23.8.2020
Odenwälder Theatermacher spürt die Bodenlosigkeit der Bühne
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Samstag, 22.08.2020 - 03:00 Von seinem Vorstellungsprogramm ist ebenso wenig übrig geblieben wie von seinen Verdienstmöglichkeiten: Theatermacher Alexander Kaffenberger (Erbach) erlebt die CoronaPandemie als existenzielle Krise.
Von Gerhard Grünewald Redaktionsleiter Odenwälder Echo
Ein leerer Schlosshof in Erbach, ein leerer Regiestuhl. Die Corona-Pandemie hat den Kulturschaffenden zugesetzt. (Foto: Joaquim Ferreira)
ODENWALDKREIS - Dem von Schiller inspirierten Volksmund zufolge bedeuten sie ja die Welt, die Bretter, die für das Bühnenschaffen stehen. Doch wenn das wirklich so ist, dann gähnt unter dem Kosmos die Bodenlosigkeit. Mit dieser nämlich hat der Erbacher Theatermacher Alexander Kaffenberger Bekanntschaft gemacht, als ihm der Kampf gegen Corona plötzlich besagte Bohlen unter den Füßen wegzog. „Noch im Februar habe ich mich in einem normalen Geschäftsjahr gewähnt“, erzählt der 52-jährige Freiberufler, „und schon https://www.echo-online.de/lokales/odenwaldkreis/odenwaldkreis/odenwalder-theatermacher-spurt-die-bodenlosigkeit-der-buhne_22136866
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im April stand ich vor dem finanziellen Nichts.“ Die Absage aller Proben und Aufführungen würgte jegliches Einkommen ab, und die Reserven steckten in den Vorleistungen für einen Kulturbetrieb, der nicht mehr stattfinden konnte. Kaffenberger blieb nichts anderes übrig, als etwas zu tun, was er zuvor nicht für möglich gehalten hätte: „Ich habe mich hingesetzt und den Antrag auf Grundsicherung in verkürztem Verfahren ausgefüllt – die einzige Unterstützungsleistung, zu der sich die Politik für unsere Branche im Moment imstande sah“, erzählt der Odenwälder. So wie ihm zunächst der Bedarf danach zu schaffen machte, erlebt er heute das Ergebnis – als existenzielle Erfahrung: „Mit dem amtlich festgelegten Tagessatz stellt sich die Frage, wie man noch zu seinen Mahlzeiten kommt – und nicht danach, ob es hier mal eine Cola und dort mal ein Cappuccino sein darf“, beschreibt Kaffenberger die materielle Bruchkante der Kluft zwischen der Gesellschaft und sich selbst. Dabei hat eben diese Gemeinschaft dem Regisseur, Schauspieler, Produzenten und Buchautor viel zu verdanken – und dafür durchaus Bewusstsein entwickelt: In besseren Zeiten gehörte es dazu, ihn zu feiern und dies gern auch zusammen mit ihm zu tun. „Jetzt ist eine Distanz da“, spürt Kaffenberger, „viele haben eben noch gar nicht realisiert, wie es einem mit den Corona-Folgen gehen kann.“ Einen Vorwurf machen will der 52-Jährige damit ausdrücklich niemandem; die Absicherung von Arbeitnehmern und Firmen durch umfassende Hilfsprogramme hier und die Aussparung des Kulturbetriebs von solchen Leistungen da habe einfach unterschiedliche Lebenswirklichkeiten geschaffen. Dabei hätte sich der Odenwald auch 2020 wieder eines gesellschaftlichen Lebens aus einem Guss erfreuen sollen: Mit den Festspielen in Schwarzach im Mai, dem Erbach-Michelstädter Theatersommer im Juli und dem Erbacher Musikschul-Musical im November als festen Größen unter einer ganzen Reihe von Projekten, bei denen Kaffenberger als Regisseur und künstlerischer Leiter jährlich weit über 15 000 Zuschauer begeistern kann. „Geblieben sind für dieses Jahr die 20 zugelassenen Gäste pro Vorstellung eines inklusiven Stationstheaterprojekts jetzt im August in Neckarelz“, macht Kaffenberger das Dilemma greifbar, in dem er auch für die Mitglieder seines Ensembles ein Drama sieht. „Die leben als Amateure zwar nicht von den Aufführungen, aber ihnen geht ein ganz wesentlicher Daseinsinhalt verloren.“
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Den Theatermacher Alexander Kaffenberger hat die Corona-Krise schwer mitgenommen. Foto: Joaquim Ferreira Ihren Lauf nahm diese Tragödie ab Februar, und zwar zunächst schleichend. „Den VirusAusbruch in China und die ersten Infektionen in Deutschland nahmen auch wir eher nebenbei wahr“, erzählt der Regisseur, „doch als dann die ersten öffentlichen Räume gesperrt wurden, die wir für unsere Proben brauchten, merkten wir, dass es ernst wurde“. Anfangs des Lockdowns am 13. März stellten die Festspiel-Verantwortlichen noch Überlegungen zu logistischen Veränderungen an, mit denen sich die Saison vielleicht retten ließe – bis Ende März die erste Absage kam: „Da war es für Schwarzach einfach zeitlich zu knapp geworden“, sagt Kaffenberger, der die folgenden Wochen wie das Umklappen einer Dominosteinchenkette erlebte: Erst fielen mit dem Ereignis im badischen Odenwald alle Workshops, Seminare und ähnliche Aufträge, dann kippte vor allem mit Blick auf das damals stark diskutierte Risiko für Kinder und Familien das Weihnachtsmusical – und Ende April schließlich der Erbach-Michelstädter Theatersommer.
