auch für eine andere Herangehensweise als 1993 entschieden: nicht mehr als Repräsentant der niederländischsprachigen oder einer nationalen Kultur – „keine Tulpen aus Holland“ prangte auf einem dtv-Plakat – sondern von Themen ausgehend, die sich in der Arbeit der Autoren fanden. Ausländische Herausgeber interessieren sich durchweg nicht so sehr für die „niederländische und flämische Literatur an sich [...] Sie interessieren sich für Literatur allgemein“, wusste Asscher schon vor Jahren (Asscher, 1993, S. 3).11 Es stellt sich die Frage, ob „die niederländische Literatur in Deutschland“ nicht vor allem ein Bild ist, das in den Niederlanden und Flandern vorherrscht und das davon inspiriert ist, wie Deutschland über diese Länder denkt. In Deutschland jedoch entspricht das Image der niederländischen Literatur dem seiner Autoren (Buchwald, 2006a, S. 8), oder anders ausgedrückt: „books don’t have nationalities” (Wallmann, 1997).
Flamen und Niederländer
Eine andere Frage, die regelmäßig im Zusammenhang mit der Präsentation von Übersetzungen auf der Frankfurter Buchmesse zur Sprache kommt, bezieht sich auf das Verhältnis und die Beziehung zwischen flämischen und niederländischen Autoren. Moeyaert wollte diesbezüglich eine klare Position beziehen, die er in dem Motto „Dies ist, was wir teilen“ ausdrückte. Ein Journalist von De Standaard warf die Frage auf, ob dies ein realistischer Ausgangspunkt sei: „‚Dies ist es, was uns verbindet‘: Ist das realistisch? Wenn man zum Beispiel den Buchverkauf in Flandern und den Niederlanden vergleicht, sieht man eine Kluft. Diese Lesekulturen unterscheiden sich deutlich voneinander. In Flandern liest man kaum niederländische Bücher und umgekehrt. Und dann in Deutschland die glückliche Familie spielen?“ (Jacobs, 2016). Moeyaert gab darauf eine klare Antwort und erklärte, sich bewusst für die Dynamik zwischen beiden Ländern entschieden zu haben. „Ob es nun eine Kluft zwischen Flandern und den Nie-
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derlanden gibt oder nicht, wir beeinflussen einander sowieso, denn wir teilen eine gemeinsame Sprache. [...] Erst betonen wir, dass wir eine Sprache teilen, und dann werden die Leute merken, wie unterschiedlich wir sind“ (Jacobs, 2016). Auf dieselbe Art und Weise argumentierte Buchwald: „Natürlich gibt es die niederländische und die flämische Literatur, aber dieses Etikett und diese Terminologie findet sich vor allem in der Wissenschaftspolitik und bei Organisatoren von Literaturfestivals, und nicht im Buchhandel oder im Bücherschrank der Leser“ (Buchwald, 2006a, S. 8). Genau wie die Frage nach dem flämischen oder niederländischen Image unserer Literatur, ist dies keine Frage, die den deutschen Leser um den Schlaf bringt. Brandt Corstius zufolge sollte man diesen Unterschied in der übersetzten Literatur übrigens nicht überschätzen. Er geht in den deutschen Übersetzungen verloren, so „wie in den niederländischen Übersetzungen der Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Englisch, und zwischen Preußisch und Österreichisch meistens verloren geht. Das ist der Preis, den man für den Wunsch bezahlt, außerhalb der eigenen Grenzen zu lesen und gelesen zu werden“ (Brandt Corstius, 1993).
