06.05.22, 16:04
Verkauf, Finanzierung, überfüllte Züge?: Das müssen Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen - Hintergrund - RNZ
Das müssen Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-verkauf-finanzierung-ueberfuellte-zuege-das-muessen-sie-zumneun-euro-ticket-wissen-_arid,882007.html 6. Mai 2022
Von Andreas Hoenig Heidelberg. Das Auto mal stehen lassen, mit dem Bus zur Arbeit, per Regionalexpress übers Wochenende weg oder in den Urlaub: Steht Deutschland vor einem "ÖPNV-Sommermärchen"? Das ist zumindest das Ziel der Bundesregierung mit dem Neun-Euro-Monatsticket ab Juni. Bund und Länder streiten aber noch ums Geld. Das Scheitern eines Finanzpakets, in dem auch die Mittel für das Ticket enthalten sind, ist weiter möglich. Viele Fahrgäste wollen aber vermutlich eher wissen, ob aus dem geplanten Sommermärchen nicht ein Albtraum wird, weil Züge brechend voll werden. Ein Überblick: Wann kommt das Ticket, wo kann man es nutzen? Ab Anfang Juni bis Ende August sollen Fahrgäste bundesweit für neun Euro pro Monat im Nah- und Regionalverkehr in der zweiten Klasse fahren können. Ausgenommen sind der Fernverkehr der Deutschen Bahn AG, also etwa ICE oder IC. Das Ticket soll online erhältlich sein, dazu soll es auch eine gemeinsame Online-Plattform der Verkehrsunternehmen geben. Kunden sollen es aber auch über https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-verkauf-finanzierung-ueberfuellte-zuege-das-muessen-sie-zum-neun-euro-ticket-wissen-_arid,8820…
1/4
06.05.22, 16:04
Verkauf, Finanzierung, überfüllte Züge?: Das müssen Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen - Hintergrund - RNZ
Fahrkartenautomaten und Schalter kaufen können. Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben startet der Vorverkauf ab dem 23. Mai, bei anderen heißt es Ende Mai. Wer ein Abo besitzt, das deutlich teurer als neun Euro ist, bekommt den Differenzbetrag ausgeglichen. Wie groß ist die Gefahr überfüllter Züge? Vor allem auf beliebten touristischen Strecken könnte es zu vollen Zügen und überlasteten Bahnhöfen kommen – kurz nach dem Start des Tickets ist das lange Pfingstwochenende. Züge und Personal seien knapp, sagt etwa der Bahn-Betriebsrat. Schon zu heutigen Preisen seien an sonnigen Wochenenden die Züge von Großstädten zu touristischen Zielen stark besetzt und zum Teil übervoll, sagte Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Er nannte die Strecken von Berlin an die Ostsee, von Hamburg nach Sylt und von München in die Alpen. Ohne zusätzliche Regionalzüge seien "chaotische und abschreckende Zustände" zu erwarten. Was wird dagegen getan? Die Verkehrsverbünde, die für Länder und Kommunen Regionalzugfahrten bei der Deutschen Bahn und anderen bestellen, hatten erklärt, an Aktionsplänen zu arbeiten, um Personalverstärkungen und zusätzliche Fahrzeugkapazitäten im Zeitraum des Tickets zu ermöglichen – mit besonderem Fokus auf Wochenenden und touristische Regionen. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen erklärte jedoch, es sei für die Firmen nur in geringem Umfang möglich, für zusätzliche Kapazitäten zu sorgen. Die Verkehrsunternehmen und Verbünde würden alles auf Schienen und Straßen bringen, was möglich sei. "Dazu werden Reserven aktiviert, die aber nicht in einer nennenswerten Größenordnung sind." Bei den Kölner Verkehrs-Betrieben etwa heißt es auf der Webseite, es werde in Bahnen und Bussen wahrscheinlich wieder voller werden. "Allerdings findet die Aktion in den Sommermonaten statt, in denen ohnehin weniger Fahrgäste mit Bus und Bahn unterwegs sind." Was passiert nach der Aktion? Das ist die große Frage – und darum geht es im Kern auch im Finanzstreit zwischen Bund und Ländern. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte am Donnerstag in Bremen nach einer Konferenz der Verkehrsminister der Länder und des Bundes, nach dem "schönen Sonderangebot" dürften die Tarife nicht durch die Decke schießen. Genau deswegen kämpften die Länder um eine dauerhaft bessere Finanzierung des Nahverkehrs. Denn das Ziel des günstigen Tickets ist es auch, neue Kunden bei der Stange zu halten. Weil Energie- und Personalkosten gestiegen sind, wollen die Länder in diesem Jahr vom Bund 1,5 Milliarden Euro zusätzliche Regionalisierungsmittel. Das sind Gelder, die der Bund den https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-verkauf-finanzierung-ueberfuellte-zuege-das-muessen-sie-zum-neun-euro-ticket-wissen-_arid,8820…
2/4
06.05.22, 16:04
Verkauf, Finanzierung, überfüllte Züge?: Das müssen Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen - Hintergrund - RNZ