RÜCKMELDUNG GEFRAGT Für die Weiterführung des Erbach-Michelstädter Theatersommers ist es existenziell, dass die Produktionsfirma von Alexander Kaffenberger und Dirk-Daniel Zucht eine wirtschaftliche Abschlussbilanz der ausgefallenen Saison 2020 ziehen kann. Wie berichtet, haben die beiden deshalb mit Rückhalt des Ensembles und der Standortstädte die Bitte an die Kulturfreunde gerichtet, auf eine Rückerstattung des Eintrittsgelds zu verzichten und dies entsprechend zu erklären. Viele haben ihre Spenden bereits bestätigt, doch stehen auch noch reichlich Reaktionen aus. Die Theatermacher rufen deshalb dazu auf, unter dem Kontakt
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theatersommer@gmx.de unbedingt entweder den Erstattungs-Verzicht zu signalisieren oder eben das Recht auf Rückzahlung geltend zu machen. Beides sollte möglichst bis 31. August erfolgt sein, Details dazu unter www.Odenwald-theater.de. (gg) Damit war der Tiefpunkt für Kaffenberger nicht nur insofern erreicht, als die letzte Hoffnung auf eine namhafte Einnahme im Jahr 2020 zerstieb. Ganz unten angelangt war er auch deshalb, weil sein Kompagnon Dirk-Daniel Zucht und er bei den Schloss- und RathausFestspielen als Veranstalter selbst im Feuer stehen, was wiederum zum eigentlichen Schlag führt, der emotionaler Natur ist. Denn das privatunternehmerische Tätigwerden für Freilichttheater auf dem Land lässt sich beim besten Willen nicht mit hohen Gewinnerwartungen erklären. Verständlich wird es nur als Akt der Zuneigung zu einer Region und der Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Und beides macht der Theatersommer aus, für Zucht ebenso wie für Kaffenberger. Dabei will der Wahl-Erbacher weiter auch etwas davon an den Odenwald zurückgeben, was er dessen Jugendförderung der Achtzigerjahre verdankt: „Es waren das Jugendbildungswerk des Kreises mit seinem visionären Macher Robert Reichstein, die mich mit der Schauspielerei in Kontakt gebracht haben“, sagt Kaffenberger. Vor diesem Hintergrund entstanden in der Region Jugendtheatertage, bei denen sich das seinerzeit schon renommierte Pfälzer Theater „Chawwerusch“ der hiesigen Talente annahm – und den damaligen Vielbrunner nicht mehr losließ: Kaffenberger fand Aufnahme ins Ensemble, lernte dort in Theorie und Praxis, bildete sich zudem an Hochschulen und in Seminaren fort, wo er sich bald auch die Fächer Regie, Produktion und Theaterpädagogik erschloss. Kommentar zum Status der Kultur: Vorhang auf fürs Drama„Es waren der damalige Landrat Horst Schnur und seine Idee von einem großen Bühnenstück zum Kreisjubiläum, die mich erst zurück in den Odenwald und dann zum Ziel des Aufbaus einer regionalen und authentischen Kulturlandschaft brachten“, sagt Kaffenberger. Und über kleine und oft improvisierte Anfänge nahm diese tatsächlich Form und Dimension an, als sich mit Erbach und Michelstadt ab 2008 ein regelmäßiger gemeinsamer Theatersommer arrangieren ließ. Und jetzt? „Es wird weitergehen“, findet Kaffenberger zu seinem alten Optimismus zurück. „Wir arbeiten an einem Konzept, das uns 2020 auf jeden Fall auf die Bühne zurückführen wird – auch bei anhaltender Coronalage. Geschrieben, gecastet und geprobt werden müsse nämlich schon sehr bald, „weshalb es gar nicht anders geht, als unser gesamtes Agieren auf die Pandemie-Vorgaben abzustellen“. Und da, so prophezeit Kaffenberger, werden die Odenwälder Festspiele sogar eine Art Blaupause für die weitere Entwicklung von Bühne und Schauspielpädagogik geben: „Das Theater wird sich verändern. Aber es wird nicht verschwinden“, bekräftigt der Enthusiast.
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