Klassische Titel
„Frankfurt entdeckt Traditionen neu” – so lautete eine Überschrift der Zeitung De Standaard im Jahr 2003. Es scheint eine anhaltende Tendenz zu sein, dass deutsche Verleger sich mehr und mehr an klassische niederländische Autoren heranwagen, was man als ein Zeichen dafür betrachten könnte, dass die übersetzte Literatur erwachsen wird.12 Inzwischen wurden ins Deutsche übersetzt: Gerrit Achterberg, Louis Paul Boon, Ferdinand Bordewijk, Louis Couperus, Willem Elsschot, Maurice Gilliams, Multatuli, Nescio, Martinus Nijhoff, Arthur van Schendel, Jan Jacob Slauerhoff, Simon Vestdijk, Betje Wolff und Aagje Deken, etc. 2016 erschienen erstmals eine Übersetzung von Marcellus Emants’ Een nagelaten bekentenis (1894, D: Ein nachgelassenes Bekenntnis (2016)) sowie Neuübersetzungen von Hella S. Haasses Oeroeg (1948; D: Der schwarze See (1994) (2016)) und von Het zwarte licht von Harry Mulisch (1956, D: Schwarzes Licht (1962) (2016)). Eine Tendenz hin zu mehr klassischen Titeln in deutscher Übersetzung zeichnet sich vor allem bei den Übersetzungen von 2016 ab: Mehr als 20% der übersetzten Prosatitel dieses Jahres sind klassische Werke (12 der 59 Titel).
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Grafik 2. Anzahl klassischer Titel (blau) an der Gesamtzahl deutscher Übersetzungen niederländischer literarischer Prosa pro Jahr
Es ist jedoch schwer zu sagen, ob dies an der Strategie der beiden Fonds und des Frankfurtteams liegt, oder ob das Interesse deutscher Herausgeber an klassischen Titeln ein Zeichen dafür ist, dass man auch den Kanon auf den Markt bringen will und sich daher für stabile Werte entscheidet. Oder war etwa ganz einfach der Vorrat an interessanter gegenwärtiger niederländischsprachiger Literatur ausgeschöpft? Oder spielte hier die Tatsache eine Rolle, dass ältere Titel fast alle frei von Autorenrechten sind und dass der Fonds hierfür eine 100%-ige Subvention zusagte? Während Henk Pröpper 2003, als er Vorsitzender des damals noch so firmierenden Literair Produktie- en Vertalingenfonds war, bemerkte, „dass man weniger den Bestsellern nachläuft und eher einen Blick auf bleibende Autoren und Klassiker wirft“ (De Standaard 2003), antworte Mulisch 1989 auf die Frage, welche Bücher von ihm noch ins Deutsche übersetzt werden sollten: „Man will immer das Neueste“ (Missinne/Venjakob, 2007, S. 134). Dennoch sieht man deutlich, dass immer mehr klassische Titel auf den deutschen Markt kommen. 2001 machte der Verlag Gustav Kiepenheuer in Leipzig einen klaren Schritt in diese Richtung und ließ Waltraud Hüsmert vier Romane von Willem Frederik Hermans übersetzen. Der Manesse Verlag startete mit einer Klassikerreihe, in der die niederländische Literatur bisher
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mit Louis Couperus, Die langen Linien der Allmählichkeit (2002, Langs lijnen van geleidelijkheid) und mit Louis Paul Boons Der Kapellekensweg (2003) vertreten ist.13 Die Situation 1993 unterschied sich diesbezüglich grundlegend von der 2016.14 Auf der ersten Buchmesse wurden wichtige Autoren und große Namen in Deutschland eingeführt, während 2016 vor allem eine junge Generation von Autoren, deren Namen oftmals selbst in den Niederlanden oder Flandern nicht überall bekannt waren, auf den Markt gebracht wurde. Die große Zahl an klassischen Titeln scheint hier ein Gegengewicht zu bilden. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, inwiefern der Kanon als solcher übersetzt werden sollte und ob dieser Kanon überhaupt übertragbar ist, denn die Autoren und individuellen Oeuvres werden in einem neuen Kontext wahrgenommen.15 Dies merkt man in Rezensionen einiger der genannten Klassiker, in denen es kaum Verweise auf gegenwärtige niederländische Autoren oder auf irgendeinen literaturgeschichtlichen Kontext gibt. Die übersetzten Klassiker werden vielmehr in einem europäischen Referenzrahmen platziert und wahrscheinlich auch so gelesen. Dies war auch der Fall, als Boon 1970 am deutschen Literaturhorizont auftauchte. Damals erklangen große europäische Namen bei den Vergleichen: „Es ist, als hätte Marcel Proust aus dem Blickwinkel von James Joyce herausgeschrieben oder H. D. Lawrence mit der Feder von Zola.“16