Ländern jährlich zur Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs zur Verfügung stellt. Das aber lehnt der Bund ab, wie Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) erneut deutlich machte. Zum einen gebe es Entlastungspakete der Koalition. Zum anderen fordert Wissing Strukturreformen und mehr Transparenz bei der Verwendung der Mittel. Was ist mit der Finanzierung? Unklar ist, ob die Länder in zwei Wochen ein Finanzpaket im Bundesrat wirklich scheitern lassen, in dem auch die Mittel des Bundes für das Neun-Euro-Ticket enthalten sind. Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) als Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz sagte, die Länder wollten einen Erfolg des Tickets. Sie würden auf die AmpelFraktionen im Bundestag setzten, um Nachbesserungen zu erreichen, sprich: mehr Geld. Fest zugesagt hat der Bund, den Ländern Einnahmenausfälle in Höhe von 2,5 Milliarden Euro zu ersetzt. Dazu kommen 1,2 Milliarden für coronabedingte Ausfälle. Eine Mehrheit sieht das Ticket positiv - Ein Drittel will es laut einer Umfrage allerdings nicht nutzen Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland will das geplante NeunEuro-Ticket einer Umfrage zufolge gar nicht nutzen. Das ergab eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov zwischen dem 2. und 5. Mai unter mehr als 2000 Erwachsenen in Deutschland durchgeführt hat. Entsprechend äußerten sich 37 Prozent der Befragten. Eine Mehrheit steht dem Ticket für neun Euro im Monat dagegen positiv gegenüber: 33 Prozent gaben an, damit Bus oder Bahn fahren zu wollen, 22 Prozent wollen das nach eigener Aussage "wahrscheinlich". 80 Prozent der Befragten haben demnach bisher kein Ticket-Abo für den öffentlichen Nahverkehr. Ab Juni soll für drei Monate bundesweit ein günstiges Ticket im Nah- und Regionalverkehr gelten, für neun Euro pro Monat. Das Vorhaben ist Teil des Entlastungspakets der Koalition aus SPD, Grünen und FDP – auch als Ausgleich dafür, dass die Steuer auf Treibstoffe gesenkt wird. Gleichzeitig soll das Schnupperangebot insbesondere Pendler auf den Geschmack bringen, das Auto dauerhaft stehen zu lassen. Ob das aufgeht, ist offen: Von denen, die kein ÖPNV-Abo haben, wollen 43 Prozent das neue Ticket nicht nutzen. Nur 28 Prozent möchten davon sicher Gebrauch machen, 22 Prozent wahrscheinlich. https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-verkauf-finanzierung-ueberfuellte-zuege-das-muessen-sie-zum-neun-euro-ticket-wissen-_arid,8820…
3/4
06.05.22, 16:04
Verkauf, Finanzierung, überfüllte Züge?: Das müssen Sie zum Neun-Euro-Ticket wissen - Hintergrund - RNZ
Das Interesse ist auch eine Altersfrage: So gaben 48 Prozent der 18- bis 24Jährigen an, das sicher zu wollen, 26 Prozent nannten es wahrscheinlich. In der Gruppe ab 55 Jahren sagen dies 26 und 18 Prozent. Von denen, die das Ticket nicht nutzen möchten, nannte eine Mehrheit (51 Prozent) als Begründung: "Weil ich es nicht brauche". Gut jeder Dritte (34 Prozent) gab an, lieber andere Fortbewegungsmittel zu nutzen. Ein Viertel (26 Prozent) sagte, der zusätzliche Aufwand bei der Nutzung von Bus und Bahn sei zu groß. Dagegen gaben nur neun Prozent an, das Ticket politisch für eine Fehlentscheidung zu halten. Nur einer kleinen Minderheit (drei Prozent) ist das Ticket immer noch zu teuer. "Wir denken, dass es noch mehr braucht als ein Neun-Euro-Ticket. Wichtig ist der Ausbau des ÖPNV insgesamt und seine solide Finanzierung", sagte Bastian Kettner, ÖPNV-Experte beim Verkehrsclub Deutschland. "Gerade im ländlichen Raum, wo das Angebot dünn ist, ist der Mehrwert des Tickets nicht sehr groß, auch wenn es günstig ist. Wir sagen, dass es in jedem Ort ab 200 Einwohnern mindestens stündlich ein Angebot mit öffentlichen Verkehrsmitteln geben muss." 51 Prozent der Befragten gaben an, mit dem Ticket vor allem touristische Ausflüge machen zu wollen. In manchen Regionalzügen könnte es in der Ferienzeit im Sommer daher eng werden. Nach Einschätzung des Deutschen Tourismusverbands ist das Angebot besonders attraktiv für Tagestouristen und eine gute Möglichkeit, die eigene Umgebung mit Bus und Regionalbahn zu erkunden. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) wollen das Ticket für private Wege nutzen. Knapp ein Drittel (31 Prozent) will damit in erster Linie zur Arbeit fahren. Der Bundesverband Schienennahverkehr sieht mit dem Ticket einiges auf die Verkehrsverbünde zukommen: "Mehr als 50 Prozent der Befragten geben an, dass sie das Neun-Euro-Ticket nutzen oder wahrscheinlich nutzen wollen – das wird ganz sicher zu einer Zunahme der Fahrgäste im ÖPNV und damit auch zu einer höheren Auslastung der Züge führen", so Hauptgeschäftsführer Frank Zerban.
https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-verkauf-finanzierung-ueberfuellte-zuege-das-muessen-sie-zum-neun-euro-ticket-wissen-_arid,8820…
4/4