Zahlen
Betrachtungen über die niederländische Literatur in Übersetzung beleuchten oft entweder ihre Rezeption und die Imagebildung rund um diese Literatur im Ausland oder sie sind quantitativer Natur. Das ist bei den Rückblicken auf die ins Deutsche übersetzte Literatur in der Periode vor und nach den Buchmessen von 1993 und 2016 nicht anders.17 Abhängig von der Quelle können die Zahlen bezüglich der Übersetzungsproduktion aus dem Niederländischen jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Das liegt unter anderem an der Tatsache, dass eine konsequente Erstellung einer Übersetzungsbibliografie eine komplexe Aufgabe ist (Missinne, 2008). Es gibt viele Kriterien, die hierbei Probleme verursachen können: das nationale Abgrenzungskriterium (nimmt man auch niederländischsprachige Bücher aus Belgien und Surinam auf?), Genreunterschiede (geht es um Jugendliteratur, um literarische Sachbücher, um Science Fiction?), neue Auflagen und Nachdrucke (die oftmals schwer zu differenzieren sind, und 12
was macht man mit Nachdrucken innerhalb der Lizenzfrist?), überarbeitete Ausgaben älterer Übersetzungen, Neuübersetzungen, nicht-selbstständige Publikationen, wie Themendossiers in Zeitschriften, Anthologien, Online-Publikationen, bibliophile Ausgaben usw. Schon alleine Statistiken über die Anzahl an Büchern, die in einem bestimmten Jahr erschienen sind, bilden problematisches Vergleichsmaterial, weil für gewöhnlich kaum Informationen über die Auflage verfügbar sind. Herausgeber beantworten Fragen nach Auflagen nur selten, es sei denn, es handelt sich um einen Bestseller. Bei ihren Antworten weichen sie oft aus, von Auflagenzahlen hin zur Anzahl der Länder, die die Übersetzungsrechte gekauft haben. Um dennoch einen Eindruck der Tendenzen bezüglich deutscher Übersetzungen niederländischsprachiger Literatur zu bekommen und um eine Orientierung zwischen all den sehr verschiedenen Zahlen zu finden, folgen hier einige Statistiken, basierend auf einer Übersicht der veröffentlichten Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche, bezogen auf literarische Prosa zwischen 1990 und 2016.18 Die Überblickslisten in der Übersetzungsdatenbank des Nederlands Letterenfonds, die vor allem auf subventionierten Übersetzungen basieren und in denen nicht subventionierte Übersetzungen und private Initiativen fehlen können, wurden wie folgt gefiltert: nur niederländischsprachige literarische Prosa, ausgewählt mit dem Schlagwort „Fiktion“, wobei Romane und Anthologien für Erwachsene mitgerechnet wurden. Krimis, ScienceFiction und Fantasy, Kinder- und Jugendliteratur, Cartoons, Graphic Novels und Theaterstücke wurden ausgeschlossen.19 Nur selbstständig veröffentlichte Erstübersetzungen in einer Erstausgabe wurden gezählt. Dabei muss man Folgendes einräumen: Ein Blick auf die übersetzte Jugendliteratur könnte ein ganz anderes Bild zeigen; die Popularität literarischer Non-Fiction schwankt in Deutschland und den Niederlanden stark; eine Betrachtung von Auflagen und Neuauflagen könnte einen interessanten Eindruck liefern, da sie Gradmesser für den Erfolg einer Literatur in Übersetzung sind, doch diese Daten wurden hier nicht verarbeitet.20 Eine deutsche Anthologie mit erstmals übersetzten Werken eines Autors in einer anderen Auswahl als die des Originals (zum Beispiel bei Zusammenfassung zweier Anthologien in einem Band) wurden mitgezählt, aber nicht eine neue deutsche Ausgabe, die aus bereits zuvor erschienenen Übersetzungen zusammengestellt wurde.21 Diese strenge Auswahl ist von der Idee inspiriert, dass auf diese Art und Weise eine gewisse (Risiko-)Bereitschaft eines Herausgebers, literarische Prosa in Übersetzung auf den Markt zu bringen, festgestellt werden kann.
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Darum wurden auch keine Neuauflagen oder neue Ausgaben mit alten Übersetzungen aufgenommen, wohl aber überarbeitete oder neue Übersetzungen. Letztere stellen schließlich eine Investition eines Verlags in ein Buch dar. Über die Aufnahme der überarbeiteten Übersetzungen lässt sich noch diskutieren, da der Umfang einer Überarbeitung nicht so einfach den Nachworten zu entnehmen ist und auch nur minimal sein kann. Auf Basis der genannten Kriterien wurden auch keine Übersetzungen aufgenommen, die unter einem neuen Titel auf den Markt gebracht wurden.22
Tendenzen
Im Jahr 1986, so behauptete Buchwald (2006b) polemisch, waren in Deutschland nur zwei aus dem Niederländischen übersetzte Titel lieferbar: Rituale von Cees Nooteboom und Der Kummer von Flandern von Hugo Claus. Das ist natürlich übertrieben, aber es zeigt, dass das Interesse an niederländischen Autoren im deutschen Sprachgebiet damals noch gering war. Das deutsche Interesse an Mulisch kam im Jahr 1986 auf, in dem Jahr, in dem Das Attentat erschien und auch Der Kummer von Flandern, eine eher dürftige Übersetzung von Het verdriet van België. Zwei Jahre zuvor war Rituale erschienen. Mit seinem Werk Die folgende Geschichte (1991) sollte Nooteboom dank der lobenden Worte Marcel Reich-Ranickis in Das literarische Quartett in Deutschland einen Durchbruch erleben. Zu Beginn der neunziger Jahre stieg die Anzahl der ins Deutsche übersetzten Titel leicht an.
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Grafik 3. Anzahl deutscher Übersetzungen niederländischsprachiger literarischer Prosatitel in den drei Perioden (1990-1999; 2000-2009; 2010-2016) 1990 erschienen 14 niederländische Prosatitel erstmals in deutscher Übersetzung, 1991 wurden bereits 16 Titel auf den Markt gebracht und 1992 waren es sogar 20. Im Schwerpunktjahr 1993 zeigt sich die erwartete Zäsur und es erschienen 47 literarische Übersetzungen, fast so viele wie in den drei Jahren zuvor zusammen. Nach dem Spitzenjahr mit Frankfurt zeigt sich ein leichter Rückgang. 1994 gab es noch 18 übersetzte Prosatitel und 1995 dann 25. Betrachtet man die fünf Jahre nach der Frankfurter Buchmesse, lässt sich feststellen, dass sich nach der wilden Jagd von 1993 – als jeder Herausgeber einen niederländischen Autor in seinem Programm haben wollte –die Anzahl neuer Übersetzungen mehr oder weniger stabilisierte und bis 1998 durchschnittlich etwa 25 Übersetzungen herausgegeben wurden. 1999 stieg die Anzahl wieder bis fast auf das Niveau von 1993. Auch 2001 erwies sich als herausragendes Jahr (43 Übersetzungen). In der großen und bekannten Buchhandlung Dussmann in der Berliner Friedrichstraße lagen niederländische Autoren prominent ausgestellt, so meldete NRC-Korrespondent Michèle de Waard, und auch Ulrich Sonnenberg vom Suhrkamp Verlag bestätigte dies: Es gibt ein grundsätzliches Interesse in Deutschland an niederländischer Literatur (De Waard, 2001).23 Ab 2000 drangen langsam auch neue Namen durch. Neben Cees Nooteboom, Harry Mulisch und Margriet de Moor kamen Arnon Grunberg, Charlotte Mutsaers, Connie Palmen und Adriaan van Dis, und auch Namen, die in Deutschland (genau wie in den Niederlanden) 15
vor allem zwischen 2000 und 2010 ihren Höhepunkt an Bekanntheit erreicht zu haben scheinen, wie Marcel Möring und Thomas Rosenboom. Inzwischen gibt es einige niederländische und flämische Autorennamen, die einem deutschen Leser bekannt vorkommen dürften, aber es gibt ebenso sehr viele Autoren, deren Übersetzungen keinen Durchbruch erlebt haben, übrigens auch nicht im niederländischsprachigen Gebiet. Zu diesen Autoren, von denen bisher nur ein einziger literarischer Titel ins Deutsche übersetzt wurde, gehören unter anderem Adelheid van Beuningen, Geert Bremer, Peter Drehmanns, Ed van Eeden, Tess Franke, Machteld van der Gaag, und noch eine ganze Reihe an Namen, die auch niederländischen Lesern nicht bekannt vorkommen dürften. In der gesamten untersuchten Periode von 27 Jahren (19902016) sind – gefiltert nach den bereits genannten Kriterien – 744 Titel erschienen, geschrieben von gleich 328 verschiedenen Autoren. Das bedeutet, dass die Anzahl der Autoren, von denen zwischen 1990 und 2016 nur ein oder zwei Titel ins Deutsche übersetzt wurden, mehr als zwei Drittel (76,52%) der gesamten Liste ausmachen: 189 Autoren mit einem Titel und 62 Autoren mit zwei Titeln. Die letzte Zahl spiegelt höchstwahrscheinlich die Tatsache wider, dass der Nederlands Letterenfonds nur zwei Titel von einem Autor subventioniert. Hier erkennt man die „Schuss-Hageltechnik“ wieder. Von neun Autoren (2,75% der ganzen Gruppe) sind zehn oder mehr Titel in dieser Periode auf Deutsch erschienen. Es handelt sich um Renate Dorrestein, Arnon Grunberg, Hella S. Haasse, Maarten ’t Hart, A.F.Th. van der Heijden, Margriet de Moor, Harry Mulisch, Cees Nooteboom und Leon de Winter.24 Es überrascht wohl niemanden, dass Nooteboom der unbestrittene Anführer ist, mit mindestens 20 Titeln, sogar wenn man die (inzwischen zehn) Teile seines Gesamtwerks bei Suhrkamp nicht mitzählt. Auffallend ist, dass von Hella S. Haasse, die bei Aufzählungen bekannter niederländischer Autoren in Deutschland selten genannt wird, in dieser Periode zwölf Titel übersetzt wurden. Die Gruppe, die hierauf folgt, besteht aus elf Autoren mit je sieben bis neun Übersetzungen. Es handelt sich um Kader Abdolah, Hugo Claus, Anna Enquist, Tim Krabbé, Yvonne Kroonenberg, Tessa de Loo, Marcel Möring, Connie Palmen, Dimitri Verhulst, Simone van der Vlugt und Janwillem van de Wetering. Die ersten Jahre des neuen Jahrtausends waren ganz klar die besten Jahre für die Expansion der niederländischsprachigen Literatur in Deutschland. Eine Einteilung des Jahresdurchschnitts der deutschen Übersetzung zeigt eine deutliche Spitze in der zweiten Periode
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(2000-2009): Die erste (1990-1999) und die letzte Periode (2010 bis nur 2016) liegen durchschnittlich bei etwa 25 Bücher pro Jahr (Periode 1: 25,3 und Periode 3: 24,7). In der zweiten Periode beläuft sich dieser Durchschnitt auf etwa 31,6 Titel pro Jahr. Lassen wir das Frankfurtjahr 2016 außen vor, dann sinkt der Durchschnitt in der dritten Periode auf 19.
Die Wirklichkeit hat drei Hälften
Die Art und Weise, wie die Fonds die niederländischsprachige Literatur im Ausland unterstützen, ist unverkennbar der zentrale Faktor des Aufschwungs deutscher Übersetzungen. Ohne diese Unterstützung gäbe es keine Übersetzungsproduktion in diesem Umfang. Im Hamburger Abendblatt vom 19. Mai 2001 wurde der Nederlands Letterenfonds als „Propaganda-Institut“ bezeichnet, das sich auf „Marketing“ richtet.25 Die Anzahl deutscher Herausgeber, die 2016 einen niederländischsprachigen Titel im Programm hatte, ist somit auch beeindruckend: 132.26 Daneben sind auch die Begeisterung und das Durchsetzungsvermögen von Herausgebern, Literaturagenten und Übersetzern von nicht zu unterschätzender Bedeutung, auch wenn diese Begeisterung manchmal nur berechnend oder naiv zu sein scheint, wie es sich bei Laura Susijn, Literaturagentin in London, 1999 zeigte: „Voskuil, Het Burau, toll. Das möchte ich auch gerne irgendwo unterbringen. Ich sehe es schon vor mir, wie ich bei einem Verlag vorspreche und sage: bitte sehr, sieben Teile, fünftausend Seiten. Veröffentlichen Sie es. Warum nicht? In England gibt es doch auch Büros?“ (Wagendorp 1999) In Deutschland muss sich der Übersetzer Gerd Busse dasselbe gedacht haben, doch er fand schließlich einen Herausgeber für die sieben Teile von Het Bureau (erst C.H. Beck und ab Teil 3 den Verbrecher Verlag). Inzwischen ist der letzte Teil, Der Tod des Maarten Koning (2017), erschienen. Die große Frage ist, wie die deutschen Leser diese Bücher finden, was sie kaufen und lesen wollen und was sie schätzen. Die Anzahl niederländischer Autoren, die in Deutschland ordentliche Verkaufszahlen erreicht, ist vermutlich nicht so hoch. Im eigenen Land werden diese Bücher als flämische oder niederländische Literatur betrachtet, doch für deutsche Leser geht es einfach um einen Roman von diesem oder jenem Autor. Es gibt nur wenige nationale Literaturen, die als solche wahrgenommen werden: die amerikanische, die russische und die italienische, „[d]er Rest ist harte Arbeit“ (Buchwald, 2006a, S. 8).
17
Wichtig ist auch, einmal den wenigen kritischen Stimmen zuzuhören, wie der Neuen Zürcher Zeitung: „Vielleicht waren die Flamen und Niederländer dann doch etwas zu ausgelassen. Vielleicht fehlte am Ende die Verbindlichkeit in der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt.“ Dieser Rezensent hatte mehr und grundlegendere Diskussionen erwartet: „Immerhin waren einige Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund zugegen. Gelegentlich aber konnte man glauben, sie seien eher Folklore. Der Flame Tom Lanoye präsentierte immerhin ein poetisches Plädoyer von erfrischender Radikalität. Die Wirklichkeit habe drei Hälften: was man sieht; was man daraus macht, wenn man darüber schreibt; was man sich wünscht.“ Die niederländische Literatur in deutscher Übersetzung scheint an einem Scheideweg angelangt zu sein. Die Anzahl von Übersetzungen literarischer Prosatitel kann kaum noch steigen. Daneben gibt es noch ganze Listen mit klassischen Titeln und Dichtern, die eine Übersetzung verdient hätten, aber Herausgeber sehen das geringste Risiko bei Prosaautoren, die auf Lesereisen ihre Werke vorstellen können. Die Globalisierung des literarischen Buchmarkts bedeutet zwar enorme Chancen für übersetzte Literatur, aber auch Druck in Bezug auf die Qualität. Die Erwartungen in Deutschland sind hoch.
(Übersetzt von Frederike Zindler)
Dit is wat we delen. Vlaanderen & Nederland. Presseinformation, 28. Juni 2016, S. 7. Mit „niederländischer” Literatur ist hier niederländischsprachige Literatur gemeint, wie in vielen anderen Publikationen. Wenn es um Literatur ausschließlich niederländischer Autoren geht, wird diese als „Literatur aus den Niederlanden” bezeichnet. 1
Die ‚Neuerscheinungslisten’ werden regelmäßig geupdated und waren unter http://www.buchmesse.de/ehrengast einsehbar. Die 454 „Neuerscheinungen“ beinhalten auch deutsche Bücher über die Niederlande und Flandern. Literarische Titel (sowohl neuere als auch klassische) bilden den größten Teil hiervon. Der Rest sind Non-Fiction, Poesie, Theater, Kinder- und Jugendliteratur, Comics oder Graphic Novels, aber auch Reiseführer, Kochbücher und Selbsthilfebücher (Pressebericht 28.Juni 016). Zum Vergleich: 1993 wurden vor der Frankfurter Buchmesse „mehr als 100 Titel” in deutscher Übersetzung angekündigt (Sarkar 1993, S. 2). Im Rückblick hieß es dann: „Die deutschen Herausgeber veröffentlichten etwa 120 übersetzte Titel” (De oogst van een jaar vertalingen, 1994, S. 2). 2
3
www.boekblad.nl/nieuwe-generatie-editors-neemt-meer-risico-vs-en.255558.lynkx. Siehe auch Studie von N. Wilterdink (2015), in der jedoch keine flämischen Autoren berücksichtigt werden (Wilterdink, 2015, S. 56-59). Dies zeigt sich an den jährlichen Verhältnissen von „Übersetzungen ins Deutsche“ gegenüber „allen Übersetzungen“ (aller Genres), wie in der Datenbank des Nederlands Letterenfonds aufgenommen. dies zeigt sich auch in der Grafik im Verslag 2013-2016: Vlaams-Nederlands gastland op de Frankfurter Buchmesse auf S. 11. (https://issuu.com/ehrengastfbm16/docs/verslag_fbm16-low-res_issuu). 4
Das hier verwendete Zahlenmaterial über deutsche Übersetzungen basiert – sofern nicht anders angebeben – auf der Übersetzungsdatenbank des Nederlands Letterenfonds (http://www.letterenfonds.nl/nl/vertalingendatabase), ergänzt um die bilbiografischen Übersichten von Heinz Eickmans in der Zeitschrift nachbarsprache niederlän5
18
disch. In dieser Datenbank wurden alle Genres (auch Krimis, Kinder- und Jugendliteratur, Non-Fiction, Filmszenarien, Bilderbücher, Comics usw.) und auch nicht-selbstständige Veröffentlichungen (z. B. in einer Zeitschrift) aufgenommen. Für diese Berechnung wurden die Titel nicht gefiltert. 6
Mit Dank an Cees Koster für den Verweis auf die Studie von T.P. Franssen.
7
https://www.buchmesse.de/de/fbm/allgemeines/. Zuletzt eingesehen am 20. Juli 2017.
8
Programmbroschüre „Schwerpunkt van de 45. Buchmesse“, 1993, S. 3.
9
So gesehen in einem Interview mit dem Reclam Verlag, durchgeführt von Kathrin Lange im Rahmen ihres Promotionsprojekts Die niederländischsprachige Literatur auf dem deutschen Markt. Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche seit 1990 und die Auswirkungen der Buchmessen. 10
Intellektures.de. Zuletzt eingesehen am 20. Juli 2017.
Asscher wies meiner Meinung zurecht auf den Gegensatz hin, der sichtbar wurde „zwischen der institutionellen, kollektiven Übersetzungspromotion, wie sie einerseits vom NLPVF und dem MVG betrieben wird, und der immer auf einige individuelle Autoren gerichtete Promotion, wie den niederländischen Herausgeber, der bei jedem seiner ausländischen Kollegen vorspricht auf der anderen Seite. Beide Perspektiven ergänzen einander.” (Asscher 1993, S. 3) 11
12
Ein klassischer Autor wird hier definiert als Autor, der zu dem Zeitpunkt, zu dem sein Werk übersetzt wird, bereits tot ist und im niederländischen Sprachgebiet als zum Kanon zugehörig betrachtet wird. 13
Fast 40 Jahre später, 1965, erschien beim Manesse Verlag Max Havelaar in einer Übersetzung von Wilhelm Spohr. 14
Siehe hierzu Missinne & Zindler (2018).
15
Im gleichen Artikel von 2009 stellen Joosten und Vaessens fest, dass die Wertschätzung in Deutschland vielmehr eine Frage der Schätzung niederländischer Individuen ist und nichts mit welchen Kenntnissen auch immer des Literatursystems oder der literarischen Tradition zu tun hat. (Joosten & Vaessens, 2009, S. 33). 16
Van Uffelen 1993, S. 441.
17
Z. B. van Voorst (2006), Broomans (2006), van Voorst (2016).
18
Siehe Anm. 5.
19
Eine Übersetzung eines nicht im Original auf Niederländisch geschriebenen Buchs von einem niederländischen Autor wurde nicht aufgenommen, z. B. also nicht das Buch von Janwillem van de Wetering, Straßenkrieger (Rowohlt, 1996), eine Übersetzung von The hollow-eyed angel. New York, 1996. Vgl. „details of reprints may be missing, unclear or difficult to interpret. For example, print run sizes may vary, and the point at which a book is reprinted may depend on the print run of the first impression” (van Voorst, 2016, S. 23). 20
21
Also nicht Yvonne Kroonenberg, Alle Männer wollen nur das Eine; Kann ich den umtauschen? (1997), die Übersetzung von Kan ik hem nog ruilen ? (1991) und Alle mannen willen maar één ding (1986), die beide einzeln bereits zuvor in deutscher Übersetzung erschienen waren. 22
Also nicht Hanny Alders, Die Rebellin von Avignon (2002), das zuvor als Die Geliebte des Ketzers (2001) erschien, dahingegen aber wohl Cees Nooteboom, Philip und die anderen (2004), das 1958 als Das Paradies ist nebenan erschien, weil es sich um eine andere Übersetzung handelt. 23
Missinne (2003).
24
In der Übersichtstabelle (Table 2) der am häufigsten ins Deutsche übersetzten Autoren in den Perioden 19901997; 1998-2007; 2008-2015 von Sandra van Voorst (van Vorst, 2016, S. 26) stimmen bei mindestens 8 der 19 genannten Autoren die Zahlen nicht. Zunächst einmal sind fünf Summen falsch (bei Leon de Winter, A.F.Th. van der Heijden, Hella Haasse, W.F. Hermans und Kader Abdolah). Die vier Übersetzungen von Gerbrand Bakker erschienen in der dritten und nicht in der zweiten Periode. Von Tim Krabbé erschienen in der ersten Periode bereits zwei Übersetzungen: Das goldene Ei (1992) und Die Stadt in der Mitte (1993) und in der zweiten Periode fünf statt vier Übersetzungen, wodurch die Gesamtzahl für Krabbé auf 7 (statt 4) steigt. Bei Abdolah wurden offensichtlich sowohl die Ausgabe von Das Haus an der Moschee (2007) in der ersten Periode als auch die Neuauflage von 2008 in der zweiten Periode mitgezählt (wodurch die Gesamtzahl in dieser Berechnung 8 sein müsstet statt 4), während bei Vonne van der Meer Die Reise zum Kind (erste Ausgabe 1991, zweite Ausgabe 1998) nur in der ersten und nicht in der zweiten Periode mitgezählt wurde, und in der letzten Periode Inselliebe von 2008 offenbar übersehen wurde, wodurch die Gesamtzahl hier auch 6 statt 5 sein müsste. Von Hermans ist mir aus der Periode
19
1990-1997 keine Übersetzung bekannt und auch in der Datenbank findet sich kein deutscher Titel. Die Gesamtzahl von 5 Titeln bei Hermans ist hier dank des Rechenfehlers 1+4+1= 5 aber wieder korrekt. Von Haasse sind in der ersten Periode 6 statt 5 Titel auf Deutsch erschienen, die Gesamtzahl muss hier 11 sein (statt 9). Die korrekten Zahlen bei van der Heijden sind 5 Titel in der ersten und 5 Titel in der zweiten Periode (zumindestens wenn man konsequent keine Neuauflagen mitzählt), so dass selbst beim strengsten Zählen die Gesamtzahl noch immer um 2 höher liegt als die genannten 11 Titel – 13 also insgesamt. Die Anzahl in der dritten Periode bei de Winter muss entweder 2 sein (wenn man Neuauflagen nicht mitzählt), oder 4 (inkl. der Neuauflagen von Supertex (1993, 2014) und Place de la Bastille (2005, 2008), aber nicht 3. In jedem Fall landet man sogar bei der maximalen Zählung bei 14 und nicht bei 15. Bei Claus ist unklar, wie gezählt wurde. In der dritten Periode fehlt in jedem Fall die neue Übersetzung von Het verdriet van België von 2008: Der Kummer von Belgien. In der ersten Periode müssen auch Poesie und Theaterstücke mitgezählt worden sein, während das in der zweiten Periode nicht sein kann, denn bereits mit den Prosatiteln aus dieser Periode, nämlich Das Stillschweigen (1998), Unvollendete Vergangenheit (2001) und Der Schlafwandler (2002) ist die Anzahl von 3 Titeln bereits erreicht. Nootebooms Übersetzungen zu zählen ist sehr schwierig, weil ständig in allerlei neuen Kombinationen bestehende Übersetzungen neu herausgegeben werden, neben den inzwischen 10 Teilen seiner Gesammelten Werke. 25
Zitiert in Wilterdink, 2015, S. 64.
26
http://www.letterenfonds.nl/downloads/20160628-FBM16-Cijfers.pdf. Zuletzt eingesehen am 23. Juli 2017.
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